KosmosTheater: Muttersprache Mameloschn

Dezember 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine jiddische Familiengeschichte

Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler und Jelena Popržan. Bild: Bettina Frenzel

Mameloschn, so nennt sich das Jiddische selbst, „Muttersprache“, und „Muttersprache Mameloschn“ heißt der Theatertext von Sasha Marianna Salzmann, der Dienstagabend im KosmosTheater Premiere hatte. Die Hausautorin am Berliner Maxim Gorki Theater erzählt in dieser Koproduktion des KosmosTheater mit dem Künstlerinnenkollektiv makemake produktionen eine Familiengeschichte am Schicksal dreier jüdischer Frauen.

Und erzählt davon, wie unmöglich es oft ist, trotz „Muttersprache“ mit der eigenen zu kommunizieren. Das mit virtuosem Sprachwitz aufgeladene Stück zieht einen hinein in drei Biografien. Da ist zunächst die Großmutter, die Holocaustüberlebende Lin, die nach dem Krieg voll der Hoffnung in das antifaschistische Deutschland mit ihrer Tochter in die DDR ging. Diese, Clara, sieht die Verklärungen der Mutter abgeklärt, sieht auch die Schattenseiten eines Regimes, in das man sich freiwillig begeben hat und als dessen Gefangene sie sich bis zum Mauerfall fühlte. Doch während hier ein Mutter-Tochter-Gespann versucht, sich von der Vergangenheit nicht bewältigen zu lassen, gibt es noch ein zweites: mit der Enkelin Rahel, die in die USA aufbrechen wird, um endlich ihre eigene Identität zu suchen und zu finden.

Regisseurin Sara Ostertag hat aus dem Schauspiel gleichsam ein Bewegungs- und Tanztheater gemacht, Jelena Popržan dazu wunderbare Lieder komponiert, jiddisch anmutende und welche wie kommunistische Arbeiterlieder, Widerstandslieder auch. Wenn das Ensemble singt „Wie lange sollen wir noch wandern, wie lange wird unsere Freiheit noch stören?“, dann klingt das fast schon nach Wolf Biermann. Die Inszenierung verwebt die im Stück festgeschriebenen Verweise und Zitate zu Musik mit Sprechchorpassagen und mehrstimmigem Gesang.

Die Wäsche der Vergangenheit waschen, kann eine blutige Sache sein. Bild: Bettina Frenzel

Das Ensemble spielt, singt und tanzt nicht nur, es gibt auch beinah artistische Momente. Bild: Bettina Frenzel

Mit drei Spielerinnen, Suse Lichtenberger, Martina Rösler und Michèle Rohrbach, teilt sich die Live-Musikerin an Bratsche, Geige und Schlagwerk außerdem die drei Rollen. Die Darstellerinnen schlüpfen von einer in die nächste, eine Spitzenbluse oder eine Bomberjacke machen klar, wer gerade wer ist. Dazu in Leuchtlettern vor einem „valfish“ mit Barten-Vorhang das Wort „Mutter“, die Buchstaben abgewandelt zu einem „Mut“, einem „Mute“ – sprachlos oder „Me“. Agiert wird mit hoher physischer Präsenz, nicht nur gespielt, gesungen, getanzt, sondern mitunter beinah artistisch. Familiäre Konflikte werden auch handgreiflich ausgetragen. Denn alle haben hier recht und gleichzeitig so unrecht, verstehen und verstehen nicht, begreifen und gehen verloren.

In einer eindrücklichen Szene wird blutige Wäsche gewaschen. 17. Juni und 1953 steht auf zwei der Wäschestücke. Der Arbeiteraufstand, den die DDR von den Sowjets niederschlagen ließ. So verknüpft Autorin Salzmann das Private mit dem Politischen, knüpft ihre bissigen Dialoge an immer noch nicht überkommene Klischees, wie die Schauspielerinnen den Faden im von der Decke abgehängten Stickrahmen.

Unter der Oberfläche „wie koscher geht“, geht es in „Muttersprache Mameloschn“ um Manipulation und Schuldgefühle, um die Instrumentalisierung von Menschen im Großen wie im Kleinen. Es geht um latenten Antisemitismus und die Frage, ob ein „guter Jude“ mit der israelischen Politik konform gehen muss. Es geht, sagt Salzmann selbst, „um die Wut und die Denkfehler, die von Generation zu Generation weitergegeben werden“, und die endlich entlarvt werden müssen. Es geht nicht darum, Geschichte zu verstehen und sie damit ad acta zu legen, sondern um einen alternativen Versuch, der Geschichte näher zu kommen und sie so in die Gegenwart zu katapultieren. Dass dabei sowohl heitere als auch düstere Ecken ausgeleuchtet werden, zeigt die hohe Qualität der Aufführung. Eine Empfehlung!

www.kosmostheater.at

  1. 12. 2017

Sasha Waltz eröffnet im Festspielhaus St. Pölten

September 19, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „Sacre“ beginnt ein Strawinsky-Schwerpunkt

Sasha Waltz & Guests: L'Apres-midi d'un Faune. Bild: Bernd Uhlig

Sasha Waltz & Guests: L’Apres-midi d’un Faune. Bild: Bernd Uhlig

Das Festspielhaus St. Pölten startet am 24. September mit der Berliner Choreografin und Opernregisseurin Sasha Waltz in die neue Saison. Sie präsentiert einen dreiteiligen Abend bestehend aus „L’après-midi d’un faune“, der „Scène d’amour“ aus ihrem Ballett „Roméo et Juliette“ sowie dem Finale von Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“.

Die Kreation von Waltz versieht Strawinskis archaisch anmutende, spannungsreiche und kantige Komposition mit einer fulminanten Choreografie. In einer todestanzartigen Spirale aus akrobatischen Windungen und Verrenkungen begehrt das von der Gruppe auserwählte Frühlingsopfer ein letztes Mal auf, bis eine überdimensionale Dolchspitze unter hochdramatischen Klängen – live interpretiert vom Tonkünstler-Orchester unter der Leitung von Titus Engel – dem Kampf ein Ende setzt.

In „L‘après-midi d‘un faune“ mit Musik von Claude Debussy erzählen die Tänzerinnen und Tänzer von Geistern und Träumen und verleihen der Kraft des Animalischen vor einer knalligen Pop-Art-Szenerie neue Bildwelten. Mit betörender Leichtigkeit beflügelt schließlich das Liebesduett „Scène d‘amour“ aus „Roméo et Juliette“ mit Musik von Hector Berlioz romantische Fantasien und hinterlässt einen überschwänglich euphorischen Nachgeschmack. „Seit Langem interessieren mich archaische Mythen und Riten, die die Macht und erhabene Ordnung der Natur beschwören“, sagt Sasha Waltz. So erforschte sie mit „Continu“, der Festspielhaus-Eröffnungsproduktion 2015, die archaischen Momente im Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft. Wenn nun mit 26 Tänzern dem Wesen und der Position des Opfers in der Gesellschaft auf den Grund gegangen wird, setzt sich die Reihe fort, in der Waltz nach den Kräften und Dynamiken forscht, die zwischen Gruppen und Einzelnen entstehen können.

Sasha Waltz & Guests: Le sacre du printemps. Bild: Bernd Uhlig

Le sacre du printemps. Bild: Bernd Uhlig

Sasha Waltz & Guests: Scene d'Amour. Bild: Stylianos Tsatsos

Scene d’Amour. Bild: Stylianos Tsatsos

Der Abend eröffnet neben der startenden Saison außerdem den Themenschwerpunkt zu Igor Strawinskis „Le Sacre du Printemps“, der sich durch mehrere Produktionen der ganzen Saison zieht. So verbindet José Montalvo in seiner Performance „Y Olé!“ am 26. November Flamenco-Rhythmen mit Strawinskis monumentaler Komposition und Marie Chouinard stellt mit ihrer Interpretation des Stoffes am 9. Juni einmal mehr die Brisanz ihrer Kreationen unter Beweis.

www.festspielhaus.at

Wien, 19. 9. 2016