Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

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Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

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Wien, 28. 2. 2015

Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

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Wien, 20. 12. 2014

Volkstheater: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

Februar 22, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Wien ist doch noch Chicago geworden

Maria Bill Bild: © Lalo Jodlbauer

Maria Bill
Bild: © Lalo Jodlbauer

Großes Kino. Das ist Michael Schottenbergs Inszenierung von Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ am Volkstheater von Anfang an. Wenn im schwarzweißen Filmvorspann die Darsteller vorgestellt werden, wenn der Blick auf die nebelverhangenen bunkerhaften Häuserschluchten von Hans Kudlich freigegeben wird, wenn die Industriegeräusche zunehmend enervierend das Trommelfell perforieren, wenn dunkle Gestalten im Nadelstreif, sowohl Scarfaces als auch des Rechtenarmleuchters teuflische Gehilfen, über die Bühne huschen – da  glaubt man sich im Film noir, und beobachtet „Gehetzt“, wie die „Bestie Mensch“ ihre „Blinde Wut“ auslebt, bis alles „Im Zeichen des Bösen“ steht. Und dann sie: Maria Bill, der Schnittpunkt in Schottenbergs Geisterbahngangsterspektakel. Als erste Frau spielt sie den Arturo Ui. Es ist Schottenberg gelungen die Brecht-Erben von dem zu überzeugen, was am Premierenabend offensichtlich ist: Dass die Bill die beste Wahl für die Rolle ist.

Brecht schrieb den Ui im finnischen Exil. Fasziniert vom Fall des legendären Verbrecherkönigs Al Capone entwarf er sein Stück vom miesen, kleinen Ganoven, der sich zum Herrscher über die ihm bekannte Welt aufschwingen will. Eine Parabel über den Aufstieg der NSDAP, über Etablierung und Festigung der Nazi-Herrschaft, angesiedelt in der Chicagoer Unterwelt. Eine Farce im Versuch „der kapitalistischen Welt Hitler dadurch zu erklären, dass er in ein ihr vertrautes Milieu versetzt wurde“. Wie leicht das alles zu verhindern gewesen wäre, gibt Brecht im Titel vor. Im Stück kriegt der mafiöse Karfioltrust stellvertretend für die „Führer“-Macher eine aufs Happl. Das Personal ist bekannt. Vom alten Dogsborough/Hindenburg, über die Bandenmitglieder Ernesto Roma/Ernst Röhm, Giri und Givola alias Göring und Goebbels, bis zum Cicero-/Austrofaschisten Ignatius Dullfeet.

Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Dieses Brecht-Wort hat Schottenberg verinnerlicht. Wie’s seine Natur ist, kann sich der Volkstheater-Chef seinem volksbildnerischen Ansatz zwar nicht ganz entwinden; er verlängert Brechts tadelnd erhobenen Zeigefinger zum Rohrstaberl, weil: der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, aber das versteht sich auch, weil: plakativ erklärt sich’s besser. Die Bill folgt diesem Weg. Ihr Ui hat von Frisur und Zweifinger-Bärtchen bis zum braunen Aufzug, in Mimik und Gestik die Grenze zur Karikatur überschritten. Er ist ein verzwickter Gnom, ein grauslicher Clown, ein Kasperl, zappelig, nervös, hochexplosiv. Mit zuckend-zittriger Grußhand lebt und erleidet er grimassierend seine unzählichen Ticks. Bill buchstabiert ihre Lecoq-Ausbildung rauf und runter. Heil Hitler! – Heil du ihn! ist der alte Witz, der auf ihr Spiel passt. „Lustig“ ist sie trotzdem nicht, vielmehr umgibt sie eine skurrile Scheußlichkeit, die dem Lachen die Gurgel umdreht. Wie sie gefinkelt den Dogsborough umgarnt und anwinselt, bis sie ganz „Der große Diktator“ ist. Ein kurzes Zitat über den Meister mit der Melone. Bill schnarrt und knattert den Text auf einer nach oben offenen Skala von unverständlich bis vielleicht-lautmalerisch-gemeint-? und formt zwischendurch mit den Armen schon mal ein Hakenkreuz. Bill schont weder das Publikum noch sich selbst. Neben ihr agieren Jan Sabo als Giri, Thomas Bauer als Givola oder Rainer Frieb als Dogsborough geradezu stoisch.

Das vielköpfige Ensemble ist auf der Höhe. Allen voran Patrick O. Beck, der den Ernesto Roma als brutal-loyalen Mitläufer anlegt, und schließlich doch mit ungläubigem Staunen als Uis erstes Opfer in den eigenen Reihen – siehe Röhm-Putsch – endet. Hanna Binder ist als Dockdaisy ein monroehaftes Flitscherl. Wie schon im „Woyzeck“ zeigt sie keine Angst vor Hässlickeit und ihre bemerkenswerte Gesangsstimme. Günter Franzmeier bekam einen der schönsten Parts zugesprochen: Als Schauspieler wird er Uis Lehrer. Als ein an Shakespeare Verzweifelter, als ein Prosporo, dem der Zauber ausgegangen ist, heißt sein unfreiwillig komisches Motto: Deklamieren bis zum Akklamieren, und er darf außerdem den Schoß-Schlusssatz sprechen. Was Ui bei ihm fürs Auftreten lernt, kann der gleich in der Brecht’schen Persiflage auf Fausts Gartenszene ausprobieren. Auch das ein Kabinettstückerl, diesmal für die unverwüstliche Inge Maux als Betty Dullfeet, die, angetan wie eine Primadonna vom Grünen Hügel, dem Ui in schrillsten Tönen erliegt.

Und Wien ist doch noch Chicago geworden. Michael Schottenberg hat’s möglich gemacht. Auch, wenn er sich dem Bezug zu aktuellen Papp-Kameraden verweigert, ist in seiner schmissigen Arbeit klar, wo der H*ase im Pfeffer liegt. Dummheit schützt vor Wählerstimmen nicht. Das sollte man: Niemals vergessen: Nimm‘ dich in Acht vor kleinen Männern mit ausrasierten Haaren und schmalem Bärtchen und ihrem locker sitzenden Browning.

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Wien, 22. 2. 2014

Volkstheater: Maria Stuart

Dezember 23, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakte Kampfkunst zweier Königinnen

Andrea Eckert, Martina Stilp Bild: © Gabriela Brandenstein

Andrea Eckert, Martina Stilp
Bild: © Gabriela Brandenstein

Auf knackige zwei Stunden mit Pause hat Regisseur Stephan Müller seine Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ am Volkstheater eingedampft. In dieser Kürze liegt viel Würze. Alles passiert schnell, schnell, alle sind hier ge- und bedrängt. Die Staatsräson geht eben mit Vernunft und Unvernunft einher. Plumps, und schon fällt ein Kopf. Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist als Lektüre zu Müllers Arbeit durchaus empfehlenswert … Zwischen kahlen Holzwänden (Bühne: Michael Simon) lässt Müller die Handlung vom Stapel. Die Wände kommen auf die Darsteller zu. Von allen Seiten. Der leere Raum ist auch ein enger. So eng, wie die Korsette, in die diese Gesellschaft geschnürt ist – ihre Kostüme so schmucklos wie das Sterben. Wie als Kontrapunkt setzt Müller die Sprache (und die Musik von Wolfgang Mitterer) dagegen. Schillers Pathos nämlich wurde nicht beschnitten, nein, er wird sogar ausgestellt. Von der Rampe in den Zuschauerraum geschleudert. Nicht mit-, sondern „gegeneinander spielen“ ist das Motto des Abends. Die Schauspieler deklamieren laut, anklagend, sich der Wichtigkeit ihrer Figur bewusst.

Das kommt natürlich einer sehr zu gute: Andrea Eckert brilliert als Elisabeth. Sie kann als Frau und öffentliche Person nicht zu sich selbst finden, sie ist gezwungen, ein Leben im Schein zu leben. Dafür muss sie jedem persönlichen Glück entsagen. Obwohl sie von Freiheit spricht, ist sie abhängig vom Willen des Volkes, den Anforderungen des Königtums und den Rollenerwartungen, die an sie als weibliche Monarchin gestellt werden. Wie aus Rache schiebt sie dem Volk ergo auch die Schuld an Entscheidungen zu, zu denen sie selbst nicht stehen möchte. Eckert gewinnt der Königin von England viele Facetten ab, lässt aber als Grundton stets die Nicht-Authentizität, die seelischen Unsicherheiten der Queen, ihre „Sultanslaunen“ mitschwingen. Eine Löwin im Käfig. Wie die Eckert überzeugt auch Martina Stilp. Ihre Maria Stuart ist eine stolze, ungebrochene, widerspenstige Gefangene, die sich nur mit größter  Überwindung vor ihrer „Schwester“ in den Staub wirft, jedoch niemals unterwirft. Maria weiß das Recht auf ihrer Seite. Sie hat eigene Vorstellungen vom politischen Menschen: Die Freiheit des Individuums muss mit den Bedürfnissen aller zur Übereinstimmung gebracht werden – Schillers Prinzip der reinen Vernunft. Die schottische Königin findet zu einem selbstbestimmten Leben, weil sie alle Fesseln und letztlich auch die Todesangst abgeworfen hat. Mit viel Feuer gestaltet Stilp diese, ihre bisher größte Rolle am Haus.

Wortduelle bestimmen das Drama. Und nicht nur die Damen beherrschen diese Kunst: Günter Franzmeier ist ein sein Mäntelchen nach dem Wind hängender Leicester. Ein Intrigant, ein Opportunist, den nur sein eigenes Wohlergehen kümmert. Einer, der immer am Rande des Hochverrats herumspaziert. Jan Sabo ist ein gigerlhafter Mortimer. Im roten Anzug opfert er sich für seine Ideen. Erwin Ebenbauer gibt den Talbot als humanen, gerechten Staatsdiener. Er vertritt Schillers Standpunkt. Er rührt einen an. Patrick O. Becks Burleigh vertritt konsequent die Interessen des Staates und seiner Königin. Die Frage der Rechtmäßigkeit der Hinrichtung stellt sich für ihn nicht, für ihn zählt allein, was England nützt. Die schöne Ensembleleistung runden Roman Schmelzer als Staatssekretär Davison, Alexander Lhotzky als Amias Paulet und Rainer Frieb als phrasendreschender Sprachschwall Graf Aubespine ab. Hanna Kennedy, Marias Amme, hat Müller gestrichen. Eine gewagte Entscheidung, wo doch gerade sie über ihren Schützling erzählt, der Maria Konturen jenseits der des Leidensmenschen gibt. Eine Truppe von Trabanten tritt als Asienkämpfer auf. Warum? Also, bitte! Die Welt ist ein Martial-Arts-Schlachtfeld. Only the Strong Survive. The Good Die Young. Everybody was Kung Fu Fighting …

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Wien, 23. 12. 2013

Volkstheater: „Kleiner Mann – was nun?“

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sagt zum Abschied leise Servus

Patrick O. Beck, Hanna Binder Bild: © Christoph Sebastian

Patrick O. Beck, Hanna Binder
Bild: © Christoph Sebastian

Es ist doch alles da. Man braucht nur auf die Straße zu gehen. Wahlplakate, die sichere Pensionen versprechen, eine Zukunft, soziale Gerechtigkeit. Jetzt können sie alles sein. Frank und freiheitlich. Grün wie das Gift der Hoffnung. Dem einen rotes Tuch, dem anderen schwarzes Loch. Der Wahlsonntag rückt näher. „Kleiner Mann – was nun?“ Hans Falladas 1932 veröffentlichter Roman, am Wiener Volkstheater als Bühnenstück aufgeführt, ist von erschreckender Aktualität. Wird deine Stelle abgebaut, bist du nur „einer von Millionen“. Verdienen Firmenreorganisatoren 3000 Mark im Monat und du nur 170 – pst, Mund halten. Beim Entlassen werden ist jeder der erste. Außer die Bosse natürlich. Dann kann man rechnen und rechnen und rechnen und im Geldbörsel wird’s nie genug sein. „Es ist, als grinst uns alles an.“ Kleiner Mann – was nun? Als Kostenfaktor Mensch bist du wegrationalisiert. Oder wie der Neo-Chefredakteur einer österreichischen Tageszeitung bei einer Betriebsversammlung zu seinen Redakteuren sagte: „Ich bezahle Sie nicht fürs Älter werden“ und damit die jährlichen kollektivvertraglichen Lohnerhöhungen meinte … Grauslicher Kapitalismus.

Regisseur Georg Schmiedleitner, der den Abend am Volkstheater gestaltet hat, greift davon nur wenig auf. Falladas in vielen Details gültige Einblicke in die Zwänge und Demütigungen der Arbeitswelt bleiben irgendwo zwischen den Zeilen hängen. Die bittersüße Lovestory zwischen Pinneberg und seinem Lämmchen scheint ihm wichtiger, als die gesellschaftlichen Mechanismen darzustellen, die die einen oben und die anderen unten halten. Die Inszenierung plätschert dahin, ein stiller See der Tränen, kein Sturzbach der Emotionen. Wo das Geschehen von Getriebenen handelt, fehlt der Handlung offenbar der Treibstoff. Nur das Happy End verweigert Schmiedleitner. Es gibt keine Gartenlaube, in der Pinneberg und Lämmchen ihre Liebe wiederentdecken dürfen. Er bleibt am Ende verschwunden. Sagt zum Abschied leise Servus.

Patrick O. Beck spielt auf beinah leerer Bühne (nur ein drehbarer, durch viele Türen durchbrochener „Schlauch“ deutet Enge und Ausweglosigkeit an) zur Musik der Sofa Surfers den Herrenkonfektionsverkäufer und Buchhalter Pinneberg, der durch die allgemeine Wirtschaftskrise immer weiter abrutscht, bis er in der Arbeitslosigkeit gefangen bleibt. Einen Duckmäuser gibt Beck, unfähig Mauscheleien und Kollegenkampf zu begegnen, einen, dessen Zuversicht zunehmend Verzweiflung wird. Doch für den der Nationalsozialismus trotzdem keine Lösung ist. Beck führt beispielhaft vor, wie der Jobverlust erst das Selbstvertrauen, die Existenz, dann den ganzen Menschen zerstört. So einer kann sich nicht mehr wehren. Auch nicht gegen die schwangere Ehefrau Lämmchen, die Hanna Binder genau so nervig (das ist als Kompliment zu verstehen!) spielt, wie es sein soll. Ein blau- und glubschäugiges Weslein, hinter ihren Haushaltsutensilien sicher vor der großen, gefährlichen Welt, die nicht versteht, warum ihr „Junge“ nicht das ranschaffen kann, was sie zum Leben brauchen. Geld ist ihr nichts „wert“, also versteht sie auch den Wert des Geldes nicht. Eine gelungene Leistung der beiden – er, der die Wahrheit nicht über die Lippen bringt, sie, die sie vielleicht sowieso nicht verstehen würde. Sie, die ihr kleines Glück samt Sohn Murkel begluckt, während ihm jegliche Chance zwischen den Fingern zerrinnt.

Das Ensemble rund um dieses Zentrum ist in jeweils mehreren Rollen zu sehen. Wunderbar Claudia Sabitzer als Lämmchens Mutter, die ihren Proletarierstolz zur Schau trägt, während Mama Pinneberg (Susa Meyer) dies mit ihrem Körper tut. Längst ein Wrack betreibt sie in ihrer Wohnung immer noch ein Etablissement. Eine sichere Bank wie immer: Günter Franzmeier als eleganter Krimineller Jachmann, der die geschmeidigste Leistung des Abends abliefert. Und natürlich Thomas Kamper – unter anderem als Heilbutt. Rainer Frieb gibt den ekelhaften Kleinholz, Alexander Lhotzky den SA-Mann Lauterbach. Zu all dem laufen Schwarzweiß-Filme über das gesamte Bühnenbild, endlose Bahnstrecken Richtung Vorstadt, marschierende Menschenmassen in den Zentren. Ein Bilderbogen, der die Brutalität der Ereignisse nicht einmal illustriert. Georg Schmiedleitner ist ein warmherziger Mensch, ein großer Liebender des Theaters. Und er wird vom Publikum zurückgeliebt. In diesem Fall, dem Fall Pinnebergs, allerdings hätte es weniger Zärtlichkeit und mehr Zynismus gebraucht.

www.volkstheater.at

Der Fall Hans Fallada: www.mottingers-meinung.at/volkstheater-kleiner-mann-was-nun/

Wien, 16. 6. 2013