Schauspielhaus Graz: Die Neigung des Peter Rosegger

September 6, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Arzt auf den Spuren des Heimatdichters

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Zur Eröffnung der zweiten Spielzeit von Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz hat der junge Dramatiker Thomas Arzt „Die Neigung des Peter Rosegger“ beigesteuert. Nina Gühlstorffs Inszenierung hat am 15. September Premiere. Der Inhalt des Stücks ist zeitgemäß brisant, denn in einer kleinen österreichischen Gemeinde kippt die Statue des Heimatdichters gefährlich nach rechts, wodurch nach und nach auch die Dorfgemeinschaft ins Wanken gerät. Vorzeigebürgermeister Wiesinger versucht zu beruhigen, erwartet man doch eine Delegation der UNESCO, die den alten Stadtkern zum Weltkulturerbe erklären soll.

Zwischenzeitlich aber hat ein Seismologe mit seinen Nachforschungen begonnen. Vielleicht ist ja eine Verschiebung der Eurasischen Platte die Ursache des Rechtsrucks, mit der möglichen Konsequenz, dass hier, mitten in der Steiermark, einer dieser neuen Gräben entstehen könnte, von denen man neuerdings so viel liest. Irgendetwas jedenfalls liegt im Argen und der Wiesinger steckt mittendrin …

Wie kaum ein anderer österreichischer Dichter hat Peter Rosegger in seinem Werk der bäuerlichen Lebenswelt – dem einfachen Leben auf dem Land – ein literarisches Denkmal gesetzt und damit ein Bild von Heimat geschaffen, das bis heute nachwirkt. Eine Heimat, die Vertrautheit und Aufgehobensein vermittelt, die es zu schützen galt gegen Bedrohungen von außen, was auch Roseggers spätere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus begünstigte. Denn wo genau liegt die Grenze zwischen legitimer Sehnsucht nach einem „Daheim“ und der Angst vor dessen Verlust einerseits und Nationalismus respektive rechter Gesinnung andererseits? Fast 100 Jahre nach Roseggers Tod spürt der oberösterreichische Autor Arzt auf der Folie des ehemaligen „Waldbauernbubs“ eben dieser Frage mit feinfühligem Humor nach.

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Nico Link und Franz Xaver Zach rätseln über den Rechtsruck des Heimatdichters, Florian Köhler ist derweil auf der Pirsch. Bild: Lupi Spuma

Nico Link, Franz Xaver Zach, Florian Köhler. Bild: Lupi Spuma

„Die Idee kam vom Schauspielhaus Graz. Ich hatte für die Grazer Spielzeiteröffnung 2015 einen Monolog über Identität, Heimat und Nationalismus verfasst. Als sich die Themen im Zuge der Flüchtlingsdebatte wieder neu zugespitzt haben, wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Stück schreiben will, in Auseinandersetzung mit Peter Rosegger, der viel von dem, was wir als österreichische Identität bezeichnen, literarisch mitgeprägt hat, obwohl ihn heute kaum jemand mehr kennt. Ich war sofort begeistert“, sagt Thomas Arzt zu seinem jüngsten Werk. „Peter Rosegger ist ein Schriftsteller, der gern marginalisiert wird und den man auch extrem langweilig finden kann. Aber er ist, ohne seine Texte zu kennen, Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Verstaubt, fast vergessen, aber latent im Untergrund lauernd. Das hat mich neugierig gemacht.“

Es spielen Henriette Blumenau, Florian Köhler, Nico Link, Evamaria Salcher, Susanne Konstanze Weber und Franz Xaver Zach. Die Bühnenmusik kommt von Johannes Fruhwirth, Lea Geisberger und Marcus Weberhofer.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 6. 9. 2016

Schauspielhaus Graz: Iwan Wyrypajews „Betrunkene“

Mai 11, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefere Welterkenntnis dank Wodka

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Evamaria Salcher, Clemens Maria Riegler und Silvana Veit. Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Silvana Veit und Clemens Maria Riegler Bild: © Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

Am 13. Mai hat am Schauspielhaus Graz Iwan Wyrypajews „Betrunkene“ als österreichische Erstaufführung Premiere, übersetzt aus dem Russischen von Stefan Schmidtke. Es inszeniert Bernadette Sonnenbichler, es spielen Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Clemens Maria Riegler, Evamaria Salcher, Tamara Semzov, Werner Strenger und Silvana Veit. Sie verkörpern vierzehn Gestalten, die durch die Nacht torkeln.

 

Eben „Betrunkene“, die je nach Anlass den König Alkohol zum Feiern, Trauern, Vergessen oder Gedenken gebraucht haben. In verschiedenen Situationen treffen sie aufeinander, und es treffen auch jene aufeinander, die sich nüchtern nicht begegnet wären, sich nichts zu sagen gehabt hätten, oder die sich unter normalen Umständen nichts gesagt hätten. Das Publikum begegnet Ehepaaren und Junggesellen, einer Prostituierten, dem Direktor eines Filmfestivals, Bankern, Managern, Gutverdienenden – es sind nicht die Verlierer der Gesellschaft, die hier schwanken, sondern vor allem die Gewinner, die Bestimmer, die Entscheider, die Stützen der Gesellschaft. Bei allen hat der Alkohol vorübergehend die Kontrolle übernommen,  lockert die Zungen, löst Geständnisse aus, macht den Weg frei zu umfassender Ehrlichkeit. Und zeigt den schutzlosen, liebesbedürftigen, verletzlichen Menschen in seiner ganzen tragikomischen Lächerlichkeit.

Dass das Stück aus der Feder eines Russen stammt, verwundert nicht, sagt man diesem Volk doch eine besonders große Begabung zu alkoholbasierter tieferer Erkenntnis nach. Dass es mehr ist als eine heitere Posse, versteht sich von selbst: Schon im alten Griechenland war Dionysos, der Gott des Rausches, verantwortlich für die Entstehung dessen, was man bis heute Theater nennt und das wie manches religiöse Ritual die Grenze zur Transzendenz zu überschreiten versucht.

Und so macht der Rausch die Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen durchlässig und vereint die unterschiedlichen Gestalten der Nacht in einer Feier der Liebe und der Erkenntnis des Göttlichen innerhalb und außerhalb ihrer selbst. So, dass am Ende der Spielzeit, die mit „Merlin“ und der Zerstörung einer alten Ordnung und dem gescheiterten Versuch einer neuen Gesellschaft begann, die Utopie einer Welt steht, in der alle – und sei es nur eine berauschte Nacht lang – Brüder und Schwestern und von Gott geliebte Kreaturen sind. Na dann, na sdarowje!

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Iwan Wyrypajew. Bild: Lupovsko

Über den Autor: 

Iwan Alexandrowitsch Wyrypajew wurde 1974 in Irkutsk geboren, einem der politischen und wirtschaftlichen Zentren Sibiriens südlich des Baikalsees. Er ist einer der wichtigsten russischen Dramatiker seiner Generation und arbeitet als Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchschreiber. Seit 2001 lebt er in Moskau. Seine Stücke sind im deutschsprachigen Theaterraum seit 2003 zu sehen, in Wien zuletzt am Schauspielhaus, bei den Wiener Festwochen und im Theater Nestroyhof Hamakom.

Iwan Wyrypajew im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=2016

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 11. 5. 2016

Café Prückel: magda goebbels.deutsche mutter

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Androsch als „Gefährtin des Bösen“

Bild: Reinhard Steiner

Bild: Reinhard Steiner

Am 11. März wird im KIP-Kultur im Prückel das Zwei-Frauen-Drama „magda goebbels.deutsche mutter“ uraufgeführt. Das neueste Bühnenstück des österreichischen Dramatikers Helmut Korherr spiegelt in den Dialogen zwischen Magda Goebbels und ihrer gleichaltrigen Freundin und Schwägerin Ello Quandt die Ära des Dritten Reiches. Der Text gibt Einblick in das Leben der Frau von Joseph Goebbels. Magda schenkte acht und nahm davon sieben Kindern das Leben. In ihrer Ehe mit Goebbels kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen wegen der zahlreichen Seitensprünge des Propagandaministers. Mit den zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht weihte Goebbels seine Frau teilweise in die grausamen Verbrechen des Naziregimes ein. Magdas „braune Welt“ zerfiel immer mehr. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello ihren Selbstmord und die Vergiftung ihrer Kinder an…

Die Gespräche zwischen Magda Goebbels und Ello Quandt finden an verschiedenen Orten statt: auf dem Wohnsitz der Familie Goebbels auf Schwanenwerder, 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin, am Kurfürstendamm, in einem Nervensanatorium bei Dresden und auf Goebbels Yacht „Baldur“. Die einzelnen Schauplätze und Zeitpunkte werden mit Projektionen gezeigt. In der Regie von Christian Spatzek spielen Claudia Androsch (Magda Goebbels) und Gisela Salcher (Ello Quandt).

Die Biographie von Magda Goebbels beinhaltet erstaunliche Überraschungen und zahlreiche Ungeheuerlichkeiten.  Die uneheliche Tochter eines Dienstmädchens kam am 1.11.1901 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter Auguste Behrendt heiratete 1906 den jüdischen Lederhändler Friedländer, die Familie zog nach Brüssel und Magda verbrachte acht Jahre im Ursulinenkloster Vilvorde. Friedländer und Magdas leiblicher Vater, der wohlhabende Ingenieur und Bauunternehmer Dr. Oskar Ritschel, der in Magda eine lebenslange Faszination für den Buddhismus weckte, überboten sich in ihrer Fürsorge um das Mädchen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrten die Friedländers nach Berlin zurück, wo Magda eine Beziehung zu dem Zionisten und späteren israelischen Staatsmann Viktor Chaim Arlosoroff entwickelte, die mit dessen Emigration in den Nahen Osten endete. Magda war nicht bereit, ihm nach  Israel zu folgen.

1920 lernte Magda in einem überfüllten Zugabteil Günther Quandt kennen, einen der reichsten Männer im durch die Kriegsfolgen verelendenden Deutschland. Der zwanzig Jahre ältere Großindustrielle wollte die schöne, intelligente und stilsichere Neunzehnjährige zur Frau nehmen. Oskar Ritschel erkannte Magda als seine Tochter an und sie konnte „den jüdischen Namen Friedländer“ ablegen. Das ermöglichte 1921 die Heirat. Günther Quandt hatte zwei Söhne aus erster Ehe; im gleichen Jahr brachte Magda ihren ersten Sohn Harald zur Welt. Anscheinend suchte Magda permanent nach neuen Impulsen für ihr Leben in einer Ehe, die nur sieben Jahre halten sollte und die sie zunehmend als einen goldenen Käfig empfand. Ihr Mann war vollauf mit seiner Arbeit beschäftigt und erlaubte ihr nicht, den enormen Reichtum öffentlich zu genießen. Innerhalb der Familie Quandt wurde Magda, ähnlich wie ihre Schwägerin und lebenslange Vertraute Eleonore „Ello“ Quandt, aufgrund ihrer Herkunft geschnitten. Die gegenseitige Entfremdung der Eheleute schritt immer weiter fort; Magda nahm sich einen jugendlichen Liebhaber, und die Scheidung im Sommer 1929 war die logische Folge.

Magdas Begegnung mit den Nationalsozialisten geschah eher zufällig, zumal sie sich bis 1930 für Politik kaum interessiert hatte. In diesem Jahr hörte sie erstmalig eine Rede von Joseph Goebbels, der von Hitler nach Berlin geschickt worden war, um diese Stadt für die Nazis zu „erobern“. Am nächsten Tag trat sie in die NSDAP ein, übernahm ehrenamtliche Tätigkeiten und wurde schließlich Leiterin des Pressearchivs der Partei. Dort war sie Goebbels’ direkte Mitarbeiterin. Ab Februar 1931 deuten fortlaufende Nummerierungen in dessen Tagebuch auf die Anzahl der sexuellen Kontakte hin. Zwei Wochen später verlobten sich Magda Quandt und Joseph Goebbels und die beiden heirateten dann im Dezember 1931; Hitler war Trauzeuge. Anfänglich hütete Goebbels seine Ehefrau eifersüchtig, manche Historiker erwägen diese Eifersucht sogar als Grund für die Ermordung Arlosoroffs, die 1933 an der Küste des Mittelmeers geschah. Magdas Ehe mit Goebbels war kinderreich. Sie war zwischen 1932 und 1942 quasi ununterbrochen schwanger  und brachte trotz zahlreicher Fehlgeburten in dieser Zeit sechs Kinder zur Welt: Helga (1932), Hilde (1934), Helmut (1935), Hedda (1937), Holde (1938) und Heide (1940). Magda verbrachte viel Zeit auf Kuren und in Krankenhäusern. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends: Depressionen, eine Sepsis und Gesichtslähmung setzten der Ersten Dame des Dritten Reiches (dieser Titel wurde Magda nur von Emmy Göring streitig gemacht) zu. Darüber hinaus kam es regelmäßig zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten, größtenteils aufgrund der zahlreichen Affären des Propagandaministers. Dieser Zustand eskalierte im Zusammenhang mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova, die Goebbels 1936 kennen lernte. Mit der Baarova zeigte sich der Propagandaminister auch zunehmend in der Öffentlichkeit und demütigte somit Magda. Karl Hanke – er war Staatssekretär unter Goebbels – wurde zum ritterlichen Parteigänger der betrogenen Ehefrau. Die für eine Scheidung juristisch relevante Schuldfrage klärte er mit schriftlichen Beweisen für über 40 Affären des Ehemanns.

Hier schaltete sich Hitler ein. Er zitierte Magda auf den Obersalzberg und sprach sich gegen die Scheidung aus. Lida Baarova wurde „kalt gestellt“, die Eheleute unterschrieben einen Versöhnungsvertrag und zeugten ein „Versöhnungskind“. Mit zunehmenden Niederlagen der Wehrmacht teilte Goebbels seiner Frau mehr und mehr grausame Verbrechen mit, die von seiner Propaganda vertuscht und verdreht wurden. Zu den bereits lange vorhandenen physischen Problemen gesellte sich der Zerfall des Ideals, an das Magda glaubte. Im März 1945 kündigte sie ihrer Vertrauten Ello die Pläne für ihren Selbstmord an.

www.kip.co.at

www.helmutkorherr.at

Wien, 4. 3. 2014