Akademietheater: Der Kandidat

November 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schreien komischer Highspeed-Slapstick

Mit Hilfe der Presse zum Politiker: Florian Teichtmeister als Medienunternehmer Grübel und Gregor Bloéb als Herr Russek. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende ist die Wahl gewonnen. Anders als bei Gustave Flaubert und Carl Sternheim, dort im Furor (Gott zu Füßen) verreckend, hält „Der Kandidat“ hier aber seine Abschlussrede. Professionell gecoacht und vom Redakteur Bach mit Argumenten ausgestattet, verkündet er seine Zehn Gebote. Die da im Wesentlichen lauten: Abgrenzen, aufrüsten – und vor allem angstfrei sein. Ach ja, ein Aussetzen kommt auch dazu, und zwar der parlamentarischen Demokratie.

Wegen Belanglosigkeit zunächst für 100 Tage, danach Evaluierung. Gregor Bloéb ist in diesem Moment, als sein Leopold Russek dies politische Pamphlet vorträgt, schauspielerisch ganz in seinem Element, ein geschmeidiger Gewinner, ein mephistophelischer Verführer der Massen, so „echt“, dass es erschreckt und erschüttert. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Parteien und deren Programmen ist natürlich … gar nicht so frei erfunden. Durch den Kopf geistert es einem, dass man derartiges Wortgewürfle bereits gehört, die Floskelsätze schon gelesen hat. Bemerkenswert. Flaubert schrieb seine Politposse 1873, Sternheim sie 1913/14 auf die wilhelminischen Gegebenheiten um; für die aktuelle Fassung zeichnet Dramaturg Florian Hirsch verantwortlich, eine ausgezeichnete Arbeit, die den Zeit-Ungeist vorführt, aber auch zeigt, die Verhältnisse, sie sind schon immer so.

Es ist kein Wunder, dass sich Regisseur Georg Schmiedleitner zur Inszenierung dieses Stoffs verlocken ließ. Er macht aus der bitterbösen Satire, die sowohl den Moloch Politik als auch die Entpolitisierung der Gesellschaft aufs Korn nimmt, Highspeed-Slapstick; er schont seine Schauspieler bei dieser sehr körperlichen Aufführung nicht, es wird gestolpert, gestrampelt, gestürzt, und wenn Sebastian Wendelin als Bach steif wie ein Brett fällt, fürchtet man durchaus ein wenig um dessen Gesundheit.

Die „Wahrheit“ macht eine Homestory bei Russeks: Sebastian Wendelin als Redakteur Bach, Florian Teichtmeister, Petra Morzé als Frau Russek, Christina Cervenka als Luise, Dietmar König als Fotograf Seidenschnur und Musiker Sam Vahdat. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Komödiantisches Kernstück – das TV-Duell der Spitzenkandidaten: Dietmar König, Valentin Postlmayr als Moderator und Gregor Bloéb. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dass diese Übungen aufs Feinste gelingen, ist Verdienst der fabelhaften Spielfläche von Volker Hintermeier, diese ein von innen beleuchteter Kreis, ein Roulettetrichter, ein Glücksrad, eine ins Wanken geratene Weltscheibe, die sich unablässig dreht, dazu in Schräglage hebt und senkt, darüber, wahlweise auch dahinter, ein Spiegel, dank dessen Perspektiven gewisse Verrenkungen und Verschlingungen der Darsteller überhaupt erst wahrzunehmen sind – als würde man mittels eines allmächtigen Auges auf die sich abmühenden Figuren blicken.

So chic wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme von Su Bühler, ein stilisiertes 19. Jahrhundert mit einigen Hinguckern, etwa Frau Russeks Schaumstoffnoppen-Tournüre, auch sie streng in stummfilmhaftem Schwarzweiß gehalten.

„Der Kandidat“ handelt vom sich selbst in den Ruhestand versetzt habenden und nun sich langweilenden Millionär Leopold Russek. Als er beschließt, ob Ende seines Ennuis in die Politik zu gehen, stehen sofort die Vertreter diverser Interessensgemeinschaften Schlange, um den Ahnungslosen auf ihre Seite zu ziehen: Funktionäre, Lobbyisten, Journalisten, Spin-Doctors und andere Opportunisten geben sich die Russek’sche Klinke in die Hand.

Doch der ganze politisch-mediale Komplex erweist sich alsbald als ein Kartenhaus aus Lügen und Manipulation. Gegenspieler stellen sich auf – bis Russek, um zu siegen, schließlich bereit ist, sich mit seinem Geld Verbündete zu züchten, und sogar die sexuelle Verfügbarkeit von Ehefrau und Tochter für seine Zwecke nutzt.

Hirschs Bearbeitung setzt auf Sprachwitz und Versprecher, Sätze fallen, wie der von der Sozialdemokratie, die den eigenen Kandidaten einmal mehr selbst massakriert habe, Begriffe wie Gutmenschenterrorismus oder Gendermanie. Ständig wird rechts mit links verwechselt, immer wieder sagt jemand „völkisch“ statt „volksnah“, Russek wird empfohlen „termingerecht zu emotionalisieren“, und der umbuhlte Neo-Politiker erweist sich in seiner Qual der Parteiwahl als erstaunlich elastisch. „Warum denn so einseitig?“, fragt er einmal. „Jede Partei hat doch ihr Gutes.“ Freilich ist derlei für Lacher gut, die Darsteller schießen diese Pointen im Schnellsprechtempo ab.

Mit großen Gesten konterkarieren sie gleich darauf das Gesagte, Outrieren ist ausdrücklich erwünscht, und mal wirkt einer wie Chaplins Tramp, mal liegt einer wie Kafkas Käfer auf dem Rücken. Sabine Haupt, als Anwältin Evelyn hier zum strippenziehenden, Parolen einflüsternden Politcoach avanciert, umtanzt den Kandidaten mit scharf gekickten Tangoschritten. Bernd Birkhahn darf als alter Graf, als Standessymbol ein Krickerl im Arm, vor Freude im Hüpfen in der Luft die Hacken zusammenschlagen.

Großartig sind das Bühnenbild von Volker Hintermeier und die Kostüme von Su Bühler: Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting brilliert Gregor Bloéb als selbstzufrieden-naiver Simpel Russek, der, durch die persönlichen Interessen der anderen angeheizt, zum korrupten Schlitzohr mutiert. Petra Morzé gibt – ebenso wie Christina Cervenka als ihre Tochter Luise – mit viel Spielfreude seine dauerlüsterne Ehefrau, die ob dieses Erregungszustands wunderbar auf den in die richtige Schreibrichtung umzupolenden Bach anzusetzen ist.

Den gibt grandios Sebastian Wendelin, den Oberkörper starr nach hinten gebogen, aber unten herum immer biegsam und verfügbar. Als „Blut-und-Boden-Headliner“ beim U-Bahn-Blatt hat er beruflich genug zu leiden, da darf privater Spaß sein. Die Postille gehört Florian Teichtmeister als ränkeschmiedendem Medienunternehmer Grübel, heißt „Die Wahrheit“, was natürlich für Zeitungsmacherwitze à la „Die Wahrheit gehört ja quasi Ihnen“ gut ist. Komödiantisches Kernstück des Abends ist ein TV-Duell der Spitzenkandidaten, Russek gegen den Society-Fotografen Seidenschnur, Dietmar König als rechtschaffener, grauer „Sozi“, in den Reflexen schneller als in der Reflexion, der unter den Zuschauern Wahlzuckerl und auf der Bühne Statistiktaferl verteilt. Valentin Postlmayr, er auch ein tadellos degenerierter junger Graf, versucht vergebens die Diskutanten im Zaum zu halten.

Zum Premieren-Schluss gab es erwartungsgemäß viel Jubel und Applaus für Schauspieler und Leading Team. Sternheims humorvoll-hinterlistiges Vorführen von Volksverdrehern, sein Hinweis auf „alternative Fakten“ und die Gefahren beim Verwässern komplexer Fragestellungen durch populistisches Geschwätz, diese Botschaft ist – inmitten des ganzen Klamauks – beim Publikum perfekt angekommen. „Der Kandidat“ am Akademietheater ist zum Schreien komisch, zum Laut-Aufschreien komisch.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2018

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Januar 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der grotesk-grimmige Rachefeldzug einer Mutter

Mildred Hayes (Frances McDormand) lässt drei Plakatwände für ihre verstorbene Tochter affichieren. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Dies ist ein Film über Rache und Rassisten, über Gewalt und Gegengewalt – und schließlich die Akzeptanz des Todes. Dies ist ein Western, schon allein, weil im mittleren Westen der USA angesiedelt, und weil die Protagonistin eine Desperada ist, die als eine gegen alle antritt. Dass die Musik diese Atmosphäre unterstützt, ist gut so … Dies ist auch ein Film über eine amerikanische Unterschicht, die abschätzig so genannten Wohlstandsverlierer.

Ein Film über die sich als – von wem auch immer – entrechtet ansehenden Weißen in den USA. Jene also, denen Donald Trump versprach, eine Stimme zu geben. Dass sich die Ostküstenpresse mit diesem Film, trotz vier Golden Globes und ergo Oscar-Hype, schwertut, lässt sich nachlesen. Schon ist die Debatte entbrannt: Darf man das mögen? Man darf. Man muss. Am 26. Jänner kommt „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ endlich in die heimischen Kinos. Mit einer brillanten Frances McDormand, die seit „Fargo“ niemals besser war, mit Woody Harrelson und Peter Dinklage und einem herausragenden Sam Rockwell, der wohl mit der besten Leistung seiner bisherigen Karriere über die Leinwand fegt. Regie bei dem schwarzhumorigen Drama führte Martin McDonagh.

„Three Billboards …“ erzählt vom grotesk-grimmigen Rachefeldzug der Mildred Hayes (McDormand). Deren Tochter wurde vergewaltigt und ermordet, nun lässt die verwaiste Mutter an einer Landstraße drei Plakatwände mit Anklagesprüchen gegen den ehrenwerten Polizeichef Willoughby (Harrelson) und seine Mannen affichieren: Noch immer keine Verhaftungen? Wie kann das sein? Ein Akt des Ungehorsams gegen die Obrigkeit, der die ganze Dorfgemeinschaft (ver-)stört. Geschlossen steht man hinter seinem Chief, selbst der Ortspfarrer taucht bei Mildred auf, um zu beschwichtigen. Und auch der Sohn möchte lieber endlich vergessen, als durch die drei Tafeln täglich erinnert werden. Doch Mildred greift zu immer radikaleren Mitteln, um ihrem toten Kind Recht zu verschaffen …

Anschlag auf die Polizei. Mildred schreckt auch vor extremen Mitteln nicht zurück: Frances McDormand. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

James gibt Mildred ein Alibi und verlangt dafür ein Rendezvous: Frances McDormand mit Peter Dinklage. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Beinah behutsam muss man die Art nennen, in der McDonagh das freudlose Ebbing-Biotop zeichnet. Nach und nach führt er Figuren ein, macht aus seinem Film eine Sozialstudie, mit der er das Mildred umgebende Kleinstadtmilieu seziert. Das tut er zwar mit melancholisch-elegischer Baseline, aber auch mit einem so abgründigen Humor, dass der mitunter verquer zur Tragik der Situationen steht. McDormand gibt die Mildred mit stoisch-sturer Unerbittlichkeit, mit zum Stirnband gebundenen Kopftuch und in Arbeitskluft ist sie eine gramerfüllte Kriegerin, jenseits von Hoffnung oder Angst – auch, was den Umgang mit ihren Mitmenschen betrifft.

Dass ihre drei Plakatwände zum Katalysator werden, der in Ebbing Dinge in Gang setzt, die sie nicht mehr kontrollieren wird können, erkennt sie zu spät. Denn ihre Tat treibt nicht nur den auf den Tod an Krebs erkrankten Willoughby – Woody Harrelson als so liebe- wie sorgenvoller Gesetzeshüter – zum äußersten, sondern auch den schwer komplexbeladenen, begriffsstutzigen Officer Dixon. Sam Rockwell kann in der Rolle des Muttersöhnchens mit Hang zur Verprügler viele Facetten seines Könnens zeigen, seine Figur, die vielleicht schillerndste im ganzen Film, darf sich denn auch vom Schwarzen-Folterer zum mitfühlenden Nachbarn entwickeln. (Dies tatsächlich einer der Kritikpunkte der US-Presse: Man nutze Rassismus allzu leichtfertig, um die moralische Reise des Dixon-Charakters zu illustrieren …)

Officer Dixon dreht wieder einmal durch: Sam Rockwell mit Woody Harrelson als Polizeichef Willoughby. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Peter Dinklage spielt gewohnt witzig und geistreich den Ebbing-Einwohner Charles, der Mildred gegen eine Verabredung zum Abendessen ein Alibi nach einem ihrer Ausraster verschafft. Immer wieder überrascht an „Three Billboards …“ die Schärfe mit der die Tragikomödie und der leise Schmerz durch Wut- und Gewaltausbrüche gebrochen werden. In diesen Momenten ist man schockiert und distanziert sich schnell von McDonaghs ironischem Tonfall.

Doch dies nur für Sekunden. Dann hat man begriffen, dass hier kein Platz für good cops und bad guys ist. Dafür ist „Three Billboards …“ zu vielschichtig, zu komplex, es gibt, wie im Leben, keine einfachen Lösungen. „Magischen Realismus“ nennt Frances McDormand im Interview die Art, in der der Film gemacht ist. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.foxsearchlight.com/threebillboardsoutsideebbingmissouri/

  1. 1. 2018

Volksoper: Axel an der Himmelstür

September 18, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch als Gloria Mills, die Hollywood Harmonists Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Stefan Bischoff und Andreas Bieber als Axel Swift. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg in die neue Saison. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gut gelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Vor exakt 80 Jahren wurde „Axel an der Himmelstür“ am Theater an der Wien uraufgeführt, und die bis dahin unbekannte Zarah Leander über Nacht zum Star. „Gebundene Hände“ ist ihr bekanntestes Lied daraus. Es wirkt wie ein schlechter Scherz der Geschichte, dass, während Benatzky angewidert in die Schweiz ging, sich Leanders Bühnenpartner Max Hansen nach Dänemark flüchtete, und Paul Morgan noch 1938 im KZ Buchenwald ermordet wurde, Zarah Leander dank dieser Rolle zum Liebling des NS-Regimes aufstieg.

Peter Lund nun hat das Stück liebevoll restauriert, ein paar dramaturgische Holprigkeiten behoben und ein von den Erfindern allzu kurz angedachtes Buffopaar weiterentwickelt. Mit viel Pep erzählt er diese Persiflage aufs Filmbusiness, der Abend ist schwungvoll, schmissig und satirisch, letzteres nicht zuletzt dank der fein hinterlistigen Gesangstexte aus der Feder von Hans Weigel. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt. Musikalisch geht’s von Wienerlied bis Walzer, von Blues und Foxtrott bis L’Amour-Hatscher, Höhepunkt ist ein Verführungstango, bei dem freilich sie führt.

Roman Martin, Boris Eder, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Kurt Schreibmayer als Cecil McScott, Maximilian Klakow, Johanna Arrouas und Oliver Liebl. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Set fehlt der Star: Kurt Schreibmayer als Filmmogul McScott, mit Sekretärin Johanna Arrouas und seinem Stab. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Doch die Leinwandgöttin champagnisiert mit dem Schreiberling: Bettina Mönch und Andreas Bieber. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Sie, das ist die unvergleichliche Gloria Mills. Eine unnahbare, vor allem auch interviewunwillige Schauspielerin. Das weckt den Ehrgeiz des kleinen Klatschreporters Axel Swift, der sich mit einer Story über den Kinostar den journalistischen Durchbruch erhofft. Er verkleidet sich, um in ihr Haus zu kommen, und fliegt natürlich auf. Doch, ah, die kühle „Abgöttin dieses Jahrhunderts“ hat ein einsames und ergo heißes Herz. In der Zwischenzeit läuft Axels Geliebte Jessie wegen seines vermuteten Seitensprungs Amok, sie schnappt sich den arglosen Friseur Theodor und macht sich ebenfalls auf zur Mills-Villa. Und dann gibt es da noch Glorias verbrecherischen Verlobten Prinz Tino, einen Heiratsschwindler par excellence, und den berühmten Douglas-Fairbanks-Diamanten. Und plötzlich ist der wertvolle Stein verschwunden …

Bettina Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen.

Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Buffo-Paar: Boris Eder als Theodor Herlinger und Johanna Arrouas als Jessie Leyland. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Ihnen zuzuschauen macht einfach Spaß, wie sie vor Eifersucht schäumt und er sie mit Krautfleisch zu beschwichtigen sucht, wie sie später in der Unterwäsch‘ auf der Suche nach einem Liebesnest durchs Nobeldomizil pirschen. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist.

„Es sieht nah‘ und ferne das Publikum gerne den echten Film aus Wien“ heißt die Nummer, eine Liebeserklärung an die Stadt samt ihrer Klischees, Strauss und Stephansdom, Kaiser und Grinzing. Da nimmt die Volksoper sich selber und die von ihr gezeigten Genres mit großer Lust aufs Korn. Boris Eder dazu perfekt im Wienerischen und dessen Schmäh, dass er das kann, hat er ja bereits als Kerkermeister im „Bettelstudent“ bewiesen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19470). Die Hollywood Harmonists, Stefan Bischoff, Jakob Semotan, Oliver Liebl, Roman Martin und Maximilian Klakow, in diversen Rollen, Kurt Schreibmayer als tyrannischer Filmmogul Cecil McScott und Gerhard Ernst als kauziger Kriminalinspektor runden mit ihrem vergnüglichen Spiel diesen rundum gelungenen Abend ab.

www.volksoper.at

Wien, 18. 9. 2016

Ein ganzes halbes Jahr

Juni 20, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Schluchzschmonzette kippt in Sterbehilfedebatte

Bild: Warner Bros.

Der verwilderte, verbitterte Will (Sam Claflin) bringt die gutherzige Lou (Emilia Clarke) aus dem Pflegekonzept. Bild: Warner Bros.

Dass bei einer Pressevorführung diskretes Schnief und Schneuz zu hören ist, kommt ja sonst eher selten bis gar nicht vor. Roman- und Drehbuchautorin Jojo Moyes und ihre Regisseurin Thea Sharrock haben’s mit der Verfilmung des Bestsellers „Ein ganzes halbes Jahr“, in Englisch wesentlich sinnstiftender: „Me Before You“, aber geschafft, die anwesenden Filmjournalisten bei der Tränendrüse zu packen.

In mehrere Millionen verkaufter Buchexemplare sind schon Ströme von Augenwasser vergossen worden, nun kann es ab 24. Juni vor den heimischen Kinoleinwänden so weiter gehen. Moyes und Sharrock lassen keinen Kitsch und kein Klischee, außer das der plötzlichen Wunderheilung, aus, um ihre Story zu erzählen. Das muss man aushalten wollen. Und doch unterscheidet sich „Ein ganzes halbes Jahr“ vom urtypischen Sommerromanzenfilm. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Emilia Clarke, bekannt als GoT-Drachenmutter Daenerys Targaryen, das Projekt mit ihrer Performance adelt.

Als durch ihren Hang zu kunterbunten Strümpfen schon in der ersten Szene als verrücktes Huhn ausgewiesene „Lou“ kommt sie auf den Landsitz der Familie Traynor. Die spleenige Kleinstädterin soll zur Betreuerin des Sohns des Hauses werden. Will, gespielt von Sam Claflin, ist nach einem Motorradunfall an den Rollstuhl gefesselt; zwar hat er jeden Lebenswillen verloren, aber immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass die Gelähmten der Kinowelt auf respekteinflössenden, historischen Anwesen sitzen und Geld für diverse Behindertenausbauten keine Rolle spielt. Bis hin zum Privatjet für einen Karibikausflug ist alles möglich, so weit so realitätsfern, will Lou der ehemaligen Sportskanone Will doch zeigen, dass seine Zeit der Abenteuer keineswegs vorbei sein muss. Doch gerade als sie per Kuss besiegeln, es als ziemlich beste Liebende versuchen zu wollen, entdeckt die Pflegerin, dass ihr Schützling längst einen Vertrag mit einem Schweizer Sterbehilfeinstitut und ergo mit seiner Zukunft abgeschlossen hat. Und die Schluchzschmonzette kippt in eine höchst aktuelle Debatte über das Recht des Menschen über sein Sein oder Nichtsein selbst zu bestimmen.

Das ist starker Tobak, von dem man sich länger als nur eine Schrecksekunde erholen muss. Vor allem, da nun auch das große Leid der Eltern angesichts der Entscheidung ihres Sohnes ausgestellt wird, die immerhin aber der Vater bereit ist zu akzeptieren. Er versteht, dass jeder Betroffene für sich allein entscheiden muss, ob und bis wann ein Leben es wert ist gelebt zu werden. Die religiös erzogene Lou tut sich da nicht so leicht, sie wird am Ende natürlich das Richtige tun …

Bild: Warner Bros.

Abendessen in Lous Familie: mit Matthew Lewis (li.) und Brendan Coyle (M.). Bild: Warner Bros.

Bild: Warner Bros.

Charles Dance und Janet McTeer spielen Wills Eltern. Bild: Warner Bros.

„Ein ganzes halbes Jahr“ besticht überwiegend durch die beiden sympathischen Hauptdarsteller. Emilia Clarke ist rührend als junge Frau, die in ihrem Plan nicht einmal noch halbwegs angekommen ist, und trotzdem nun einen anderen davon überzeugen will, seinen eigenen zu entwickeln. Wie es in ihrem Sonnenscheinchen-Gesicht arbeitet, als sich der Prinz als Frosch erweist, wie sie seine Beleidigungen und Demütigungen schluckt und mit Galgenhumor weglächelt, aber schließlich mit einem Machtwort die Notbremse zieht, bevor sie auch noch depressiv wird, das ist einfach entzückend. Denn Sam Claflin gibt als Will zunächst den Zyniker, unrasiert und unfrisiert, bis der verbitterte, verächtliche Blick des Ex-Bankers auf die Landpomeranze zusehends weicher und seine Haltung weltversöhnlicher wird. Sharrock arbeitet mit langen, ruhigen Einstellungen und mit beinah permanenten Nahaufnahmen der Gesichter ihrer beiden Protagonisten. Und Claflin erbringt eine nicht weniger große Leistung als Clarke, wenn der die wahren Gefühle seiner Figur jenseits der galligen Dialoge ausschließlich durch seine Mimik transportiert.

Bild: Warner Bros.

Auf der Hochzeit von Wills Ex-Freundin scheint das Glück ganz nah. Bild: Warner Bros.

Schönste Szene im Film: Lou begleitet Will zur Hochzeit seiner Ex-Freundin, der, mit der er bis zu seinem Unfall zusammen war. Die beiden tanzen, sie auf seinem Schoß, er im Rollstuhl, sie schmusen und albern herum und amüsieren sich und so selbstverständlich würde man Zwischenmenschlichkeit tatsächlich haben wollen.

Freilich macht der Upper-Class-Spross das Arbeitermädchen nach einem Besuch bei deren harter, aber herzlicher Familie zu seiner My fair Lady. Mit einem Ausblick darauf schließt der Film. In dem auch eine ganze Reihe ausgezeichneter Nebendarsteller glänzen. Janet McTeer und Charles Dance sind als Wills Eltern zu sehen, „Downton Abbey“-Star Brendan Coyle als Lous Vater. Matthew Lewis, der tollpatschige und schließlich heldenhafte Neville Longbottom aus den „Harry Potter“-Filmen, bleibt als Lous Verlobter diesem Rollenbild treu. Und die wunderbare Joanna Lumley hat einen wundersamen Gastauftritt als Mutter der Braut.

Ob der Film, der im Original in seinem Very-British-Sein, von Lous Scots-Slang bis zur Stiff Upper Lip der Traynors, stimmig ist, in der synchronisierten Fassung noch ebenso sehenswert ist, gilt es auszutesten. So wie er ist nämlich entwickelt sich „Ein ganzes halbes Jahr“ von der üblichen Gegensätze-ziehen-sich-an-Story doch noch zum ans Herz gehenden Drama über ein die Meinung nicht zuletzt auch in Österreich spaltendes Thema.

mebeforeyoumovie.com

Wien, 20. 6. 2016