Philipp Hochmair in „Der Glanz des Tages“

April 19, 2013 in Film

Das Leben ist kein Bühnenspiel

„Du warst noch nie im Theater?“, staunt der erfolgreiche junge Schauspieler über seinen alten Onkel Walter in der Garderobe. Der zuckt mit den Schultern. Im Leben spielt’s sowieso anders als auf der Bühne. Später, vom Nachbarn nach Freunden befragt, stammelt der Mime was von „Wegbegleitern“,  meist Frauen natürlich, er ist ja attraktiv. Aber seine amourösen Angelegenheiten so kurzlebig, wie er selbst „kurzatmig“. „Hohl“ schilt ihn Onkel Walter bald. Der Wirklichkeit hinterher hechelnd …

„Der Glanz des Tages“  heißt der neue Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel, der am 19. April in den heimischen Kinos anläuft. Bisher waren die beiden damit auf mehr als dreißig Festivals eingeladen, haben zehn Preise gewonnen. Locarno 2012: Leopard für den besten Hauptdarsteller: „Onkel“ Walter Saabel,  Don Quichote Preis der International Federation of Film Societies, 2013: Max Ophüls Preis für den Besten Spielfilm,  Großer Diagonale-Preis für den besten österreichischen Spielfilm, Thomas Pluch Würdigungspreis …

Philipp Hochmair, Walter Saabel Bild: Tizza  Covi, Rainer Frimmel, Der Glanz des Tages, Österreich 2012

Philipp Hochmair, Walter Saabel
Bild: Tizza Covi, Rainer Frimmel, Der Glanz des Tages, Österreich 2012

Der Wiener Film- und Bühnendarsteller (ab 6. August wird er bei den Salzburger Festspielen im Rahmen des Young Directors Project einen One-Man-„Jedermann“ kreieren: www.salzburgfestival.at) Philipp Hochmair IST der junge erfolgreiche Schauspieler mit Engagements an den großen Bühnen wie der Wiener Burg und dem Hamburger Thalia Theater. Sein Leben ist vom Einstudieren neuer Texte, von Proben und Aufführungen bestimmt. Dadurch verliert er immer mehr den Bezug zur Realität des Alltags. Als er auf seinen vagabundierenden Onkel trifft, zu dem er eine ambivalente Freundschaft aufbaut, und mit dem Schicksal seines Nachbarn Viktor konfrontiert wird, wird er daran erinnert, dass das Leben kein Theater ist. Eine der „Glanz“leistungen von Hochmair ist, diese messerscharfe Rolle (Hochmair: „Die Selbstkonfrontation wurde mir permanent vor Augen geführt. Ein Identitätscrash! Der Film hat mir schon eine Flucht vor mir als Mensch gezeigt, die mir so nicht bewusst war.“) so nah an sich heranzuziehen. Ohne Schnittwunden zu scheuen. „Sei einfach du selbst! sagen Regisseure gern. Aber was heißt das, wenn es seit Jahren alltäglich ist, sich permanent zu verwandeln und einen anderen zu spielen. Ich habe wahrscheinlich ein stückweit schon vergessen, wer ich außerhalb der Theaterwelt bin“, sagt Philipp Hochmair über seine Arbeit.

Für die Figur des Onkel Walter, der Identität und „Ideal“ strikt trennt, haben Covi und Frimmels – wie schon in „Babooska“ und „La Pivellina“ – den echten, ehemaligen Bärenringer und Messerwerfer Saabel engagiert. In Wien trifft er seinen „Neffen“ Hochmair, der gerade am Theater einen ziemlich modern aufgefassten Hauptmann im „Woyzeck“ gibt. Die zwei Ungleichen, aber in ihrem Narzissmus, ihrer Unsicherheit, ihrem Freiheits- und Geltungsdrang doch ziemlich Ähnlichen, nähern sich einander binnen einiger Tage an. Eine köstliche Szene: Hochmair probt in seiner Wohnung Text; Onkel, auf dem Sofa liegend, hört ab. Natürlich nicht, ohne sachdienliche Kommentare. Wie Onkel Walters und des Schauspielers Treffen im Film verlief auch das von Hochmair und Saabel in Wirklichkeit. Hochmair: „Das erste Mal trafen wir uns in Wien, wo ich ihn gleich ins Theater geschleppt habe, wo er wahrscheinlich gar nicht hin wollte. Wir kannten uns nur aus Erzählungen. Tizza und Rainer wollten, dass aus dem Kennenlernen zwischen uns der Film entsteht. Da gab es natürlich Hürden zu überwinden. Als wer oder was begegnen wir uns, was fangen wir miteinander an… So unterschiedliche Biografien und doch dieses gemeinsame Nomadentum, die Sehnsucht nach Freiheit. An einem klassischen Filmset, wo alles ausgeleuchtet ist, Schienen für die Kamera gelegt sind, es Statisten gibt und so weiter, kann es sein, dass trotz allem Aufwand nichts Wahrhaftiges passiert. Anstatt x-mal zu proben und alles zu überprüfen, folgt man bei Covi und Frimmel nur der Intuition, dem Augenblick und schaut, was dabei entsteht.“

Entstanden ist ein fabelhafter Film, der sich viel Publikum verdient hat. Und um auf den Titel zurückzukommen: Hochmair hat auch schon Goethes „Torquato Tasso“ gespielt. „Ich bin vom Glanz des Tages überschienen, ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr“, heißt es da.

www.ventofilm.com

www.stadtkinowien.at

Trailer: http://vimeo.com/62928882

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 4. 2013