Museum der Moderne Salzburg: Oskar Kokoschka

November 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeugnisse einer zerrissenen Zeit

Oskar Kokoschka: Pietà, 1909. Plakat für die Internationale Kunstschau Wien. Museum der Moderne Salzburg © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018. Bild: Hubert Auer

Das Museum der Moderne Salzburg präsentiert ab 10. November nach vielen Jahren wieder die druckgrafischen Arbeiten von Oskar Kokoschka, die einen zentralen Teil der hauseigenen Sammlung ausmachen, und zeigt sie erstmals in ihrem zeithistorischen Zusammenhang. Im Œuvre des österreichischen Expressionisten nehmen die Druckgrafiken einen wichtigen Stellenwert ein. Bereits während seines Kunststudiums im Wien der Jahrhundertwende entstanden erste Exemplare, die im Lauf der Jahre, insbesondere in der Spätphase seines künstlerischen Schaffens, zu einem beachtlichen Bestand anwachsen sollten.

Mit „Oskar Kokoschka. Das druckgrafische Werk im Kontext seiner Zeit“ wird nun erstmals eine umfangreiche Ausstellung ganz Kokoschkas Lithografien und Radierungen gewidmet. Ausgehend von seinem umstrittenen Frühwerk spannt die Ausstellung in acht Kapiteln mit etwa 210 Blättern einen Bogen über die Porträts aus der Dresdner Zeit bis hin zu seinem Spätwerk, das ihn als Bewunderer der griechischen Kunst und Kultur ausweist, und verortet die einzelnen Werkgruppen – die vollständig gezeigt werden – in ihrem historischen Zusammenhang.

Das Zeitgeschehen, mit dem sich Kokoschka in einzelnen Werkphasen kritisch auseinandergesetzt hat, bildet dabei wichtige Referenzpunkte. „Wir erforschen in dieser Ausstellung die künstlerische und persönliche Entwicklung Kokoschkas, der ein Zeitzeuge des zwanzigsten Jahrhunderts war. In Auflehnung gegen die Ästhetik des im Wien der Jahrhundertwende dominierenden Jugendstils entwickelte er eine expressive Bildsprache, in der sich die Unsicherheit und Zerrissenheit dieser Zeit widerspiegelt“, erklärt Barbara Herzog, Kuratorin der Ausstellung.

Auftakt sind Kokoschkas Arbeiten für die Wiener Werkstätte, die während seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule entstanden sind. Parallel dazu betätigte er sich auch als Schriftsteller und schrieb das Drama „Mörder, Hoffnung der Frauen“, dessen Uraufführung 1909 zu einem Skandal führte. Die männliche Verunsicherung angesichts der weiblichen Emanzipationsbestrebungen im Wien der Jahrhundertwende spiegelt sich auch in zahlreichen Arbeiten wider, in denen er seine konfliktreiche Beziehung zu Alma Mahler künstlerisch verarbeitet. Nach der Trennung von Alma meldete Kokoschka sich freiwillig zum Kriegsdienst. Aufgrund seiner Erlebnisse und Verwundungen wurde der Künstler zum Pazifisten.

Oskar Kokoschka: Christus hilft den hungernden Kindern, 1945. Museum der Moderne Salzburg © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018. Bild: Rainer Iglar

Oskar Kokoschka: Kouros I, 1968, publ. 1970. Plakat für die Olympischen Spiele 1972 in München. Museum der Moderne Salzburg © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018. Bild: Rainer Iglar

Vor den Nationalsozialisten, die sein Werk als „entartet“ diffamierten, musste Kokoschka nach England fliehen. Nach Kriegsende kehrte er nicht mehr nach Österreich zurück, sondern ließ sich in der Schweiz nieder. Mit lithografischen Zyklen zu Themen aus der klassischen Mythologie huldigte Kokoschka in seinem Spätwerk dem antiken Erbe, dessen Bedeutung er nicht nur in ästhetischen, sondern auch in ethischen Kategorien maß. Seine Bedeutung für Salzburg liegt vor allem in seiner langjährigen Tätigkeit als Presse Gründer und Leiter der „Schule des Sehens“, die er gemeinsam mit Friedrich Welz 1953 ins Leben rief.

www.museumdermoderne.at

8. 11. 2018

Museum der Moderne Salzburg – William Kentridge: Thick Time. Installationen und Inszenierungen

August 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wozzeck, Trotzki und die Klassenunterschiede

7 Fragments for Georges Méliès, Day for Night and Journey to the Moon, 2003. Neunkanal-Videoinstallation mit und ohne Ton. Bild: Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Das Museum der Moderne Salzburg zeigt eine umfangreiche Werkschau des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, die sich über beide Standorte erstreckt. Auf dem Mönchsberg sind eindrucksvolle Multimedia-Installationen zu sehen, während im Rupertinum erstmals seine Arbeiten für Theater und Oper im Zentrum einer eigenen Ausstellung stehen – gleich gegenüber vom Haus für Mozart, wo Kentridge Alban Bergs Oper „Wozzeck“ für die Salzburger Festspiele inszeniert.

William Kentridge wurde in den 1990er-Jahren mit expressiven, in Videos animierten Zeichnungen bekannt. Sein bisher vier Jahrzehnte umspannendes Gesamtwerk changiert zwischen unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen. Seit vielen Jahren arbeitet Kentridge erfolgreich an großen Opern- und Theaterproduktionen. Seine enge Beziehung zum Theater, für das er als Schauspieler, Produzent, Bühnenbildner und Kostümdesigner tätig ist, fließt in seine Arbeit als bildender Künstler ein, und vice versa. In seinen multimedialen Inszenierungen sowohl für Ausstellungen wie auch für die Bühne vereint er großartige Zeichenkunst mit theatraler Lebendigkeit. Als roter Faden zieht sich die thematische Beschäftigung mit Kolonialismus, Revolution und Exil und mit der Bedeutung und den Ausdrucksformen von Zeit durch Kentridges Werk.

Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Epischem und Alltäglichem, zwischen Ausgelassenheit und Tragödie. „William Kentridge demonstriert uns ein ebenso umfassendes wie einzigartiges Instrumentarium an künstlerischen Mitteln, mit dem er in fast magischer Weise unterschiedliche Disziplinen und Genres miteinander verknüpft. Dabei nimmt alles seinen Ausgang in Kentridges Studio in Johannesburg, wo der Künstler mit seinem Team durch Experimentieren und Improvisieren seine Projekte entwickelt. Das Studio ist für ihn jedoch mehr als nur ein Ort der freien Gedankenwelt und der Produktion, denn Kentridge nutzt es auch als Archiv früherer Ideen, die immer wieder neu verarbeitet und aufgeführt werden“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg und Kuratorin der Ausstellung.

Felix in Exile, 1994. Film 5 von 10, aus 10 Drawings for Projection. Filmstill. Bild: Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Streets of the City, 2009. Gewebter Bildteppich mit Stickerei. Hergestellt von Stephens Tapestry Studio, Diepsloot, Johannesburg. Bild: ZA Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Im Auditorium am Mönchsberg führt ein Klassiker von William Kentridge, die bekannten seiner aus Kohlezeichnungen bestehenden Filme „10 Drawings for Projection“ inhaltlich in die für sein Schaffen relevante Thematik ein. Auf der großen Ausstellungsebene [4] werden dann sieben raumgreifende Multimedia-Installationen gezeigt. Die Arbeiten „7 Fragments for Georges Méliès“, „Day for Night“ und “Journey to the Moon“, eine Hommage an den französischen Pionier des Stummfilms, stellen im zentralen Raum die Arbeitsweise des Künstlers vor.

Auch zwei seiner jüngsten Installationen sind zu sehen: „Notes Towards a Model Opera“ über die Kulturrevolution in China und „O Sentimental Machine“, produziert für die Istanbul Biennale, über das türkische Exil des russischen Revolutionärs Leo Trotzki. In „Second-hand Reading“ führt Kentridge eine frühe Form von Film als Daumenkino auf. Gezeigt wird auch „The Refusal of Time“, die spektakuläre, auf der documenta 13 in Kassel gefeierte Arbeit über Zeit als Form politischer und gesellschaftlicher Herrschaft. Im größten Raum lädt ein fünfzig Meter langer Fries von bewegten Bildern dazu ein, in die Prozession von „More Sweetly Play the Dance“ einzutauchen.

Eine Auswahl an Tapisserien und Objekten sowie ein Leseraum ergänzen die Ausstellung. Bereits die Treppe zur Ausstellungsebene empfängt die Besucher mit einer neuen Arbeit, die für diesen Ort entstanden ist: eine Anamorphose, die sich aus einem bestimmten Blickwinkel zu einem Porträt des österreichischen Komponisten Alban Berg zusammensetzt.

Die Ausstellungssektion im Rupertinum ist Kentridges Auseinandersetzung mit dem Theater und der Oper gewidmet, die projektweise Raum für Raum erschlossen wird. Eine Installation aus schwarzen Papierfiguren, vom Künstler vor Ort entwickelt, führt durch das Atrium und zu den beiden Ausstellungsebenen. Es wird eine Fülle von Exponaten gezeigt, darunter Plakate, Zeichnungen, Entwürfe, Modelle und Kostüme, die seit den späten 1970er-Jahren für seine wichtigsten Produktionen entstanden sind. Der erste Raum ist frühen Inszenierungen von Kentridge in Zusammenarbeit mit der Junction Avenue Theatre Company in Johannesburg gewidmet, insbesondere „Sophiatown“, einem Stück über das Apartheidssystem. Weitere Höhepunkte sind seine Inszenierungen „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi, 1998 für die Wiener Festwochen, und „Preparing the Flute“ sowie „Die Nase“ von Dmitri Schostakowitsch, von der das Originalbühnenbild gezeigt wird.

O Sentimental Machine, 2015. Fünfkanal-Videoinstallation. Videostill. Beauftragt von Carolyn Christov-Bakargiev für SALTWATER, 14. Istanbul Biennale, Istanbul, TR, 2015; Bild: TR Courtesy William Kentridge, Marian Goodman Gallery, Goodman Gallery and Lia Rumma Gallery

Die Entwürfe zu Alban Bergs „Lulu“, 2015 für die De Nationale Opera und die Metropolitan Opera in New York produziert, knüpfen die Verbindung zur aktuellen Inszenierung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ für die Salzburger Festspiele. Das kinetische Minitheater „Right Into Her Arms“ wird in dieser Ausstellung zum ersten Mal präsentiert. Der neuen „Wozzeck“-Inszenierung ist ebenfalls ein eigener Raum gewidmet und in der Franz-West-Lounge des Rupertinum steht dem Künstler ein Studio zur Verfügung, das zeitweise für das Publikum öffentlich zugänglich ist. William Kentridges letzten Arbeitsschritten an seiner Inszenierung, die am 8. August 2017 Premiere feiert, kann dort nachgespürt werden.

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7. 8. 2017

MdM Salzburg: Auf/Bruch. Vier Künstlerinnen im Exil

Juni 29, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Ausstellungsreihe startet mit Fotografinnen

Grete Stern: Sueno N° 2, Buenos Aires, 1949 (Traum Nr. 2.) Bild: Museum Folkwang, Essen

Das Museum der Moderne Salzburg startet eine Reihe über Künstlerinnen und Künstler mit Exilhintergrund, die wiederentdeckt und neu positioniert werden sollen. Unter dem Titel „Auf/Bruch“ werden in der ersten Ausstellung ab 1. Juli drei Fotografinnen – Ellen Auerbach, Grete Stern und Elly Niebuhr – sowie die Künstlerin und Pädagogin Friedl DickerBrandeis vorgestellt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verließen Tausende von Kulturschaffenden Deutschland, ab dem „Anschluss“ 1938 auch Österreich. Die unfreiwillige Auswanderung bedeutete für die Exilanten nicht nur Verlust und Isolation, sondern auch die Notwendigkeit, unter völlig neuen Bedingungen zu arbeiten und sich gleichsam neu zu erfinden. Während sich die vier aus jüdischen Familien stammenden Künstlerinnen Ellen Auerbach, Grete Stern, Elly Niebuhr und Friedl Dicker-Brandeis, die alle im Bereich der Gestaltung tätig waren, in ihren jeweiligen Disziplinen professionalisierten, wurden sie durch die Emigration zu beruflichen und persönlichen Neuanfängen gezwungen. Teils durch die Umstände genötigt, teils aus dem Bedürfnis heraus, das Erlebte zu verarbeiten, entwickelten sie im Exil jeweils eine neue künstlerische Sprache.

„Nach der Auseinandersetzung mit dem Werk von Charlotte Salomon in „Leben? Oder Theater?“ 2015 und der Beschäftigung mit Formen des ästhetischen und politischen Exils in der Ausstellung „Anti:modern“ 2016 rücken wir mit dieser Ausstellungsreihe weitere Künstlerinnen mit Exilhintergrund in den Fokus“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg. In der Ausstellung sind etwa zweihundert Werke zu sehen, die verdeutlichen, wie unterschiedlich der „Auf/Bruch“ ins beziehungsweise im Exil bewältigt wurde. Die ausgestellten Arbeiten umspannen die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu den 1960er-Jahren und dokumentieren somit die Zeitgeschichte mehrerer Jahrzehnte.

Ellen Auerbach: Huejotzingo, Mexiko, um 1956. Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis: Verhör II, 1934–1938 Öl. Bild: Museum in Prag Fotoarchiv

Die Ausstellung begleitet die vier Frauen gleichsam auf den Stationen ihres Exils und breitet ihre künstlerischen Biografien im Spannungsfeld von Einschränkung und Entfaltung, Verlust und Inspiration aus. „Die Ausstellung zeigt exemplarisch, dass sich Exil und Emigration im Werk von Künstlern durch Diskontinuität, Verluste, Auf- und Abbrüche und fremdbestimmte Neuanfänge abzeichnen“, so Kuratorin Christiane Kuhlmann. „Ein gutes Beispiel für den Wandel der Bildsprache durch das Exil ist das Werk von Friedl Dicker-Brandeis. Beeinflusst von der Psychoanalytikerin Annie Reich wechselte sie auch das Medium: Auf die Architektur-, Möbel- und Textilentwürfe der 1920er-Jahre folgte jetzt figurative Malerei, in der sich die Exilerfahrung niederschlägt“, erläutert Kuratorin Beatrice von Bormann.

Grete Stern, geboren 1904 in Elberfeld, DE, gestorben 1999 in Buenos Aires, und Ellen Auerbach, geboren 1906 in Karlsruhe, gestorben 2004 in New York begannen ihre fotografische Karriere in Berlin. Beide absolvierten nach einem klassischen Kunststudium eine fotografische Ausbildung im Berliner Atelier von Walter Peterhans, der später als erster Professor für Fotografie ans Bauhaus in Weimar berufen wurde. Gemeinsam gründeten die beiden Frauen 1929 das Studio ringl+pit, das sich auf Werbefotografie spezialisierte und trotz der unkonventionellen Bildsprache in diesem Bereich etablierte. 1933 gingen sie ins Exil, Auerbach über Tel Aviv nach New York, Stern zuerst nach London, dann 1936 nach Buenos Aires. Dort waren sie jeweils auf sich allein gestellt und entwickelten neue Arbeitsformen, um zu überleben.

Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten aus dem Museum Folkwang in Essen reicht von der frühen Werbefotografie über Porträtaufnahmen bis hin zu zwei besonderen Fotoserien: Die von 1948 bis 1952 entstandene Serie der Sueños, Fotomontagen für eine argentinische Frauenzeitschrift, zeugt von Grete Sterns intensiver Beschäftigung mit Ängsten von Frauen und deren gesellschaftlicher Rolle. Ellen Auerbach hingegen setzt sich in ihrer Serie Mexican Churches aus dem Jahr 1954 mit der Atmosphäre katholischer Kirchen in Mexiko auseinander. Ihr technischer Rückgriff auf die Methode des Carbrodrucks, ein damals bereits veraltetes und handwerklich schwieriges Farbdruckverfahren, lässt die Darstellungen von Christus- und Märtyrerfiguren besonders drastisch erscheinen.

Elly Niebuhr: Familienasyl in einem Gemeindebau der Stadt Wien, 1937–1938. Bild: Nachlass Elly Niebuhr, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv

ringl+pit: Pétrole Hahn, Hairconditioner. Advertisement, 1931 (Pétrole Hahn, Haarspülmittel. Werbung). Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis, geboren 1898 in Wien, ermordet 1944 in Auschwitz, betrieb nach ihrer vielseitigen Ausbildung, unter anderem in den Werkstätten am Bauhaus in Weimar, ein erfolgreiches Atelier für (Innen-)Architektur in Wien, zeitweise gemeinsam mit dem Architekten Franz Singer. Zahlreiche Entwürfe ihrer innovativen Raumlösungen, wandelbaren Möbel und Textilien sind in der Ausstellung zu sehen. Der Einfluss der reformpädagogischen Bewegung auf ihre Arbeit wird in dem Phantasius-Spielzeugkasten, entstanden um 1925, mit hölzernen Einzelteilen zum Zusammensetzen von Tieren erkennbar.

Dicker-Brandeis, die 1931 der kommunistischen Partei beigetreten war, wurde 1934 inhaftiert. In den beiden Gemälden Verhör I und Verhör II verarbeitete sie dieses Erlebnis. Im selben Jahr floh sie nach Prag und wandte sich der realistischen Malerei und dem Kunstunterricht für Kinder zu. Ihre letzten Arbeiten entstanden im KZ Theresienstadt. 1944 wurde Dicker-Brandeis nach Auschwitz deportiert und von den Nationalsozialisten getötet.

Die ebenfalls gebürtige Wienerin Elly Niebuhr, geboren 1914, gestorben 2013 in Wien, absolvierte eine Lehre als Schnittzeichnerin in einem Miedersalon, studierte Chemie und begann 1936 eine Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und im Fotostudio Hella Katz.

Ab 1937 entstanden ihre Fotoserien zu sozialen Errungenschaften des Roten Wiens, wie dem KarlMarx-Hof, dem Familienasyl sowie Einrichtungen für Frauengesundheit, Beratungsstellen und Gebärstationen. 1939 emigrierte sie nach London, 1940 weiter nach New York. Langfristig sah sie als Kommunistin aber keine Chance, sich in Amerika zu etablieren, und kehrte 1947 nach Österreich zurück. Dort konnte sie an ihre Sozialreportagen aus der Zeit vor dem Krieg nicht mehr anknüpfen und entwickelte sich zu einer vielbeschäftigten Modefotografin, die bis in die 1980er-Jahre tätig war.

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29. 6. 2017

Museum der Moderne Salzburg: Bildwitz und Zeitkritik. Satire von Goya bis Grosz

August 9, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit spitzer Feder auf den Punkt gebracht

Francisco de Goya: Disparate volante, 1815-1824. Serie: Los Proverbios. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Rainer Iglar

Francisco de Goya: Disparate volante, 1815-1824. Serie: Los Proverbios. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Rainer Iglar

Mit der Ausstellung „Bildwitz und Zeitkritik“ zeigt das Museum der Moderne Salzburg derzeit Meister der Gesellschaftskritik – mit Werken aus eigenen Beständen von Francisco de Goya über Honoré Daumier und William Hogarth bis hin zu George Grosz. Der renommierte Künstler Dan Perjovschi erarbeitet eigens für die Ausstellung eine Installation im neueröffneten Rupertinum.

Während die Meinungsfreiheit an vielen Orten dieser Welt auf gewalttätige Weise in Grenzen gewiesen wird, widmet sich das MdM Salzburg einer Kunstform, die sich die Gesellschaftskritik auf die Fahnen geschrieben hat: der Satire. In neu gestalteten Ausstellungsräumen des Rupertinum wird anhand von mehr als zweihundert Werken gezeigt, wie Künstler den Bildwitz als Mittel der Zeitkritik eingesetzt haben. Die Druckgrafik war wegen der Möglichkeit zur Vervielfältigung das bevorzugte Medium für die Satire. Francisco de Goya bediente sich ihrer in seinen grafischen Zyklen des Grotesken und Fantastischen als Ausdrucksmittel. Während Goya und William Hogarth Radierungen anfertigten, konnte Honoré Daumier bereits auf das raschere Verfahren der Lithografie zurückgreifen. Zeitschriften wie La Caricature und Le Charivari in Frankreich, Punch in Großbritannien und die Fliegenden Blätter oder später Simplicissimus in Deutschland spielten eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Karikaturen.

Honoré Daumier: Les illusions d'artistes - Les grands prix, 1842. Aus: La Caricature, 17. Juli 1842. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Bettina Salomon.

Honoré Daumier: Les illusions d’artistes – Les grands prix, 1842. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Bettina Salomon.

Karl Arnold: Kulturschwätzer, 1922. © Museum der Moderne Salzburg © Bildrecht Wien. Bild: Bettina Salomon

Karl Arnold: Kulturschwätzer, 1922. © Museum der Moderne Salzburg © Bildrecht Wien. Bild: Bettina Salomon

Ludwig Gruber: Am Ende der Pressefreiheit, o. D. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Bettina Salomon

Ludwig Gruber: Am Ende der Pressefreiheit, o. D. © Museum der Moderne Salzburg. Bild: Bettina Salomon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Immer wieder gerieten Künstler wegen ihrer Arbeiten in Schwierigkeiten – so etwa Daumier, den seine Karikaturen des Königs Louis-Philippe für sechs Monate hinter Gitter brachten. Fast ein Jahrhundert später wurde George Grosz wegen „Beleidigung der Reichswehr“ und „Angriffs auf die öffentliche Moral“ zu hohen Geldstrafen verurteilt. Während des nationalsozialistischen Regimes wurde Systemkritik nicht nur unmöglich gemacht, sondern den Künstlerinnen und Künstlern drohten Berufsverbote und Verfolgung. So konnte aus beißendem Humor bitterer Ernst werden.

Dan Perjovschi: Zeichnend im Kiasma, Helsinki 2013. Bild: Pirje Mykkanen, Courtesy Kiasma and the artist

Dan Perjovschi: Zeichnend im Kiasma, Helsinki 2013. Bild: Pirje Mykkanen, Courtesy Kiasma and the artist

Entlang verschiedener Themen wird in der Ausstellung die ganze Vielfalt der Satire in der Grafik gezeigt – von politischen Themen über Geschlechter- rollen bis hin zu Alltags- themen. Durch die Gegenüberstellung von Werken unterschiedlicher Epochen wird deutlich, wie sich über die Zeit hinweg bestimmte Themen wiederholten und somit auch nie an Aktualität eingebüßt haben. Satire bleibt bis heute eine feine Gratwanderung zwischen Spott und Beleidigung.

Ein Umstand, der in der Ausstellung an einigen zeitgenössischen Beispielen deutlich wird. Den Auftakt der Ausstellung bildet eine eigens erarbeitete Installation des Künstlers Dan Perjovschi, die das Atrium mit den Ausstellungsräumen verbindet. In seiner Arbeit überträgt Perjovschi die Zeitkritik als Mischung aus Zeichnung, Cartoon und Graffiti direkt auf die frisch renovierten Wände des Museums. Indem er politische, soziale und kulturelle Tagesthemen verarbeitet, stellt der rumänische Künstler einen Aktualitätsbezug in seiner gezeichneten Gesellschaftskritik her. Durch eine Simplifizierung in seinen Zeichnungen versucht er, eine mögliche Verwirrung im Verständnis zu vermeiden und seine Improvisationsfreiheit nicht einzuschränken.

www.museumdermoderne.at

Wien, 9. 8. 2016

Sommerszene Salzburg 2016: Die Highlights

Juni 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein heißer Tanz um die großen Weltfragen

Jérôme Bel: Gala. Bild: © Herman Sorgeloos

Jérôme Bel: Gala. Bild: © Herman Sorgeloos

Die diesjährige Sommerszene Salzburg startet am 21. Juni mit einem umfangreichen Programm: 14 Tanz- und Theaterproduktionen, davon neun Österreich-Premieren, machen die Stadt zwölf Tage lang zur Bühne. Mit einem Fest des Lebens und einem Hoch auf die Individualität wird eröffnet:

Eine zwanzigköpfige Schar Salzburger, bestehend aus Laien und professionellen Tänzern, ist in der Performance Gala des französischen Star-Choreographen Jérôme Bel aufgefordert, ihr unverwechselbares Bewegungsrepertoire zu präsentieren. Die daraus entstehende Galerie lebendiger Porträts zeigt eindrucksvoll, wie schillernd die Möglichkeiten des Tanzes sein können (21. und 22. Juni, 20.30 Uhr, republic). Nach diesem weltweit bejubelten Abend setzen Produktionen wie das bildgewaltige Tanzstück „Black Marrow“ von Islands Star-Choreographin Erna Ómarsdóttir oder die Uraufführung von Willi Dorners städtischer Intervention „every-one“ spektakuläre ästhetische Akzente. Und Utopisten und Visionäre können beim partizipativen Planspiel „Home Sweet Home“ der britischen Gruppe Subject to_change ihre Stadt der Zukunft planen.

Fünf Tipps für das Festival:

Aktuellen tagespolitischen Fragen wendet sich der Performer, Filmer, Autor und bildende Künstler Julius Deutschbauer in seiner elftägigen Serie Antirassismusvergnügungspark zu: Ausgangspunkt seiner Live-Performances sind provokante Statements, verortet ist sein Park in einem Container, wie er aktuell überall an den Grenzen Europas zu finden ist (22. Juni bis  2. Juli, täglich um 19 Uhr, Unipark Nonntal).

Erna Ómarsdóttir: Black Marrow. Bild: © Bjarni Grimsson

Erna Ómarsdóttir: Black Marrow. Bild: © Bjarni Grimsson

Die Rabtaldirndln: Du gingst fort. Bild: © Rania Moslam

Die Rabtaldirndln: Du gingst fort. Bild: © Rania Moslam

Islands Star-Choreographin Erna Ómarsdóttir gastiert mit Black Marrow zum ersten Mal in Österreich. Das Tanzstück, das von einem achtköpfigen Ensemble der Iceland Dance Company zu den sphärischen Klängen des Komponisten Ben Frost interpretiert wird, bewegt sich zwischen archaischem Ritual und poetischen Stimmungen und wirft einen kritischen Blick auf den Planeten Erde, seine Natur und seine Ressourcen (24. und 25. Juni, 20.30 Uhr, republic).

Bereits zum dritten Mal ist das Grazer Kollektiv Die Rabtaldirndln zu Gast bei der Sommerszene: Inspiriert vom Fernsehformat „Aktenzeichen XY ungelöst“ hinterfragen Barbara Carli, Rosi Degen, Gudrun Maier und Gerda Strobl in Du gingst fort den Heimatbegriff und involvieren dazu „Ausheimische“, die das Landleben hinter sich gelassen haben und doch nie ganz davon loskommen (25. und 26. Juni, 20 Uhr, ARGEkultur).

In ihrem beeindruckenden Solo Oblivion zeichnet die belgische Künstlerin Sarah Vanhee ein Bild der Gesellschaft, das nachdenklich stimmt: Indem sie den realen und virtuellen Müll, den sie über ein Jahr gesammelt hat, auf die Bühne holt, fordert sie den Zuschauer auf, eine neue Sicht und eine neue Bewertung der Dinge des Lebens zu finden. Die Produktion hat bei der Sommerszene Österreich-Premiere (30. Juni und 1. Juli, 20 Uhr, ARGEkultur).

Dem globalen Phänomen der Angst widmet sich Choreographin und Tänzerin Doris Uhlich: In ihrem hochenergetischen Stück Boom Bodies werden acht Tänzer, großteils Absolventen der Salzburg Experimental Academy of Dance – „SEAD“, vom pulsierenden Techno-Sound von DJ Boris Kopeinig in einen Bewegungsrausch versetzt. Der Körper wird dabei zum Ventil um die komplexe Gegenwart als einen beweglichen Körper zu begreifen (1. und 2. Juli, 20.30 Uhr, republic). Zum Festivalabschluss lässt Doris Uhlich als DJane in der „Letzten Nacht“ ihre aktuellen künstlerischen Ideen und die der letzten Jahre mitschwingen, inklusive einer wilden Mischung ihrer Lieblingssounds und Beats, von Pop bis Techno (2. Juli, ab 22 Uhr, republic).

www.szene-salzburg.net

Wien, 9. 6. 2016