David Schalko: Schwere Knochen

Juni 11, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Erdberger Spedition“ räumt Wien aus

„Ferdinand Krutzler war damals der wichtigste Notwehrspezialist Wiens. Elfmal wurde er wegen tödlicher Notwehr freigesprochen. Nur am Schluss hat er es übertrieben. Da saß er inmitten des gefürchteten Bregovic-Clans. Bloß waren die sonst so lauten Jugoslawen ganz still. Das Einzige, was man hörte, war ihr Blut, das auf den Boden tropfte …“ So beginnt und, wie man sehen wird, endet David Schalkos Roman „Schwere Knochen“. Während der Autor gerade damit beschäftigt ist, Fritz Langs Filmklassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Miniserie in die Gegenwart zu hieven, bleibt sein Buch dem Geist der 1930er- bis 1950-Jahre treu.

Schalko erzählt von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten.

Die jungen Unterweltler werden jedoch übermütig und brechen beim „Nazi-Huber“ ein, just an jenem 15. März 1938, als der auf dem Heldenplatz der Hitler-Rede lauscht – und ab geht’s ins KZ, die einen Dachau, der Krutzler Mauthausen, wo die vier in der Sadistenschule die Unmenschlichkeiten lernen, die sie noch nicht beherrschen. Beim Krutzler sind das sein später legendärer „Halsstich“ und die „Bußzeit“; in der Lagerhierarchie standen die wegen Kriminalität einsitzenden Häftlinge ganz oben, machten sie sich doch, manche freiwillig, manche gezwungen, anstelle der SS die Hände schmutzig.

Derart skrupellos gemacht übernimmt die „Erdberger Spedition“ nach der Befreiung durch die Alliierten das Nachkriegs-Wien, je einer sitzt in jedem Sektor der Stadt, verdingt sich vorgeblich als Handlanger der neuen Herren, doch bald wird der Schmuggel von amerikanischen Zigaretten und russischem Wodka auf den Betrieb von Bordellen, das Stoßspielen und Schutzgeldeinnahmen ausgeweitet, und die Erdberger erleben ihr ganz eigenes Wirtschaftswunder …

Für seinen Roman hat Schalko einen charmant-hinterfotzigen Ton entwickelt, sehr Wienerisch, wiewohl mehr Jargon als Dialekt, und ob der durchgehaltenen indirekten Rede so pointiert wie distanziert. „An der Fassade hing eine rot-weiß-rote Fahne. Man hatte einfach das Hakenkreuz herausgetrennt. Und schon war Österreich fertig“, heißt es da beispielsweise. Auf diese Weise Zeitgeschichte zu erzählen, ist ein typisch für „Schwere Knochen“, auch wird deutlich, wie viel Recherchearbeit Schalko in seinen originellen Mix aus Krimi, Beziehungstragödie und Gesellschaftssatire investiert hat.

„Die SPÖ forderte opportun, statt den Kriegsgefangenen die ehemaligen Nazis nach Sibirien zu deportieren. Ein Ansinnen, mit dem auch Stalin leben konnte. Das Hetzplakat der ÖVP, auf dem „Ur-Wiener statt Wiener ohne Uhr“ stand, hing man erst gar nicht auf. Der Russe hatte von jeher ein Faible für teure „Uhras“. Aber was verstand die alteingesessene Bourgeoisie schon vom progressiven Sowjetmenschen. Für das Bürgertum waren die Arbeiter nur Rohmaterial ihrer Gewinne“, schreibt Schalko über die erste Wien-Wahl nach dem Krieg. So blutrünstig-brutal der zwischenmenschliche wie der „berufliche“ Umgang miteinander veranschaulicht wird, so gefühlvoll und bildhaft geraten einzelne Szenen.

Und so pittoresk die Schauplätze von Alliiertenpolitik und Exzessen aller Art – von Punschkrapferlwettessen in der „Aida“ bis zur Rauferei nach dem Damencatchen am Heumarkt – geschildert werden, so liebenswert-grotesk ist Schalkos Figurenpanoptikum aus rivalisierenden Verbrechern, korrupten Polizisten, skrupellosen Volksvertretern und gierigen Besatzungsoffizieren. Sehr plastisch geraten ihm „die Musch“, eine dragonerhafte Zuhälterin und langzeitgeliebtes „Wildvieh“ des Krutzler, der Podgorsky, der als Kommunist und Ex-KZler zum obersten Ordnungshüter der Stadt aufsteigt, der irre Arzt und Himmler-Feind Harlacher, der mit einem weiblichen Gorilla – siehe Buchcover – ein unsauberes Verhältnis pflegt, oder eben die Bregovic die Söhne zwecks Bildung einer Jungarmee zur Welt bringt, die dereinst die Erdberger an der Spitze ablösen soll.

Für viele seiner lokalen Legenden gebe es reale Vorbilder, sagt Schalko im Interview, natürlich auch für den Krutzler. So geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow – „Endlich konnte man ungestört über das Wetter, Peter-Alexander-Filme und die herrlichen Kaiserzeiten parlieren. Endlich durfte man laut sagen, was man sich für die Nachkriegszeit zurechtgelegt hatte, was aber von den übereifrigen Russen zunichte gemacht worden war. Nämlich, dass man Hitler gehorchen musste, sonst wäre man zum Tode verurteilt worden. Die Russen hatten neuerdings Verständnis dafür.“  – bis zum Ungarnaufstand 1956.

Zu diesem sagt Bundeskanzler Raab, nachdem die politischen Flüchtlinge als Wohlstandsparasiten verunglimpft worden waren, man könne nicht Wohltäter für die ganze Welt spielen. Der Notwehr-Krutzler behauptet, „dass der Faschismus der Zukunft ein Notwehr-Faschismus sein werde. Er könne schon die Stimmen hören, die riefen, was hätten wir denn tun sollen, wir hatten Angst. Die Zukunft gehöre nicht den Angstfreien, sondern den Verängstigten. Mit Angst werde sich in Zukunft alles rechtfertigen lassen.“ Auch Absätze wie dieser machen „Schwere Knochen“ absolut lesenswert.

Über den Autor: David Schalko, geboren 1973 in Wien, lebt als Autor und Regisseur in Wien. Er begann mit 22 Jahren als Lyriker zu veröffentlichen. Bekannt wurde er mit revolutionären Fernsehformaten wie der „Sendung ohne Namen“. Seine Filme wie „Aufschneider“ mit Josef Hader und die Serien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ genießen Kultstatus und wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. „Schwere Knochen“ ist David Schalkos vierter Roman.

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten.

www.kiwi-verlag.de

  1. 6. 2018

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Saison-Auftakt im Rabenhof

August 29, 2013 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Zehn Jahre Rock’n’Roll im Gemeindebau

Bild: Kabarett Niedermair

Bild: Kabarett Niedermair

PREMIERE: Ernst Molden HAFEN WIEN (25.9.)

Geister und Gespenster, der Friedhof der Namenlosen, ein exzentrischer Totengräber und das Donauweibchen als SM-Domina sind die Ingredienzien für Ernst Moldens Horror-Singspiel aus der diffusen Halbwelt zwischen Leben und Tod.
Mit „Häuserl am Oasch“ wurden von Ernst Molden die längst totgeglaubten Genres des Wiener Singspiels und der Zauberposse erfolgreich wiederbelebt. Nun das neueste Singspiel aus der Feder des „Leonard Cohen von Wien“, als Horror-Musical aus der Wiener Vorstadt. Halloween heißt im Gemeindebautheater immer noch Allerseelen und beginnt in Erdberg bereits am 25. September.mit: Michou Friesz, Eva Maria Marold, Markus Kofler, Heribert Sasse, Gerald Votava, Ernst Molden & Band
Buch und Musik: Ernst Molden
Regie: Thomas Gratzer

PREMIERE: Andreas Vitasek SEKUNDENSCHLAF  (8.10.)

Das brandneue Programm des Topkabarettisten live und in Farbe – Wien-exklusiv am Boulevard Erdberg: Vitasek tingelt auf seiner Never Ending Tour durch die seelische Provinz, als ein Anruf die liebgewordene Routine durchbricht. Es beginnt eine Reise ins Innere, dorthin, wo es wehtut, ins Herz der Finsternis. Kalt wie Gletschereis, heiß wie ein Grillfest. Heimfahren sieht anders aus.

LITERATURSALON im GEMEINDEBAU (September/Oktober)

DAVID SCHALKO: KNOI
26. September, 20.00 Uhr

Seine TV-Serie „Braunschlag“ gehört bereits zu den Highlights österreichischer Fernsehgeschichte, im Gemeindebautheater hat er nicht nur an der Bar, sondern mit der schrägen Soap-Opera „Böheimkirchen Euphorie“ auch auf der Bühne für fulminantes Entertainment gesorgt, nun präsentiert er mit „KNOI“ bereits seinen dritten Roman am Boulevard Erdberg! 

THOMAS GLAVINIC: Das größere Wunder
3. Oktober, 20.00 Uhr

Der Erfolgsautor und Rabenhof-Afficonado hat ein großes Buch über die Liebe geschrieben und stellt seinen soeben erschienenen Roman „Das größere Wunder“ abermals im Gemeindebautheater seines Vertrauens.

DIRK STERMANN: Zweier
6. Oktober, 20.00 Uhr

Frisöre, Feinstaub, Osterhasen, Zahnärzte und Albträume… Das neueste Buch unseres Lieblings-„Piefkes“! „Zweier“ ist nach „Eier“ und vor „Dreier“ der Mittelteil einer Trilogie, die sich das Ziel gesteckt hat, alle relevanten Themen unserer Zeit abzudecken. Sodass man als Leser wird sagen können: Kenn ich, kann ich, hab ich alles schon gelesen.

WIGALD BONING: Butter, Brot und Läusespray. Was Einkaufszettel über uns verraten
11. Oktober, 20.00 Uhr

Der Grimme-Preisträger, Moderator und Entertainer ist erstmals zu Gast im Rabenhof mit einem Diavortrag zu seinem Erfolgsbuch über die geheimen Botschaften auf Einkaufszettel.

AUSTROFRED: Hard On!
18. Oktober und 12. November, 20.00 Uhr

Österreichs Spitzen-Entertainer, der Freddie-Mercury-Impersonator Austrofred, der trotz Weltkarriere immer wieder Zwischenstopps im „First Vienna Prolo-Theater“, wie er das Rabenhof Theater liebevoll nennt, einlegt, hat es geschafft: Er fungiert als Hauptfigur in einem hochdynamischen Abenteuerroman.

FRANK SPILKER:
Das interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen

27. Oktober, 20.00 Uhr
Frank Spilker, Kopf der legendären Hamburger Band Die Sterne erzählt eine Geschichte vom Niedergang, und das so lässig und lakonisch, dass man seinem Helden liebend gern folgt.

www.rabenhof.at

Wien, 29. 8. 2013