Wiener Festwochen: Der Auftrag

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr Heiner Müller geht nicht

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller, Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller mit der drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Das mit den Königspudel-Cheerleadern erschließt sich nur bedingt. Wegen des von der ErstenLieben verlangten Vergewaltigungsakts der „schwarzen Hündin“? Au, Hirnverstauchung, das wär‘ aber ums Eck gedacht. Na, macht ja nix. Das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zeigt bei den Wiener Festwochen Heiner Müllers „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“, und die Produktion aus Hannover hat auf ihrem Weg ans Theater an der Wien nichts an Farbe eingebüßt.

Liberté, égalité, fraternité steht nicht nur in großen Lettern über der Bühne, sondern den Darstellern buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch das letztlich eine Ins-Konzept-Quetschung, weil, was hatten Debuisson und das Ideal der Gleichheit aller Menschen je miteinander zu tun? Aber, apropos Idee und Konzept, Unterwerfung unter beide, so noch das Wörtchen Regie- davor steht, muss sein. Und so laden Kühnel und Kuttner ins Varieté der Eitelkeiten, mitten rein also in die Politik, willkommen, bienvenue, welcome, was wird dieser Tage nicht ein Zirkus gemacht um Ideologien und politische Zeitenwenden, deren Stunde dann doch nicht schlägt. Es spricht, und zwar beinah ausschließlich, Heiner Müller himself. Die Regisseure machen den Mitschnitt einer Lesung aus dem Jahr 1980 zur Tonspur ihrer Inszenierung, das hat schon was, der DDR-Dichter und Andersdenker mit seiner nasalen, schmucklosen Stimme, die sich nie hebt und nichts hervorhebt, und man weiß spätestens jetzt, warum Heiner-Müller-Stücke als enigmatisch zu gelten haben: Die Schauspieler haben ihn mutmaßlich nicht verstanden, akustisch heißt das, übers Metaphorische lässt sich ohnedies nur orakeln.

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Sarah Franke und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Julia Schmalbrock und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Im Theater der weißen Revolution: Corinna Harfouch beobachtet den Kampf Robespierre gegen Danton. Bild: © Katrin Ribbe

Theater der weißen Revolution: Papp-Danton gegen Karton-Robespierre. Bild: © Katrin Ribbe

Der Star in der Manege ist Corinna Harfouch als Debuisson, angetan als Weißclown und den Großteil des Abends als Müllers stumme Dienerin beschäftigt. Erst beim Fahrstuhl-Monolog darf sie die eigene Stimme erheben. Das tut sie anfangs karikaturhaft sächselnd, bis ihr das Clownesk-Komödiantische ins Grauen wegbricht. Dies ungefähr auch die beiden Temperaturen, zwischen denen die Aufführung wechselt. Wie sie ihren Debuisson mit großen, beinah stummfilmhaften Gesten, weil die Figur hier ja allegorisch-überlebensgroß erscheint, über die Bühne schiebt, ist eine Sensation. Sie hat sich selbst choreografiert, ihren Auftritt mit eckigen Bewegungen wie ein bizarres Ballett ausgestaltet. Harfouch ist der Höhepunkt des Abends. Ihre Mitrevolutionäre sind Janko Kahle als roter Löwenbändiger-Galloudec und Hagen Oechel als ein Sasportas, dem der Glaube an die Freiheit so eingebläut wurde, dass sich sogar seine Haut danach färbte. „Wir sind nicht gleich, bis wir einander nicht die Haut abgezogen haben“, sagt die Figur einmal und in diesem Fall könnte diese ihr Outfit an die Blue Man Group verleihen.

Artisten Tiere Attraktionen. In der nächsten Abteilung eine Käfignummer, ein Zaubertrick, der aber niemanden entfesselt. Der sterbende Sklave, dessen die drei Emissäre der Französischen Revolution bei ihrer Ankunft auf Jamaika als erstes ansichtig werden, muss in seinem Foltergefängnis verbleiben. Sie wissen schon, Zitat „Einem können wir nicht helfen“. Mit solcherart skurrilbunten Bildern und den sphärisch mahlenden Postrockklängen der „Tentakel von Delphi“ rund um Harfouch-Sohn Hannes Gwisdek geht es weiter. Antoine nebst Gattin sind zu biederbourgeouiser Petite-Fleur-Kaffeekanne nebst Tasse mutiert, er hat den überdimensionalen Ausgießer genau da, wo!, wenigstens das ein Glück; den Brief, der die Rückblende einleitet, überreicht ausgerechnet einer der Matrosen von Kronstadt. Rote-Fahne-Schwenken inklusive. Die ErsteLiebe lebt mit ihren Pudeln offensichtlich auf Tara, schlechte Tonqualität und Uralttechnicolor, jetzt passt das endlich, und Billie Holiday singt „Strange Fruit“. Das „Theater der weißen Revolution“ ist ein hinreißend gestalteter Livecomicfilm, in dem sich Danton und Robespierre zum „Rocky“-Theme die Pappkameradenköpfe einschlagen. Heiner Müller im Wunderlichland. Und an der Assoziationskette leuchten alle Tricolore-Lichter.

Le drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Auch Zirkusartisten können keinen Sklaven aus seinem Käfig befreien: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Dass die Burleske zur Müller-Pathetik über weite Strecken aufgeht, ist erstaunlich, aber Tatsache: Idee + Konzept = Regie. Kühnel und Kuttner haben ihren Auftrag erfüllt. Mehr Heiner Müller geht nicht. Nicht nur, weil Jürgen Kuttner als dessen quasi Alter Ego mit Krankenkassenbrille und zerlebter Lederjacke die Veranstaltung moderiert – ein Heiner Müller aus Karton wirft im Revolutionsring das Handtuch, ein anderer hängt als Fotografie an einer Wohnzimmerwand.

Sondern weil sie seine Botschaft aus dem Jahr 1979 konsequent weitergedacht haben. Am Ende, im Plattenbau-Verschlag, versammelt sich die linke Creme, Marx und Lenin und Stalin, Rosa Luxemburg, Mao und der Che, ihr Tun nicht einsichtig, sondern per Überwachungskamera ins außen übertragen. Sie werden für ihre Gedankenerbschaft sterben müssen. Die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder, um den Satz auch noch zu bemühen, manchmal aber fressen die Kinder ihre Revolution. Und immer schreien andere „Wir sind das Volk“. Debuisson sagt: „Jetzt weht der Wind aus gestern“, denn der von Heiner Müller beschriebene Krieg der Landschaften hat längst wieder begonnen. Das aufzuzeigen ist ein starkes Stück.

Video: www.youtube.com/watch?v=nFG7LyMUVEI

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Látszatélet/ Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 24. 5. 2016

Salzburger Festspiele 2016: Das Programm

November 5, 2015 in Bühne, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit „The Exterminating Angel“

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf Bild: Anne Zeuner

Florian Wiegand, Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf
Bild: Anne Zeuner

Drei Neuinszenierungen im Bereich Oper, drei beim Schauspiel, eine Ouverture spirituelle, die sich mit der Musik der ostkirchlichen Christen befasst, und von Ensembles aus Russland, Armenien, Griechenland, aus dem Libanon, Ägypten und Äthiopien zum Klingen gebracht wird, das ist kurz umfasst das Programm der Salzburger Festspiele 2016.

Eröffnet werden die Festspiele am 28. Juli mit einer Opern-Uraufführung im Haus für Mozart. Diese ist jedoch immer noch nicht „Endspiel“ von György Kurtag, auf das man weiter warten muss, sondern The Exterminating Angel von Thomas Adès nach dem Buñuel-Film „Der Würgeengel“. Regie führt der Librettist Tom Cairns, der Komponist selbst dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester. Endspiel steht dennoch auf dem Spielplan – als Start des Schauspiel-Programms am 30. Juli im Salzburger Landestheater, mit Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov. Regie bei dieser Koproduktion mit dem Burgtheater führt Dieter Dorn, hieß es bei der Programm-Pressekonferenz am 5. November in Salzburg, die zum letzten Mal von der „direktorialen Doppelspitze“, Präsidentin Helga Rabl-Stadler und künstlerischem Leiter Sven-Eric Bechtolf, gegeben wurde. Träume seien „kein Motto, aber eine geheime Überschrift“ des Gesamtprogramms, sagte Bechtolf, der außerdem das Auftragswerk „The Exterminating Angel“ als „ein Riesenprojekt“ und ein „großes Ensemblestück mit 21 Rollen“ ankündigte.

Die beiden weiteren Opern-Premieren sind die Liebe der Danae von Richard Strauss im Großen Festspielhaus. Alvis Hermanis inszeniert, Franz Welser-Möst dirigiert die Wiener Philharmoniker, Krassimira Stoyanova singt die Danae. Premiere ist am 31. Juli.  Sowie – erstmals bei den Festspielen – Faust von Charles Gounod. Reinhard von der Thannen übernimmt im Großen Festspielhaus Regie und Ausstattung, Alejo Pérez dirigiert die Wiener Philharmoniker, Piotr Beczala singt den Faust, Premiere ist am 10. August. Bechtolfs Da-Ponte-Zyklus wird 2016 „zu mancher Freude und zu manchem Ärger“, so Bechtolf markig, komplett gezeigt, davon die „Così“ aus dem Jahr 2013 als szenische Neueinstudierung in der Felsenreitschule. Sicher ein Highlight wird die von den Pfingstfestspielen übernommene West Side Story mit Cecilia Bartoli als Maria und Norman Reinhardt als Tony.

Auch im Schauspiel sind für 2016 zwei weitere Premieren angekündigt: Deborah Warner inszeniert Shakespeares Der Sturm auf der Perner-Insel mit Hans-Michael Rehberg als Prospero, offenbar ein Salzburger Evergreen, war doch dort erst bei Bechtolfs Amtsantritt  2012 eine Version von Irina Brook zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=870). Die Warner-Fassung  gibt’s ab 2. August. Gerd Heinz zeigt im Landestheater Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige, das 1972er-Uraufführungsskandalstück, das mit der Salzburger Notlicht-Affäre für Aufsehen sorgte. Premiere ist am 14. August, es spielen Johanna Wokalek die Königin der Nacht, Christian Grashof den Vater und Bechtolf höchstselbst den Doktor. Außerdem stehen das szenische Melodram Requiem für Ernst Jandl von Friederike Mayröcker und zwei Thomas-Bernhard-Lesungen von Hermann Beil und Tobias Moretti auf dem Programm. Wer neue Jedermann-Buhlschaft wird, wurde naturgemäß noch nicht verraten, aber immerhin, dass Eva Herzig die Rolle der Frau des Schuldknechts übernimmt. Nikolaus Rucker spielt nun Gott. Bisher war die Produktion von Brian Mertes und Julian Crouch immer sehenswert (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5043), das wird sie wohl auch bleiben.

Konzertchef Florian Wiegand lässt anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich die Missa Salisburgensis von Heinrich Ignaz Franz Biber im Dom aufführen. Daniel Harding dirigiert zur Uraufführung des Auftragswerks Halleluja – Oratorium Balbulum von Peter Eötvös die Wiener Philharmoniker. Zu Gast in Salzburg sind außerdem das Concertgebouworkest Amsterdam, die Filarmonica della Scala, das Cleveland Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig. Den Komponisten Friedrich Cerha und György Kurtag, die 2016 ihren 90. Geburtstag feiern, sind Schwerpunkte gewidmet.

Insgesamt bieten die Salzburger Festspiele 2016 192 Aufführungen an 41 Tagen an 14 Spielstätten. Das Gesamtbudget liegt bei 60,54 Millionen Euro, die Kartenpreise liegen zwischen 5 und 430 Euro. Ab 2017 ist Markus Hinterhäuser als Intendant und Bettina Hering als Schauspielchefin für das künstlerische Programm verantwortlich. Rabl-Stadlers derzeitiger Vertrag endet nach den Festspielen 2017. Ob Kurtags ursprünglich schon für 2013 angekündigtes Werk bis dahin aufgeführt werden wird, steht nach wie vor in den Sternen. „Es geht ihm gut, er komponiert“, war alles, was Bechtolf weiß oder wissen ließ.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 5. 11. 2015

Salzburger Festspiele 2014: Das Programm

November 7, 2013 in Buch, Bühne, Klassik

VON MICHAELA UND RUDOLF MOTTINGER

270 Vorstellungen in 45 Tagen an 16 Spielstätten

Jedermann: Cornelius Obonya (Jedermann), Brigitte Hobmeier (Buhlschaft) Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Jedermann: Cornelius Obonya (Jedermann), Brigitte Hobmeier (Buhlschaft)
Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Von 18. Juli bis 31. August finden die Salzburger Festspiele 2014 statt.

Das Programm:

DIE OPER

Viva la libertá! Die Eröffnungspremiere und erste Neuproduktion dieses Sommers heißt Don Giovanni. Sven-Eric Bechtolf und Christoph Eschenbach setzen ihren Mozart-da Ponte-Zyklus fort. Es singen und spielen herausragende Künstler wie Ildebrando d’Arcangelo, Genia Kühmeier, Anett Fritsch, Andrew Staples und Luca Pisaroni. Als Auftragswerk für die Salzburger Festspiele komponiert Marc-André Dalbavie die Oper Charlotte Salomon. Er dirigiert die Uraufführung in der Felsenreitschule, Luc Bondy inszeniert. Marianne Crebassa, die letztes Jahr in Lucio Silla überzeugte, interpretiert die Titelpartie der Charlotte, der 1917 in Berlin geborenen Malerin und Dichterin, die 1939 vor den Nationalsozialisten nach Südfrankreich flüchtete. Nach der Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen 1943 wurden Charlotte Salomon und ihr Mann denunziert und in Nizza verhaftet, in das Sammellager Drancy bei Paris verschleppt und in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo Charlotte ermordet und ihr Mann an den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen starb. Dalbavie teilt die Partie der Charlotte in eine Gesangs- und eine Sprechrolle. Die Besetzung der Sprechrolle wird später benannt. Richard Strauss, dessen Geburtstag sich am 11. Juni zum 150. Mal jährt, wird mit der 1911 uraufgeführten „Komödie für Musik“, Der Rosenkavalier, im Großen Festspielhaus Tribut gezollt. Erstmalig übernimmt Zubin Mehta die musikalische Leitung dieser Oper. Die Regie führt Harry Kupfer. Krassimira Stoyanova singt die Feldmarschallin, Sophie Koch ist als Octavian und Mojca Erdmann als Sophie zu hören. Günther Groissböck debütiert als Baron Ochs auf Lerchenau. Ein weiteres Fest für Stimmen und große Künstlerpersönlichkeiten lässt die Besetzung von Giuseppe Verdis Il trovatore mit Anna Netrebko als Leonore, Marie-Nicole Lemieux als Azucena, Francesco Meli als Manrico und Plácido Domingo als Conte di Luna erwarten. Daniele Gatti dirigiert, Alvis Hermanis inszeniert damit bei uns erstmals eine Oper des klassischen Repertoires. Franz Schuberts Oper Fierrabras in Salzburg zu produzieren war ein Herzenswunsch Alexander Pereiras, der musikalisch von Ingo Metzmacher am Pult und in der Regie von Peter Stein erfüllt wird. Besetzt ist diese wieder zu entdeckende Rarität mit Dorothea Röschmann, Julia Kleiter, Michael Schade, Markus Werba und Georg Zeppenfeld. Rossinis La Cenerentola mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle, inszeniert von Damiano Michieletto und dirigiert von Jean-Christophe Spinosi, wird von den Salzburger Pfingstfestspielen übernommen. Elīna Garanča, Juan Diego Flórez und Ludovic Tézier geben sich dem Belcanto in einer konzertanten La Favorite von Donizetti hin. Nello Santi, der damit nach 50 Jahren wieder nach Salzburg zurückkehrt, dirigiert dabei das Münchner Rundfunkorchester. Im Projekt Tristan und Isolde bringen Waltraud Meier, Peter Seiffert, René Pape zusammen mit Daniel Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra das Vorspiel, den zweiten Aufzug und Isoldes Liebestod konzertant zur Aufführung.

DAS SCHAUSPIEL

Die Initiatoren der Salzburger Festspiele verstanden 1920, zwei Jahre nach Ende des Krieges, ihr Engagement als „Friedenswerk“. Nur wenige Jahre später mussten sie die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen erleben. Natürlich empfinden die Festspiele die Verpflichtung, sich im Programm 2014 mit den Ereignissen zu beschäftigen, die zur Gründung der Festspiele führten. Den Anfang machen  Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Dieses laut Kraus einem „Marstheater“ zugedachte Stück wird von Matthias Hartmann und dem Ensemble des Burgtheaters auf der Bühne des Salzburger Landestheaters gezeigt. Wo Karl Kraus mit den Mitteln der Realsatire ätzend und analytisch den Ungeist seiner Epoche entlarvt, erträumt sich Gustav Meyrink einen Einblick in die seelischen Abgründe seiner Zeitgenossen. Die alte jüdische Sage vom künstlichen, aus Lehm geformten Wesen ohne Seele wird bei Meyrink zu einer albtraumhaften Parabel über die ausweglose Fremdbestimmtheit der menschlichen Existenz. Die englische Theatergruppe 1927, mit ihrer Regisseurin Suzanne Andrade und dem für preisgekrönte Animationen verantwortlichen Paul Barritt, wird einen Golem unserer Tage auf die Bühne des Landestheaters bringen. Auf der Perner-Insel, Hallein, wird zuvor die englische Regisseurin Katie Mitchell, berühmt für ihre virtuose Verquickung von filmischen und theatralischen Mitteln,  The Forbidden Zone auf die Bühne bringen, u.a. nach Motiven aus Mary Bordens gleichnamigem Buch. Die Amerikanerin Borden arbeitete bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Krankenschwester für das französische Rote Kreuz. Später leitete sie ein eigenes Feldlazarett an der Westfront. Ebenfalls auf der Perner-Insel wird Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg zu sehen sein. Horváth lässt Mozarts vitalen Verführer und Herzensbrecher krank, auf der Suche nach einer verlorenen Liebe in einer Welt der Inflation und Nachkriegswirren bleich und irrlichternd wiederauferstehen. Im YDP, dem Young Directors Project, zeigen die Festspiele in einer Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus Hinkemann, das expressionistische Meisterwerk von Ernst Toller, in einer Inszenierung des jungen serbischen Regisseurs Miloš Lolić. Der Salzburger Dichter Walter Kappacher hat für die Salzburger Festspiele ein Stück über den Salzburger Dichter Georg Trakl geschrieben. Es heißt Der Abschied und wird im YDP in der Regie von Nicolas Charaux uraufgeführt. Mit einem sehr humorvollen Orpheus, der Django Reinhardt verblüffend ähnlich sieht, ist das Little Bulb Theatre aus London in der Regie von Alexander Scott zu sehen. Und in einer Koproduktion mit Mozarteum werden die Studierenden der Schauspiel-, Bühnenbild- und Regieklassen der Universität Mozarteum unter der Leitung von Hans-Werner Kroesinger auf Spurensuche zwischen 1914 und 1918 gehen. Arbeitstitel: 36566 Tage. Darüber hinaus werden auch begleitende Lesungen zum Thema Erster Weltkrieg Teil des Programmes sein. Zusätzlich bereichert das Konzert mit einer Reihe von Veranstaltungen diesen Schwerpunkt. Und natürlich wird der neue Jedermann in gleicher Besetzung wie im vorhergehenden Jahr wieder auf dem Domplatz gespielt.

DAS KONZERT

Die Ouverture spirituelle steht zum dritten Mal am Beginn der Salzburger Festspiele. Den Mittelpunkt bilden geistliche Werke der christlichen Tradition verschiedener Epochen. Nach der Auseinandersetzung mit jüdischen und buddhistischen Werken in den beiden Vorjahren richtet sich im Sommer 2014 der Blick auf die vielfältigen musikalischen Ausprägungen in der Welt des Islam. Ein Sufi-Orden aus Kairo wird die Kollegienkirche mit Gesängen und Klängen von orientalischen Instrumenten erfüllen. Zu einem Dialog der Kulturen kommt es auch, wenn der Gambist und Musikwissenschaftler Jordi Savall sich in seinem Programm Bal.Kan (Honig und Blut) mit Musik dieser Region, die sich über vierhundert Jahre osmanischer Herrschaft entwickelt hat, beschäftigt. Der in Kairo geborene Komponist Hossam Mahmoud sowie der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi stellen in ihren Auftragswerken für die Salzburger Festspiele den bekannten Sufi-Mystiker Mansur al-Hallağ ins Zentrum und schlagen die Brücke zu unserer Reihe Salzburg contemporary. In deren Zentrum stehen außerdem Marc-André Dalbavie und Wolfgang Rihm, die mit wichtigen Ensemble- und Orchesterwerken vertreten sind. Die Salzburger Festspiele haben an Wolfgang Rihm einen Kompositionsauftrag für ein Klavierkonzert vergeben, das Tzimon Barto uraufführen wird. Nach dem letztjährigen Mahler-Zyklus sind im Sommer 2014 die neun Symphonien Anton Bruckners zu hören. Die Wiener Philharmoniker spielen die dritte Symphonie und jene vier Symphonien, die das Orchester in Wien uraufgeführt hatte: die zweite, vierte, sechste und achte Symphonie. Richard Strauss, dessen Geburtstag sich 2014 zum 150. Mal jährt, ist im Konzertprogramm u.a. mit den Tondichtungen Tod und Verklärung und Also sprach Zarathustra mit den Wiener Philharmoniker unter Gustavo Dudamel vertreten sowie Ein Heldenleben mit dem Widmungsträger dieses Werkes, dem Concertgebouworkest Amsterdam unter Mariss Jansons. Die Liederabende, Solisten-  und Kammerkonzerte gestalten 2014 Pierre-Laurent Aimard, Lisa Batiashvili, Piotr Beczala, Joshua Bell, Diana Damrau, Vilde Frang, Elīna Garanča, Christian Gerhaher, Hagen Quartett. Thomas Hampson, Anja Harteros, Steven Isserlis, Evgeny Kissin, Anne-Sophie Mutter, Maurizio Pollini, Anna Prohaska, Grigory Sokolov, Jörg Widmann, Christian Zacharias, Frank Peter Zimmermann u.a. Rudolf Buchbinder setzt sich an sieben Abenden mit allen 32 Klaviersonaten von Beethoven, dem „Neuen Testament“ der Klaviermusik, auseinander.Die Mozart-Matineen des Mozarteumorchesters Salzburg werden von Manfred Honeck, Ádám Fischer, Marc Minkowski, Vladimir Fedoseyev und dem Chefdirigenten des Orchesters, Ivor Bolton, übernommen. Gemeinsam musizieren sie mit Elisabeth Kulman, Rolando Villazón  und Kristian Bezuidenhout. Die Camerata Salzburg gestaltet einen Haffner-Serenaden-Abend mit Thomas Zehetmair, die traditionelle Aufführung der c-Moll-Messe von W.A.Mozart in der Uraufführungskirche St. Peter und begleitet die „Young Singers“ in deren Abschlusskonzert. Auch in der letzten Festspielwoche treten einige der besten Orchester der Welt in Salzburg auf: die Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti mit Lang Lang, das Concertgebouworkest Amsterdam mit Leonidas Kavakos unter der Leitung von Mariss Jansons und Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern. Insgesamt bietet das Konzertprogramm 82 Konzerte in sieben Spielstätten, davon in drei Kirchen. Zum beliebten Ausklang des Festspielsommers entwickelte sich der Festspielball in der Felsenreitschule, der am 30. August 2014 stattfindet.

FESTSPIELREDNER  wird der 1960 in Sydney geborene Historiker und Autor Christopher M. Clark ist. Clark ist Professor of Modern European History an der University of Cambidge. Sein letztes Buch „Die Schlafwandler“ (The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914) dringt tief in die Entstehung des Ersten Weltkriegs ein. Die Salzburger Festspiele gedenken in diesem Jahr dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren. Eine Rezension des Buches finden Sie demnächst hier: www.mottingers-meinung.at/category/buch

www.salzburgerfestspiele.at

Rezension „Jedermann“ 2013: www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann

Wien, 6. 11. 2013

Berliner Theatertreffen: Thalheimers „Medea“

Mai 6, 2013 in Bühne

Das stille Schreien der Constanze Becker

Constanze Becker Bild: © Birgit Hupfeld

Constanze Becker
Bild: © Birgit Hupfeld

Mit frenetischem Jubel wurde am 3. Mai das 50. Berliner Theatertreffen eröffnet. Kein Wunder. Es gab die beklemmend großartige „Medea“-Inszenierung von Michael Thalheimer vom Schauspiel Frankfurt zu sehen. Der Antiken-Experte hat Euripides nicht durch den zeitgenössischen Fleischwolf gedreht, sondern klug (wie immer) die Essenz des grausamen Dramas herausgearbeitet – wobei gesagt sein soll: Euripides selbst hat den zweifachen Kindermord erfunden, in der Sage scheint er nicht auf.

Das Theaterglück an diesem Abend beginnt schon mit dem Auftritt der Josefin Platt als Amme. Eine alte, hinkende, schwarze Krähe bringt sie den Chor der korinthischen Frauen (allesamt: Bettina Hoppe) wegen des Medea geschehenen Unrechts auf. Jason, für den sie die Familie bestahl (Goldenes Vlies) und ermordete (den Bruder) hat sich der Königstochter Kreusa vermählt. Die wilde Hexe, die barbarische Zauberin, mit der er zwei Söhne zeugte, will er nicht mehr. Und König Kreon will die unberechenbare Kreatur erst recht loswerden. Und da ist sie schon: Medea. Constanze Becker. Ein Ereignis. Bühnenbildner Olaf Altmann hat auf einer schwarzen Ebene einen felsigen Vorsprung für sie geschaffen. Da steht, da kauert, da liegt sie, sucht mit den Händen an der glatten, kalten Wand Halt. Mit von Tränen verschmiertem Gesicht, mit verkratztem, blutigem Körper sieht sie ihren kommenden Untaten entgegen. Eine Schreckens- und Schmerzensfrau. Und dabei die vernünftigste Furie überhaupt. Denn sie weiß, dass die Söhne im fremden Regime fallen werden. Und wenn das schon geschehen muss, dann durch ihre eigene Hand.

Es gibt keine Worte, Constanze Beckers Stimme zu beschreiben. Oft findet ihre Medea selbst keine. Streckt in einem stummen Brüllen die Zunge aus dem Hals, als wolle sie sich diese herausreißen, hinausschreien. Ihr stiller Schrei schneidet sich durchs Zuschauerherz. Sie zürnt, sie fleht, will „Kreon“ Martin Rentzsch weichstimmen, vergiftet als das fehlschlägt bekanntlich mit dem Hochzeitskleid seine Tochter und ihn. Dann die Wahnsinnstat an den Söhnen. Den doppelten Kindermord illustiert eine Projektion riesiger Icons, die das Familienleben durchdeklinieren. Vom pochenden Ultraschall-Herzen bis zum geborenen Kind, von Windeln wechseln bis zur Ausfahrt mit dem Kinderwagen (Video: Alexander du Prel). Währenddessen Tinnitusverdächtige E-Gitarren-Riffs. Ein schräger, bösartiger Comic-Kommentar auf das Zweisamkeitsglücksversprechen.

Nun rückt der Vorsprung vor, wird zum Podium. Medea erscheint gewaschen, gekämmt, im Abendkleid. Und Jason, zu ihren Füßen kauernd, ist der Jammerlappen. Marc Oliver Schulze, der eben noch ganz Macho Medea die „Situation“, Verbannung und so, um die Ohren schleuderte, wird von Moment zu Moment kleiner, kleinlauter, schmutziger. Während sie wächst. Tonlos, wie sie, ist er in seinem Schmerz. Wie die ganze Truppe spielt sich auch Schulze die Seele aus dem Leib. Der Held hat alles Heroische verloren. Ihn erwartet die Einsamkeit. Die Halbgöttin ist auferstanden. Hat ihr vermenschlichtes Herz hart gemacht und wird das Urteil des Olymp erwarten. Und die Hoppe macht derweil Euripides Botschaft klar: Glücklich, wer dort lebt, wo es Gesetz und Gerechtigkeit gibt.

Eine Aufführung von unglaublicher Schärfe, von unverfälschter Brillanz. Das Publikum verweilte kurz im Schockzustand, bevor die Schönheit dieses Abends es aus den Sitzen riß.

www.berlinerfestspiele.de

www.schauspielfrankfurt.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6PrTJ0ZCphc

Von Michaela Mottinger

Berlin, 4. 5. 2013