Akademietheater: Kommt ein Pferd in die Bar

September 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Parforceritt des Samuel Finzi

Samuel Finzi als selbstzerstörerischer Stand-up-Comedian Dov Grinstein. Bild: Bernd Uhlig

„Wer ist jetzt in den Siedlungen und drischt auf die Araber ein?“, fragt Dov Grinstein angesichts des ausverkauften Saals sein Publikum. Political correctness ist seine Sache ganz offensichtlich nicht; der Stand-up-Comedian ist ein Krakeeler, schwankt zwischen Publikumsbeschimpfung und Publikumshure, immer auf der Jagd nach dem nächsten faulen Witz, mit dem er die Wahrheit zur Wirklichkeit entstellen kann. Samuel Finzi spielt diesen Unangemessenen, fast zweieinhalb Stunden lang tobt und berserkert er über die Bühne des Akademietheaters, ist süffisant und vulgär, im einen Moment beleidigend, im nächsten sich wort- und tränenreich entschuldigend.

Finzi gibt sich als geborener Entertainer, seine bitterbös-humorige Darstellung hat was von Lenny Bruce, und ist dabei noch jüdischer. Der israelische Autor und Friedensaktivist David Grossmann – bei der Premiere anwesend und ob des Schlussapplauses ziemlich gerührt – hat den Dov Grinstein für seinen Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ erdacht. Regisseur Dušan David Pařízek fertigte eine Bühnenfassung des Buchs an, seine Inszenierung ist nun von den Salzburger Festspielen nach Wien übersiedelt.

Eine „etwas alternativ geratene Comedy Show“ nennt Dov seinen Auftritt. Zu seinem 57. Geburtstag tritt er zur großen Abrechnung an. Er, der seine Zuschauer fast so sehr wie sich selbst hasst, wird im Laufe des Abends allerdings alle Sympathie und noch mehr Mitleid auf sich ziehen. Zum Sterben krank scheint er zu sein, was ihn zur Beschäftigung mit dem Sein und Nicht-mehr-Sein drängt. Dov erzählt von Kindheit und wie es ist, ein Kind dieser Zeit zu sein. Vom Irrsinn im Staate Israel kommt er zu dem in der eigenen Familie – Vater und die schwer traumatisierte Mutter die einzigen Shoa-Überlebenden der ganzen Sippschaft -, er reißt schlechte Scherze über Dr. Mengele, gerät über die bildhafte Beschreibung eines Orgasmus als Kriegszustand zum Sinai-Feldzug, lästert über die Palästinenser-Politik und über das paramilitärische Jugendcamp, in das ihn die Eltern einst steckten.

Pitz lässt Dovs sarkastische Schale bersten: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger. Bild: Bernd Uhlig

Am Ende wird aus Witz die Wahrheit: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger. Bild: Bernd Uhlig

Diesen psychischen Parforceritt begleitet Pařízek mit denkbar kargsten Mitteln, und erzielt mit seiner szenischen Sparsamkeit größte Wirkung. Finzi spielt mit seinem Schatten auf der das Bühnenbild bildenden Holzwand sowie an gegen Gelobte-Land-Klischees. Er rennt gegen beide, wird sich in der Hitze des Wortgefechts den Anzug in Fetzen reißen und das Gesicht blutig schlagen. Und dann ist da die Frau, „Maniküre und Medium“, die sich als Kindheitsgefährtin enttarnen wird – Pitz, von pitzkele, winzig.

Und wie die Wand fällt, birst auch Dovs sarkastische Schale, wenn sich das ehemalige Nachbarsmädchen an einen ganz anderen Dovele erinnert. „Du warst ein guter Junge“ beteuert sie und widerspricht den Schilderungen Dovs immer wieder mit einem bestimmten „So war das nicht“. Mavie Hörbiger schlüpft in die Rolle dieser naiv-ätherischen Feengestalt, die den vom Leben Beschädigten, sich selbst Beschädigenden immer wieder auf sich zurückwirft.

So wirken stärker als die Ausdeutung der israelischen Volksbefindlichkeit von NS-Regime zu Nationalitätsgesetz Dovs private Momente.

Lustig sei es gewesen, sagt Pitz, wie er stets im Handstand laufend seine Mutter von der Arbeit heimbegleitet habe. Doch Dovele erzählt die wirkliche Geschichte: Weil seine Mutter nach Auschwitz nicht mehr ertragen konnte, wenn Blicke auf sie gerichtet waren, hat der Sohn diese mit seiner Gaukelei auf sich gelenkt. Der Mensch wird von einer „willkürlichen äußeren Kraft, die mit Gewalt in das Leben, eine Seele, eindringt“, zugerichtet. Welch ein intensiver Theaterabend.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Der Hauptmann

Juni 7, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine mörderische Köpenickiade

„Hauptmann“ Willi Herold (Max Hubacher) mit seinen Untergebenen Freytag (Milan Peschel) und Kipinski (Frederick Lau). Bild: © Julia M. Müller

Zweiter Weltkrieg, 1945, Deutschland. Trompetenkakophonie zur Menschenjagd. Die eigenen Leute verfolgen einen desertierten Soldaten. Dem gelingen Verstecken und Flucht, bevor er in einem stehengelassenen Dienstfahrzeug eine Hauptmannsuniform findet. In wenigen Minuten mutiert der ausgehungerte, entkräftete Willi Herold vom Gehetzten zum Aufhetzer.

Nichts erstaunt ihn selber mehr, aber als dann noch der von seiner Truppe getrennte Freytag demütig vor ihm setzt, um sich dem neuen Kommandanten anzuschließen, ist die Tarnung perfekt. Mit strammen Befehlston lässt sich Herold nun von seinem eben rekrutierten Untergebenen chauffieren. So beginnt Regisseur Robert Schwentkes in schwarzweißen Bildern gehaltener Antikriegsfilm „Der Hauptmann“, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Die mörderische Köpenickiade ist über weite Strecken eine wahre Geschichte. Der 19-jährige Rauchfangkehrerlehrling Herold wurde dank Dienstgraderschwindelung vom einfachen Gefreiten zum „Henker vom Emsland“. Schauspieler Max Hubacher stellt das glaubhaft dar, wenn er sein in Todesangst verzerrtes Gesicht zur kühlen „Herrenmenschen“-Miene gefrieren lässt. Kleider machen Mörder. Wenig später schon ist Herold ein Kriegsverbrecher.

Auf seiner Fahrt durchs kriegsgebeutelte Nirgendwo liest der Scharlatan immer mehr Soldaten auf, angeblich von ihren Einheiten versprengt, in Wahrheit aber Deserteure wie er selbst, die angesichts des Hauptmanns die Flucht nach vorne antreten. Bald ist die Leibgarde, später das Schnellgericht Herold zusammengestellt. Frederick Lau brilliert als Gegenspieler Kipinski, der Herold zu durchschauen droht, und doch lieber den Mund hält, weil ihn der Hasardeur mit den Drahtseilnerven seinen Sadismus ausleben lässt. Großartig wie Laus Kipinski sowohl latente Befehlsverweigerung als auch Bewunderung für Hubachers Herold und dessen Chuzpe ins Gesicht geschrieben steht.

SA-Mann Schütte (Bernd Hölscher) will das Kommando über das Lager. Bild: © Julia M. Müller

„Bunter Abend“: Herold (Max Hubacher), Gerda (Britta Hammelstein), Schütte (Bernd Hölscher) und Kabarettist Kuckelsberg (Samuel Finzi). Bild: © Julia M. Müller

„Die Lage ist immer das, was man daraus macht“, ist Herolds Leitspruch. Um die Mägen voll zu bekommen, lügt er einem Gastwirt etwas von Entschädigungszahlungen für die erlittenen Plünderungen durch Fahnenflüchtige vor, bald aber steht’s an, das erste Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken. Dies der Moment der vollkommenen Entmenschlichung. Ein Regime, das auf Angst und Terror fußt, sagt Schwendtke, macht solche Situationen, in denen niemand nachdenkt, keiner hinterfragt, und so das nicht einmal besonders raffinierte Blendwerk gelingen kann, erst möglich.

Herolds Wagemut wächst, auf Widerstand stößt er nicht. So gelangen er und seine Mannen ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor, wo Diebe und Deserteure auf ihre Hinrichtung warten. Und weil vom „von ganz oben / Führerbefehl“ gesandten Offizier eine Direktive bezüglich der aus allen Nähten platzenden Baracken erwartet wird, schlägt die Befehlsgewalt mit aller Macht zu. Mehr als 100 Häftlinge haben der reale Herold und seine Leute in acht Tagen brutal erschossen. In von ihnen selbst ausgehobenen Gruben und bei perversen „Bunte-Abend“-Spielen.

Ein nazideutsches Militärgericht ließ den machttrunkenen „Rächer der deutschen Ehre“ zunächst laufen, „weil das Land derzeit so durchsetzungsstarke Männer braucht“, erst die Briten richteten Herold 1946 schließlich hin. Schwendtke zeigt das Lager als hierarchisch bestimmten Behördendschungel, in dem die Rechte nicht weiß, was die Rechte tut. Bernd Hölscher als SA-Mann Schütte und Waldemar Kobus als Lagerleiter Hansen matchen sich um Kompetenzen, wichtig ist, dass man fürs Massaker eine schriftliche Bewilligung von der Justizbehörde hat, schließlich will man alles, nur keine verwaltungstechnische „Sauerei“. Samuel Finzi als duckmäuserischer Kuckelsberg und Wolfram Koch als ehrenhafter Schneider geben zwei inhaftierte Kabarettisten, die beim Schergenvergnügen wenig erfolgreich um ihr Leben spielen. Britta Hammelsteins Schütte-Verlobte Gerda will zum Spaß nämlich auch einmal schießen.

Das Schnellgericht Herold zieht durch Görlitz. Bild: © Julia M. Müller

Kameramann Florian Ballhaus hat für diese letzten Tage der Hitler-Herrschaft Endzeitstimmungsbilder gefunden. An drastisch gezeigten Gräueln wird der Zuschauer nicht geschont, am heftigsten die minutenlange Erschießungsszene der Gefangenen und die Sequenz, in der Schütte schlussendlich von einer britischen Fliegerbombe effektvoll zerfetzt wird. Ein wenig zu holzhammrig fällt das Ende der Geschichte aus:

Da ist das Schnellgericht Herold nämlich im Heute angelangt, in Görlitz, wo es Passanten drangsaliert und ihnen Wertgegenstände abnimmt. Ein „Er ist wieder da“-Einfall, der nicht notwendig gewesen wäre, um zu verdeutlichen, dass die Ewiggestrigen immer noch fröhliche Urständ feiern. „Der Hauptmann“ wäre auch ohne diesen expliziten Querverweis als Film stark genug.

www.derhauptmann-film.de

  1. 6. 2018

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Akademietheater: Endspiel

September 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Poesie einer clownesken Verzweiflung

Nicholas Ofczarek und Michael Maerten in einer perfekt clownesken Performance als Hamm und Clov. Bild: Bernd Uhlig

Als wär’s die Erschaffung des Hamm: Nicholas Ofczarek und „Clov“ Michael Maertens erstarren in einer Michelangelo’schen Geste. Bild: Bernd Uhlig

Dieter Dorns fulminante Festspielinszenierung von Becketts „Endspiel“ ist ans Akademietheater übersiedelt, und hat auf ihrem Weg von Salzburg nach Wien erwartungsgemäß nichts von ihrer Brillanz eingebüßt.

Dorn lässt seine vier überragenden Schauspieler Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, Barbara Petritsch und Joachim Bißmeier die Beckett’schen Worte wie eine Partitur lesen, Takt für Takt wird die vieldeutige Komposition wiedergegeben.

Da sitzt jede Silbe – noch wichtiger aber: jede Pause im Text. Dass eine solcherart überraschungsbefreite, freilich auch den Vorgaben des Bühnenverlags geschuldete, schnickschnacklose Arbeit nicht in die Fadesse des Ewig-gleich-Gesehenen driftet, zeigt, dass Werktreue was für Meisters ist. Dorn hat den immerwährenden Existenzkrampf mit höchster Seelenruhe auf die Bühne gehoben, und tatsächlich weist sein Beckett-Hochamt einiges an negativen Gottesbeweisen auf, er entzieht sich aber dem allzu akademischen Diskurs, indem er das Fleisch fröhlich vor sich hin faulen lässt. Wäre seine „Endspiel“-Inszenierung ein Gefühl, sie würde jucken, wäre sie ein Geruch, sie würde brunzeln. Fast glaubt man sie zu riechen, die miefige Luft und die versifften Kleider und die abgestandene Ausweglosigkeit.

Das Desaster-Duo Hamm und Clov geben Ofczarek und Maertens, ersterer im plüschroten Rollstuhlthron, blind, wie ein Abbild von Francis Bacons Papst Innozenz X., zweiterer mit gebeugtem Rücken und steifen Beinen, ein Schelm, der da an Freddie Frinton denkt. In einer Sperrholzspielzeugschachtel werden sie an die Rampe gefahren, diese versehrten, verheerten Gestalten. Maertens enthüllt seine Mitspieler wie Puppen, unterm Tuch und aus den Mülltonnen schlüpfen sie hervor, wie Untote, denen einmal noch das Leben aufgezogen wird. Das Spiel kann beginnen. Dorn hat mit seinen Darstellern ein formvollendendes gestisches Regelwerk für dieses Werk ohne Regeln ausgefeilt. Vor allem Maertens vollbringt diesbezüglich Höchstleistungen, turnt und tappt und slapstickt sich vorwärts und donnert auch mal apokalyptisch, während der zur Regungslosigkeit verpflichtete Ofczarek sich auf die subtile, singsangende Ausdrucksstärke seiner stimmlichen Modulierfähigkeit verlassen kann.

Mutterliebe, in die Tonne getreten: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Die Liebkosung der Schmerzensmutter: Barbara Petritsch als Nell mit Maertens und Ofczarek. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier als Nagg. Bild: Bernd Uhlig

Gott hat sich schon länger nicht gemeldet: Joachim Bißmeier versucht als Nagg ein Gebet. Bild: Bernd Uhlig

Und so beobachtet man sie denn, diese grausigen Clowns bei ihren alltäglichen Demütigungsritualen, wie sie ihr Abhängigkeitsverhältnis in gegenseitiger Angstmache auskosten, es kultivieren. Böse Zeitgenossenzungen behaupteten ja, die Dialoge seien eins-zu-eins zwischen Beckett und seiner späteren Ehefrau Suzanne Dechevaux-Dumesnil so gesprochen worden, 50 Jahre waren die beiden ein Paar, und diese Idee verleiht dem Werk immer wieder einen ganz eigenen Humor. Ofczarek und Maertens jedenfalls sind exzellent in ihrer Exaktheit, zwei Virtuosen der clownesken Verzweiflung, sie protzen mit der Poesie des Gesagten, und ja, es klingt nach: Nichts ist so komisch wie das Unglück.

Der Nachhall ist heutig, der Herr über die letzten Ressourcen schindet die Arbeitskraft, sein störrischer Dienstleister ist zeitgleich gefinkelter Tyrann, der Kopf und die Gliedmaßen in Hassliebe miteinander verbunden und ohne Chance lebend voneinander loszukommen. „Fern wärest du tot“, sagt Hamm. „Und umgekehrt“, sagt Clov. Und wie in Überhöhung dieser Übung schnellt Bißmeier wie ein Springteufel aus seiner Tonne, sein Nagg ein zorniger Widerborst bis zum bitteren Ende, Barbara Petritsch als seine Nell eine zarte, fast anmutige Dulderin. Ihnen gehören mit die schönsten Momente, ein vergeblicher, ans Herz rührender Kussversuch, eine angedeutete Liebkosung Clovs für die Schmerzensmutter, ein Zwieback zum Zähneausbeißen.

Dem Ende zu eine rasante Schussfahrt: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

In rasanter Rollstuhlfahrt geht’s dem Ende zu: Ofczarek mit Maertens. Bild: Bernd Uhlig

Petritsch und Bißmeier stellen all die großen Fragen zum Sinn und über den Nonsense des Daseins, und, ein Glück, Dorn beantwortet sie nicht. „Es ist wie der gute Witz, der einem zu oft erzählt wird, wir finden ihn immer gut, aber wir lachen nicht mehr darüber“, sagt Nell. Dieter Dorns „Endspiel“ ist eine exemplarische Arbeit, die mit unerträglicher Leichtigkeit durch des Menschen Fähigkeiten im Leidzufügen wie im Leidertragen führt.

Die Raum, Rhythmus, Rede in höchster Kunstfertigkeit verzahnt. Sie hat zweifellos das Zeug zum Klassiker. Zum Schluss wird die Spielzeugschachtel wieder zurückgefahren, die Schauspieler erstarren in einer letzten Pose. Aus – und natürlich frenetischer Applaus.

www.burgtheater.at

Wien, 7. 9. 2016