Volkstheater: Wien ohne Wiener

Oktober 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimatlieder eines Heimatlosen

„Der Tod muss ein Wiener sein“: Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Stefan Suske und Günter Franzmeier mit Puppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Lachen bleibt einem nicht im Hals stecken, nein, viel mehr: es dreht einem denselben um. Der Tod muss ein Wiener sein, in diesem Fall ein Wienerlied, weil mörderischer als Georg Kreisler kann man mit einer gewesenen und nie wieder wirklich gewordenen Heimat nicht abrechnen.

So zu hören im Volkstheater, wo Nikolaus Habjan unterstützt von der Musicbanda Franui und einem exzellenten fünfköpfigen Ensemble eine fabelhafte Hommage an den Meister des gallbitteren Humors zur Uraufführung brachte. Dem Premierenpublikum präsentierte sich Habjan auch auf der Bühne; der Regisseur und Puppenbauer übernahm den Part des erkrankten Christoph Rothenbuchner – und bewies sich einmal mehr als großartiger Schauspieler, Kavalierbariton und selbstverständlich Kunstpfeifer. Das Team, das der Tausendsassa um sich versammelt hat, ist mit Claudia Sabitzer, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Stefan Suske und – Neuzugang am Haus – Isabella Knöll nicht nur handverlesen, sondern zu Teilen auch handgenäht.

Denn natürlich bevölkert Habjan das grausliche Kreisler-Universum mit seinen grotesken Klappmaulpuppen. Da darf weder die desillusionierte Chansonette noch das einäugige Elschen fehlen, da haben kriecherische Staatsbeamte, verzweifelte Triangelspieler und original Wiener Grantscherm ihren Auftritt. Und der Sensenmann. Logisch. Einer muss ja die Goldenen Herzerln am Schlagen hindern und die Wiener in die ewige Walzerseligkeit befördern. Oder so. Genau weiß man’s nicht, was Kreisler, Überlebender, Weltdurchschauer, Einzelgänger, und vor allem dies: ein Anarchist, mit seinen Zeitgenossen vorhatte. Von wegen: Vom End‘ an geht’s bergab …

„Die Geflügelzucht“: Stefan Suske und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Isabella Knöll interpretiert das messerscharfe „Ich kann tanzen“ – mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

1938, mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, musste Kreisler in die USA emigrieren. Er nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, arbeitete in New York als Nachtclubmusiker, später in Hollywood, und kehrte 1955 nach Österreich zurück. Dagegen aber, Österreicher zu sein, hat er sich seither verwehrt,denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland ,geflüchtet wurde‘, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück.“

Für Kreisler muss man den Begriff Evergreen neu formulieren als Everblack, in der Marietta-Bar sang er seine „Nichtarischen Arien“, die Heimatlieder eines Heimatlosen, seine höllisch gemütlichen Hassliebeserklärungen an die Stadt und ihre Bürger. Seine Sehnsucht darüber, wie schön „Wien ohne Wiener“ wäre, ist nicht nur titelgebend für die Inszenierung am Volkstheater, sondern auch eingangs zu hören. Der von Habjan gestaltete Liederabend ist eine schräge, schrille Revue, zu 100 Prozent Kreisler, seine Texte auch zwischen den Chansons platziert – und die Musik von Franui unter der Leitung von Andreas Schett exakt passend. Wie schon Kreisler selbst zitiert und interpretiert man, mal klingt’s wie geschrammelt, mal beinah kurt-weill’isch, volkslied- oder operettenhaft mit Harfe, Zither und Hackbrett, mal geht’s im Tangorhythmus, mal im Dreivierteltakt –  und wenn ein Ton ganz besonders daneben fährt, dann darf man annehmen, dass der Kreisler seine Freud‘ daran gehabt hätte.

In paillettenschillernden Conferencierfracks treten die Darsteller auf, die Attitüde: gefeanzt, das heißt vordergründig freundlich, aber tatsächlich das Gegenüber sarkastisch verspotten. Einem schmierigen Fremden-an-der-Nase-Führer fällt Habjan ins Wort: „Der Stephansdom ist nicht das Wahrzeichen von Wien, sondern seine Diagnose.“ Stefan Suske hat große Chansonier-Momente mit „Bidla Buh“ als Frauenmörder und mit „Der Witz“. Günter Franzmeier tritt auf mit verwegen mephistophelischer Haar- und Barttracht. Zu zweit bewegt man die Puppen, spricht ihre Figuren, macht aber auch den Erzähler. Franzmeiers Geflügelzüchter scheitert an Suskes Beamtenschädel, reüssiert aber in der Frage „Was tut man um zu sein“.

„Bidla Buh“: Stefan Suske ist ein grandioser Frauenmörder. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer als desillusionierte Chansonette mit Puppen-Alter-Ego: „Zu leise für mich“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Frühlingslied vom „Taubenvergiften“ im Park darf nicht fehlen, Claudia Sabitzer als überlebensgroßer rachsüchtiger Vogel, der genau so zum Giftopfer wird wie die böswilligen Ausstreuer. Nikolaus Habjan böhmakelt sich durch den „Bluntschli“. Gábor Biedermann entführt seine Liebste auf eine Kopfreise in die Karibik, weil „Zu Hause ist der Tod“, und will als Ober seine Gäste mit Handgranaten beseitigen: „Dann geht’s mir gut“. Gewaltfantasien in Zeilen wieIch muss ja nicht der erste sein – Ich bleib‘ gern in der Masse! Doch werd‘ ich nicht der letzte sein – Ich weiß ja, wie ich hasse!“ klingen wieder oder immer noch erschreckend aktuell.

Die Attentätersehnsüchte des „kleinen Mannes“ im Anti-Demokratie-Song. Beim „Begräbnis der Freiheit“ hebt sich einem schon der Magen, mehr noch bei der Hexenjagd auf eine Unerwünschte, die mit Fußtritt ins Jenseits befördert wird, und wer glaubt, die Puppe, die das „Kapitalistenlied“ zum besten gibt, hätte Ähnlichkeit, mit einem, der sich am Sonntag zur Wahl stellt … tjahaha … Das „Lied für den Kärntner Männerchor“ gibt’s obendrauf. „Wien ohne Wiener“ ist ein hinreißend gerissener Abend über eine gute, alte Zeit, die schon wieder so schlecht ist, wie sie’s immer war.

Er ist ein langsam abgekletzeltes Pflaster auf der Heimatnarbe aller Blut- und Bodenlosen. Ist die Aufforderung „Niemals Vergessen – zu singen“. Habjan und seine Truppe glänzen vom ersten bis zum letzten Takt, sie geben den Puppen, aber auch sich selber Raum. Isabella Knöll singt (das persönliche Lieblings-)Lied „Ich kann tanzen“, Günter Franzmeier legt sich zum Schluss aufs „Totenbett“: „I kenn kan Strauß, kan Lipizzaner und kan ‚Knabenchor. Weil i mein Lebtog mit der Oabeit zu beschäftigt wor. I find kan Mozart und kan Haydn und kan Schubert schön – I hab a aanzigs Moi den Hitler g’sehn …“

Was man darauf noch sagen kann? Ah ja! „Haallo!“

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  1. 10. 2017

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Klein Zaches – Operation Zinnober

Februar 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

E.T.A. Hoffmanns Politparabel als Gute-Laune-Grusical

Ein großartiger Klein Zaches: Gábor Biedermann, privat 1,87 Meter, spielt auf der Bühne den Zwerg. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Jahr 1819 schrieb E.T.A. Hoffmann sein Kunstmärchen vom Klein Zaches. Darin erklimmt ein körperlich wie geistig Verwachsener die Karriereleiter in einem Kleinstaat, indem er anderer Leistungen schlichtweg annektiert. Sein Erfolgsrezept lautet Frechheit, Fake und alternative Fakten. Je höher er steigt, desto mehr wird er brachialer Machtmensch, jede Pose eine Bedrohung, und doch von den abgesägten Honoratioren heftig beklatscht.

Die die Politiker mit Blindheit schlug, ist die Fee Rosabelverde. Sie und ihresgleichen wurden vom Großfürst nämlich aus dem Reich gejagt; der Herrscher setzt neuerdings auf abendländische Aufklärung statt auf das Wirken der Wesen aus dem von bösen Dschinns zerstörten Dschinnistan. Das Asylrecht gilt nicht mehr; Rosabelverde sinnt auf Rache – und platziert im Staat einen Schläfer. In zwanzig Jahren solle er wie eine Bombe platzen, dieser Klein Zaches, dem sie rote Zauberhaare gibt und ihn Zinnober nennt. Der Trug gelingt, nun hält ihn jeder für schön und klug …

Entsprungen ist diese pechschwarze Fantasie aus Hoffmanns Abscheu der Restauration, Spekulationen über Vorbilder für die Figuren gibt’s seit der Entstehungszeit. Erschreckend ist die Aktualität der Erzählung; auch heute findet man Ähnlichkeit mit lebenden Volksverdrehern und deren untoten Parolen, es existieren genug, die nur Zinnober reden. Fürs Volkstheater hat nun also der ungarische Autor Péter Kárpáti aus der literarischen Vorlage ein Theaterstück gemacht, auf Vorschlag von Landsmann Victor Bodo, der „Klein Zaches – Operation Zinnober“ zur Uraufführung brachte. Eine Idee, die so logisch wie reizvoll wie gefährlich war, zumal von zwei Theatermachern, die aus dem Orbán-System kommen. Doch siehe da: Wunder finden statt.

Die Staatsspitze wird im Waschzuber weichgekocht: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Jan Thümer und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Volk auf Talfahrt: Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Evi Kehrstephan, Stefan Suske, Claudia Sabitzer und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kárpáti und Bodo haben auf Zeigefinger wie Zaunpfahl verzichtet, nur einmal gibt es Elendsgestalten hinter Maschendraht; sie brauchen keine plumpen Annäherungsversuche ans Heute, um ihren Abend ebenda zu verorten. Bodo setzt ganz auf Märchen, seine Inszenierung ist ein Gute-Laune-Grusical, bitter, böse, provokant. Alles dreht sich, alles bewegt sich in diesem Kuriositätenkabinett, Kleider qualmen vor Wut, Köpfe rauchen unter der „Durchleuchtung Typ F“-Folter. Menschen werden zu Ratten und als solche erschlagen. Dazu gibt’s Live-Musik unter der Leitung von Klaus von Heydenaber und Live-Kamera von Pablo Leiva.

Hoffmann wird nicht durchdekliniert, Bodo hat lieber frei assoziativ gearbeitet, da kann man schon einmal den Überblick verlieren, da hört man ab und an im Publikum einen Geduldsfaden reißen, wenn sich auf der Bühne der narrative verliert. Kurz, die Aufführung dient der Aufklärung nicht, macht aber Spaß. Bodo hat in der Minute mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regieleben, und das aufgekratzt agierende Ensemble setzt sich in seinen vor Absurditäten strotzenden Albtraumbilder astrein in Szene.

Die Arbeit, die es hier leistet, ist Körperarbeit. Es wird geturnt, getanzt, gefochten, das alles auch in Zeitlupe – und in einem der schönsten Momente sogar die Schwerkraft ausgetrickst. Dazu gilt es das Bühnenmobiliar von Lörinc Boros zu bewegen, Auto, Waschzuber, Gewächshaus, selbst die Wände, ein Darsteller macht den hoppelnden Hasen, ein anderer mit drei Palmwedeln den Wald. Es ist der große Reiz dieser Inszenierung, dass das Publikum das Entstehen des Theaterzaubers wie ein Working in Progress mitverfolgen kann. Die Kamera zoomt noch den kleinsten Schweißtropfen, Stirnrunzeln, ein Verziehen der Mundwinkel, ein angstvoller Seitenblick, hingeworfen auf die Leinwand, dazu „Special Effects“, etwa, wenn bewusstseinsverändernde Substanzen eingenommen und Gesichter rot und blau werden. Ein Höhepunkt des Abends ist ein Zauberduell, als wären Merlin und Mim neuerdings in der „Matrix“.

Ihr Name war nicht Olympia: Aus Candida wird eine gespenstische Maschinenbraut für Zinnober – Evi Kehrstephan und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der geheimnisvolle Egon mit den Studenten Balthasar und Fabian: Günter Franzmeier mit Hirschkopf, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann gibt den Zaches/Zinnober. Der 1,87-Meter-Mann verzwergt sich allein durch Mimik und Gestik, das ist große Kunst, wie er aus dem unflätigen Unhold einen ordinären Aufsteiger macht, die Schläge, die er bisher fürchtete nun selber austeilend. Das Triumvirat aus Staatssekretärin (Claudia Sabitzer), Minister (Thomas Frank) und Großfürst (Jan Thümer) ist rasch aufgerollt, einen Widerpart immerhin findet Zinnober im Studenten Balthasar, den Christoph Rothenbuchner als sich ständig selbst über den Haufen werfenden, verzweifelt Liebenden spielt. Das Objekt – im Wortsinn – seiner Hingabe ist Candida, die von ihrem Vater in einen Automaten verwandelt wurde. Evi Kehrstephan spielt mit weißen Horroraugen die Gespensterbaut, Stefan Suske den zwielichtigen Wissenschaftler. Spuk verbreitet auch Anja Herden als Fee Rosabelverde, die Menschen meist von der Leinwand aus überwachend, eine übergroße Big Mother – zum Fürchten, wenn sie Gift und Galle speit. Luka Vlatkovic spielt Balthasars Gefährten Fabian.

Und dann ist da noch Günter Franzmeier als Egon. Angetan wie ein postkommunistischer Hausmeister schlurft er über die Bühne, und doch ist klar, dass er ein Geheimnis birgt. Er kann nämlich nicht nur E-Gitarre spielen, wie schön, dass man den Franzmeier endlich wieder einmal lässt!, sondern auch die Erde kippen. Und Offenbach singen. Am Ende gibt’s einen Attentatsversuch mit Schere und viel Applaus für Schauspieler und Leading Team; ein Extradank ging an die Bühnenarbeiter, die hier Enormes leisten.

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Wien, 13. 2. 2017

Volkstheater: Claudia Sabitzer im Gespräch

September 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit dem „Mittelschichtblues“ geht sie in die Bezirke

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am 30. September eröffnet das Volkstheater in den Bezirken die Spielzeit mit der Premiere von „Mittelschichtblues“. Claudia Sabitzer (mehr: www.volkstheater.at/person/claudia-sabitzer/) spielt die Hauptrolle in dieser Komödie des US-Dramatikers David Lindsay-Abaire. Sie ist Margaret, fünfzig, alleinerziehende Mutter einer Tochter mit Behinderung, mit miesen Job in einem Ein-Dollar-Shop. Den sie dann auch noch verliert. Was also tun?, wird in der Freundinnenrunde beratschlagt. Jean gibt einen Hinweis: Mike hat’s geschafft, er ist Arzt geworden, führt eine Praxis in der Innenstadt, verfügt über ein mutmaßlich finanzkräftiges soziales Netzwerk – und war in Jugendjahren einen Sommer lang Margarets Liebe.

Legitimation genug, sich zu seiner Geburtstagsparty einzuladen. Doch Mike, der hehre Self-Made-Man mitten im American Dream, sieht in Margarets misslicher Lage allein ihr persönliches Versagen … In der Regie von Ingo Berk spielen mit Sabitzer Günter Franzmeier den Mike, Nancy Mensah-Offei, Martina Spitzer, Lukas Watzl und Doris Weiner.

Claudia Sabitzer im Gespräch:

MM: Der „Mittelschichtblues“ ist eine Kleine-Leute-Komödie. Worum geht’s konkret?

Claudia Sabitzer: Um eine Frau mittleren Alters, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, etwas aus ihrem Leben zu machen, was aufgrund der äußeren Umstände für sie nicht so leicht ist. Aber sie ist unerbittlich, eine sympathische Figur, die versucht aus allem das Beste zu machen und auch in allem das Beste zu sehen. Das finde ich sehr schön, denn die Figur ist mir diesbezüglich ähnlich, wir treffen einander da ein bissl.

MM: Eine sympathische Figur wird diese Margaret in Ihrer Darstellung. Beim Lesen des Stücks schwankte ich zwischen vorurteilsbehafteter Nervensäge und unsympathisch – wiewohl das natürlich komisch geschrieben ist…

Sabitzer: Ich finde es interessant, dass Sie das sagen. Margaret hat ein schwer behindertes Kind, für das zwei Männer als Vater infrage kommen: Mike, der Arzt, der es geschafft hat, und ein Teenagerflirt, ein Loser, der mittlerweile die Flucht ergriffen hat. Das Stück klärt die Frage und klärt sie auch nicht. Wir haben das bei den Proben diskutiert, und je nachdem wen die Leute für den Kindsvater halten, halten sie Margaret für sympathisch oder nur eigenartig. Zum Schluss wird eindeutig angesprochen, welcher Mann der Erzeuger ist, sage ich. (Sie lacht.)

MM: Das Stück sorgt jetzt schon für Diskussionen, wie schön! Der „Mittelschichtblues“ behandelt Themen unserer Zeit, den Zwei-Klassen-Kampf. Es geht um Herkunft und ob man sich von ihr befreien kann.

Sabitzer: Das ist eine Sache, die mir immer präsenter wird, seit ich selber Kinder habe. In der Schule ist Herkunft leider oft ein Thema, in kleinen Dingen wird den Kindern da gesagt, du bist, wo du herkommst. Deine Mutter ist Alleinerzieherin mit mehreren Kindern? Na, dann kann aus dir ja nichts G’scheites werden, du kommst sicher nicht ins Gymnasium. Ich bin da immer wieder irritiert, wieso so etwas Thema ist. Wir sind eine Gesellschaft mit Standesdünkel! Furchtbar!

MM: Im Stück gibt es eine Szene zwischen Margaret und Mike, in der Sie ihm die besseren Karten unterstellt, weil sich seine Eltern für seine schulischen Leistungen interessiert haben, während es den ihren ganz egal war. Wie wichtig sind Eltern bei der Schulbildung, was muss Schule alleine leisten?

Sabitzer: Eltern haben einen nicht unerheblichen Anteil. Sollten ihn haben. Eltern sollten Kindern alles ermöglichen können, womit wir leider wieder beim Geld sind. Kann man sich Nachhilfestunden leisten? Oder ist meine eigene Ausbildung so gut, dass mein Kind mich fragen kann? Kann ich mit meinem Sohn Englisch machen? Das sind lauter so Dinge, die aufs Kind zurückfallen. Der Zwei-Klassen-Kampf, wie Sie gesagt haben, beginnt im Elternhaus. Wenn daheim gewisse Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird es für das Kind ungleich schwieriger.

MM: Kinder brauchen beim Lernen ein Vorbild?

Sabitzer: Sie brauchen eine Bezugsperson für die Bildung. Ich hatte eine Bibliothekarin, die mich sehr gepusht hat. Die hat gemerkt, ich lese gern, und hat mir immer schon Bücher ausgesucht und hingeschoben, die ich so nie aus dem Regal gezogen hätte. An dieser Frau habe ich mich sehr orientiert, auch im späteren Leben, ich denke oft an sie zurück, ach, das würde Elsa jetzt so oder so machen. Auch da kann eine Möglichkeit sein. So ein Mensch öffnet im Kopf Türen, wenn man so einen Menschen nicht hat, braucht man viel Kraft, um das selber zu tun.

MM: Margaret hat durch ihre mangelnde Ausbildung schlechte Jobs, die sie auch immer wieder verliert. Aus immer denselben Gründen. Ein AMS-Mitarbeiter würde sagen: Die üblichen Ausreden, warum das und das nicht geht, und er kennt sie alle schon.

Sabitzer: Ich glaube, als Alleinerzieherin mit einem schwerstbehinderten Kind hat sie Mitgefühl verdient. Auf Joyce aufpassen oder Geld verdienen – beides unter einen Hut zu bringen, ist schon sehr schwer. Ich finde man kann Margaret keinen Vorwurf machen, sie versucht zu managen, woran andere verzweifeln würden. Der „Mittelschichtblues“ spielt in den USA, in der übelsten Gegend von Boston, ich bin aber nicht sicher, ob es hier einfacher ist.

MM: Holt Ingo Berk die Handlung näher an Europa?

Sabitzer: Jein. Die Themen sind allgegenwärtig, diese sozialen Brennpunkte gibt es überall, auch in Wien. South-Boston ist vielleicht extrem, aber solche Grätzel sind hier auch nicht anders. Wir spielen das Stück nicht speziell amerikanisch, aber auch nicht speziell Wienerisch.

MM: Margaret, die selbst um Verständnis heischt, hat für Leute anderer Hautfarbe und Herkunft sehr wenig Empathie. Der Gegenpol ist Mikes Frau Kate, die an das „Frei und gleich an Würde und Rechten Geboren“ glaubt. Kate ist aus bestem Hause. Ist Intoleranz etwas Schichtspezifisches?

Sabitzer: Nein! Ich weiß es nicht. Kate hat auch ihre Schwierigkeiten, sie ist dunkelhäutig und wird auf dem Spielplatz für die Nanny ihrer Kinder gehalten. Nur in ihrem privaten Umfeld spielt ihre Hautfarbe keine Rolle. Margaret wiederum kommt aus einer Gegend, in der es immer wieder Rassenunruhen gab, also beurteilt sie die Dinge anders. Sie ist mit Diskriminierung aufgewachsen, sich im Kopf davon zu befreien, ist sicher nicht ganz einfach. Ich versuche ihre Art nachzuvollziehen, was nicht einfach ist, weil ich aus einem ganz anderen Umfeld komme.

MM: Ken Loach gewinnt mit solchen Stoffen, siehe „Ich, Daniel Blake“, Preise …

Sabitzer: Das ist auch Thema bei den Proben. Den Zeitbezug zu sehen, den Bezug zu sich selber und eigenen Erlebnissen zu sehen. Ja, darüber sprechen wir viel.

MM: … dem Bezirke-Publikum wird damit aber ein Stück präsentiert, das Probleme spiegelt, möglicherweise ein Stück eigenen Alltags, denen es im Theater vielleicht gern für zwei Stunden entfliehen möchte. Wie soll da die Reaktion sein?

Sabitzer: Das wird sich zeigen. Wir spielen eine Komödie, aber Humor ist ja eine persönliche Sache. Wir haben sehr gelacht bei den Proben, was aber nichts heißen will. Ich bin selber schon sehr gespannt, wie das Publikum reagieren wird …

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mittelschichtblues: Mit Günter Franzmeier als Mike. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Wechselbälgchen: Mit Florian Köhler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie waren vergangene Saison mit dem „Wechselbälgchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16498) auf Bezirke-Tour. Wie war’s? Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?

Sabitzer: Es war lustig. Und wahnsinnig anstrengend. Wir hatten ein Superteam, eine eingeschworene Truppe, mit der wir durch die Lande gezogen sind. Mit dem Publikum war es manchmal ein bisschen schwierig, da kam beispielsweise überhaupt kein Applaus, und man fragt sich, ob die das überhaupt wollen, und dann hört man von Doris Weiner, es hat ihnen so gut gefallen. Ich bin da ein bisschen altmodisch, für mich ist Applaus ein Zeichen von Respekt und Lohn der Arbeit. Das ist für uns Schauspieler das Zuckerl nach zwei Stunden Arbeit.

MM: Sie sind seit mehr als zehn Jahren am Haus. Wie sind Sie ursprünglich hierhergekommen?

Sabitzer: Über den Schotti. Ich habe am Schubert Konservatorium studiert, und gehört, das Michael Schottenberg ein Vorsprechen macht, an dem ich in meinem Jahrgang noch gar nicht hätte teilnehmen dürfen. Aber ich bin mit den höheren Semestern mitgeschlichen, hab‘ mich eingetragen in die Liste, und so hat’s geklappt. Das war der „Cyrano“, seither hat er meinen Weg begleitet, und als er das Volkstheater übernommen hat, habe ich ihm ein Kärtchen geschrieben: Wenn du mich brauchst, ich komme.

MM: Und unter der neuen Direktion hier zu bleiben, war keine Frage?

Sabitzer: Ich finde Anna Badora in der derzeitigen österreichischen Theaterlandschaft die spannendste Intendantin und Theatermacherin. Als klar war, dass sie kommt, habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich hier weitermachen kann. Wobei es gar kein Weitermachen, sondern ein Neumachen ist. Es hat sich sehr viel verändert, nicht nur das Ensemble, auch die Strukturen, selbst der Zuschauerraum ist neu, die Akustik, die Ästhetik, alles … das Volkstheater ist wirklich ein neues Haus.

MM: Was ist Ihre Bilanz der ersten Saison? Es gab Ups, es gab Downs …

Sabitzer: (Sie lacht.) Ich finde, das ist absolut normal. Ich habe das am Nationaltheater Mannheim mit Jens-Daniel Herzog erlebt, da haben wir drei Jahre lang vor 80 Leuten gespielt – bei 700 Sitzplätzen. Da waren die Leute wahnsinnig: Uäh, was ist das? Und plötzlich wurden wir angenommen. Die Suppe muss schmecken, aber man muss sie immer wieder anders würzen. Ein Haus neu aufzustellen, einmal durchzublasen, das braucht seine Zeit.

MM: Was kommt diese Saison noch von Ihnen?

Sabitzer: „Rechnitz“ von Elfriede Jelinek, darauf freue ich mich schon sehr. Regie führen wird Miloš Lolić, mit dem ich am Haus schon sehr feine „Präsidentinnen“ gemacht habe. Miloš ist ein sehr genauer Regisseur, ich bin gespannt, was er aus dem Stück, das ja eine Textfläche mit vielen Interpretationsmöglichkeiten ist, machen wird. Intensiv beschäftige ich mich aber erst nach der „Mittelschichtblues“-Premiere damit.

MM: Für die Sie uns in Aussicht stellen?

Sabitzer: Ein tolles Ensemble! Und dass man mit dem Feeling nach Hause gehen kann, das Leben kann auch gut sein. Egal, wie’s läuft, es geht immer irgendwie weiter. Heute ist heute, morgen ist morgen. Das ist doch eine wunderbare Message.

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Wien, 22. 9. 2016

Volkstheater: Iwanow

März 19, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Victor Bodó bringt das Ensemble in Bestform

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Jan Thümer und Stefanie Reinsperger
Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Die ganze Aufführung beherrscht die Langeweile. Als Leitthema. Die Langeweile auf dem Land. Und die Gier nach Geld. Die Menschen tun alles, um die eine loszuwerden und das andere zu gewinnen. Die Liebe stirbt irgendwo auf diesem Weg von A nach B. Die Menschen scheitern. Was sie langweilt. Und ihnen dabei zuzusehen, ist ein drei Stunden kurzweiliger, spannender Theaterabend.

Victor Bodó, von Anna Badora in Graz für Österreich entdeckt, gab nun unter ihrer Intendanz am Volkstheater sein Wien-Debüt als Regisseur. Mit Tschechows „Iwanow“. Der ungarische Theatermacher, bekannt als Chef der Szputnyik Shipping Company, einer freien Gruppe, die sich 2015 auflöste, setzt deshalb diesmal ganz auf die Kräfte des Hauses. Und er bringt das Ensemble im Bestform.

Gespielt wird präzise und klar und perfekt getimt, jede Geste sitzt, wie jeder Witz, denn Bodó hat Tschechow nicht spaßbefreit, und dient der Charakterisierung einer Rolle. Bodós fein psychologisierte Figurenführung macht aus dem typisch russischen Personal – vom anständigen Arzt bis zur nervigen Nachbarin, vom verarmten Adeligen bis zum brutalen Proletarier – eine moderne Schmarotzer- und auf der Suche nach ebendiesem ermüdete Spaßgesellschaft. Alles, bis hin zum Bühnenbild von Lőrinc Boros und den Kostümen von Fruzsina Nagy, wirkt wie dem real existierenden Sozialismus entlaufen, die „lus­tigste Baracke”, um den aktuellen magyarischen Staatschef zu zitieren.

In dieser gestalten die Schauspieler zum Glück nicht, wie letzthin öfters zu sehen post-, in diesem Fall gulaschkommunistische, fideszle Knallchargen, sondern Geschöpfe aus Fleisch und Blut. Das Leben bricht sich Bahn, mit seiner Lust und seinen Leiden, und das wird so markant dargestellt, dass einem mitten in Jux und Tollerei der Atem stockt. Ecce homo. Vor allem Stefanie Reinsperger rührt als sterbenskranke Anna Petrowna, wie sie sich mit beklemmender Wahrhaftigkeit ans Dasein klammert, Iwanows verzweifelt liebende Ehefrau, die früh verblühen muss und ihn am Ende abholen wird. Dies ein schönes Schlussbild, aber davor das vor Schmerzen halb wahnsinnige, wenn sie die gegen die Tuberkulose verordnete Eiswasserkur über sich ergehen lassen muss.

Bei Bodó scheint Iwanow nicht von einem Allerweltsennui befallen. Sein Virus ist sein Umfeld, alle, die an ihm zurren und zerren; nun ist der Idealist erschöpft, am eigenen Enthusiasmus zum Egoisten ermattet. Jan Thümer spielt das mit bis zum Zerreißen gespannten Leib, spielt einen Pedanten und Spielverderber, jähzornig und gemein, dann wieder verdrossen und überbesorgt. Mag sein, sagt da einer, dass ich in den vergangenen Jahren ein, zweimal falsch abgebogen bin, aber deshalb musste das Schicksal doch nicht gleich seinen ganzen Schmutzkübel über mir ausleeren. Thümers Iwanow ist keiner, dem alles wurscht ist, sondern einer dem im Gegenteil alles zu nahe geht. Im Bühne-Interview sagte Bodó, dass er mit dem Stück seine „letzten sieben Jahre erzählen“ möchte, und das ist eigentlich mehr Information, als man im Zusammenhang aushält. „Sieh die Dinge, wie alle sie sehen“, rät ihm Günter Franzmeier als verlebter Lebemann Lebedew zur Konformität. Aber Freigeister sind schwer zu fangen, sie tun’s nur in ihren eigenen Fallstricken. Nadine Quittner mit ihrer Sehnsuchtsstimme versucht ihn als Sascha zu retten. Das Ergebnis ist bekannt: „Die Hochzeit wird nicht stattfinden.“

„Bei eurem Anblick sterben Fliegen qualvoll“, beschwert sich Sascha über die der Fadesse erlegenen Verwandtschaft. Die antwortet mit hypernervösem Hin- und Hergerenne als sei’s ein Heilmittel gegen den Stillstand. Bodó befüllt seinen großen Bildbogen, die abgehauste Puppenstube mit Bad, mit tausend Gags und Gimmicks. Er entfaltet ein brillantes Spiel mit allen möglichen fantastisch-absurden Theatermitteln. Ein unsichtbares Insekt wird gejagt, ein Ventilator explodiert unpassender Weise auf dem Höhepunkt der Dramatik, auf dem Plattenteller dreht sich Koks, die Wanduhr misst mit ihrem Minutenzeiger den Sekundentakt, eine Bank bricht unter einem schwergewichtigen Schauspieler zusammen, falsche Zähne landen im falschen, weil streng genommen jemandes Trinkglas, das alles wie beiläufig, auch der Beischlaf. Dazu wird stammtischpolitisiert, das Kapital diskutiert und der übliche Alltagsantisemitismus – Anna Petrowna ist Jüdin – ausgebreitet. Jeder kommt hier zu seinem Kabinettstückchen und deren Königin ist Martina Spitzer als vom Alterszittern geschüttelte Nasarowna. Sie ist Taschendiebin und Stoßspielerin und hält mit ihren Boshaftigkeiten die Gerüchteküche am Brodeln. Bodó inszeniert alle und alles. Selbst der Klavierspieler bekommt seinen Part. Als heimlicher Verehrer Saschas.

Mit großer Spiellaune gewinnt das Ensemble seinen Figuren immer wieder neue Nuancen ab. Steffi Krautz ist als Lebedews Frau eine „geizige Henne“, die Tränen um verlorene Zinsen vergießt, schließlich aber gottvoll in einer Art Nonnentracht doch um die Tochter. Claudia Sabitzer gibt die geschwätzige Gutsbesitzerin Babakina als eine unter deren enervierendem Verhalten ein gutes Herz schlägt. Dass ihr das gebrochen wird, hat sie wirklich nicht verdient. Gábor Biedermann erstickt als Arzt Lwow fasst an seiner Ehrenhaftigkeit, er ist rechtschaffen bis zum Kotzen, bringt sozusagen den Stecken nicht aus dem A**llerwertesten, aber rafft sich dann zur Großtat auf: Selbstverbrennung im Andenken an Anna. Was natürlich nicht stattfinden kann, weil der einzige Alkohol, der hier fließt, Wodka sein muss. Stefan Suske, Günter Franzmeier und Thomas Frank sind diesbezüglich das Trio infernal und testen im Alte-Kameraden-Modus unzählige Stadien von Trunkenheit aus. Auch Suske als gräflicher Onkel ist mehr als ein Parasit im Haushalt, auch er eine gebrochene Seele, die sich ans Gattinnengrab nach Paris sehnt. Frank kann als Gutsverwalter Borkin einmal mehr sein Komödiantentum präsentieren, er ist der Spielmacher, nicht nur der derbe, dumpfe Arbeiterklassler, sondern ein Krisengewinnler.

Am Ende bricht Bodó mit dem alten Theatergesetz, dass wo eine Waffe ist, geschossen wird. Zwar wird von Anfang an mit einer hantiert, aber nein. Zum Hörsturz-Herzinfarkt-Sound bleibt Iwanow einfach so stehen, in sich zusammen gesunken, „Menschen wie Iwanow lösen keine Fragen, sie brechen unter der Last zusammen“, sagte Tschechow einst über seinen Titel-Antihelden, während sich die Welt um ihn weiter dreht. Der nackte Mensch. Den zeigte Jan Thümer schon vorher. Wie gesagt: Ecce homo.

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Wien, 19. 3. 2016