Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

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  1. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Das Programm der Saison 2018/19

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Status Quo eines gemeinsamen Europas erheben

Matthias Riesenhuber, Tomas Schweigen, kaufmännischer und künstlerischer Leiter des Schauspielhauses Wien, und Chefdramaturg Tobias Schuster stellen die Saison 2018/19 vor. Bild: Giovanna Bolliger

Den Weg eines politisch engagierten, ästhetisch und inhaltlich avancierten Autorentheaters mit einer großen Vielfalt unterschiedlicher Regiehandschriften will man am Schauspielhaus Wien auch in der kommenden Saison fortbeschreiten. Tomas Schweigen, künstlerischer Leiter, der seinen Vertrag soeben bis 2023 verlängerte, und Tobias Schuster, leitender Dramaturg, stellten heute den neuen Spielplan vor, der kaufmännische Leiter Matthias Riesenhuber resümierte die Ergebnisse der vergangenen Saison. Man wolle vor allem, so Schweigen, jene Reihe an Inszenierungen fortsetzen, die sich mit dem Status Quo und der Zukunft Europas beschäftigen, und ein Plädoyer für ein liberales Europa abgeben.

Los geht’s entsprechend am 26. September mit der österreichischen Erstaufführung von Robert Menasses „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646).  In „Punk & Politik“, der Eröffnungspremiere Schweigens im Herbst 2015, war Robert Menasse in einem Video zu sehen und schilderte seinen Plan eines Brüssel-Romans. Drei Jahre später beginnt mit dessen Dramatisierung die Saison: ein spannendes, humorvolles, melancholisches, ein wichtiges Werk für diese polarisierte Zeit. Regie führt Lucia Bihler, die sich 2016 mit ihrer bildstarken Inszenierung von Schnitzlers „Der grüne Kakadu“ am Haus vorstellte. Die Premiere der „Hauptstadt“ ist gleichzeitig der Startschuss zum Eröffnungsfestival „melancholie im september – survival of the weakest“, das in Partnerschaft mit der Schule für Dichtung umgesetzt wird. Thematisiert wird ein Gemütszustand, so tragi- wie -komisch, und zu sehen ist unter anderem das „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ aus Zagreb.

Am 8. November folgt „Schlafende Männer“. Martin Crimp ließ sich für sein jüngstes Stück vom gleichnamigen Gemälde von Maria Lassnig inspirieren und spielt mit zahlreichen Referenzen aus dem Wiener Aktionismus – Regie bei der österreichischen Erstaufführung dieser surrealen Zimmerschlacht, die sich „vom Beziehungsdrama zum Horrorstück mit blutigem Ende“ steigert, führt Tomas Schweigen. Franz-Xaver Mayr begibt sich – nach seinem Ausflug ans Burgtheater – mit Enis Maci, die eben erst ex aequo mit Thomas Köck von Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres 2018 gekürt wurde, in eine Zusammenarbeit im Rahmen des „Arbeitsateliers“: Sie arbeiten an Macis‘ neuem Stück „Autos“, ein Kammerspiel in ebendiesen, ein Familienthriller um Verrat, Herkunft und Rassismus. Die Uraufführung ist am 12. Jänner. Elsa-Sophie Jach inszeniert das diesjährige Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums, „Sommer“ von Sean Keller. Schweigen: „Es spielt im Jahr 3000, in dem die Menschheit gespalten ist in eine Weltraumkolonie und Gefangene in einer Zeitschleife, die immer wieder die 2000-Jahre durchleben.“ Uraufführung ist am 9. Februar.

Auf den 7. März fällt der Auftakt zur zweijährigen Serie „Was ihr wollt“, die „nicht Shakespeare, sondern Fragen der politischen Teilhabe und der politischen Willensbildung“ behandeln wird, so Schweigen. Gemeinsam mit der Gruppe FUX, die sich 2017 mit „Frotzler-Fragmente“ am Haus vorgestellt hatte, und dem Theater Oberhausen erhielt das Schauspielhaus Wien den Zuschlag der deutschen Kulturstiftung des Bundes für diese Kooperation; als erstes Projekt wird FUX am Schauspielhaus Wien die Inszenierung „Was Ihr wollt: Der Film“ realisieren – ein Dokumentarfilm, der live auf der Bühne entsteht. Es folgt am 26. April die österreichische Erstaufführung von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex 1 + 2“ in der Regie von Tomas Schweigen. In den Buchbestsellern wechselt ein bankrotter Ex-Plattenladenbesitzer die Wohnungen und WGs seiner Freunde, um sich mietfrei über Wasser halten zu können. Ein Gesellschaftspanorama, das als eine der großen literarischen Analysen des Rechtsrucks in Europa gilt und zwischen anarchischem Witz und tieftraurigen Momenten hin und her springt.

Miroslava Svolikova, Gewinnerin des Hans-Gratzer-Stipendiums 2016, wird in diesem Jahr mit dem AutorInnen-Preis der Theaterallianz ausgezeichnet. Im Juni wird die Uraufführung von „Der Sprecher und die Souffleuse“ in einer Kooperation mit dem Grazer Theater am Lend im Rahmen der Theaterallianz am Schauspielhaus Wien zu sehen sein. Eine politische Farce um die Albtraumsituation, dass eine Theatervorstellung beginnen soll, aber die Schauspieler fehlen. Wer hat jetzt das Recht, die Bühne zu entern? Kleinere Produktionen im Nachbarhaus und eine Reihe von Specials und Gastspielen runden das Programm ab. Aus diesen hervorzuheben: „Café Bravo“ von Felix Krakau über die berühmt-berüchtigte Jugendzeitschrift (Uraufführung: 31. Oktober) und das Coming-of-Age-Stück „Oh Schimmi“ von Teresa Präauer, eine Kooperation mit dem Bregenzer Theater Kosmos (Premiere: 24. November).

Der  neue kaufmännische Leiter und Geschäftsführer Matthias Riesenhuber berichtete schließlich, dass das Geschäftsjahr 2017 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden konnte. Für das laufende Jahr rechne er damit, die Vorjahreszahlen erneut zu erreichen, vielleicht sogar zu übertreffen. Die Besucherzahlen sind über die vergangenen Jahre stabil geblieben, die Auslastung lag weitgehend konstant zwischen 75 und 80%. Die durchschnittliche Zuschauerzahl pro Vorstellung konnte um 8% gesteigert werden. Weiterhin ist der Zuspruch beim Publikum unter 30 Jahren zunehmend und liegt bei mehr als 50 %, wie im Frühjahr eine aktuelle Besucherumfrage ergeben habe. Neu und unter der Schirmherrschaft von Rudolf Scholten ist „HausfreundIn in Gold“: Um 299 Euro für einen, 499 Euro für zwei Personen, erhält man Eintritt zu allen Vorstellungen inklusive der Premieren und Ermäßigungen in einigen umliegenden Lokalen.

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7. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Mitwisser

März 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Topographie der Masse und ihrer Macht

Simon Bauer, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Lili Epply. Bild: © Matthias Heschl

Die Gruppe Boccia spielender Alter wird sich bald in einer Jugendlicher auflösen. Während erstere den Florida-Traum Port St. Lucie als luftig, licht und lebenswert preisen, trotz allem, hat zweitere die Stadt am Rande der Sümpfe längst mit dem Prädikat Alb- versehen. Trotzdem ist „cool“, was da passiert ist. Einer der Teenager wird später im Internet verkünden: In 20 Jahren kann ich sagen, ich war dabei …

Am Schauspielhaus Wien brachte Regisseur Pedro Martins Beja „Mitwisser“ von Enis Maci zur Uraufführung. Der Text, ausgezeichnet mit dem Hans-Gratzer-Stipendium 2017, ist eine Topographie der Masse und ihrer Macht. Maci beschreibt drei real stattgefunden habende Verbrechen, heißt: sie beschreibt deren Umfeld, Mitschüler, Freunde, Verwandte, Nachbarn, beschreibt deren Aufarbeitung im Internet, Posts, Fotos, Videos, beschreibt was sie das „Ökosystem der Mitwisser“, den Humus der Gewalt, nennt. Über dieses wird zu Gericht gesessen, doch sind die Grenzen zwischen Richter, Verteidiger, Zeugen und Angeklagten mehr als diffus.

Martins Beja lässt seine fünf Spieler, Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger von Position zu Position gleiten, so macht er das Publikum zum Komplizen, die Mitwisser zu Mittätern zu Mitschuldigen. Jene, die kopfschüttelnd den kalten Rückenschauer der Onlineaussagen genießen, sind auch die, die Anzeichen überhören, weil gar nicht hören wollen. Da ist es von Maci nur konsequent, dass ihr Weg sie bis nach Buchenwald führt, vorbei an „Türken bashenden“ Fußballrowdys, die die Frage, wer hier wem was getan hat, logisch nicht beantworten können, hinein in die Mitwisserschaft am Massenmord, dieser größten Schande der Menschheit.

Die in diese Lagebeschreibung eingebetteten Kriminalfälle sind: Eben der von Tyler Hadley in Florida, der seine Eltern mit der Spitzhacke erschlug, und danach im Haus (neben den Leichnamen) eine Riesenparty mit seiner Whats-App-Gruppe feierte, bis er sich offenbarte. Der von Nevin Yildirim, die in der Türkei ihren Vergewaltiger, den Mann ihrer Tante, enthauptete und den Kopf auf den Dorfplatz warf. Wobei sich im Internet die Meinungen, sie hätte ihre Ehre verteidigt beziehungsweise sie sei eine Hure, die Waage halten. Und der vom Deutschen Nils Donath, der sich dem IS anschloss, zum Folterer und Mörder mutierte, aber als ihm die Sache zu heiß wurde, sich lieber einer heimischen Gerichtsbarkeit stellte. Seine Gräuelvideos auf Youtube hat seine Freundin mit der Bemerkung gesehen, das sei zwar „krank“, aber „drüben“ gewesen und hätte mit ihrem gemeinsamen Leben nichts zu tun.

Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger und Lili Epply. Bild: © Matthias Heschl

Am Schluss blinde Seher: Steffen Link und Lily Epply. Bild: © Matthias Heschl

Maci sucht nach dem morbiden Zustand zwischen Rache und Täterschaft. Dass sie dazu den Urquell griechischer Tragödien aufsucht, dass Martins Beja dazu seinen „Chor“ gruppiert, ist klar. Ödipus, Klytaimnestra, die Ethylen-Trancen des Orakels von Delphi, die inneren Stimmen bei Homer, die wie Vorläufer der Netzkommentare den Protagonisten ihre Entscheidungen abnehmen … was wäre passender um Mord und Gemetzel bis heute zu beschreiben? Maci tut dies sprachmächtig, fesselnd, mit brutaler Poesie, Martins Beja findet dazu gewaltige Bilder, lässt die Koordinaten der Tatorte als Zeichen an die Wand werfen, lässt Szenerien vom Band verlesen. „Somewhere Over The Rainbow“ singt Reznikoff immer verzerrter, am Ende werden die Darsteller mit blinden Seheraugen, manipulativ und zombiehaft Zeugnis ablegen.

Eine Moral von der Geschichte? Gibt es nicht. Maci wertet nicht, sie stellt aus. Dass der Firnis der Zivilisation schon wieder dünner wird, ist eine Wahrheit, der man ohnedies tagtäglich ins Gesicht sehen kann. So man das denn will.

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  1. 3. 2018

Schauspielhaus Wien: Abbruch der „Seestadt-Saga“

März 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wegen zahlreicher Anfeindungen und Beschwerden

Tomas Schweigen und Bernhard Studlar bei der Pressekonferenz. Bild: Hubert Weinheimer

Die aktuelle Staffel der „begehbaren Social-Media-Serie“ Seestadt-Saga wird aufgrund mehrerer Beschwerden sowie zahlreicher Anfeindungen vorzeitig abgebrochen. Die vielfältigen (Hinter-)Gründe wurden heute im Rahmen einer öffentlichen Pressekonferenz im Schauspielhaus von Tomas Schweigen, künstlerische Leitung und Regie, und Bernhard Studlar erörtert. Die Seestadt-Saga ist „ein Mash-up aus Theater, Film und Social Media. Eine transmediale Kunstform, bei der die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt werden. Wesentliches Merkmal dabei ist Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Ebenen. Was wiederum zu Rückkoppelungen führt. Und zwar in beiden Richtungen“, so Bernhard Studlar, Leiter des Writers‘ Rooms.

Die angestrebte Vermischung von Realität und Fiktion entwickelte eine Eigendynamik, die einerseits das Vorhaben bestätigte, es aber gleichzeitig gefährdete. Insbesondere die Gründung der Bürgerinitiative „Liste Seestadt“ durch den fiktiven Charakter Marko Herz führte wiederholt zu Missverständnissen und zum Teil schwerwiegenden Anfeindungen. Insbesondere als rechtspopulistische Ideen propagiert wurden, hat die Diskussion um die Liste Seestadt eine starke Eigendynamik entwickelt. Tomas Schweigen dazu: „Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass zuletzt selbst unsere ernstgemeinten und realen Statements in der Rezeption als Satire oder Fake verdächtigt wurden und es manchmal niemandem mehr klar war, welche Reaktionen da jetzt noch ernst oder ,gespielt‘ waren – vieles davon ist uns bis heute nicht eindeutig ersichtlich. Es ist jedenfalls in keinster Weise zu kontrollieren. Wir haben uns schweren Herzens dazu entschieden, das Experiment abzubrechen.“

Die geplante Produktion „War is not happening…“ wird aufgrund der Ereignisse zugunsten von „Digitalis Trojana – Der See, die Stadt und das Ende“ abgesagt. Auf verschiedenen Ebenen werden in dieser neu angesetzten Produktion die Handlungsstränge der Seestadt-Saga zu Ende erzählt. Der Theaterabend steht allerdings für sich und setzt keine Vorkenntnisse der Serie voraus. „Digitalis Trojana ist, wenn man so will, ein dramatisches Netz, das an die Social-Media-Serie anknüpft“ sagt Studlar und Schweigen ergänzt: „Ganz allgemein gesagt, wird es um ähnliche Fragestellungen gehen. Um das alltägliche Leben in ,Digitalen Blasen‘. Wie geht man mit Information um, wenn Fake News und Wirklichkeit sind nicht mehr zu trennen sind? Wie nutzen Populisten und autoritäre Systeme die Macht der Algorithmen, die für diese Blasen verantwortlich sind.“ Uraufführung ist am 12. 5. im Schauspielhaus Wien.

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9. 3. 2018

Schauspielhaus Wien: Tomas Schweigen im Gespräch

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Seestadt-Saga: Start der zweiten Staffel

Screenshot: Schauspielhaus Wien

Mit diesem Wochenende startet die zweite Staffel der ersten begehbaren Social-Media-Serie „Seestadt-Saga“. Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen im Gespräch über das außergewöhnliche Projekt:

MM: Wie hat der erste Teil der Seestadt-Saga funktioniert und welche Lehren haben Sie gezogen?

Tomas Schweigen: Wir waren sehr zufrieden. Erschöpft, aber zufrieden. So etwas hatte ja zuvor noch niemand gemacht, mit diesem Echtzeiteffekt, dass Autoren während das Ding schon läuft weiterschreiben, dass wir auch ein Filmteam unterwegs hatten, das ein Recapvideo drehte, eine Wochenzusammenfassung für Leute, die Handlungsstränge versäumt haben. Wir haben sehr viel Zeit in der Seestadt verbracht, weil wir ja alles live gemacht haben, auch Events, Feste, die Gründung der „Liste Seestadt“. Dabei konnten Zuschauer mit den Figuren in Kontakt treten und auch Fragen stellen.

MM: Das heißt?

Schweigen: Wir machen zwar eine Social-Media-Serie, aber eine, die begehbar ist. Und das war ein riesiger Lernprozess. Wir hatten wirklich 25 Tage lang keine Pause und keine Zeit, zu kompensieren oder Verzögerungen aufzuholen. Ich glaube, diesmal sind wir besser vorbereitet, was die eine oder andere Sache betrifft.

MM: Wie viele Menschen haben denn teilgenommen?

Schweigen: Das ist schwer zu sagen, wenn etwas nicht im Theaterraum stattfindet, wo die Zuschauer abgezählt werden können. Wir hatten Events da waren circa 50 Leute dabei. Im Netz hatten wir einige tausend „Zuschauer“, die die Serie regelmäßig verfolgt haben. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass wir weit mehr Leute erreicht haben, als wenn wir eine übliche Produktion im Theaterraum gemacht hätten.

MM: Was wird neu in der zweiten Staffel?

Schweigen: Im Großen und Ganzen werden die Figuren die gleichen bleiben. Nur die Dokumentarfilmerin Nora Kinski ist mit ihrem Film fertig, die Figur ist abgespielt. Dafür wird Philipp, der Freund von Kathi Schindegger eine größere Rolle bekommen. Und mit Marko Herz geht es natürlich auch spannend weiter. Das Ganze entwickelt sich mehr und mehr zu einem Mystery-Thriller.

MM: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Autorenteam gemacht? Heißt: Inwieweit beeinflusst die Interaktion der Teilnehmer, wie es weitergeht, inwieweit ist die Serie ganz restriktiv gescriptet?

Schweigen: Es ist eine Mischung aus beidem. Der generelle Bogen ist gescriptet, sonst würde die Storyline permanent Gefahr laufen, sich aufzulösen. Was Bernhard Studlar, Lorenz Langenegger und ich vorgegeben haben, ist die grobe Handlung, sind die Figurenprofile und die Cliffhanger. Es gibt ja zum Beispiel auch eine Verschwundene, und da war wichtig festzulegen, wann die jeweils wieder auftaucht. Soweit das Gerüst, an das sich jeder Autor halten muss. Es war ja so, dass jede Autorin und jeder Autor eine Figur bekommen hat, für die er schreiben musste, nicht wie das bei Fernsehserien üblich ist, dass Autoren ganze Folgen schreiben. Was sehr schön war, weil jeder mit seinem Schreibstil, seinen Ideen einen Charakter geformt hat.

Screenshot: Schauspielhaus Wien

MM: Und es bedingt bei den Autorinnen und Autoren eine Reaktion, einen Austausch, denn ich muss auf meinen Mitschreiber und was er seine Figur tun lässt eingehen.

Schweigen: Absolut. Das wurde immer im Writer’s Room besprochen. Während die Serie lief hatten wir so etwas wie Redaktionssitzungen, in denen das abgeklärt wurde. Und damit das in Echtzeit auch funktionieren kann, hatten die Schauspieler den Freiraum, mit ihrer Figur selber zu reagieren, auf einen Online-Beitrag beispielsweise. Die Performer waren gut gebrieft, was ihre Charaktere betraf, was wichtig ist für Situationen, in denen dich jederzeit ein Zuschauer ansprechen kann.

MM: Wie haben die Seestädterinnen und Seestädter reagiert, und wie die ortsansässigen Lokalbetreiber?

Schweigen: Was die Anrainer betrifft, waren auch welche dabei, die zum Beispiel bei der Gründungsveranstaltung der „politischen Liste Seestadt“ nicht gleich bemerkt haben, dass sie Teil der Seestadt-Saga sind. Die haben das für eine echte Initiative gehalten. Nun ist es zwar so, dass wir in der Serie mit den Themen Fiktion und Realität spielen, aber wir haben in heiklen Situationen dann Flyer verteilt, um auf die Fiktion der Situation hinzuweisen. Mit den Lokalbesitzern hatten wir’s extrem gut. Die Leute waren sehr zuvorkommend und sehr interessiert.

MM: Wie groß war der Aufwand? Wie viele Kameras sind im Einsatz?

Schweigen: Diesmal nur eine, bei Staffel eins waren es zwei. Die Performer bekommen einen Tagesplan, wann sie wo sein müssen. Es ist – 24 Stunden ist vielleicht ein wenig übertrieben – schon ein Job von sieben Uhr früh bis spät in die Nacht.

MM: Die ersten drei neuen Termine stehen schon fest?

Schweigen: Ja. 2. März, 19 Uhr, Fahrradgeschäft „United in Cycling“. 3. März, 14 Uhr, Büro der Liste Seestadt, Mimi-Grossberg-Gasse 4. Und 4. März, 15 Uhr, Notgalerie bei der U2 Aspern Nord. Die ist sowieso ein Tipp, wenn man sie noch nicht gesehen hat. Das ist eine alte Notkirche, ein Holzbau, der nicht mehr gebraucht wurde und von Reinhold Zisser gerettet wurde und nun als Kunstort bespielt wird. Was dort genau stattfindet, erfährt man aus den Social Medias.

MM: Gibt es bei Erfolg eine weitere Staffel?

Schweigen: Es ist Weiteres geplant, sagen wir’s einmal so.

seestadt-saga.at

schauspielhaus.at

2. 3. 2018