Ken Loach: Sorry We Missed You

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung

Wenn Vater und Tochter gemeinsam Pakete ausliefern, scheint sogar einmal die Sonne: Kris Hitchen als Ricky Turner und Katie Proctor als Liza Jane. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir zahlen keine Löhne, sondern ein Honorar. Du bist nicht angestellt, sondern arbeitest selbstständig. Und natürlich kannst du jederzeit selbst entscheiden, ob du zur Arbeit kommst oder nicht.“ So sagt‘s Malony, der Fahrteneinteiler des Paketzustellservice PDF – „Parcels delivered fast“, zu Ricky Turner. Da glaubt der Familienvater, der für den Job als Lieferbote den auf Baustellen geschmissen hat, noch an die neue Freiheit des „Franchising“.

Dass die eine Schimäre ist, kann der Zuschauer aber schon an Malonys aka Ross Brewsters virtuos verbiestertem Gesicht ablesen, und sorgenvoll schaut man in das vor Zuversicht strahlende von Ricky. Von nun an läuft die Zeit, und Ricky, grandios und mit Geordie Accent gespielt von Kris Hitchen, läuft mit – im Teufelskreis eines Tagelöhnersystems, das den „Bin-mein-eigener-Boss“-Träumer zum Sklaven seiner selbst macht. Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung, sogar den Lieferwagen muss der nun Leib-eigene stellen. Die Pipi-Plastikflasche hat er im LKW dabei, denn fürs Klogehen anzuhalten, vermindert den Verdienst. Zeit ist Geld. Verspätet sich Ricky, gibt’s eine Geldbuße, als einmal der Strichcode-Scanner kaputt geht, sind 1000 Pfund fällig. Der Scanner ist das Zentralorgan des Paketdepots, ein allwissender, perfekter Überwachungsapparat. „Die schwarze Kiste“, sagt Malony, „entscheidet, wer stirbt und wer überlebt. Mach‘ die Box glücklich, Ricky!“

In seinem jüngsten Film „Sorry We Missed You“, ab Freitag in den Kinos zu sehen, beschreibt Regie-Altmeister Ken Loach die Auswirkungen der Gig Economy auf die Gesellschaft am Fallbeispiel einer aus dem Mittelstand abrutschenden Familie aus Newcastle. Eigentlich wollte der 83-jährige Godfather des britischen Sozialrealismus den mit den Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Ich, Daniel Blake“ seinen letzten sein lassen. Doch, ein Glück, der Chronist der sich zunehmend in einzelkämpferische Working Poor verwandelnden Class kann’s nicht lassen, auf politische Unfähigkeit und soziale Ungerechtigkeit zu reagieren.

Und zwar mit einem filmischen Aktivismus, bei dem ihm seit einem Vierteljahrhundert Drehbuchautor Paul Laverty als kongenial Gleichgesinnter zur Seite steht. „Als wir für unsere Daniel-Blake-Recherchen Essensausgaben besuchten, wurde uns klar, wie viele der Menschen, die dorthin kommen, eigentlich ,Arbeit‘ haben. Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, Provisionsjobs, oft so schlecht bezahlt und auf eigenes Risiko, dass es nicht fürs Leben reicht. Die sogenannte Gig Economy mit Honoraraufträgen, Kleinjobs oder Beschäftigung über Agenturen tauchte immer wieder in den Gesprächen auf. Daraus formte sich Stück für Stück die Idee für einen weiteren gemeinsamen Film“, so Loach über „Sorry We Missed You“.

Abbie arbeitet gerne als Altenpflegerin: Debbie Honeywood. Bild: © Filmladen Filmverleih

Noch glaubt Ricky an die Neue Selbstständigkeit: Kris Hitchen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Loach erzählt wie stets ohne zu dozieren, doch diesmal ohne den sonst üblichen tragikomödischen Satireanteil. „Sorry We Missed You“ ist still und traurig, intensiv und hart. Es passiert kein großes Drama, es ist die Alltäglichkeit der Szenen, die Routine der Zumutungen, die einen bedrückt, weil sie zeigt, dass es für die in der Tretmühle gefangenen Turners kein Entrinnen aus der Abwärtsspirale gibt. Loach betrachtet seine Figuren mit aufmerksamer Anteilnahme, mit inständigem Blick, er schenkt ihnen und ihrer Geschichte die Zeit, die sie sich selbst nicht gönnen. Aus dem Bewusstsein ihrer Misere, „Was tun wir uns da nur dann?“, fragen sich Ricky und seine Ehefrau Abbie bald, entwickelt er einen zu Herzen gehenden Humanismus, heißt: dass nicht nur dieses mitfühlt, sondern der Kopf zum Mitdenken, zum Widerstandsdenken aufgefordert ist.

Und apropos, Wider-: Kris Hitchens Ricky trotzt den widrigsten Umständen, falschen Adressen, Strafzetteln, Stress mit Kunden und Nachbarn, die sich weigern ein Paket zu übernehmen, lange mit zäher Widerstandskraft. In Rickys Stimme und Körperhaltung schwingt zwar die Resignation mit, Hitchens müde Augen sagen mehr als die besten Dialoge, sein Gesicht eine Landkarte des Losertums, doch die Hoffnungslosigkeit, und Hitchen gestaltet sie demütig-stoisch und schaumgebremst, nimmt erst überhand, als seine prekäre berufliche Situation beginnt, den Haussegen zu zerstören. Wie Ricky ist auch Abbie eine Ich-AG, sie arbeitet als Alten- und Behindertenpflegerin nach einem Null-Stunden-Vertrag.

Was bedeutet, dass ihr ausschließlich die Arbeit am Klienten bezahlt wird, die Leerzeiten, wie beispielsweise die Fahrten von-nach, gehen auf ihr Konto. Und diese Leerzeiten werden nun länger, weil Abbie ihr kleines Auto wegen des Lieferwagen-Kredits verkauft hat und jetzt öffentlich unterwegs ist. Wie beiläufig berichten Loach und seine beiden großartig wahrhaftigen Hauptdarsteller, wie die Ehe in diesem Moment aus der Balance gerät, denn Abbie verliert mit der Mobilität jene Autonomie, die Ricky zu gewinnen wünscht. Debbie Honeywood macht aus Abbie eine liebevolle Seele, sie ist – und das völlig kitschfrei – die Güte in Person, während sie wartet, wenn die Betagten in ihren Erinnerungen versinken, bis die Bettlägerigen ihre schlechte Laune an ihr ausgelassen haben. „Behandle sie als wären sie deine Mutter“, ist ihr Leitspruch, doch die Verweildauer ihrer Visiten ist streng limitiert, die Klienten sind Kennziffern im Pflegeplan und müssen effizient verwaltet werden.

Familie Turner wird den Gürtel schon bald enger schnallen müssen: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Katie Proctor. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am Charakter Abbies thematisiert Loach jene Menschlichkeit, die im neoliberalistischen Weltbild und im zynischen Humankapital-Sprech nicht vorgesehen ist. Zynisch gesagt: Ein guter Mensch zu sein, bringt Abbie im Leben nicht weiter. Einmal hat sie den Albtraum, im Treibsand zu versinken, und da ist ihr die Chance aus diesem aufzutauchen längst entglitten. Töchterchen Liza Jane, Katie Proctor, bleibt ein braves Mädchen.

Doch Teenager-Sohn Seb, Rhys Stone als präpotent pubertierender Konsumrebell, wird, als er einmal den Kopf aus der Hoodie-Kapuze und dem Online-Spiel steckt, wegen eines Taggeranschlags auf Werbeplakate, deren angepriesenen Luxus er sich nicht leisten kann, von der Polizei festgenommen. Der Vater hat gegen dieses Aufbegehren wegen der von Seb so empfundenen elterlichen Vernachlässigung kein Mittel außer Ohrfeigen zur Hand. Wie daheim Autorität verkörpern, wenn man sichtlich draußen keine hat? Je mehr seine Protagonisten gehetzt sind, desto ruhiger scheint’s läuft Loachs Film. „Sorry We Missed You“ ist auf besondere Art diskret, wie eine unauffällige Gerichtsprotokollantin hält die Kamera von Robbie Ryan den Prozessverlauf bis zu dem Moment fest, von dem an kein Urteil zu entscheiden vermag, wo die wirtschaftspolitische Verantwortung für die Verhältnisse endet und der persönliche Veränderungswille einsetzen sollte.

„Sorry We Missed You“ ist eine allgemeingültige Story über die Auswirkungen sogenannter flexibler Arbeit auf das Leben, oder besser, dem Rest, der davon übrig bleibt, ist ein anrührendes, nie rührseliges, ein anklagendes Familiendrama in einer Bis-Zum-Umfallen-Arbeitswelt, die jeden Winkel des Daseins in Besitz nimmt und zersetzt. Für Ken Loach ist das Kapitalismus in seiner brutalsten Form. Er macht den Menschen zu Ware und produziert Existenz- ohne -grundlage. Loach ist darob, kein Zweifel, wütend, doch als Filmemacher ist er vor allem von der Liebe zu seinen hart arbeitenden Helden angetrieben.

Es tut weh zu sehen, wie die Turners um ihr Miteinander ringen, während ihnen in „Take back Control“- Großbritannien die Kontrolle übers Selbst, Boris Johnsons heiß propagierter Brexit-Wert, bereits entzogen ist. Das letzte bittere Bild zeigt, wie der verzweifelte, verschwollene, da bei einem Raubüberfall grün und blau geschlagene, weinende Ricky frühmorgens am Steuer seines Transporters sitzt. Sein Es-muss-gehen jenseits der Grenzen des Bis-zum-Gehtnichtmehr bleibt einem lange im Gedächtnis …

www.sorrywemissedyou-derfilm.de

25. 2. 2020

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Januar 22, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Gosse in die Gunst der Königin

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Queen Anne hinkt verstimmt durch ihren Palast, Prunkraum um Prunkraum, vorbei an einem livrierten Lakaien, und diesen, noch ein halbes Kind, herrscht sie ohne Vorwarnung an: „Hast du mich etwa angesehen?“ Der Diener schaut scheu zu Boden und schüttelt seinen Kopf. Doch die Königin ist nun in Rage: „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Er blickt betreten hoch – und bekommt eine schallende Ohrfeige. „Wie kannst du es wagen, mich anzusehen!“

Eine Szene aus Yorgos Lanthimos‘ jüngstem Film „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, der am Freitag in den Kinos anläuft, und eine, die die Atmosphäre der Historienfarce, deren Färbung wohl tragische Ironie zu nennen ist, bestens beschreibt. Ebenso wie Lanthimos‘ beständiges Wechselspiel zwischen der Willkür der Adelsklasse und jenen Untertanen, die dieser ausgeliefert sind – bis eine erscheint, die zum Gegenangriff antritt. Die Figur der Königin Anne, erste Monarchin des United Kingdom, letzte aus dem Hause Stuart, wird dargestellt von der grandiosen Olivia Colman, von Venedig bis London, zuletzt mit dem Golden Globe, bereits ausgezeichnet. Zu Recht zählt „The Favourite“ auch zu den Oscar-Favoriten.

Dass, während das Publikum sich über die messerscharf geschliffenen Dialoge prächtig amüsieren kann, Domestiken der Krone im frühen 18. Jahrhundert nicht viel zu lachen haben, erfährt gleich zu Beginn Abigail, Baronesse Masham, als solche aufgrund der Spielsucht ihres Vaters tief, und als sie am St James’s Palace eintrifft, als erstes in einen der Kothaufen, die das Volk dem Hof vors Tor scheisst, gefallen. Angereist ist sie, um ihre entfernte Cousine Sarah Churchill, die Herzogin von Marlborough, um eine Anstellung zu bitten. Deren Ehemann John Churchill, der Duke, ist nicht nur oberster Feldherr, sondern auch begnadeter Ränkeschmied, doch Sarah läuft ihm diesbezüglich leicht den Rang ab, ist sie doch mehr als Annes Dame des Herzens die regierende Mätresse, heißt: dass statt der einfältigen, infantilen Anne Sarah die Staatsgeschäfte führt.

Emma Stone. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Nicholas Hoult. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Abigail aber ist gekommen, um Karriere zu machen. Als sich ihr die Gelegenheit bietet, von der Gosse in die Gunst der Königin aufzusteigen, lässt sie nichts unversucht, Sarah schachmatt zu setzen. Was in der Folge zu höchst unterhaltsamen Intrigen, Irrungen und zunehmendem Irrsinn führt. Lanthimos inszeniert diese gefährlichen Liebschaften stilistisch brillant und inhaltlich bissig.

Zwar ist die Handlung in den historischen Kontext der Schlachten gegen Frankreich im Zuge des Spanischen Erbfolgekriegs gebettet, doch lässt Lanthimos der real existiert habenden MachtMénage à trois, über deren sexuelle Seite anhand erhalten gebliebener Briefe freilich nur spekuliert werden kann, genug Raum, um über sie frei erzählen zu können. Tatsächlich ist „The Favourite“ im Vergleich zu seinen hermetischen Werken wie beispielsweise „The Lobster“ oder „The Killing Of A Sacred Deer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27854) erstaunlich gut zugänglich.

Mit den im Wortsinn Epoche machenden Sets von Fiona Crombie, der verschwenderischen Kostümfülle der dreifachen Oscar-Preisträgerin Sandy Powell und der raffinierten Kameraarbeit von Robbie Ryan erschafft der Arthouse-Kinomann Bilder wie Gemälde, Tableaux Vivants, in denen sich die Opulenz der Dekadenz feiert. Wobei es Ryan versteht, sowohl in der Düsternis von Kerzenlicht als auch mittels Weitwinkeloptik die Charaktere als Gefangene dieses Pomps sowie jedweden politischen Kalküls zu zeigen. Druckventil dafür sind seltsame Rituale wie Entenrennen oder eine Art Völkerball mit Orangen auf nackten Mann  – während die Küchenmägde, eine von ihnen anfangs Abigail, aus Platzmangel in den Katakomben des herrschaftlichen Gebäudes im Knäuel schlafen.

Rachel Weisz als Sarah und Emma Stone als Abigail schenken sich nichts, allerdings bleibt es vorerst bei tödlichen Blicken und spitzzüngigen Bemerkungen. Weisz‘ Sarah ist ihrer Herrscherin eine strenge Herrin, auch eine geübte Schützin auf Tauben, denen noch nicht die Silbe „Ton-“ vorangestellt ist, skurril diese Sequenz, wenn „Wurf!“ gerufen und ein lebender Vogel in die Luft geschleudert wird, und sie hat absolut den Willen zur Macht und zur Durchsetzung der Marlborough-Interessen. Stones Abigail scheint gegen die Härte dieser Frau liebenswert, integer, eine mit Herz – und wird sich doch als durchtriebenes Biest entpuppen. Als eine, die ihre körperlichen Geschütze in Stellung bringt, während Sarah inmitten all der höfischen Heuchelei, wenn nicht sympathisch, so zumindest ehrlich ist. Auch wenn sie der Queen sagt, mit ihrer Schminke sehe sie aus wie ein Dachs.

Rachel Weisz und Olivia Colman. Bild: © 2019 Twentieth Century Fox

Die Vielschichtigkeit, die Abgründigkeit, die Hinterlistigkeit, mit der Weisz und Stone ihre Rollen ausstatten, wird nur übertroffen von Olivia Colman, die der mit ihrer Lächerlichkeit und ihrer Schwäche durchaus ringenden, vor Gichtschmerzen schreienden, Selbstmordversuche unternehmenden, inmitten der sie umringenden Höflingsmassen einsamen Anne eine große, tragische Würde verleiht.

Erwähnenswert ist auch die Leistung von Nicholas Hoult als Robert Harley, Anführer der Tory-Opposition, äußerlich ein Geck mit Puderperücke und aufgemaltem Schönheitsfleck, in Wirklichkeit aber ein gewiefter Strippenzieher hinter den Kulissen. Als politischer Gegner der Whigs und damit der Machenschaften der Marlboroughs, will er den Krieg und die damit einhergehenden permanenten Steuererhöhungen für die von ihm vertretenen Großgrundbesitzer beendet sehen.

Und so bildet er eine Allianz mit Abigail, die derweil, begleitet vom wuchtigen Soundtrack Händels, Vivaldis und Bachs, von der Küche bis in die Gemächer der Königin aufgestiegen ist. Um dort zum Eigennutz, aber auch im Auftrag Harleys, man erpresst und bedroht sich gegenseitig, die Ohren offen zu halten. Bald steigert sich zwischen Sarah und Abigail der Ehrgeiz zum Killerinstinkt, wird auch vor Giftanschlägen und arrangierten Reitunfällen nicht zurückgeschreckt, ist die Königin immer mehr Spielball beider Angelegenheiten. Doch wird die Siegerin schließlich erkennen müssen, dass sie auch auf ewig deren Sklavin, ausgeliefert ihren Launen und Schrullen und den siebzehn Kaninchen, die sich im Schlafzimmer tummeln, sein wird …

„The Favourite“ besticht mit überbordender Optik und mit exzellentem Spiel, mit hoher Theatralik und einem Witz, der very british ist. Dass Lanthimos keine seiner Figuren bloßem Spott und boshaftem Gelächter aussetzt, sondern stets versucht, ihre Beweggründe plausibel zu machen, zeichnet diesen Film aus. Derart gelingt es ihm, seine historische Fiktion nah an die Gegenwart zu rücken. Günstlingswirtschaft, unfähige Staatsoberhäupter und machthungrige Emporkömmlinge sind ja beileibe kein Phänomen von gestern.

www.fox.de/the-favourite          www.foxsearchlight.com/thefavourite

  1. 1. 2019

Wiener Festwochen: Saint Genet – Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness

Mai 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man den toten Kaninchen die Bilder erklärt

Baso Fibonacci in seiner „Storm still“-Pose. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Hier nun der Satz, den Rezensenten fürchten, wie der Teufel das Weihwasser: Ehrlich? Ich habe es nicht verstanden. Hab’ aber all die Zuschauer beneidet, die durch die Reihen ausbrechend das Weite gesucht und gefunden haben, eine Möglichkeit, die einem als Berichterstatter ja verwehrt ist. Der neue Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin himself gab eine Einführung ins Werk.

Erzählte, er hätte noch nie eine Vorstellung erlebt, bei der das Publikum nicht nach spätestens einer Dreiviertelstunde in Tränen ausgebrochen wäre – und es fragt sich: Weil es keine Fluchtmöglichkeit sah oder weil es die Karten ohne Geld-zurück-Garantie erworben hatte?

Also: Saint Genet – „Promised Ends. The Slow Arrow of Sorrow and Madness“. Das ist der finale Teil eines Triptychons, dessen Anfänge ins damals von Zierhofer-Kin verantwortete Donaufestivals zurückreichen. Saint Genet ist ein KünstlerInnenkollektiv rund um Derrick Ryan Claude Mitchell, er eine Art Master of Ceremony und jede seiner Arbeiten ein work in progress. Eine „Handlung“, das Pfui-Wort für Performer, sollte es diesmal auch geben: Die Donner Party, benannt nach ihrem „Führer“ George Donner, Siedler, die 1846 auf dem Weg in den Westen der USA in der Sierra Nevada von einem Schneesturm überrascht wurden. Es starben die meisten von ihnen. Laut Tagebucheintragungen überlebten nur die, die sich kannibalistisch am Fleisch der Verstorbenen bedienten.

Dreißig Minuten vor tatsächlichem Vorstellungsbeginn darf man in die Halle G des MuseumsQuartier eintreten. Quasi um die Situation abzuchecken. Unter einem Neonröhren-Lichtskulpturen-Arrangement von Ben Zamora, das man schon von „Frail Affinities“ kennt, hat sich Mitchell Blutegel an die Arme gelegt, es blutet, er zittert und trinkt Rotwein (?), rund um ihn sind Joseph-Beuysisch tote weiße Kaninchen arrangiert. Die Art von Futtertieren, die man für Abgottschlangen und ähnliche Nachtwesen braucht. Sein Ensemble macht sich derweil mit mehr Alkohol und angeblich Äther dicht. Auf die Frage, ob man diesbezüglich-besäufnisch als Publikum mitmischen dürfe, wird panisch mit dem Kopf geschüttelt. Die Russen der vergangenen Jahre waren da punkto Wodka-Ausgabe entspannter, aber naja, die Vereinigten Staaten, immer ein bissl verklemmt …

Pietà mit totem Kaninchen und Kunstblut: Baso Fibonacci und Matt Drews lassen sich beträufeln. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Derrick Ryan Claude Mitchell  (hinten links) mit zwei seiner Performerinnen. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Womit einen ergo die Frage umtreibt, wie „echt“ das alles sein kann. Zu arrangiert, zu kalkuliert, zu spekulativ spektakulär erscheint die Ekstase, dieses Hochamt des Horrors, als dass man daran festhalten könnte. Und das Schlimmste: Man ist nicht einmal schockiert (mutmaßlich die ultimative Intention dahinter), sondern vom zweieinhalbstündigen more of the same maximal angeödet. Die Vision ist eine zum Kunstraum ernannte Werkshalle in Seattle, in der sich schnöselige Pseudos pseudointellektuell selbstbefriedigen – und wie weit ist das von der offenbar angesteuerten The Factory oder Samuel Taylor Coleridge oder Thomas de Quincey entfernt! Des Puirtaners Lust auf Selbstgeiselung!

Das als Grenzerfahrung angekündigte Ganze gibt sich noch einen weiteren Bezug. King Lear. Weniger Shakespeare, mehr Kurosawa und Goddard. Der körperbehinderte, kettenrauchende Akteur (hauptberuflich bildender Künstler) Baso Fibonacci spricht, auf einem Gips-Storm-still liegend Sätze, die aufgrund seiner einmaligen Stimme Sogcharakter entwickeln. Eine Gruppe von Performerinnen, inklusive Cordelia, hat ihn auf diesen Thron seiner Versehrtheit gehoben, nun startet sein fear and loathing. Lavinia Vago, Francesca Frewer, Adriana Cubides und die Wienerin Steffi Wieser machen sowohl die stummen Tänzerinnen als auch den beinah antik anmutenden Chor der am Ritual Teilnehmenden. Sie tragen Nichts bis Durchsichtiges, sie hüllen sich in ihre Verausgabung, den Schweiß, die auf sie getätigten sexuell-brutalen Übergriffe, danach werden sie wie zur Belohnung in goldmetallenen Rettungsdecken geborgen.

Mitchell souffliert die Sätze via Mikrophon. Es geht um enemy, perverse und apologise. Auf den Seiten laufen Spruchbänder ab, und freilich landet man bei Trump und den jüngsten Daten/Taten der Geschichte der Vereinigten Staaten – wie auch nicht? Was sonst könnte die Nabelschau-Nation der Welt über ihr Star-Spangled Banner zu sagen haben? Son of a bitch wird oft gemurmelt, und fucking, und immer noch glaubt man keiner Geste auch nur ein Wort. Die kindliche Narretei steuert einem Höhepunkt zu, Schlagoberstorten werden in Gesichter geworfen, „Nabel“-Schnüre aus Mündern gezogen, die Musik von „Rocky“ läuft vom Band (es gibt aber auch eine Live-Band) und Riesenpumpkins aus Plastik blasen sich auf. Die Geburt der USA aus dem Geist von Halloween, darüber wusste schon Charlie Browns Freund Linus Auskunft zu geben.

Die kalkulierte Ekstase unterm Lichtobjekt. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Stimmung kippt von heiter bis hysterisch. Fibonaccis Pietà wird vom nackten Tänzer/Choreografen Matt Drews komplettiert. Mitchell macht den Hohepriester, dirigiert von seinem Pult aus das Geschehen, schreit „Harder!“, wenn Lily Nguyen, das Opferlamm der Inszenierung, von Drews vergewaltigt wird, ruft „Easy!“, wenn das Ensemble versucht den gelähmten Fibonacci zu bewegen, und schimpft über nicht eingeschaltete Mikrophone.

Auch zärtliche Momente gibt es, ein leises Geschehen, im Nebel entrückt. Das Ding, immer wieder muss man an Jan Lauwers „Shimmering Beast“ denken, hängt im Weg und nimmt allen auf der Haupttribüne Sitzenden den Blick aufs Bühnengeschehen. Der halbherzig rechts und links mit einer Handvoll Plätzen als „Arena“ bestuhlte Saal eignet sich eben nur bedingt für derlei Happenings.

150 Minuten später, nach Verschleiß von vielen chinesischen Neujahrskrachern, christlichen Wunderkerzen, Honig und anderen Klebrigkeiten, ist der Hochseilakt zwischen Erhabenheit und Elend überstanden. Viele sind da längst gegangen, andere sitzen drinnen. Es wird hell, niemand kommt auf die Spielfläche zurück, der Applaus setzt entsprechend zögerlich ein. Einzig Fibonacci bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt. Kommt noch was? War überhaupt was? Mit „Gewaltakten und Grenzüberschreitungen“ prahlt Saint Genet gerne, auf das Theater der Grausamkeit beruft man sich. Heiliger Antonin Artaud, blicke gnädig herab auf deine Jünger! Opulenz und Dekadenz allein ergeben noch kein Manifest.

www.festwochen.at

Wien, 17. 5. 2017

Nächster Halt: Fruitvale Station

Mai 23, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte, die nicht wahr sein dürfte

Michael B. Jordan Bild: © Filmladen Filmverleih

Michael B. Jordan
Bild: © Filmladen Filmverleih

„Nächster Halt: Fruitvale Station“ erzählt die wahre Geschichte des jungen Afroamerikaners Oscar Grant. Weiße Polizisten erschießen ihn am Silvesterabend 2008 in San Francisco.

Ratlos steht die weiße Frau im Supermarkt. Sie will eine Fischpfanne zubereiten, weiß aber nicht, was sie kaufen soll. Da holt der schwarze Verkäufer Oscar sein Handy heraus, ruft die Oma  an und reicht das Handy an die verblüffte Kundin weiter, die nun Tipps von der erfahrenen Köchin bekommt. Ein Multikulti-Traum möchte man meinen. Doch Oscar ist eigentlich gar kein Verkäufer mehr. Er hat zwar  im Supermarkt gejobbt, sein Chef hat ihn jedoch wegen Unpünktlichkeit gefeuert. Am Ende des Tages wird er mit einer Kugel in der Brust auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Haltestelle in San Francisco liegen und an seiner Verletzung sterben. Am Abend des 31. Dezember 2008, noch nicht einmal zwei Monate nach dem Sieg von Barack Obama, wurde der 22-Jährige von weißen Polizisten aus der U-Bahn Richtung San Francisco Innenstadt gezogen. Die Stimmung war aufgeheizt, nicht nur weil Silvester war, sondern auch es zuvor eine Rangelei mit anderen Fahrgästen gab. Da fiel der Schuss. Er habe seinen Taser ziehen wollen und dabei aus Versehen seine Pistole gegriffen, sagte der Polizist später vor Gericht. „Nichtvorsätzlicher Totschlag“ lautete das Urteil.

Der Fall empörte die Menschen weit über Kalifornien hinaus. Es kam zu Demonstrationen und Mahnwachen. Nicht nur wegen der Tat und der zweifelhaften Entscheidung des Gerichts, sondern auch wegen der Handyaufnahmen (sie sind fixer Bestandteil des Films), die es von der Situation in der Fruitvale Station gibt. Grant war kein Gewalttäter, nur ein Mann, der einen miesen Tag hatte. Hätte man einen Weißen auch erschossen? Oder ihm gut zugeredet? Daraus zieht auch der Kinofilm seine Spannung. Regiedebütant Ryan Coogler, der mit diesem Film bereits mehr als 30 Preise gewonnen hat, will das Ende, das bereits bekannt ist, zugänglicher machen. „Je nachdem, auf welcher Seite die Menschen politisch standen, wurde Oscar wahlweise als Heiliger bezeichnet, der in seinem Leben noch nie etwas falsch gemacht hatte, oder als Monster, das in jener Nacht bekommen hat, was es verdient hat“, beschreibt Ryan Coogler die Reaktionen auf das Gerichtsverfahren im Interview. (Grant saß zwei Mal wegen Drogendealens im Gefängnis.) Er habe ihn in seiner Menschlichkeit zeigen wollen, habe zeigen wollen, was er seiner Familie und seinen Freunden bedeutet habe, sagt Coogler.

Das ist einerseits gelungen. Dass Oscar von Michael B. Jordan gespielt wird, nimmt der Figur allerdings einiges an Ambivalenz: Der Serienstar hat so freundliche Augen, dass man sich einfach auf seine Seite zu schlagen muss. Noch dazu hat Coogler die gleiche Hautfarbe und das gleiche Alter wie Crant, als er erschossen wurde. Unparteiisch ist der Film, den Oscar-Preisträger Forest Whitaker produzierte, sicher nicht. Aber nicht unversöhnlich. Es wird nach der nächsten Generation eine nächste geben. Eine muss irgendwann aufhören in Schwarzweiß zu denken …

www.fruitvalefilm.com

23. 5. 2014