Burgtheater: Schlechte Partie

Oktober 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenstube mit Pistole an der Wand

Paratow beschenkt Larissa, Karandyschew hat das Nachsehen: Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, hinten: Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass Alexander Ostrowskij bei seinen Zeitgenossen beliebter als Tschechow gewesen sei, weil seine Figuren näher an ihrem Leben, das wurde Alvis Hermanis in diversen Interviews vorab nicht müde, als den Grund zu betonen, warum er dessen „Schlechte Partie“ mit nach Wien gebracht habe. Mit seiner Inszenierung am Burgtheater trägt der lettische Regisseur wenig dazu bei, Ostrowskijs Ruhm in die Neuzeit zu retten.

Seine Arbeit ist ein Augenschmaus für theaterhistorisch Interessierte, ein animierter Ausflug in die Vor-Stanislawski-Zeit des russischen Theaters, angenehm betulich und über weite Strecken amüsant, aber … Alexander Ostrowskij trägt er damit nicht Rechnung. Der Dramatiker, einer der Mitbegründer des zaristischen Nationaltheaters und ein begnadeter Komödienschreiber, verstand es in vorgerückten Jahren durchaus, seine Kritik an den Menschen und ihrer mangelnden Moral in seinen Stücken anzubringen. Auch die „Schlechte Partie“ ist zu diesem Spätwerk zu zählen, in dem im Zarenreich nicht alles so golden ist, wie die Kuppeln der Christ-Erlöser-Kathedrale glänzen.

Geht es doch um das so zeitlose wie durchaus wieder moderne Thema des Menschen als Ware. Als „Objekt“ mit zu bestimmendem Marktwert – dies sogar wortwörtlich im Text -, das die, die sich’s leisten, ohne Skrupel zum eigenen Vorteil käuflich erwerben können. Der Stachel sitzt in der Sache, und ihn tiefer ins Fleisch der Zuschauer zu treiben, hätte sich gelohnt. Bei Hermanis aber ist die „Schlechte Partie“ in erster Linie eine Saufpartie.

„Schlechte Partie“ erzählt von der unglücklichen Larissa Dimitrijewna, die im von ihrer verarmten Mutter, der Ogudalowa, geführten Salon, den Herren zu Gefallen vorgeführt wird. Larissa muss tanzen, singen, sich taxieren lassen, und die Ogudalowa lässt derweil die diversen Anbeter Geschenke für die Tochter drei Mal, vier Mal kaufen, um sich Geld zu verschaffen. Vor einem Jahr noch war Larissa mit dem Reeder Paratow verlobt, doch der hat sich, weil durch eine List seiner Verwalter um große Teile seines Vermögens gebracht, erst aus dem Staub, dann an eine Millionenerbin herangemacht.

Larissa verlobte sich daraufhin mit „dem Nächstbesten“, dem Postbeamten Karandyschew, den sie und alle anderen als weit unter ihrem Niveau betrachten. Und dann ist Paratow wieder da, mit dem Plan seinen Junggesellenabschied vor der reichen Heirat im Bett mit Larissa zu feiern. Hermanis lässt das Drama zwischen Blümchen- und Streifentapeten ablaufen. Mit der ihm eigenen Liebe zum verspielten Detail gestaltet er stilecht Puppen- und Wirtsstuben, er drapiert Spitzendeckchen auf Sofas, befüllt Vitrinen mit kostbarem Glas und die Wände mit Bildern. Für sein Bühnenbild griff er auf Originalentwürfe aus der Zeit Ostrowskijs zurück, die Kostüme von Kristine Jurjane dazu passend.

Paratow plant seinen sinistren Junggesellenabschied: Nicholas Ofczarek mit Peter Simonischek, Martin Reinke und Fabian Krüger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Knurow macht der Ogudalowa ein unsittliches Angebot für Larissa: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weniger Aufmerksamkeit als der Ausstattung widmet Hermanis, so zumindest der Eindruck, den Charakteren. Seine Inszenierung wirkt, als hätte er beim Unterrichtsfach Psychologisierung von Figuren in der Schauspielschule gefehlt, oder nun den Gegenstand absichtlich geschwänzt. Das hochkarätige Ensemble wird veranlasst, ganz im Stile der russischen Theatertradition, mit großen Gesten und outrierten Gefühlen zu agieren. Da wäre, wäre man nicht an der Burg, Knallchargigkeit vorprogrammiert, doch dank den Herren Ofczarek, Maertens, Reinke und Simonischek kommt es nicht zum Äußersten.

Sie verstehen „Schlechte Partie“ als die abgründige Tragigroteske, die sie ist, und spielen das auch. (In einer der Puppenstuben nämlich hängen Pistolen, und wo Pistolen hängen wird, so will es das Theatergesetz, geschossen …) Nicholas Ofczarek ist als Paratow zu sehen, der zynisch seine Intrige spinnt, mit der unverhohlenen Aussicht, ein Menschenleben zu zerstören. Denn der Ausgang seines Schäferstündchens muss ihm klar sein. Ofczarek gestaltet in seiner Figur das Aufkommen eines Bürgertums, das antritt, um den Adel vom Sockel seiner Existenz zu stoßen.

Zwar dessen Attitüden annimmt, aber im Gegensatz zu den abgebrannten Blaublütern unverhüllten Materialismus lebt. Ofczareks Paratow ist ein Vorgänger des Lopachin, er spielt ihn allerdings – bildlich gesprochen – mit funkelnd rollenden Bösewichtaugen. Er wird Larissa schließlich von sich schleudern, wie ein benutztes Schnupftuch. Das „Kapital“ vervollständigen Peter Simonischek und Martin Reinke als die Kaufleute Knurow und Woschewatow, ersterer mit weißem Rauschebart noch irgendwie Typ anlassiger Opi, zweiterer mit seiner schneidenden Stimme eindeutiger auf der Lauer nach Larissa.

Wie die beiden um sie eine Münze werfen, wie Knurow dem Mädchen ganz offen anbietet, ihr für Gegenleistungen eine lebenslange Rente zu zahlen (gerade dieser Tage wieder ist ein „Mächtiger“ als Frauenbedränger im Gerede), das ist der Kern des Stücks. Das übrigens, und hieran zeigt sich, wie Hermanis irrt, als einziges von mehr als 50 Stücken Ostrowskijs von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und bei den Premieren in Moskau und St. Petersburg durchgefallen ist. In der Figur des „Robinson“ beklagt der Autor das Künstlerschicksal, Fabian Krüger als abgehalfterter, trunksüchtiger Schauspieler, der sich von seinen Gönnern zum Affen machen lassen muss.

Paratow ist am Ziel …: Nicholas Ofczarek und Marie-Luise Stockinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… Karandyschew ist am Ende: Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und dann ist da der zweite Ausgestoßene aus der selbsternannt besseren Gesellschaft: Michael Maertens als Karandyschew. Der kleine Beamte, der ewig Gedemütigte, im Infight mit dem schneidigen Abenteurer Paratow. Wie Maertens den unsympathischen Spießer mit der Großmannssucht mit Tragik und szenischer Wahrhaftigkeit gibt, das ist große Kunst. Sowohl Tränen als auch den Wahnsinn im Auge, heischt er um die Gunst der anderen, lädt zum Essen ein, versteht nicht, dass er Spielball einer immer noch hierarchiesüchtigen „Herrschaft“ ist.

Er wird von Paratow und seinen Spießgesellen betrunken gemacht, um Larissa betrogen – und: reißt die Pistole an sich … Als Larissa wird Marie-Luise Stockinger so lange unter Krinoline, Kokoshniks und Schultertüchern versteckt, dass sie fast nicht zum Spielen kommt. Nur dann, wenn sie die vorgegaukelte Naive abwirft und deutlich macht, dass sie ihre Situation sehr wohl klar sieht, hat Stockinger ihre Momente. Die Ogudalowa will Dörte Lyssewski als schlaues „Weibchen“ gestalten, als Larissas private Puffmutter, die sich in der Männerwelt zu behaupten versucht. Auch sie bleibt aber eher blass.

Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel als Wirtspersonal Gawrilo und Iwan komplettieren das Ensemble nach der Devise: „lustige Elemente“. Zum Schluss macht sich eine Figur durch ihren Tod vom Objekt zum Subjekt. Da leuchtet noch einmal auf, wie viel in der „Schlechten Partie“ Gutes steckt. Hätte sich Hermanis nicht entschlossen, verschroben-altvaterische Tableaux vivants auf Perserteppichen zu arrangieren, dies dreieinhalb Stunden lang, denn bei der Premiere überzog er schamlos um eine halbe, statt Satire zu inszenierten.

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  1. 10. 2017

Burgtheater: Ein Sommernachtstraum

September 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und schließlich sind alle wie erschossen

„Esel“ Zettel in Titanias Liebesnest: Stefanie Dvorak, Elisabeth Augustin, Johannes Krisch, Johann Adam Oest und Christopher Nell. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich doch noch „Sommernachtstraum“. Vorhang auf und Bühne frei fürs Laientheater. Da stehen sie nämlich die sechs angegrauten Herren, das heißt: Schreiner Schnock sitzt im Rollstuhl und muss erst mühevoll aufs Podest unterm Galgen gehievt werden, und proben. Man weiß es: „Pyramus und Thisbe“, und dies das beste Drama und gleichzeitig die beste Komödie, die der Abend zu bieten hat.

Martin Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matić, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder sind als Handwerkertruppe einfach großartig. Allen voran Oest als Zettel und Matić als Flaut; die beiden werden auch das babylonische Liebespaar sein, und als solches von einer Wahrhaftigkeit, wie sie sich der Rest der Aufführung nur wünschen kann. Davor hat Schwab als Intendant und Regisseur Squenz seinen probenbedingten Temperamentsausbruch (herrlich, wie er sogar die Natur anherrscht: „Ruhe!“), für den er sich so liebenswürdig wie liebenswert entschuldigt, als wär’s ein Blick in die Burg-Zukunft …

Leander Haußmann ist mit Shakespeares Meisterwerk „Ein Sommernachtstraum“ nach 20 Jahren Absenz ans Burgtheater zurückgekehrt, er inszeniert das Stück zum vierten Mal, und wer fragt, wie einem zum immer Gleichen immer wieder Neues einfallen kann, dem kann man nur antworten: Ja, eh. Haußmann probiert den Traumstoff diesmal als eine Art Zauberstück zu zeigen, und hat man ihm bei seiner, wenn recht erinnert, ersten Inszenierung den romantischen, duster-kitschigen Wald vorgeworfen, so treibt er’s diesmal auf die Spitze mit antikem Tempel und Tümpel und Geisterprojektionen im Geäst und einer Video-Tierparade: Schlange, Fuchs, Vogel, Elefantenherde (Bühne: Lothar Holler, Video: Jakob Klaffs und Hugo Reis).

Die vier jungen Liebenden verfolgen sich durch den Wald: Sarah Viktoria Frick, Mavie Hörbiger, Matthias Mosbach und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Handwerker geben das Drama von „Pyramus und Thisbe“: Johann Adam Oest, Hans Dieter Knebel und Peter Matić. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Angesiedelt ist das Ganze in einem Griechenland der 1970-Jahre, soweit eine mögliche Interpretation der Schlaghosenkostüme und Hippie-Haar-Perücken. Dem Programmheft zu entnehmen ist: Haußmann zeigt Theseus‘ Athen als Reich eines „nicht säkularen Diktators“, sein Palast eingezäunt mit einer Stacheldrahtmauer, die ihn vom Feenreich trennt. Durch die Barriere, so heißt es weiter, sollen die Geister ohne weiteres hindurch treten können, während die Menschen versuchen müssen, sie zu überwinden.

Haußmanns Konzept einer faschistoiden Militärdiktatur ist mutmaßlich auch sein Gedanke entsprungen, gewissermaßen jeden Charakter außer den Elfenwesen im Laufe des Abends einmal erschießen zu lassen. Hermia und Helena, Lysander und Demetrius, Hippolyta und Theseus selbst, alle liegen sie irgendwann mit blutendem Bauchschuss wie tot da. Um gleich darauf wieder aufzustehen und zu demonstrieren, dass die Schusswunden auf sie keine Wirkung hatten.

Alles nur Theater, hahaha! Es gibt da so T-Shirts für besonders wilde Hunde, auf denen steht „Der will doch nur spielen“ …

Daniel Jesch und Alexandra Henkel geben den Theseus und seine Amazone Hippolyta. Die beiden stecken in einer offenbar von beiden goutierten SM-Beziehung, mal will sie über den Stacheldraht fliehen, mal hagelt es Ohrfeigen, mal Küsse; man kettet sich mit Handschellen aneinander, was peinlich wird, wenn allzu plötzlich Untertanen eintreten. Jeschs Tyrann ist in jeder Lebenslage Sadist, ein schießwütiger Soldat wie auch Franz J. Csencsits als Hermias Vater Egeus. Theseus springt mit dem Fallschirm über dem Wald ab, und wird am Ende den Handwerkern die Pistole an die Schläfen setzen, weil ihm nicht gefällt, was er sieht.

Haußmanns Maueridee verschwindet so schnell, wie die Berliner, er verfolgt die Flucht-Sache nicht lang weiter, sondern schwupps – und man ist im Wald. Wo sich „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak um den indischen Lustknaben zanken, wie ein Hausmeisterehepaar um die Gunst des Lieblingsrehrattlers. Mit dem Unterschied, dass der trickverliebte Regisseur Oberon Sturm säen und Titania Feuer spucken lässt. Ansonsten sind ein kindisch verdrießlicher Elfenkönig im Druidenmantel und seine fadisiert langweilige Königin im nickisamtenen Hauskleid Haußmanns „Sommernachtstraum“-Sünde. Ist doch diese Anderswelt weder verstörend-bedrohlich noch sinnlich-triebhaft. Niemand scheint hier eine gute Zeit zu haben, niemand wird im Wortsinn auf Rosen gebettet. Und nichts an Shakespeares vielgestaltigem Liebestaumel ist hier irgend erotisch. „Esel“ Zettel schaut wie auf einen Sprung vorbei, um sein Gemächt in die Elfenkönigsgemahlin zu tauchen.

Was sich liebt, das neckt sich I: „Oberon“ Johannes Krisch und „Titania“ Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich liebt, das neckt sich II: Alexandra Henkel als Hippolyta und Daniel Jesch als Theseus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Elisabeth Augustin muss als Oberelfe im Flatteroutfit Ersatz für Spinnweb, Senfsamen, Bohnenblüte und Motte sein. Den sonst flinken, frechen Puck spielt Christopher Nell als Trauerkloß im scheußlich-giftgrünen Strickeinteiler. Er ist kein Frei-Geist, der sich allen Regeln widersetzt und seine eigenen Spielchen treibt, der so witzig wie gewitzt ist, so amoralisch wie anarchisch, sondern ein ängstlicher, angespannter Untergebener Oberons, bei dem andauernd zu befürchten steht, dass ihn eine Panikattacke niederwirft. Oder sein Burnout.

In dieser Traumwelt herrschen keine anderen Gesetze als die profanen irdischen, da nützt es auch nichts, dass Nell an Schnüren durch die Luft fliegt. Haußmann hat die Wesen der Nacht zu Normalsterblichen degradiert, die größte Gefahr, die sie auf die Menschen losschicken, sind eine Handvoll Gelsen.

Die Sarah Viktoria Frick als Hermia mit Insektenspray killt. Frick bestreitet mit Mavie Hörbiger als Helena, Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius den Part der beiden jugendlichen, optisch austauschbaren Liebespaare und deren Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.

Apropos, Bäume: Die werden alsbald weggeräumt. Und wäre der Wald Heimstatt erst unheimlicher Ängste, dann unerklärlicher, doch erlösender Lust gewesen, dann wäre das ein starkes, ein bestürzendes Bild, wie hier der Urwuchs aus der Welt getilgt wird. So aber werden nur Kulissen verschoben. Zum Glück kommen, während alles zerfasert, die Handwerker an den Hof, um endlich „Pyramus und Thisbe“ aufzuführen, Oest ein wunderbarer antiker Held, dem die zierliche, in Tippelschrittchen die Bühne einnehmende Thisbe des Peter Matić in nichts nachsteht. Wie sie immer „Kirschhof“ statt Kirchhof“ lispelt, und sich dabei ihr kleiner Busen hebt und senkt, das ist wirklich anrührend. Hans Dieter Knebel wird als betrunkener Schnauz/die Wand fixiert, indem ihm „Squenz“ Martin Schwab kurzerhand die Schuhe an den Boden nagelt. Dirk Nocker gibt den Rollstuhl-Löwen, und Hermann Scheidleder hinreißend den Mond.

Von Theseus schikaniert, als „Mann im Mond“ müsse er in seine Laterne kriechen, reißt sich Scheidleders Schlucker das Hemd vom Leib und steht mit nacktem Oberkörper da. Sein kugelrunder Bauch leuchtet im Halbdunkel auf, so plötzlich steht am Firmament das Nachtgestirn, der Erdtrabant. Und grade, als man sich schon wie erschossen fühlte, als man schon meinen wollte, Haußmanns Inszenierung fehlte es an Zauberkraft, war er da, der Moment höchster Poesie …

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  1. 9. 2017

Kasino des Burgtheaters: Platons Party

März 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Club der tanzenden Philosophen

Hermann Scheidleder, Martin Schwab, Merlin Sandmeyer, Daniel Jesch und Michael Masula. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Trinken, Tanzen, Tod. Das sind die Eckpfeiler des Abends „Platons Party“, den Stephan Müller im Kasino des Burgtheaters gestaltet hat. Der für seine anspruchsvollen Arbeiten bekannte Schweizer Regisseur verbindet dabei zwei Dialoge von Platon, dessen Symposion und Phaidon. Im Mittelpunkt der Texte steht der große Denker Sokrates – und die Ewiggültigkeit seiner Gedanken.

Im ersten Teil huldigen er und sein innerer Kreis den Gaben von Gott Eros, im zweiten gilt es sich mit Thanatos auseinanderzusetzen. Denn Sokrates wird am Ende zum Tode verurteilt werden und den Schierlingsbecher leeren. Die Anklage: Gottlosigkeit. Müller begibt sich mit Witz auf die Suche nach den sokratischen Wahrheiten. Technomusik wummert, die Darsteller tänzeln herein, ein jeder nach seinen diesbezüglichen Fähigkeiten, man bezärtelt einander, man trägt Smoking und die meiste Zeit ein Glas in der Hand. Der Gentlemen’s Club, oder wie er sich selbst nennt: der Club der tanzenden Philosophen, lässt sich’s gutgehen. Und weil man Bildungsbürger ist, sinniert man über dieses und jenes, die Welt an sich und das Weltgeschehen im Besonderen.

Das ist so leichtfüßig dargeboten, man vergißt beinah, dass man gemeinsam mit dem großartigen Ensemble an der Wiege des abendländischen Denkens steht. Wie es der Meister aller Meister mit seiner Maieutik vorgesehen hat, leistet man zusammen Hebammendienst, wenn auf der Bühne nach mehr als 1600 Jahren Sokrates‘ ethische Grundsätze, sein Verstehen der Dinge, seine Kenntnis des Menschen wiedergeboren werden. Diese kleine, knapp zweistündige Aufführung erweist sich als wesentliche Ergänzung des derzeit an der Burg laufenden Antike-Schwerpunkts. Sie ist im Wortsinn der philosophische Überbau zum großen Drama.

Auf der Spielfläche des Kasinos steht  – eine Lücke, eine karstige Wand, aus der Bühnenbildnerin Claudia Vallant ein Loch gerissen hat. Die ausgefranzte Wunde wird umschlossen von Projektionen – Menschengesichter und Menschenleiber, vor allem letztere von Michelangelo’scher Anmutung. Ekstatisch aufgerissene Augen, gierige Münder, Nacktheit, Begehren, dieser Reigen dreht sie sich um die leere Mitte, als wär‘ sie der Eingang zu Platons Höhlengleichnis. Der Bildungs-Weg als erotisch schmerzhafter Befreiungsprozess. Sokrates selbst hat keine Schriften hinterlassen, das überließ er seinem Schüler Platon …

Das Ensemble lagert sich rund ums von Menschenleibern umschlossene Bühnenbildloch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Im Turnsaal der Transzendenz: Daniel Jesch, Martin Schwab und Merlin Sandmeyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Schauspieler, Daniel Jesch, Michael Masula, Merlin Sandmeyer, Herman Scheidleder und Martin Schwab, sind Erzählende und gleichsam Gegenstand der Erzählung, sie sind Chor und Protagonisten. Immer wieder schält sich einer aus der Gruppe und wird als Individuum erkennbar. Michael Masula gibt einen so eleganten wie leicht erregbaren Alkibiades, Daniel Jesch setzt als arroganter Arzt Eryximachos selbstbewusst auf sein medizinisches Wissen bezüglich der Zuträglichkeit von Sex.

Der jüngste im Männerbunde, Merlin Sandmeyer macht aus Agathon einen eitlen Geck, der im bodenlangen Pelz seine stilistisch gefeilten, aber inhaltlich unausgegorenen Reden schwingt. Er erhält natürlich seine Lektion – und zwar vom Komödiendichter Aristophanes, den Hermann Scheidleder mit heiterer Gelassenheit – und einem gewaltigen Schluckauf – ausstattet. Wie Scheidleder über den Mythos der Kugelmenschen berichtet, die von den Göttern in zwei sehnsüchtelnde Hälften, in Mann und Frau, zerteilt wurden, ist einer der Höhepunkte der Aufführung.

Martin Schwab schließlich brilliert als ein (hinter-)listiger Sokrates, in dessen überliefert bescheidener Art und seinem Hang zur Selbstironie er bestimmt eine Seelenverwandtschaft entdecken konnte. Jede Sekunde auf der Höhe, ist Schwab immer im Zentrum des Geschehens, hat stets die dramaturgischen Fäden in der Hand, so er sie nicht sowieso selber spinnt – rhetorisch und schauspielerisch liefert er eine Spitzenleistung.

Es ist bemerkenswert, wie üppig Stephan Müller, der auch für die Textfassung verantwortlich ist, eine Szenerie illustrieren kann, in der nicht viel mehr als laut gedacht wird. Seine Inszenierung ist alles andere als eine stoische Angelegenheit – wiewohl Schwab nach der Pause auf deren Grundsatz der Gelassenheit zurückgreift. Sein Sterben schon greifbar, leitet Sokrates noch einmal die Gedanken seiner Freunde – Jesch und Sandmeyer als Kebes und Simmias – an. Die Dreiergespräche über Wesen und Unsterblichkeit der Seele, über die Frage, ob Wissen schon vor der Geburt existiert, über die sokratische Vorstellung der „wahren Welt“ sind ehrlich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zu verfolgen. Und das, obwohl die vorgebrachten Beispiele mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet und per Video auf die Hinterwand übertragen werden. Transzendenz-Erläuterungen für Thebaner im Turnsaal – ob der allgemeinen Verwirrung auf der Suche nach einer nachvollziehbaren Logik spielt man nun sogar mit Textbuch in der Hand.

Nichts desto trotz geht man am Ende beglückt nach Hause. Schließlich stammt der Satz von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Man hat hervorragende Darsteller genossen, kluge Dialoge gehört, tolle Bilder gesehen. Man hat sich amüsiert und wird nun in die Nacht entlassen um nach zu denken. Das Publikum dankte mit entsprechendem Applaus. Wie schön, dass die Burg diese Saison ihr Kasino wieder so gut und gerne nutzt.
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Wien, 29. 3. 2017

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass „St. Just“ Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just „geleiteter“ Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das „Allons enfants“ wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. „Dantons Tod“ ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er „Dantons Tod“ in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ veröffentlicht. „Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters „Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein“ aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.“

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: „Mein Name!“ Maertens „Robespierre“ erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen „Polizeisoldat des Himmels“ genannt, der andere beschuldigt, „die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend“. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die „große Leiche“ Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom „Köpfen spielen“. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

www.burgtheater.at

Wien, 22. 10. 2014