Schauspielhaus Wien: Mitwisser

März 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Topographie der Masse und ihrer Macht

Simon Bauer, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Lili Epply. Bild: © Matthias Heschl

Die Gruppe Boccia spielender Alter wird sich bald in einer Jugendlicher auflösen. Während erstere den Florida-Traum Port St. Lucie als luftig, licht und lebenswert preisen, trotz allem, hat zweitere die Stadt am Rande der Sümpfe längst mit dem Prädikat Alb- versehen. Trotzdem ist „cool“, was da passiert ist. Einer der Teenager wird später im Internet verkünden: In 20 Jahren kann ich sagen, ich war dabei …

Am Schauspielhaus Wien brachte Regisseur Pedro Martins Beja „Mitwisser“ von Enis Maci zur Uraufführung. Der Text, ausgezeichnet mit dem Hans-Gratzer-Stipendium 2017, ist eine Topographie der Masse und ihrer Macht. Maci beschreibt drei real stattgefunden habende Verbrechen, heißt: sie beschreibt deren Umfeld, Mitschüler, Freunde, Verwandte, Nachbarn, beschreibt deren Aufarbeitung im Internet, Posts, Fotos, Videos, beschreibt was sie das „Ökosystem der Mitwisser“, den Humus der Gewalt, nennt. Über dieses wird zu Gericht gesessen, doch sind die Grenzen zwischen Richter, Verteidiger, Zeugen und Angeklagten mehr als diffus.

Martins Beja lässt seine fünf Spieler, Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger von Position zu Position gleiten, so macht er das Publikum zum Komplizen, die Mitwisser zu Mittätern zu Mitschuldigen. Jene, die kopfschüttelnd den kalten Rückenschauer der Onlineaussagen genießen, sind auch die, die Anzeichen überhören, weil gar nicht hören wollen. Da ist es von Maci nur konsequent, dass ihr Weg sie bis nach Buchenwald führt, vorbei an „Türken bashenden“ Fußballrowdys, die die Frage, wer hier wem was getan hat, logisch nicht beantworten können, hinein in die Mitwisserschaft am Massenmord, dieser größten Schande der Menschheit.

Die in diese Lagebeschreibung eingebetteten Kriminalfälle sind: Eben der von Tyler Hadley in Florida, der seine Eltern mit der Spitzhacke erschlug, und danach im Haus (neben den Leichnamen) eine Riesenparty mit seiner Whats-App-Gruppe feierte, bis er sich offenbarte. Der von Nevin Yildirim, die in der Türkei ihren Vergewaltiger, den Mann ihrer Tante, enthauptete und den Kopf auf den Dorfplatz warf. Wobei sich im Internet die Meinungen, sie hätte ihre Ehre verteidigt beziehungsweise sie sei eine Hure, die Waage halten. Und der vom Deutschen Nils Donath, der sich dem IS anschloss, zum Folterer und Mörder mutierte, aber als ihm die Sache zu heiß wurde, sich lieber einer heimischen Gerichtsbarkeit stellte. Seine Gräuelvideos auf Youtube hat seine Freundin mit der Bemerkung gesehen, das sei zwar „krank“, aber „drüben“ gewesen und hätte mit ihrem gemeinsamen Leben nichts zu tun.

Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Lili Epply. Bild: © Matthias Heschl

Am Schluss blinde Seher: Steffen Link und Lily Epply. Bild: © Matthias Heschl

Maci sucht nach dem morbiden Zustand zwischen Rache und Täterschaft. Dass sie dazu den Urquell griechischer Tragödien aufsucht, dass Martins Beja dazu seinen „Chor“ gruppiert, ist klar. Ödipus, Klytaimnestra, die Ethylen-Trancen des Orakels von Delphi, die inneren Stimmen bei Homer, die wie Vorläufer der Netzkommentare den Protagonisten ihre Entscheidungen abnehmen … was wäre passender um Mord und Gemetzel bis heute zu beschreiben? Maci tut dies sprachmächtig, fesselnd, mit brutaler Poesie, Martins Beja findet dazu gewaltige Bilder, lässt die Koordinaten der Tatorte als Zeichen an die Wand werfen, lässt Szenerien vom Band verlesen. „Somewhere Over The Rainbow“ singt Reznikoff immer verzerrter, am Ende werden die Darsteller mit blinden Seheraugen, manipulativ und zombiehaft Zeugnis ablegen.

Eine Moral von der Geschichte? Gibt es nicht. Maci wertet nicht, sie stellt aus. Dass der Firnis der Zivilisation schon wieder dünner wird, ist eine Wahrheit, der man ohnedies tagtäglich ins Gesicht sehen kann. So man das denn will.

www.schauspielhaus.at

  1. 3. 2018

Schauspielhaus Wien: Abbruch der „Seestadt-Saga“

März 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wegen zahlreicher Anfeindungen und Beschwerden

Tomas Schweigen und Bernhard Studlar bei der Pressekonferenz. Bild: Hubert Weinheimer

Die aktuelle Staffel der „begehbaren Social-Media-Serie“ Seestadt-Saga wird aufgrund mehrerer Beschwerden sowie zahlreicher Anfeindungen vorzeitig abgebrochen. Die vielfältigen (Hinter-)Gründe wurden heute im Rahmen einer öffentlichen Pressekonferenz im Schauspielhaus von Tomas Schweigen, künstlerische Leitung und Regie, und Bernhard Studlar erörtert. Die Seestadt-Saga ist „ein Mash-up aus Theater, Film und Social Media. Eine transmediale Kunstform, bei der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt werden. Wesentliches Merkmal dabei ist Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Ebenen. Was wiederum zu Rückkoppelungen führt. Und zwar in beiden Richtungen“, so Bernhard Studlar, Leiter des Writers‘ Rooms.

Die angestrebte Vermischung von Realität und Fiktion entwickelte eine Eigendynamik, die einerseits das Vorhaben bestätigte, es aber gleichzeitig gefährdete. Insbesondere die Gründung der Bürgerinitiative „Liste Seestadt“ durch den fiktiven Charakter Marko Herz führte wiederholt zu Missverständnissen und zum Teil schwerwiegenden Anfeindungen. Insbesondere als rechtspopulistische Ideen propagiert wurden, hat die Diskussion um die Liste Seestadt eine starke Eigendynamik entwickelt. Tomas Schweigen dazu: „Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass zuletzt selbst unsere ernstgemeinten und realen Statements in der Rezeption als Satire oder Fake verdächtigt wurden und es manchmal niemandem mehr klar war, welche Reaktionen da jetzt noch ernst oder ,gespielt‘ waren – vieles davon ist uns bis heute nicht eindeutig ersichtlich. Es ist jedenfalls in keinster Weise zu kontrollieren. Wir haben uns schweren Herzens dazu entschieden, das Experiment abzubrechen.“

Die geplante Produktion „War is not happening…“ wird aufgrund der Ereignisse zugunsten von „Digitalis Trojana – Der See, die Stadt und das Ende“ abgesagt. Auf verschiedenen Ebenen werden in dieser neu angesetzten Produktion die Handlungsstränge der Seestadt-Saga zu Ende erzählt. Der Theaterabend steht allerdings für sich und setzt keine Vorkenntnisse der Serie voraus. „Digitalis Trojana ist, wenn man so will, ein dramatisches Netz, das an die Social-Media-Serie anknüpft“ sagt Studlar und Schweigen ergänzt: „Ganz allgemein gesagt, wird es um ähnliche Fragestellungen gehen. Um das alltägliche Leben in ,Digitalen Blasen‘. Wie geht man mit Information um, wenn Fake News und Wirklichkeit sind nicht mehr zu trennen sind? Wie nutzen Populisten und autoritäre Systeme die Macht der Algorithmen, die für diese Blasen verantwortlich sind.“ Uraufführung ist am 12. 5. im Schauspielhaus Wien.

www.schauspielhaus.at

9. 3. 2018

Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen im Gespräch

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Seestadt-Saga: Start der zweiten Staffel

Screenshot: Schauspielhaus Wien

Mit diesem Wochenende startet die zweite Staffel der ersten begehbaren Social-Media-Serie „Seestadt-Saga“. Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen im Gespräch über das außergewöhnliche Projekt:

MM: Wie hat der erste Teil der Seestadt-Saga funktioniert und welche Lehren haben Sie gezogen?

Tomas Schweigen: Wir waren sehr zufrieden. Erschöpft, aber zufrieden. So etwas hatte ja zuvor noch niemand gemacht, mit diesem Echtzeiteffekt, dass Autoren während das Ding schon läuft weiterschreiben, dass wir auch ein Filmteam unterwegs hatten, das ein Recapvideo drehte, eine Wochenzusammenfassung für Leute, die Handlungsstränge versäumt haben. Wir haben sehr viel Zeit in der Seestadt verbracht, weil wir ja alles live gemacht haben, auch Events, Feste, die Gründung der „Liste Seestadt“. Dabei konnten Zuschauer mit den Figuren in Kontakt treten und auch Fragen stellen.

MM: Das heißt?

Schweigen: Wir machen zwar eine Social-Media-Serie, aber eine, die begehbar ist. Und das war ein riesiger Lernprozess. Wir hatten wirklich 25 Tage lang keine Pause und keine Zeit, zu kompensieren oder Verzögerungen aufzuholen. Ich glaube, diesmal sind wir besser vorbereitet, was die eine oder andere Sache betrifft.

MM: Wie viele Menschen haben denn teilgenommen?

Schweigen: Das ist schwer zu sagen, wenn etwas nicht im Theaterraum stattfindet, wo die Zuschauer abgezählt werden können. Wir hatten Events da waren circa 50 Leute dabei. Im Netz hatten wir einige tausend „Zuschauer“, die die Serie regelmäßig verfolgt haben. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass wir weit mehr Leute erreicht haben, als wenn wir eine übliche Produktion im Theaterraum gemacht hätten.

MM: Was wird neu in der zweiten Staffel?

Schweigen: Im Großen und Ganzen werden die Figuren die gleichen bleiben. Nur die Dokumentarfilmerin Nora Kinski ist mit ihrem Film fertig, die Figur ist abgespielt. Dafür wird Philipp, der Freund von Kathi Schindegger eine größere Rolle bekommen. Und mit Marko Herz geht es natürlich auch spannend weiter. Das Ganze entwickelt sich mehr und mehr zu einem Mystery-Thriller.

MM: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Autorenteam gemacht? Heißt: Inwieweit beeinflusst die Interaktion der Teilnehmer, wie es weitergeht, inwieweit ist die Serie ganz restriktiv gescriptet?

Schweigen: Es ist eine Mischung aus beidem. Der generelle Bogen ist gescriptet, sonst würde die Storyline permanent Gefahr laufen, sich aufzulösen. Was Bernhard Studlar, Lorenz Langenegger und ich vorgegeben haben, ist die grobe Handlung, sind die Figurenprofile und die Cliffhanger. Es gibt ja zum Beispiel auch eine Verschwundene, und da war wichtig festzulegen, wann die jeweils wieder auftaucht. Soweit das Gerüst, an das sich jeder Autor halten muss. Es war ja so, dass jede Autorin und jeder Autor eine Figur bekommen hat, für die er schreiben musste, nicht wie das bei Fernsehserien üblich ist, dass Autoren ganze Folgen schreiben. Was sehr schön war, weil jeder mit seinem Schreibstil, seinen Ideen einen Charakter geformt hat.

Screenshot: Schauspielhaus Wien

MM: Und es bedingt bei den Autorinnen und Autoren eine Reaktion, einen Austausch, denn ich muss auf meinen Mitschreiber und was er seine Figur tun lässt eingehen.

Schweigen: Absolut. Das wurde immer im Writer’s Room besprochen. Während die Serie lief hatten wir so etwas wie Redaktionssitzungen, in denen das abgeklärt wurde. Und damit das in Echtzeit auch funktionieren kann, hatten die Schauspieler den Freiraum, mit ihrer Figur selber zu reagieren, auf einen Online-Beitrag beispielsweise. Die Performer waren gut gebrieft, was ihre Charaktere betraf, was wichtig ist für Situationen, in denen dich jederzeit ein Zuschauer ansprechen kann.

MM: Wie haben die Seestädterinnen und Seestädter reagiert, und wie die ortsansässigen Lokalbetreiber?

Schweigen: Was die Anrainer betrifft, waren auch welche dabei, die zum Beispiel bei der Gründungsveranstaltung der „politischen Liste Seestadt“ nicht gleich bemerkt haben, dass sie Teil der Seestadt-Saga sind. Die haben das für eine echte Initiative gehalten. Nun ist es zwar so, dass wir in der Serie mit den Themen Fiktion und Realität spielen, aber wir haben in heiklen Situationen dann Flyer verteilt, um auf die Fiktion der Situation hinzuweisen. Mit den Lokalbesitzern hatten wir’s extrem gut. Die Leute waren sehr zuvorkommend und sehr interessiert.

MM: Wie groß war der Aufwand? Wie viele Kameras sind im Einsatz?

Schweigen: Diesmal nur eine, bei Staffel eins waren es zwei. Die Performer bekommen einen Tagesplan, wann sie wo sein müssen. Es ist – 24 Stunden ist vielleicht ein wenig übertrieben – schon ein Job von sieben Uhr früh bis spät in die Nacht.

MM: Die ersten drei neuen Termine stehen schon fest?

Schweigen: Ja. 2. März, 19 Uhr, Fahrradgeschäft „United in Cycling“. 3. März, 14 Uhr, Büro der Liste Seestadt, Mimi-Grossberg-Gasse 4. Und 4. März, 15 Uhr, Notgalerie bei der U2 Aspern Nord. Die ist sowieso ein Tipp, wenn man sie noch nicht gesehen hat. Das ist eine alte Notkirche, ein Holzbau, der nicht mehr gebraucht wurde und von Reinhold Zisser gerettet wurde und nun als Kunstort bespielt wird. Was dort genau stattfindet, erfährt man aus den Social Medias.

MM: Gibt es bei Erfolg eine weitere Staffel?

Schweigen: Es ist Weiteres geplant, sagen wir’s einmal so.

seestadt-saga.at

schauspielhaus.at

2. 3. 2018

Schauspielhaus Wien: Ein Körper für Jetzt und Heute

Januar 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Story über Selbstermächtigungsharakiri

Vera von Gunten und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Ausgehend von der Tatsache, dass Homosexualität im Iran bis hin zur Todesstrafe geahndet wird, gleichzeitig Geschlechtsumwandlungen nicht nur offiziell gestattet, sondern unter bestimmten Voraussetzungen sogar staatlich kofinanziert werden, hat Mehdi Moradpour seinen enigmatisch-poetischen Text „Ein Körper für Jetzt und Heute“ verfasst. Zino Wey hat die Uraufführung am Schauspielhaus Wien inszeniert; das Bühnenbild von Davy van Gerven zeigt einen Neuköllner Brunnen, um den und vor allem in dem sich die Darsteller tummeln.

Ein „Gentrification“-Graffiti macht klar, im Stück geht es längst nicht nur um die Kadaver der Zivilisation und die ideologischen Trümmer, die anderswo herumliegen. Auch im Glashäusermeer findet Ungleichheit statt, wenn es ums Geschlechtliche geht, gibt es Verhaltensmaßregeln fürs Richtig und fürs Falsch. Entsprechend „westlich“ sind die Schauspieler Simon Bauer, Vera von Gunten, Steffen Link und Martina Spitzer in Parkas und Pullover gekleidet. Als wär’s eine Uniform für den Protest, für ihren vierstimmigen Monolog gegen Aus- und Abgrenzung von Menschen.

Simon Bauer gestaltet die Figur Elija, die nicht ins gängige Konzept von Männlich-Weiblich passt. Gott, der bekanntlich keine Fehler macht, ist dieser eine unterlaufen, sagt die Mutter. Vor dem Vater gelingt die Flucht in die größere, anonymere Stadt, wo eine wohlwollende Kusine Elija von Instanz zu Institution schleppt. Mit dem Ergebnis, dass dieser von allen Seiten, Ärzten bis Imamen, der Arbeitgeber höchstselbst sagt, er würde Elija in diesem Falle sogar heiraten, zur Operation gedrängt wird. Elija liebt Fanis, Steffen Link, also willigt er ein …

Es ist spätestens diese Stelle, an der Moradpours Stück in die Selbstoptimierungs-Science-Fiction kippt. Denn Elija (wie auch der später dazukommende geheimnisvolle Flo) hat eine universellere Fantasie als das gängige Mann-Frau-Schema. „Mein Körper ohne Ort, aber mit Zukunft“, keine Geschlechterbarrieren, keine gesellschaftlichen Zuschreibungen, das wünscht er sich. Sich verändern für den anderen, sich erweitern für sich selbst … Identität und deren Bildung nämlich, sagt Moradpour an dieser Stelle, hat auch was mit einem rassistischen, sexistischen Kulturkampf zu tun; er flicht surreale Traumsequenzen in seine Handlung, die von Zino Wey als großformatige Kamerabilder umgesetzt werden, und lässt „aus dem manuskript der verschwundenen studentin“ zitieren.

Vera von Gunten, Steffen Link, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Vera von Gunten, Simon Bauer und Martina Spitzer. Bild: © Matthias Heschl

Ihre Stimme vor allem ist es, die die Tiraden jener Mehrheiten anprangert, die „das schöne“ und „das reine“ mit der scheußlichsten Wortwahl suchen. „genau wie ethnozentrische und identitäre bestrebungen. hier wird mit einem besonderen eifer eine bekenntnis zu klaren normen, werten und zuschreibungen verlangt“, lässt sich dazu im Programmheft nachlesen. Und während Moradpour noch die soziale Anpassungsmatrix analysiert, die Stereotype und die Schablonen ausforscht, ereignet sich auf der Bühne Dramatisches.

Während Fanis – aus Schuldbewusstsein gegenüber Elija? – eine Niere für eine Dialysepatientin geben will, entschließt sich Elija, verzweifelt über den neuen-alten Körper, zur nächsten Operation. Sein Selbstermächtigungsharakiri hat begonnen, und er hat beschlossen eine Tier-Mensch-Maschine, ein Er-Sie-Es zu werden … ein sozialer Körper, in der Hoffnung, dass, was sich zwischen den Polen bewegt, dann endlich akzeptiert wird.

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

www.schauspielhaus.at

  1. 1. 2018