Bronski & Grünberg: Der Reigen

Oktober 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss sind alle fick und fertig

„Schnitzler“ von Ruth Brauer-Kvam: Florian Stohr als Dirne und Gerald Votava als Soldat. Bild: © Philine Hofmann

Von wegen Männerwelt. Hat sich was mit Herren der Schöpfung. Nicht nur zwingt das „Domina“-nte Stubenmädchen den Soldaten zwecks Orgasmus zum tödlichen Stromschlag, da wird später sogar ein Erotikdarsteller mittels bösem Weiberblick um sein Ejakulat betrogen, bis schließlich ein französisch parlierender Adelsspross zum Sex einen Pariser benutzen soll – was ihm leider gar nicht steht.

Im „Bronski & Grünberg“ ist wieder „Der Reigen“ im Programm, die Wiederaufnahme der in der vergangenen Saison höchst erfolgreichen Produktion, für die zehn Regisseurinnen und Regisseure je eine Szene aus dem einstigen Skandalstück inszenierten. Und wie darin ein Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle entworfen wurde, changierend zwischen Unmoral, Ohnmacht und Machtanspruch, so geschieht’s auch heute.

Allerdings auf post-patriarchal gedreht und gewendet, heißt: die Frauen schaffen an, und zwar nicht nur die Dirne, sondern in jeglicher Form. Das selbsternannt starke Geschlecht ist ein im Wortsinn armes Würstchen, das selbstmitleidig davon singt, dass ein Penis halt keine Maschine ist.

Zehn Leuchttafeln rund um die von Gabriel Schnetzer gestaltete Bühne zeigen das Jahr der jeweils gespielten Szene an, nicht chronologisch geht’s von 1750 bis 2000, selbstverständlich ins Erstveröffentlichungsjahr 1900 und ins Uraufführungsjahr 1920. Kyrre Kvam hat dazu Goethes Gedicht „Liebhaber in allen Gestalten“ vertont, die Strophen unterbrechen die Begegnungen, wobei, tatsächlich tut das Florian Stohr als Dirne. Stohrs Leocadia ist ein liebenswertes leichtes Mädchen, klar kann der Schauspieler Drama-Queen, doch die von Ruth Brauer-Kvam verantworteten erste und letzte Szene setzen lieber leise, lyrische Akzente in dieser ansonsten um Kalauer und Klamauk keineswegs verlegenen Aufführung.

„VHS Kassette“ von David Schalko: Von Stolzmann als Gatte und Julia Edtmeier als Süsses Mädel. Bild: © Philine Hofmann

Der Pornostar will die Filmelevin beeindrucken: Claudius von Stolzmann und Julia Edtmeier. Bild: © Philine Hofmann

„Dr. Condom“ von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki: Florian Carove als Graf. Bild: © Philine Hofmann

Mit Verhüterli floppt der Verkehr: Kimberly Rydell als Schauspielerin und Carove. Bild: © Philine Hofmann

Trifft Stohr anfangs auf Gerald Votava als defätistischen Soldaten, dieser brutal in seiner Resignation, hartherzig in seinem Nihilismus, von beiden eine schnitzlereske Charakterzeichnung inmitten des Überdrüber, das noch folgen soll, so ist es am Ende Florian Carove als Graf, der nach Satire, Ironie, Sarkasmus endlich ernsthaft einen Schnitzler’schen Sehnsüchtler gibt – dieser an diesem Abend übrigens nicht der einzige, der nicht zum Schuss kommt. Solitär Stohr aber fällt, da Brauer-Kvam auch die Über-Regie übernommen hat, und damit die Arbeit, die Episoden zu einem Ganzen zusammenzufügen, außerdem die Aufgabe zu, als eine Art Spielmacherin zu fungieren. Denn Leocadia bestimmt, wer wann wo, und wie es Marius Zernatto als Dichter mit einem weinerlichen „Alle andern dürfn a“ formuliert, „abgespielt“ ist, und führt die Figur von der Bühne.

Alldieweil ist Gerald Votava bereits beim Stubenmädchen angelangt, Karoline Kucera als SM-Kammerraubkätzchen, der Soldat wie Woyzeck impotent, nicht von zu vielen Erbsen, sondern weil abgefüllt mit Cornflakes aus dem Hause „Kellogg’s“ – wie Dominic Oley seine Szene hintersinnig nennt, diese Verquickung der Erfindung der Frühstücksflocken als Medizin gegen den Sextrieb und die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Übernahme des dafür errichteten Sanatoriums durch die US-Armee. In „Doppelspalt Experiment“ trifft Kucera als nächstes auf David Jakob als Jungen Herrn, ein prä-potenter Teenager, den Dominic M. Singer sich in der Badewanne räkeln lässt, ein Herrenburscherl, das den Hitlergruß probt, bevor ihn die von ihm als solche behandelte „Dienstmagd“ Kurz anbindet.

Auf „Reigen Skandal“ von Johanna Mertinz mit David Jakob als Jungem Mann und Agnes Hausmann als Junger Frau, folgt Helena Scheubas „Freddie Mercury“, eine Sequenz, in der sich Agnes Hausmann als Junge Frau und Claudius von Stolzmann als Gatte in Rollenspielen üben, von Stolzmann hinreißend beim natürlich tollpatschigen Versuch zu „Under Pressure“ einen Striptease hinzulegen, großartig der eheliche Dialog, ob nicht des Gatten Schnauzbart und seine Begeisterung fürs Tanzen ein Indiz für eine ebensolche betreffs Sex mit Männern sei. Dies jedenfalls die große Fehlstelle in dieser Gemeinschaftsarbeit, dass nämlich im „Schnitzler neu“ mehr Spielarten zwischenmenschlichen Zusammenlebens als immer nur die Hetero-Variante wünschenswert gewesen wären.

„Kellogg’s“ von Dominic Oley: Karoline Kucera als Stubenmädchen und Gerald Votava. Bild: © Philine Hofmann

„Freddie Mercury“ von Helena Scheuba: Agnes Hausmann und Claudius von Stolzmann. Bild: © Philine Hofmann

„Schnitzler“ II von Ruth Brauer-Kvam: Florian Carove als Graf und Florian Stohr als Dirne. Bild: © Philine Hofmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stattdessen schnallt sich von Stolzmann in David Schalkos „VHS Kassette“ einen Riesen-Penis um (Kostüme: Katja Neubauer), der Gatte ein Pornostar, mit dem Fellatio zum Reflux führt, wie er angibt, bis Julia Edtmeier seinem Segen-und-Fluch-zugleich-Pimmel mit einem Augenaufschlag den Garaus macht. In Fabian Alders „Die Pille“ gesellt sich zu Edtmeier Marius Zernatto als Dichter, ein von seinem Singer-Songwriter-Genie überzeugter Poser, den an der Beziehung lediglich interessiert, ob sie eh die – siehe Episodentitel – nimmt. Auch bei seinem zweiten Antreten ist Zernattos Dichter kein Glück beschieden, im von Laura Buczynski inszenierten „Sex and the City“ sorgt Kimberly Rydell als Schauspielerin mit ihrer flammenden Rede über Verhütung für den Untergang seiner Schwimmer.

Die Szene von der Schauspielerin und dem Grafen nennt sich in der Fassung Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki „Dr. Condom“, nötigt doch Rydells Bühnenkünstlerin den Blaublüter voll feministisch und auf ihre nachwuchslose Unabhängigkeit bedacht sich ein solches –  1750 noch aus Tierdarm gefertigt, mit Seidenbändern und lateinischer Gebrauchsanleitung – überzuziehen. Schwach protestiert Florian Caroves Graf, das Abwenden von der Zeugung von Bastarden liege in der Verantwortung des Weibes, doch es hilft ihm kein sich auf diesen Standpunkt Versteifen. Was im Übrigen auch andernorts nicht stattfindet, was wiederum von Carove, der sich zu allem Ungemach noch zusätzlich durch unzählige Rokkokokleiderschichten wühlen muss, mit einem bedauernden „Ich war eigentlich grad sehr geil“ kommentiert wird.

Da lacht das Publikum, wie generell viel an diesem Abend. „Der Reigen“ im Bronski & Grünberg geriet im besten Bronskisten-Style zur abgedrehten Komödie, die Schauspielerinnen und Schauspieler mal lässig-lasziv, mal amüsant-süffisant, mal exaltiert, mal exzentrisch. Neben Gerald Votava mit seinem rostigen Goldenen Wienerherz, ist es von Stolzmann, dessen darstellerische Feinheiten gefallen. Wie er in der Scheuba-Szene bei Hose rauf, Hose runter, von Satz zu Satz tänzelt, von Erwartung zu Enttäuschung, spielt er sich sportlich-schnittig die Pointen von der Seele. Am Schluss sind alle fick und fertig. Schön ist das, diesem Dreamteam beim „seeeehr frei nach Schnitzler“ Spaß haben und Spaß machen zuzusehen.

 

www.bronski-gruenberg.at

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Toulouse

April 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schicker Scheidungskrieg mit Schusswaffe

Sona MacDonald und Götz Schulte. Bild: Moritz Schell

Alles ist in Schieflage, das schicke, schneeweiße Hotelzimmer hinterm Sandstrand, die Beziehung der beiden Protagonisten sowieso. Schnell wird aus dem spitzzüngigen Smalltalk ein verletzender Schlagabtausch, wie das Leben so spielt, wenn er nach 19 Ehejahren ein neues Glück mit einer jüngeren gefunden, sie aber die Scheidungspapiere noch nicht unterschrieben hat. So zu sehen in David Schalkos gallbitterer Tragikomödie „Toulouse“.

Die Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt als Österreichische Erstaufführung inszenierte. Zum Stück gibt es bereits einen Fernsehfilm von Regisseur Michael Sturminger mit Catrin Striebeck und Matthias Brandt. Auf der Bühne verkörpern jetzt Sona MacDonald und Götz Schulte die fast schon Expartner Silvia und Gustav, die sich auf ihren Wunsch ein letztes Mal in ihrem ehemaligen Liebesnest treffen. Zur ultimativ klärenden Aussprache. Wobei Gustav insgeheim auf Abschiedssex hofft, während Silvia von Anfang an einen Plan hat, der, am Ende enthüllt, dem Publikum thrillermäßig den Atem nimmt. Allein, mit dem Geschlechterclinch gibt sich Schalko nicht zufrieden, und so hat Gustav seiner neuen Frau, um ihr nicht sagen zu müssen, dass er zur alten fährt, die Lüge aufgetischt, er wäre in Toulouse bei einem Geschäftstreffen. Doch das Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich eine Konferenz besucht, wird Ziel eines islamistischen Attentats, was dessen säuberlich konstruierte Schwindeleien gehörig ins Wanken bringt.

Es ist ein gewagter Gedankengang, das Geplänkel zwischen Silvia und Gustav mit einem Terroranschlag parallel zu führen. Schalko versucht aus dieser Verschränkung mehr als ein Vehikel für die Handlung zu machen, indem er das Politische als Vexierbild des Privaten ausstellt. Kaum geht der Gewaltakt durch die Medien, gilt Gustavs Sinnen nicht dem Leid der Opfer und ihrer Angehöriger, sondern einzig der Misere, in der er persönlich sich befindet, Silvias Schadenfreude wiederum ist es, ihn damit zu verspotten. So weit, so Schalko, der Mensch zwischen gesellschaftlicher Integrität und Individualisierung, so weit dessen wieder salonfähige Egomanie, die sich bestens in den eigenen Befindlichkeiten verhaftet, aber gegen Katastrophen, die andere treffen, immun ist.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Nun ist „Toulouse“ eingedenk berühmt gewordener Eheschlammschlachten kein großer Text, doch besticht er durch einige bissige Bonmots auf Grundlage treffender Paarbeobachtungen, die Ausnahmeschauspieler wie Sona MacDonald und Götz Schulte, den kennenzulernen allein der Besuch einer Vorstellung lohnt, selbstverständlich gewandt-sarkastisch zu servieren wissen. Dass Gustav permanent die Minibar plündert, „weil wir nüchtern immer zu streiten beginnen“, dass Silvia bei ihm einen Gin ordert, weil sie „Lust hat, etwas zu bereuen“, wirft ein prägnantes Licht auf diese verflossene Liebe. Gemeinsam spielen sie zwar die Spielchen zweier zutiefst Vertrauter, wenn er von ihr angestachelt zum tollpatschigen Herrenstriptease ansetzt, doch ist in jeder dieser lustvoll-schelmischen Sekunden zu merken, dass sie vor die Spielchen das Wort Macht- gesetzt hat.

Silvia hat den Schmerz über Gustavs Betrug zu ihrer Schusswaffe umfunktioniert, und jeder seiner Rausredesätze ist für sie neue Munition. Sie ist die Rachegöttin, die Parze, die alle Fäden zieht, und MacDonald gibt Schulte lasziv lächelnd kaltwarm, in der Körperspannung gleich einem Raubtier. Während Gustav – Schulte stattet ihn mit jener Berufsjugendlichkeit aus, die gar nicht merkt, dass der glänzende Lack längst blättert – wie ein bei einem Unfug ertappter Schulbub dasteht. Nur langsam steigt bei ihm die Ahnung auf, dass er in eine Falle getappt sein könnte. In den Zerstörungsmanövern ihrer psychologischen Scheidungskriegsführung schonen die beiden weder sich selbst noch einander. Gut lachen haben da nur die Zuschauer.

Sona MacDonald besticht mit sprunghaften Feindseligkeitslaunen. Kurz giert sie nach Gustav, merke: das Unglück Fremder macht geil, schon haut sie ihm die Fäuste um die Ohren. Die Gemütslage dieser Silvia kann sich innerhalb eines Satzes ändern, und MacDonald zeigt das sehr subtil, etwa, wenn sie Schulte ein „Ich finde dich unterhaltsam, seit ich dich nicht mehr ernst nehme“ oder „Neben niemandem konnte man so gut allein sein wie neben dir“ an den Kopf wirft. Da kann er wenig kontern. Wenn Silvia hingegen den Verlust ihrer Weiblichkeit beklagt und dem Umstand zuschiebt, dass „Männer gierige Kinder sind“, versteht man, wie tief der Gram der kinderlos gebliebenen Ehefrau darüber sitzt, dass die Geliebte „schon nach zwei Wochen“ schwanger war.

Bild: Moritz Schell

Wie perfekt das Dialog-Timing von MacDonald und Schulte stimmt, ist schlicht beglückend, mit ihrer Darstellung gelingt die Kunst, ein, zwei Längen im Siebzigminüter elegant zu verkürzen. Schulte katapultiert Gustav bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs, und je aufgelöster der wird, je süffisanter sie. Im steilen Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos sind ihre seelischen Auf und Abs symbolträchtig angelegt.

Im Hintergrund laufen dazu immer wieder Nachrichtenbilder aus Toulouse, dazwischen Silvia und Gustav im Pool, aufeinander zu schwimmend, sich umarmend und küssend – eine Videoaufnahme aus romantischeren Zeiten. Wenn MacDonald anfangs allein als Schatten vor dieser Projektion steht, ist das von berührender Kraft. Zum Schluss wird Silvia plötzlich eine Pistole in der Hand haben, und wo eine solche ist, weiß man seit Tschechow, wird geschossen. Bald gibt es mehr zu bereuen, als nur den Gin, und durchaus zynisch zu nennen ist, wie Schalko nun den Toulouser Terroranschlag tatsächlich im ehelichen Attentat spiegelt. Beunruhigend zudem, in einem Hotel abgestiegen zu sein, in dem kein Concierge angerannt kommt, wenn eine Kugel knallt …

Video: www.youtube.com/watch?v=tcy4SB6-BSw           www.josefstadt.org

Rezension von David Schalkos aktuellem Roman „Schwere Knochen“: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 4. 2019

David Schalko: Schwere Knochen

Juni 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Erdberger Spedition“ räumt Wien aus

„Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hat er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte …“ So beginnt und, wie man sehen wird, endet David Schalkos Roman „Schwere Knochen“. Während der Autor gerade damit beschäftigt ist, Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Miniserie in die Gegenwart zu hieven, bleibt sein Buch dem Geist der 1930er- bis 1950-Jahre treu.

Schalko erzählt von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten.

Die jungen Unterweltler werden jedoch übermütig und brechen beim „Nazi-Huber“ ein, just an jenem 15. März 1938, als der auf dem Heldenplatz der Hitler-Rede lauscht – und ab geht’s ins KZ, die einen Dachau, der Krutzler Mauthausen, wo die vier in der Sadistenschule die Unmenschlichkeiten lernen, die sie noch nicht beherrschen. Beim Krutzler sind das sein später legendärer „Halsstich“ und die „Bußzeit“; in der Lagerhierarchie standen die wegen Kriminalität einsitzenden Häftlinge ganz oben, machten sie sich doch, manche freiwillig, manche gezwungen, anstelle der SS die Hände schmutzig.

Derart skrupellos gemacht übernimmt die „Erdberger Spedition“ nach der Befreiung durch die Alliierten das Nachkriegs-Wien, je einer sitzt in jedem Sektor der Stadt, verdingt sich vorgeblich als Handlanger der neuen Herren, doch bald wird der Schmuggel von amerikanischen Zigaretten und russischem Wodka auf den Betrieb von Bordellen, das Stoßspielen und Schutzgeldeinnahmen ausgeweitet, und die Erdberger erleben ihr ganz eigenes Wirtschaftswunder …

Für seinen Roman hat Schalko einen charmant-hinterfotzigen Ton entwickelt, sehr Wienerisch, wiewohl mehr Jargon als Dialekt, und ob der durchgehaltenen indirekten Rede so pointiert wie distanziert. „An der Fassade hing eine rot-weiß-rote Fahne. Man hatte einfach das Hakenkreuz herausgetrennt. Und schon war Österreich fertig“, heißt es da beispielsweise. Auf diese Weise Zeitgeschichte zu erzählen, ist ein typisch für „Schwere Knochen“, auch wird deutlich, wie viel Recherchearbeit Schalko in seinen originellen Mix aus Krimi, Beziehungstragödie und Gesellschaftssatire investiert hat.

„Die SPÖ forderte opportun, statt den Kriegsgefangenen die ehemaligen Nazis nach Sibirien zu deportieren. Ein Ansinnen, mit dem auch Stalin leben konnte. Das Hetzplakat der ÖVP, auf dem „Ur-Wiener statt Wiener ohne Uhr“ stand, hing man erst gar nicht auf. Der Russe hatte von jeher ein Faible für teure „Uhras“. Aber was verstand die alteingesessene Bourgeoisie schon vom progressiven Sowjetmenschen. Für das Bürgertum waren die Arbeiter nur Rohmaterial ihrer Gewinne“, schreibt Schalko über die erste Wien-Wahl nach dem Krieg. So blutrünstig-brutal der zwischenmenschliche wie der „berufliche“ Umgang miteinander veranschaulicht wird, so gefühlvoll und bildhaft geraten einzelne Szenen.

Und so pittoresk die Schauplätze von Alliiertenpolitik und Exzessen aller Art – von Punschkrapferlwettessen in der „Aida“ bis zur Rauferei nach dem Damencatchen am Heumarkt – geschildert werden, so liebenswert-grotesk ist Schalkos Figurenpanoptikum aus rivalisierenden Verbrechern, korrupten Polizisten, skrupellosen Volksvertretern und gierigen Besatzungsoffizieren. Sehr plastisch geraten ihm „die Musch“, eine dragonerhafte Zuhälterin und langzeitgeliebtes „Wildvieh“ des Krutzler, der Podgorsky, der als Kommunist und Ex-KZler zum obersten Ordnungshüter der Stadt aufsteigt, der irre Arzt und Himmler-Feind Harlacher, der mit einem weiblichen Gorilla – siehe Buchcover – ein unsauberes Verhältnis pflegt, oder eben die Bregovic die Söhne zwecks Bildung einer Jungarmee zur Welt bringt, die dereinst die Erdberger an der Spitze ablösen soll.

Für viele seiner lokalen Legenden gebe es reale Vorbilder, sagt Schalko im Interview, natürlich auch für den Krutzler. So geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow – „Endlich konnte man ungestört über das Wetter, Peter-Alexander-Filme und die herrlichen Kaiserzeiten parlieren. Endlich durfte man laut sagen, was man sich für die Nachkriegszeit zurechtgelegt hatte, was aber von den übereifrigen Russen zunichte gemacht worden war. Nämlich, dass man Hitler gehorchen musste, sonst wäre man zum Tode verurteilt worden. Die Russen hatten neuerdings Verständnis dafür.“  – bis zum Ungarnaufstand 1956.

Zu diesem sagt Bundeskanzler Raab, nachdem die politischen Flüchtlinge als Wohlstandsparasiten verunglimpft worden waren, man könne nicht Wohltäter für die ganze Welt spielen. Der Notwehr-Krutzler behauptet, „dass der Faschismus der Zukunft ein Notwehr-Faschismus sein werde. Er könne schon die Stimmen hören, die riefen, was hätten wir denn tun sollen, wir hatten Angst. Die Zukunft gehöre nicht den Angstfreien, sondern den Verängstigten. Mit Angst werde sich in Zukunft alles rechtfertigen lassen.“ Auch Absätze wie dieser machen „Schwere Knochen“ absolut lesenswert.

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. „Schwere Knochen“ ist David Schalkos vierter Roman.

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten.

www.kiwi-verlag.de

  1. 6. 2018

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Saison-Auftakt im Rabenhof

August 29, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Zehn Jahre Rock’n’Roll im Gemeindebau

Bild: Kabarett Niedermair

Bild: Kabarett Niedermair

PREMIERE: Ernst Molden HAFEN WIEN (25.9.)

Geister und Gespenster, der Friedhof der Namenlosen, ein exzentrischer Totengräber und das Donauweibchen als SM-Domina sind die Ingredienzien für Ernst Moldens Horror-Singspiel aus der diffusen Halbwelt zwischen Leben und Tod.
Mit „Häuserl am Oasch“ wurden von Ernst Molden die längst totgeglaubten Genres des Wiener Singspiels und der Zauberposse erfolgreich wiederbelebt. Nun das neueste Singspiel aus der Feder des „Leonard Cohen von Wien“, als Horror-Musical aus der Wiener Vorstadt. Halloween heißt im Gemeindebautheater immer noch Allerseelen und beginnt in Erdberg bereits am 25. September.mit: Michou Friesz, Eva Maria Marold, Markus Kofler, Heribert Sasse, Gerald Votava, Ernst Molden & Band
Buch und Musik: Ernst Molden
Regie: Thomas Gratzer

PREMIERE: Andreas Vitasek SEKUNDENSCHLAF  (8.10.)

Das brandneue Programm des Topkabarettisten live und in Farbe – Wien-exklusiv am Boulevard Erdberg: Vitasek tingelt auf seiner Never Ending Tour durch die seelische Provinz, als ein Anruf die liebgewordene Routine durchbricht. Es beginnt eine Reise ins Innere, dorthin, wo es wehtut, ins Herz der Finsternis. Kalt wie Gletschereis, heiß wie ein Grillfest. Heimfahren sieht anders aus.

LITERATURSALON im GEMEINDEBAU (September/Oktober)

DAVID SCHALKO: KNOI
26. September, 20.00 Uhr

Seine TV-Serie „Braunschlag“ gehört bereits zu den Highlights österreichischer Fernsehgeschichte, im Gemeindebautheater hat er nicht nur an der Bar, sondern mit der schrägen Soap-Opera „Böheimkirchen Euphorie“ auch auf der Bühne für fulminantes Entertainment gesorgt, nun präsentiert er mit „KNOI“ bereits seinen dritten Roman am Boulevard Erdberg! 

THOMAS GLAVINIC: Das größere Wunder
3. Oktober, 20.00 Uhr

Der Erfolgsautor und Rabenhof-Afficonado hat ein großes Buch über die Liebe geschrieben und stellt seinen soeben erschienenen Roman „Das größere Wunder“ abermals im Gemeindebautheater seines Vertrauens.

DIRK STERMANN: Zweier
6. Oktober, 20.00 Uhr

Frisöre, Feinstaub, Osterhasen, Zahnärzte und Albträume… Das neueste Buch unseres Lieblings-„Piefkes“! „Zweier“ ist nach „Eier“ und vor „Dreier“ der Mittelteil einer Trilogie, die sich das Ziel gesteckt hat, alle relevanten Themen unserer Zeit abzudecken. Sodass man als Leser wird sagen können: Kenn ich, kann ich, hab ich alles schon gelesen.

WIGALD BONING: Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten
11. Oktober, 20.00 Uhr

Der Grimme-Preisträger, Moderator und Entertainer ist erstmals zu Gast im Rabenhof mit einem Diavortrag zu seinem Erfolgsbuch über die geheimen Botschaften auf Einkaufszettel.

AUSTROFRED: Hard On!
18. Oktober und 12. November, 20.00 Uhr

Österreichs Spitzen-Entertainer, der Freddie-Mercury-Impersonator Austrofred, der trotz Weltkarriere immer wieder Zwischenstopps im „First Vienna Prolo-Theater“, wie er das Rabenhof Theater liebevoll nennt, einlegt, hat es geschafft: Er fungiert als Hauptfigur in einem hochdynamischen Abenteuerroman.

FRANK SPILKER:
Das interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen

27. Oktober, 20.00 Uhr
Frank Spilker, Kopf der legendären Hamburger Band Die Sterne erzählt eine Geschichte vom Niedergang, und das so lässig und lakonisch, dass man seinem Helden liebend gern folgt.

www.rabenhof.at

Wien, 29. 8. 2013