Salon5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichische Sittenbilder am Fuße der Rax

Anna Maria Krassnigg am Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Salon5 begeht heuer nicht nur sein Zehn-Jahr-Jubiläum, er begibt sich diesen Sommer auch wieder an seine Wortwiege an der Rax. „Fremde Nähe“ ist das Jahresthema des Salon5, und so auch das des Thalhof Festivals 2017. Ab 4. August widmen sich Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist und Produzent Christian Mair Stoffen, die man als „österreichische Sittenbilder“ beschreiben könnte.

Sie umkreisen inhaltlich das Phänomen der Ausgrenzung, aber auch der unheimlichen Faszination des grundsätzlich Anderen. „Fremde Nähe“ zeigt anhand von sagenumwobenen, wie brandaktuellen Wort- und Bühnenschöpfungen streitbarer österreichischer Autorinnen und Autoren eine Bestandsaufnahme hiesiger Mentalitäten – die freilich in ihren tiefsten Befunden allgemein menschliche Komödien und Tragödien sind. Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Zehn Jahre Salon5: Was haben Sie gelernt, was hat sich getan, wie hat sich das Projekt entwickelt?

Anna Maria Krassnigg: Ich habe gelernt, was ich schon immer vermutet habe, und ich habe es unter Schmerzen gelernt, nämlich, dass Freiheit für mich immer Arbeitsbedingung ist. Das, was Kollateralschäden generiert, die ewige Hinterher-Rennerei von Verträgen und ergo Geldern. Wie machst du klar, wer du bist im Theatergeschehen? Das steht in der „freien Szene“ immer auf dem Prüfstand. Bei allen anderen nicht. Das ist die Schattenseite, die Sonnenseite ist, dass ich meine künstlerischen Bedingungen selbst bestimmen kann. Ich bin weder einer Art von Markt unterworfen, ich bin keinem Diktat unterworfen, wie etwas stilistisch zu sein hätte, weil man es in irgendeinem Presseorgan vorschlägt. Und diese Freiheit künstlerisch, heißt: aus meinem individuellen Blickwinkel zu programmieren, was jetzt ansteht, die ist mir in den vergangenen zehn Jahren immer kostbarer geworden. Fazit: Ich kann aus dem eigenen Haus nie mehr ausziehen, auch wenn es ein gut durchlüftetes und, wie soll man sagen, durchaus prekäres Haus ist.

MM: Ein Vorteil ist zweifellos: Sie können gesellschaftspolitisch schneller agieren als der arrivierte Apparat.

Krassnigg: Der sogenannte arrivierte Apparat unterliegt ja nicht nur Abstimmungsbedürfnissen, sondern auch Stilbedürfnissen. Fast wie Boutiquen: Was muss man haben, welche Marken muss man führen, welche Namen, wer will gesehen werden? Und selbst wenn das teilweise hochinteressante Leute sind, generiert das ja doch, wie wir es in jedem Bereich des Handels sehen, siehe H & M und Starbucks, eine Gleichschaltung. Wenn man sich anschaut, wie die großen Häuser mehr oder minder programmiert sind, dann ist das ein zum Teil großartiges, aber überaus vergleichbares Angebot. Das halte ich als Fan von jedem Individuellen, von mir aus auch Abseitigen, durchaus für eine Verarmung. Daher ist dieses Reagieren, dieses „Was höre ich jetzt?“ und „Wo muss ich jetzt aufschreien?“ für jemanden wie mich tatsächlich leichter, als für die nach Designermaßstäben angefertigten Kunstapparaturen.

MM: Der Salon5, wie würden Sie es beschreiben, ist nun ein KünstlerInnenkollektiv, das sich Stoffe und Spielorte frei wählt.

Krassnigg: Ja, das ist auf jeden Fall eine hervorragende Beschreibung. Wobei das Suchen, und das meine ich gar nicht so kokett, mittlerweile so ist, dass uns die Orte suchen. Das hört sich merkwürdig an, aber es ist tatsächlich so, dass auf mich, auf uns, bestimmte Orte oder Angebote zukommen. Mich in einer Art heimsuchen, dass ich sie, obwohl aus zeittechnischen Gründen sicher gesünder, nicht absagen kann. Das war bei der Geburtsstätte des Salon5 im Brick-5, in dieser jüdischen Schulturnhalle so, und das war auch zuletzt mit dem Thalhof so. Der ist mir wirklich vor die Füße gefallen, und sagte: Bespiel mich. Ähnlich ging es mir mit dem Alten Rathaus, wo unsere „Reden!“-Performances laufen. Ich hörte dort Robert Menasse bei einem Vortrag – und mir war klar, dieser Saal schreit geradezu nach Theater.

MM: Das nächste, das ansteht, ist Salon5 am Thalhof. Sie präsentieren dort Autorinnen und Autoren, die dort gewirkt und/oder geurlaubt haben. Sie haben für kommende Spielzeit unter anderem Marie von Ebner-Eschenbach ausgesucht.

Krassnigg: Ja, unser Motto, wenn man so will, denn man braucht ja immer selber etwas an dem man sich anhalten kann, heißt „Fremde Nähe“, und in dieser Klammer befinden sich tatsächlich österreichische Sittenbilder. Was meine ich damit? Anhand unserer ausgewählten Stücke kann man, was ist uns nah und befremdet uns dennoch, analysieren. Darum geht es auf höchst unterschiedliche Art und Weise, in Ebner-Eschenbachs „Am Ende eines kleinen Dorfes“, einer Ausgrabung, in die wir uns sehr verliebt haben, und in der es um die fremde Nähe von Mann und Frau geht. Man könnte sagen, es ist ein feministisches Geschlechterdrama, wäre der Begriff feministisch nicht zu behaftet, aber definitiv geht es um weibliche Selbstermächtigung auf eine sehr krimihafte Art. Ebner-Eschenbach war eine fantastische Plotschreiberin, keine Theoretikerin. Es geht um die soziale Frage und um die Frauenfrage. Es ist nach der Novelle „Die Totenwacht“, die etwas Edgar Allan Poe-haftes hat, ein neuer Meilenstein. Gerade jetzt in den Proben hat es für mich etwas von Achill und Penthesilea auf dem Lande.

MM: Das andere Stück ist …

Krassnigg: Ein anderes Sittenbild aus Österreich, ein Riesenradspiel von einem sehr jungen österreichischen Autor …

MM: Mario Wurmitzer! Endlich bringt den jemand auf die Bühne!

Krassnigg: Genau. Ich habe mich die letzten drei Jahre gewundert, warum mir „Werbung Liebe Zuckerwatte“ nicht jemand wegschnappt, aber so geschah es nicht, was mich nun natürlich erfreut. Wurmitzer ist ein hundsbegabter junger Autor, der die Chuzpe hat, eine Komödie über ein angstbehaftetes Thema zu schreiben. Er hat eine geistreiche, witzige, sprachlich erstaunlich gewandte Komödie über ein Pulverfass geschrieben – die Angst vor dem Terror und den politischen Zugewinn durch Angstmache, spielend im Wiener Prater. Köstlich!

MM: Ein weiterer Programmpunkt ist „Raxleuchten“ …

Krassnigg: … der das Motto gleichfalls spezifisch erfasst. Die Wiener sind ja voller Begeisterung an die Rax gefahren, haben sich hier als Einheimische verkleidet, man hat sich in der Region getroffen und intrigiert und Besetzungen für das nächste Jahr klargemacht. Auch am Thalhof hat man sich versammelt, wir haben ein 300 Jahre altes Gästebuch, wo sich die Herrschaften eingetragen haben. Schnitzler war hier, Freud hat einen Teil der „Traumdeutung“ hier geschrieben, natürlich Ebner-Eschenbach, die sich immer furchtbar über das Klima aufgeregt hat, Nestroy, Raimund, der von Gutenstein herüberkam, Hebbel, der ja mit einer Burgschauspielerin verheiratet war … Die wunderbare Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl hat nun entlang dieses Gästebuchs einen Abend zusammengestellt, teilweise mit Texten, die noch nie zu hören waren, also uraufgeführt werden. Das ist eine Reise von den Anfängen des Thalhofs bis in die Jetztzeit. Das Material ist so riesig, auch die Arisierung jüdischer Villen und später die Entnazifizierung kommt vor, dass wir’s auf zwei Teile teilen müssen. Das heißt: 2018 kommt „Raxleuchten II“.

Am Ende eines kleinen Dorfes: Doina Weber und Petra Gstrein. Bild: Christian Mair

Mario Wurmitzer. Bild: Christian Mair

MM: Beim Opening gab es eine Veranstaltung zu den „Bedingungen weiblichen Schreibens“. Wie steht es um die Bedingungen weiblichen Theaterschaffens?

Krassnigg: Als junges Mädchen, von daheim kommend, dachte ich, alles ist wahnsinnig gleichberechtigt. Dann, früh in den Theaterbetrieb gekommen, erkannte ich die machistisch-monarchistischen Hierarchien, die immer noch herrschen. Als Frau gilt man als die ewige Entdeckung, aus diesem männlich chauvinistischen Anspruch heraus: Lass’ mich dich entdecken!, später wird man die Weise vom Berge. Dazwischen ist es schwierig. Je höher man in Institutionen steigt, umso mehr steigt der Neid, und der hat gegenüber Frauen einen ekelhafteren Hautgout als unter Männern.

MM: Nämlich?

Krassnigg: Es gibt unterschiedliche Kriterien, nach denen man bewertet wird. Nummer eins, die Optik. Äußerlichkeiten spielen bei und unter Frauen eine wesentlich größere Rolle, der zentrale Punkt, und das habe ich bei Ebner-Eschenbach noch einmal sehr genau lernen dürfen, ist, dass Frauen auf der anderen Seite des Mondes leben. Nicht auf der besseren oder schlechteren, einfach auf der anderen. Der Fokus ist anders, weil ein Mann anders sieht und denkt als eine Frau. Da kommen vollkommen andere Dinge zutage. Erstaunlich, wie viel auf der Bühne dadurch nicht unterkommt! Weil Männer diese Art von Konflikten gar nicht kennen.

MM: Dennoch in Ausschreibungen werden, wie es heißt, bei Ausschreibungen „bevorzugt behandelt“.

Krassnigg: Das ist ein Punkt, der eine weitere Beobachtung verdienen würde. Es wäre die eine unglaublich heikle Frage zu stellen, mit der man in 50 Fettnäpfen tritt: Wie sehr kann man Frau sein, in einem Umfeld, das männlich konnotiert ist? Es fehlt an einer intellektuellen Frauensolidarität.

MM: Einem Pendant zur Eton-Krawatte?

Krassnigg: Richtig. Ich habe unlängst mit einer sehr erfolgreichen Frau gesprochen, die sagte, ich habe es begriffen, die Seilschaften mit Zahnärztin, Architektin etc. Und diese Bünde, wie die Männerbünde, die schlicht und ergreifend Frauen an Schaltstellen der Kunst setzen, die sehe ich noch nicht. Es gibt jetzt ein kommendes Bewusstsein von Frauen in meinem Alter. Wenn das denn nun gelänge, würde es einen großen Schub erzeugen. Ich merke, dass männliche Kollegen bestimmten Themen einfach ausweichen, weil sie merken, dass sie sich damit auf Glatteis bewegen. Wir also wollten unsere Lesart einbringen. Ich brauche nicht so sehr ein Binnen-I, ich brauche Aufmerksamkeit.

MM: Heißt?

Krassnigg: Was ich eingangs sagte: Frauen brauchen den Willen zur Eigenständigkeit, bei gleichzeitigem Wissen, dass Freiheit vor Bezahlung geht. Das ist keine imbecile Romantik, sondern ein Bohren an der männlichen Betondecke. Hätte ich mich in bestimmten Zeiten auf bestimmten Feiern bewegt, idealerweise keine Kinder bekommen, die man von Spielort zu Spielort „mitzahn“ muss, hätte ich meine Ausbildung mit meiner Karriere strategisch verbunden, dann wäre ich heute … Und dagegen müssen wir als Frauen aufstehen. Ich kenne in Wien einige Frauen, wo ich mich wundere, warum man die nicht für diesen oder jenen Job anfragt. Aber es ist gerade in der Kunst eine Klassengesellschaft, die ist sowas von abartig. Ich werde so oft Dinge gefragt, wo ich sage: Ja, eh! Aber die Kulturpolitik ist noch nicht soweit.

MM: Wenn Sie nun davon sprechen, wo sehen Sie den Salon5 in weiteren zehn Jahren?

Krassnigg: Die Frage ist insofern sehr gut, weil ich mir im letzten halben Jahr oft überlegt habe, ob ich diesen, meinen eigenen kleinen Organismus weiter beatmen möchte. Ich hätte internationale Angebote, die würden mein Leben als Regisseurin einfacher machen. Und ich habe natürlich die Professur am Max-Reinhardt-Seminar. Aber, was ich für mich und mein Ensemble für bewusstseins- und persönlichkeitsbildend halte, ist der Salon5. Mittlerweile sehe ich es so. Auch durch die Perspektiven, die man mir in Niederösterreich in verblüffendem Tempo gegeben hat. Ich glaube, dass es so einen „Fehler in der Matrix“, wie ein Freund mir mich nennt, geben sollte. Ich glaube, dass ich auch meinen Studierenden zeigen sollte, dass mit Ja, mit einem eigenen Kopf, mit einem eigenen Mindset, mit einem, Nein, ich assistiere mich nicht hoch, ich halte eure Regeln nicht ein, ein Theaterleben möglich ist. Und wachsen kann.

Teaser: vimeo.com/216368056

salon5.at

Wien, 9. 6. 2017

Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom / Salon5: badluck

Februar 3, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Asylsuchende berichten vom Leben in ihrer Heimat

22697962497_d1389557ec_bMan kennt dieser Tage das Gefühl trotz ehrlichen Bemühens um Informationsbeschaffung und Meinungsbildung letztlich zu wenig Unmittelbares über die Beweggründe und die Umstände von Flüchtenden und Ankommenden in Österreich zu erfahren. Karl Baratta und Natascha Soufi machen sich daran, diesem Bedürfnis nach authentischem Bericht mit einer vielstimmigen Begegnungsreihe nachzukommen. „badluck“ heißt das in Kooperation mit dem Salon5 und dem Theater Nestroyhof Hamakom entstandene Projekt, in dem Asylsuchende von den Lebensbedingungen in ihrer Heimat berichten. Zu sehen ab 11. Februar im Hamakom.

Die Menschen erzählen. Von ihren letzten Tagen und Wochen in Syrien und dem Irak, sie sprechen von den individuellen Erlebnissen, die zu ihrer Flucht geführt haben, unterstützt von Handyvideos und Fotos. Einen roten Faden liefert die Performance  „Bad Luck“ des National Theatre of Iraq aus dem Jahr 2014/15, in der Darsteller auf Fragen wie „Was machst du, wenn das Handy deiner Freundin schweigt?“, „Wie möchtest du sterben?“ oder „Was wirst du Gott erzählen?“ mit eigenen disparaten Erfahrungen antworteten. Ein Schauspieler und ein Filmemacher beschreiben nun die durch Bombenanschläge unterbrochene Theaterarbeit in Bagdad und zitieren Szenen aus dem Originalstück. Geschäftsleute und Journalisten aus Syrien steigen in die Struktur der Selbstbefragung ein, stellen sich auf die imaginäre  Bühne von „badluck“ und antworten darauf. So es entsteht eine persönliche Bestandsaufnahme der Ereignisse, ein nicht offizielles Sprechen abseits vorgefasster Meinungen und medialer Erwartbarkeit. Der Abend ist mehrsprachig: englisch, arabisch und deutsch.

Eintritt: Freie Spende zugunsten der mitwirkenden Asylsuchenden, mehr dazu: www.facebook.com/events/546240228859706/

www.hamakom.at

salon5.at

Wien, 3. 1. 2015

Salon5 im Metro Kinokulturhaus: La Pasada

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kinobühnenschau über den Sturm, der sich Leben nennt

Erni Mangold und Flavio Schily Bild: Christoph Hochenbichler

Erni Mangold und Flavio Schily
Bild: Christoph Hochenbichler

Das Metro Kinokulturhaus atmet. Ein riesiger rotplüschiger Organismus, dessen Brustkorb sich senkt und hebt. Ausatmen – Vergangenheit, einatmen – Zukunft. Anna Polonis Text atmet mit, Stück und Aufführungsort als Zweitaktseele, Leinwand und Bühne ebenso. Regisseurin Anna Maria Krassnigg hat ihre Inszenierung von „La Pasada – Die Überfahrt“ vom Reichenauer Thalhof, ihrer frisch gedrechselten Wortwiege an der Rax, nach Wien gebracht. Hat es sorgsam eingehüllt, dieses Kleinod aus Spitzentuch und Seelenqual, und an der richtigen Stelle wieder enthüllt. Finster im Saal. Die Kinobühnenschau läuft. Bewegende Bilder. Auf der Leinwand eine Totenfeier, eine Banda spielt einen Trauermarsch; auf der Bühne eine Totenwache, die Verstorbene als Memento mori aufgebahrt, um sie Menschen versammelt. Ein Sturm hat sie hierher geweht. Ein Sturm, der sich Leben nennt.

Die Poetik der Bilder korrespondiert mit der Sprache des Dramas. Anna Poloni hat ein Spiel um Zeit und Raum geschrieben. Zeit vergeht, wird verspielt, will festgehalten werden und wird vergeudet. Lust- und leidvoll. Raum ist, wo das Meer die Menschen anspült, wo Berge einen festhalten. Zeit und Raum sind die Geliebten, die einen wie der Blitz spalten. Die Liebe ist lust- und leidvoll. In einer Lebensgeschichte verbirgt sich ein Familiengeheimnis, das Poloni Satz für Satz aufdeckt. Wie im Memory, das auf der Leinwand gespielt wird. „Vergangenheit – Möglichkeit, ich verwechsle das immer“, sagt eine Figur auf der Bühne. Dies gleichsam das Motto des Abends.

Erzählt wird von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar diese letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Pospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt. „Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf die, die nicht auftreten wird.

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Noch agiert dieser prägnante Schauspieler hauptberuflich als Schüler an einem Wiener Gymnasium, aber bald! Schily changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön. In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film in den Saal überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“, auf der Bühne, als auch Ari, Floras Liebhaber im Film, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, vollbärtiger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist. „Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze im Stück, sondern verweist auch auf dessen Dreisprachigkeit – Deutsch, Englisch, Spanisch. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die dem Publikum, das sie einmal in direkter Anrede anklagt, das happy end verwehrt. Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos.

Anna Maria Krassnigg hat mit diesem enigmatischen Stück, dessen Auflösung an dieser Stelle verweigert wird, die große Kunst der Kinobühnenschau auf beeindruckende Weise erneuert. Zwar ist das Metro nicht jener magische Ort zwischen mar y montana, den man in den Zuspielungen erkennt, doch bleibt er als Parfüm, unterstützt durch das Bühnenbild von Lydia Hofmann und die subtil eingesetzte Musik von Christian Mair. Im Gesamten kreiert sich hier aus der literarischen Sehnsucht des weiten Landes Floras „kaltes Land“. Auch das Metro kann Melancholie. Und wie. Das Metro atmet … dem Publikum stockt vor dem Applaus der Atem kurz. Der Kopf muss erst zurückkommen, von den vielen zur Verwirrung ausgelegten Fährten. Dann Bravo und Blumen. Als Spielfilm ist „La Pasada“ ab dem Frühjahr 2016 in den heimischen Kinos zu sehen. Der von Anna Maria Krassnigg und Christian Mair produzierte Film wird maßgeblich durch Crowd-Funding finanziert. Man darf gespannt sein.

Trailer: vimeo.com/144214612

salon5.at

Wien, 18. 11. 2015

Theater Nestroyhof Hamakom und Salon5 als Partner

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Programm von Robert Neumann bis Hermann Broch

Hochstaplernovelle: Martin Schwanda Bild: (c) Christian Mair

Hochstaplernovelle: Martin Schwanda
Bild: (c) Christian Mair

Zwei – von Ihrer historischen und ästhetischen Herkunft jüdische – Orte mit großem Charisma wagen eine künstlerische Partnerschaft: Theater Nestroyhof Hamakom und Salon5. Eine künstlerische Luftbrücke, gebaut auf den Pfeilern des geteilten, leidenschaftlichen Interesses für das Aufspüren und „Ans-Licht-Bringen“ verdrängter Literatur, das deutliche Bekenntnis zur darstellenden Kunst und ihrem Personal, sowie immer neue Spielarten der Vermittlung an ein heterogenes Publikum verbindet ab der Spielzeit 2013/14 die Spielstätten im zweiten und im fünfzehnten Bezirk. Beide Bühnen schreiben sich sehr bewusst das Drama als literarische Gattung mit all ihren Ausfransungen und vitalen, zeitgenössischen Varianten – auch solchen, die wir noch gar nicht kennen, ja, die es ständig neu zu erfinden gilt – auf ihre Fahnen. Das Janusköpfige – im genius loci der einzelnen Orte, in der Identität der Programmierung und nicht zuletzt derjenigen der TheaterleiterInnen – bleibt erhalten, und wird ausgereizt. Die Spielpläne der Häuser kann man sich wie eine Achse vorstellen, auf der die kontinuierliche Programmierung des größeren Hamakom auf jährlich eine Uraufführung einer Tetralogie unter dem Titel ON KICKS / ÜBERTRITTE  (vier Stücke von Anna Poloni 2014 – 2017) sowie ein Musiktheaterprojekt des Salon5 trifft – das erste wird EMILY, ein poetry song project nach Emily Dickinson, im Juni 2014 sein. Zusätzliche gemeinsame Vorhaben sind Fenster nach Morgen, eine Plattform für den professionellen Nachwuchs in der darstellenden Kunst, sowie die bereits erfolgreich bestehende LiteraTurnhalle, die als geistiger und physischer Austragungsort für die Sichtbarmachung von wieder zu entdeckenden Texten dient.

Programmhöhepunkte der beiden Häuser:
Theater Nestroyhof Hamakom: Eine Uraufführung von Robert Schindels Dunkelstein im Oktober 2014 in der Regie von Frederic Lion,  Sonia Mushkat von Savyon Liebrecht in der Inszenierung von Michael Gruner im April 2014, sowie Valentinstag von Iwan Wyrypajew im Februar 2014, ebenso inszeniert von Frederic Lion. Wiederaufnahmen (wie die erfolgreiche Produktion Anna und Martha, sowie die beiden Täterinnenmonologe Covergirl und Die Kommandeuse), Lesungen, Buchpräsentationen und eine Ausstellung rund um das Gedenken an die Novemberpogrome, interdisziplinäre Programme sowie Sam’s Bar im Dezember 2013, bei der das Hamakom an die Tradition der Etablissement-Kultur anknüpft, zählen zu den wichtigen Programmpunkten des Spieljahres 2013/14.
Salon5: Herzstück des Salon5 bildet die Tetralogie ON KICKS / ÜBERTRITTE  mit Uraufführungen von Stücken von Anna Poloni: Teil 2, PASADA – Eine Überfahrt, hat im September 2014 Premiere. Im Rahmen von LiteraTurnhalle präsentiert der Salon5 Gier nach Leben (Abende über Wilfried Steiner, Robert Neumann, Hermann Broch) sowie Faul im Staate, das dem Syndrom der Politik des Vergessens gewidmet ist (zwei Abende mit Szenen nach Texten von Robert Schindel und Erwin Riess).

Details zur Partnerschaft und den Spielplänen beider Häuser finden sie hier: http://salon5.at/start.php?m=1

Die alte jüdische Turnhalle in Fünfhaus wird mit dem Salon5 im Herbst 2013 zur LiteraTurnhalle. In diesem Format präsentieren wir ab der laufenden Spielzeit handverlesene literarische Kost- und Sonderbarkeiten: szenisch, musikalisch, manchmal filmisch, immer verführt von den literarischen Funden und einladend zur Diskussion mit Publikum und Wissenschaft. Wieder oder erstmals entdeckte Literatur wird zum szenischen Brennstoff für KünstlerInnen und Publikum. Die Erfahrung der ersten fünf Jahre Salon5 wird in diesem beweglichen, interdisziplinären Format erneut zugespitzt: TEXT + SALON5 = LUST.
GIER NACH LEBEN (LiteraTurnhalle (I) )
Die erste LiteraTurnhalle im Herbst 2013 dominieren Figuren, die auf gleichzeitig titanenhafte und lächerliche Weise darum ringen, dem einen kleinen Leben den größtmöglichen Glanz abzugewinnen. Was sie eint, ist die Hoffnung, nach dem Fallen wieder aufzustehen und ihre unstillbare Gier nach Leben.
(Immer) wieder ans Licht zu holende Autoren wie Robert Neumann oder Hermann Broch kontrastieren mit zeitgenössischen Neuentdeckungen wie dem Romancier und Theatermacher Wilfried Steiner.
Wilfried Steiner:
TRIPTYCHON DER KÜNSTE (29.10.)
Auszüge aus der Romantrilogie „Der Weg nach Xanadu“, „Bacons Finsternis“, sowie „Die Anatomie der Träume“ (Erscheinungstermin 2014), sowie einen Dialog mit dem Autor über Kunst, Leben und die Schmerzen der Vereinbarkeit.
mit: Kirstin Schwab, Horst Schily, Martin Schwanda und Wilfried Steiner
durch den Abend führt: Anna Maria Krassnigg
Robert Neumann:
HOCHSTAPLERNOVELLE (1. / 2.11.)
Quasi als Satyrspiel zum großen Politdrama von Robert Neumann „Die Kinder von Wien“ zeigt der Salon5 die elegante, scharfzüngige „Hochstaplernovelle“ des glänzenden Stilisten Neumann. Martin Schwanda verkörpert lesend, skizzierend und spielerisch die zahlreichen Facetten des Hochstaplers. Anschließend Salon-Talk.
mit: Martin Schwanda und Gästen
Hermann Broch:
ZERLINE (20. / 21. / 22. / 26. / 27.11.)
Die Lust auf die Begegnung mit großen „Abwesenden“ (Autoren) führt diesmal zu Hermann Broch. An einem Doppelabend wird die legendäre Figur der Magd Zerline neu umkreist und interpretiert. Die Archetypen einer „Welt von gestern“ erscheinen als ZeitgenossInnen.
Teil I: Der verlorene Sohn, ein atmosphärisches Vorspiel
gelesen von: Martin Schwanda
szenische Einrichtung: Karl Baratta
Teil II: Die Magd Zerline – eine Produktion aus der Regieklasse des Max Reinhardt Seminars, neu inszeniert für den Salon5.
mit: Marlena Keil
Regie: Matthias Rippert
Wien, 2. 10. 2013