Theaterfink: Da Einedrahra in der Leopoldstadt!

August 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wanderung durch eine Wiener Kriminalgeschichte

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Dass einem der Hauptdarsteller die Hand küsst, das ist schon was, selbst, wenn er nur ein Latexschädel in einem alten Gehrock ist. Küsst und danach abstaubt, weil Peter Ritter von Bohr, das war ein großer Abstauber. Die Truppe Theaterfink erzählt als zweiten Teil ihres Zyklus‘ „Von Grosskopfade und Sacklpicka“ seine Geschichte, ein spannendes Stück Wiener Kriminalgeschichte: „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“.

Das ist mehr als Straßentheater, vielmehr eine wundersame Wanderung über elf Stationen, authentische Schauplätze, an denen der Betrüger sein Unwesen trieb und nun wieder treibt, vom Alexander-Poch-Platz bis in die Praterstraße. Mehr als eine Verquickung von Schauspiel und Puppenspiel, vielmehr ein saftiges Stück Volkstheater, das sich als freches Instrument zum politischen Aufbegehren versteht. Dazu von Ernst Molden erdachte Moritaten – da muss man im mehrfachen Wortsinn mitgehen.

Die Figur Peter Ritter von Bohr ist zu gut, um erfunden worden zu sein. 1773 in Luxemburg geboren, kam der Künstler und Erfinder durch Wechselgeschäfte mit Napoleons Truppen zu einem ansehnlichen Vermögen, das sich danach allerdings wie von selbst vermehrte. Eine der Erfindungen Bohrs war ein Gerät zur Erstellung von Sicherheitsmerkmalen beim Druck von Banknoten. Bohr kaufte bald halb Wien auf, hatte Geschäftspartner bis in allerhöchste Kreise, Metternich war einer seiner Schuldner, der gute Kaiser Franz lobte seine Unternehmungen, er war 1819 Mitbegründer der Ersten Österreichischen Spar-Casse mit Sitz Alexander-Poch-Platz – und flog 1845 durch Ermittlungen des Kommissär Felsenthal als Geldfälscher im großen Stile auf. Nach seiner Verurteilung beriet er die Nationalbank punkto fälschungssicherer Banknoten. Wer nun aktuelle Bezüge zu heute mutmaßt oder unerwünschte Ähnlichkeiten sieht, der hypoventiliert. Jedenfalls, historisch 1906 wurde Bohrs Haus in der Tivoligasse, das „Banknotenhäusel“, abgerissen – und bei den Arbeiten fand man ein männliches, mumifiziertes Skelett in einem Fass. Wer das war? Und von wem ermordet – von Bohr? Man weiß es nicht.

Genau hier fängt „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“ an. Nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink, hat die Fink einen g’scheiten, akribisch recherchierten Text geschrieben, den Frau Prinzipalin auch selbst in Szene setzte. Das ist nicht nur eine Hetz‘, sondern was fürs Hirn, was man da alles an Geschichte und G’schichtln erfährt. Und die Leute marschieren mit, zwei Hunde auch, fotografieren, schauen aus den Fenstern ihrer Wohnungen auf die Gassn, wobei sich ein besonders keifertes Waschweib später als Mitakteurin entpuppt, kommen aus Cafés und Beisln und weichen hurtig den ohne Rücksicht auf Verluste agierenden Darstellern aus. Spektakel müssen sein. Und das darob höchst amüsierte Publikum mittendrin.

Einige honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl der Künstler. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl des Künstlers. Bild: Joseph Vonblon

Eva Billisich spielt die arbeitslose Pathologin Edith, die von ihrer ehemaligen Studienkollegin, nun pragmatisierte Bundesdenkmalamtsbeamtin, Hanni (Claudia Hisberger) gebeten wird, sich die störende Leich‘ anzuschauen. Heißt: in einem gefakten Gutachten zu bescheinigen, dass es sich bei ihr nicht um einen historisch relevanten Fund handelt. Da prallen sie aufeinander, die beiden Welten der Linksgedrehten mit dem Flachmann und der Gutsituierten mit dem Aktenmapperl, und es kommt der großartigen Billisch zu, die Moritaten vom Geld und wie ihm die Menschen hinterherkräun zu singen. Wie eine finanzgeile Fledermaus plustert sie sich dazu vor dem Johannes-von-Gott-Denkmal auf, und der Ordensgründer der Barmherzigen Brüder scheint ihr recht zu geben. „Die Stadt wächst und mit ihr das Konto einiger weniger.“

Im Kriminalmuseum, passenderweise, stellt sich der Schurke persönlich vor – „Der Armen sind viele und es kann ein lukratives Geschäft sein, in die Wohltätigkeit zu investieren“ -, und ein Spiel auf zwei Zeitebenen beginnt. Ediths Schnodern vs Bohrs elegant altertümlicher Ausdrucksweise. Und seiner Galanterien gegenüber den Damen. Das ist sehr charmant. Während die beiden Freundinnen Fundstücke vom Tatort untersuchen, beginnt parallel eine Zeitreise in den Vormärz, wo sich die Schlinge um Bohr immer enger zieht. Walter Kukla haucht der beinah menschengroßen Puppe Leben ein. Den ihn verfolgenden Kommissär Felsenthal muss Knopfharmonikaspieler Walther Soyka auf dem Buckl ertragen. Hinter Fotowänden melden sich honorige Herren der Wiener Gesellschaft, die besten Köpfe, ja selbst das gekrönte Haupt und sein Kanzler, zu Wort.

Georg Mittendrein ist als GenI.a.D. Agent Schwarzhappl mit von der Partie, aber mittlerweile sind die Zuschauer sowieso alle in den Spitzelstatus erhoben. In Gruppen aufgeteilt wird man vor Bohrs Wohnhaus, Jägerzeile Nr. 520, auszuschwärmen und es zu umstellen haben. Habt acht!, die Fink scheucht Unentschlossene auf ihre Positionen. Die schönste Puppe ist die von ihr bewegte Frau Bohr, Mathilde Gräfin Christalnigg, grasser geht’s nicht, die die Nerven verlieren und ihren Mann verraten wird. Es kommt ergo zum Showdown beim Nestroydenkmal, wo Bohr sein sentimentales Schlusslied vom unverstandenen Wohltäter singen darf. Es gibt zu sehen, wer im Fass ist, und zu erfahren, warum Hanni die Leich‘ unbedingt wieder verschwinden lassen will.

Die Moral von der Geschicht‘ ist nämlich: Die Reichen haben alle eine im Keller. Oder wie die Billisch sagt: „Die Großkopfaden glauben, Geld steht ihnen zu.“ Das ist, im Falle dieser Inszenierung, so lustig, weil es wahr ist. Mitwandern, mitwundern! Dieser Streifzug durch die Welt der gewieften Finanz-Einedrahra ist sehenswert.

Vorstellungen bis 16. August. Am 1. September übersiedelt Peter Ritter von Bohr an seine zweite Wirkungsstätte in den 23. Bezirk: „A Einedrahra kommt nach Liesing!“

www.theaterfink.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AEunfKJFDh8

Wien, 12. 8. 2016

Von Grosskopfade und Sacklpicka

Juni 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wiederaufnahme wegen des großen Erfolges

Bild: Barbara Palffy

Bild: Barbara Palffy

Wegen des großen Publikumsinteresses lädt theaterfink auch heuer ab 2. Juli zum sommerlichen Stationentheater im öffentlichen Raum: „Auf der Landstraße, da gibt´s a Hetz!“ handelt von wahren Begebenheiten im dritten Bezirk. Mit Liedtextungen und Kompositionen des urbanen Rhapsoden: Ernst Molden. Genial interpretiert vom Großmeister der Knöpferlharmonika: Walther Soyka. Ein Stück nach wahren Begebenheiten von  Susita Fink und Claudia Hisberger. Idee: Gabriele Müller-Klomfar & Susita Fink. Das Publikum folgt den Darstellern auf geschichtlichen Spuren Wiens zu authentischen Schauplätzen, um den meuchlerischen Mord an der alten Hetzmeisterin aufzuklären. Ein Streifzug durch das Wien im Biedermeier. Eine Zeit aus der erhaltene, romantisch anmutende Gebäude uns glauben machen wollen, sie wäre schön gewesen. Doch das war sie nur für die Reichen, die „Großkopfaden“. Den „Sacklpickan“ ist es da ganz anders ergangen – beengte Wohnverhältnisse, Not und Ausbeutung waren deren Alltag. Davon zeugen keine Bauten. Einerseits auf Grund der schlechten Bausubstanz, anderseits weil die Geschichte der armen Bevölkerungsschicht nicht als so erhaltenswürdig erachtet wurde und wird. Gerne wollen wir glauben, die Verhältnisse hätten sich verändert, die Menschen und das Gesellschaftssystem haben sich weiterentwickelt. Doch man entdeckt die Gegenwart, wenn man ein Stück Vergangenheit entstaubt. Als Vorlage zum Stück dienen historische Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts. Zum einen ist das der Mord an der alten Hetzmeisterin aus dem Jahr 1830 („Wiener Pitaval“, Edition Seyrl, Wien-Scharnstein 2000, S. 99–102), und zum anderen der Mord an einer betagten Hausbesitzerin auf der Landstraße (ebd.: S. 116-122) im heutigen dritten Wiener Gemeindebezirk. In beiden Fällen liegt eine Ursache für die Tat in den gesellschaftlichen Verhältnissen des Biedermeiers und der drückenden Armut eines Großteils der Bevölkerung.

theaterfink verwebt aus dramaturgischen Zwecken die beiden Fälle zu einem spannenden Kriminalfall, in dem nicht nur ein Mord geklärt wird: auch Kuppelei, Ausbeutung und ein Finanzskandal um ein großes Bauprojekt spielen eine Rolle. theaterfink macht nicht einfach Straßentheater. Kein Ort ist zufällig gewählt. Wenn ein Stück auf die Straße gebracht werden soll, werden Orte gesucht, die einen Bezug zum Inhalt des Stücks haben. Das Publikum wandert einfach mit. Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit steht das Inszenieren mit den Mitteln des Figurentheaters. Puppentheater – aus seiner Historie heraus das Theater für die kleinen Leute – das Volkstheater, das zu den Menschen kommt. Puppentheater  war Straßentheater und trug mit seinen immer wieder aktualisierten Stücken, durch die Kunst des Extemporierens geprägt, Nachrichten von Verbrechen, politischen Neuerungen, Geschichten sowie G’schichtln ins Land hinein. Das musikalische Element darf hier natürlich nicht fehlen! Straßenmusikanten waren zur damaligen Zeit nicht nur gern gesehene und gehörte Überbringer von Neuigkeiten, sondern auch willkommene Unterhaltung. Heute noch bleiben wir gern bei guter Musik stehen und lassen uns aus dem Alltag reißen, um zu lauschen. Leider ein Genuss, in den wir, durch Regeln und Gesetze eingeschränkt, nicht mehr so ohne Weiteres kommen. Kriminalgeschichte ist Kulturgeschichte. Dank der Wiener Kriminalchronik bekommen wir auch Einblick in die Lebensweise jener Leute, die aus der gängigen Geschichtsschreibung ausgeklammert wurden. Der ständige Konflikt zwischen Obrigkeit und Untertan, zwischen Staat und Bürger kommt hier zum Ausdruck. Auch die Vielfalt der sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Ablauf der Zeit wird hier beschrieben – sowie das ganz private Leben und Umfeld der Menschen anno dazumal.

Inhalt: Wien im Biedermeier, fast 25 Jahre nachdem das Hetztheater gebrannt hat. Der Wiener Kongress ist zu Ende, Europa neu geordnet, es herrscht Frieden. Die Kinder spielen auf den Straßen und in idyllischen Hinterhöfen. Reich und Arm gibt sich – jeder nach seiner Fasson – den Vergnügungen hin, und die sind dicht gesät in Wien. Theater, Tanz, Kaffeehaus oder ein gemütlicher Gastgarten der Brauhäuser – die Bürgerinnen und Bürger der Kaiserstadt haben die Wahl. Doch der Schein trügt. In einem Hinterhof auf der Landstraße wird eine alte Frau tot aufgefunden. Die Witwe des letzten Hetzmeisters im Hetz-Amphitheater unter den Weißgerbern. Auf den ersten Blick sieht es wie Selbstmord aus, aber der zuständige Kommissär lässt sich nicht täuschen. Die Hetz beginnt! Kommissär Josef Hauptmann macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Hilfe bekommt er von der in ganz Wien bekannten Schauspielerin Fanny Nowak. Diese kennt die Höhen und Tiefen der Wiener Gesellschaft, sowie die der Vorstadt. Es wird eine Reise in die Vergangenheit, während der nicht nur die fragwürdigen Vergnügungen der Wiener Gesellschaft beleuchtet werden…

Die Stationen: Das Publikum folgt den DarstellerInnen zu den einzelnen Stationen. Die bespielten Orte im öffentlichem Raum sind nicht nur Bühnenbild, sie fügen sich in die Szenerie der Handlung.. Alle Stationen befinden sich in 1030 Wien / Erdberg und Landstraße und sind öffentlich erreichbar mit der U3 Station Rochusmarkt (Aufgang Hainburgerstraße). Die DarstellerInnen führen das Publikum durch historische Gässchen, wie die Salmgasse,  zu prächtigen Palais, historischen Gebäuden, städtischen Grünoasen und versteckten Hinterhöfen. Die Reise endet in einem urigen Lokal – „The Golden Harp“ – das zu anschließendem gemütlichen Beisammensein oder hitziger politischer Diskussion bei Speis und Trank einlädt.

  • 1. STATION (Treffpunkt) des Streifzuges ist der Rochuspark. Im Zuge des U-Bahn-Baus wurde dieser Park an Stelle alter Hinterhöfe neu angelegt. Benannt ist er nach dem „Pestheiligen“ Rochus, dem Schutzpatron der Apotheker, Ärzte, Chirurgen, Totengräber, sowie der Siechenhäuser und Spitäler. Wie damals in den Hinterhöfen spielen auch im neuen Park die Kinder alte und neue Kinderspiele. Hier trifft der Protagonist des Stückes, Josef Hauptmann, seine Angebetete, die Schauspielerin Fanny Novak, die von einem Besuch bei Franz Schubert kommt. Sie spielt eine tragende Rolle in dem Melodram „Die Zauberharfe“, für das er die Bühnenmusik komponierte. Das Stück feierte im August 1820 im Theater an der Wien seine Premiere, war aber nicht sehr erfolgreich. Das Publikum folgt den spielenden Kindern zur
  • 2. STATION: Innenhof des Biedermeierhauses mit Durchgang zur Kundmanngasse 35-37. Hier wird die alte Hetzmeisterin tot aufgefunden. Dieses Haus wurde um 1798 als bürgerliches Zinshaus errichtet.
  • 3. STATION: Ecke Kundmanngasse/Erdbergstraße befindet sich auf Kundmanngasse 29 eines der ältesten Häuser Erdbergs: Die 1783 gegründete Petrus-Apotheke. Gegenüber in einer ruhigen Nische verhört Herr Hauptmann die Tochter der Toten, Therese Hödl, geborene Stadelmann. Die damalige K.K. Polizei-Bezirks-Direktion befand sich tatsächlich auf Landstraße 374, heute Ungargasse 25.
  • 4. STATION: Rochusmarkt, auch bekannt als Augustinermarkt. Fanny Novak bietet dem Kommissär Hauptmann ihre Hilfe an. Auf dem Dreiecksplatz vor der heutigen Rochuskirche befand sich bis 1784 der Nikolaifriedhof mit der Nikolaikirche. Nach der Auflösung des Friedhofes entstand hier der Augustinermarkt, benannt nach dem Augustiner-Orden, der 1642 ein Kloster und die Kirche baute, welche dem Pestpatronen St. Rochus und St. Sebastian geweiht wurde.  1720 bekam die Rochuskirche ihre heutige Gestalt. Die Tradition des Marktlebens im Dritten Bezirk reicht bis ins Mittelalter zurück. Vom Heumarkt zeugt noch der Straßenname „Am Heumarkt“ und einer der größten Viehmärkte Wiens, der Ochsengries,befand sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts in der Gegend des heutigen Wien Mitte und der Invalidenstraße dem Wienfluss zu, nahe dem Hetztheater. Es stand dort, wo heute die Hetzgasse auf die Hintere Zollamtstraße trifft. 1797 wurde der Ochsengriesgeschlossen und der Viehhandel nach St. Marx verlegt, um dem Bau des Wiener Neustädter-Kanals Platz zu machen. Der Wiener Neustädter-Kanal war als Großprojekt geplant. Er sollte Wien über Ungarn und die Flüsse Drau, Save, Savica und Isonzo mit der Adria verbinden. 1797 wurde der Bau in Angriff genommen, doch die Kriegshandlungen mit Frankreich beeinträchtigten die Finanzierung, obwohl der Kaiser Teilhaber an der k.k. privilegierten Steinkohlen-& Canalbau A.G.war. Auf der Suche nach billigen Arbeitskräften wurden erst „Gastarbeiter“ aus Kroatien und Militärarbeiter eingesetzt. Der Arbeitseinsatz von Sträflingen verursachte Unruhen in der Bevölkerung, weshalb ab 1800 auf diesen verzichtet wurde. Stattessen wurden Pioniere des Heeres zum Bau abkommandiert, die allerdings bald wieder im Frontdienst eingesetzt werden mussten. 1803 konnte der erste Schiffzug von Wien nach Wiener Neustadt starten. 1808 wurde mit dem Weiterbau begonnen, jedoch wegen der zu hohen Kosten wieder eingestellt. Der Kanal reichte nur bis Pöttsching und war auch nicht sonderlich rentabel. Laut Berichten aus den Jahren 1814 bis 1818 brachte die wirtschaftliche Situation den Kanal in die roten Zahlen, was eine hohe Subvention aus der Staatskasse erforderlich machte. 1818 wurde die Kanalverwaltung gar in einer gerichtlichen Anzeige „der unredlichen Geldgebahrungen“ beschuldigt. Es folgte ein Untersuchungsausschuss, der allerdings wie das „Hornberger Schießen“ endete. Trotz großer Anstrengungen führte er zu keinem Erfolg.
  • 5. STATION: Ecke Siegelgasse/Rasumofskygasse, an der die Kartenaufschlägerin, die Gruberin, verhört wird. Der Gebäudekomplex Rasumofskygasse 20-24 wurde ab 1803 als Stall- und Wirtschaftsgebäude des gegenüberliegenden Palais erbaut. Nach dem Tod des Fürsten 1836 wechselte die Anlage mehrmals den Besitzer. Ab 1848 wurden die ein- bis zweigeschossigen Wirtschaftsgebäude aufgestockt und als Zinshäuser adaptiert. Vor etwa 100 Jahren war hier eine alte Metallbearbeitungsstätte untergebracht, später ein kleines Atelier, als das es nun auch alsMikes Werkstattgenutzt wird.
  • 6. STATION: vor dem Palais Rasumofsky (Ecke Rasumofskygasse/Geusaugasse). Hier möchte Fanny Novak mit Josef Hauptmann den Ball im Palais besuchen. Doch die Großkopfaden lassen den Kommissär nicht ein. Fürst Andrej Rasumofskyließ sich 1806/07 von Luis Montoyer ein prächtiges Palais erbauen, das über eine ausgedehnte Parkanlage verfügte, die bis an die Donau reichte. Während des Wiener Kongresses war Rasumofsky Geheimbotschafter des Russischen Zaren, für den er etliche Bälle in seinen prunkvollen Räumlichkeiten ausrichtete. In der Silvesternacht 1814/15 brach in den Räumen des Palais ein vernichtender Brand aus und das Gebäude wurde nur in vereinfachter Form wieder aufgebaut.
  • 7. STATION: das ehemalige Palais Salm / Salmgasse dient als Kulisse für das Verhör des Koches des Fürsten von Widmann. Die Salmgasse legt uns Zeugnis ab, dass es im Biedermeier zum guten Ton des reichen Bürgertums und des Adels gehörte, sich ein Sommerpalais im Grünen zu leisten. Hier waren sie zwar nicht ganz unter sich, denn weder die ärmere Vorstadt unter den Weißgerbern noch das ländliche Erdberg waren weit entfernt. Doch vielleicht machte gerade das den Reiz aus. In der Salmgasse befanden sich allerdings nicht nur prächtige Palais, wie das 1828-1832 für Leonard Walter erbaute Palais Salm oder das für den Freiherren von Widmann erweiterte ehemalige Palais Sylva-Tarucca eine Hausnummer weiter. Gleich daneben befand sich ein für unsere Geschichte besonders wichtiges Gebäude. Dort, wo nun die Salmgasse Nr. 6 steht, befand sich laut alter Pläne in der damaligen Gemeindegasse das Haus mit der Konskriptionsnummer Landstraße 71. Wir passieren also den Ort des Verbrechens, auf dem das Stück aufbaut.
  • 8. STATION: Vor dem Capkapark. Hier wird die Gruberin neuerlich verhört. Der Park ist benannt nach dem früheren Bürgermeister von Wien, Ignaz Czapka. Czapka studierte an der Uni Wien Jus und trat 1815 als geprüfter Zivil- und Kriminalrichter beim Magistrat  ein.
  • 9. STATION: Grete-Jost-Park. Fanny Novak trifft auf Georg Resniczek . Der Grete-Jost-Park wurde im Zuge des U3-Baus in den 1990er-Jahren neu angelegt und nach der österreichischen Widerstandskämpferin Margarete Jost benannt. Grete Jost, geboren 1916, lebte im 3. Bezirk und wurde 1943 in Wien hingerichtet. Für uns steht der Park jedoch auch als Überbleibsel der vielen Grünoasen, die Gastgärten der Wirts- und Brauhäuser, die bis ins 20. Jahrhundert Speis, Trank und Unterhaltung boten. Volks- und Trivialkunst haben auf der Landstraße eine große Tradition. Der Kaiser erließ sogar ein Dekret für die Vermehrung der Brauhäuser, in dem verfügt wird, „dasz grosze Kapitalisten solch gemeinnützige Unternehmen im Groszen errichten“ sollen (Hauer: S.90).
  • 10. STATION: Erdbergstraße. Resi Stadelmann erfährt, wer ihre Mutter gemeuchelt hat. Wir passieren den Schubertturm mit der Gedenktafel: „FRANZ SCHUBERT wohnte im Jahre 1816 in diesem Hause. Am 24. Juni 1816 wurde hier im Garten seine Kantate PROMETHEUS aufgeführt. Gestiftet vom Wiener Schubertbund1923“. Abschluss im Lokal „The Golden Harp“ Erdbergerstraße 27. Die Lösung des Falles. Ob Kommissär Hauptmann von seiner Angebeteten Fanny erhört wird?

Treffpunkt: A-1030 Wien; U3-Station Rochusgasse, Ausgang Hainburgerstraße. Anmeldung unbedingt notwendig!

www.theaterfink.at

Von Grosskopfade und Sacklpicka

August 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

theaterfink: „Auf der Landstraße, da gibt’s a Hetz!“

Bild: Cornelia M. Gregor

Bild: Cornelia M. Gregor

Lust auf einen Streifzug durch die Wiener Kriminalgeschichte mit Schauspiel, Puppenspiel & musikalischem Treibstoff? Den bietet ab 29. August „theaterfink“ nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink. Auf den Spuren historischer Kriminalfälle führt dieses Stationentheater im öffentlichen Raum zu authentischen Schauplätzen – eine Zeitreise ins Wien des Biedermeier… Als Vorlage zum Stück dienen der Mord an der alten Hetzmeisterin aus dem Jahr 1830 und der Mord an einer betagten Hausbesitzerin auf der Landstraße.In beiden Fällen liegt eine Ursache für die Tat in den gesellschaftlichen Verhältnissen des Biedermeiers und der drückenden Armut eines Großteils der Bevölkerung. „theaterfink“ verwebt die beiden Fälle zu einem, in dem nicht nur ein Mord geklärt wird: auch Kuppelei, Ausbeutung und ein Finanzskandal um ein großes Bauprojekt spielen eine Rolle. Und das Publikum wandert einfach mit.

Zum Inhalt: Wien im Biedermeier, fast 25 Jahre nachdem das Hetztheater gebrannt hat. Der Wiener Kongress ist zu Ende, Europa neu geordnet, es herrscht Frieden. Die Kinder spielen auf den Straßen und in idyllischen Hinterhöfen. Reich und Arm gibt sich – jeder nach seiner Fasson – den Vergnügungen hin, und die sind dicht gesät in Wien. Theater, Tanz, Kaffeehaus oder ein gemütlicher Gastgarten der Brauhäuser – die Bürgerinnen und Bürger der Kaiserstadt haben die Wahl. Doch der Schein trügt. In einem Hinterhof auf der Landstraße wird eine alte Frau tot aufgefunden. Die Witwe des letzten Hetzmeisters im Hetz-Amphitheater unter den Weißgerbern. Auf den ersten Blick sieht es wie Selbstmord aus, aber der zuständige Kommissär lässt sich nicht täuschen. Die Hetz beginnt! Kommissär Josef Hauptmann macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Hilfe bekommt er von der in ganz Wien bekannten Schauspielerin Fanny Nowak. Diese kennt die Höhen und Tiefen der Wiener Gesellschaft, sowie die der Vorstadt …

Die Stationen: Das Publikum folgt den DarstellerInnen zu den einzelnen Stationen. Die bespielten Orte im öffentlichem Raum sind nicht nur Bühnenbild, sie fügen sich in die Szenerie der Handlung.. Alle Stationen befinden sich in 1030 Wien / Erdberg und Landstraße und sind öffentlich erreichbar mit der U3 Station Rochusmarkt (Treffpunkt: Aufgang Hainburgerstraße). Die DarstellerInnen führen das Publikum durch historische Gässchen, wie die Salmgasse, zu prächtigen Palais, historischen Gebäuden, städtischen Grünoasen und versteckten Hinterhöfen. An den Stationen wird mit den Mitteln des Schauspiels und Figurentheaters gespielt. Doch auch der musikalische Aspekt kommt nicht zu kurz. In der Tradition der seinerzeitigen Bänkelsängern wird die Handlung durch Moritaten kommentiert und verdichtet. Die Texte und die Musik  hierzu wurden eigens von Musiker Ernst Molden kreiert. Der Virtuose auf der Knopfharmonika Walther Soyka liefert den musikalischen Treibstoff auf der Recherche nach dem meuchlerischen Mörder. Die Reise endet in einem urigen Lokal – „The Golden Harp“ – das zu anschließendem gemütlichen Beisammensein oder hitziger politischer Diskussion bei Speis und Trank einlädt.

Es spielen: Walter Kukla (Polizeikommissär), Susa Kratsch (Fanny Novak), Claudia Hisberger (Puppenspiel) – und vielleicht auch ein wenig das Publikum …

www.theaterfink.at

Wien, 23. 8. 2013