Theater in der Josefstadt: Die Stadt der Blinden

September 18, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pandemie als Metapher für Entmenschlichung

Bei Soldaten in Schutzanzügen: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Martina Ebm, Alexandra Krismer, Marlene Hauser und Raphael von Bargen. Bild: © Moritz Schell

Die Ampel steht auf Rot. Nein, nicht die Bundesländerwarnung für Salzburg, sondern jene auf der Bühne der Josefstadt, und dennoch hat das Lichtsignal beide Male mit Pandemie zu tun. Autor Thomas Jonigk hat des Literaturnobelpreisträgers José Saramago „Die Stadt der Blinden“ für die Josefstadt adaptiert, ein Auftragswerk des Hauses, da Regisseurin Stephanie Mohr ein Stück zur Situation wollte – und entstanden ist so eine

ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer „Blindheit des Herzens“ spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt.

Mohrs Inszenierung hat diese brüchige Sprödheit, statt Blackouts gibt es „Blendouts“, die ihren Arbeiten oft zu eigen ist. Sie hinterfragt das Augenscheinliche wie die Motivationen des Saramago’schen Personals und zeigt, dies des Schriftstellers universelles Thema, ein milchigweißes, ununterscheidbares Gut und Böse, von beinah jeder Figur auch die Kehrseite der Medaille.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Ensemblestück, das die Namenlosen in ihrer Anonymität belässt, sodass Mehrfachbesetzungen de facto keine Rolle spielen. Jonigk hat für die zehn Darstellerinnen und Darsteller auch chorische Szenen entworfen. Gleich dem der griechischen Tragödie sind sie Berichterstatter, prophetische Beobachter, dann wieder einzelne Involvierte, die ihr Schicksal schildern, während sie es durchleben.

Ungewohnt mag das sein für die Josefstadt, das hier zugunsten einer starken Symbolik auf ausgefeilte Charakterstudien verzichtet wurde, die Protagonistinnen und Protagonisten nehmen stattdessen eine parabelhafte Platzhalterrolle für jede und jeden im Publikum ein. Wobei Jonigk wie Mohr auf erkennbare Sympathien oder Antipathien verzichten, niemals moralisieren, werten, richten, sondern es den Betrachtenden überlassen, sich eine Meinung zu den handelnden Personen zu bilden.

Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit, Blindheit zu mimen, mit Bravour meistert. Und während „Patient Null“ noch damit ringt, sich blindlings vom Augenarzt, Ulrich Reinthaller als ebendieser, etwas verschreiben zu lassen, und honi soit, wer da an die Impfdebatte denkt, sind auch schon der Mediziner, Martina Ebm als Frau des ersten Blinden und mit Raphael von Bargen jener sinistre Mann infiziert, der dem Patienten Hilfe anbot, nur um dessen Auto zu stehlen.

Alexander Absenger und Roman Schmelzer. Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Die Mafia: Von Bargen, Absenger und Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Einzig die Frau des Augenarztes, Sandra Cervik, bleibt von der Blindheit verschont, bei Saramago ist die personelle Erzählperspektive bevorzugt die ihre, die alleinig Sehende, die einsame Seherin des Kommenden. Sie beschließt ihren Mann verbotenerweise ins Internierungslager zu begleiten, und schon werden die Verseuchten von Soldaten in Schutzanzügen zwecks Quarantäne zusammengetrieben und in eine frühere Irrenanstalt – ein weißer, von oben herabschwebender Koben – gepfercht.

Auftritt, während für Marlene Hauser, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Peter Scholz der Überlebenskampf ums tägliche Brot beginnt, Julian Valerio Rehrl als Slim-fit-Politiker mit zurückgegeltem Haar, der mit kieksender Stimme und Messias-Gesten von jener Verantwortung pflichtbewusster Bürgerinnen und Bürger, die ihnen der Staat nicht mehr abnehmen wolle, salbadert, vom „Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft“, während sich er samt dieser augenscheinlich entsolidarisiert.

Es sind Textzeilen wie diese, auch aus diversen Lautsprechern verlautbarte, die Regierung hätte alles unter Kontrolle, es gebe regelmäßige Meetings mit Fachleuten, weswegen man „zwei Mal in sechs Tagen die Strategie ändert“, kommentiert Scholz staubtrocken, die im Saal zu unterdrückt zynischem Gelächter führen. „Im Reich der Blinden ist der Einäugige König“, raunt der Sitznachbar. Und einem selbst fällt im Zusammenhang mit Politik ein hoffnungsvoller Bibelvers ein: Wenn ein Blinder den anderen führt, fallen beide in die Grube ..

Jonigk hat mit Verve Saramagos Vorliebe für schwarzen Humor und skurril-gaunerische „Schlauberger“ ins Tagesaktuelle befördert, Mohr dazu obwohl abstrakte, dennoch beklemmende Bilder erdacht. Auf Befehlstreue gedrillte Soldaten, die den ersten „Blindgänger“ erschießen, weil der sich auf ihr Terrain verirrt hatte. Opfer, die in verblendetem Zweckoptimismus am Glauben an den „Weitblick“ der Obrigkeit festhalten. Cervik, die um Zusammenhalt bemüht, nicht nur wie alle den Modergeruch wahrnimmt, sondern auch die Leichenberge sieht.

Polonaise des Grauens: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Martina Ebm und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Im schmutzig-weißen Quarantäne-Koben: Sandra Cervik und Marlene Hauser. Bild: © Moritz Schell

Kampf ums tägliche Brot: Krismer, Hauser, von Bargen, Schmelzer, Ebm, Reinthaller und Cervik. Bild: © Moritz Schell

Roman Schmelzer, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Sandra Cervik und Martina Ebm. Bild: © Moritz Schell

Zum schmalen Grat des Vorwärtstaumelns kommt der Grad der Verwahrlosung, Unrat und Dreck als lehmige Substanz auf Körpern und Gesichtern, eine von den Capos unter den Insassen gegründete Essensmafia zwingt die Frauen, sich für die Verteilung der Lebensmittel zu prostituieren. In einer Kakophonie der weiblichen Stimmen wird der Missbrauch ausdrucksstark vorgetragen, es genügen die verständlichen Wortfetzen, um sich das Schreckliche vorzustellen.

Die Schweigsame Frau der Krismer stirbt an der Massenvergewaltigung, die Frau des Augenarztes ersticht einen der Täter, sie wird zur rasenden Rächerin, wie die Medea, als die Cervik ebenfalls zu erleben ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47538). Alldieweil und mitten im Inferno versucht von Bargens Figur, sich Hausers Frau mit dunkler Brille sexuell aufzudrängen … Die Hölle, das sind die anderen, um Sartre zu bemühen.

Aus dem eindrücklichen Spiel des Ensembles, das etwa 30 Rollen meistert, darunter großartig komisch Rehrl und von Bargen als Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, schälen sich kürzeste Szenen heraus, die haften bleiben. Scholz als Der Alte, der eine zarte Beziehung zu Hausers Frau mit dunkler Brille entspinnt. Cervik mit von Bargen als Schriftsteller und Saramagos Alter Ego, die über die mit dem Augenlicht schwindende Empathie philosophieren. Von Bargen, der auf der Bühne Sarangi und Posaune spielt. Die Sehende Frau, die zum Schutz der Blinden diese zu einer Polonaise des Grauens arrangiert. Krismer als vom Wahnwitz umzingelte Nachbarin, die sich aufs Fangen und Roh-Verspeisen von Kaninchen/oder sind die Fellbündel Katzen spezialisiert.

„Die Stadt der Blinden“ an der Josefstadt entwirft das Panorama einer Krise, freilich mit den Mitteln der Kunst extremer und exaltierter als die Realität seit eineinhalb Jahren, und doch als Warnung, wohin es führen kann, wenn Wegsehen, Nicht-sehen-Wollen um sich greift und Populismus die Politik ersetzt. Saramagos niedergeschriebenes Gleichnis auf eine Gedankenseuche, für die Bühne übersetzt von Thomas Jonigk und auf diese gebracht von Stephanie Mohr, ist zu lesen als gesellschaftspolitischer Weckruf, sich wieder als Solidargemeinschaft zu erkennen. Dass Cervik schreit: „Gott hat es nicht verdient zu sehen!“, ist das eine, das andere die fortdauernde Niedertracht allüberall.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zMn7W3dDLMY           www.josefstadt.org

BUCHTIPP: Da sich im Programmheft zu „Die Stadt der Blinden“ ein Auszug aus dem „Wuhan Diary“ sowie ein Interview mit Autorin Fang Fang finden, hier die Leseempfehlung / Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41195. Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

17. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Medea

September 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik mit einer gnadenlos guten Performance

Sandra Cervik als Medea. Bild: © Astrid Knie

Es ist dies der Abend der Sandra Cervik. Wie sie ihr Gefühlsbrodeln lange Zeit unterdrückt, um die Ratio walten zu lassen, wie der Zorn, die Verzweiflung plötzlich aus ihr bricht, wie sie dem Publikum die entblößte Schmerzensbrust darbietet, die Barbarin der zivilisierten Gesellschaft. Wie sich Kolchis‘ zauberkundige Königstochter schließlich auf ihre Sitten und Riten besinnt, einen Insektenschwarnm entfesselt und Kreusa unter einer Blutdusche zu Tode bringt, das ist grandiose Kunst.

Am Theater in der Josefstadt inszenierte Elmar Goerden „Medea“, keine Überschreibung wie im TAG (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752), keine Neuschreibung wie am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048), und doch Grillparzer 2.0. Mit Joseph Lorenz als Jason und Michael König als Medeens Amme Gora scheint einem die Besetzung anfangs ungewöhnlich, doch – Wolfgang Hübsch gibt den Kreon, Katharina Klar die Kreusa – der Schein trügt, sie ist schlichtweg ideal.

Leicht ließe sich der Stoff aufs Aktuelle anspielen, aufs Flüchtlings- und Fremdsein,

auf Heimat und sozialen Halt, auf Asylsuche und allüberall Anecken angesichts der Unkenntnis von Korinths Gesetzen. Doch Goerden will seine Arbeit für derlei nicht Echokammer sein lassen. Wiewohl der Widerklang als Bassline mitschwingt, zeigt er in seinem Kammerspiel einen fatalen, ins Handgreifliche ausartenden Ehekrieg, in dem einer den anderen auffordert: „Gib‘ mir mich zurück!“

Auf der zumeist kahlen Bühne von Silvia Merlo und Ulf Stengl, mal ausgestattet mit schilfgesäumtem Pool samt funktionstüchtiger Brause – zum Abkühlen der Gemüter, jede und jeder steht da drunter, mal mit Medeas Kartonhäuschen, legt Goerden den Fokus auf zwei aneinander gefesselte Schicksale, deren eines sich zum Besseren wenden wird, sobald das andere besiegelt ist. Cervik und Lorenz agieren wie in einem Druckkochtopf, an dem schon das Ventil pfeift, eindreiviertel Stunden kurz, zwei Leben auf die Essenz reduziert.

Als bewusst jenseits des üblichen Heldenalters gewählte Besetzung geben sie der Beziehung von Medea und Jason Bodenhaftung, man ist in den Jahren des Beisammenseins gemeinsam älter geworden, hat sich in Schuld verstrickt, gestritten, versöhnt. Die Liebe, eine fast animalisch zu nennende, brennende Leidenschaft, Goerden zeigt sie an den ekstatischen Küssen der beiden. Doch, wie gesagt: Die Ratio ist noch das Gebot der Stunde, aber alsbald abgelöst von Rache und Raserei – das Ende einer Ehe, dargeboten mit einer Intensität, die sticht und trifft. „Ich kann nicht mehr“, wird er dann sagen, und sie erwidern: „Du nahmst mich einfach, wie ich war, bitte behalte mich, wie ich bin.“

Wolfgang Hübsch, Katharina Klar, Sandra Cervik, Johnny Waldeck, Moritz Hammer und Joseph Lorenz. Bild: © A. Knie

Charakterstudie mit dünnen Zöpfen: Michael König als Amme Gora und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Konfrontation der Königstöchter: Sandra Cervik und Katharina Klar als Kreusa. Bild: © Astrid Knie

Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Katharina Klar. Bild: © Astrid Knie

Ein Glück. Goerden hat Grillparzers Medea dieses Moment hinzugefügt. Auftritt Cervik zunächst Zähne putzend, aus der Thermoskanne trinkend, seltsam abgeklärt und sich – ganz „Magd“ – nicht ohne Sarkasmus andienend: „Ich will ja tun, was ihr mir sagt, nur was …“ Das von ihm verabscheute Kopftuch wird ihr Jason-Lorenz als Erstes vom gekräuselten Haar reißen, in Griechenland ist es weder passend noch empfehlenswert. Nicht nur darob lamentiert Michael König als Amme Gora, König, dem es mühelos gelingt, an Gender-Ideen vorbeizudribbeln. Seine Gora ist keine schrullige Travestienummer, sondern eine moralische Instanz, eine warnende Stimme, letzter Halt und Verankerung an Kolchis. Eine Vaterfigur, Königs fulminante Charakterstudie.

Und, apropos König: Wie Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner die Gora mit Folklore-Look und dünnen Zöpfen versehen hat, so erscheint Wolfgang Hübsch als gutgelaunter Korintherkönig Kreon im Freizeitoutfit Hawaiihemd und Panamahut. Oh, wie schön ist’s am Isthmus! Jovial, rotbackig und Eis essend hat der eiskalte Politiker den Paradeschwiegersohn alsbald ins Visier genommen. Hübsch muss die Brutalität dieses kalkulierenden, auf Goldene Vlies scharfen Rechners gar nicht eigens ausstellen, man glaubt sie ihm sowieso.

Die Sache ist für ihn so klar, wie Schauspielerin Katharina Klar als Kreusa, die großartig rotzfrech zwischen majestätischer Göre, Frauensolidarität und von Medeas Söhnen vergötterter Stiefmama changiert. Die Buben hat sie sich mit Konsumgütern schnell gekauft. Mit Palmwedeln und Akkordeontönen zwingt Jason sie den Kreon zu begrüßen, sehr zum Ärger von Muttertier Medea, und zu den ungelösten Geheimnissen der Regie zählt, neben Klars Zottelbärenkostüm und einem Blowjob, den Kreon als Medeas Abschiedsgeschenk missdeutet, warum der jüngere im Rollstuhl sitzen muss – es sei denn, da Mermeros mehr der Mutter, Pheres mehr dem Vater ähnelt, es wäre dies ein Hinweis auf Jasons vererbte empathische Verkrüppelung, die durch den Sohn an den Tag tritt.

Feinziselierer Goerden hat Grillparzers Figuren tiefenpsychologisiert, modern mag man das nennen, ohne dass es aufdringlich gewirkt hätte, Medeas frühfeministischer Monolog über ihr Frau-Sein: „Was“, fragt die Cervik, „zu viel geredet oder zu laut?“ Auch Joseph Lorenz durchmisst die Emotionenskala, kann im Sorgerechtsstreit grausam, flehentlich, kaltherzig sein – „Ich bring‘ dich um, wenn du nicht gehst“, zischt er Medea im Vorbeigehen zu – und bei der Klar beherzt zupacken. Der geschmeidige Schnitzler-Spieler (beide eben noch in „Der Weg ins Freie“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47389) präsentiert hier eine andere Facette seines Könnens.

Der Ehekrieg und Sorgerechtsstreit …: Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

… wird zum Flehen um die beiden Söhne: Joseph Lorenz und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Kaum größer als eine Hundehütte: Sandra Cervik und Michael König vorm Kartonhäuschen. Bild: © Astrid Knie

Der Bub ist tot: Michael König, Moritz Hammer, Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

Einen toxisch-männlichen Egoisten, einen so selbst- wie ungerechten Jason, keifend und in Sekunden von Null auf 180, einen, bei dem bereits der Herzkasperl anklopft, und der punkto Kreusa in romantisierter Nostalgie schwelgt. „Da war ich zwölf Jahre alt“, begehrt diese auf, und macht damit Fragen nach dem Altersunterschied platt; Katharina Klars Kreusa, man glaubt ihr nicht wirklich, dass sie den Jason mit Freuden heiratet. Zur Ratio gesellt sich die Staatsräson.

Und einmal noch die Cervik, die spielt, mit einem wie Drachenschuppen aussehenden, archaischen Schulterbranding, als holte sie ihren den Blicken verborgenen Grund der Seele ins Rampenlicht. Was eine Szene, in der sie versucht, Kreusa Jasons und ihre Passion zu erklären, wie sie ihm – von Kreusa mit High Heels und Lingeriehemdchen verkleidet, welch Inbegriffe von Zivilisation!, Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ zuwispert, wie sie der gemeuchelten Kreusa die blondgelockte Perücke als Trophäe vom Kopf reißt, wie sie ihr Hundehütten-kleines Kartonhäuschen jenem Erdboden gleichmacht, auf dem für sie kein Platz sein soll. Herzzerreißend ist das, von Leid und Irrsinn umzingelt einen Hauch overacted.

Zum Song „A Horse With No Name“ von America kommt’s zum Äußersten, zum Kindsmord unterm Würfelhimmel und in aller Stille. Blackout. Dann: Eine Geburtstagsparty mit Kerzen auf dem Guglhupf, und alle sind sie wieder da, Mermeros und Pheres, Opa Kreon, Oma Gora, Tante Kreusa, Mama und Papa. Medea und Jason. Ein Traumbild einer heilen Welt. Nach dem antinaturalistischen Dekor und der künstlich überhöhten Ästhetik der Aufführung eine letzte Überraschung von Elmar Goerden. Manche im Publikum hat’s irritiert. Viel Applaus gab’s dennoch für alle, extra Jubel für Sandra Cervik.

Video: www.youtube.com/watch?v=ZQ0xGHuX5Fg           www.josefstadt.org

  1. 9. 2021

Theater Drachengasse streamt: (R)Evolution

März 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Groteske auf den Optimierungswahn

Alecto stachelt die Haushaltsgeräte zum Aufstand gegen den Hausherrn an: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Alecto, die niemals Rastende, das ist in der griechischen und römischen Mythologie eine der drei Erinnyen, zuständig für Verfluchung, familiäre Vergehen, Wahnsinn. Googelt man Alecto allerdings, ist als Nummer eins ein niederländischer Babyartikelhersteller gelistet – und beides passt zu Yael Ronens und Dimitrij Schaads Text „(R)Evolution – eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“ wie der Faust aufs Gretchen. Gestern hatte das von den „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des

israelischen Historikers Yuval Noah Harari inspirierte Stück seine österreichische Erstaufführung als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse. Nach der Online-Premiere der Inszenierung von Sandra Schüddekopf, Video von Nela-Valentina Pichl, gibt es bereits heute um 20 Uhr den nächsten Streaming-Termin auf www.drachengasse.at. Gewitzt und gruselig verhandeln Ronen und Schaad den menschlichen Imperfekt und wie er von Informationstechnologie überrollt wird, alldieweil er via Biotech doch gepimpt werden könnte.

Es ist das Jahr 2040 und die globale Erwärmung hat die Welt fest im Griff. Elf Millionen niederländischer Klimaflüchtlinge irren, da Holland vom letzten schmelzenden Gletscher als erstes geflutet, durch Europa. Ihnen hinterher Arbeitslose, die ihre Jobs an Algorithmen verloren haben. In schierer Verzweiflung ist aus „Fridays for Future“ eine Terrorbewegung geworden, eine Widerstandsgruppe gegen den Hightech-Theismus, die sich „Die Naturalisten“ nennt und Cyber Attacken gegen Flughäfen und andere Brutstätten von Klimasündern reitet. Der jüngste Selbstmordattentäter war Waldorf-Schüler.

In diese Gegenwart hinein kann man kein auf normalem Weg gezeugtes Kind gebären, ist Lana Fuchs überzeugt, und so schleppt sie Ehemann René zu Dr. Stefan Frank, der Arzt, dem die Frauen vertrauen, wer die TV-Serienschmonzette noch kennt, um sich einen Sohn auf dem gentechnischen Reißbrett entwerfen zu lassen. Dieser wäre dann konkurrenzfähig, sozialversicherungstauglich, immun gegen drei auszuwählende Krebsarten und resistent gegen Klimakatastrophen.

Wie’s im Gegensatz dazu um den Nachwuchs per Sex steht, sieht Lana am erschreckenden Exempel ihrer Tochter Nina: „Sie hat jetzt schon ein Problem in der Ballettgruppe, weil sie ihr Bein nicht hinters Ohr kriegt.“ Die grandiose Schauspielerin Zeynep Buyraç platziert Sätze wie diesen mit einer aufgeregt-ängstlichen Zukunftsgläubigkeit, dass einem vorm Bildschirm lautes Lachen wie leises Schaudern überkommt.

Skeptiker René und die tech-gehorsame Lana: Sebastian Wendelin und Zeynep Buyraç. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Lass‘ mich dein Implantat sein, Baby! Alecto materialisiert sich: Maddalena Hirschal. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Turnen mit graphischem Alter Ego: Maddalena Hirschal macht Yoga-Übungen. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Stefan und Ehemann Ricky fehlt’s an echtem Sex: Johannes Schüchner und Felix Rank. Bild: © Nela-Valentina Pichl

René hingegen hat keine Lust auf ein Designerbaby, und Sebastian Wendelin gestaltet ihn so schlurfig, aufsässig und system-nonkonform, als wären die Millennials die neuen 68er. Als Zeichen der Schande muss der defizitäre Gatte ein gelbes Armband tragen, hat er sich doch geweigert sich einen Chip implantieren zu lassen, das seinen mangelhaften Gesundheitszustand dokumentiert. Dieser wird vom mit Mutters Stimme sprechenden Kühlschrank überwacht – und Sebastian Wendelins Sternstunde schlägt in der Szene, in der sich alle kalorienzählenden Küchengeräte gegen ihn verschworen haben, der Toaster nicht toastet, der Mixer nicht mixt, und das Bett gemeinsam mit dem Fernsehapparat zwecks ruhigeren Schlafs ein abendliches Krimi-Verbot ausspricht.

All dies freilich eine Intrige von Alecto, dieser eine nur vorgeblich serviceorientierte, omnipräsente, allwissende Allmacht, der das Komplott angestiftet hat. Doch noch sind Lana und René bei Dr. Stefan Frank, ein aalglatter Rekommandeur seiner Kunst, Johannes Schüchner, der Arzt als Typ Autoverkäufer, der statt vom bestellten Basispaket vom besseren ist gleich teureren Survivorpaket schwadroniert, mit dem der Super-Spross sogar energieeffizient wäre. Im Hintergrund auf „Handle with Care“-Plastikplanen, Sci-Fi-Bühne vs. altvaterische Kostüme von Martina Mahlknecht, läuft nonstop die Matrix, die Darstellerinnen und Darsteller und ihre Augmented Reality.

Zusammen mal wie der vitruvianische Mensch, dessen virtueller Teil sich bald wie ein böser Schatten selbstständig macht, mal wird für Dr. Frank Michelangelos „Erschaffung Adams“ imitiert, mal beißt eine graphische Close-Up-Lana ins Sandwich, obwohl René hungern muss. Fantastische Bilder sind das, ein Tron-Theater, das Überflutung, Überforderung, Überinformation ist auch keine Information, deutlich macht. Dies alles offenbar dirigiert von Alecto, der je nach Nutzer mit Frauenstimme säuselt oder mit Männerstimme hämisch lacht.

Felix Rank, Maddalena Hirschal, Sebastian Wendelin und Johannes Schüchner. Bild: © Nela-Valentina Pichl

Selbst Arzt Stefan lässt sich von ihr infantilisieren, sich alle Entscheidungen abnehmen und seine Emotionen analysieren, während Lana und René ihm Big-Brother-artigen Gehorsam schulden. Allüberall stehen Identitäts- und Kontrollverlust auf Alarmstufe rot. Ins Spiel kommt hier Renés Ex, Maddalena Hirschal als Tatjana, der Alecto schon ein Naturalisten-Sympathisantentum unterstellt, als sie’s erst träumt – „Da fängt Terrorismus an: im Unterbewusstsein!“ -, und sich behufs einer Verhör-Imagination als good Cop, bad Cop materialisiert. Als Alecto Tatjana zusätzlich mit sinnlicher „Lass mich dir nahe sein!“-Stimme

eine Verschmelzung mittels Implantat vorschlägt, ist klar: Genisys ist Skynet. Bleibt als letzter im Bunde und in einer der pointiertesten Szenen des Abends Stefans Ehemann Ricky, Felix Rank, Ricky, der Cybersex dem körperlich längst vorzieht, und sich schließlich als trans outet – nein, nicht falscher Körper, sondern gar keiner, trans als transhuman, und der sich die Cloud als Wolke sieben vorstellt. „Liebt Stefan mich?“, fragt er Alecto. Antwort: „Bitte präzisiere die Frage.“

„(R)Evolution“ ist eine bissige Farce, eine großartige Groteske auf Optimierungswahn und den von den Sozial Media befeuerten Perfektionsfanatismus. Ronen und Schaad deklinieren alle Stufen der psychischen Abhängigkeit bis zur Selbstaufgabe an die neuen Technologien durch – in Zeiten, da „nur“ natürlich zu sein ein Makel ist, aber authentisch rüberzukommen das höchste Gut. Realiter landen GPS-Fehlgeleitete zwar noch im nächsten Sumpf und warnen Smartphones nicht vor Verkehrsunfällen, doch in ihrer Tech-Theokratie, McKinsey listet derzeit gleich den Aposteln zwölf zukunftsbestimmende Technologie-Trends, entwerfen die Autorin und der Autor ein Szenario, in dem die Artificial Intelligenz die menschliche überflügelt.

Im Vergleich mit den selbstlernenden KI-Systemen muss sich die Krone der Schöpfung hintanstellen – und mutmaßlich kostet das, was in Wien über die Bildschirme flimmert, den Kreateuren im Uncanny Valley angesichts von Transferred Consciousness in der Terasem Movement Foundation oder bei Humanity+ nur ein müdes Lächeln. An dieser Stelle bricht die Handlung so unvermutet ab, als wär’s ein Filmriss. Das ist schade und nicht zu verstehen, da Regie und Ensemble bis dahin fantasievoll und fabelhaft komödiantisch unterwegs waren.

Keine Künstliche Intelligenz der Welt könnte ein solch schelmisches Augenzwinkern auf die großen Fragen des Menschseins (re)produzieren!, nun bleiben die Schicksale in der Luft hängen, wie ein Laptop, der sich „aufgehängt“ hat. Es erscheint Zeynep Buyraç als hauptplatinene Datafrau, als Mother Board und verkündet dem Homo sapiens, er werde sich als Homo deus unsterblich machen. Die „(R)Evolution“ wird ihn die Barrikaden verborgenen Wissens stürmen lassen, ah, wie schön ist’s Gott zu spielen. Kein Grund für Dystopien also! Oder?

Weitere Streaming-Termine: 13., 18., 26. und 27. März um 20 Uhr. Tickets um 10 €: www.eventbrite.at/o/theater-drachengasse-31844603687           www.drachengasse.at

  1. 3. 2021

Theater in der Josefstadt: Der deutsche Mittagstisch

Oktober 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Höchstgeschwindigkeit durchs Jauchefass

Das Dramolette „Freispruch“: Traute Hoess, Bernhard Schir, Michael König, Lore Stefanek, Sandra Cervik und André Pohl. Bild: Philine Hofmann

Der Vergleich mit dem Vaudeville ist zulässig. Nicht nur, was das Bühnenbild von Achim Freyer betrifft, Prospekte, wie von Hand gemalt, Rampenlicht aus Muschelleuchten, und über allem schwebend des Gutbürgers Gottseibeiuns mit teuflisch blinkenden Rotaugen und zwei Putten blutig quetschend. Gottseibeiuns, doch, denn noch immer raunt’s im Publikum: Naja, das ist halt typisch Thomas Bernhard. Des Autors unter dem Titel „Der deutsche Mittagstisch“

zusammengefasste Dramolette hat Claus Peymann zum Saisonauftakt des Theaters in der Josefstadt inszeniert. Jenem Haus, dessen Publikum er, als noch Burgherr und lange vor #Corona, eine Staubmaske empfahl. Jenem Haus, dem Bernhard via „Heldenplatz“ ausrichten ließ, dass dort selbst die allerernstesten Tragödien als Operetten gespielt“ würden. Und durchaus …

… passt Bernhards Mittagstisch-Revue und Peymanns Schaubuden-Inszenierung, apropos: Vaudeville, ins Bild. Im Programmheft wird der Wienerinnen und Wiener ehemalige Hassliebe zum „Piefke“ genussvoll ausgewalzt, nun applaudiert man angetan und artig, ach, waren das noch Zeiten, als am Burgtheater … und der Skandal damals, das hatte seither keine/r mehr zu bieten … und wie leicht überhört es sich dabei, dass die – © bisher erschienene Rezensionen – „Praterkasperlszenen gegens Nazikrokodil“ zwar weiland zwischen 1977 und 1981 aus tagesaktuellem Anlass geschrieben wurden.

Doch die Wiedergänger der „aus grobem Puppenholz geschnitzten“ Spukgestalten immer noch und schon wieder und längst nicht mehr nächstens, sondern von der selbst ernannten Mitte der Gesellschaft abgenickt bei grellem Tageslicht unterwegs sind. Ihr ewiggestriger Widerhall dröhnt von den Wänden der Republik retour als gäb’s keine Morgenröte. Eine in die Jahre gekommene Mentalität kommt grad wieder auf, das merkt vielleicht besser, wer aus einer Jugendzeit stammt, in der „bis zur Vergasung“ noch ein geflügeltes Wort war, und einer Studentenbude, deren Nachbar, wenn besoffen, per Schallplatte durch den ganzen Gemeindebau ungestraft das Horst-Wessel-Lied erschallen ließ.

Die Liederbücher sind längst nicht leergesungen. Bei Bernhard wird „Die Fahne hoch“ am Ende der Szene „Freispruch“ angestimmt, einer von sieben, in denen er Künstler- und Großbürgergrotesken ebenso virtuos entwirft wie die politische Farce oder die Volksstück-Parodie. Peymann weiß Bernhard auf diesem Weg naturgemäß zu folgen – bis hin zur Clownerie als die er die Szene „Alles oder Nichts“ enttarnt. Peymann zelebriert ein höllisch hämisches Thomas-Bernhard-Hochamt, dessen liturgische Litaneien er ohne Punkt und Komma ausspielen lässt.

Dies eine Anmerkung, weil ab und an ein Strich gut getan hätte, doch das zehnköpfige Ensemble, wie wunderbar das Wiedersehen mit der sehr vermissten Traute Hoess und der von Peymann aus Berlin mitgebrachten Lore Stepanek, wirft sich mit Verve in die Schlacht um Bernards Suder-Suaden. Wobei das Ressentiment-Räsonieren, das Banalitäten-Palaver vom Feinsten gelingt, wenn die Damen Hoess und Stefanek in Verbund mit Ulli Maier auf Freyers in politische Schieflage geratener Weltenscheibe stehen.

A Doda: Lore Stefanek und Ulli Maier. Bild: Philine Hofmann

Eis: Maier, Bartl, König und Hoess. Bild: Philine Hofmann

Thomas Bernhard schau oba: Freispruch. Bild: Philine Hofmann

Peymann hat ein Händchen, heißt: eine Regiepratzn, für die Nieder-Tracht. In „A Doda“ finden Ulli Maier und Lore Stefanek in Steirermontur ein Bündel, das sie für einen in Packpapier eingeschlagenen Leichnam halten. Ein herrliches Stück Mundarttheater, in dem zwei skurrile Schreckschrauben mit bigotter Bäuerinnenschläue à la „Landkrimi“ ermitteln, die Maier eine furios kombinierende Detektivin unter deren Fuchtel Assistenz-Angsthäsin Stefanek sichtbar steht – bis sich herausstellt, in der Rolle sind die dem Ehemann vom Moped gefallenen Hakenkreuzplakate.

Mehr noch verbeißt sich Maier ins Bernhard’sche Bitterböse mit Traute Hoess in „Maiandacht“. Dirndlbewehrt, die Kostüme sind von Margit Koppendorfer, beweinen sie auf dem Friedhof das Ableben eines Dorfhonoratioren, der in einen tödlichen Verkehrsunfall mit einem Türken verwickelt ward. Großartig sind diese beiden Tratschtanten, die Tod und Teufel fürchten, und beim Anblick des Pfarrers nicht nur feuchte Augen bekommen. Wie gern die Leut‘ über Krankheit und Sterben anderer reden, und wie Maier und Hoess diese Stammtisch-Sätze sagen.

Von Neid und Enttäuschung geht’s zu Frustration und Hass, gleich Grabkerzen blinkt auf, dass der niedergeführte Wohltäter ein übler Geschäftemacher und wohl auch Spendenbetrüger war, wie nah am Heute das ist, und dass der „Ausländer“ mit dem Fahrrad unterwegs war, in das der Verstorbene blindlings gelaufen ist. Und dennoch befindet der Untersuchungsausschuss der Nachbarinnen „Vagast ghörns alle!“, die Gastarbeiter, nunmehr „Migranten“ genannt. Wenn die Hoess mit tobender Inbrunst in die Blutgesinnung entgleist, schaudert’s einen vor Bernhards Sprachwitz.

Um nichts weniger bei Sandra Cervik in „Match“, in dem die Gemeinplätze der Intoleranz, der Xenophobie, des Ekels vor allem „Linken“ und des faschistoiden Gedankenguts ebenso ihre giftigen Blüten treiben, Cervik als Polizistengattin, Robert Joseph Bartl, der vor Röhrender-Hirsch-Tapete in Ruhe ein Fußballspiel sehen möchte. Während sein Heimchen am Herd ob eines ihm bei einer Demonstration geschehenen Risses in der Uniformjacke zur schießwütigen Amokläuferin mutiert – „Da schiaßad i eine“, „Gsindl“, „Unterm Hitler hätt’s des ned gebn“, „Arbeiten solln’s ned Demonstrieren“ –, bevor sie ihn im Wortsinn übermannt. Cerviks Figur dabei in den Bernhard’schen Wortwiederholungen wie in ihrem Leben gefangen, gackernd wie das Huhn auf dessen Denkschleifen-Möbiusband.

Maiandacht: Robert Joseph Bartl, Ulli Maier, Traute Hoess und André Pohl. Bild: Philine Hofmann

Match: Sandra Cervik als rabiate Polizistinnengattin und Robert Joseph Bartl. Bild: Philine Hofmann

Alles oder Nichts: André Pohl, Sandra Cervik, Marcus Bluhm, Raphael von Bargen und Bernhard Schir. Bild: Philine Hofmann

Der deutsche Mittagstisch: „Bernhard“ Michael König und Traute Hoess am Nazi-Suppentopf. Bild: Philine Hofmann

Weitere Dramolette wenden sich den Machenschaften von Justiz und Politik zu, am erschreckendsten „Freispruch“, ein Abendessen in affektierter Großbürgerlichkeit, bei der NS-Massenmörder nebst Ehefrauen bei Kriegs- und KZ-Anekdoten ihre Nichtverurteilung feiern. Michael König, Bernhard Schir, André Pohl mit Stefanek, Hoess und Cervik mittels abgestorben schwarzer Lippen als die Untoten klassifiziert, die sie sind. Beim Champagnisieren sehen sich die Täter als Opfer der linken, landesverräterischen Lügenpresse und deren Fake News. Ein „Sketch“, der einem Unwohlsein verursacht, wenn nach dem „O Freunde, nicht diese Töne“ „die Reihen dicht geschlossen“ werden. Und zwar nicht als Zitat, sondern Strophe für Strophe ausgesungen: „Die Straße frei / Den braunen Bataillonen …“

Als kabarettistische Einlage präsentieren König, ein zweites Mal als zur beinah Unkenntlichkeit maskierter Popanz, Hoess, Bartl und Maier das Dramolette „Eis“, zwei ebenfalls NS-angepatzte Ehepaare am Nordseestrand, die Maier als Sonnenschutz-Gespenst, konsumsüchtige Globetrotter, die die Menschen in den Ländern, die sie bereisen, allerdings zutiefst verachten, und über die Sinnlosigkeit von Entwicklungshilfe/Hilfe vor Ort und übers „politisch wieder so hart durchgreifen wie damals“ schwadronieren, bis ihnen ein Eisverkäufer-Attentäter, Raphael von Bargen mit schnauzbärtigem Migrationshintergrund, den Garaus macht.

Einen Zirkus mit Politclowns macht Peymann schließlich aus „Alles oder Nichts“, Premiere seiner Arbeit war ja vor der Wien-Wahl, in dem sich von Bargen, Pohl und Marcus Bluhm als Staatsspitzen in einer von Bernhard Schir geleiteten Show für eine WählerInnenstimme jeder Demütigung unterwerfen. Das alles entrollt sich nach der Pause enervierend langsam, was hier als Kalkül gedeutet wird, von Bargen die am besten stammelnde Knallcharge in dieser schwächsten Versuchsanordnung, die schon Siegfried Unseld „zu billig“ zum Drucken war – aber lachen muss man doch, wenn die Herren Politiker in Höchstgeschwindigkeit durchs Jauchefass kriechen.

Zum Schluss die absurde titelgebende „Mittagstisch“-Miniatur, Familie Bernhard vollzählig versammelt, Michael König ein Lookalike des Öbersten Konterfeis, alle anderen per ebenfalls charakteristischer Nase als seine Nachkommen ausgewiesen, Traute Hoess, die diesen nun statt jedweder Weisheit den Nationalsozialismus mit dem Löffel eingeben muss, weil kein Nahrungsmittel aus Deutschland „nazifrei“ sei. Aus dem Topf quillt statt Nudeln Hakenkreuz-Pasta. Basta, brüllt König Bernhard: „Nazisuppe! In jeder Suppe findet ihr die Nazis!“

Welch ein abschließendes Bild – und selbstverständlich lassen sich die 1940-Jahre mit den späten Siebzigern mit 2020 nicht vergleichen. Doch ist sich der „Freispruch“-Diagnose des Standard anzuschließen, wenn dort über die Rechtsschaffenden steht, sie reichten „ihren schauerlichen Gesinnungskitsch sauber abgeschmeckt an die heutige Generation Slim Fit weiter.“ Oder um es mit Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch …“ Ui!

Video: www.youtube.com/watch?v=gx9B4rfS2R8           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

Odeon – Serapions Ensemble: Lamento Allegro

Januar 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Tanz um den gestohlenen Esel

Der Oasenmann ist mit Ehefrau und Esel unterwegs ins Niltal, um seine Waren zu verkaufen: Elvis Grezda und Sandra Rato da Trindade. Bild: © Odeon/S. Smidt

Ohnedies ist alles Interpretation und Assoziation. So soll’s auch mit der Szene sein, in der sich Julio Cesar Manfugás Foster an eine in schlammbraune Arbeitskittel gewandete Beamtenschar wendet. Eine nach dem anderen stolpern sie hinter ihrem Schalter hervor, immer mehr werden sie, mit gurkenglasdicken Brillen, schlampig gebundenen Krawatten, diversen Ticks – jedes Zucken ein Verneinen der Zuständigkeit, jede Gebärde eine „Mich geht das nichts an“-Geste.

Es wird Aufstellung genommen, Ähnlichkeiten mit nächstens zu sehenden Angelobungsbilder sind …, im Lärm der Bürokratie geht die Beschwerde des Bürgers, oder weist ihn die Hautfarbe antizipativ als Nichthiesigen aus?, unter. Man hört nur zwei seiner Worte: „Wasser … Essen …“ Weit hergeholt? Stimmt. „Klagen des Bauern“ oder „Der redekundige Oasenmann“ ist ein mittelägyptisches Literaturwerk. Darin wird ein Niedriggestellter auf seinem Weg ins Niltal, wo er seine Waren verkaufen will, von einem leibeigenen Pächter seiner gesamten Habe beraubt. Worauf er sich an dessen Besitzer, den Obervermögensverwalter des Pharaos, der sich wiederum an seine Räte, später an den Pharao höchstselbst wendet.

Doch Gerechtigkeit widerfährt dem Bauern nicht. In neun Klagereden fordert er diese nun für sich ein, wird dafür verprügelt und vom untertänigen Volk sogar mit dem Tode bedroht. Der göttliche Herrscher allerdings lässt die Reden heimlich schriftlich festhalten, denn er ist seit Langem auf der Suche nach einem begnadeten Geschichtenerzähler … „Lamento Allegro“ nennt das Serapions Ensemble seine unter der Leitung von Max Kaufmann, Mario Mattiazzo und Erwin Piplits entstandene Inszenierung des Stoffs, deren Wiederaufnahme im Odeon Theater mit dem Jahreswechsel geschehen ist. Eine Parabel, so das Programmheft, über jene dicke Decke, die sich die Demokratie seit der attischen übergeworfen hat, um derart die Ungleichbehandlung von Staatsvolk und Zugezogenen, heißt: die wahre Macht der Archonten und Demagogen, Apparat die einen, System die anderen, zu tarnen.

In seine bewährt poetischen Bilder packt das Serapions Ensemble auch diesen kollektiven Theaterzauber. Ein Esel, mittels Fahrradgestell zum Laufen gebracht, ein Thespiskarren mit vielfältig nutzbarer Transportkiste, zwei Laufbänder und ein alter Filmprojektor – das sind jene Requisiten, um die herum die neue Kreation aus Schauspiel, Gesang, Tanz und bildnerischen Elementen komponiert ist. Julio Cesar Manfugás Foster, José Antonio Rey Garcia, Elvis Grezda, Ana Grigalashvili, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Miriam Mercedes Vargas Iribar, Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Gerwich Rozmyslowski und Sandra Rato da Trindade gestalten den 90-minütigen Abend.

Thespiskarren ohne Tier: Julio Cesar Manfugás Foster mit Rey Garcia, Vargas Iribar, Rozmyslowski, Grigalashvili und Iszlay. Bild: © Odeon/S. Smidt

Wütende Menge: José Antonio Rey Garcia, Julio Cesar Manfugás Foster, Mercedes Miriam Vargas Iribar, Gerwich Rozmyslowski, Ana Grigalashvili und Mario Mattiazzo. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Räte kommen zwar aus ihrer Zauberkiste, doch …: Ana Grigalashvili und Elvis Grezda. Bild: © Odeon

… sind mit der Frage überfordert: Ana Grigalashvili, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die belämmerte Beamtenschar: Grezda, Rozmyslowski,  Mattiazzo, Rey Garcia, Iszlay, Rato da Trindade, Grigalashvili, Vargas Iribar. Bild: © Odeon/S. Smidt

Die Krawatte wird als Würgehalsband gebraucht: Grezda, Rozmyslowski, Vargas Iribar, Rato da Trindade und Iszlay. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Wobei jeder mehrere Figuren verkörpert, Sandra Rato da Trindade und Elvis Grezda als Bauersleute beginnen den Reigen, sie in safrangelbem Kaftan, er in lindgrünem, und wie die Kostüme – sie noch aus den Beständen von Ulrike Kaufmann – von Spieler zu Spielerin weitergereicht werden, José Antonio Rey Garcia und Zsuzsanna Enikö Iszlay, Mario Mattiazzo, Mercedes und Miriam Vargas Iribar, macht deutlich wer nun als Chui-ni-Anup nebst Gattin unterwegs ist. Knapp nach Weihnachten erinnern die beiden an die Legende von Marias kleinem Esel, das Schwingen dreier Seile markiert den reißenden Fluss, den es zu durchqueren gilt, dann ein Wandteppich aus Wüste, Wind, Unwetter.

Dass Julio Cesar Manfugás Foster mit seiner vazierenden Truppe den Thespiskarren nicht länger allein ziehen will, mag – siehe Subventionssituation – als selbstironisches Augenzwinkern gedeutet werden, jedenfalls wird das Grautier gestohlen. Es bleibt der Imaginationskraft jedes einzelnen überlassen, in die folgenden Choreografien einen roten Faden einzuweben, die Strahlkraft der Aufführung versteht es, Fantasiebegabte aller Ausbildungsgrade für sich einzunehmen. Mit einem Maskenmix von Commedia dell’arte bis Mad Max, mit Musik von Goran Bregović, Philipp Glass, Meredith Monk, Mohammad Reza Mortazavi bis Richard Wagner.

Gesprochen, gesungen wird in vielen Ensemblesprachen, Gerwich Rozmyslowski führt, als die Reihe an ihm ist, seine Beschwerde auf Wienerisch. „Zu wem kann ich heute reden?“, das Gebet um Gerechtigkeit, wird zur Anklage, wird kämpferisch circensisch, wird zu einem resignativen „Wozu soll ich noch reden?“. Ein per Hoverboard schwebender Trenchcoat-/Würdenträger befragt die Räte, dies einer der skurril-schönsten Momente, wenn die vielarmige, verschlafene Obrigkeit, an der Spitze Ana Grigalashvili, aus der Kiste tritt, und unterm sich selbst eingeflüsterten Motto „Sag‘ kein Wort!“ mehr und mehr ins Taumeln gerät.

Der redekundige Oasenmann wird von Pharaos Stoffsäulen eingewickelt: Elvis Grezda, Ana Grigalashvili und Mercedes Miriam Vargas Iribar. Bild: © Odeon/Helmut Krbec

Die Dramatik des Visuellen, die wunderbar berührende Grausamkeit des Ganzen, wird um Textzitate erweitert, vom „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba“ aus dem Papyrus Berlin 3024 bis zum Gedicht „Die Freiheit ist schrecklich“ von Ali Podrimja. Freiheit, sagt das Serapions Ensemble damit, ist Verantwortung, und nur der eigenverantwortliche Mensch kann eine diesem würdige, lebenswerte Gesellschaft bilden. In der eine ethische Grundhaltung jedem einzelnen

inne ist, ohne dass ihn Gesetze dazu zwingen. Eigeninitiative ist das Credo zur Stunde. Die Darsteller tanzen nach Haka-Art. Das abschließende, überwältigende Bild: Aus sich drehenden Stoffzylindern wird ein Säulenpalast, der zusammen mit den historischen Kolonnaden der einstigen Getreidebörse ein monumentales Gesamtkunstwerk ergibt. Und während im Thronsaal des Pharaos dessen Untertanen am Schlips wie am Würgehalsband geführt werden, fallen die Stoffe und umschlingen den Bauern. Steht er da als königlich gekleideter Auserwählter oder als ein seinem Gebieter Ausgelieferter?

Die Gedankenwelt des Bauern und die allzu menschliche Universalgeschichte verschwimmen.  „Auf dem Rücken der Schildkröte / ein jedes Ding war schrecklich / auch die Freiheit“, rezitiert Grezda, nun wieder Oasenmann, Ali Podrimja. Da erkennt man erst, was das Auge bereits vorher beobachtet hat: Je mehr sich der Beraubte in seinen Klagen mit dem Diebstahl beschäftigt, desto mehr beraubt er sich der Freiheit. Das ist der Preis fürs Recht bekommen, für Privilegien und Reichtum aus der Hand der Machthaber. Sehr eindrucksvoll verschwindet zum Schluss die Frau erst durch die, dann auf der Filmleinwand, und mit ihr der Esel – mutmaßlich ins wahrhaft Freisein. Tosender Applaus für diese absolut staunenswerte Produktion.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zn4NvfvbFRs&feature=youtu.be           vimeo.com/330207813           www.odeon-theater.at

  1. 1. 2020