Salzburger Festspiele: Lars Eidinger ist der Jedermann

Dezember 4, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird“

Lars Eidinger. Bild: © Nils Mueller

Der Nachfolger von Tobias Moretti steht fest: Lars Eidinger wird der neue Jedermann, Verena Altenberger seine Buhlschaft. Beide standen schon gemeinsam vor der Kamera, in David Schalkos Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Das Traumpaar ist nicht die einzige Neubesetzung in der Inszenierung von Michael Sturminger, die kommendes Jahr grundsätzlich bestehen bleibt.

So übernimmt Edith Clever, die zuletzt vier Jahre Jedermanns Mutter gespielt hatte, von Peter Lohmeyer kommenden Sommer die Rolle des Tod. Neue Mutter wird Angela Winkler – und Mavie Hörbiger der erste weibliche Teufel. Nach „Die Blumen von gestern“ (www.mottingers-meinung.at/?p=23768, www.mottingers-meinung.at/?p=23779) und „Persischstunden“ (www.mottingers-meinung.at/?p=41521) – Lars Eidinger im Gespräch:

Worin liegt der Reiz der Rolle Jedermann?

Lars Eidinger: Das ist eine Erkenntnis, die ich in der Auseinandersetzung mit „Brecht’s Dreigroschenfilm“ gewonnen habe: Dass die Räuber laut Brecht keinem romantisch

verklärten Bild einer Gangsterbande entsprechen dürfen, sondern die Bürger selbst sind. Wir sind die Räuber. Wir sind Jedermann. Diese Herangehensweise fordert mich heraus. Ich hatte insgeheim immer gehofft, irgendwann für die Rolle des Jedermann angefragt zu werden, – und die Tatsache, dass ich mich damit nun in die Ahnengalerie der größten deutschsprachigen Theaterschauspieler einreihe, ist eine große Ehre, die mir zuteilwird. Es ist ein Lebenstraum, der in Erfüllung geht.

Was macht den „Jedermann“ in Salzburg so erfolgreich?

Eidinger: Er ist ein Klassiker. Was einen Klassiker ausmacht, ist die Tatsache, dass die Konflikte, die verhandelt werden, immanent sind. Es sind Konflikte, die für den Menschen unüberwindbar bleiben, die ihn ausmachen. Sie sind universell und elementar. Der Mensch wird in all seinen Facetten und Abgründen durchleuchtet. Das Stück ist ein Spiegelkabinett oder -labyrinth, an dessen Ende der Spiegel selbst in den Spiegel sieht. „Jedermann“ lädt die Zuschauer ein sich darin zu erkennen. Darum geht es in der Kunst – um Selbstreflektion und Erkenntnis.

Hat Sie einer der bisherigen Darsteller inspiriert?

Eidinger: Obwohl es viele herausragende Schauspielerpersönlichkeiten in der Reihe der Jedermann-Darsteller gibt, ist für mich Gert Voss der Größte. Ich hatte das Glück, ihm in Thomas Ostermeiers Inszenierung von „Maß für Maß“ zu begegnen (die 2011 bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, Anm.). Er war ein Jahrhunderttalent. Der Begriff „Genie“ ist sehr abgedroschen, doch auf Gert Voss passt er. Er hatte eine ungeheure Kraft im Ausdruck, etwas von dem man glaubte, es sei unerschöpflich. Immer hatte man das Gefühl, so intensiv seine Darstellung auch war, man bekomme nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Und er hatte, so wie ein Musiker über das perfekte Gehör verfügen kann, das absolute Gespür für das Verhältnis von Aufwand und Wirkung. Das verlieh ihm seine unbedingte Glaubwürdigkeit.

Fängt man bei so einer Rolle, in der es um Leben und Tod geht, an über das eigene Leben nachzudenken?

Eidinger: Darauf freue ich mich tatsächlich am meisten. Das ist ja eines der größten Privilegien, die man als Schauspieler hat, dass man sich diesen Fragen stellt. Ich habe jetzt über 350 Mal „Hamlet“ gespielt und immer wieder die Frage „Sein oder nicht sein“ aufgeworfen. Es gibt keine elementarere. Ich würde sogar so weit gehen, dass es das erste Zitat ist, das einem einfällt, wenn man an Kunst im Allgemeinen denkt. Es gibt darauf im Leben keine Antwort, außer „Sein oder nicht sein“. Leben heißt diesen Widerspruch aushalten. Das macht die Bewegung des Lebens aus.

Mit Gert Voss in „Maß für Maß“. Bild: © Salzburger Festspiele

Als Bert Brecht im „Dreigroschenfilm“. Bild: © Wild Bunch

Mit Nahuel P. Biscayart in „Persischstunden“. Bild: Alamode Film

Mit Adèle Haenel in „Die Blumen von gestern“. Bild: © Dor Film

Und der Tod?

Eidinger: Der Tod ist Stillstand. Daher lautet Hamlets letzter Satz auch „Der Rest ist Stille“ – nicht „Schweigen“ wie es bei Schlegel fälschlicherweise übersetzt ist. „Silence“ braucht keine Anwesenheit im Gegensatz zu „Schweigen“. Mit Stille ist ein paradiesischer Zustand gemeint. Das sind Gedanken und Erkenntnisse, die ich mit „Hamlet“ gewonnen habe – und ich bin sehr gespannt, was mir der Jedermann erzählt, gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Mal Salzburg?

Eidinger: Ich erinnere mich, wie Birgit Minichmayr mich in brütender Hitze auf den Domplatz eingeladen hat, wo Nicholas Ofczarek den Jedermann gab. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Frau „Immer noch Sturm“ auf der Perner-Insel gesehen habe – mit dem einstündigen Monolog von Jens Harzer am Ende – und wie wir im Gewitter in die Stadt zurückgeradelt sind. Ich erinnere mich, wie ich Anna Prohaska auf der Straße kennengelernt habe. Wie ich mit meiner Tochter Fiaker gefahren bin. Hans-Christian Schmid mich besucht hat. Dieses Jahr war für mich so intensiv und voller unvergesslicher Erlebnisse, dass ich es immer in meinem Herzen tragen werde.

Ihre Buhlschaft ist Verena Altenberger. Sie kennen einander bereits. Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit?

Eidinger: Ich habe sie bei den Dreharbeiten zu David Schalkos Adaption von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ kennengelernt und das Gefühl gehabt, wir suchen nach dem gleichen. Sie ist eine sehr freie Spielerin, die sehr über den Partner geht. Auch ich bin immer stark vom Gegenüber abhängig, und ich glaube, dass man mit ihr sehr weit gehen kann, weil wir uns vertrauen.

Oft wird die Buhlschaft mit Sinnlichkeit, Verführung und Erotik assoziiert. Was ist die Buhlschaft für Sie?

Eidinger: Georg Trakls Ideal war die Gleichgeschlechtlichkeit. Die Theorie, dass der Grund allen Übels auf der Welt die Trennung in zwei Geschlechter ist. Deshalb ist der Begriff „sex“ im Englischen so treffend, weil er sowohl die Unterscheidung in die Geschlechter beschreibt, als auch den Geschlechtsakt. Ich glaube, dass die Buhlschaft und der Jedermann ein Ganzes ergeben.

Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit Michael Sturminger?

Eidinger: Er ist ein ungeheuer freier Geist und hat einen sehr zugewandten, offenen und liebevollen Blick. Für mich ist das ganz wichtig, denn nur dann kann ich mich auch zeigen. Es macht großen Spaß, sich mit ihm auszutauschen, weil er viel weiß, aber sein Interesse am Gegenüber nicht verloren hat. Ich schätze ihn so ein, dass er mutig im Ausprobieren ist und empfänglich für Neues. Darauf freue ich mich.

Mit welchen Ideen gehen Sie in diese Inszenierung?

Eidinger: Es gibt ein schönes Zitat von Helene Weigel: „Hast du eine Idee, vergiss sie“.

www.salzburgerfestspiele.at           www.instagram.com/larseidinger

  1. 12. 2020

Matthias Hartmann inszeniert „Die Räuber“

September 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater als Live-Film – ein einmaliges Experiment

Schillers "Räuber" als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: ServusTV

Schillers „Räuber“ als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco König, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: Servus TV

Am Schluss fordert Karl den Showdown, den ihm Schiller immer vorenthalten hat. Eine letzte Begegnung mit seinem Bruder Franz, und er soll sie bekommen, skizziert als dekadentes Graphic-Novel-Film-Fest, auf dem Franz imaginiert, er fliege aus dem Fenster, mit schwarzen Flügeln in die ewige Dunkelheit, während Karl ihn wie einen Stein zu seinen Füßen stürzen sieht. Tatsächlich bleibt dann doch die Hutschnur.

In dieser Art funktioniert also Matthias Hartmanns Neuinszenierung von „Die Räuber“. Der nunmehrige Kreativdirektor des Red Bull Media House erfand für Servus TV ein Format, das Theater in einen live gespielten Film transformiert, als Alternative für all die, wie er im Interview sagt, die abgefilmtes Guckkastentheater nicht mehr ertragen können. Wie er selbst übrigens. Unter Verwendung von elf Kameras, einer Vielzahl an Green-Screens, Spezial-Effekten und einer fulminanten Lichtregie hob er Schillers Sturm-und-Drang-Drama auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es von dort Sonntagabend live auf den Fernsehschirm zu übertragen. Der ganze Film zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=3qWWo6j4fQY

Besonders reizvoll war aber, sich die Sache online anzuschauen, konnte man da doch zwischen Kameraperspektiven wählen, auf die Making-Of- oder die Backstage-Kamera umschalten, und sich so zeitgleich das Spektakel aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Backstage-Aufnahmen zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=CWPKIc_CQIM

Regisseur Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun als Franz und altem Moor. Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: ServusTV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: Servus TV

Doch auch im Fernsehen war das Bild mitunter in bis zu sechs einzelne unterteilt, immer wieder sieht man Menschen vor blinkenden Monitoren oder kulissenschiebende Bühnenarbeiter, damit dieser Effekt auch hier annähernd zustande kam. Der technische Aufwand, den der für die Gesamtleitung verantwortliche Parviz Mir-Ali und Video Supervisor Renée Abe betrieben, ist enorm. So waren etwa die Szenen mit der luxuriösen Besetzung Friedrich von Thun als altem Moor, ein Sir selbst im Verlies, Harald Serafin als unbestechlichen, sehr ernsthaften Daniel, Tobias Moretti als Pater oder Oliver Stokowski als durch den Krieg wie an der Moral versehrten Hermann vorproduziert, aber wurden mit dem Live-Geschehen, als wär’s eins-zu-eins gespielt, überblendet. Diese Sequenzen sind so gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, und dies ja auch die Intention dahinter, um zu erkennen, was grad „echt“ ist und was nicht.

Die intensivste Szene dieser Art ist die zwischen Moretti und Laurence Rupp als Karl Moor, zweiterer ganz fabelhaft live auf der Bühne, ersterer via Video. Die beiden haben ja seit „Das jüngste Gericht“ Erfahrung als Filmgespann, aber wie da Moretti als sinistrer Geistlicher und Rupp als ehrhafter Räuberhauptmann in die Auseinandersetzung ums Christenmenschsein treten, das ist … Gänsehaut. Die schauspielerische Neu-Entdeckung des Abends ist allerdings Emanuel Fellmer, der als Franz Moor mit der Kamera und ergo mit dem Publikum spielt und kommuniziert; er sucht den Kontakt, sucht Verbündete für sein übles Tun, frech und unverblümt, und das sagt er einem sozusagen auch noch mitten ins Gesicht. Und weil die Bösewichte bekanntlich immer die besseren Rollen sind – auch Nico Ehrenteit überzeugt als „Chronist“ Spiegelberg, ein Schurke, der nicht nur den Moderator gibt, ins Werk und dessen Aufführungsgeschichte einführt, sondern auch die Schauspieler vorstellt. Ihm doch egal, dass Coco König als Amalia da noch im Bademantel ist.

Hartmann zeigt sich in all seinen Qualitäten, seine Lust am Spiel und seine Liebe zu den Schauspielern, er zeigt ein von ihm exzellent geführtes Ensemble und seinen Sinn für Humor. Etwa wenn Franz, vermeintlich ganz Herr des Geschehens, mit den Fingern schnippt, und hinter ihm der falsche Prospekt erscheint. Es wird, wie gesagt, per Hand gezeichnet, vor allem das Morden und Brandschatzen, eine Miniaturstadt geht in Flammen auf, das hat man zwar schon gesehen, ist als Effekt aber immer noch gut. Man wird bei der blutigen Folter Rollers, ihn stellt Wolf Danny Homann dar, nicht geschont, und was Schiller nicht niederschrieb, bei Hartmann darf er sich für den Hauptmann opfern. Und es wird gerappt, auch dafür eignen sich die Verse vorzüglich, für dieses trotzig-verzweifelte „Keinen Vater mehr, Keine Liebe mehr!“ Hartmann mischt Illusionen und Visionen, die Produktion hat die Schnittgeschwindigkeit eines Krimis.

Das zeigt die Backstage-Kamera: mit enormem Technikaufwand entstehen "Die Räuber". Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Die Backstage-Kamera zeigt den enormen Technikaufwand, mit dem „Die Räuber“ live entstehen. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Nun mag die Inszenierung für Schiller-Experten und Räuber-Auskenner wie Schulfernsehen wirken, und dem einen oder anderen Puristen soll’s nicht gefallen, wenn dem von Ehrenteit vorgetragenen Erklärstück allzu viel Zeit und ergo in manchen Teilen auch die Schönheit von Schillers Sprache geopfert wird. Doch mag dies ein Weg sein, ein neues, ein junges Publikum zu den Klassikern zu holen.

Dafür hat sich Hartmann mit Co-Regisseur Michael Schachermaier auch den richtigen Mann an die Seite geholt. Die einzig wirkliche Kritik nämlich ist die Zeit. Neunzig Minuten, wiewohl Hartmann ohnedies ungeniert eine Viertelstunde überzogen hat, sind für Schillers „Räuber“, für die Tiefe und Tragweite des Werks, doch zu knapp bemessen. Aber da hatte wohl wieder einmal ein Fernsehredakteur seine Bedenken in punkto was man den TV-Zuschauern zumuten kann und darf … Matthias Hartmanns Live-Theater-Film ist ein gelungenes Experiment, ein einmaliger erster Versuch, an dem es nun mit Mut zu feilen gilt. Bravo! Bitte mehr davon!

Am 18. Oktober kommt die Produktion als Gastspiel ans Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at.

www.servustv.com

www.salzburger-landestheater.at

Wien, 5. 9. 2016

Salzburger Festspiele: Der Ignorant und der Wahnsinnige

August 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhard, ein Blendwerk

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt gekonnt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Sache mit dem Notlicht wurde naturgemäß anders gelöst. Statt Abschaltung ein Lichtgemetzel, unzählige Spots ins Zuschauerauge, das darauf freilich mit dem gewünschten Blackout reagierte. Thomas Bernhard, ein Blendwerk.

Regiealtmeister Gerd Heinz debütierte bei den Salzburger Festspielen mit dessen Text „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Er legt eine schlichte, schnörkellose, überraschungsfreie Arbeit vor, die sich, so weit, so schön, aufs Wort konzentriert. Dieses riss als Doktor Sven-Eric Bechtolf an sich. Gleichsam als Fleisch gewordener Superlativ performt er seinen Seziersermon, kauzig, hochkomödiantisch, grimassenschneidend, grotesk, ohne Strich und Komma – und dabei mit präzisester Betonung der Bernhard’schen Partitur.

„Zeitlebens habe ich mir eine Aufgabe gewünscht im Hintergrund, aber meine Natur ist eine andere“, sagt der Doktor. Und das Publikum dankt dies dem scheidenden Interimsintendanten mit jubelndem Applaus, als wolle es sagen, hurra!, zurück zur Kernkompetenz, weg von nicht ausführbaren Ideen, wie jährlich wechselnden Festspielschreibern oder internationalsprachigen Aufführungen auf der Perner-Insel.

Welch ein grandioser Schauspieler, ein Fest für Bechtolf. Der hier augenscheinlich allzu neckisch den Verzweiflungskomiker mimt. Dem aber mit Christian Grashof als blindem Vater und Annett Renneberg als Königin der Nacht zwei ebenbürtige Partner auf die Bühne gefolgt sind. Zu dritt scharmützelt man sich durch die von Martin Zehetgruber als opulentes Blumenmeer gestaltete Künstlergarderobe; den zweiten Akt in den Drei Husaren gestaltet der Raumschöpfer für Connaisseurs als Hommage an den Schinkel-Sternenhimmel aus dem Jahr 1816. Zweihundert Jahre, dieses Jubiläum betrifft ja auch Salzburg als Teil von Österreich.

Darin nun also die Non-Dialoge des Intellekts mit dem Instinkt, das Buhlen des Über-Ichs und des Es um ihr angekränkeltes Ich, das angekratzte Ego, ein Reden, als hätte man das Objekt der Begierde schon in der Prosektur, dazu ein profaner Streit über den Spezialzwirn. Grashof gibt das Grundleiden mit überbordend unbeholfenen Gesten und hilfeheischender Mimik; wie einem Kind, das die Sätze der Erwachsenen wiederholt und memoriert, wird ihm gut zugeredet. Renneberg gestaltet die Koloraturmaschine, das Kunstgeschöpf nicht nur überraschend gut bei „Singstimme“, sondern auch erstaunlich mitmenschlich; die Diva ist zwar eine Tyrannin, die berechnende, manipulative Grausamkeit von Mozarts Operndespotin fehlt ihr jedoch weitgehend.

Annett Renneberg als Königin der Nacht mit Sven-Eric Bechtolf, Barbara de Koy und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Annett Renneberg mit Sven-Eric Bechtolf und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf und Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf, Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

So überspannt sind auch von ihrem Ruhm überforderte Rihannas, überhaupt sind alle sehr einnehmend und charmant, und eigentlich – war da nicht noch was? Eine Abhängigkeitskette, die auf das Grausamste die menschlichen Marionetten im Stück bloßstellt. Ein sich unbarmherzig ankündigendes Sterben von „Kultur“. Eine heraufdräuende Seelenverfinsterung. Gerd Heinz hat Bernhard brav, nicht aber dessen Pausen inszeniert, und damit die Komödie ihrer Tragödie beraubt. Er hat ihre Abgründe zu Untiefen aufgeschüttet und die Figuren um ihre Doppelbödigkeit gebracht. Ohne böswillige Hinterfotzigkeit aber verkommt „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zum harmlosen Haha. Als könne ein zu viel des Guten nichts Besseres bewirken. „Wer die Kunst mit Absolutheitsanspruch auszuüben wünscht, darf keinesfalls auf ein gelingendes Leben hoffen“, lässt Bernhard den Doktor schließlich sagen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Landestheater. Ein Sandler steigt in den Obus Nr. eins, eine junge Passagierin springt auf und denunziert den ihr Ekelerregenden beim Fahrer. Der bleibt tatsächlich mitten auf der Strecke, auf Höhe Mirabellgarten stehen. Vollbremsung und Verweis aus dem Fahrzeug. Weil, der Mann hat keinen Fahrschein. Als man anbietet, ihm einen zu kaufen, ein Nein. Und ein herrisches: Und du waaßt a genau warum! zu dem Mann. Sandler dürfen nicht in Salzburgs Innenstadt. Beim Makartplatz dann endlich wieder Brillant und Perlketten. In Salzburg angekommen, ein Blendwerk.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 22. 8. 2016

Die neue Buhlschaft: Miriam Fussenegger im Gespräch

Juni 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin kompromissbereit, aber auch sehr stur“

Miriam Fussenegger. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Miriam Fussenegger ist die neue Salzburger Buhlschaft. Bild: © Salzburger Festspiele / katsey

Am 23. Juli hat bei den Salzburger Festspielen eine neue Buhlschaft Premiere: Miriam Fussenegger übernimmt die größte kleine Rolle der Welt. Die 25-jährige Linzerin tritt damit die Nachfolge von Brigitte Hobmeier an, die seit 2013 drei Festspielsommer lang die Geliebte des reichen Mannes auf dem Domplatz verkörperte. „Jedermann“-Darsteller Cornelius Obonya bleibt der Inszenierung von Julian Crouch und Brian Mertes bis auf Weiteres treu.

Fussenegger, Berufswunsch: Rockstar an der E-Gitarre, bevor sie Absolventin des Max-Reinhardt-Seminars wurde, ist bei den Festspielen bereits bekannt: Vergangenes Jahr spielte sie die Lucy Brown in „Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper“. Vor der Kamera stand sie unter anderem für den Landkrimi „Der Tote am Teich“ und im Historienfilm „Maximilian“.

Sie habe, so Fussenegger, nicht sofort zugesagt, als ihr die Rolle der Buhlschaft angeboten worden sei. „Im ersten Moment war ich geschockt, geschmeichelt, aufgeregt und ziemlich perplex – alles auf einmal. Und mir war klar: das muss ich erst einmal sickern lassen“, sagt sie. „Ich wollte mir erst einmal darüber klar werden, ob ich mich dieser Verantwortung überhaupt gewachsen fühle. Ich bin eine Grüblerin. Ich will nicht vollkommen blauäugig in eine Sache hineingehen. Wenn man allerdings diese Gedanken ein bisschen zur Seite schiebt, bleibt eine große Freude über das Angebot. Ich könnte hüpfen und schreien. Es ist ein Abenteuer und eine Herausforderung, der ich mich gerne stellen will.“

An ihrer Interpretation der Buhlschaft, meint Fussenegger, werde man etwas „Kindliches“ erkennen, „einen Lolita-Beigeschmack, wenn man so will. Ich verkörpere ein anderes Frauenbild und bin auf einem anderen Erfahrungsstand. Man muss das Ganze noch etwas ausloten, aber ich denke vielleicht könnte meine Buhlschaft etwas unbedarfter und purer sein. Ich finde es wirklich toll von Sven-Eric Bechtolf, dass er jemanden auf diese Rolle besetzt, der so jung und unbekannt ist wie ich. Das ist verwegen und ich hoffe, der Mut zum Risiko wird belohnt“.

Cornelius Obonya habe sie auch schon kennengelernt, freut sich Fussenegger, „und er ist unglaublich nett und entspannt. Es beruhigt mich, einen so sympathischen Jedermann an meiner Seite zu wissen. Ich hatte mich bereits mit ihm getroffen, um ein paar Textzeilen auszuprobieren und zu sehen, ob die Chemie zwischen uns stimmt. Er ist mir sofort auf Augenhöhe begegnet und es hat wunderbar gepasst“. Dass sie in eine bereits seit Jahren existierende Inszenierung einsteigt, bereitet der Schauspielerin kein Kopfzerbrechen: „Natürlich gibt es schon fertige Strukturen, aber ich habe den Ehrgeiz, diese Strukturen mit meinem eigenen Esprit zu füllen. Ich bin durchaus kompromissbereit … aber auch stur!“

Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Cornelius Obonya brilliert auch weiterhin als Jedermann. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Christoph Franken (Teufel), Ensemble. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Aber natürlich hat der Teufel seine Finger im Spiel: Christoph Franken. Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Das Regieteam des „Jedermann“ kennt Fussenegger bereits aus der „Dreigroschenoper“-Produktion. Nun freut sie sich auf den Domplatz, dessen Stimmung sie im Vorjahr aus Zuschauerin selbst erfahren hat: „In dem Moment, in dem die Jedermann-Rufe von überallher kommen und die Glocken läuten, hatte ich solche Gänsehaut. Es ist als würde sich die Stadt gegen den Jedermann verschwören. In diesem Moment habe ich verstanden, warum der Jedermann über so viele Jahrzehnte so erfolgreich ist“. Für die kommenden drei Saisonen nun einmal mit ihr …

Das Programm der Salzburger Festspiele 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15877

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

Wien, 24. 6. 2016

Peter Simonischek spielt „Der Sturm“ in Salzburg

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Statt Hans-Michael Rehberg auf der Perner-Insel

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Peter Simonischek. Bild: mottingers-meinung.at

Weil Hans-Michael Rehberg die Rolle des Prospero in Shakespeares „Der Sturm niederlegen muss, „da er sich von einer Krankheit erholt“, springt nun Peter Simonischek ein. Das teilten die Salzburger Festspiele am Mittwoch per Aussendung mit. Regisseurin Deborah Warner sei es gelungen, den Schauspieler, der derzeit in Cannes für seinen Darstellung in Maren Ades Film „Toni Erdmann“ von der internationalen Kritik gefeiert wird, für ihre Inszenierung zu gewinnen, heißt es. Premiere bei den Salzburger Festspielen ist am 2. August auf der Perner-Insel. Mit Simonischek spielen Branko Samarovski, Max Urlacher, Dickie Beau und Jens Harzer.

Davor hat der Burgstar noch am eigenen Haus Premiere, im „Diener zweier Herren“ am 22. Mai. In der Regie von Christian Stückl sind außerdem Mavie Hörbiger, Hans Dieter Knebel, Markus Meyer, Johann Adam Oest und Andrea Wenzl zu sehen.

www.salzburgfestival.at

Wien, 18. 5. 2016