Kammerspiele: Eine Frau. Mary Page Marlowe

März 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Menschenschicksal als American Quilt

Mary Page mal vier: Johanna Mahaffy, Babett Arens, Sandra Cervik und Livia Ernst, im Hintergrund: Swintha Gersthofer, Igor Karbus und Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Quilt – so nennt sich eine Patchwork-Decke. Ein uramerikanisches Kulturgut seit den ersten Siedlerfrauen über die „Pattern and Decoration“-Bewegung der 1970er-Jahre bis zu den zeitgenössischen Artquilts oder dem berühmten AIDS Memorial Quilt. Gefertigt von jeweils mehreren Näherinnen, die ihre kleinen Stoffkunstwerke am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen, wobei jedes Teil für sich eine kurze Geschichte erzählt.

Es ist ein stimmiges Bild, dass die Titelfigur von Tracy Letts‘ „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ in ihrer letzten Szene einen solchen in die Putzerei bringen will, hat der Pulitzer-Preisträger dies Theaterstück doch quasi gequiltet. In elf nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Szenen erzählt der US-Dramatiker aus der Biografie seiner Protagonistin, wirft Schlaglichter auf ein Menschenschicksal, das mehr Tief- als Höhepunkte hat, Affären und Alkoholexzesse, Lebens- und Liebeskrisen. Eine seiner typischen Tragikomödien, wie immer angesiedelt in Letts‘ bevorzugtem Mittelstandsmilieu im Middle of Nowhere der Vereinigten Staaten. Die Rolle der Mary Page hat Letts für vier Darstellerinnen in vier Lebensaltern konzipiert – und es braucht starke Schauspielerinnen, um diesen Charakter in seinen teils effektgeladenen, teils aber tiefenschärfenarmen Auftritten interessant zu machen. Ein Glück, dass die Kammerspiele der Josefstadt mit Sandra Cervik und Babett Arens über solche verfügen.

Mary Page mit ihrem Geliebten Dan: Sandra Cervik und Roman Schmelzer. Bild: Herwig Prammer

Mary Page beim Psychotherapeuten: Sandra Cervik und Raphael von Bargen. Bild: Herwig Prammer

Dort nämlich hat Regisseurin Alexandra Liedtke „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ nun zur österreichischen Erstaufführung gebracht, eine ausgeklügelte Arbeit, die des Autors Bemühungen ums Well-made Play adelt, da Liedtke auf die Kraft ihrer Akteurinnen setzt und mit ihnen das Figurenschicksal atmosphärisch klar und schnörkellos auf die Bühne bringt. Volker Hintermeier hat dazu ein Bühnenbild erdacht, dass an ein abgewracktes Lichtspielhaus erinnert, mit einer Leinwand, so leer, wie das davor ablaufende Leben, und einem altmodischen Letterboard, aus dem schon einige Buchstaben gefallen sind.

Die Kostüme von Su Bühler sind zeitlich von den 1940er-Jahren bis ans Jetzt angeglichen, die Musik von Karsten Riedel ist eine Reminiszenz von Frank Sinatra über die Rolling Stones bis Jimmy Somerville. Was in diesem Setting verhandelt wird, ist die Welt als Wille und Vorstellung, heißt als Frage: Wieviel Selbst- und wieviel Fremdbestimmung lenken ein Leben? „Ich werde ich sein“ sagt die Collegestudentin Mary Page, da spielt sie Johanna Mahaffy, als sie beim Legen von Tarotkarten das Symbol der Königin aufdeckt.

„Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt Sandra Cerviks erwachsene Mary Page später zum Psychotherapeuten. Man sieht das Kind, Livia Ernst, dem Silvia Meisterle als Mutter harsch jedes Gesangstalent abspricht. Man sieht Babett Arens als gealterte Mary Page, die glücklich einen Behördenbrief liest, der sie über das Ende ihrer zur Bewährung ausgesetzten Gefängnisstrafe informiert.

Die Geschehnisse erfährt man nur bruchstückhaft, erst am Ende hat man all die Letts’schen Puzzlesteine beisammen, vor allem die von der Tragödie um Sohn Louis und die eines Autounfalls bei 3,2 Promille, die diese gewordene Mary Page Marlowe ausmachen. Ein Kunstgriff, den Liedtke unterstützt, indem sie die vier Darstellerinnen immer wieder nebeneinander stellt, als Beobachterinnen einer Situation, die einem früheren oder späteren Ich passiert, in stiller Kommunikation mit sich selber, besorgt, erheitert oder sich verblüfft erinnernd. Leitmotivisch reichen sie sich ein Tuch weiter, das Babydecke, Schal und Gürtel wird, leitmotivisch träumen sie vom Lucy-Jordan-Sehnsuchtsort Paris. Die Drehbühne kreist dazu beständig um dies Schicksalskarussell.

Spätes Glück – Mary Page mit ihrer großen Liebe, Ehemann Nummer drei, Andy: Babett Arens und Martin Zauner. Bild: Herwig Prammer

Was das Ensemble an feinem Schauspiel bietet, geht weit über die von Tracy Letts erdachten Situationen hinaus. Sandra Cervik gestaltet Mary Page in einer Mischung aus nüchterner Selbstkontrolle und leicht aufbrausenden Emotionen. Sie hat mit Liebhaber Dan, den Roman Schmelzer als komödiantisches Kabinettstück zeigt, und dem ihren Sorgen nachbohrenden Seelendoktor Raphael von Bargen zwei der besten Episoden.

Ebenso, wie Babett Arens mit Ehemann Nummer drei, Andy, den Martin Zauner als verschmitzt herumalbernde späte Liebe anlegt. Überzeugend sind auch Nikolaus Barton und Silvia Meisterle als Mary Pages Eltern, der Vater vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, die Mutter auf dem schmalen Grat zwischen Fürsorge und Unwirschheit. Ein Paradebeispiel dafür, dass die Deformierung eines Menschen meist mit der Erziehung beginnt. Der Quilt jedenfalls kann ausgebessert und gereinigt werden. Mit einem Leben geht das nicht so einfach.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=cM1CSIx_eSU

www.josefstadt.org

  1. 3. 2019

Kosmos Theater: SHE HE ME

März 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein verpixeltes Gesicht bedeutet Gefahr

Platons Kugelmenschen, bevor Gott Zeus sie in zwei Hälften schnitt: Josef Mohamed, Alev Irmak und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri beginnt bei den Kugelmenschen. Der Philosoph Platon legte den Mythos in seinem Dialog „Symposion“ einst dem Komödiendichter Aristophanes in den Mund, die Geschichte von den glücklichen drei Geschlechtern, männlich, weiblich, androgyn – deren Stärke Zeus zu fürchten begann, weshalb er sie in zwei Hälften zerschnitt. Seither, sagt die antike Legende, irren die Erdenkinder auf ebendieser herum, auf der Suche nach ihrer verlorenen Ganzheit …

„SHE HE ME“ heißt dieser Text, den Amahl Khouri, ein*e jordanische*r Autor*in und Theatermacher*in, schon als szenische Lesung an den Münchner Kammerspielen präsentierte; nun hat Regisseur Paul Spittler im Kosmos Theater kongenial die Uraufführung inszeniert. Über Jahre hinweg hat Khouri Gespräche mit Trans-, Inter- und Homosexuellen im arabischen Raum geführt, das Destillat daraus sind drei Figuren, Trans*mann, Trans*frau und eine non-binäre Person, Randa, Rok und Omar, dargestellt von Alev Irmak, Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Und siehe, was in dieser erklärenden Einleitung nach bierernstem Proseminar in Sachen Genderproblematik klingt, entpuppt sich auf der Spielfläche als das genaue Gegenteil.

Rok erzählt der Mutter, dass sie als Mann leben möchte: Sandra Selimovic und Alev Irmak. Bild: a.c.schiffleitner

Omar wurde wieder einmal gedemütigt und geschlagen: Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri hat mit diesem semidokumentarischen Stück eines geschrieben, das erschüttern und erheitern kann, die Sogwirkung des sprachmächtigen Skripts noch verstärkt durch das grandios intensive Schauspiel, das Komik und Tragik wunderbar in der Waage zu halten weiß. Khouris Kunst zwischen Witz und Wahnwitz der Situationen zu wechseln, verstehen der auch fürs Bühnenbild verantwortliche Paul Spittler und Modemacher Mael Blau optisch gekonnt umzusetzen. Mit Plüschtierberg und archaisch anmutenden Kostümen, diese allerdings in metallischen Pastellfarben. Derart changiert die Aufführung zwischen Körperperformance, Choreografie: Jasmin Avissar, Schattenspiel und den Videosequenzen von Oliver Stotz, zwischen Mutters theatralischen Brustschlägen, kuschelig-rosa Barbapapa und von Josef Mohamed frech verwendeten „Gay-Gesten“.

Zwischen Codes und Konnotationen und unverschämten Fragen zum Geschlecht – häufigst gestellte die, was man denn jetzt „da unten“ tatsächlich hätte. Denn während eine*r die Geschichte eines Charakters erzählt, schlüpfen die anderen beiden in die Rollen von Eltern, Brüdern, Polizisten, Imamen. Alev Irmak ist die algerisch-stämmige Randa, die vom Mann zur Frau werden will. Randa muss Hals über Kopf fliehen, Frau und Sohn zurücklassen, landet in einem libanesischen Männergefängnis, wird daraus befreit, kommt nach Wien, wo sie erstmals ganz als Frau in die Öffentlichkeit geht, und lebt nun in Schweden als politische Aktivistin – die erste Transsexuelle in einem dortigen Stadtrat. Was ihren Sohn betrifft, hofft sie, ihn vielleicht als „Witwe des verstorbenen Vaters“ eines Tages wiederzusehen.

Als Randa beschreibt Alev Irmak die beklemmende Begebenheit, wie sie es in der Inhaftierung, ständig sexuell bedrängt von den Mitinsassen, ohne Kopfbedeckung nicht wagt zu beten – bis ihr ausgerechnet Schwestern vom Orden der Mutter Teresa ein Tuch bringen. Als Roks Mutter wiederum liefert sie Stoff für die humorvollsten Szenen des Abends. Sandra Selimovic spielt den aus dem Libanon kommenden Rok, der seiner Familie zu versichern versucht, dass er sich als Mann fühlt. Ein Schritt, der erst gelingt, nachdem Rok zum Vater nach New Jersey auswandert. Als er die Mutter nachholt, gibt sie sein Geschlecht auf und sich Netflix hin.

Während Rok es ablehnt, sich zu verhüllen …: Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

… ist Randa erleichtert, als sie im Gefängnis endlich ein Kopftuch erhält: Alev Irmak mit Josef Mohamed und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Neben Diskriminierungen und Drohungen, Schmach und Schande, befasst sich „SHE HE ME“ unter anderem auch mit dem schwulen Sexismus, mit der permanenten Selbstdisziplin Betroffener, mit dem Normierungsdruck. Das Bühnen-Trio wirft sich gleich übermütigen Kindern ins Teddybär-Gewimmel und rennt verzweifelt gegen die Wände an. Doch mehr Frei-Raum gibt es für sie nicht. Josef Mohamed sagt als schwuler Omar, sein Bruder würde ihn an der mentalen Hundeleine Gassi führen. Als jordanischer Ministersohn ist Mohamed entzückend.

So schön, wie der ägyptische Gesangsstar Oum Kulthoum will er sein, vor Klassenkameraden führt er exaltierte Fashionshows auf – und wird deshalb verprügelt. Nicht nur unter den Angehörigen stößt er auf Ablehnung bis hin zur Morddrohung, auch die Flucht in die homosexuelle Szene ermöglicht ihm kein Ausleben seines Selbstbildes, weil dort ebenfalls Erwartungen punkto Geschlechterrollen an ihn herangetragen werden. Was „SHE HE ME“ in diesen Momenten deutlich macht, ist, dass das Wesen eines Menschen ohnedies nur außerhalb seiner Biologie erfahrbar ist.

Am Ende folgt eine utopische Geburt, die Frage an die/den Doktor*in: „Was ist es denn?“ und die Antwort: „Da müssen wir warten, bis es sprechen und es uns mitteilen kann.“ Am Ende sieht man auf den Leinwänden die wirklichen Randa, Rok und Omar – eine Frau mit rotgetöntem Bob im Auto, einen Mann mit feschem Drei-Tage-Bart und fester Freundin, ein Gesicht verpixelt. Das macht unsagbar betroffen, weil man nachvollziehen kann, was das für Omars Leben bedeutet. Nämlich: Gefahr.

www.kosmostheater.at

  1. 3. 2019

Was uns nicht umbringt

November 12, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Kaleidoskop kleiner und großer Gefühle

Max ist auf den Hund gekommen: August Zirner spielt zum zweiten Mal Sandra Nettelbecks Film-Psychotherapeuten. Bild: Plakatsujet/Thimfilm

Mit ihrer jüngsten Arbeit ist Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck ein berührender, behutsamer Film über die Auf und Abs zwischenmenschlicher Beziehungen gelungen. „Was uns nicht umbringt“ ist definitiv was fürs Herz, und wenn das episodische Großstädterporträt am 16. November in den Kinos startet, wünscht man es zum gleichen Publikumserfolg wie weiland Nettelbecks sympathische Tragikomödie rund um die pedantische Köchin „Bella Martha“.

Diese immerhin in Hollywood mit Catherine Zeta-Jones unter dem Titel „Rezept zum Verlieben“ auf amerikanisch-neu aufgelegt. Aus „Bella Martha“ hat sich Nettelbeck ihre Figur des Psychotherapeuten Max entliehen, er steht nun im Zentrum der Geschichten, die die Filmemacherin mit einem beinah 20-köpfigen, handverlesenen Ensemble erzählt, bei ihm laufen die Handlungsfäden zusammen, sind doch fast alle Akteure seine Patienten – und mit der einen, die’s nicht ist, verbindet Max eine Familienangelegenheit, die den Psychologen selbst ins seelische Straucheln bringt. Mit feinfühlig-leisem Humor entwickelt Nettelbeck im Folgenden ihre mal zutiefst melancholischen, mal merkwürdig grotesken Charakterstudien. Und wie‘s in dieser Art Filmen üblich ist, verknüpfen sich die Episoden natürlich auch untereinander, und allmählich dreht sich das Kaleidoskop der Gefühle als großes Ganzes.

Die komödiantische Schwermut in „Was uns nicht umbringt“, visuell unterstützt vom Hamburger Schietwetter, kommt zuallererst August Zirner (im Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30404) zupass, der hier zum zweiten Mal den Max verkörpert. Wunderbar gleich seine erste Szene, wenn er sich aus dem Tierheim einen zotteligen Streuner holt, der sich als noch elegischer als er selbst entpuppt. Kaum jemals sah man wohl einen Hund vor der Kamera so wenig tun, meist liegt das Tier herum, und wird dennoch zum fixen Bestandteil von Max‘ Sitzungen – vor allem der schweigsame, sichtlich von einem schlimmen Schicksalsschlag gebeutelte Ben, Mark Waschke spielt ihn, baut zu „Panama“ eine Verbindung auf, wie er’s zu Menschen längst nicht mehr schafft. Bald trifft man einander nicht mehr auf der Couch, sondern zum Gassigehen.

Ex-Ehefrau Loretta ist Max‘ beste Freundin: Barbara Auer und August Zirner. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege und August Zirner. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Den Max’schen Kosmos bevölkern außerdem: Barbara Auer als seine Ex-Ehefrau Loretta, der er immer noch freundschaftlich verbunden ist, und die mit dem doch deutlich jüngeren Fabian, David Rott, eine Affäre begonnen hat. Was sowohl sie als auch die beiden Töchter aus der Bahn wirft. Christian Berkel und Victoria Meyer liefern als symbiotisches Geschwisterpaar, das ein Bestattungsunternehmen führt, ein schon kabarettistisch zu nennendes Kabinettstück ab, zu ihnen kommt Deborah Kaufmann als Schriftstellerin, die den gewaltsamen Tod ihres Freundes, eines Kriegsfotografen, nicht verwindet.

Mit dem Sterben ist auch Oliver Broumis‘ Fritz befasst. Sein Lebensgefährte Robert, die Liebe seines Lebens, liegt mit Leukämie im Krankenhaus – doch dessen Familie lässt Fritz nicht zu ihm, weil sie Roberts Schwulsein nicht akzeptieren kann. Broumis zeigt im Film eine der stärksten darstellerischen Leistungen. Die brillanten Bjarne Mädel und Jenny Schily sind als Tierpfleger zu sehen, die ein ziemlich kompliziertes Verhältnis zueinander haben. Von den beiden hätte man gern mehr gesehen, großartig, wie Mädels Hannes versucht, der autistisch veranlagten Frau seine unausgesprochene Zuneigung klarzumachen. Und dann ist da noch die spielsüchtige, immer unter Strom stehende Sophie, gespielt von Johanna Ter Steege, in die sich Max schon beim ersten Therapietermin verliebt. Doch Sophie ist an den ungeduldigen, unwirschen David, Peter Lohmeyer, gebunden …

Was „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet ist, dass wohl jeder darin eine Situation finden wird, deren Tragik der Umstände oder Ironie des Schicksals, er selber kennt. Der Cast bewegt sich durch Nettelbecks Geschichten auch mit großer Authentizität. Unaufgeregt und absolut glaubhaft, mit kleinen, präzis gesetzten Gesten wird die Sprachlosigkeit unterstrichen, die den Figuren im Umgang miteinander zu schaffen macht. Wird aber etwas gesagt, sitzen Nettelbecks Dialoge auf den Punkt. Was Nettelbeck als Schluss ihrer Stories über Verluste und neue Verbindungen anbietet, sind keine Happy, aber versöhnliche Enden. All ihre Figuren stellt sie vor eine Entscheidung, die es zu treffen gilt, um einen anderen Lebensweg als bisher einzuschlagen. Wer den Mut dazu aufbringen wird, verrät sie nicht.

Die Tierpfleger Hannes und Sunny haben eine besondere Beziehung: Bjarne Mädel und Jenny Schily. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Einen Kunstgriff hat sich Sandra Nettelbeck erlaubt: Immer wieder tagträumerische Szenen, in denen die Charaktere sich mal zum Besseren, mal zum Schlechteren vorstellen, wie eine Situation für sie sein könnte, bevor die dann tatsächlich stattfindet. Und so beginnt die Handlung für Max mit einer imaginierten Umarmung im strömenden Regen und endet mit einer echten bei Sonnenschein – schöner kann eine Filmklammer gar nicht sein.

August Zirner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30404

www.facebook.com/WasUnsNichtUmbringt/

  1. 11. 2018

Was uns nicht umbringt: August Zirner im Gespräch

November 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr“

August Zirner als Therapeut Max in Sandra Nettelbecks berührendem Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Am 16. November startet Sandra Nettelbecks berührender Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“ in den heimischen Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin lässt darin den Therapeuten Max aus „Bella Martha“ in seinem Kosmos voller neurotischer Patienten, familiärer und amouröser Verstrickungen wieder aufleben. Nettelbeck erzählt mit melancholischer Heiterkeit von Sinnkrisen und Herzensangelegenheiten in der Mitte des Lebens.

Als Max ist erneut August Zirner zu sehen, der es diesmal mit einem depressiven Piloten, einer trauernden Schriftstellerin – und einem faulen Hund zu tun bekommt. Mit ihm spielen Barbara Auer, Johanna Ter Steege, Christian Berkel, Peter Lohmeyer und David Rott. Ein Gespräch in den Wiener Kammerspielen, wo August Zirner diese Saison in Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ auf der Bühne steht:

MM: Etwas, das den Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet, ist wohl, dass jeder Zuschauer darin eine Geschichte finden wird, die er so oder so ähnlich persönlich kennt.

August Zirner: Ich hoffe, und ich glaube, das ist etwas, das die Regisseurin Sandra Nettelbeck auszeichnet, dass sie so viele verschiedene Typen erschaffen kann. Das Phänomen Weltschmerz, um das es im Film ja geht, wenn man das so großspurig ausdrücken darf, ist sicher eines, das viele Leute beschäftigt.

MM: Ich habe gelesen, Sandra Nettelbeck hätte Ihnen versprochen, diesen Film zu schreiben?

Zirner: Als wir uns damals bei „Bella Martha“ kennengelernt haben, haben wir festgestellt, dass da eine gewisse geistige Verwandtschaft, ein ähnliches Ticken ist. Ich sollte in „Bella Martha“ den Therapeuten spielen, und sie sagte aber, das sei nur eine kleine Rolle, ob ich das überhaupt machen wolle. Ich sagte natürlich, die Figur interessiert mich. Ich wuchs geradezu in diese Therapeutenrolle hinein, und Sandra sagte, irgendwann rücke ich diesen Max mal in den Mittelpunkt eines Films. Einige Zeit später haben wir wieder miteinander gedreht, beim Kinderfilm „Sergeant Pepper“, da habe ich wieder einen Therapeuten gespielt, und sie wiederholte, das Versprechen für den Max gilt noch. Und jetzt hat sie es wahr gemacht, was ich sehr schön finde, wenn jemand mal Wort hält und seinen Darstellern treu ist.

MM: Als Sie mit dem Max zum zweiten Mal dieselbe Figur übernahmen, sind Sie da schon in eine Vertrautheit geschlüpft? Wie haben Sie den Max weiterentwickelt, und: sind Sie denn der Paradetherapeut?

Zirner: Mir war Max von Beginn an sehr vertraut, auch, was seine Vater-Geschichte betrifft, wenn die unbekannte Halbschwester kommt, und ihn informiert, dass der, den er seit Jahrzehnten für tot hielt, gerade noch lebt. Das könnte eins zu eins aus meinem Leben sein. Die Lücke, die entsteht, wenn ein Vater früh stirbt, und wie man diese Lücke zu füllen versucht, das kenne ich sehr gut. Max hat sich also insofern entwickelt, schon beim Lesen, und dann beim Drehen. Es war ein schönes Arbeiten. Mit jedem neuen Patienten und mit jedem neuen Schicksal hatte ich tolle Kollegen vor mir, an denen ich die Qualität dessen, was es heißt, zuzuhören, noch einmal ganz stark kennengelernt habe. Mir ist das begleitende Zuhören mit zunehmendem Alter immer wichtiger.

MM: Ein Beispiel?

Zirner: Als der Film abgedreht war, habe ich einen Monat später in München wieder „Nathan der Weise“ gespielt, und habe plötzlich gemerkt, ich höre viel intensiver zu, wenn die anderen sprechen, der Tempelherr, die Recha, der Sultan … was brauchen die, was kann ich sagen oder tun, um denen in die Spur zu helfen? Ich wollte mich tatsächlich, bevor ich auf die Schauspielschule ging, mit der menschlichen Psyche befassen. Aber Schauspieler ist der Beruf, der mir diesbezüglich mehr entgegenkommt, weil er auch meinen Spieltrieb bedient.

MM: Max ist die Figur, bei der alle Fäden des Films zusammenlaufen, gleichzeitig ist auch er von seinem Leben überfordert. Er hat diese komödiantische Schwermut. Ist das ein Typus, den zu spielen Ihnen liegt?

Zirner: Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr. Ich mag diesen Begriff, das umzusetzen ist das, was ich mir beim Spielen wünsche.

Kuscheln auf der Therapeutencouch: mit Film-Exfrau Barbara Auer. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

MM: Um eine Klammer zum Frederic Trömerbusch zu bilden, den Sie an den Kammerspielen in „Vier Stern Stunden“ darstellen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29596): zeichnet den dieser Charakterzug auch aus?

Zirner: Ja, aber anders. Er hat sich seit der Premiere Mitte September auch noch entwickelt, ist jetzt weniger sarkastisch übertrieben, sondern hat mehr Kern bekommen.

MM: Max holt sich gegen das Alleinsein einen Hund aus dem Tierheim. Ich würde Sie ja fragen, wie es war, mit dem zu spielen, aber dieser Hund spielt nicht, er liegt nur herum.

Zirner: Mit Hund zu spielen ist nicht sehr schön, weil er natürlich immer im Mittelpunkt steht, und das ist für jeden Schauspieler ganz furchtbar. (Er lacht.) Hier war es besonders schwierig, weil ich den Hund nicht einmal ansprechen durfte, wir durften uns nicht aneinander binden, sondern mussten Distanz zueinander wahren. Ich mag aber Hunde, also fiel mir das schwer.

 

MM: Sie haben vorhin schon gesagt, das ist Ihr dritter Film mit Frau Nettelbeck. Was sind denn die Vorzüge, wenn man einander kennt?

Zirner: Man kann mit Sandra sehr offen und ehrlich arbeiten, man kann ihr vertrauen. Ich vertraue ihrem Geschmack und ihrer Intelligenz. Und sie hat die Begabung, mich zu konzentrieren, mich zu fokussieren. Sie macht konsequent ihr Ding, das ist sicher für manche anstrengend, aber sie weiß, was sie will. Sie hat eine sanfte Insistenz, sie besteht sanft auf dem, was sie richtig findet. Da fühlt man sich aufgefordert, das Wesentliche zu tun, und nicht mehr.

MM: Ihre Kolleginnen und Kollegen im Film hatten ja großteils auch schon Nettelbeck-Erfahrung.

Zirner: Jaja, wir sind viele Wiederholungstäter. Auch Kameramann Michael Bertl. Das ist etwas, das einen guten Film ausmacht, dass Regie und Kamera als eingespieltes Team miteinander arbeiten.

MM: Welche Geschichte von Max‘ Patienten hat Sie am meisten berührt?

Zirner: Eigentlich die von Ben, weil er nicht spricht, weil er nicht mehr sprechen kann. Ich bin ja ein Dauerquassler, deshalb ziehen mich solche Gegensätze an. Ich finde zwar Bjarne Mädel als Tierpfleger hinreißend, auch seine Geschichte mit Jenny Schily, aber Mark Waschke, den ich vorher gar nicht kannte, hat mich sehr berührt. Da habe ich mich ständig gefragt, was kann ich tun, um diesen Ben aus der Reserve zu locken? Soll ich Tee kochen, mich mit dem Hund beschäftigen, wie bringe ich ihn zum Reden?

MM: Das klingt, als hätten Sie Raum gehabt, Ihre eigenen Ideen in den Dreh einzubringen.

Zirner: Viele Dinge entstanden im Moment, bei der szenischen Entwicklung, ich kann wirklich nicht mehr sagen, was Sandras Idee war, und was meine. Es hat sich oft aus dem Spiel so ergeben. Mir ist es halt wichtig, nicht nur auf mein nächstes Stichwort zu warten, sondern genau auf den Bühnen- oder Filmpartner zu achten – aktives Zuhören, wie ich vorhin schon sagte. Das ist in unserem Beruf ein bisschen auf den Hund gekommen, aber es ist wichtig.

MM: Der Film lässt bei den meisten Figuren am Ende die Fragen offen.

Zirner: Das ist das Schöne daran, viel wird angedeutet, nichts zu Ende erklärt. Doch für alle Figuren besteht die Chance, dass …

„Vier Stern Stunden“ an den Kammerspielen: als Frederic Trömerbusch mit Bühnenpartnerin Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Spontane Umarmung: bei den Dreharbeiten zur John-Steinbeck-Doku in der Wüste Nevada. Bild: privat

MM: Was anderes, weil wir hier in den Wiener Kammerspielen sitzen: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, Wien mache Sie aggressiv. Wie geht es Ihnen jetzt?

Zirner: Ich habe mich inzwischen wieder daran gewöhnt, in Wien zu sein, und habe mit der Stadt meinen Frieden geschlossen. Wien ist eine Stadt des Theaters, der Musik, hat immer tolle Ausstellungen, hat seine Kaffeehäuser. Ich kann Ihnen gestehen, so sehr Wien mich auf die Palme bringen kann, ist es doch die einzige Stadt, in der ich leben kann.

MM: Auf die Palme – warum?

Zirner: Weil ich über die Schatten der immer noch nicht bereinigten Vergangenheit ärgere, über die fehlende Bereitschaft, darüber zu reden. Dieses Denken – „Es war eine schwierige Zeit, das wissen wir eh, aber man muss doch nach vorne schauen. Wir haben jetzt so Leute wie Kickl, die machen das für uns. Wir haben jetzt wieder Grund, Identität zu stiften …“ -, da kann es mir passieren, dass ich grantig werde. Nur, ich bin ja auch Amerikaner, und da ist es um nichts besser.

 

MM: Das wollte ich Sie fragen. Wie geht derzeit ein Leben zwischen den USA, Österreich und Ihrem Hauptwohnsitz Bayern?

Zirner: Indem man pendelt und immer wieder auch anderswo spielt.

MM: „Was uns nicht umbringt“ hat Szenen, in denen Menschen sich vorstellen, wie etwas sein könnte, und im nächsten Bild sieht man die Realität.

Zirner: Diesen „Trick“ habe ich sehr gemocht. Das kennen wir ja alle, Vorstellungen von etwas zu haben, und in der Wirklichkeit wird es dann ein Oh-Gott! Man hat sich getäuscht, oder aber es ist noch schöner. Das finde ich reizvoll, und es ist auch ein Thema von Sandra: diese ganzen Projektionen und Hoffnungen, die wir haben, die Diskrepanz zwischen einem Wunsch und dessen Verwirklichung.

MM: Der Film beginnt für Max mit einer vorgestellten Umarmung und endet mit einer tatsächlichen. Ist es das, was die Welt braucht, mehr Umarmungen?

Zirner: Das ist ein sehr schöner Gedanke. Wenn der Film bei jedem so ankommt, kann ich mir nichts Schöneres wünschen. Wenn man all diese Herren, die uns regieren, betrachtet, deren Namen ich gar nicht nennen will, weil man Narzissten nur damit bestrafen kann, und in dem Wissen, dass es unter den Wählern eine Akzeptanz für deren peinlichen Nationalismus und deren peinliche Ausländerangst gibt, dann ja, dann brauchen wir dringend mehr Umarmungen. Ich frage mich immer, wovor die denn Angst haben. Ich habe mehr Angst vor wild gewordenen Bayern. Oder vor Bankern. Wo ich vor meiner eigenen Türe kehre, ist die Bereitschaft, viel mehr über einen anderen und dessen Nöte und Probleme zu erfahren. Wir müssen viel mehr miteinander sprechen.

MM: Tun Sie das nicht ohnedies?

Zirner: Ich bemühe mich, weil es mich wirklich interessiert, wie es uns allen geht. Ich habe vor zwei Jahren in den USA mit Regisseurin Katharina Cleber eine Fernsehdoku über John Steinbeck gemacht, „Ein Mann, ein Hund, ein Pick up Truck, auf den Spuren von John Steinbeck“, und dazu eine alte Dame in der Wüste Nevadas interviewt. Und plötzlich sagte sie, das Problem im Land sei, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, dass Nachbarn einander nicht mehr besuchen und sehen, wie sie helfen können. Und dann sagte sie: „August, can I ask you a favor? Would you just stand up and give me a hug?“ Das Foto davon habe ich noch.

 MM: Bleibt mir die Frage nach weiteren beruflichen Plänen. Sie haben einen Fernsehfilm mit Urs Egger gedreht, „Der Geldmacher“?

Zirner: Da spiele ich den Nationalbankdirektor, eine kleine Rolle, aber ich mochte das Thema, das Phänomen des Schwundgelds, wo also Geldwert mit dem Wert von Arbeit in Balance ist. Ich habe ein musikalisches Programm namens „Frankenstein“ mit dem Spardosen-Terzett, als inneren Monolog des Doktors, der das Monster in seinem Kopf hat. Da sind die Kompositionen alle von uns, von Jazz bis Funk bis Kitsch. Ich mache wieder „Der kleine Prinz“ mit Kai Struwe – und am 25. Jänner trete ich im Radiokulturhaus mit den „Transatlantischen Geschichten“ auf. Der Anteil des Musikalischen wird in meiner Arbeit immer mehr. Ich bin in Gesprächen für zwei Filmprojekte, und an den Kammerspielen spiele ich bis Mai „Vier Stern Stunden“. Was das Danach am Theater betrifft, bin ich offen für Vorschläge.

www.facebook.com/WasUnsNichtUmbringt/

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30441

  1. 11. 2018

Kammerspiele: Acht Frauen

November 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod steht ihnen gut

Die Damen werden handgreiflich: Isabella Gregor, Marianne Nentwich, Susa Meyer, Silvia Meisterle, Swintha Gersthofer und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

Suspense so geschmeidig in Chansons umzusetzen, das muss einem erst einmal gelingen. Franz Wittenbrink führt nun an den Kammerspielen der Josefstadt très français vor, wie’s geht. Er hat für Herbert Föttingers Neuinszenierung der Krimikomödie „Acht Frauen“ die Bühnenmusik komponiert. Mal darf frech gejazzt werden, mal eine zum Tango sinnlich sein, immer psychogrammatisch entlang des jeweiligen Typus und seiner besonderen Charakterzüge.

Die Damen des Ensembles beweisen solcherart nicht nur ihr schauspielerisches Können, sondern entpuppen sich als wahre Showtalente. Pauline Knof als ungebetener Gast Pierrette legt eine sexy Einlage hin, von der man nicht ahnte, dass derlei in der Charakterdarstellerin schlummert.

Der Inhalt von Robert Thomas‘ Text ist bekannt: Auf einem französischen Landsitz, abgelegen und eingeschneit, findet die Vorweihnachtsstimmung ein jähes Ende, als der Hausherr mit einem Messer im Rücken tot aufgefunden wird. Den „Acht Frauen“, Verwandten wie Bediensteten, erschließt sich bald, dass die Mörderin unter ihnen zu suchen ist. Jede hatte ein Sträußchen mit dem Verstorbenen auszufechten, Motive gibt es ergo genug, aber keine Alibis. So beginnt ein scheinheiliges Intrigenspiel, in dem scheinbar aufgeschreckte Hühner sich als skrupellose Erbschleicherinnen erweisen, tablettensüchtige Dramaqueens gegen eiskalte Königinnen der Nacht antreten, und mehr dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, als der Mischpoche lieb sein kann.

Föttinger dämpft in seiner Arbeit den Schenkelklopfimpuls, der durchaus als Gefahr im Stück lauert. Zu sagen, er hätte daraus eine subtile Satire gemacht, wäre für den amüsanten, doch – nicht zuletzt aufgrund Ece Anisoglus uninspiriertem Grauen-Haus-Bühnenbild und Birgit Hutters elegant gestrigen Kostümen – etwas antiquiert wirkenden Abend wohl etwas viel. Doch der Regisseur kann sich auf seine Komödiantinnen verlassen, die wissen, wie sarkastisch geht, wie man Zwischentöne und Spitzen setzt und so Zwietracht sät. Föttinger gibt ihnen den Raum, sich in allen Facetten schillernd zu entfalten. Dass in seiner Interpretation die Fallhöhe vom vermeintlichen Familienidyll zur lügendurchtränkten Täterinnensuche gering ist, ist eine Entscheidung, die es anzunehmen gilt.

Das Verhältnis der Frauen untereinander ist von Beginn an ein brüchiges, die Worte zwischen ihnen fallen streitsüchtig und gereizt, es kommt nicht nur einmal zu Handgreiflichkeiten. Man ärgert sich über die Hysterie und Hypochondrie der anderen, vor allem aber über Mamys „Wunderheilung“. Als diese glänzt Marianne Nentwich. Die langgediente Josefstädterin ist von der Gaby, die sie in einer Aufführung 2004 noch spielte, zur Gabys-Mutter-Rolle avanciert, und sie macht sich sichtlich einen Spaß daraus, immer dann aus dem Rollstuhl zu hüpfen, wenn es Spannenderes zu tun gibt, als auf den Nerven der anderen spazieren zu fahren. Die Gaby ist nun Susa Meyer, die von gutbürgerlicher Hausherrin blitzschnell auf bitterböse und bissig umzuschalten weiß.

Silvia Meisterle als kesses Kammerkätzchen Louise. Bild: Sepp Gallauer

Susa Meyer, Silvia Meisterle, Sandra Cervik und Swintha Gersthofer. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof beweist als mondäne Pierrette ihr Showtalent. Bild: Sepp Gallauer

Swintha Gersthofer und Anna Laimanee, sie in ihrem ersten Engagement neu am Haus, gestalten die Töchter Susanne und Catherine zwischen teenageraufsässig und jungdamenhaft. Dass Sandra Cervik in die Figur von Gabys Schwester Augustine schlüpft, ist ein Glück. Cervik macht aus der altjüngferlichen, verbiesterten Giftspritze ein Kabinettstück, mit Hingabe tut sie deren Verdächtigungen und Vermutungen und Vorstellungen von korrektem Verhalten kund, bis sie mit Verve das Entlein in einen Schwan verwandelt. Pauline Knof schließlich als letztes Mitglied der skandalösen Sippe spielt Gabys Schwägerin Pierrette als mondäne Lebefrau.

Isabella Gregor und Silvia Meisterle sind als Köchin Madame Chanel und Dienstmädchen Louise zu sehen, nach außen hin resigniert-ergeben, aber durchaus mysteriös die eine, verführerisch kess und nur widerwillig gehorchend die andere. Insgesamt lässt sich über die Darstellerinnen sagen: Der Tod steht ihnen gut. Nach Drehungen und Wendungen, Manipulationen und unsauberen Machenschaften, und dem wahren Satzfragment „Wenn wir Frauen doch nur besser zusammenhielten“, wird die Tat zweieinhalb Stunden später enttarnt. Sollte es jemanden geben, der tatsächlich keine Ahnung hat, wie’s geschehen ist – anschauen …

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2A9t_C2x54s

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  1. 11. 2018