Schauspielhaus Wien präsentiert Saison 2020/21

Juni 20, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Langzeitprojekt namens „Lost in Space and Time“

Tomas Schweigen und Lucie Ortmann stellen das Programm 2020/21 vor. Bild: Film-Still aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Das Schauspielhaus Wien hat das Programm für die Spielzeit 2020/21 bekanntgegeben. Dies geschah diesmal nicht auf konventionelle Weise, sondern im Rahmen eines digitalen Pre-Release auf www.schauspielhaus.at. Neben ersten Beiträgen des hypermedialen Langzeit-Projekts „Lost in Space and Time“, gleichzeitig der „Albumtitel“ der kommenden Spielzeit, findet sich dort ein vierminütiges Video, in dem

Intendant Tomas Schweigen und die neue Leitende Dramaturgin Lucie Ortmann gemeinsam mit dem Ensemble und den Regisseurinnen und Regisseuren ihre Pläne vorstellen. In der aktuellen Saison kam es #Corona-bedingt nicht mehr zu den beiden letzten geplanten Premieren, beide Produktionen konnten jedoch verschoben werden: Somit startet das Schauspielhaus Wien am 30. September mit der Uraufführung des Auftragswerks „Rand“ von Miroslava Svolikova in die neue Saison.

Nebenfiguren dieses Textes – eine Gruppe von Astronautinnen und Astronauten auf einer verlorenen Raumstation – bilden den Ausgangspunkt des während des Lockdowns entwickelten Spin-Offs „Lost in Space and Time“, das sich in Form von diversen Beiträgen – Hörspielen, Aktionen, Performances, Video-Clips in öffentlichen Verkehrsmitteln … – über die gesamte Spielzeit spannen wird. Die zweite Premiere ist am 30. Oktober mit dem ebenfalls verschobenen „Tragödienbastard“ von Ewelina Benbenek in der Regie von Florian Fischer.

Hysteria-Mitglied Lydia Haider ist „Am Ball“. „Niemand schreibt so böse wie sie“, urteilte unlängst die ARD. In „Am Ball“ nimmt Lydia Haider das Publikum mit auf einen gewaltvollen, orgiastischen Trip durch die Wiener Hofburg. Die Geschichte verbindet die genaue Beschreibung eines Akademikerball-Besuchs mit Splatter-Fantasien. Dokumentation und Horror – hier wird beides real. Die Berliner Regisseurin und Videokünstlerin Evy Schubert inszeniert die Uraufführung im Nachbarhaus/USUS. Premiere ist am 3. Dezember.

Gratzer-Preisträgerin 2020: Anna Neata. Das Hans-Gratzer-Stipendium hat sich insbesondere in den letzten Jahren zu einem Sprungbrett für junge Talente entwickelt. Heuer konnte die Salzburgerin Anna Neata den Preis für sich entscheiden. Die formal bestechende und inhaltlich dringliche Auseinandersetzung mit weiblichen Körpern sowie der Zuschreibung von Mutterschaft überzeugte die Jury. „Oxytocin Baby“ in der Regie von Rieke Süßkow ist ab dem 28. Jänner zu sehen.

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot aus dem Spielzeitvideo, Kamera: Patrick Wally

Bild: Screenshot „OK Baikonur, we’ve had a problem here“

Kollektive Autor*Innenschaft: Teams übernehmen Anfang 2021 das Schauspielhaus. Die britische Theatergruppe Kandinsky aus London, bestehend aus dem Autor und Regisseur James Yeatman und der Dramaturgin Lauren Mooney, kommt Anfang 2021 nach Wien. Die Texte für ihre Stücke entwickeln sie nach intensiver Recherche gemeinsam mit dem Ensemble und Team. In ihrem neuen Projekt, mit Premiere Ende Februar, widmen sie sich dem in Spielfilmen prophezeiten und von Preppern erwarteten Ende der Welt.

Ihre gemeinsam entwickelten Inszenierungen wurden zu zahlreichen Festivals eingeladen: Am Schauspielhaus Wien beschäftigen sich der Regisseur, Autor und Performer Jan Philipp Stange und der Bildende Künstler, Bühnenbildner und Musiker Jakob Engel in „Odyssee 2021“ mit dem Zuhausebleiben. Die Abenteuerfahrt des Odysseus bildet die Folie für ihre Auseinandersetzung mit Entfremdung in dieser schnelllebigen, unverbindlichen Zeit. Wie sind die Träume vom Ankommen – und wie unterlaufen sie, dass man sich dort zu Hause fühlt, wo man gerade ist? Premiere: Ende März.

Enis Maci kommt zurück. Enis Maci feierte ihre ersten Erfolge als Dramatikerin am Schauspielhaus Wien und gehört mittlerweile zu den gefragtesten Autorinnen ihrer Generation. Mit „Bataillon“ hat sie einen starken, herausfordernden und kämpferischen Text geschrieben. Es ist nach „Mitwisser“ und dem Nestroypreis-nominierten „Autos“ bereits das dritte Stück der Autorin, das am Schauspielhaus zur Aufführung gebracht wird – dieses Mal in der Regie von Tomas Schweigen.

Finale per Skype mit der Großmutter. Den Spielzeit-Abschluss krönt ein außergewöhnliches und sehr unterhaltsames Projekt, das der junge Autor, Performer und Regisseur Arthur Romanowski zusammen mit seiner Großmutter Brygida Najdowska entwickelt: „Rote Beete Reden. Geschichten von Nie-Familien / Burcaczane Rozmowy. Opowiescie o Nie-Rodzinach“. Ein Live-Kochshow-Talkformat über das österreichisch-deutsche, das deutsch-polnische und das deutsch-polnisch-österreichische Verhältnis. Es treten auf: Kunstfiguren, spekulative Denkerinnen und Denker, Skype-Monitore, Fabelwesen und Wendepunkte! Zu sehen ab Mai im Nachbarhaus/USUS.

www.schauspielhaus.at

20. 6. 2020

Schauspielhaus Wien: Kudlich in Amerika

Januar 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nobody is perfect

Il buono, il brutto, il cattivo: Sebastian Schindegger, Vera von Gunten und Simon Bauer warten als Kinostars auf ihren Leinwandeinsatz. Bild: © Matthias Heschl

So carbonschwarz wie der Wüstensand in Marfa ist es auch auf der Autokino-großen Leinwand. Daneben grad noch zu erkennen ist das Muschel- logo einer Mineralölfirma, der Schriftzug nach Ken Saro-Wiwa, Brent Spar und Niger-Delta nun zur „Hell“ zerschmolzen. Ja, die opernbühne in marfa texas präsentiert ihre Gebrauchs- spuren stolz wie Bodennarben, engl.: upper s/oil zone, doch da geht auch schon das Licht aus, als hätt‘ dafür keiner ein paar Dollar mehr gehabt.

Darauf tanzen in der Finsternis vier neongeflexte Stetsons. Ein Cowboy-Chor, der das Giganten-Setting gleich mal mit Anti-US-Themen top-killed, wenn er wie ein Wildwestwind über die Edna-Ferber-Figuren hereinbricht, und dem amerikanischen Individualismus, dem Raubtierkapitalismus, dem Nullsummen-Nationalismus die Seinsberechtigung ausbläst. Auftritt Jesse, nein, nicht James, sondern Inman als nobody, von dem man weiß, dass er der Größte, aber wie diese Produktion nicht perfect ist, der ausführlich des Menschen Wille ist sein Erdölreich, „Why did we choose extinction?“, bejammert.

Am Schauspielhaus Wien wurde gestern in der Regie von Elsa-Sophie Jach und Thomas Köck ebendesselben „Kudlich in Amerika oder who owns history – ein carbondemokratischer spaghettiwestern“ als zweiter Teil der Kronlandsaga uraufgeführt. Das ist die Fortsetzung des 2016er-Stücks „Kudlich – eine anachronistische Puppenschlacht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23658) , die extended true story vom Bauernbefreier, der diese später allerdings ans Giebelkreuz nagelte, über den Kaiser Franz Joseph zweimal das Todesurteil verhängte, weshalb Kudlich in die Vereinigten Staaten flüchtete. Wo der Aufrührer im Abolitionismus eine neue Aufgabe fand, der Kämpfer gegen die Leibeigenschaft jetzt einer gegen die Sklaverei und für Abraham Lincoln als Präsident, seine supranationalen Freiheitsideen höchst modern.

Für Köck keine Geschichte. Er packt hundert Jahre drauf, und versetzt Kudlich ans Set der „Giant“-Dreharbeiten im Presidio County, um dort Rock Hudson aka Bick Benedict, Liz Taylor aka Leslie Lynnton zu treffen, und selber zu der kudlich hans aka der dean james aka rink jett zu mutieren.

Simon Bauer macht auf Marlboro Man. Bild: © Matthias Heschl

Schindegger, Bauer und von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Il grande silenzio: Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Legendär die Szene, in der der rebellische Schwermütler in schwarzes Gold gebadet sein Glück gar nicht fassen kann, bevor er vom Ranch-Niemand zu Jetexas avanciert, zum lonesome rider, der sich im realen Leben mit dem Sportwagen derstesst, und man kann die Assoziationsperlenkette, die Köck da angeblinkt hat, schon begreifen. Von der final frontier zum Kaputt-Erobern der Erde, ergo Klimawandel, auf der Leinwand zu sehende Flächenbrände, Erdölkriege, in denen für die Tötung eines Generals 70 Dollar je Barrel ausbezahlt werden – und das Ganze in einem Theater, das bis 1975 das Heimat-Kino war.

Die Weglassung ist bekanntlich eine Errungenschaft des Älterwerdens, stand an dieser Stelle schon bezüglich des jungen Autors Kudlich I, und auch diesmal bringt es Köck nicht übers Herz seine darlings zu killen. Er mäandert von so ziemlich jedem Howdy-Klischee zu Politologen Timothy Mitchells Buch „Carbon Democracy: Political Power in the Age of Oil“ zu einer nihilistischen „Wir sterben eh alle“-Philosphie, seine Figuren in diesem Spielfilm-im-Spiel dabei so lustlos, wie man’s als Zuschauer bald selber ist. Musiker Andreas Spechtl, unter anderem „Ja, Panik“, ist für die Todesmelodie zuständig, aber was ein dystopischer Meta-Western hätte werden können, verfängt sich im Lasso der Verquastheit.

Im Vergleich zu Kudlich I wie auch zum luziden „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27228 –, diesem beinah mystischen Zwiegespräch einer Protagonistin mit einem Jugendchor, muss diese sperrige Spintisiererei klar verlieren. Am Drehort wissen derweil alle nicht, was sie tun, denn Jimmy nervt als rebel without a cause. Clara Liepsch beteuert weder hans noch james noch jett zu sein, sondern diese nur „durchgespielt“ zu haben. Fröhlich wurde cross-besetzt. Sebastian Schindegger in gelben Rüschen ist die taylor elizabeth aka die lynnton leslie, Vera von Gunten der hudson rock aka der benedict bick jordan, Simon Bauer die mccambridge mercedes aka die benedict luz, Til Schindler in Fliederfarbe gewandet die baker carroll aka die benedict luz II.

The Wild Bunch: Schindegger, Gunten, Schindler, Liepsch und Bauer. Bild: © Matthias Heschl

l mio nome è Nessuno: Jesse Inman als im Südstaatenakzent lamentierender nobody. Bild: © Matthias Heschl

The Magnificent Five: Bauer, Schindegger, Schindler, von Gunten und Inman. Bild: © Matthias Heschl

C’era una volta il West: Schindegger, Clara Liepsch und von Gunten. Bild: © Matthias Heschl

Eine marionette und ein zwerg tauchen auf, lynch, David, lynch, einer davon hängt als electronic horseman in der Luft, der Chor wird als „ein gottverlassener in der posthistorischen sierra des todes zwischen oilfields and tumbleweeds“ ausgewiesen, und, ja, es gibt begnadete Parodien auf Italo-Western, wehe ich muss noch einmal irgendwo Spaghetti- lesen!, aber dies ist keine davon. Das Ereignis im Schauspielhaus bleibt ergebnislos, Köck lässt einen ohne Wegweiser durch seine Gedankengänge irren. Mit nachgestelltem Ibiza-Video oder seinem Seitenhieb auf strukturellen Sexismus, mercedes-Bauer beschwert sich bei rock-von Gunten, dass Frauen im Western der Heldentod verwehrt ist, will er deshalb wohl anzeigen, dass die Richtung bei ihm stimmt.

Köck, dafür berühmt, heißt: zweifach Mühlheim-bepreist, stets Gott und die Welt in einen Text zu packen, hat mit Kudlich II zu viel des Guten gewollt. Die Publikums/Überforderung, die ihm sonst Programm ist, hat ihn diesmal scheint’s selbst ereilt. Sogar das in der Regel brillante Schauspielhaus-Ensemble kann die Köck’schen Sätze kaum mit Sprit und Spirit befüllen, Ausnahme: der großartig den Südstaatenakzent imitierende Jesse Inman, der mit seinem Nichts an vielleicht aber auch die dankbarste Rolle hat. Am Schluss wird die Sinnfrage aufgeworfen, ob es ohne „Vom Winde verweht“ den Bürgerkrieg gegeben hätte, Lacher!, was zur weiteren führt, ob ohne Hans Kudlich … „am End‘ weiß keiner nix“, soweit was Alt-Wienerisches zum Thema Hobel ausblasen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=o19YBuzKEBo&t=2s           www.schauspielhaus.at

Andreas Spechtl – „The Seperate“: www.youtube.com/watch?v=iAzx-ib35ek

12. 1. 2020

Schauspielhaus Wien: Mehr Zeit für Probleme

Dezember 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlechtnachbarlicher Seelenstriptease im Schwimmbad

Plitsch-Platsch reinköpfeln in die Probleme: Vera von Gunten, Til Schindler und Steffen Link. Bild: Laura Malmberg

Der Chlorgeruch, der einem beim Eintreten entgegenschlägt, ist dermaßen atemraubend, dass es manchem hochkommt. Das Andenken natürlich. Ans gute, alte Hallenbad. Als ein solches ward nun das Nachbarhaus/USUS im Schauspielhaus Wien von Patrick Loibl blau verfliest, dazu Stahltreppe und Startstockerl, weil Regisseurin Johanna Mitulla den ersten ihres Dreiteilers „Mehr Zeit für Probleme“ in eine Schwimmanstalt verlegt hat. „Nachbarn“ ist der Titel von Folge 1, und Mitulla sagt danach im Gespräch, sie hätte sich fürs Setting entschieden, Sinnbild für Seelenstriptease, weil am Pool die Menschen fast nackt wären.

Der perfekte Platz also fürs Team zur Nabelschau anzutreten, denn der Text, der einem in der kommenden Stunde zu Gehör gebracht wird, ist entstanden aus Anekdoten von Hausmitgliedern aller Sparten, und darum geht’s auch: Ums Mitein-, Gegenein- , Aneinander mit den oben einem, unter einem, links, rechts Lebenden – die Hausgemeinschaft in guten wie in bösen Tagen. Und Nächten. Vieles wird hier unterschriftsfertig dargeboten, laute Musik zu finsterer Stunde, Getrampel, als würde einer in Goiserern rumlaufen, die Hassliebe zum keifenden Hund von nebenan, ebenso zu den plärrenden Bälgern im Hof.

Vera von Gunten, Steffen Link und Til Schindler spielen diese Stories, von Vanessa Sampaio Borgmann eingekleidet mit Badekleidchen, Socken, Plastiksandalen, auch die eine Kindheitserinnerung – als Seeigelschutz in Kroatien, Schindler in einer großartig großpaillettigen Badehose, die Wangen vom heißen Dampf gerötet, die Haare vom Wasser feucht. Aus Smalltalk an der Stahlstiege/Stiegenhaus wird schnell ein Reinköpfeln ins Räsonieren. Einigkeit entsteht erst durch Schaffen eines Feindbildes – das selbstverständlich der gerade nicht anwesende Nachbar, ob Sonderling, Störenfried, Schreckschraube, alte Schachtel, oder wahlweise das Chinalokal im Erdgeschoss ist. Dies dann das Alle-gegen-einen-Szenario, wenn in schönster Eintracht beratschlagt wird, wie die gelbe Gefahr am besten anonym anzuzeigen sei.

Nachbarn, sind sich die drei einig, sind keine Freunde. Pakete annehmen geht grad noch, da wäscht ja sozusagen eine Hand die andere, aber bitte nicht bei Hausbrand anläuten. Schon gar nicht um fünf Uhr morgens, da ist man nämlich kein freundliches Gegenüber, sondern lediglich das Eindringlingsdings. Von Gunten, Link und Schindler sind versiert im Aneinander-Vorbeireden statt Einander-Zuhören, jeder druckt dem anderen hier sein Gschichtl. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und apropos, die Wienerherz-goldige Satire ist in Höchstform, wenn Link die „Ganz Paris träumt von der Liebe“-Melodie mit Lärmbelästigungslyrics singt.

Warum Schindler das Knie eingefascht hat oder: Das Springen vom Beckenrand ist nicht verboten. Bild: Laura Malmberg

Socken, Plastiksandalen, Badekleid, Kindheitserinnerungen: Vera von Gunten von unten. Bild: Laura Malmberg

Bald wünscht einer dem anderen dessen persönlichen Badeschluss. Plitsch-Platsch wird entlang des Publikums rückengekrault. In einer Sketchrunde ist man einander mit Spickzetteln bewehrter Souffleur. Sehr spaßig ist, wie Schindler von Gunten vormacht, wie Nachhause kommen bis Zubettgehen in nur vier geräuscharmen Gängen zu absolvieren ist, weniger, wenn er sich, von einem Nachbarn zum Kaffee eingeladen, beinah sexuell belästigt fühlt. Es gebe eben, erklärt Mitulla ein strenges Reglement unter Hausbewohnern, das habe sie in Wien erfahren, dass den Wienern nach Situationen nicht zu vermeidender Nähe, beispielsweise im Aufzug, die Wohnung als Ort zum raschen Rückzug umso wichtiger sei.

Vera von Gunten, als „Prominente“ im Lift vom Jeder-Wiener-ein-Theaterkritiker deppert angemacht, flüchtet – was hier nur raus in die abendliche Kälte der Porzellangasse geht. Und es ist herrlich, wie die Passanten ob des Spektakels schauen und staunen, die Schauspielhaus-Nachbarschaft, die vorbeigeht oder auf dem Rad vorüberfährt, und vom Scheinwerferlicht angelockt durch die hohen USUS-Fenster in dessen Inneres späht. „Man wächst nicht an Problemen, man geht an ihnen zugrunde“ (© Steffen Link), ist eine der Weisheiten, die man erfährt, und warum Til Schindler sein Knie eingefascht hat. Dazu nur dies: das Springen vom Beckenrand ist in dieser Produktion nicht verboten …

Johanna Mitulla beschäftigt sich derweil schon mit „Mehr Zeit für Probleme. Folge 2: Hobbies“, ein Bereich, meint sie, zu dem Diverses an Assoziation möglich sei, und an dem sie am meisten interessiere, dass „ein Begriff, der früher mit Freude und Freizeit verbunden war, heute auf jene zugeschnitten wird, die gesellschaftlich auf dem absteigenden Ast sind“. Weil, wer beruflich erfolgreich ist, keine Mußestunden ergo keinen Zeitvertreib hat. Mehr darüber bei der Premiere am 31. Jänner. Folge 3 folgt im März.

Video: www.youtube.com/watch?v=NUqNyJTWaLw           www.schauspielhaus.at

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Im Herzen der Gewalt

November 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch auf der Bühne äußerste Selbstentblößung

Nach dem Sex bedroht One-Night-Stand Reda den erschrockenen Édouard mit einer Schusswaffe: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Der Schwere der Aufgabe stemmt sich Schauspieler Steffen Link mit seinem Lausbubencharme entgegen, und Regisseur Tomas Schweigen mit bemerkenswertem Mut zur grotesken Pointe. Schließlich führt in der Romanvorlage ein One-Night-Stand zur Bedrohung mit einer Schusswaffe zur Vergewaltigung, das alles wegen eines gestohlenen Smartphones, und über weite Strecken nicht geschildert vom Protagonisten ist gleich

Gewaltopfer, sondern aus der Perspektive von dessen Schwester in der Provinz. Kein einfaches Unterfangen also, Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ auf die Bühne zu heben, doch Schweigen und sein Chefdramaturg Tobias Schuster haben’s am Schauspielhaus Wien gewagt, und mit ihrer Spielfassung alles gewonnen. Wie auch im Buch changiert Louis‘ literarisches Ich zwischen Scham, Scheu und äußerster Selbstentblößung, und Steffen Link, der nach dieser Hauptrolle nach München wechselt, hat sich den Charakter bis in die Édouard‘isch blondierten Haarspitzen einverleibt.

Seine Performance, im Zusammenwirken mit Josef Mohamed als Reda und Clara Liepsch als Schwester Clara, macht den Abend im Wortsinn zum atemraubenden Kraftakt, in dessen Zentrum ganz klar des Autors Kampfansage an die feindliche Übernahme der eigenen Geschichte, und sei’s ein von gutmeinenden Freunden betriebener Wahrheitsraub, Louis‘ Kriegserklärung an alle Arten von Repression, Rechtsruck, Xenophobie, Homophobie steht. Aber apropos, Wahrheit: Befragen Interviewer den Schriftsteller zu intensiv nach deren Gehalt, kann’s schon sein, dass er aufsteht und geht; die Schuld am Geschehenen trägt bei ihm immer „das System“, das Menschen so oder so zu Untieren macht. Gleich einem autobiografischen Gedächtnis spüren Louis wie Schweigens Bühnenfigur dem plötzlichen Aufbrechen paranoid rassistischer Ressentiments bei sich selbst nach.

Passiert ist nämlich dies: Ausgerechnet in der Heiligen Nacht, auf dem Heimweg von einer Feier bei Freunden, trifft Édouard Louis auf den Kabylen Reda, der Algerier macht ihm Avancen, man erregt sich, eins führt zum anderen, heißt: ins Bett. Nach Sex und Sex und noch einmal Sex erzählt Reda über sich, seine nordafrikanische Herkunft, sein Leben in der Banlieue, seinen Gastarbeiter-Vater, Demütigungen, kulturelle Tabus wie das Schwulsein … Es ist der Treppenwitz dieser Geschichte, dass hier ein gesellschaftlich Ausgegrenzter, der vor seiner reaktionären Prekariatsfamilie in der Picardie nach Paris flüchtete, Louis‘ Vater bezeichnet ihn prinzipiell als „Tunte“, die Mutter beschwerte sich in einer TV-Talkshow nicht darüber, vom Sohn als Le-Pen-Wählerin geoutet, sondern als arm bezeichnet worden zu sein, auf einen anderen trifft.

Reda vergewaltigt den körperlich unterlegenen Édouard: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Die Freunde Didier und Geoffroy beim imaginären Begräbnis: Josef Mohamed und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Im Morgengrauen die Handy-Sache, die Leidenschaft wird brachial, die Angst wächst, Reda würgt Édouard mit seinem Schal, dann der Revolver. Es ist Liepsch als Clara, die ihrem Ehemann von dieser Schreckenstat berichtet, in deren Wohnküche in Hallencourt, einem der Guckkästchenzimmer, die Bühnenbildner Stephan Weber wie querfahrende Paternosterkabinen aneinandergereiht hat und die mit der repetitiven Handlung im Kreis fahren. An diesem Punkt ist Link längst an den Rand von Louis‘ Erlebnis gerückt, er steht tatsächlich „außen vor“, der Poet, der der Pragmatikerin beim Interpretieren und Bewerten seines Traumas zuhören muss, Link, der in großartig komischer Pantomime versucht, ein geschwisterliches Zwiegespräch zustande zu bringen.

Liepsch kann reden wie aufgezogen, sich lustig machen, veralbern, für ihren Mann Édouards überkandideltes Intellektuellengerede, das mutmaßlich Redas Ärger nur verstärkte, imitieren, wie nebenbei ihr Feindbild vom Araber befeuern, schnoddrig Vorurteilsphrasen dreschen – und trotzdem und ehrlich zärtlich-besorgt sein, sobald der Bruder bei ihr eintrifft. Wie sie ihm im Auto eine Zimtschnecke aufzwingt, über neu eröffnete Tankstellen und neu errichtete Wohnbauten plappert, das macht die Peinlichkeit der Situation mit Händen greifbar, doch um nichts weniger die hohe Sensibilität bei gleichzeitiger Gefahr, die von Josef Mohameds Reda ausgeht.

Ins Aus-der-Rolle-Fallen und Aus-der-Szene-Treten, ins Kommentieren, Neukonstruieren und Konfrontieren platzen keinesfalls chronologisch die Rückblenden, auch Albtraumsequenzen. Link und Mohamed lizitieren sich vom Weihnachts-Lustspiel zum Gewaltakt hoch, ersterer retrospektiv die Aggression loslassend, die er im Moment des Missbrauchs nicht erschaffen konnte, mit einem Gefühl, als würde „die Realität wie ein Ei durch das Loch in der Schale ausgeblasen“, zweiterer rasend wie im Rausch, beinahe besinnungslos, bis ihm schwant, was er angerichtet hat, es aber für eine Entschuldigung natürlich zu spät ist.

Aus Begierde wird bald nackte Todesangst: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Trost vom Täter, beobachtet von der Schwester: Steffen Link, Josef Mohamed und Clara Liepsch. © Matthias Heschl

Die Spitalsärztin amüsiert sich prächtig über Édouards Namen: Steffen Link und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende sind alle Édouard: Steffen Link, Josef Mohamed und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Zu dieser zwischenmenschlichen Tragik mengt Schweigen gekonnt eine Art absurden Galgenhumor. Wenn sich Liepsch als Édouards erstversorgende Spitalsärztin gar nicht mehr einkriegt vor Lachen über dessen eigentlichen Namen Bellegueule, zu Deutsch: hübsche Fresse, während dieser verstört und verwirrt auf die Untersuchung seines Intimbereichs wartet. Oder, wenn wiederum Liepsch als die Louis‘ Anzeige aufnehmende Polizistin anzüglich nachhakt, ob denn der maghrebinische Typ sein bevorzugtes Love Toy sei, während Mohamed als uniformierter Kollege räsoniert, das käme davon, wenn man jedem Dahergelaufenen leichtsinnig Tür und Tor öffne.

In einer Irrsinnsimagination sieht Édouard seine besten Freunde Didier und Geoffroy, in Klarnamen die beiden Philosophen und Soziologen Eribon und De Lagasnerie, Mohamed gottvoll mit Denkerbrille, an seinem Grab stehen, zwei von den Einheimischen misstrauisch beäugte „merkwürdige Männer“. Das nimmt dem Vorgeführten kurz die Brisanz und entlässt das Publikum in ein befreiendes Lachen. Surreal wird’s auch zum Schluss, der mit Jeans und blauem Pullover nunmehr alle drei Darsteller als Édouard Louis ausweist. Im dramatischen Ringelreihen putzen sie nach dem Verbrechen wie besessen die Wohnung, alle Räume sind jetzt Édouards Schlafzimmer, um mit künstlichem Pfirsichduft selbst letzte Reste von Redas Körpergeruch zu tilgen. Nachgerade animalisch schnüffeln sie dessen Spur nach, das Erlittene in jede Faser eingeschrieben.

„Mein Körper gehört mir nicht mehr“, sagt Links Édouard. Im quasi Nachspann ist in Leuchtschrift zu lesen, dass es gegen den wirklichen Reda zu einem Gerichtsprozess kam, an dem Louis in seiner Betroffenheit nicht teilnahm. „Hör‘ auf damit, dich immer in andere hineinzuversetzen, das macht mich wütend“, sagt Clara an einer Stelle. Als ob’s nicht das wäre, was not täte. „Im Herzen der Gewalt“ ist derart ein Plädoyer dafür, dass es aus der fatalen Karussellfahrt von Furcht zu Verachtung doch irgendwo einen Ausstieg geben muss.

Video: www.youtube.com/watch?v=_F8HZXnR6d4          www.schauspielhaus.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“ am Volkstheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159

  1. 11. 2019

Schauspielhaus Wien: F for Factory

Oktober 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Halte die Verzweiflung privat und kurz …

Bei Maximilian Brauer geht’s um die Wurst. Bild: © Matthias Heschl

Zum vermuteten Ende hin verliest Maximilian Brauer eine Art Manifest, in dem unter Punkt sechs, oder war es sieben?, aufgelistet steht: „Halte die Verzweiflung privat und kurz“. Nun denn, sie sei in diesem einen Wort formuliert: entbehrlich; ebenso möglich: Zeitvernichtung. Das Schauspielhaus Wien eröffnete die Saison, nachdem das ursprünglich dafür vorgesehene Projekt des Duos Vinge & Müller verschoben werden musste, mit der Stand-up-Anarchie „F for Factory“.

Eine Aktion, die Vinges Stammschauspieler Maximilian Brauer tonangebend ausführte. Dies natürlich eingedenk des norwegischen Theatermachers, und völlig neben der Spur, lässt man sich von der Schauspielhaus-Seite dazu verleiten, irgendetwas von/über/mit Andy Warhol und seinem legendären New Yorker Studio zu erwarten. Die ganze Irreleitung hält sich vielmehr für so impulsiv, dass das Schauspielhaus nicht einmal eines seiner sonst stets inhaltsreichen Programmhefte für angebracht erachtete; statt eines solchen gibt’s einen Vierseiter mit vielen Fotos und ein bisschen Werbung.

„Gleich beginnt der Theaterabend“, verkündet Brauer bereits im Foyer, und als er dies zum x-ten Male tut und eine Dreiviertelstunde „Werkeinführung“ verstreicht, hat man begriffen, dass diese Verabredung nicht eingehalten werden wird. Und düster steigt die Ahnung auf, hier geschieht nichts Wesentliches mehr, hier findet die Komplettverweigerung statt. Theater kann von der Mode also tatsächlich nicht nur zertrümmert, sondern auch zu Tode gequatscht werden, mit dem Ergebnis eines diffusen post-post-post … postfaktisch, und weil dieses bekanntlich schon gestern war, postintellektuell, jedenfalls aber post jeden Inhalts.

Unter Ausschluss von großen Teilen der nicht einmal seinen Haarschopf sehenden Zuschauer kaspert sich Brauer durch den Schauspielhaus-Vorraum, verteilt Sekt und Schokobananen, versucht sich an „Malen nach Zahlen“ und einen Diaprojektor in Gang zu bringen, und gibt einem vorbeifahrenden D-Wagen Regieanweisungen: „Etwas leiser bitte!“ Um Klamauk und Kalauer keine Sekunde lang verlegen, setzt sich das Geduldsspiel schließlich doch im Bühnensouterrain fort, an drei Seiten um die Spielfläche sind Podien fürs Publikum aufgestellt, in der Mitte verspricht Brauer, inzwischen angetan mit einem Quarterback-Kostüm und Runde um Runde übers Parkett drehend, diesem „eine Art Zaubershow ohne Tricks“.

Jesse Inman gibt alles, was immer das auch sein mag. Bild: © Matthias Heschl

Kurz noch die Handgelenke in der ersten Reihe per Handblitz „gescannt“ und auf einer Personenwaage „das Gewicht des Abends“ ermittelt (Brauers 71 Kilo), dann geht’s auch schon los mit dem … Einsudeln mit Ketchup und Schlagobers und Dosenbohnensuppe und dutzendfachen Auslegen desselben Posters als „Siebdruck-Serie“. Brauers „Es geht um Reproduktion“ ist in diesem Moment ohnedies eh klar, heiliger Pop-Art-Artist, bitte für uns …

Wozu, und wirklich: wozu?, Vera von Gunten die Rumpelstilzchen-Litanei „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Andy Warhol heiß‘!“ zum Besten gibt. Und apropos, Bestes, darum bemüht sich auch Jesse Inman als Was-auch-immer. Höhepunkt der krausen Gedankencollage sind zwei Gastauftritte, ein Pizzabote, der bemitleidenswert irritiert ins Tohuwabohu stolpert, bis man ihn aufklärt, wer die beiden Margarithas bestellt hat, und ein Rosenverkäufer mit deutlich mehr Entertainerqualitäten, der – Applaus-Verbeugung-Applaus – beinah nicht wieder aus dem Saal zu kriegen ist.

Dazu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, Laurent Pellissier, kann aber auch Franz Beil sein, als Old Shatterhand für Ärmere, während Brauer einen Rucksack mit der Aufschrift „Verantwortung“ schultert und palettenweise Cola und Gummibonbons ins Publikum schleudert. Auch die Pizzen wurden brüderlich-schwesterlich geteilt. So ist immerhin der Bauch voll, wenn schon der Rest sinnleer. Die Berliner Band Goshawk, zwei E-Gitarren, ein Schlagzeug, schrammelt, als ob ihr Leben daran hänge. Menschen gehen und sind gegangen, andere kommen mit Bier oder nach der Toilette zurück. Zwei Frauen lassen sich selbst durch einen Brauer-Strip nicht zum Bleiben bewegen.

„Ich hoffe es stört euch nicht, wenn ich bis zur nächsten Vorstellung durchspiele“, soll Brauer noch gedroht haben, aber da hörte man selber das Schwermetall von Goshawk schon vom Usus aus – Stichwort: Seelentrösterzweigelt. Was man nach „F for Factory“ fühlt, ist wie Pädagogen-Burn-out. Nach stundenlanger Beobachtung von Zappel-Mäxchen hat einen dessen mit blinkenden Dinosauriern und einem ferngesteuerten Auto ausgelebte Hyperaktivitätsstörung doch ziemlich ermüdet. Wie schrien dereinst Country Joe & The Fish & die Community in Woodstock? „What’s that spell?“ – „F***!“ „F for Factory“ ist jedenfalls was für Sitzfleischmalträtierer und Gehirnmasochisten.

www.schauspielhaus.at

  1. 10. 2019