Theater Nestroyhof Hamakom: Dibbuk

Dezember 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geister, Glückskekse und „Küchen“-Kabbalah

Besessen vom Dibbuk: Katharina Knap erzählt und spielt. Bild: © Marcel Köhler

Der Dibbuk ist der oftmals böse Totengeist eines vor der Zeit Verstorbenen, der sich dort an einen Lebenden heftet, wo eine Schuld nicht abgetragen ist. Dessen Körper wird in Besitz genommen, der Dibbuk spricht durch den Besessenen. „Der Dibbuk“ ist ein Theaterstück von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, und schildert die Heimsuchung der Händlerstochter Leah durch den Dämon des vor Gram dahingeschiedenen Jeschiwa-Studenten Chanan.

Man war einander versprochen worden, doch dann erwählte Leahs Vater den reichen Menasche zum Bräutigam. 1938 zeigte die in Wien bei Publikum und Presse beliebte hebräische Truppe Habimah das Drama als Gastspiel im heutigen Theater Nestroyhof Hamakom, damals „Jüdische Künstlerspiele“. Es ist dies die letzte belegte Produktion am Haus, bevor es im Zuge des „Anschluss“ von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

„Der Dibbuk“ ist auch eine Kurzgeschichte der polnischen Schriftstellerin Hanna Krall aus ihrem Buch „Existenzbeweise“. Angesiedelt in Kalifornien erzählt die Short Story vom erfolgreichen Architekten Adam, dessen im Warschauer Ghetto umgekommener Halbbruder Abram nun in ihm wohnt. Der ehemals Sechsjährige weint, wie verlassene Kinder weinen – und natürlich soll er ausgetrieben werden. Aber im letzten Moment besinnt sich der Besessene und ruft ihn zurück.

Szenenfoto einer Aufführung der Rolandbühne aus dem Jahr 1925. Bild: © KHM-Museumsverband, Theatermuseum, Wien

Die „Jüdischen Künstlerspiele“ im Nestroyhof. Bild: © YIVO Institute for Jewish Research / Michael Preiss

All das, dazu Texte von Shahar Arzy, Moshe Idel bis zu Frederic Lion und Zeitungsausschnitten aus dem Jahr 1938, verweben Regisseurin Milena Michalek und Schauspielerin Katharina Knap nun im Theater Nestroyhof Hamakom zum Abend „Dibbuk“. Der hat es sich im Setting von Sam’s Bar gemütlich gemacht, als das Publikum, versehen mit Speis‘ und Trank, zu den Bistrotischen strömt. Größtenteils humorvoll, dann wieder ans Herz rührend, wenn es nicht zerreißend, wird Knaps Geisterbeschwörung nun sein – gegenüber der Bar die einstige Bühne, ein leerer Raum, als Andenken an die Darsteller, die von dieser vertrieben wurden.

Knap erweist sich als großartige Entertainerin. Wie ein Irrwisch wirbelt sie zwischen den Zuschauern umher, verteilt an diese Glückskekse, fragt sie nach Befindlichkeiten, versucht sich an „Küchen“-Kabbalah und mittels Schultafel die Sache mit den Sephiroth, den zehn göttlichen Emanationen entlang des Lebensbaums, zu erklären, oder zeigt den Mizwe-, den chassidischen Hochzeitstanz. Von Knaps Temperament verschont bleibt niemand, das wird spätestens dann klar, wenn sie die „Dibbuk“-Rollen, es sind nicht weniger als vierzig, unter den Anwesenden verteilt. „Jeder schlechte Gedanke, der gegen einen selbst gerichtet ist, ist nicht von einem selbst“, sagt sie.

Und wechselt von der Dibbuk-Therapeutin zu „Patient“ Adam und Abram zu Leah und Chanan, ihr orangefarbenes Outfit dabei einmal der Sanghâti des buddhistischen Mönchs, der Abram endlich ins Licht schicken soll, einmal ein Schal für Leah. Knap verschiebt die Ebenen von Mythos und Mystik, zwischen Schmerz und Scherz. Fürs Jahr 2019 will sie einem mitgeben, sagt sie, dass es da draußen mehr gibt, als man sich denken mag. Dass der Schein trügt. Und dass die Dinge Bedeutung haben. Und ganz im Sinne des Orts, ha-Makom, ruft sie dazu auf, sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit die Zukunft neu werden kann.

Ingrid Schmoliner sorgt für den Sound. Bild: © Marcel Köhler

Begleitet wird Katharina Knap von der wunderbaren Live-Musik der Ingrid Schmoliner. Die Töne, die die Klangkünstlerin ihrem – unter anderem mit Stäbchen und Klebeband – Präparierten Klavier entlockt, wie sie singt, das erst erschafft die perfekte Atmosphäre für diese Uraufführung. „Dibbuk“ im Theater Nestroyhof Hamakom ist ein Abend, den man unbedingt gesehen haben sollte. Es folgen noch sieben Aufführungen bis 21. Dezember.

www.hamakom.at

  1. 12. 2018

Landestheater Niederösterreich: Front

Februar 21, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Luk Perceval gastiert wieder in St. Pölten

3012796098_6599034d5f_b„Front“ heißt die Polyphonie nach „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, „Le Feu“ von Henri Barbusse und Zeitdokumenten, die der flämische Starregisseur diesmal mitgebracht hat. Dazu verwendet er Zitate aus „The Forbidden Zone“ von Mary Borden, „The Backwash War“ von Ellen Newbold La Motte, „Chef de Section“ von Guillaume Apollinaire und „Erziehung von Verdun“ von Arnold Zweig. Perceval nennt seine Arbeit ein Requiem für den unbekannten Soldaten, nicht „Theaterstück“. Er will, dass das Publikum den Schmerz des auf der Bühne Dargebotenen teilt. Und das gelingt so großartig wie grauenvoll.

Erster Weltkrieg. In diesem Falle natürlich nach Belgien verlegt. Kaiser Wilhelm II. erklärte in einem Brief lapidar, seine Truppen würden durch das neutrale Belgien marschieren, weil das der kürzeste Weg nach Frankreich sei. Der belgische König Albert I. lehnte das ab. Mit dem Rechtsbruch des deutschen Nachbarn begann für Belgien „Der große Krieg“ (La Grande Guerre, de Grote Oorlog), dessen Ende am 11. November 1918 noch heute nationaler Gedenktag des Königreichs ist. Für die Deutschen wurde der Überfall wesentlich folgenschwerer, als es die siegesgewissen Generäle sich vorstellten. Großbritannien als Garantiemacht Belgiens nahm den Überfall zum Anlass, in den Krieg einzutreten. Und natürlich standen auch die Franzosen Gewehr bei Fuß. Ein Gemetzel. So weit die Historie.

Doch Perceval zeigt nicht die Befehlshabenden, sondern die Befehlsempfänger. Neun Notenständer sind an der Rampe des Landestheater aufgestellt, dazu Kisten als Sitzgelegenheiten. Im Hintergrund ein Gebilde, das sich im Laufe des Abends als riesiges stählernes Schlagwerk, das knallend, schabend, als ohrenbetäubendes entmenschlichtes Kreischen, als Geschützfeuer, als Donner, Stahl, der auf Stahl reibt, äußern wird. Ein Trompetensignal hebt an. Das Ensemble – Patrick Bartsch, die Ausnahmeschauspieler Bernd Grawert als Paul Bäumer und Burghart Klaußner als Stanislaus Katczinsky, Benjamin-Lew Klon, Oscar von Rompay, Peter Seynaeve, Steffen Siegmund, Oana Salomon, Katelijne Verbeke, Steven van Watermeulen, Gilles Welinski und Ferdinand Frösch (Live-Musik) – betritt die Bühne, gekleidet in Frack oder schwarze Abendanzüge, stellt oder setzt sich in Position und lässt seine Instrumente erklingen: seine Stimmen. Viersprachig.

Franzosen, Engländer, Belgier und Deutsche liegen sich, kaum 100 Meter voneinander entfernt, in Schützengräben gegenüber, schießen aufeinander, singen gegen einander an, graben sich ein und werden von Ratten, Läusen, Feuchtigkeit und Hunger geplagt. Es sind die Frontschweine, einfache Soldaten, die in dieser Produktion zu Wort kommen, wie der Landwehrmann Stanislaus Katczinsky, der über den sechsten Sinn für dicke Luft, sprich: Chlorgas, verfügt, oder der belgische Kompanieführer De Wit, der sich besinnungslos in den Krieg stürzt, aus Verzweiflung über die vermeintliche Untreue seiner Frau im besetzen Heimatdorf. Da ist die flämische Mutter, die vom Handel mit den Soldaten leben muss, und die englische Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Verlobten an die Front zieht, um verwundete Soldaten zu pflegen. Immerhin gibt es für sie eine kleine, wenn auch nicht zu Ende erzählte Lazarett-Loyestory. Ansonsten: Allüberall menschliches Leid. Soldatisches und ziviles. Längst verteidigen sich diese gerade noch lebenden Gespenster nicht mehr vor einem „Feind“, sondern vor dem Tod an sich. Oft ist im Halbdunkel unklar, wer gerade spricht. Doch, es ist klar, nicht der Mensch, sondern der Krieg.

Es ist kaum auszuhalten. Die Geräusche sterbender Menschen und Pferde. Wimmern, weinen, wiehern. Bei Granatenangriffen drehen sich die Schauspieler wie Derwische. Die Schilderung entsetzlicher Verstümmelungen; Selbstverstümmelung als vermeintlicher letzter Ausweg. Projektionen auf den Bühnenhintergrund. Die Gratulationen der Kameraden an Amputierte. Heimwärts geht’s – röchelnd, ohne Bein oder ohne Arm. Der Irrsinn lauert an jeder Ecke. Oft lacht er. Katelijne Verbeke spielt als Mutter, deren Kinder nach und nach vom Schlachtfeld genommen werden, eindrucksvoll ein langsames Wahnsinnigwerden. „Wer hier nicht den Verstand verliert, muss zumindest das Gefühl verlieren“, heißt es an einer Stelle. Perceval gelingt es, die im Antikriegsgenre lauernde Heroisierung zu vermeiden, indem er seine Figuren mit respektvoller Distanz führt. Er verweigert sich dem Kommentar, bietet keine Erklärung für das Unbegreifbare. Einen Krieg, dessen Sinn seine Figuren nicht verstehen und dessen Struktur sie nicht durchschauen. Und so stehen einander im Schlussbild  Steven van Watermeulen und Bernd Grawert gegenüber und sprechen jeder für sich einen Monolog, zweisprachig. Zu verstehen ist: nichts.

„Front“, gerade auf Europa-Tournee, ist ein Abend, dem man sich ausliefern muss. Er tut weh, das muss man aushalten. Aber ihn nicht gesehen zu haben, ist keine Option.

Noch heute, 21. 2., im Landestheater Niederösterreich.

www.landestheater.net

Trailer: https://www.youtube.com/watch?V=zJQQfs8M81A

Wien, 21. 2. 2015