TheaterArche: Blinde Nacht – Nittel

Dezember 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Weihnachtsliedern hallt Pogromgeschrei

Der Pfarrer findet in finsterer Nacht den werdenden Vater Georg beim Heilkräuterritual: Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek. Bild: Jakub Kavin

Der Winterwind, der an die Fensterscheiben braust, wandelt sich in Fliegengesurr. Wie diese Parasiten und Krankheitsüberträger fielen nämlich die Fremden in ihren Weihnachtsfrieden ein, befinden die Dorfbewohner. Aus Unverständnis wird Furcht wird Hass, statt im Schein der Kerzen vom holden Knaben zu singen, hallt bald Pogromgeschrei. Es wird brennen, wird Blutvergießen geben, und Christoph Prückner bläst dies vorwegnehmend auf der Posaune zum Jüngsten Gericht …

Der Regisseur und Schauspieler hat passend zur Adventszeit in der TheaterArche ein lang gehegtes Projekt auf die Bühne gehoben, die Uraufführung von Simon Kronbergs Drama „Blinde Nacht – Nittel“, und diese Entdeckung kann Prückner nicht hoch genug angerechnet werden. Kronberg, 1891 in Wien geboren und aufgewachsen, emigrierte nach der Machtergreifung Hitlers 1934 von Berlin nach Palästina, wo er als Schuhmacher in einem Kibbuz lebte und schrieb. Zurück blieben seine nichtjüdische Frau Herta, von der er sich zu deren Schutz scheiden ließ, und Sohn Daniel. Sein bis dato ungespieltes Stück „Nittel – Blinde Nacht“ vollendete er 1941.

Der Begriff „NITL“ ist vermutlich aus einer Verballhornung von „dies natalis“ entstanden. Im Mittelalter war es den Juden verboten, an den Weihnachtsfeiertagen die Straßen zu betreten und Schulen und Synagogen zu besuchen, weshalb das Wort als Abkürzung von „Nit Jiden toren (= dürfen) lernen“ interpretiert wurde. In Osteuropa bezeichneten die Juden die vor der Heiligen als „Blinde Nacht“, man sagt, weil es ihnen in dieser zu gefährlich schien, mit dem Licht, dass sie zum Thorastudium brauchten, Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das aber wurde ihnen von der christlichen Bevölkerung als Bosheit ausgelegt, da ein Aberglaube besagte, „dass Jesus nur Ruh‘ hat, wenn die J‘ lernen“.

In seinem farcenhaften Sittenbild hält Kronberg seinen Mitunmenschen den Spiegel vor die faschistischen Fratzen. Boshaft und beinhart analysiert er die Wirksamkeitsmechanismen der antisemitischen Agitation. In einem Provinznest leben die Bewohner in einem Dauerzustand der Angst, alles „andere“ wird abergläubisch dämonisiert, denn vor allem vom 23. auf den 24. Dezember soll das Böse ja seine Pranken nach den guten Christenmenschen ausstrecken. Diese angespannte Stimmung nützt nicht nur der örtliche Pfarrer, sondern nützen auch ein paar „Vorübergehende“, um den Judenhass zu schüren. Auf Massenhysterie folgt Massenpanik folgen Machtfantasien, die ein Opfer suchen …

„Das ist ein Weihnachtsgedanke: einer Jüdin wurde ein Kind geboren. Der Jude Jesus wurde unentwegt, immer gekreuzigt. Er wurde davon nicht schöner. Im Bild des Messias geistert er wie ein stets unwillkommener Bettler, als Dichter verschrien, durch die Völker und Länder“, formulierte Kronberg in einem Brief an eine Ex-Frau, als er ihr sein Manuskript übersandte. Prückner hat, fürs Publikum erklärend, dramaturgisch allerdings überaus komplex, etliche dieser Briefe, biografische Notizen und Passagen aus dem Stück „Der Tod im Hafen“ mit „Blinde Nacht – Nittel“ collagiert. Und er bedient sich eines weiteren Kunstgriffs, indem er als „Spielleiter“ das Ensemble zu einer Probensituation zusammenruft.

Die Dorfbewohner sind erst fadisiert …: Bernhardt Jammernegg und Barbara Schandl. Bild: Jakub Kavin

… dann alarmiert: Elisabeth Halikiopoulos als Wirtin und Bernhardt Jammernegg als Schuster. Bild: Jakub Kavin

Feindbild Flüchtlingskoffer: Eszter Hollósi als Schwester Frida und Elisabeth Halikiopoulos als Hebamme. Bild: Jakub Kavin

Weise aus dem Morgenland: Eszter Hollósi, Andreas Kosek und Anna Nowak als Erster, Zweiter, Dritter Jude. Bild: Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos, Eszter Hollósi, Anna Nowak, Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Andreas Kosek, Prückner selbst auch als Konrad, verkörpern derart nicht nur mehrere Charaktere, sondern sind mit Textbuch in der Hand immer wieder auch Schauspieler, die versuchen müssen, den sich ausbreitenden Wahnsinn einer Menschenhatz greifbar, da unbegreifbar, zu machen. Ausgelöst wird die Mordtat durch die bevorstehende Geburt eines Kindes. Anna Nowak als Christine wird vom Pfarrer der Sünde bezichtigt, weil sich ihr Neuankömmling auf diese Welt vor den so sehnlich erwarteten Heiland drängen wolle.

„Bete! Dass es sich verkrieche in deinen Leib …“, droht ihr ein maliziöser Bernhardt Jammernegg, und umzingelt von der bigotten Hebamme der Elisabeth Halikiopoulos und ihrer gehässigen Schwester Frida, eine Rolle für Eszter Hollósi, schickt Christine ihren einfältigen Ehemann Georg, dargestellt von Andreas Kosek, in den Wald, um dort geweihte Kräuter zu verfeuern. Ein heidnisch anmutendes Ritual. Prückner baut dazu eine Teufelsbrücke von der unbemannten Frida sexueller Frustration zu religiösem Fanatismus zum Niemals Vergessen.

Bei Wirtin Halikiopoulos versammeln sich Schuster Jammernegg, Bäcker Nowak und Barbara Schandl als Tischler, sie auch Komponistin des Songs „Schritt für Schritt“, den die Zuschauer zum Schluss begeistert mitsingen. Die Bierlaune eskaliert, von draußen sind die Rufe nach dem „Saujud!“ zu hören, die „Vorübergehenden“ mischen sich als Aufwiegler unters Volk, das plötzlich zu Pogromisten mutiert – mit dem in seiner Verzweiflung und Verwirrung realitätsfernen Georg als Rädelsführer. Das intensive Spiel der TheaterArche-Crew geht so tief unter die Haut, dass einem die Haare zu Berge stehen. Wenn Jammerneggs Pfarrer seine Psalmen orgelt, wenn die Handwerker sich ihre Hartherzigkeit und ihren Haudrauf-Mut ansaufen.

Den „Geruch von Fremden“ wittern sie in der erfrorenen Luft, und Prückner vergisst im Zeitgeschichtlichen nicht das Thema der Stunde, die Flüchtlinge „vor den Toren Europas“, medial schon wieder zur -krise, weil -welle entmenscht. Im Namen Gottes bitten auch diese Herbergssucher um Obdach, ihnen leihen dieselben Schauspieler Gestalt und Stimme, die auch die „Vorübergehenden“ sind. Aus Tätern werden Opfer, doch „in der Nacht vor Christi Geburt gibt’s keine Betten“ – schon gar keine kostenlosen, Konsum geht vor Güte, also Lager, Moria, Vučjak, streng bewacht und schikaniert, dort sitzen sie mit ihren Koffern.

Der Jude Konrad wird in der Nacht vor Weihnachten ums Leben gebracht: Christoph Prückner und Eszter Hollósi als Konrads christliche Ehefrau Lisa. Bild: Jakub Kavin

Den Protagonisten von Kronbergs zweitem Handlungsstrang verkörpert Prückner selbst, den Juden Konrad, den einzigen weit und breit, verheiratet mit der Christin Lisa, diese: Eszter Hollósi, des Autors desaströses Beispiel für „geglückte Integration“, fühlt Konrad sich doch als Mitglied der Gemeinde und ergo in trügerischer Sicherheit, sogar als der Hetztrupp schon vor seiner Haustür randaliert. Und während ihn Lisa vor Anfeindungen warnt, die

Konrad mit einem verärgerten „Soll ich den Spuk um Jude, Nichtjude ernsthaft nehmen?“ abtut, treten drei Figuren auf, benannt als Erster bis Dritter Jude, die nicht nur der allein gelassenen Christine bei der Entbindung helfen, sondern auch schwer bepackte Säcke und Rucksäcke mit sich tragen – als wären sie Reminiszenz an den Glauben, dass aus dem Morgenland Weise und Könige mit ihren Gaben und Begabungen kämen.

Eine interpretativ kaum zu fassende Figur, ist Konrads Freund Daniel, erst nur Stimme von Anna Nowak und Barbara Schandl, schließlich von Bernhardt Jammernegg zum Auftritt gebracht, Daniel, der durch seine Spiritualität den Grausamkeiten beizukommen vermag, Daniel, der biblische Prophet, der Sohn des Leides, der ewige Zeuge des Unrechts, das Christen an Juden verüben, Daniel, Simon Kronbergs Sohn, in der Diskussion mit Konrad gleichsam im Zwiegespräch mit dem abwesenden Vater. Es ist nicht wenig Stoff, den Christoph Prückner in seine Inszenierung packt, „Blinde Nacht – Nittel“ unbedingt ein Abend, der zum Mitdenken auffordert, zum Nachdenken anregt.

Der Weg von der kalkulierten Agitation einzelner zur Aggression, zur Affekthandlung vieler steht dieser Tage wieder einmal weit offen. Am Ende wird Konrad ermordet sein, sein Haus zum Freudenfeuer für den christlichen Gott. Kronberg beschließt sein Drama resignativ, ohne zu hoffen, dass die Demagogie je in ihrer Irrationalität entlarvt werden wird. Im Theatersaal der TheaterArche trifft einen das letzte Bild mit voller Wucht, der an der Rückwand der ehemaligen Möbelfabrik Ludwig eingemauerte, halbkreisrunde Schamott weckt Assoziationen zu den Öfen der NS-Vernichtungslager. Ein starkes Stück großartig gespielt, ein außergewöhnlicher Aufführungsort – und ein Dramatiker, von dem man unbedingt mehr sehen möchte. Wiederaufnahme 2020 ist geplant.

Video: www.tv21.at/l/blinde-nacht-von-simon-kronberg-exklusiv-nur-auf-tv21-als-ganzes-stuck/           www.theaterarche.at          buecher.hagalil.com/sonstiges/kronberg.htm

  1. 12. 2019

TheaterArche: RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?

April 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Aufschrei der Seele in Gesang verwandelt

Barbara Schandl, Bernhardt Jammernegg und Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Die Poesie in Liedern interpretiert, das ist das Überraschendste am aktuellen Abend der TheaterArche. In der Regie von Jakub Kavin haben Barbara Schandl und Bernhardt Jammernegg für die Aufführung „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ einige von dessen Gedichten vertont, „Mädchenklage“ und „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ und „Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug“ …, und das ist so schön, dass einem der Atem stockt.

Gemäß der fragmentarischen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ hat Kavin, der die Figur auch interpretiert, Rilke-Texte collagiert. „Da standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht, und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch gärender Füße. Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank von alterndem Schmalze. Der süße, lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule gehen, und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles hatte sich dazugesellt, was von unten gekommen war, aus dem Abgrund der Gasse, die verdunstete, und anderes war von oben herabgesickert mit dem Regen, der über den Städten nicht rein ist. Und manches hatte die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben Straße bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den Ursprung nicht wusste.“

Dazu gibt Jammernegg den Dichter in dessen „Doppelgeschlechtlichkeit“ und Schandl als die Wortgeberin dessen Vertraute Lou Andreas-Salomé (mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=22249). Entstanden ist so eine Suche nach der Essenz des Lebens. Die bildungsbürgerliche Atmosphäre, in der man sich bewegte, wird als hohl entlarvt, Kindheitstraumata und deren Folgen ebenso dargelegt, wie Stimmungen und deren Stunden. Und mitten im Fremdsein im eigenen Ich immer wieder die Lyrik, teils wie Dialoge vorgetragen.

Jakub Kavin und Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Jammernegg spricht aus der Sammlung „Briefe an den jungen Dichter“, Schandl ebenfalls Briefe und „In der Schule bei Freud“. Ein weiterer zentraler Punkt zwischen den beiden ist die im Zwiegespräch dargebotene „Dritte Duineser Elegie“.

„Siehe, wir lieben nicht, wie die Blumen, aus einem
einzigen Jahr; uns steigt, wo wir lieben,
unvordenklicher Saft in die Arme. O Mädchen,
dies: dass wir liebten in uns, nicht Eines, ein Künftiges, sondern
das zahllos Brauende; nicht ein einzelnes Kind,
sondern die Väter, die wie Trümmer Gebirgs
uns im Grunde beruhn; sondern das trockene Flussbett
einstiger Mütter –; sondern die ganze
lautlose Landschaft unter dem wolkigen oder
reinen Verhängnis –: dies kam dir, Mädchen, zuvor.“

Schandl steht aber auch als Pianistin Magda von Hattingberg – da spielt sie den „Mephistowalzer Nr. 1 von Franz Liszt – und in Andeutungen als Rilkes Mutter auf dem schmalen Laufsteg, der die Bühne bildet. Über die ziehen die drei Darsteller wie ein Sturm. Sie sind Aufruhr und Aufschrei der Seele, sie lassen nach dem Rilke-Zitat den Kunstakt als Notwendigkeit entstehen. Und immer ist da ein Streifen Wirklichkeit. Welch ein Abend. Chapeau!

Noch zu sehen bis 17. April im Theater Delphin.

www.theaterarche.at

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=75nrV-6CHDo

  1. 4. 2018

TheaterArche: Das Schloss

September 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Superlativ von kafkaesk

Der Aufenthalt im Dorf gestaltet sich schwierig: Johnny Mhanna als Herr K. mit Bernhardt Jammernegg als Barnabas und Natalia Fonta als Amalia. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Der Abend beginnt schon, bevor er anfängt. Mit einer kunstvoll von Margareta Ferek-Petric komponierten Kakophonie. Mit einer Kreatur, die im Vor- wie im Theaterraum auf allen vieren über den Boden kriecht, und die Zuschauer schon einmal in Augenschein nimmt. (Das heißt, eigentlich wird man von Schauspieler Bernhardt Jammernegg beschnuppert und somit die Belastbarkeitsgrenze ausgetestet.)

Die freundliche junge Frau, die die Eintrittskarten ausgibt und das Publikum am Buffet mit Getränken versorgt, wird sich später als tatsächliche Schankkraft herausstellen – Barbara Schandl ist „Frieda“. Auch Regisseur Jakub Kavin ist da, um seine Gäste zu begrüßen. Mit Grubenlicht auf der Stirn wird er im Halbdunkel seiner Inszenierung für die Licht- und Soundeffekte, inklusive einiger Loops, sorgen.

Kavin hat mit seinem Ensemble der TheaterArche Franz Kafkas „Das Schloss“ für die Bühne adaptiert. Wobei „Bühne“ hat der Spielraum des Theater Delphin, in dem die Aufführung stattfindet, keine; etwa dreißig Zuschauer sitzen an den Wänden rundum, in der Mitte ein Podest und eine Wasserflasche, das genügt für einen fabelhaften Abend von – und dies durchaus auch der Location geschuldet – hoher Intimität und Intensität. Kavins „Schloss“-Dramatisierung ist der Superlativ von kafkaesk. In eineinhalb Stunden erzählt er den Roman kompakt und schlüssig, und hat auch die eine oder andere theatrale Überraschung in der Hinterhand.

„Das Schloss“ ist einer der drei unvollständigen Romane Kafkas, Max Brod hat ihn 1926 posthum veröffentlicht. Kafka schildert darin die Erlebnisse des Herrn K., eines vorgeblichen Landvermessers, doch wird ihm der Einlass ins ihn einbestellt habende Schloss verwehrt. So bleibt er im Dorf hängen, im Gasthaus Herrenhof, und erlebt – auch am eigenen Leibe – die Abhängigkeit der Dorfbewohner vom Schloss. Es ergeben sich allerlei absurde Situationen mit den Beamten, die über die Landmenschen, vor allem deren Frauen, wie Heuschrecken herfallen. Herr K. wird von Boten, Gehilfen, dem Lehrer, dessen Schuldiener er kurzfristig werden muss, traktiert. Er verliebt sich in Frieda – und nach einer rätselhaften Unterhaltung mit der Herrenhofwirtin bricht das Fragment ab.

Jakub Kavin, der künstlerische Leiter der TheaterArche, sorgt für die Licht- und Soundeffekte. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Wegen ihrer dauernden Müdigkeit empfangen die Beamten die Bittsteller auch im Bett: Bernhardt Jammernegg. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Kavin versucht nichts zu deuteln. Er belässt Kafkas Text in seiner geheimnisumwitterten Abgründigkeit, ja, er tunkt in sogar komplett in diese. Es geht ihm, offensichtlich im Gegensatz zu den aberhundert Interpretierern des Stoffs, nicht darum, in Kafkas verworrener Verschlüsselung ein Aha! ausfindig zu machen. Kavin inszeniert einen Zustand, den des Protagonisten K., hineingewürfelt in eine Wahnsinnswelt, und überlässt es dem Betrachter zu fantasieren, ob und wo er derlei menschliche Verhaltensmuster im eigenen Dasein verorten möchte.

Mutet man Kavin die Vermutung zu, mit seiner Arbeit doch irgendwo angedockt zu sein, dann am ehesten bei Max Brod. Der las „Das Schloss“ als theologische Abhandlung (im Gegensatz dazu sah Adorno im Werk die Darstellung von Hierarchie- und Machtstrukturen totalitärer Systeme), und Kavin lässt seine Schauspieler einige Textstellen, die das Schloss beschreiben, wie Choräle singen. Wo Komponistin Margareta Ferek-Petric melodisch wird, klingt’s angelehnt an Klezmer.

Der syrische Schauspieler Johnny Mhanna, 2012 aus Damaskus geflohen und 2015 in Österreich angekommen, spielt Kavins K. Er und Barbara Schandl sind die einzigen, die nur mit einer Figur befasst sind. Alle weiteren Darsteller schlüpfen im Laufe der Aufführung in mehrere Rollen, sind auch abwechselnd Erzähler, und allesamt angetan mit grauen Arbeitsanzügen.

Mhanna ist ein idealer Herr K., und das nicht nur wegen seines präzisen, prägnanten Spiels, mit dem er K.s analytisch scharfe Überlegungen transportiert, sondern weil er freilich mit seinem sympathischen Akzent auch das „Fremdsein“ des K. verkörpert. Er ist arrogant, gegenüber den Gehilfen auch gewalttätig, und dies alles, so scheint’s, um das eigene Verloren- und sein Der-Situation-Ausgeliefertsein zu übertünchen.

Barbara Schandl gibt die Frieda als so lebens- wie sinnenfrohes Mädchen, das in ihrer Aufgeräumtheit die Probleme des K. als solche gar nicht erkennen kann. Weder fällt ihr die Seltsamkeit ihrer Umgebung ins Auge, noch stößt sie sich daran, die Zwangsgeliebte des Kanzleivorstehers Klamm zu sein – K. tut das natürlich schon. Sie zieht unbedarft mit K. ins Schulzimmer ein, und zieht ihn dort ins Bett, spielt zwischendurch Cello, verscheucht mit dem Bogen die aufdringlichen Gehilfen, und wenn sie nicht gestorben sind … Laut Brods Erinnerungen an Gespräche mit Kafka, sollte K. am siebenten Tage an körperlicher und seelischer Erschöpfung sterben, man weiß es nicht …

Umzingelt sieht sich K. von kriechenden Bürokraten, dies das Gleichnis zum zeichenhaften Auftakt, und wunderbar skurril illustriert mit der Akten-Szene: In der beobachtet K. die Aktenverteilung an die Beamten im Herrenhof, die um fünf Uhr morgens beginnt und offenbart, wie oft Akten verwechselt werden, woraufhin heftige Streitereien zwischen den Beamten und Gehilfen entstehen. Überhaupt sind die Beamten durch ihre Tag- und Nachtarbeit (einerseits wollen sie immer mehr Akten, andererseits kommen sie mit der Aktenschieflage nicht mehr klar) so übermüdet, dass sie Parteien und Bittsteller sogar im Bett empfangen.

Menschen mit Masken, zur Kenntlichkeit entstellt. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

Bernhardt Jammernegg spielt so einen, und zwar, dank seines von langen Haarzotteln umrahmten, kantigen Charaktergesichts, sehr schön spooky. Jammernegg ist der Riff Raff der Inszenierung, mal der keine sinnvollen Botschaften übermittelnde Bote Barnabas, mal der Beamte Bürgel, der für K.s Wünsche zugänglich scheint, weil es ihm an Arbeit mangelt und er auf eine Aufgabe geradezu lauert, der aber völlig ohne Einfluss auf die Geschehnisse im Schloss ist.

In jeder seiner Rollen spielt Jammernegg die Angst vorm Schloss mit, die Getriebenheit, die Gehetztheit der Menschen, die im Wortsinn unter ihm leben. Denn obwohl vom Schloss nie Sanktionen ausgehen, befürchten die Dorfbewohner beim Übertreten von Was-auch-immer drohe ihnen schlimmste Strafe. Der undurchschaubare, unnahbare Apparat, seine anonyme Autorität, das macht Kavin in diesen Szenen deutlich, erreichen absoluten Gehorsam allein durch ihre Existenz. Es sind diese Momente, die einen ans Jahr 2017 gemahnen – mehr Überwachung, mehr Polizei, mehr Kompetenzen für …, die persönliche Freiheit aufgegeben für die allgemeine Sicherheit.

Natalia Fonta macht im Rollstuhl und auf Schwyzerdütsch die Herrenhofwirtin, und wechselt im Aufstehen in die Position der Amalia, die das obszöne Ansinnen des hohen Schlossbeamten Sortini ablehnt, und ergo aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen wird. Gemeinsam mit Anna Anderluh gestaltet sie auch die unsäglich klettenhaften Gehilfen K.s, die angetreten sind, um ihn zu „erheitern“. Falls dies ein Synonym von überwachen ist.

Die Aufführung der TheaterArche endet endgültig im Albtraum. Aus Nebelschwaden tritt das Ensemble mit weißen Masken, das jeweils signifikanteste Merkmal ihrer Physiognomie satirisch auf die Spitze getrieben. Sie setzen sich aufs Podest und starren sprachlos ins Publikum. Mehr Spiegel braucht es nicht, um Jakub Kavins Schlussplädoyer gegen die zunehmende Gesichtslosigkeit in der Gesellschaft deutlich zu machen. Seine Bearbeitung von Kafkas „Schloss“ ist absolut sehenswert. Am 6. Tag wird K. angeboten, Pferdeknecht zu werden und in der „Mädchenkammer“ zu überwintern. Wer wollte da lieber mausgrauer Beamter sein?

Vorstellungen bis 14. Oktober.

www.theaterarche.at

www.jakubkavin.com

Derzeit versucht Jakub Kavin mittels Crowdfunding sein nächstes Projekt auf die Beine zu stellen: „Das Floß der Medusa“ nach Franzobels auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gesetzten Roman. Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=25256

  1. 9. 2017