Crescendo – #makemusicnotwar: Peter Simonischek auf Barenboim’schen Spuren

Oktober 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Kraft der Musik kann Frieden schaffen

Will die israelischen und palästinenschen Musikerinnen und Musiker zum Orchester formen: Peter Simonischek als Dirigent Eduard Sporck. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Man kann einander nicht hassen, wenn man gemeinsam Musik macht. Von dieser Idee ist Daniel Barenboim zutiefst überzeugt, als er 1999 mit Edward Said und Bernd Kauffmann das West-Eastern Divan Orchestra gründet. Das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern zusammengesetzte, weltweit gastierende Symphonieorchester ist die Vision eines friedlichen Zusammenlebens der Völker im Nahen Osten.

Und ganz klar Inspirationsquelle für Dror Zahavis aktuellen Film „Crescendo – #makemusicnotwar“, der, nachdem er #Corona-bedingt im Mai nicht starten konnte, gestern Abend das Jüdische Filmfestival Wien 2020 eröffnete, und ab Freitag österreichweit in den Kinos zu sehen ist. Die noch von Artur Brauner angedachte Produktion hat nun seine Tochter Alice Brauner realisiert. Das Drehbuch verfasste Zahavi zusammen mit Johannes Rotter.

Ein Orchester als Friedensprojekt. Das beginnt natürlich mit Zank und Zoff. Wackelige Handy-Videos zeigen die Vorbereitung zweier Kids aufs Vorspielen. Er in schicker Stadtwohnung der Musik hingegeben, sie voll verzweifelter Wut, Tränengas, Steinhagel, Panzer, Tel Aviv vs Westbank, Schikanen am Checkpoint, die palästinensischen Musikerinnen und Musiker kommen zu spät ins Konzerthaus, wo der arrogante israelische Jungstar schon heftig aufgeigt …

Im Rahmen einer Friedenskonferenz in Südtirol soll ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester als Brückenbauer dienen, so denkt sich das Klara de Fries, Bibiana Beglau, von der „Stiftung für effektiven Altruismus“ und zuständig für das Abendprogramm, als sie den weltberühmten Dirigenten Eduard Sporck für ihr Anliegen begeistern will. Ein Zeichen gegen animose Ideologien und gegen Intoleranz, an das Peter Simonischek in einer Paraderolle als bärbeißiger Maestro mit einem hingeworfenen „Ich spende schon fürs Rote Kreuz!“ nicht so recht glauben will.

Omar wird am Checkpoint aufgehalten: Mehdi Meskar. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Während Layla schon beim Vorspielen ist: Sabrina Amali (li.) © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Romeo und Julia: Mehdi Meskar als Omar und Eyan Pinkovich als Shira. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Gemeinsam feiern macht Freunde: Daniel Donskoy als Ron und Sabrina Amali. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Doch Sporck hat eine eigene schwierige Geschichte, die Eltern waren Birkenau-„Ärzte“, diese innerfamiliäre NS-Vergangenheit nagt an ihm, und so sagt er schließlich zu. Zahavi wechselt Schnitt für Schnitt die Schauplätze und die Protagonisten. Violinistin Layla, Sabrina Amali, von ihrer Mutter als Verräterin an der palästinensischen Sache beschimpft, erklärt ihre Geige zur „Waffe“ im Kampf um Respekt und Gerechtigkeit. Später sieht man Layla, gestoppt von einer israelischen Soldatin. Der Geigenkasten ist verdächtig, Layla, die ihre Einladung zum Vorspielen herzeigen will, sofort als aufsässig eingestuft. Angst führt zu Aggression. Auf beiden Seiten.

Dem Klarinettisten Omar, Mehdi Meskar, der bisher mit der Familienband auf Hochzeiten spielte, sagt der Vater: „Sporck, das ist Porsche. Wenn du etwas lernen willst, geh zu ihm. Ist doch egal, ob da auch Juden spielen.“ Der israelische Violinist Ron, Daniel Donskoy, trumpft mit seinem Selbstbewusstsein auf, und wird doch bei Sporck nur die zweite Geige spielen. Auf ein „Alhamdullilah“ folgt ein „Scheißjuden“/„Selbstmordattentäter“ folgt „Kein Frieden mit den Arabern!“/„Palästina den Arabern!“ folgt ein „Don’t talk politics“. Ein Landstrich und keine Verständigung. Man versteht sich nicht. Auch sprachlich nicht.

Und Hornistin Shira, Eyan Pinkovich, trifft zum ersten Mal Omar. Eine Begegnung aus der ein israelisch-palästinensisches „Romeo und Julia“ wird. Inmitten all der jungen Schauspieler und Laiendarsteller, diese dafür die echten Musiker, blüht Lehrmeister Simonischek-Sporck regelrecht auf. Seine Unterrichtsmethode: liebevolle Strenge, tadelnde Milde und mitunter im Abgang ein „Arschloch“ – sagt Poser Ron, der Sporcks Autorität permanent auf die Probe stellt. Bald rebellieren die Fanatiker da wie dort, die israelischen Musikuni-Studenten gegen die palästinensischen Autodidakten, nur Shira und Omar können vorurteilsfrei aufeinander zugehen.

Friedensgespräche im Südtiroler Sitzkreis: Maestro Sporck dirigiert seine Schützlinge. © Stadtkino Filmverleih / CCC / Bild: Oliver Oppitz

Also legt Sporck seinen Vivaldi erst einmal beiseite und veranstaltet Respekt-Workshops. Die Probenzeit vorm Südtiroler Postkartenidyll wird zum Kraftakt, denn auch fernab vom Konfliktherd brodeln die Ressentiments der Jugendlichen hoch, und „Crescendo – #makemusicnotwar“ zum Versöhnungsmovie, das mit höchst authentisch anmutenden Szenen den Nahostkonflikt im Kleinen nacherzählt. Dror Zahavi findet einige beklemmende Metaphern für diesen Zustand zwischen Erstarrung und Eskalation. In seinen Bildern wie in den von ihnen festgehaltenen Menschenschicksalen vermittelt der Film die Gefühlslagen beider Seiten eindrücklich und voller Verständnis.

Stark ist die Szene, in der Sporck die Jugendlichen veranlasst ihre Feindseligkeiten, in der x-ten Generation instrumentalisiert und konserviert, rauszubrüllen. Sich bis zur Erschöpfung anzuschreien. Aus Frust und Furcht wird eine Friedensübung. „Frieden“, sagt Ron, „ist Science Fiction“, aber einer muss den ersten Schritt machen. Der „Ausländer“, der „Migrant“, der „Flüchtling“- „die“ sind gefährlich, nur der woher auch immer stammende Nachbar ist ein Freund. Und so sollen alle Nachbarn sein. Dies die Botschaft dieses durch und durch humanistischen Dramas.

In den vielen Einzelepisoden stechen Mehdi Meskar und Eyan Pinkovich mit ihrem einfühlsamen Spiel hervor, der schüchterne Omar, die freche Shira und ihre Love Story, Sabrina Amali mit ihrer enorm kraftvollen Darstellung der Layla und Daniel Donskoy als von seinem Talent so überzeugter wie gebeutelter Ron – der am Ende die Grenzen, die Ausgrenzung tatsächlich überwindet. Ob dies Ende happy wird, wird sich zeigen. Im Film jedenfalls …

www.crescendofilm.de

8. 10. 2020

Burgtheater: The Party

September 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linksliberale Idyll kippt aus der Balance

Gesundheitsministerin, ade: Während Janets Wahlkampf ging Bills Liebe flöten: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

„Bill krank. Zwischen uns aus.“ So knapp, per SMS, werden heute Beziehungen beendet. Es ist Janet, die diese Kurznachricht in ihr Handy klopft, an wen diese adressiert ist, wird noch der Clou des Abends werden und die Feierlaune im Freundeskreis endgültig zunichte machen. Regisseurin Anne Lenk, eines der vielen neuen Gesichter, die Martin Kušej in Wien präsentiert, brachte gestern am Burgtheater Sally Potters Stück „The Party“ zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Die britische Filmemacherin hat ihr tragikomisches Kino-Kammerspiel aus dem Jahr 2017 mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz und Timothy Spall (www.theparty-derfilm.de) selbst für die Bühne adaptiert, zum hörbaren Amüsement des Publikums, Lenk und Dramaturgin Sabrina Zwach sich neun Tage vor der Nationalratswahl naheliegende Querverweise auf österreichische Politquerelen jedoch erspart. Man belässt’s bei very british, und dass die Inszenierung auch so zündet, hat wohl in erster Linie mit den hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, bis auf Christoph Luser alle „alte Mann/Frauschaft“, und damit, dass Brexit-Boris Johnson auch hierzulande medial allgegenwärtig ist.

Die Story, die Sally Potter erzählt, ist eine grausame, zeigt sie doch, wie schnell das liberale Idyll „of what is morally right and politically left“ aus der Balance kippen kann, wenn Persönliches beginnt, das Politische zu unterminieren. Die Zuschauer sind zu Gast auf einer Party zu Ehren von Janet, die eben zur Gesundheitsministerin des sozialdemokratischen Schattenkabinetts gewählt wurde (die im Englischen gegebene Ambiguität „Party = Fest + Partei“ geht im Deutschen verloren), und in deren Verlauf drei von vier Paaren ihre Beziehung in Schutt und Asche legen werden.

Eingeladen haben Janet und ihr Ehemann, der Antikenexperte Bill: Janets längst gediente Freundin April, die seit Studientagen revolutionären Aktionismus dem Parlamentarismus vorzieht, und ihren Lebensgefährten, den esoterisch angehauchten Lebenscoach Gottfried; das lesbische Ehepaar Jinny und Martha, von denen erstere gerade erfahren hat, dass sie dank In-virto-Fertilisation mit Drillingen schwanger ist – mit ausschließlich Buben; sowie den ein wenig aus der Labour-Art schlagenden Slim-Fit-Banker Tom und seine Frau Marianne, die eben erst zu Janets engster Mitarbeiterin avanciert ist. Diese Marianne allerdings wird in den gesamten 90 Minuten Spielzeit nicht physisch auf der Bildfläche erscheinen, denn …

Das großartige dreigeschossige Bühnenbild: Regina Fritsch, Markus Hering, Peter Simonischek und Barbara Petritsch im Wohnzimmer, oben: Katharina Lorenz auf dem Weg zur Wohnungtür. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Partykrise: Barbara Petritsch, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek und Regina Fritsch, oben: Christoph Luser in der Küche. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Fürs nun Folgende hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine grandiose Kulisse erdacht, das Innere eines bereits Gebrauchsspuren aufweisenden Hauses auf drei Ebenen, unten das Wohnzimmer mit Bills wandfüllender Vinylsammlung und ein schwarzgekacheltes Badezimmer, in der Mitte die Küche und ein Ankleideraum, oben der Flur, der zum Eingang führt. In diesem Setting ist es eine originelle Idee von Anne Lenk, beispielweise April auf Etage zwei die Haustür öffnen zu lassen, während Jinny aber auf Etage drei eintritt, oder Tom ins imaginäre Bad auf Etage drei zum Koksen zu schicken, obwohl er sich eigentlich im Waschraum Etage eins befindet. Derart sind nicht nur fast filmisch schnelle Schnitte möglich, sondern werden die Situationen, denen Sally Potter ihre Figuren aussetzt, auch auf witzige Weise miteinander verbunden.

Mit dem Ensemble des Burgtheaters ist es naturgemäß ein Leichtes, aus Potters übertrieben holzschnittartig entworfenem Personal dreidimensionale Charaktere zu formen, Menschen zwischen Eigensinn und Eigennutz, über deren mit trockenem Humor vorgebrachte kleine Heucheleien und mittelgroße Lügen man in Komplizenschaft lachen kann. Zur nicht und nicht aufkommen wollenden guten Laune, kann man nur sagen: Stimmung geht anders! Aber die Anwesenden sind allesamt zu intellektuell, zu vernunftgesteuert für Ausgelassenheit, diese bourgeoisen Bohemiens, die gern gutbürgerlich leben, alldieweil sie im linken Gedankengut schwelgen.

Als ultimativer Partycrasher erweist sich Bill mit seiner schockierenden Feststellung, todkrank zu sein und die ihm verbleibenden Monate mit seiner Geliebten verbringen zu wollen. Peter Simonischek spielt Bill als geistesabwesenden Schallplattenaufleger, dessen Herzenswärme für Janet im Zuge ihrer Wahlkampftour, bei der er ihr – welch emanzipatorischer Traum! – den Rücken freigehalten hat, vollends erkaltet ist. Köstlich, wie er Janets machtstreberische Suaden schon auswendig kennt und die Worte hinter ihr nachäfft. Wenn aber Simonischeks Bill etwa bedauert, dass Janet „seit Jahren nichts mehr an mir bemerkt“, dann sind das die Momente, an denen Gags und Situationskomik zurücktreten, und der Spaß auf Messers Schneide steht.

Durch Bills und sich plötzlich aneinanderreihende weitere Geständnisse gerät das Geschehen aus den Fugen. Konflikte brechen auf, Ängste tauchen auf. Die Partygäste sehen auf einmal ihre Korrumpier- und philanthropische Haltbarkeit verhandelt, mit verheerender Feuerkraft – und, apropos: es befindet sich eine Pistole auf der Bühne – treibt man einander zum Äußersten, wobei man in Höchstgeschwindigkeit die drängenden Themen der Zeit durchdekliniert, die Krisen des Sozialstaats, vom schleichenden Demokratieverlust des Westens über Fehler im Gesundheitswesen bis zu Heuschreckenbanken und dem frauenpolitischen Stillstand. „Manchmal muss man so tun als ob“, konstatiert Janet. „Das hat für die Partei und für dich als Person nicht funktioniert“, erwidert Martha.

Lebenscoach Gottfried will Bill unterstützen: Markus Hering und Peter Simonischek, hinten: Katharina Lorenz. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Katharina Lorenz und Barbara Petritsch als lesbisches Ehepaar Jinny und Martha. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Tom kämpft mit einem Geheimnis und seinem schwachen Magen: Christoph Luser mit Dörte Lyssewski und Regina Fritsch als April. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dörte Lyssewski gestaltet die Janet mit Merkelscher Topffrisur und hart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hin- und hergerissen in ihrer frauenschicksalhaften Doppelfunktion als Ministerin und Hausmütterchen wechselt sie flugs zwischen dem Belegen von Brötchen und dem Zu-Papier-bringen von Parteireden. Dass ausgerechnet ihr Ehemann zu einem Privatarzt gegangen ist, weil der alle Tests „zack, zack, zack“ erledigt hat, der Kassenarzt hingegen erst in zwei Wochen den ersten freien Termin gehabt hätte, ist für Janet ein schwerer Schlag, fürs Publikum ein mit Applaus bedachter Scherz.

Lange vor den Figuren selbst, sieht dieses deren Fassaden in sich zusammenfallen. Die Doppeldeutig- wie Doppelzüngigkeit häuft sich, der Rauch der im Ofen verbrannten Pasteten durchzieht das Haus, und Regina Fritsch als nie um einen zynischen Spruch verlegene April nennt Martha im Streit „eine erstklassige Lesbe, aber eine zweitklassige Denkerin“. Das kann Barbara Petritschs Martha, diese eine Professorin für Gender Studies, so freilich nicht stehen lassen, doch ist sie zu sehr mit der dauerkotzenden Jinny beschäftigt, und ihrer Furcht davor, ihre Zweierromanze zum fünfköpfigen „Kollektiv“ aufzustocken, um sich eine gepfefferte Replik überlegen zu können.

Der Eskalation ist noch nicht Genüge getan, es wird noch eine Champagnerflasche über einen Schädel gezogen und die Pistole gezückt und mit ihr geschossen werden. Die Gewaltspirale schraubt sich höher, als sich herausstellt, dass Bill seine Schäferstündchen in Marthas Appartement absolviert hat – hysterischer Ausraster Janet. Dies ein Liebesdienst in alter Verbundenheit, waren doch Bill und Martha auf der Uni kurz Sexpartner – aggressiver Ausraster der von Katharina Lorenz als kindlich wirkende, aber ein Kraftweib seiende verkörperten Jinny, weil „in Martha schon einmal ein Mann war“.

Und während Fritschs April den von Markus Hering dargestellten gutmütig-hilfsbereiten Tropf Gottfried in Permanenz disst, egal ob’s um seinen spleenigen Tanzstil oder seine Glaubenssätze von der Wahrheit als Lebenskonzept geht, bevor sie ihm eine Heirat anbietet, weil’s ihnen beiden mit ihrer Beziehungskiste immer noch besser geht, als dem Rest der Gruppe, hat Christoph Lusers Tom seine Nase endlich aus dem weißen Pulver gezogen. Er offenbart vor Anspannung schwitzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, dass Bills Pantscherl seine Frau Marianne ist. Allein, Bill ist nicht der einzige mit dem Marianne eine Affäre hat …

„The Party“ in Anne Lenks Regie ist nicht zum Schenkelklopfen lustig, sondern eine satirisch auf pointierte Zwischentöne setzende Abhandlung darüber, wie schnell als liberal verbuchte Zivilisationsgewinne verpuffen, wenn’s den moralisch hochgetunten handelnden Personen ans Eingemachte geht. Die bös-stichelnde Aufführung am Burgtheater ist ein sinistres Vergnügen, bei dem es angesagt ist, einmal die eigenen Überzeugungen zu belächeln. Eine unterhaltsame Abwechslung zu den irrwitzigen Nachrichten, die Europa gewiss schon morgen wieder aus London zu erwarten hat.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019

Museumsquartier: Next to Normal

April 28, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pia Douwes rockt endlich wieder Wien

Ab mit den Psychopharmaka in den Mist: Pia Douwes als Diana Goodman. Bild: Günter Meier

Ab mit den Psychopharmaka in den Mist: Pia Douwes als Diana Goodman. Bild: Guenter Meier

Zu Riesen mutiert tanzen die knallbunten Psychopharmaka heilsversprechend über die Bühne. „Ich spüre mich nicht mehr“, sagt die Frau. „Patientin stabil“, konstatiert der Arzt. Später aber wird Mutter ihre Little Helper in der Toilette entsorgen. „Wir haben die glücklichste Klospülung in der Straße“, scherzt sie scheinbar fröhlich mit ihrem Mann. Es ist klar, dass dieser Schein trügt.

Im Wiener Museumsquartier ist noch bis 1. Mai das Musical „Next to Normal“ zu sehen. Und die eben beschriebenen Szenen sind der Humor, der Sarkasmus, das Verzweiflungslachen, zwischen denen sich der Abend eingenistet hat. Mitunter schnieft’s rundum, und das ist gut so, denn Regisseur Titus Hoffmann, der das Stück vom englisch- in den deutschsprachigen Raum geholt und übersetzt hat, will sein Publikum mit einer Geschichte erreichen, die es etwas angeht. Das ist ein Hoffnungsschimmer für ein Genre, dass hierzulande wie ein Komapatient mit den immer gleichen Stoff-Infusionen künstlich am Leben erhalten wird. „Next to Normal“ geht gegen alle gängigen Musicalklischees an, nicht einmal das Ende ist umwerfend happy, und reüssiert gerade deswegen. Es geht um Depressionen, Selbstmordversuche, ekelhafte Elektrokrampftherapien – und es funktioniert. Mit Rums und Rockmusik. Als wär’s die Neuerfindung der Kunstgattung Singspiel, die Ansage: Innovation im System Musical ist möglich. In New York war ihnen dieses Phänomen bereits drei Tony-Awards und den Pulitzerpreis für das beste Drama (!) wert.

Komponist Tom Kitt und Autor Brian Yorkey erzählen von Diana Goodman. Sie ist die „Frau von nebenan“, Mutter einer Durchschnittsfamilie, doch lebt sie ihren Alltag weit abseits vom normalen. Denn Diana leidet an einer bipolaren Störung. Psychiater und die von ihnen verschriebenen Behandlungsmethoden bestimmen ihren Tagesablauf. Ihr Mann Dan hat sich in eine „Alles wird gut“-Selbsthypnose geflüchtet, ihre Tochter Natalie fühlt sich ungeliebt und vernachlässigt, der Sohn immerhin steht ihr zur Seite. Doch als sie ihn mit einer Geburtstagstorte überraschen will, und die anderen darob entsetzt reagieren, wird klar, dass Gabe nur in Dianas krankem Gehirn vom Säugling zum Teenager herangewachsen ist … Das alles ereignet sich so schonungs- wie schnörkellos, Hoffmanns Dialoge und Songtextbearbeitungen sind direkt, „in your face“, lieber setzt er auf die richtigen Worte als auf den besseren Reim. Im Triebe-Liebe-Hiebe-Universum ist das erfrischend und eindringlich.

Vorgetäuschtes Familienidyll: Pia Douwes, Felix Martin, Dominik Hees, Sabrina Weckerlin und hinten Dirk Johnston als Gabe. Bild: Titus Hoffmann

Vorgetäuschtes Familienidyll: Pia Douwes, Felix Martin, Dominik Hees, Sabrina Weckerlin und hinten Dirk Johnston als Gabe. Bild: Titus Hoffmann

Die Ärzte greifen zu den extremsten Mitteln: Ramin Dustdar. Bild: Titus Hoffmann

Die Ärzte greifen zu den extremsten Mitteln: Ramin Dustdar als Dr. Madden bei der grauslichen Elektrokrampftherapie. Bild: Titus Hoffmann

Nicht mehr als sechs Musiker und sechs Darsteller braucht es, um das Ganze umzusetzen. Publikumsliebling Pia Douwes hat mit der Diana einmal mehr eine Rolle gefunden, in der sie brillieren kann. Sie kann nicht nur schauspielerisch auf der ganzen Klaviatur der Gefühle spielen, sondern sie hat auch ihre Stimme mit noch mehr Timbre und emotionalem Tiefgang ausgestattet. Wie immer ist sie ein Glücksfall für die Produktion, egal, ob sie mit einem ihrer Seelenklempner einen imaginären Tango tanzt, ihren Ehemann mit einem anklagenden „Was Weisst Du?“ niederrockt oder mit Natalie im lyrischen Duett „Wär‘ Ich Nur Da“ versinkt – Pia Douwes rockt endlich wieder Wien. Tom Kitt hat für seine Musik das Schatzkästlein diverser Saitenvirtosen bemüht, tatsächlich ist auch im MQ der Mann an der E-Gitarre ein solcher, vieles klingt irgendwie vertraut, interpretiert, nicht imitiert, oft wie gerade eben improvisiert, jedenfalls ohne Ohrwurmzwang. Den einen Song, der sich durchs Trommelfell nagt und dahinter als Mitsummton festfrisst, gibt es nicht.

Beinah 90 Prozent des Stücks werden gesungen. Und ist jemand nicht mit einem Solo dran, wird er zum Chor eines anderen. Die Duette bis Sextette sind anspruchsvoll, die Stimmen der Sänger dabei wunderbar harmonisch. Felix Martin überzeugt als Dan Goodman, Sabrina Weckerlin ist eine wunderbare Natalie, rotzig-trotzig, und passend dazu hat sie ihre Stimme von Musical-Schönchengesang auf „Rockröhre“ umgeschliffen. Ihre Coming-of-Age-Story berührt nicht weniger als das Leid der Mutter; es ist die Qualität dieser Geschichte, dass man den Argumenten aller Figuren folgen, die Krise jedes Charakters begreifen kann. Felix Martin, sehr schön und sicher in hohen Tonlagen, geht einem geradezu ans Herz, wenn er über Dans Erschöpfung berichtet und davon, dass es seine Pflicht ist, nicht aufzugeben.

Dass er andererseits mit Fragen nach Dianas Warum und Wieso nervt, dass er mitunter mehr Vorwürfe als Hilfe zu bieten hat, ist allzu menschlich. Die Show wirft die Frage nach Schmerzen zulassen oder verdrängen auf, sehr wohl ausstellend, dass in dieser Zeit das funktionstüchtige Runterschlucken die gewünschte Lösung ist. Als wären sie die Antipoden agieren Dominik Hees als Natalies Freund Henry, ein von der Schlechtigkeit der Welt so überzeugter Kiffer, dass er frohgemut, weil überraschungsresistent durch diese wandeln kann, und Ramin Dustdar in der Rolle diverser Psychiater, die er mal wienerisch-freudianisch, mal zumindest in Dianas Fantasie als Rockstar anlegt. Auf ihren Fahnen steht Kurieren um jeden Preis, und auch wenn es – siehe eine gruselige Elektrokrampftherapie à la McMurphy – barbarisch ist, der Zweck heiligt die Mittel.

Die Tochter fühlt sich ungeliebt und flippt samt Freund aus: Sabrina Weckerlin und Dominik Hees. Bild: Günter Meier

Die Tochter fühlt sich ungeliebt und flippt samt Freund aus: Sabrina Weckerlin und Dominik Hees. Bild: Guenter Meier

Charismatisches Hirngespinst: Dirk Johnston als Gabe. Bild: Günter Meier

Charismatisches Hirngespinst: Dirk Johnston. Bild: Guenter Meier

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann ist da ein dritter, der an der Mutter zerrt. Der Sohn Gabe. Und sein Darsteller Dirk Johnston ist jedenfalls für die, die ihn noch nicht kannten, die Sensation des Abends. Ein charismatischer junger Mann, der im Ausdruck was vom jungen Leo hat, und ohne dessen Kraft die Übung ungleich schwerer zu stemmen wäre. Er ist ein egoistischer, ergo böser Geist, will er Diana doch auf seine Seite, und das muss bedeuten: aus dem Leben, ziehen. Überall im zweigeschoßigen Stahlkonstrukt des Bühnenbilds taucht er auf, als wäre es nur ein Gerüst für seine Handlungen, und auch auf der Videowand dahinter erscheint zigfach sein Lager-than-Life-Gesicht. Ein volldosiert eingesetzter Effekt. Johnston kann’s knackig oder ganz zart, nicht umsonst ist der Sänger aus Schottland auf dem besten Weg zum Star.

Am Ende heißt die Message, dass man, was man liebt, loslassen muss. Falls es sich nicht zu sehr an einen klammert. Dass, weil’s diesbezüglich weitgehend offen ausgeht, das Ensemble das Publikum mit ein bisschen viel „Liiiiiicht!“ verabschiedet, es dabei direkt adressiert und damit gleichsam missioniert, hält man aus. Es hat davor ja genug Schatten gegeben. Standing Ovations.

Pia Douwes im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16451

www.next-to-normal.at

Wien, 28. 4. 2016

Theater Phönix: Er ist wieder da

November 23, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Harald Gebhartl holt Adolf Hitler wieder nach Linz

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy Bild: © Christian Herzenberge

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy
Bild: © Christian Herzenberger

In den heimischen Kinos ist Burgschauspieler Oliver Masucci zurzeit als untoter „Führer“ zu sehen www.constantinfilm.at/kino/er-ist-wieder-da.html, ab 26. November heißt es auch am Linzer Theater Phönix „Er ist wieder da“. Linz übernimmt die österreichische Bühnen-Erstaufführung nach dem gleichnamigen Debütroman von Timur Vermes. Dieser ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte, das seit seinem Erscheinen die Bestsellerlisten stürmt. Phönix-Chef Harald Gebhartl hat die Fassung geschrieben und führt Regie.

Gezeigt wird der unaufhaltsame „Aufstieg des vermeintlichen Comedians Adolf Hitler“: Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Aber unter Tausenden von Ausländern. Eine gefühlte Ewigkeit nach seinem vermeintlichen Ende strandet er in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere – im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten der Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und „Gefällt mir“-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? Oder plant Hitler seine Rückkehr an die Macht? Ist er wieder da?

In Gebhartls Inszenierung führt der Siegeszug natürlich nach Linz, in die „fünfte Führerstadt“. Hier entschloss sich Hitler den „Anschluss“ vollständig zu vollziehen, er übernahm sogar die „Patenschaft“ für die Stadt. Hitler, der in Linz die Schule besucht hatte, beabsichtigte, dort einmal seinen Ruhestand zu verbringen. Es folgten Ausbaupläne von Albert Speer und der „Sonderauftrag Linz“, heißt: die Sammlung geraubter Kunstwerke an diesem einen Ort. Gebhartls Dramatisierung hat Timur Vermes offenbar so gefallen, dass der Theatermacher „schon nach zwei Stunden“ eine retourgemailtes Ja bekam, nachdem er dem Autor seine Idee vorgestellt hatte. „Phönix-Dramaturgin Sigrid Blauensteiner und ich sind überzeugt, dass es ein starker Theater-Stoff ist und auch sehr aktuell, was Medien und deren Oberflächlichkeit betrifft. ‚Er ist wieder da‘ ist auch eine Medien-Satire“, sagt Gebhartl im Gespräch mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Es spielen Simon Jaritz (Hitler), das Phönix-Ensemble David Fuchs, Felix Rank, Rebecca Döltl und Markus Hamele und als Gäste Sina Heiss, Sabrina Rupp und Emese Fáy.

www.theater-phoenix.at

Wien, 23. 11. 2015