Woman. Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre

Mai 6, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neu im mumok: Weg von Mutter, Muse und Model

VALIE EXPORT: Tapp und Tastkino, 1968. Bild: © VALIE EXPORT / Bildrecht Wien 2016, Courtesy of Galerie Charim, Vienna, Sammlung Verbund, Wien

Das mumok zeigt ab 6. Mai  mit mehr als 300 Kunstwerken aus der Sammlung Verbund, wie Künstlerinnen in den 1970er-Jahren kollektiv und zum ersten Mal ein eigenes Bild der Frau kreierten. Da diese wichtige künstlerische Bewegung in der Kunstgeschichte bisher zu wenig Beachtung fand, prägte Sammlungsdirektorin Gabriele Schor den Begriff „Feministische Avantgarde“ und brachte ihn in den kunsthistorischen Diskurs ein, um die Pionierleistung dieser Künstlerinnen hervorzuheben.

In den 1970er-Jahren emanzipierten sich die Künstlerinnen von der Rolle als Muse und Model, das heißt, sie emanzipierten sich von ihrem Objektstatus hin zu einem selbst bestimmten Subjekt, das aktiv an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilnimmt. Die stereotypen Rollenzuweisungen als Mutter, Haus- und Ehefrau wurden mit den Mitteln der Ironie radikal hinterfragt. Zentrale Themen waren: die Entdeckung weiblicher Sexualität, der Einsatz des eigenen Körpers, das Aufbrechen stereotyper Frauenbilder, das Diktat der Schönheit sowie das Schaffen eines Bewusstseins für Gewalt gegen Frauen. Die Ablehnung tradierter Vorstellungen davon, wie eine Frau zu leben hat, verbindet das Engagement der Künstlerinnen dieser Generation. „Es ist spannend zu beobachten, dass die Künstlerinnen, ohne sich alle untereinander zu kennen, doch ähnliche Bildstrategien wählten“, erklärt Schor.

Die Ausstellung im mumok gliedert sich in vier Bereiche: Reduktion auf Mutter, Hausfrau und Ehefrau; Alter Ego: Maskerade, Parodie und Rollenspiele; Weibliche Sexualität versus Verdinglichung; Normativität der Schönheit. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Bürgerrechts- und Frauenbewegung wurden die Anliegen von Frauen zunehmend öffentlich diskutiert. Eine wichtige Losung war: „Das Private wird politisch“. Frauen verschafften sich mit ihren persönlichen und vermeintlich privaten Anliegen vermehrt Gehör in der Öffentlichkeit. Sie bildeten feministische Netzwerke, organisierten Ausstellungsmöglichkeiten, schrieben Manifeste und gründeten zahlreiche Zeitschriften und Magazine. Entgegen der männlich dominierten Malerei setzten sie für ihre Kunst historisch unbelastete Medien wie Fotografie, Video und Film ein und führten Performances und Aktionen auf.

Penny Slinger: Wedding Invitation – 2 (Art is just a piece of Cake), 1973. Bild: © Penny Slinger / Courtesy of Gallery Broadway 1602, New York, Sammlung Verbund, Wien

Renate Bertlmann: Zärtliche Pantomime / Tender Pantomime, 1976. Bild: © Renate Bertlmann, Sammlung Verbund, Wien

 

Mit Kostüm und Maskerade untersuchten die Künstlerinnen alltägliche und historische Klischees und entlarvten Vorstellungen von Identität und Weiblichkeit als gesellschaftliches Konstrukt. Martha Rosler überzeichnete die Rolle der für Heim und Herd verantwortlichen Frau. Birgit Jürgenssen hängte sich einen Herd wie eine Küchenschürze um. Cindy Sherman, Hannah Wilke, Martha Wilson und Marcella Campagnano nahmen und nehmen in ihren inszenierten Fotografien weibliche Rollen unter die Lupe.  Lynn Hershman Leeson verkörperte mit Roberta Breitmore jahrelang eine fiktive Kunstfigur. Rita Myers, Ewa Partum und Suzy Lake  hinterfragten in ihren Arbeiten Ideale von Schönheit – mit Ironie wurden Attribute der Makellosigkeit unterwandert. Indem VALIE EXPORT in ihrer Aktion Tapp – und Tastkino Passanten am Münchener Stachus aufforderte, in einem vor ihren Oberkörper geschnallten Kasten ihre Brüste zu berühren, thematisierte sie den männlichen Voyeurismus im Film. Oftmals wurde der eigene Körper zum Ausgangspunkt der Kunst. Künstlerinnen wie Ana Mendieta oder Gina Pane gingen mit ihren selbstverletzenden Aktionen an die Grenzen körperlicher und psychischer Belastbarkeit.

Ulrike Rosenbach: Art is a criminal action No 4, 1969. Bild: © Ulrike Rosenbach / Bildrecht, Wien, 2016, Sammlung Verbund, Wien

„Für Wien und das mumok ist es sehr wichtig und ebenso erfreulich, die von der Sammlung Verbund zusammengetragenen Bestände  zeigen zu können. Sie bilden eine Ergänzung zu den Sammlungen unseres Hauses, die einen Schwerpunkt im Bereich der gesellschaftsbezogenen Kunst der 1960er-Jahre haben, wie den Wiener Aktionismus als eine ausschließlich von Männern getragene Bewegung.

Hier wurden bereits viele Fragen und Thematiken angesprochen, in den 1970er-Jahren unter neuen, erweiterten Blickwinkeln eine Rolle spielen sollten – Entwicklungen, die wiederum in hohem Maße von Frauen getragen wurden. Mit ihren Werken formulierten sie Antworten auf die Herangehensweise der Männer“, so Generaldirektorin Karola Kraus bei der Ausstellungeröffnung. Die herausragende Qualität dieser Ausstellung wird durch die 13-jährige Forschungsarbeit von Gabriele Schor für die 2004 gegründete Sammlung Verbund garantiert. In ihr sind sowohl Werke von bekannten wie auch von noch zu entdeckenden Künstlerinnen enthalten.

Viele der Arbeiten haben nahezu 50 Jahre darauf gewartet, gesehen zu werden. So sagt beispielsweise Renate Eisenegger: „Mehr als 40 Jahre hat keiner nach meinen Arbeiten gefragt, sie lagen alle auf dem Dachboden.“ Diese Werke werden nun erstmals in einem internationalen Kontext gezeigt. Bei den meisten Werken der Schau handelt es sich um Originalarbeiten aus den 1970er-Jahren, die über die Jahrzehnte nichts von ihrer Präsenz und Lebendigkeit eingebüßt haben.

www.mumok.at

Wien, 6. 5. 2017

21er Haus: Die Sprache der Dinge & Cornelius Kolig

Juni 7, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Paradies aus Plexiglas und Polyester

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Robert F. Hammerstiel, Made by Nature- Made in China, 2004-2006. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Cornelius Kolig, Ohne Titel, 1972. Bild: © Belvedere, Wien

Das 21er Haus zeigt ab 10. Juni zwei Ausstellungen: „Die Sprache der Dinge. Materialgeschichten aus der Sammlung“ mit Arbeiten unter anderem von Franz West, Herbert Brandl, Gelatin, Gerhard Richter, Robert F. Hammerstiel, Heimo Zobernig, Anselm Kiefer, Brigitte Kowanz, Daniel Spoerri, Erwin Wurm und Franz von Zülow. Die Ausstellung mit Werken aus der Sammlung zeitgenössischer Kunst und der Artothek des Bundes stellt den Umgang mit Materie, Material und Materialitäten in den Fokus.

Seit den 1960er-Jahren sind sie gleichermaßen Ausgangspunkt und Inhalt künstlerischer Produktion. Standen etwa in der Minimal Art die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Materials selbst im Vordergrund, zeugen aktuelle Auseinandersetzungen das Spannungsverhältnis zwischen Materialität und Immaterialität im Zeitalter der Digitalisierung. Die Schau stellt beide Positionen im Vergleich nebeneinander.

Außerdem zu sehen ist „Cornelius Kolig: Organisches“. Der 1942 in Vorderberg in Kärnten geborene Maler, Bildhauer, Installations- und Objektkünstler ist durch seine kompromisslosen Arbeiten bekannt geworden, die um den menschlichen Körper und die Psyche, Sexualität und Tod, Obsessionen und Tabus kreisen. In den 1960er- und 1970er-Jahren experimentierte er mit neu entwickelten Werkstoffen wie Plexiglas und Polyester und schuf in erster Linie Skulpturen, die der technoiden Ästhetik der Zeit verpflichtet waren.

1980 begann er mit der Errichtung seines Lebens- und Gesamtkunstwerks: einer Architekturanlage in Vorderberg an der Gail namens „Das Paradies“. Die Präsentation bietet Einblicke in unterschiedliche Werkgruppen seines umfangreichen künstlerischen Schaffens.

www.21erhaus.at

Wien, 7. 6. 2016

Essl Museum: Die Sammlung eSeL

Mai 2, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die letzte Ausstellung vor der Schließung

Bettina Rheims @Essl Museum, 2015. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Bettina Rheims @Essl Museum, 2015. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Barbis Ruder. In: Performance H13 Preisverleihung an Dolce & Afghaner, 9. 9. 2011, Kunstraum Niederoesterreich. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Barbis Ruder. In: Performance H13 Preisverleihung an Dolce & Afghaner, 9. 9. 2011, Kunstraum Niederoesterreich. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Pipilotti Rist @Kunsthalle Krems, 2015. Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Pipilotti Rist @Kunsthalle Krems, 2015. Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

Bevor das Essl Museum mit 1. Juli nach fast 17 Jahren den Ausstellungsbetrieb schließt (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18580), gibt es eine letzte große Schau: Ab 4. Mai präsentiert das Haus die interaktive Ausstellung „Die Sammlung eSeL“. In einer großen, mehrere Räume umfassenden collagehaften Arbeit inszeniert der Wiener Kunstnetzwerker, Wissensproduzent, Kurator und Künstler Lorenz Seidler alias eSeL darin das Kunstgeschehen der vergangenen 17 Jahre.

Dafür greift er auf seine künstlerischen Fotoarbeiten, Videos und sein umfassendes Archiv zurück. Unter aktiver Einbindung des Publikums  – vor Ort und via Internet – werden nicht nur der Wandel von kulturellen Rahmen- und Produktionsbedingungen im Wiener Kunstfeld fokussiert, sondern auch neue Herausforderungen und zukünftigen Potentiale zeitgenössischer Kunst thematisiert.

Seit mehr als 15 Jahren kommuniziert und kommentiert eSeL über seine Online-Kanäle und anhand von Ausstellungsprojekten das Wiener Kunstgeschehen. Dabei entstand eine Sammlung, die sowohl aus den fotografischen Arbeiten des Künstlers besteht, die das Kunstgeschehen mit Hingabe und Humor akribisch beobachten, als auch aus Videos und Projekten, die Aspekte im Kunstbetrieb thematisieren. Außerdem hat eSeL ein aus allen Nähten platzendes Archiv an Drucksorten, Flyer, Einladungen und Pressemappen, aller Ausstellungshäuser seit Beginn der 2000er-Jahre angelegt. All das wird nun im Essl Museum zu sehen sein.

Durch die Beteiligung von und Gespräche mit Besuchern sollen neue Aspekte der Schau erarbeitet werden, die eSeL in die wachsende Ausstellung einarbeiten wird. Unter dem Hashtag #SammlungEsel auf Facebook, Twitter und Instagram können Interessierte vor Ort oder via Internet ihre persönlichen Kunstbeobachtungen einbringen und werden eingeladen darüber nachzudenken, welche Veränderungen sie in der Kunst in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten bemerkt haben und diese auch zu kommentieren.

Diese Texte sowie eingesandte Fotos oder andere online wie vor Ort eingebrachte Materialien werden laufend in die Ausstellung integriert und dienen als Basis für neue Schwerpunktsetzungen und fotografische Kommentare des Künstlers.

Zum Künstler:

Lorenz Seidler alias eSeL lebt und arbeitet als „ästhetische Lebensform“ in Wien und im Internet. Er wurde 1974 geboren und studierte Kunstgeschichte und Philosophie. Seit 2011 betreibt er die eSeL Rezeption im Museumsquartier Wien, seit 1999 betreibt er den eSeL Mehl Newsletter und die Website www.esel.at.

www.essl.museum

Wie, 2. 5. 2016

Essl Museum: Rendezvouz. Meisterwerke der Sammlung

Februar 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Agnes met Karlheinz, now Maria meets Arnulf

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © BILDRECHT Wien, 2016 Bild: Mischa Nawrata, Wien

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © BILDRECHT Wien, 2016
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Meisterwerke aus der Sammlung Essl werden ab 19. Februar in der Ausstellung „Rendezvous“ präsentiert. Im Rahmen der Schau geben sich zentrale Werke und künstlerische Positionen ein Stelldichein, Max Weiler etwa mit Cecily Brown, Martha Jungwirth mit Asger Jorn oder Kurt Kocherscheidt mit Antoni Tàpies.

Ein Rendezvous mit Folgen markiert den Beginn der Sammlung Essl und ist auch der Ausgangspunkt für die Ausstellung. Agnes und Karlheinz Essl treffen einander 1959 in New York zum ersten Mal und werden ein Liebespaar. In den folgenden Monaten tauchen sie in der pulsierenden Welthauptstadt der Kunst in die Galerien- und Museenszene ein und entdecken dabei ihre Liebe zur Kunst, die bald zu einer lebenslangen Leidenschaft wird. Zurück in Österreich beginnen sie, eine Sammlung aufzubauen, die heute zu den wichtigsten in ganz Europa zählt und als einzige dieser Art das österreichische Kunstgeschehen seit 1945 in einem internationalen Kontext abbildet. Im Jahr 2012 porträtiert der weltbekannte New Yorker Künstler Alex Katz das Sammlerpaar.

Anfang der 1950er-Jahre gingen zwei der bedeutendsten österreichischen Künstler, Maria Lassnig und Arnulf Rainer, als Paar nach Paris. In dieser von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und den kunstfeindlichen europäischen Diktaturen geprägten Zeit befasste man sich in der europäischen Kunstmetropole mit fernöstlichen Philosophien. Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche waren große Themen, die auch die beiden jungen Künstler beeinflussten. Besonders in den Zentralisationen von Arnulf Rainer aus dieser Zeit sind diese Reflexionen spürbar. Ein Star in Paris war Georges Mathieu. Auch er war von der asiatischen Kalligraphie in ihrer eleganten Konzentration beeinflusst. Mathieu malte theatralisch vor Publikum, in Theatern oder in der freien Natur. Als er 1959 im Wiener Theater am Fleischmarkt eine seiner kalligraphisch orientierten Linienkompositionen vor versammelten Zuschauern malte, inspirierte er mit dieser Vorführung des künstlerischen Aktes die Wiener Aktionisten. Mathieu trifft in der Ausstellung auf Hans Hartung, einen Deutschen in Paris, dessen von chinesischer Tuschmalerei inspirierte Werke ebenso dem Informel zugerechnet werden. Dazu gesellen sich noch die poetisch malerischen Reduktionen von Hans Bischoffshausen.

Der katalanische Künstler Antoni Tàpies trifft auf Kurt Kocherscheidt, Hermann Nitsch und Eduardo Chillida. In diesen Begegnungen spürt man die Affinität der vier ansonsten recht unterschiedlichen Künstler zum Archaischen, zur Einfachheit, zum Ursprünglichen und Existenziellen. Kocherscheidt ging als junger Künstler ohne Geld nach Südamerika, war fasziniert von den Formen der Natur, deren unheimliche Kraft er malerisch transformierte. Hermann Nitsch arbeitet seit den frühen 1960er-Jahren an seinem Orgien Mysterien Theater, einem hedonistischen, alle Sinne ansprechenden transzendentalen Existenztheater, in dem die Malerei und deren Artefakte eine starke Rolle spielen. Tàpies verwendet einfache Naturmaterialen wie Sand, Gips und Ton, die auch die reduzierte erdige Farbigkeit seiner Bilder und Objekte bestimmen. Das Kreuz als archaisches Symbol für das Menschsein und für eine Bestimmung des eigenen Standpunktes im Universum, abseits der Christlichen Konnotation, taucht in vielen seiner Arbeiten auf.

Max Weiler hat mit Per Kirkeby wenig zu tun, so scheint es auf den ersten Blick, und ebenso wenig mit der Malerei der New Yorker Künstlerin Cecily Brown. Aber den tiefreligiösen Maler Weiler aus Österreich und den ausgebildeten Geologen Kirkeby aus Dänemark verbindet die Gewissheit, dass es nicht reicht, die Natur in ihrer sichtbaren Oberfläche nach- oder abzubilden, um dem Geheimnis der Schöpfung und der Malerei nahezukommen. Weiler transformiert die Naturbeobachtung in den schöpferischen Malprozess, er lässt das Bild wachsen, aus Gesehenem, Gespürtem, dem Zufall heraus formiert sich die Malerei. Kirkebys Ausgangspunkte für seine Kompositionen sind Schichtungen und grafische Strukturen, die aber immer an Natur denken lassen. Die jüngere Cecily Brown ist eher durch den malerischen Prozess der Transformation des Gesehenen mit Max Weiler verbunden – ein Rendezvous, bei dem der Ausgang noch ganz offen scheint.

Als Karlheinz und Agnes Essl Ende der 1990er Jahre begannen, international zu sammeln, knüpften sie bei der COBRA-Gruppe an, weil sie wussten, dass diese auf einige ihrer Sammlungskünstler großen Einfluss ausgeübt hatte. Die COBRA-Künstler waren kurz nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges in den westeuropäischen Städten Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam angetreten, um einen künstlerischen Neuanfang zu suchen, sie sahen ihn in allen Entäußerungen nichtgelernter Kunst, wie bei den unbefangenen Bildern von Kindern. So impulsiv, intensiv und unverstellt wollte man an den Malakt gehen. So schnell diese Gruppe sich auch wieder auflöste, ihren Künstlern blieb diese Klassifizierung ein Leben lang. Auch einer Künstlergruppe in Wien erging es am Ende der 1960er-Jahre ähnlich. Auch sie hatten sich nur für die Ausstellung Wirklichkeiten in der Secession formiert, die Bezeichnung blieb für immer. Künstlerisch wurde etwa Franz Ringel von der COBRA-Gruppe beeinflusst, andere Affinitäten tauchen in der Schau in den Begegnungen von Asger Jorn, Karel Appel, Antonio Saura und Martha Jungwirth auf. Die Malerei ist furios, emotional, gestisch und spontan, der malerische Akt ist im Werk immer spürbar, sehbar, erlebbar, ein Fest der malerischen Intensität.

Wechselnde Rendezvous mit ungewissem Ausgang bilden den Abschluss der Präsentation. Dazu werden mehrmals im Laufe der Ausstellung Freunde der Sammlung Essl eingeladen, zwei Werke im Depot auszusuchen und diese in einem Ausstellungsraum aufeinandertreffen zu lassen.

www.essl.museum

Wien, 15. 2. 2016

Albertina: Spurensuche

Oktober 12, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Sammlung Arthur Feldmann und die Albertina

Girolamo Curti, genannt Dentone zugeschrieben Auf dem Rücken liegender Mann mit ausgebreiteten Armen, spätes 16.-frühes 17. Jahrhundert Bild: © Albertina, Peter Ertl

Girolamo Curti, genannt Dentone zugeschrieben Auf dem Rücken liegender Mann mit ausgebreiteten Armen, spätes 16.-frühes 17. Jahrhundert Bild: © Albertina, Peter Ertl

Mit einer Kabinettausstellung würdigt die Albertina ab 16. Oktober die außergewöhnliche Schenkung von 30 Meisterzeichnungen, die aus der Sammlung Dr. Arthur Feldmann stammen. Der in Brünn ansässige Rechtsanwalt begann in den 1920er Jahren mit dem Aufbau einer Zeichnungssammlung, die mit etwa 800 Werken zu den bedeutendsten ihrer Zeit zählte. Nach Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten 1939 wurde die Brünner Villa wegen der jüdischen Herkunft Feldmanns mitsamt der Kunstwerke beschlagnahmt; Feldmann kam in Haft. Den Arrest und die Folter überlebte er nur kurze Zeit, seine Ehefrau wurde erst nach Theresienstadt deportiert und 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Auf die Enteignung folgten Auflösung und Zerstreuung der Zeichnungssammlung, einige Blätter etwa gelangten ins Brünner Landesmuseum, nach 1945 tauchten Zeichnungen aus der Sammlung im Kunsthandel auf, von denen vier in das Britisch Museum gelangten. Im Laufe der Jahre konnten die Nachfahren Feldmanns einen Teil der Sammlung durch akribische Recherchen aufspüren und in oftmals langwierigen und mühevollen Auseinandersetzungen mit den Museen und staatlichen Institutionen ihre Restitution erwirken. Der Enkel des Sammlers, Uri Peled-Feldmann, hat der Albertina  30 Zeichnungen deutscher, niederländischer, italienischer und französischer Künstler, darunter Werke von Philips Wouwerman, Jost Amman, Dentone oder Agostino Carracci, als Schenkung vermacht. Mit ihrer Präsentation möchte das Haus die Bedeutung von Arthur Feldmann und seiner Sammlung der Öffentlichkeit bewusst machen.
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Ein Begleitband beleuchtet Wert und Weg der Sammlung. So bewegend wie spannend ist das darin enthaltene Gespräch mit Uri Peled-Feldmann, der Einblick in die Lebensumstände seiner Familie zur NS-Zeit gibt und über die Probleme beim Aufspüren und Rückfordern der Zeichnungen berichtet.
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Wien, 12. 10. 2015