Volksoper: Carmen

Januar 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Brillante Debüts bei der Wiederaufnahme

Marco Di Sapia als Dancaïro, Vincent Schirrmacher als Don José, Stepanka Pucalkova als Carmen und Johanna Arrouas als Frasquita. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies ist der perfekte Abend, um sich zurückzulehnen, genießerisch die Augen zu schließen und die Musik von einem Besitz ergreifen zu lassen. Zu hören nämlich gibt es Hervorragendes, zu sehen hingegen nicht viel. An der Volksoper stand die Wiederaufnahme von „Carmen“ auf dem Programm, jene Guy-Joosten-Inszenierung, die von 1995 bis 2015 nonstop am Haus gezeigt wurde. Ein Publikumsrenner, der vor zwanzig Jahren mit seinem Verzicht auf Rüschrock-Folklore und Kastagnetten-

Geklapper ordentlich was hermachte, ein hüftschwungloser, puristischer Gegenentwurf zum opulenten Franco Zeffirelli, zum schönheitstrunkenen Francesco Rosi. Nun allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Eifersuchtsdrama im kargen Brandmauerambiente von Bühnenbildner Johannes Leiacker, an dem der Regisseur stets die von Bizet en détail ausgearbeitete Charakterzeichnung als seinen Bezugspunkt festmachte, da nunmehr in Abwesenheit desselben auf die Bühne gehoben, an Feuer verloren hat. Diverse Auftritt sind reinstes solistisches Rampenstehtheater, unmotiviert wirkt auch die Menge, und in dieser Stasis allüberall nimmt im Wortsinn kaum eine Rolle tatsächlich Gestalt an. Was dieser „Carmen“ szenisch fehlt, ist das Temperament für Leid und Leidenschaft. Heißes Herzblut müsste fließen, aber ach …

Ein Glück. Das schauspielerische Manko wird durch die gesangliche Ausführung ausgeglichen. Mit Anja Bihlmaier am Pult, den beiden Hausdebütanten Stepanka Pucalkova als Carmen und Luke Stoker als Escamillo und den sechs Rollendebüts von Julia Koci, Johanna Arrouas, Ghazal Kazemi, Vincent Schirrmacher, Alexandre Beuchat und Marco Di Sapia wird die in deutscher Sprache vorgetragene Produktion zu einer Besonderheit. Ein Erfolg, den zuallererst Bihlmaier für sich verbuchen kann, die gebürtige Schwäbin und designierte Chefdirigentin beim Den Haager Residentie Orkest, Jahrgang 1978, deren Karriere wohl das ist, was man beispiellos nennen muss. Und die das von ihrem kapellmeisterlichen Können vernehmbar angetane Volksopern-Orchester mit leichtfüßiger Raffinesse und federndem Rhythmus durch die Opern-Evergreens führte.

Luke Stoker als Escamillo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stepanka Pucalkova als Carmen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vincent Schirrmacher als Don José. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Verve wird derart französisches Flair mit Andalusien-Anklängen erschaffen, musiziert so akzentuiert wie apart. Nie kam Bizets Geniestreich mit – und man hat beides oft genug gehört – lautem Rums oder als L’Amour-Hatscher aus dem Orchestergraben. Was die Habanera zu einem beinah Chanson werden ließ, zum Freiheitsstatement einer starken, unabhängigen Frau statt einer aufreizenden Forcierung des Geschlechter- kampfs. Als Carmen bemüht sich Stepanka Pucalkova mal in Arbeitskittel, mal in – sorry fürs Wortspiel – Zigarettenhose um gute Figur. Die tschechische Mezzosopranistin mit Homebase Semperoper ist offensichtlich darauf bedacht, keinerlei Laszivität zu bedienen, ihre Carmen ist ganz Working-Class-Woman, und hat sich in der sie begehrenden Soldatenwelt einen Selbstschutzmantel aus arroganter Unnahbarkeit übergeworfen.

Das macht Pucalkovas Tabakblätterdreherin mehr zum draufgängerischen Schmugglerkumpel denn zum erotischen Männeralbtraum, sängerisch vor allem auch in den Höhenlagen ausgezeichnet, gelingt ihr die Darstellung der Härte dieser Frau bis in die Todesszene bestechend gut. Der australische Bass Luke Stoker ist ebenfalls erstmals im Volksopern-Einsatz, und gibt als Escamillo eine beachtenswerte stimmliche Talentprobe ab. Was seinen Torero an Statur als geborenen Gewinner ausweist, vermisst man jedoch an stolzer Attitüde. Die Messerstechereien mit Vincent Schirrmachers Don José sind allein wegen der Differenz in Größe und Gewichtsklasse der Kontrahenten unfreiwillig humoreske Szenen, an denen sich bestimmt feilen ließe.

Eine Blume für den Auserwählten: Vincent Schirrmacher und Stepanka Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schmugglerbande: Di Sapia, David Sitka, Pucalkova, Arrouas und Ghazal Kazemi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci als innig liebende Micaëla mit Schirrmacher und Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Escamillo im Schmugglerquartier: Luke Stoker mit Pucalkova, Di Sapia und Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ansonsten ist Schirrmacher wie allzeit auch hier Garant für prägnante, packende Rollenporträts, sein erstes Erscheinen gemeinsam mit einer in Schwarz gekleideten Witwe und einem Mädchen in Erstkommunionsweiß ein anrührendes Sinnbild für Josés Lebens- und Liebessituation, Schirrmachers Sergeant eher introvertierter, eigenbrötlerischer Grübler als jähzornig-hitzköpfiger Eifersüchtler – auch in dieser Figur bleibt die Aufführung bei ihrer Unterkühltheit. Dass der Zuschauerliebling die Blumenarie mit seinem warm timbrierten Tenor wohl zu nehmen weiß, bedarf eigentlich keiner extra Erwähnung. Im Schlussduett mit Pucalkovas Carmen läuft Schirrmacher zur Höchstform auf, wie er da eiskalte Verzweiflung spielt, bevor er zu ebensolcher Klinge greift.

Julia Koci macht als Micaëla von ihrer weichen, zu innigen Tönen befähigten Sopranstimme besten Gebrauch. Des Weiteren und auffallend beim Schmugglerquintett überzeugen Johanna Arrouas als Frasquita, Ghazal Kazemi als Mercédès, Marco Di Sapia als Dancaïro und Davd Sitka als Remendado, vier Solistinnen und Solisten, deren Spielfreude man das vielfältige Wirken am Haus, immer wieder auch in Operette und Musical, auf erfreuliche Weise anmerkt. Nicht minder mit Bühnenpräsenz gesegnet ist Moralès-Debütant Alexandre Beuchat; Yasushi Hirano ist ein solider Zuniga; Georg Wacks Lillas Pastia kommt, dem Mundwerk nach zu urteilen, aus Wien. Chor, sowie Kinder- und Jugendchor sind wie stets ein tosendes Bravo wert, wie der Abend generell mit großem Applaus bedankt wurde. Womit nun wenigstens im Saal die Action herrschte, nach der man sich im Spiel vergeblich gesehnt hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=obZbQX3nEd4                     www.youtube.com/watch?v=WmfJJOH3saI           www.volksoper.at

  1. 1. 2020

Volksoper: König Karotte

November 24, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État

Jetzt regiert das Gemüse: Sung-Keun Park als König Karotte mit seinem grimmigen Grünzeuggefolge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Dass jede Ähnlichkeit mit orangegesichtigen Politikern erwünscht und bestimmt nicht zufällig ist, klärt sich spätestens bei den von Marco Di Sapia gesungenen Couplets über Donald und Boris. Dem Casinos-Postenschacher ist selbstverständlich auch eine Strophe gewidmet, so frisch, dass Di Sapia sie von einem aus dem Souffleurkasten gereichten Blatt ablesen muss. Da sind die Lacher auf seiner Seite, ja, es stimmt, jedes Volks hat die Vertreter, die es via Wahl selbst verschuldet, und wieder erinnerlich wird,

dass es in Österreich sogar eine Partei oranger Farbe gibt, die politische Südfrucht, seit ihre Sonne vom Himmel fiel, freilich zu ein paar Früchtchen verschrumpelt. Die nationale Losung jedoch ist längst nicht so passé wie ihr Bündnis. Sie wird von immer neuen Schülern hoch und heilig und mittelmeerfarben gehalten, und honi soit …, wenn Regisseur Matthias Davids den Chor als biersüffelnde Burschenschafter auf die Bühne stellt, damit das Ganze von Anfang an Schmiss hat. Dies Ganze, ein Gesamtkunstwerk ist „König Karotte“, Opéra-bouffe-féerie aus den Federn von Jacques Offenbach und Librettist Victorien Sardou, die Koproduktion mit der Staatsoper Hannover gestern an der Volksoper zur Wiener Premiere gebracht.

Davids hat die Musiktheaterrarität zum 200. Geburtstag des Komponisten als durchgedrehtes Kaleidoskop voll aktueller Anspielungen inszeniert, erstaunlich außerdem, wie wenig Sardous bissige Kommentare zu Populismus, Opportunismus, Machtmissbrauch und dem schnellen Seitenwechsel der Masse an Brisanz verloren haben. Nicht nur die Corps-Geister erscheinen da beinah gegenwärtig, sondern auch Sätze von Di Sapias wendehälsischem Polizeichef Pipertrunck, der in jeder zweiten Szene sein „Ich bin zu euch übergelaufen“ verkündet, aber auch das Kabinett davor warnt: „Ohne uns kippt die Karotte nach links.“

Die Gartenmöhre also. Kommt aus ebendiesem des Regenten Fridolin XXIV., der Blaublüter ein verwöhnter Partyprinz, der sich mit seiner ruinösen Spaßgesellschaft vergnügt, so dass mit dem Hof kein Staat mehr zu machen ist. Fridolins Capricen haben das Reich in den Bankrott getrieben, der verarmte Adelsmann soll daher nach dem Willen seiner Berater mit der begüterten Prinzessin Kunigunde vor den Traualtar treten. Doch noch einer schmiedet Regierungspläne. Der gute Geist Robin will den verschwenderischen Herrscher als Erziehungs- maßnahme vom Thron stürzen, gerade Recht kommt ihm da der Rachedurst der bösen Hexe Kalebasse, die das Problem bei der Wurzel packt – und dieselbe aus ihrer finsteren Unterwelt ans Licht und zum König befördert.

Die Hexe holt die Wurzeln ans Licht: Christian Graf und Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Karotte inspiziert sein mittels Zauber erobertes Reich: Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Verlobte ist zum Feind übergelaufen: Julia Koci und Mirko Roschkowski. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ein Staats-Streich vom Feinsten ist das, wenn das vegetabile Gefolge mitten durch die Zuschauerreihen Richtung Palast stapft, Lauch, Rote Rübe, Radieschen und Zwiebel dabei wahrlich keine Gemüsebeetbrüder, sondern per dunkler Sonnenbrille als sinistre Geheimdienstler ausgewiesen. Mit einem Propagandazauberspruch macht Kalebasse die Einwohner von Krokodyne gefügig – et voilà: Fridolin und Freunde flüchten … Frech und frisch setzen Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi den Offenbach-Sardou’schen, schier uferlosen Ideenreigen um, der vom antiken Pompeji über einen Ameisenstaat bis zu einer Affeninsel, in ein Turmverlies, eine Magierwerkstatt und zu einem Aufstand der Ritterrüstungen führt. Mit Mancusi am Pult mäandern Sänger wie Orchester meisterlich durch den musikalischen Mix aus großen Arien und noch riesigeren Chorsequenzen, Auftrittscouplets, Lautmalerei, Schlagern, sinfonischen Momenten und Schubert-Zitaten.

Hinreißend sind die Grünzeugkostüme von Susanne Hubrich, in denen allen voran Hausdebütant Sung-Keun Park als König Karotte gesanglich wie darstellerisch alles gibt. Der koreanisch-stämmige Buffo-Tenor bewältigt die sehr hohe Partie sozusagen spielend, er lässt nicht nur die Stimme, sondern auch die Körpersprache zwischen Machtwahn und kühlem Kalkül changieren, oder krakeelt in einer Art Pflanz-Kauderwelsch, weil nicht viel im, wer einen Karotten-Kopf hat. Hängen ihm anfangs noch die Stängelblätter aus dem Hosenschlitz, und wieder ist jede Ähnlichkeit mit einem präsidialen Reißverschluss …, wird er die Rübe am Ende ohnedies einziehen müssen.

Mirko Roschkowski ist ein fabelhafter Fridolin, der als berufsjugendlicher Genusssüchtler mal am Megajoint, mal an der Hopfenkaltschale nuckelt, der seinen mal weich fließenden, mal strahlenden Spinto schön zur Geltung zu bringen weiß – und darüber hinaus ein grandioses Talent für verzweifelte Komik besitzt. Ihm in nichts nach steht Juli Koci, die die Prinzessin Kunigunde zum burschikosen It-Girl macht, das seine sexy Vorzüge zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, bevor sie im Wortsinn von der Karotte verzaubert ist, und deren Pfahlwurzel, als wär’s ein Phallus, liebkost. Große Klasse, wie Kocis Temperament über weite Strecken die Aufführung dominiert! Besonderen Publikumszuspruchs durfte sich Amira Elmadfa erfreuen, die als guter Geist Robin in Windeseile durch den Bühnenparcours turnt, und dabei ihren Mezzo so kraft- wie gefühlvoll klingen lässt.

Partyprinz meets adeliges It-Girl: Julia Koci als Prinzessin Kunigunde und Mirko Roschkowski als Fridolin XXIV. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Hofstaat steht Kopf: Josef Luftensteiner, Marco Di Sapia, Mirko Roschkowski, Jakob Semotan und Boris Eder. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Man sucht Rat bei Zauberer Quiribibi: Christian Graf mit Marco Di Sapia, Johanna Arrouas, Mirko Roschkowski, Amira Elmadfa und Yasushi Hirano. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Karotte geht allmählich der Saft aus: Sung-Keun Park, Boris Eder, Julia Koci und Franz Suhrada als Kammerherr Psitt. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Johanna Arrouas gestaltet mit leichtem, luftigen Sopran das in Fridolin verliebte, von Kalebasse eingekerkerte Burgfräulein Rosée-du-Soir als herzgewinnende Optimistin, und eine drollige Pointe ist, wie sie ihre Koloraturarie à la Olympia vorträgt. Christian Graf glänzt einmal mehr als Drag Queen, als maliziöse Hexe Kalebasse, die ihr Busensausen mittels Zauberstab up-pusht, und als sich in seine Bestandteile zerlegender Zauberer Quiribibi – die Szenen mit Graf wie stets komödiantische Kabinettstücke, etwa, wenn er das Gemüse mit ausladender Geste aus der Erde dirigiert und die Pflanzenzombies so zu ihren ersten Schritten auf dieser einlädt.

Zu Marco Di Sapias großartigem Pipertrunck gesellen sich als Hofnarren-Quartett: Boris Eder als geckenhafter, dem Geld nachjammernder Schatzmeister Baron Koffre, Jakob Semotan als kriegsversehrter Schlachtenminister Marschall Track, Josef Luftensteiner als furchtsamer Geheimrat Graf Schopp – und Yasushi Hirano als Schwarzmagier Truck, wobei dessen Bassbariton im Gesprochenen – Achtung: Running Gag – auf Japanisch erdröht. „König Karotte“ an der Volksoper erweist sich als Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État; das Ensemble erfreut, abgesehen von der sängerischen Brillanz, mit seiner überbordenden Spielfreude.

Ein kurzweiliger, dreistündiger Abend, bei dem Politsatire und absurder Witz perfekt ineinandergreifen, der aber, quietschbunt und fröhlich, wie er ist, auch für die jüngsten Volksoperngeher gut funktionieren wird. Zum Schluss wird, als das Gelbwesten-Volk endlich aufbegehrt, der seit einiger Zeit vor sich hinwelkende Wurzelschrat zurück ins Beet verbannt – eine Utopie, wie zu wünschen wäre.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=6JEkRSYH2Q0  www.youtube.com/watch?v=JWvcbmMDHBU

Regisseur Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=tM9xNxYAZvo

Die Solistinnen und Solisten im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=N4tt2i5oq4Q               www.volksoper.at

  1. 11. 2019

Neue Oper Wien: Der Reigen

November 13, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs

musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte. Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern. Alexander Kaimbacher etwa wagt sich als zum brutal besoffenen Vorstadtkiberer mutierten „Soldaten“ bis an die Ekelgrenze, er trieft vor Widerwärtigkeit, wenn er in breitestem Wienerisch auf die Prostituierte losgeht. Als Autor wiederum kann er gar nicht genug hochgestochen Süßholz raspeln, während ihn Anita Giovanna Rosati als satirisch begabtes Schulmädchen am Gängelband, ist gleich dem Telefonkabel, führt.

Rosati gelingt mit ihrem angenehmen Sopran auch ein schauspielerisches Kabinettstück, mit Marco Di Sapias Ehemann, dem sie weismacht, allein durch den Wein wären seine Verführungskünste so berauschend, dass sie schließlich in seine Arme taumelte. Nach dem Waschmaschinenkoitus mit der „jungen Frau“ Barbara Pöltls, sie danach die mütterlich-mitleidige Dirne, wechselt Di Sapia vom dauerdozierenden Ehemann zum Privatier, früher: Graf, und seinen Bariton von auftrumpfend-oberlehrerhaft zu ältlich-vertrocknet. Großartig ist es, wie seine Körpersprache das beginnende Greisentum der Figur plausibel macht, diese mimisch-gestische Wundertat nur übertroffen von Thomas Lichtenecker.

Dem Countertenor kommt nach Bernhard Langs Wille nämlich die Aufgabe zu, zwischen den Geschlechtern zu pendeln. Lichtenecker gibt den jungen Mann mit einer ordentlichen Portion upperclassiger Verzogenheit – und mit Rosati als herrenreitendem Hausmädchen – und mit Bravour die Schauspielerin. Eine zwischen schrill und süßlich changierende Diva, unduldsam im Wellnessurlaub mit dem mittlerweile ungeliebten Autor, dann, weil mit dem immerhin finanziell potentem Privatier in der Theatergarderobe, eine kokette Kokotte – beide Episoden von der die Handlung gnadenlos ironisierenden Liedtke als jene groteske Komödie entworfen, als die Schnitzler seinen „Reigen“ so gerne gestalten wollte, das Genderspiel auf die Spitze getrieben, die Boy-Actor-Assoziation perfekt, sobald Lichtenecker seine nackte Männerbrust aus dem elisabethanischen Mieder schält.

Schauspielerin und Privatier: Thomas Lichtenecker und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Barbara Pöltl als Prostituierte und Marco Di Sapia als Privatier. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Entscheidend zum Gelingen der Aufführung tragen die optischen Lösungen von Herold und Schaaf bei, die das Bühnenbild nicht nur zu immer wieder neuen Guckkastenzimmern öffnen, sondern auch via animierter Schwarzweißzeichnungen ästhetisch düstere Schauplätze von der Karlsplatzpassage übers Hotel Orient bis zum 30iger-Jahre-Gemeindebau entstehen lassen. Diverse Orgasmen werden als hypnotische Spiralen visualisiert, klar: die sich im Schleudergang drehende Waschtrommel bietet sich geradezu an, neugierige Nachbarn spechteln derweil hinter Vorhängen hervor. Das Publikum zollte allen an diesem Ausnahmeprojekt Beteiligten begeistert Beifall, allen voran selbstverständlich dem wie stets souverän über das Geschehen wachenden Walter Kobéra.

Video: www.youtube.com/watch?v=HXXXc5vlmyU&feature=emb_logo           neueoperwien.at

  1. 11, 2019

Volksoper: Gasparone

Juni 3, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert mit ironischem Augenzwinkern

Sebastian Geyer als „Der Fremde“. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sehr schwungvoll und sehr Wienerisch geriet der „Gasparone“ an der Volksoper. Da darf die Garde des Bürgermeisters angetan als heimische Polizisten Strafzettel ans Publikum verteilen, ebendieser Nasoni den Spritzwein ordern und ordentlich Dialekt gesprochen werden. Regisseur Olivier Tambosi hat sich für die 1931-Fassung des Millöcker-Werks entschieden, mit allen Hits von „Denk ich an dich, schwarze Ninetta“ über „Er soll dein Herr sein! Wie stolz das klingt!“  bis „Nur Gold will ich haben und Edelgestein“, inklusive des größten Schlagers „Dunkelrote Rosen, bring’ ich, schöne Frau“, der ja ursprünglich aus der „Diana“ stammt.

Tambosi setzt damit auf eine Zeit in der das Singspiel in der Bearbeitung von Ernst Steffan und Paul Knepler schon zur Revueoperette mutiert war. Dem Rechnung tragend zeigt sich das Ensemble tanzfreudig, weder Solisten noch Chor stehen kaum eine Minute still, und das Volksopernorchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller, der für ein Lied des Bürgermeisters sogar die Bühne erklimmt, um dort Klavier zu spielen, zeigt dazu, was es kann – von Walzer über Tarantella bis Tango.

Die Inszenierung mit ironischem Augenzwinkern ist ein über weite Strecken würdiger Abschluss einer gelungenen Saison. Der Inhalt: Im beschaulichen Städtchen Trapani hat sich’s jeder gerichtet. Der korrupte Nasoni versucht eine profitable Ehe zwischen der reichen Witwe Carlotta und seinem Nichtsnutzsohn Sindulfo zu stiften. Wirt Benozzo ist gleichzeitig Chef einer Schmugglerbande und nur in Bedrängnis, wenn seine Frau Sora Liebesdienste von ihm erwartet. Benozzo war es auch, der die Legende vom Räuberhauptmann Gasparone in Umlauf gebracht hat, so ein Superschurke kommt ihm gerade recht, um die eigenen Vergehen zu vertuschen. Da steht eines Tages ein Fremder auf dem Hauptplatz. Ist er der böse Geist, den man einmal zu oft beschworen hat? Unruhe macht sich breit. Vor allem, als sich herausstellt, dass der Unbekannte nicht nur die Umtriebe durchschaut, sondern sich auch in Carlotta verliebt hat …

Christian Graf als Luigi, Marco Di Sapia als Benozzo, Gerhard Ernst als Baboleno Nasoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerhard Ernst mit Mara Mastalir als Carlotta und Johanna Arrouas als Sora. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bühnenbildner Andreas Wilkens hat dafür eine Hügellandschaft erdacht, die mal mit Teppichen, mal mit Zeitungsschlagzeilen ausgelegt ist. Das erste Bild ist eine Bettenburg, in der die Bewohner Trapanis unsanft aus dem Schlaf gerissen werden, später gibt’s Strand, Mond und ein Motorboot, das in den Himmel entschwebt. In dieser Kulisse begeistert vor allen anderen Gerhard Ernst als Nasoni. Ernst stellt einen Politikerschlingel erster Güte auf die Bühne, weiß im richtigen Moment zu rühren, dann wieder das Publikum zum Lachen zu bringen. Herrlich die Verhörszene mit Carlotta und Sora, in der er – ganz Klischee des hiesigen Beamten – erst einmal die Brotzeit auspackt, bevor’s ans Eingemachte geht.

Ihm in nichts nach stehen Marco Di Sapia als Benozzo und Johanna Arrouas als Sora. Die beiden geben ein temperamentvolles Buffopaar, das nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich überzeugt. Christian Graf als Luigi ist auf dem besten Wege, ein neuer Publikumsliebling am Haus zu werden. Dass gegen dieses Quartett, das auch den meisten Applaus bekam, schwer anzukommen ist, musste das erste Paar, Mara Mastalir als Carlotta und Volksopern-Debütant Sebastian Geyer als Fremder, erfahren.

Doch während Mastalir ihre Partie noch ordentlich erledigte, blieb Geyer, obwohl in mephistophelisches Rot gewandet, in jeder Hinsicht blass. Und ziemlich schwer verständlich. Auch David Sitka als Sindulfo schaffte es nicht wirklich, aus seiner prinzipiell dankbaren Rolle etwas zu machen. Alles in allem aber ist dieser „Gasparone“ ein Gute-Laune-Abend, bei dem man sich zum letzten Mal in dieser Spielzeit gepflegt unterhalten kann. Jetzt heißt es abwarten, was die nächste bringt.

www.volksoper.at

  1. 6. 2018

Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

www.volksoper.at

  1. 2. 2018