Schauspielhaus Wien: Schlafende Männer

November 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einsauen bis zur Ekelgrenze

Hier wird gekleckert, nicht geklotzt: Anton Widauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger und Alina Schaller. Bild: © Susanne Einzenberger

Lässig lehnt Maria Lassnig an der Wand. Ihre Selbstporträts „Du oder ich“ und jenes „unter Plastik“, natürlich „Schlafende Männer“. Das Gemälde aus dem Jahr 2006 ist schließlich Namensgeber für Martin Crimps Stück, das Tomas Schweigen nun am Schauspielhaus Wien als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Bühnenbildnerin Giovanna Bolliger hat Zuschauertribüne und Spielfläche vertauscht, all the world’s a stage, und auf diese eine Atelierwohnung gestellt.

Manifeste über den heidnischen Menschen und die ursprüngliche Tragödie an den Wänden; Kunst fließt hier, später noch im Wortsinn, tropft von Gesichtern und Körpern, wenn sich das Darstellerquartett mit Joghurt und Gips, Blutfarbe und griechischem Salat einsaut – bis zur aktionistischen Ekelgrenze; das Leben dagegen stagniert. Dass an die Fensterschräge als Referenz Mike Nichols Geschlechterkampffilm, Liz Taylor und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, projiziert wird, verweist auf die theatrale Zimmerschlacht, die hier gleich anheben wird.

Das Setting ist dasselbe, ein in die Jahre kommendes, gutsituiertes Ehepaar, Paul und Julia, er Musikproduzent, sie Kunsthistorikern, lädt ein junges ein. Josefine ist Julias neue Assistentin, deren Mann Tillman hat mit Möbeln zu tun, und ist ergo der einzige nicht künstlerisch tätige in der Gruppe. Die Vornamen sind die der Schauspieler der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, Crimp-Intima Katie Mitchell hatte dort die Regie übernommen, und musste sich vom Feuilleton vorwerfen lassen, ihre „kältestmögliche Zurückhaltung“ hätte die Aufführung zur „Fischblütigkeit“ verdammt.

Das kann man Tomas Schweigen nicht anlasten, er greift in die Vollen. Mitten im Alsergrunder Boboville geraten ihm die Crimp’schen Figuren wie selbstverständlich zu jener Art von Bourgeoisie, die verzweifelt versucht, ihr letztes bisschen Bohème ins Arriviert-Sein zu retten. Vera von Gunten gibt die Julia mit ausreichend Schnepfigkeit und selbstverliebter Attitüde, die Frau ist schließlich ein Star auf ihrem Gebiet, Sebastian Schindegger spielt Paul in lustvoll-gebückter Demutshaltung, ein passiv-aggressiver Tropf, dessen Geltungsdrang längst erloschen ist. „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert, aber Paul ist frei von Bitterkeit“, sagt Julia.

Das sitzt. Und Paul ist nicht der einzige unterbutterte, auch der verhuschte, tanzbärig-dumpfe Tillman wird von der Gattin klein gemacht. „Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße“, so stellt er sich vor. Plaudertäschchen Josefine ist er unter den Kunstkollegen in erster Linie peinlich.

Von Gunten und Schindegger. Bild: © Susanne Einzenberger

Von Gunten, Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kammerspiel entwickelt Crimp im Weiteren eine Horrornacht mit unklarem Ausgang. Wie Maria Lassnigs Bilder vor expliziter Sexualität strotzen, wie sie Machtstrukturen genussvoll aufbricht und ins Skurril-Surreale dreht, so zugeht’s auch im Stück. Es ist ein Erregungsfeuerwerk, und Schweigen bedient Crimps expressiven Humor aufs beste, etwa, wenn der angesäuerte Paul Rudolf-Schwarzkoglerisch an seinem Salatgurken-Penis herumsäbelt und Paradeiser auf seiner Stirn zertrümmert.

Julia ist nämlich Expertin für Wiener Aktionismus, und knapp vor dem Aus laufen an den Seiten Videos, die Schauspieler in Günter Brus‘ Kopfbemalungs-Pose oder in Otto-Muehl-Aktionen zeigen. „So leben wir nicht“, ist Pauls Selbstversicherung, bevor er eine sexuelle Annäherung an Tillman wagt.

Die Pointen fliegen wie die Fäuste, es gibt Prügel mit der Plastikflasche, die unterschwellige Bereitschaft zu Gewaltakten bricht sich dank zunehmend Alkohol allmählich Bahn, das kennt man so auch von Yasmina Reza, doch Crimp legt keinen Wert aufs Well-Made-Play, er fordert das Publikum heraus mit seinen feministischen Diskurstheaterdialogen übers extrem schwache starke Geschlecht.

Gekonnt wechseln von Gunten, Schindegger, Schaller und Widauer von Exzess zu Konversationston, vor allem von Gunten als obskure Strippenzieherin treibt mit ihrem zwischen Hysterie und Hochmut changierenden Spiel den Abend voran. Bis ein ominöser Marc anruft, er offenbar auch Maler mit gerade Ausstellung in den USA, und von Julia für ihre Karriere eine Auslöschung verlangt.

Zum Schluss – dies ein Spoiler – scheint sich die ganze Inszenierung höchst doppeldeutig als von Marc geschaffene Kunstinstallation zu enttarnen. Deren Ende ist ein Sprung aus dem Fenster. Mit Hausmacher-Aktionismus die eigene Existenz wieder provokant zu machen, hat für Julia und Paul nicht funktioniert. Tomas Schweigens Hommage an ebendiesen funktioniert als irrwitziges Bühnenschüttbild hingegen prächtig.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Jga-YL95zGo

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Volkstheater: Hangmen (Die Henker)

Januar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht geht vom Pub aus

Alles beginnt mit der Frage, ob hier ein Unschuldiger gehenkt wurde: Sebastian Klein, Jürgen Weisert, Kaspar Locher, Mario Schober und Lukas Holzhausen. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Am Mittwoch, am Tag der Premiere, wurden in Kuwait erstmals nach vier Jahren wieder Menschen hingerichtet. In den USA wartet der Charleston-Killer auf seine Exekution. In der Türkei setzt Staatschef Erdoğan alles daran, die Todesstrafe wieder einzuführen. Es ist also ein hochaktuelles, ein brisantes Thema, dem sich das Volkstheater mit seiner jüngsten Premiere im Volx/Margareten widmet. Lukas Holzhausen, als Schauspieler eine erste Kraft am Haus, führt nach „Halbe Wahrheiten“ erneut Regie, diesmal bei der bitterbösen Komödie „Hangmen (Die Henker)“ des britischen Dramatikers Martin McDonagh, und er hat auch eine Hauptrolle übernommen.

Vergangenes Jahr in London uraufgeführt wurde die makabre Krimi-Groteske mit dem Laurence-Olivier-Award für das beste Stück ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich nun bei der österreichischen Erstaufführung zeigt. In Holzhausens Händen funktioniert der britische Humor auch in deutschsprachiger Übersetzung formidabel. Der Abend ist so extra dry wie ein gut geschüttelter Martini, er bietet zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung mit einem gut gelaunten, spielfreudigen Ensemble – und er ist tatsächlich sehr spannend.

McDonagh, in den 90er-Jahren als Wunderkind der In-Yer-Face-Bewegung gehypt, erweist sich auch im neuen Jahrtausend als Meister seines Fachs. Wann immer man glaubt, seinem Stück auf der Spur zu sein, macht er einen Twist und führt einen auf eine neue Fährte. Die Handlung der „Hangmen“ dockt an der Realität an. Es ist 1965 und es ist der Tag der Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Der letzte Henker des Landes, Harry Wade, betreibt im nordenglischen Oldham ein Pub, dort hält er Hof vor seinem versoffenen Fanklub, in diesem seltsamen Idyll, das er sich geschaffen hat. Der Frieden wird gestört, als auf einmal die Frage im Raum steht, ob ein gewisser James Hennessy vor zwei Jahren unschuldig gehenkt wurde. Er soll ein Mädchen ermordet haben, doch hatte er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Die letzten Worte des Delinquenten waren ein Fluch, mit dem er Wade und seinen Assistenten Syd belegte.

Auftreten nun eben dieser Syd, der seinen ehemaligen Vorgesetzten vor einem mysteriösen Mann warnen will, ein neugieriger Lokalreporter, der eine heiße Story wittert, und jener bedrohlich wirkende Fremde, der aus seiner Abneigung gegenüber dem Wirt und seinen Stammgästen kein Hehl macht. Und dann ist plötzlich Wades Tochter Shirley verschwunden … Es ist ein hartgesottener Menschenschlag, den der Autor vorführt, eine letztlich feige Bande, die sich schwer entscheiden kann, ob sie Frauen, Fremde oder Schwule mehr verabscheut und gern beleidigende Witzchen über all die macht, die nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen.

Am Beispiel dieses Mikrokosmos zeigt McDonagh, wie es ist, wenn das Recht vom Pub ausgeht. Er hat der öffentlichen Meinung aufs Maul geschaut, den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff „Volk“ kritisch unter die Lupe genommen, ergo übernimmt der Stammtisch bei ihm das Sagen. Die Schreihälse setzen sich durch und setzen schließlich auf Selbstjustiz, ein Fanal ihrer Unzufriedenheit mit der Politik und der Rechtsprechung, das dieser Tage seine Entsprechung in Demonstrationszügen findet, bei denen selbst gebastelte Galgen für verhasste Volksvertreter mitgeführt werden. Die „Hangmen“ beginnen und enden mit einer Hinrichtung. Holzhausen stellt das durchaus drastisch dar, diese Szenen fahren von einem Moment auf den anderen unter die Haut, schockieren mit einer atemraubenden Skrupellosigkeit, hatte man sich doch eben noch am Wortwitz und am skurrilen Spiel erfreut.

Auch diesmal hat Holzhausen präzise und prägnant gearbeitet. Er macht aus McDonaghs Figuren fein ziselierte Charaktere, jeder noch so kleinen Rolle – etwa Kaspar Locher als Hennessy – verleiht er mit seiner Inszenierung Profil; die Pointen sind auf den Punkt gesetzt, wenn sie wie lapidare Bemerkungen auf den Bühnenboden fallengelassen werden. Die Dialoge sind teilweise ungeheuerlich, etwa wenn das Hängen als humanste Tötungsmethode gepriesen wird, ist doch die Guillotine zu blutig und vor allem (!) zu Französisch und der elektrische Stuhl „Ami-Schwachsinn“. Wer will seine Verbrecher schon gebrutzelt wie ein Steak?

Henker und Pub-Besitzer Harry Wade mit seinem Fanklub: Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen und Sebastian Klein. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein geheimnisvoller Eindringling stört die Kleinstadtruhe: Alfred Schibor, Rainer Galke, Jürgen Weisert und Mario Schober. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein gutes Dutzend Kollegen setzt der Regisseur in Szene und sie alle agieren ganz großartig. Holzhausen selbst ist als Harry Wade ein selbstgerechter Unsympath, ein eitler Zyniker, ein absolutistischer Herrscher in seinem bierdurchtränkten Reich, was nicht nur Steffi Krautz als seine desillusionierte, dem Gin verfallene Gattin Alice und Alina Schaller als motzige Tochter Shirley zu spüren bekommen, sondern auch die Pub-Besucher Jürgen Weisert, Alfred Schibor und Mario Schober. Sebastian Klein hütet als sinistrer Syd ein Sex-Geheimnis, Nils Rovira-Muñoz gestaltet den Journalisten als hin und her gerissen zwischen sensationsgeil und gerade noch ehrenhaft, Günter Wiederschwinger ist ein mitgefangener, mitgehangener Polizeiinspektor.

Vor allem aber brilliert Rainer Galke als seltsamer Eindringling Mooney. Wie er von hier auf jetzt von freundlich zu feindlich umschaltet, weist ihn als verdienten Nestroy-Preisträger in der Kategorie bester Schauspieler aus. Egal, wie leutselig dieser Mooney gerade ist, immer schwingt der Sarkasmus in Galkes Stimme mit, immer befeuert er die gegenseitigen Beschuldigungen mit seinen lächelnd vorgebrachten Provokationen, und als er sich endlich an Shirley heranmacht, hat sich das so amüsierte wie schockierte Publikum längst Gedanken darüber gemacht, welche Art Perverser dieser Mooney eigentlich ist. Eine Glanzleistung liefert zum Ende auch Michael Abendroth als Wades Henkerkonkurrent Albert Pierrepoint ab. Abendroth macht aus seinem kurzen Auftritt ein satirisches Kabinettstück über Arroganz und Anmaßung und die Frage, ob eine Gesellschaft das Recht hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Albert Pierrepoint gab es wirklich. 1905 geboren entstammt er einer Henkerdynastie, trat in die Fußstapfen seines Vaters, richtete nach dem Zweiten Weltkrieg auch Nazis in Deutschland und in Österreich in der britisch besetzten Steiermark hin und wurde schließlich Pub-Besitzer. Der von ihm exekutierte Fall Timothy Evans trug zum Meinungsumschwung über die Todesstrafe in Großbritannien bei. Evans wurde für die Ermordung seiner Frau und Tochter gehenkt, eine Tat, die wie sich später herausstellte, sein Nachbar begangen hatte …

www.volkstheater.at

Wien, 26. 1. 2017