Festspiele Reichenau: Doderers Dämonen

Juli 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein glänzend gespieltes Gesellschaftsporträt

Johanna Arrouas, Joseph Lorenz, Sascha O.Weis. Bild: Festspiele Reichenau

Die Quapp hält endlich das ihr zugedachte Testament in Händen: Johanna Arrouas mit „Geyrenhoff“ Joseph Lorenz und „Kajetan Schlaggenberg“ Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Auch dieses Jahr brachten die Festspiele Reichenau eine großartige Romandramatisierung zur Uraufführung. Nach Doderers „Strudlhofstiege“ 2009 hat sich Autor und Schauspieler Nicolaus Hagg nun mit dessen „Dämonen“ gleichsam eine Art Fortsetzung vorgenommen und versucht das beinah 1400 Seiten starke Meisterwerk auf eine mögliche Essenz zu komprimieren. Die Übung ist gelungen. Haggs Bühnenfassung erzählt stringent und mit kaum mehr als einem Dutzend Figuren die wichtigsten Episoden aus Doderers Großstadtepos.

Er hat die Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau bewusst gestrichen und sich auf die großbürgerlichen bis aristokratischen Kreise in der Wiener Innenstadt konzentriert. Die Menschen, die Hagg zeigt, sind Kriegsversehrte, vor allem die Männer Gefangene ihrer Welt von gestern, während die Frauen in eine Moderne aufbrechen, im Kopf schon aufgebrochen sind, ohne zu wissen, dass ihnen alsbald der Weg dorthin abgeschnitten werden wird. Und doch ist es, als ahnten diese noch an der Vergangenheit laborierenden Figuren bereits den kommenden, größeren Schrecken. Was hier entworfen wurde, sind keine psychologisch bis ins Detail ausgearbeiteten Einzelbilder, sondern ein umfassendes Gesellschaftsporträt. Es ist, als wollte Hagg eine kollektive Geschichtsgedächtnislücke schließen, über eine Zeit, deren Ursache und Wirkung in den Köpfen gern auf ein Jahrzehnt später verlegt wird. Deren Ungeist in Österreich aber schon viel früher und ohne Einfluss „von außen“ hochkochte und der immer noch köchelt.

Auch mit Augenmerk darauf sind „Doderers Dämonen“ in Reichenau eine wichtige Inszenierung. Vorgenommen von Regisseur Hermann Beil, der mit feiner Hand ein fabelhaftes Ensemble durch dieses fabelhafte Ensemblestück geleitet. Denn die eine Hauptrolle gibt es nicht. Beil zeigt eine Szenenfolge, einen sich rasch drehenden Reigen, aus dem von Hagg mit je unterschiedlicher Temperatur und Temperament vier Handlungsstränge hervorgehoben sind:

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Johanna Arrouas, David Oberkogler, Johanna Prosl, Julia Stemberger und Sascha Oskar Weis. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau

Die Intrige rund um die Quapp fliegt auf: André Pohl, Thomas Kamper, Rainer Frieb und Joseph Lorenz. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Den der Mary K., deren Straßenbahnunfall den Fluchtpunkt der „Strudlhofstiege“ bildet und die nun mit einer Beinprothese zu leben und jenseits aller Standesunterschiede den Arbeiter Leonhard Kakabsa lieben lernt – sie in jeder Hinsicht eine der schönsten Personen, die Doderer je erdacht hat. Den des René Stangeler, 2009 noch von Hagg selbst gespielt, und seiner schwierigen Beziehung zu Mitmenschen im Allgemeinen und der Jüdin Grete Siebenschein im Besonderen. Kajetan Schlaggenberg und seine Schwäche für die „dicken Damen“ – von Hagg nicht eine Sekunde ins Lächerliche gezogen, sondern als Synonym für einen Gemütszustand ernst genommen. Und die Geschichte der „Quapp“, Charlotte Schlaggenberg, rund um die sich ein Krimi um ein unterschlagenes Testament und ein sagenhaftes Vermögen entspinnt. Dies alles festgehalten in der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff.

Er ist, gemeinsam mit Stangeler und Schlaggenberg, ein drittes Alter Ego Doderers. Und das Kreativduo Hagg/Beil veranlasst ihn seine Erinnerungen statt erst 1955 bereits 1945 in einem halbzerstörten Nachkriegskaffeehaus Revue passieren zu lassen. Doderers „Dämonen“ beleuchtet das Jahr 1926/27, die Geschehnisse bis zum Schattendorfer Urteil und zum Justizpalastbrand. Am 30. Jänner 1927 hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs in dem kleinen burgenländischen Ort eine Versammlung abgehalten, die von Mitgliedern der politisch rechten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreich beschossen wurde. Es gab Tote, darunter ein sechsjähriges Kind. Die Täter wurden von einem Geschworenengericht freigesprochen, was die gewalttätigen Ausschreitungen in Wien zur Folge hatte.

Wie Gespenster der Vergangenheit tauchen nun erst Stimmen, dann die Charaktere aus Geyrenhoffs Gedächtnis auf und beginnen aus einer Distanz von tausend Jahren von Neuem ihr Spiel. In ihren Gesprächen berichten sie von sich und ihrem gewesenen Schicksal; Hagg hat den Tonfall dieser Tage gut getroffen, er mengt leisen Humor unter Doderers Melancholie, lässt seine Figuren zwischen Seelengüte und Sarkasmus changieren, und freilich ist‘s seine Perfidie, dass Hoffnung auf vier Liebeshappyends gemacht wird, und man doch nicht weiß, wie es mit all diesen ans Herz Gewachsenen nach Ende des Abends, nach Ende des Dritten Reichs ausgegangen sein wird. „Doderers Dämonen“ sind Nachrichten aus einer untergegangenen Welt, und in ihr Menschen beim Versuch, das Glück für sich neu zu erfinden. Manche werden scheitern müssen …

Julia Stemberger, Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau

Mary K. bekennt sich zu ihrer großen Liebe, dem Arbeiter Kakabsa: Julia Stemberger und Philipp Stix. Bild: Festspiele Reichenau/Dimo Dimov

Die Schauspieler in Reichenau sind wie stets hochkarätig. Und Beil lässt seinen ersten Kräften Raum zum Spielen. Allen voran brilliert Julia Stemberger als Mary K., die sich mit Mut und Mutterwitz nicht von ihrem Lebenswillen abschneiden lässt, egal welche Steine ihr in den Weg geworfen werden. Ihr zur Seite steht Philipp Stix als Leonhard Kakabsa, der prototypische Fall eines romantisierten Arbeiters. Er hat sich selbst ermächtigt, dieser beinah Dostojewski’sche neue Mensch, der sich Latein beibringt und den Weltaltas studiert. Stix ist einer der Sympathieträger im Stück.

Neben David Oberkogler als zwischen Wut und Weichheit schwankender Stangeler, der knurrig die tiefen Gefühle zu verbergen sucht, die er für seine Grete, dargestellt von Karin Kofler, hegt. Der große Peter Matić hat als ihr Vater mit seinen trocken dargebrachten Sagern zur ganzen Angelegenheit die Lacher auf seiner Seite. Sascha Oskar Weis gehorcht als Kajetan Schlaggenberg seiner Obsession für die weiblichen Rundungen; er ist ein Mann mit Herz, auch wenn’s ihm ab und an in die Hose rutscht. Seine Schwester schließlich, die Quapp, gestaltet Johanna Arrouas als emanzipierte Frau, die weiß, was sie will – und sei’s der ungarische Diplomat Geza Orkay (David Jakob). Die Intrige rund um sie veranstalten André Pohl als milder Teufel und Thomas Kamper als ängstlicher Bösewicht, aufgedeckt wird sie von „Wachtmeister“ Rainer Frieb und natürlich Geyrenhoff, dem Joseph Lorenz mit gewohnter Prägnanz Profil und Grandezza verleiht und dem mit der Friederike Ruthmayr von Fanny Stavjanik auch noch eine späte Ehe ins Haus steht.

Doderers „Dämonen“ können in ihrer Bühnenfassung in Reichenau auf ganzer Linie reüssieren. Das ist dem geistreich pointierten Plot ebenso wie dem ihn heiter-skurril umsetzenden Cast zu danken. Die Festspiele zeigen, was sie am besten können, nämlich auf den Konversationston fokussiertes, hervorragendes Schauspielertheater. Hermann Beil hat mit viel Gespür für Hagg/Doderers Sprachmelodien und -färbungen die Figuren durch eben diese Eigenheiten charakterisiert und inszeniert. Mehr ist für die gelungene Aufführung auch nicht nötig. Den zugegeben gewaltigen Rest kann man ja nun im Buch nachlesen, denn nicht zuletzt darauf macht der Abend Lust – Lust auf mehr Doderer.

Nicolaus Hagg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

www.festspiele-reichenau.com

Wien, 7. 7. 2016

Drachengasse: Schmoizhodan-Passion

April 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Dornenweg im Dialekt

Grafik: Bahar Naghibi

Grafik: Bahar Naghibi

Es gibt zwei Anekdoten, die mit dieser Geschichte überhaupt nichts zu tun haben. Die eine ist der Sturm der Entrüstung den einst Wolferl Ambros‘ „Mir geht es wie dem Jesus, mir tut das Kreuz so weh!“ auslöste. Der andere hat mit Roland Neuwirth und einer Doku über den Zentralfriedhof zu tun – weil wir Wiener doch so bekannt morbide sind. Neuwirth sang. Wann i unt‘ lieg, „tuat ma längst ka Ba mehr weh.“ Das bei Eingeborenensprache wie üblich eingeblendete Insert übersetzte: „Tut mir längst kein Baum mehr weh.“ Haaalooo!

Nun als zum Wesentlichen: Traditon! Schon Palmkatzerl gekauft? Mit bemalten Eiern und Kükennestern geschmückt? Am Sonntag ist Palmsonntag. Und dann geht sie los, die Karwoche. Da hat der Wiener einen Pflichttermin. Na, ned Osterklang, Johannespassion oder Messiah. Do gemma eh a scho no hin. Aber: Ab 12. April spüln’s in der Drachengasse wieder die „Schmoizhodan-Passon“. Also die Markus-Passion in Wolfgang Teuschls Heiliger Schrift. Mit Otto Lechner als Judas, Christian Steiner als Jesus und Alfred Schedl als Evangelist. In Nebenrollen: der Wiener Kammerlchor. Dass der (no dazur protestantische) Sachse Johann Sebastian Bach (also, wann schon Christ, dann brachial-barock-katholisch!) vom passionierten Wiener-Leid nix verstehen hat können ist klar, aber man kann ihm punkto Martyrium ja auf die Sprünge helfen. Wenn der Jesus G’stanzln singt. Oder zum Letzten Abendmahl „Es wird der Wein sein – und wir werdn nimma sein“.

Das Felsengrab sind ein paar alte Bierkisten. Und eines müssen alle zugeben: Nicht jeder ist nachm Wein am dritten Tage wieder auferstanden. Und wenn, dann wie! Eine Empfehlung für Jünger, die ihrem Jesus auch bei seinem biblisch verbrieften Humor nachfolgen.

www.drachengasse.at

Wien, 7. 4. 2014

Von New York zur Markus-Passion

März 18, 2013 in Tipps

Musikalisches in der Bar des Wiener Theaters Drachengasse

Mitte März wartet die Drachengasse in ihrer Bar mit zwei musikalischen Schmankerln auf:

West End Spring: “Switch” ab 20. März

Nach der mehrfach gelobten Inszenierung von „West End Winters“ bringt das vienna theatre project einen weiteren Musikkabarett-Abend mit dem West End Musical-Star Kieran Brown (Love Never Dies, Wicked) und der von den Vereinigten Bühnen bekannten Caroline Frank (Ich War Noch Niemals in New York, Evita). Am Klavier Belush Korenyi und Masaaki Saito. Special guest star ist diesmal Suzanne Carey.

Kieran Brown singt: www.youtube.com/watch?v=HZo-a050-Jo

Caroline Frank singt: www.youtube.com/watch?v=HDhVrhhr5xU

Schmoizhodan-Passion Grafik: Bahar Naghibi

Schmoizhodan-Passion
Grafik: Bahar Naghibi

Schmoizhodan-Passion ab 24. März

Die Markus-Passion in Wolfgang Teuschls Heiliger Schrift – nach herausragenden Ikonen des Austropop musikalisch in Szene gesetzt. Von und mit Otto Lechner (als Judas), Pavel Shalman, dem Wiener Kammerlchor und Alfred Schedl als Evangelist:

„Jezd woa owa in zwa Dog Oosdan: Musikverein hin oder her – dass der Sachse Johann Sebastian Bach vom passionierten Wiener-Leid keinen Tau haben konnte, liegt auf der Hand. Höchste Zeit, dem vielgeprüften Hauptstädter nun endlich zu geben, was ihm schon lange zusteht: Ein eigenes musikalisches Martyrium Christi – melancholisch umspielt von Otto Lechner, Pavel Shalman und den Klängen der einschlägigen Popkultur, sorgsam eingewoben in Wolfgang Teuschls legendäre Bibelübersetzung Da Jesus und seine Hawara. Mit Chor, ganz im Stile der großen Passions-vertonungen – und dennoch auch für Zimmer, Küche, Kabinett …“
Von Michaela Mottinger
Wien, 18. 3. 2013