Momomento: Debris

November 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poetische Verbeugung vor vergessenen Zirkusartisten

Maskenspiel und Zirkusnummern: Ruth Biller und Philipp Schörghuber erzählen tragische Geschichten von gescheiterten Artisten. Bild: © Philipp Ehmann

Miss Ella, der tatsächlich Omar Kingsley war, Katie Sandwina, die eigentlich höchst Wienerisch Brumbach hieß, Mieze Haupt, Tommy Cooper … Sie sind im Nebel der Geschichte verschwunden, der Kunstreiter, der mittels Künstlerinnenname vom Ruhm seiner Kolleginnen naschte, die einstmals stärkste Frau der Welt, die sich der Zugkraft von vier Pferden entgegenstemmte, die Raubtierdompteuse, die vor den Augen des Ehemanns von ihren Löwen getötet wurde, der

Zauberkünstler, der mitten in seiner Bühnenshow an einem Herzinfarkt starb … In der Fabrik in der Donaustädter Seestadt holt nun Momomento, Verein für zeitgenössische Zirkuskunst, die Verlorengegangenen und aus dem Gedächtnis Entschwundenen der gemeinsamen Zunft zurück in die Manege. „Debris. Ein Abend über das Vergessen“ nennt sich die Produktion, die das Regieduo Victoria Halper und Kai Krösche, für ihre letzte Arbeit „Ungebetene Gäste“ für den Nestroy-Spezialpreis 2019 nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), in Szene gesetzt hat – Schattengeschichten über solche, die nie im gleißenden Licht der Arenen standen, dargeboten als pantomimische Performance von der Zeitgenössischen-Zirkus-Artistin Ruth Biller und Komponist und Live-Musiker Philipp Schörghuber.

Debris, das bedeutet Überbleibsel, Trümmer, und erstere aus zweiteren bergen Biller und Schörghuber nun, Fundstücke aus der Finsternis, zitieren herbei, was in Museumsarchiven verstaubt, in Hinterlassenschaften der Neuentdeckung harrt, Zeitdokumente, Namen, Gesichter auf verblassten Fotos, Menschen, die verdrängt, verbannt, im schrecklichsten Falle vernichtet wurden. Weil ihre Herkunft oder Religion die „falsche“ und also nach Meinung faschistischer Machthaber für sie kein anderer Platz als im Exil oder Vernichtungslager vorgesehen war. Was Biller und Schörghuber erzählen, sind Schicksale, die Lebensenden allesamt letal, tödliche Unfälle beim Hochseilakt, Eifersuchtsdramen zwischen Messerwerfern und deren „Zielscheiben“, verheerende Zirkusbrände … das Vorgeführte ein einziger Salto mortale, bei dem auch an die unethischen Praktiken der Freakshows und Monstrositätenkabinette oder der Dressur wilder Exoten erinnert wird.

Philipp Schörghuber kann mit allem Musik machen. Bild: © Philipp Ehmann

Ruth Biller mutiert auf Stelzen zum Elefanten. Bild: © Philipp Ehmann

Es ist eine der eindrücklichsten Episoden, wie Ruth Biller, die Beine auf Stelzen, die Arme um Besen verlängert, den Elefanten-Mensch macht, vom Tierbändiger zu Kunststückchen geknechtet, vom Publikum mit Erdnüssen gedemütigt, deren Schalen sie selbst aufkehren muss – bis die graue Riesin schließlich beschließt, sich mit einem Befreiungstotschlag an seinem Peiniger zu rächen. Bühnenbildner Matthias Krische hat für derlei Schaustellerei die Fabrik zwar mit dem obligaten roten Stoff ausgekleidet, doch darüber mit Plastikplanen, die an Abriss, an Baustelle denken lassen, die Atmosphäre ganz elegischer Abgesang.

Zu Schörghuber mit Akkordeon oder Kontrabass, auch Windspiel oder eingerissener Cymbale entlockt er Musik, hat Krösche eine Tonkulisse geschaffen, Klänge aus einem klassischen Zirkus-Orchestrion, unterfüttert mit historischen Aufnahmen hysterischer Ansager, der Sprechstallmeister seinerseits unterbrochen von Gelächter, Applaus, erschrockenen Ohs und Ahs, die „Debris“ in eine poetische Verbeugung vor vergessenen Zirkusartisten, in eine mitunter auch alb-/traumwandlerische Suche im Schutt der Vergangenheit verwandeln.

Biller und Schörghuber vor einer Akrobatiknummer. Bild: © Philipp Ehmann

Biller verbiegt sich, Schörghuber am Kontrabass. Bild: © Philipp Ehmann

Das Surreale der Szenerie unterstreichen die Masken von Matthias Krische, jede für sich ein Kunstwerk, jede dazu angetan, die diversen Zirkuskünstler als Archetypen ihrer Disziplinen auszuweisen. Für sie ist in der Mitte der Spielfläche eine durchsichtige Requisiten- kammer eingerichtet, aus der sich Biller und Schörghuber nehmen, was sie zur Darstellung brauchen. Sei’s als tanzende Taubendompteurin, sei’s für eine rasante Hula-Hoop-Reifen-Nummer. Wieder und wieder kommt es zum scharfklingigen Todeswurf, wieder und wieder zur Herzattacke.

Ein Einrad steigert sich zum Hochrad, je höher, je tiefer Schörghubers Fall; Ruth Biller zeigt als Hochseilartistin mehr als nur Andeutungen von Akrobatik. Den Körper im Wortsinn im Seil verstrickt, balanciert sie von Bodenpunkt zu Bodenpunkt, mit Bewegungen, die authentischer nicht sein könnten. Doch sogar in dieser stolzen Schönheit lautet makaber das Morbide – und Biller markiert nicht, nein: sie stürzt wirklich ab. Nach 90 Minuten mit fliegenden Frauen, traurigen Clowns und einer gespenstischen Armkontorsion von Philipp Schörghuber ist das Sinnenspektakel viel zu schnell vorbei.

Vier Gelegenheiten es zu sehen, gibt es noch! www.momomento.com

Interview mit Victoria Halper und Kai Krösche: www.mottingers-meinung.at/?p=32445

10. 11. 2019

Bronski & Grünberg: Der Reigen

Oktober 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss sind alle fick und fertig

„Schnitzler“ von Ruth Brauer-Kvam: Florian Stohr als Dirne und Gerald Votava als Soldat. Bild: © Philine Hofmann

Von wegen Männerwelt. Hat sich was mit Herren der Schöpfung. Nicht nur zwingt das „Domina“-nte Stubenmädchen den Soldaten zwecks Orgasmus zum tödlichen Stromschlag, da wird später sogar ein Erotikdarsteller mittels bösem Weiberblick um sein Ejakulat betrogen, bis schließlich ein französisch parlierender Adelsspross zum Sex einen Pariser benutzen soll – was ihm leider gar nicht steht.

Im „Bronski & Grünberg“ ist wieder „Der Reigen“ im Programm, die Wiederaufnahme der in der vergangenen Saison höchst erfolgreichen Produktion, für die zehn Regisseurinnen und Regisseure je eine Szene aus dem einstigen Skandalstück inszenierten. Und wie darin ein Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle entworfen wurde, changierend zwischen Unmoral, Ohnmacht und Machtanspruch, so geschieht’s auch heute.

Allerdings auf post-patriarchal gedreht und gewendet, heißt: die Frauen schaffen an, und zwar nicht nur die Dirne, sondern in jeglicher Form. Das selbsternannt starke Geschlecht ist ein im Wortsinn armes Würstchen, das selbstmitleidig davon singt, dass ein Penis halt keine Maschine ist.

Zehn Leuchttafeln rund um die von Gabriel Schnetzer gestaltete Bühne zeigen das Jahr der jeweils gespielten Szene an, nicht chronologisch geht’s von 1750 bis 2000, selbstverständlich ins Erstveröffentlichungsjahr 1900 und ins Uraufführungsjahr 1920. Kyrre Kvam hat dazu Goethes Gedicht „Liebhaber in allen Gestalten“ vertont, die Strophen unterbrechen die Begegnungen, wobei, tatsächlich tut das Florian Stohr als Dirne. Stohrs Leocadia ist ein liebenswertes leichtes Mädchen, klar kann der Schauspieler Drama-Queen, doch die von Ruth Brauer-Kvam verantworteten erste und letzte Szene setzen lieber leise, lyrische Akzente in dieser ansonsten um Kalauer und Klamauk keineswegs verlegenen Aufführung.

„VHS Kassette“ von David Schalko: Von Stolzmann als Gatte und Julia Edtmeier als Süsses Mädel. Bild: © Philine Hofmann

Der Pornostar will die Filmelevin beeindrucken: Claudius von Stolzmann und Julia Edtmeier. Bild: © Philine Hofmann

„Dr. Condom“ von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki: Florian Carove als Graf. Bild: © Philine Hofmann

Mit Verhüterli floppt der Verkehr: Kimberly Rydell als Schauspielerin und Carove. Bild: © Philine Hofmann

Trifft Stohr anfangs auf Gerald Votava als defätistischen Soldaten, dieser brutal in seiner Resignation, hartherzig in seinem Nihilismus, von beiden eine schnitzlereske Charakterzeichnung inmitten des Überdrüber, das noch folgen soll, so ist es am Ende Florian Carove als Graf, der nach Satire, Ironie, Sarkasmus endlich ernsthaft einen Schnitzler’schen Sehnsüchtler gibt – dieser an diesem Abend übrigens nicht der einzige, der nicht zum Schuss kommt. Solitär Stohr aber fällt, da Brauer-Kvam auch die Über-Regie übernommen hat, und damit die Arbeit, die Episoden zu einem Ganzen zusammenzufügen, außerdem die Aufgabe zu, als eine Art Spielmacherin zu fungieren. Denn Leocadia bestimmt, wer wann wo, und wie es Marius Zernatto als Dichter mit einem weinerlichen „Alle andern dürfn a“ formuliert, „abgespielt“ ist, und führt die Figur von der Bühne.

Alldieweil ist Gerald Votava bereits beim Stubenmädchen angelangt, Karoline Kucera als SM-Kammerraubkätzchen, der Soldat wie Woyzeck impotent, nicht von zu vielen Erbsen, sondern weil abgefüllt mit Cornflakes aus dem Hause „Kellogg’s“ – wie Dominic Oley seine Szene hintersinnig nennt, diese Verquickung der Erfindung der Frühstücksflocken als Medizin gegen den Sextrieb und die im Zweiten Weltkrieg erfolgte Übernahme des dafür errichteten Sanatoriums durch die US-Armee. In „Doppelspalt Experiment“ trifft Kucera als nächstes auf David Jakob als Jungen Herrn, ein prä-potenter Teenager, den Dominic M. Singer sich in der Badewanne räkeln lässt, ein Herrenburscherl, das den Hitlergruß probt, bevor ihn die von ihm als solche behandelte „Dienstmagd“ Kurz anbindet.

Auf „Reigen Skandal“ von Johanna Mertinz mit David Jakob als Jungem Mann und Agnes Hausmann als Junger Frau, folgt Helena Scheubas „Freddie Mercury“, eine Sequenz, in der sich Agnes Hausmann als Junge Frau und Claudius von Stolzmann als Gatte in Rollenspielen üben, von Stolzmann hinreißend beim natürlich tollpatschigen Versuch zu „Under Pressure“ einen Striptease hinzulegen, großartig der eheliche Dialog, ob nicht des Gatten Schnauzbart und seine Begeisterung fürs Tanzen ein Indiz für eine ebensolche betreffs Sex mit Männern sei. Dies jedenfalls die große Fehlstelle in dieser Gemeinschaftsarbeit, dass nämlich im „Schnitzler neu“ mehr Spielarten zwischenmenschlichen Zusammenlebens als immer nur die Hetero-Variante wünschenswert gewesen wären.

„Kellogg’s“ von Dominic Oley: Karoline Kucera als Stubenmädchen und Gerald Votava. Bild: © Philine Hofmann

„Freddie Mercury“ von Helena Scheuba: Agnes Hausmann und Claudius von Stolzmann. Bild: © Philine Hofmann

„Schnitzler“ II von Ruth Brauer-Kvam: Florian Carove als Graf und Florian Stohr als Dirne. Bild: © Philine Hofmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stattdessen schnallt sich von Stolzmann in David Schalkos „VHS Kassette“ einen Riesen-Penis um (Kostüme: Katja Neubauer), der Gatte ein Pornostar, mit dem Fellatio zum Reflux führt, wie er angibt, bis Julia Edtmeier seinem Segen-und-Fluch-zugleich-Pimmel mit einem Augenaufschlag den Garaus macht. In Fabian Alders „Die Pille“ gesellt sich zu Edtmeier Marius Zernatto als Dichter, ein von seinem Singer-Songwriter-Genie überzeugter Poser, den an der Beziehung lediglich interessiert, ob sie eh die – siehe Episodentitel – nimmt. Auch bei seinem zweiten Antreten ist Zernattos Dichter kein Glück beschieden, im von Laura Buczynski inszenierten „Sex and the City“ sorgt Kimberly Rydell als Schauspielerin mit ihrer flammenden Rede über Verhütung für den Untergang seiner Schwimmer.

Die Szene von der Schauspielerin und dem Grafen nennt sich in der Fassung Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki „Dr. Condom“, nötigt doch Rydells Bühnenkünstlerin den Blaublüter voll feministisch und auf ihre nachwuchslose Unabhängigkeit bedacht sich ein solches –  1750 noch aus Tierdarm gefertigt, mit Seidenbändern und lateinischer Gebrauchsanleitung – überzuziehen. Schwach protestiert Florian Caroves Graf, das Abwenden von der Zeugung von Bastarden liege in der Verantwortung des Weibes, doch es hilft ihm kein sich auf diesen Standpunkt Versteifen. Was im Übrigen auch andernorts nicht stattfindet, was wiederum von Carove, der sich zu allem Ungemach noch zusätzlich durch unzählige Rokkokokleiderschichten wühlen muss, mit einem bedauernden „Ich war eigentlich grad sehr geil“ kommentiert wird.

Da lacht das Publikum, wie generell viel an diesem Abend. „Der Reigen“ im Bronski & Grünberg geriet im besten Bronskisten-Style zur abgedrehten Komödie, die Schauspielerinnen und Schauspieler mal lässig-lasziv, mal amüsant-süffisant, mal exaltiert, mal exzentrisch. Neben Gerald Votava mit seinem rostigen Goldenen Wienerherz, ist es von Stolzmann, dessen darstellerische Feinheiten gefallen. Wie er in der Scheuba-Szene bei Hose rauf, Hose runter, von Satz zu Satz tänzelt, von Erwartung zu Enttäuschung, spielt er sich sportlich-schnittig die Pointen von der Seele. Am Schluss sind alle fick und fertig. Schön ist das, diesem Dreamteam beim „seeeehr frei nach Schnitzler“ Spaß haben und Spaß machen zuzusehen.

 

www.bronski-gruenberg.at

  1. 10. 2019

Volksoper: Cabaret

September 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der ersten bis zur letzten Minute WOW!

Willkommen, Bienvenue, Welcome: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ hieß es gestern zum Saisonauftakt an der Volksoper. Zum ersten Mal zeigt das Haus das Musical „Cabaret“ von Komponist John Kander, Librettist Joe Masteroff und Liedtexter Fred Ebb, inszeniert von Gil Mehmert und mit Lorenz C. Aichner am Pult, und mit der Wirkung: von der ersten bis zur letzten Minute WOW! Es wird wenige geben, die bei dieser frivol-frechen Hommage ans Berlin der Goldenen Zwanziger nicht an Liza Minnelli in Bob Fosses 1972er-Film denken.

An der Volksoper singt und spielt Bettina Mönch die Sally Bowles, und begeistert mit einem Timbre und einem Temperament, die dem US-Superstar alle Ehre machen. Mit ihr brilliert Ruth Brauer-Kvam als androgyner Conférencier und BesitzerIn des Kit Kat Clubs. Erst im Juni sprach John Kander im Interview mit der Welt über ein „Cabaret“-Comeback, da ja Nationalismus, Populismus und Rassismus gerade Revival feiern. Gil Mehmert hat diesen Sager mit seiner Arbeit bereits vorweggenommen, verliert er doch in dieser keinen Moment die politische Dringlichkeit des Stücks aus den Augen. Die Volksopernfassung, teils in deutscher, teils in englischer Sprache, beinhaltet zu den Bühnensongs die drei für die Verfilmung geschriebenen Evergreens „Money“, „Mein Herr“ und „Maybe This Time“ – und so konnte Mehmert beispielsweise für „Money“ eine an Georg Grosz‘ Gemälde „Stützen der Gesellschaft“ erinnernde Figur erfinden, einen Banker mit Goldgehirn und Tresorbauch.

Ich hatte eine Freundin namens Elsie: Bettina Mönch als Sally Bowles mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maybe This Time: Bettina Mönch als Sally Bowles und Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Auch die anderen Nummern im Kit Kat Club sind um diese gesellschaftliche Brisanz angereichert: Zu „Two Ladies“, ursprünglich ein schamloses Bekenntnis zur Ménage-à-trois, tanzt der Conférencier, angetan als „Führer“, mit einem deformiert-maskierten Mussolini und einem Stalin einen teuflischen Dreier. Das dem deutschen Kunstlied nachempfundene „Der morgige Tag ist mein“ intonieren erst ein urgermanischer Männerchor, dazu Fackelzug und eine HJ mit ihren Trommeln, bevor es das von Johanna Arrouas hinreißend biestig dargestellte Fräulein Kost als ihren neuen Gesinnungsgesang übernimmt.

Dass ausgerechnet das aufsässige Matrosenliebchen, das in Fräulein Schneiders Pension die Seemänner im Stundentakt aufmarschieren lässt, und der Obskurant Ernst Ludwig, Peter Lesiak gestaltet den Unsympath vom Nadelstreifanzug zum Braunhemd, vom illegalen Parteigänger zum SA-Mann, schlussendlich „an die Macht“ kommen, dient Mehmert zusätzlich als Metapher für aktuell Rechtsrückende in ihren aberwitzigsten Ausprägungen. Für all das hat Heike Meixner eine monumentale Drehbühne samt Showtreppe und riesiger Klaviatur entworfen.

Dies die Hälfte auf der Mönchs Sally Bowles als lasterhaft leicht geschürzte Nachtclubsängerin durchs Zwielicht der Bühne wirbelt – Kostüme: Falk Bauer, Choreografie: Melissa King –, während sich auf der anderen die Schneider’sche Pension, vier bieder eingerichtete Zimmer, befindet. Eine Welt wird, wie sie’s auch musikalisch tut, spiegeln sich doch die Pensions-Balladen im Kit-Kat-Uptempo-Jazz, so zur Kehrseite der anderen, Bohème und Hausbacken in trauter Eintracht im Makrokosmos der Stadt, deren Name in Leuchtbuchstaben über allem steht. Es ist Ruth Brauer-Kvams Conférencier, der die beiden Milieus verbindet, er laut Mehmerts Interpretation ein Narr, der wie eine lichttaumelnde Motte durchs seinesgleichen bald verbrennende Geschehen flirrt, wobei den nosferatanischen Glatzkopf wie jeden Faxenmacher die Gabe der Weitsicht plagt, mittels der er lang vor den übrigen den Millionentod am sich verdunklenden Horizont dräuen sieht.

I Don’t Care Much: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Two Ladies: Ruth Brauer-Kvam als Conférencier mit den Kit Kat Girls and Boys. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dass Bettina Mönch und Ruth Brauer-Kvam vom Publikum mit Riesenjubel bedankt wurden, bevor’s am Ende sogar Standing Ovations gab, versteht sich, doch stehen die weiteren Solistinnen und Solisten, die Kit Kat Girls und Boys, unterstützt vom Volksopernorchester, das Dirigent Lorenz C. Aichner mit Verve durch die revueartigen Nummern aus Ragtime, Swing und Big-Band-Sound führt, den beiden in nichts nach. Und so überzeugt Hausdebütant Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw mit angenehmer Stimme und viel Spiellust, sich vom homosexuelle Erfahrungen gemacht habenden Schriftsteller, ein Alter Ego von Autor Christopher Isherwood, auf dessen „Berlin-Stories“ das Musical basiert, zum Sally-Lover zu entwickeln.

Womit er die – von Anfang an zum Scheitern verurteilte – selbstauferlegte Aufgabe übernimmt, der exaltiert-erotischen Realitätsverweigerin die Augen über den Zustand der Weimarer Republik zu öffnen. Sein Schlager „Wer will schon wach sein?“ markiert denn auch den Schlusspunkt der Aufführung. Dem verrückt verliebten Paar Sally und Cliff stehen mit sozusagen selbem Leitmotiv die gutbürgerlichen Fräulein Schneider und Herr Schultz gegenüber, die Pensionswirtin und der Obsthändler, die in Mehmerts Regie einen wichtigen Platz einnehmen, ans Herz rührend verkörpert von Dagmar Hellberg, die mit „Berliner Schnauze“ und einer gehörigen Portion Resoltsein ihre Gutmütigkeit zu verbergen versucht, und einem Süßholz raspelnden Robert Meyer, der zu den Klezmer-Anklängen von Herrn Schultzens großem Song „Mieskeit“ sogar eine „Solo-Hora“ wagt.

Und dann steht man da, sagt beseligt Ja: Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider und Robert Meyer als Herr Schultz, rechts oben: Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der morgige Tag ist mein: Johanna Arrouas als Fräulein Kost und Peter Lesiak als Ernst Ludwig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies beim Verlobungsfest der beiden in ihrer späten Liebe Schwelgenden, von denen er Jude ist, was eingangs kurz erwähnt wird, wo’s noch keine Rolle spielt, und wo Schulz‘ Aber-was?-Motto noch lautet: „Das geht vorbei. Regierungen kommen und gehen“. Doch so, wie überall mehr und mehr Hakenkreuzbinden und Totenkopfabzeichen aufblitzen, der aufkeimende Nationalsozialismus stärker und stärker das ausschweifende Nachtleben unterminiert, so fliegt der erste Pflasterschein durchs Schaufenster von Schultz‘ Obstgeschäft, so flieht Fräulein Schneider in das ihr sicher scheinende Deutschtum

Sie ist der Charakter, an dem sich verdeutlicht, wie schnell Gesinnung von rechts in der Mitte der Menschen ankommen kann. Herr Schultz wird indessen bei seiner Flucht ins Ausland, denunziert von Fräulein Kost, aufgegriffen und abgeführt, und Berlin verabschiedet sich für „1000 Jahre“ von seiner Weltoffenheit … „Cabaret“ an der Volksoper kann einfach alles. Gil Mehmert versteht es, die Atmosphäre des Abends von sinnlich, lustvoll, verrucht in Angst und Schrecken kippen zu lassen. Und Ensemble wie Orchester sind meisterlich darin, diese Stimmungen in den Zuschauerraum zu tragen. „I Don’t Care Much“ singt der Conféren- cier noch. Doch genau das gilt es jetzt zu tun …

www.volksoper.at

  1. 9. 2019

Burgtheater: Zelt

April 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Gruppengymnastik mit Campinggestänge

Sebastian Wendelin, Sabine Haupt, Hubert Wild, Michael Masula, Markus Meyer, Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Simon Jensen, Ruth Brauer-Kvam, Marius Michael Huth, Naemi Latzer, Daniela Mühlbauer und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Erst einmal nur rumspinnen“ wolle er, sagt Herbert Fritsch über seine jüngste Arbeit, der Regieschelm, der nicht dran glaubt, dass Theater auf einem Dramatikerpapier entstehen kann, sondern dies ausschließlich auf der Bühne tut. „Pures Theater“ nennt er‘s, wenn er wieder einmal seine Wunderkiste öffnet und den Spielort zum magischen Raum macht und seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihren Spieltrieb auf die Spitze zu treiben. Vierundzwanzig sind es diesmal in „Zelt“.

Fritschs finalem Kunststück am Burgtheater der abtretenden Direktorin Karin Bergmann, die sich auf ihrem Stammplatz, Reihe zehn fußfrei, so köstlich amüsierte, wie das ganze Premierenpublikum. „Zelt“ ist, nach Fritschs aufgekratzten Klassikerinszenierungen am Haus, da selbst entwickelt, noch eigentümlicher und exaltierter, ein perfekt choreografierter Nonsens, knallbunt, voll absurder Gags und komischer Akrobatik, in dem kein Wort gesprochen wird, weil, sagt Fritsch, der Sinn ohnedies im Klang läge. Stattdessen sind die Darsteller zur Gruppengymnastik mit Campingstangen angehalten, denn, wenn’s um irgendetwas geht, dann darum, ein Einpersonenkabäuschen aufzubauen. Mit Plane, Gestänge und Heringen, und die Darsteller machen daraus mit famoser Fantasie einen kollektiv-künstlerischen Prozess des erst Miss-, später Gelingens. Wieder scheitern, besser scheitern. Dass dieser Schaukampf mit der Tücke des Objekts unterhält, mag daran liegen, dass man ein Kind der großen Camping-Ära ist, der 1970er-Jahre. Als alles Richtung Freilufturlaub aufbrach, der erste Familienstreit vorprogrammiert, weil Vater das Vorzelt natürlich nicht in die dafür vorgesehene Schiene am Wohnwagen eingefädelt bekam.

Bevor die Plagerei losgeht, wird aber erst der Platz geschrubbt, der neongrün glänzende Boden vom neongrün gekleideten Putztrupp, der zum Wischbesen-Ballett einen Sound aus Gummihandschuh-Schnalzern und Kübelknall-Rhythmus kreiert. Fritsch-Intimus Hubert Wild intoniert kurz eine aufreibfetzige Arie, und während dazu Bilder von „Präsentiert den Besen!“ über die Schatten eines Reinigungsgeräte-Golgatha bis zum Protestmopp einer Demonstration geschaffen werden, stellt sich Hermann Scheidleder als eine Art staunender Chef heraus. Der zwar nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, aber gleich einem Hohepriester den ersten Zeltaufbau zelebriert, aus dem dann das Ensemble krabbelt. Nun werkt ein jeder, wird sich in Heringen verheddert und mit aufgebauschten Planen gebalgt, ein jeder ein an seinem Trick gescheiterter Zauberlehrling, eingezwickte Finger inklusive, etwaige Schmerzäußerungen von der Musik übertönt.

Der Putztrupp lässt die Gummihandschuhe knallen: Selina Graf, Sabine Haupt, Sebastian Wendelin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kampf dem Gestänge: Stefanie Dvorak, Daniela Mühlbauer, Eva Maria Schindele, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Sebastian Wendelin. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auweh mit eingezwicktem Finger: Hubert Wild, Markus Meyer, Marius Michael Huth und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zeremonienmeister Hermann Scheidleder hat sein Einpersonenzelt als erster fertig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mitten durch den Saal macht sich nämlich eine skurrile Gestalt zur Bühne auf, Matthias Jakisic als Clown mit E-Geige, der die körperlichen Abläufe mit seinen Kompositionen koordiniert. Ob das Campingdasein sich als Synonym fürs Theaterleben lesen lässt, im Sinne von: aus Klein-Einzelnen wird ein Großes, bleibt im Fritsch‘schen Gedankenkosmos der freien Assoziation dem Betrachter überlassen. So auch die Frage ob der politischen Bedeutung eines Burkamoments oder, wenn die Zeltverpackungsbeutel wie Gasmasken über die Köpfe gestülpt werden. Man darf sich ausmalen, was man will und so gut man‘s kann, und apropos: Farben, Friedrich Rom versetzt Fritschs leeren Raum in einen fröhlich irisierenden Lichtrausch, rot wie Blut, blau wie der Himmel, frühlingsgrün. Die Kostüme von Bettina Helmi gleichen einer Trachtenkasperliade.

Die Damen in glitzernden Glockenrockdirndln mit Blumenmuster und Puffärmeln und blonden Gretelperücken, die Herren in einer Steirerlodensatire, unterm Janker kreischorange Hemden und grüne Krawatten, weiße Kniestrümpfe für Mann wie Frau ein Modemuss. Derart angetan erschaffen die Schauspieler eine Vielzahl komödiantischer Miniaturen, in denen es meist ums Begehren, Anbandeln, sich Verlieben geht, gelingt es diesen grandiosen Darstellern doch auch in der uniformen Masse absonderliche Typen zu gestalten. Bald wird’s zum Quiz, wen man unter der Maskerade erkennt, die Pirouetten drehende Petra Morzé, den ständig über seine Füße stolpernden, aber den Spagat meisternden Markus Meyer, Michael Masula, der sein Versagen am Gestänge grässlich weggrinst, die Beine hochschmeißende Ruth Brauer-Kvam, Marta Kizyma mit typischer Schnute und einem Augenrollen, den sich bis zum Schweißgebadet-Sein verausgabenden Sebastian Wendelin, Simon Jensen mit der Max-und-Moritz-Tolle, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt …

Akkordeon auf Teufel komm‘ raus: Markus Meyer, Petra Morzé, Peter Rahmani und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist die Zeltstadt fertig, legen die Zappelphilippas und Hampelmänner mit einem Lagerfeuerkonzert los. Die einen mit Gitarren, die anderen mit Akkordeons, eine furiose Kakophonie dieser mimischen Koalition, ein quietschend geschrammeltes Forte- fortissimo, der Veitstanz grotesker Volksdümmelei, mit Jakisic als satanischem Kapellmeister. Mitreißend verführerisch klingt das, dieser Irrsinn mit theatralem Seltenheitswert, und das Ensemble mit Spaß an der Freud‘ dabei.

Am Schluss zum Teufelsgeiger Scheidleder als Herrgott, der die Zelte als beleuchtete Lampions einer neuen Kušej’gen Zeit entgegenschweben lässt. Aber wie’s mit dem Übergang vom Hier zum Jetzt schon so ist, steht vor dem Anfang ein Ende, an dem die zwei Dutzend wie zerzauste Rübenköpfe aus dem Untergrund ragen, als seien sie in Dantes Purgatorio oder enthauptete Opfer einer nicht näher definierten Revolution. Das ist Überwältigungtheater, der Augenschmaus und Ohrensaus Beweis dafür, dass man kein Wort verstehen muss, um etwas auf sich wirken zu lassen. Zum tosenden Applaus der Fritsch-Fans fliegt er höchstpersönlich als Dirndl-Gretchen vom Schnürboden herab, die Träne im Knopfloch, weil’s für etliche im Ensemble tatsächlich die letzte Burg-Premiere gewesen sein wird.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Waldheims Walzer

Oktober 1, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Vergangenheit nicht bewältigt

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Man weiß, er wurde trotz allem gewählt. Und so nimmt der neue österreichische Bundespräsident, neben sich ein kleines rot-weiß-rotes Fähnchen im imperialen Gepränge der Hofburg, vor der Fernsehkamera Platz, um seine erste offizielle Ansprache ans Volk zu halten. Er scherzt, die Stirn wird ihm noch abgepudert, mit dem Tisch ist er nun zufrieden, ein „Ladl“ hatte zuvor seine Beinfreiheit eingeschränkt, er wirkt gelöst und wie erleichtert. Kurt Waldheim ist von der Vergangenheit nicht bewältigt worden.

Er hat ausgesessen, was er einmal als größte Verleumdungskampagne in der Nachkriegsgeschichte des Landes bezeichnete: Eine vom profil-Journalisten Hubertus Czernin ausgelöste Diskussion um Waldheims Vergangenheit bei der SA, zu der später die New York Times und der Jewish World Congress weitere wichtige Erkenntnisse lieferten. Mit der Szene um die Rede schließt Ruth Beckermanns Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“, diesjähriger heimischer Beitrag im Rennen um den Auslands-Oscar und ab 5. Oktober in den Kinos zu sehen. Beckermann schöpft aus eigenen Erinnerungen und aus größtenteils eigenem Material. Sie war unter den Aktivistinnen und Aktivisten, die 1986 die Bestellung des vormaligen UN-Generalsekretärs zum höchsten Mann im Staate verhindern wollten, sie begab sich mit Kamera und Mikrophon hinein in die Abgründe der österreichischen Seele. Soll sie dokumentieren oder protestieren, fragt sich Beckermann an einer Stelle, und gibt somit übers Politische auch Persönliches preis. Mehr als 30 Jahre später analysiert die Filmemacherin nun anhand ihrer Bilder und mit einer Fülle an Archivmaterial diesen entscheidenden Wendepunkt im Geschichtsverständnis.

Denn, dies vorweg, die „Affäre Waldheim“ führte zur Aushebelung des von der Nation allzu gern gepflegten Narrativs von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Trotz der Tatsache, dass eine ganze Generation die Wahrheit kannte, war Österreich bis dahin so geschickt wie erfolgreich gewesen, sich selbst und der Welt seine kollektive Lebenslüge vorzugaukeln. Diese, in Sonntagsreden, Büchern und Heimatfilmen jahrzehntelang reproduziert, brach nun in sich zusammen. Die Opferrolle war endgültig zu Ende gespielt, die Bürger mussten sich der Realität zuwenden … Dennoch, mit dem Wort endgültig gilt es vorsichtig zu sein, in einem Jahr, in dem das „Jetzt erst recht!“ – damals von Waldheims Wahlstrategen für dessen trotzig-beleidigte Anhängerschaft maßgefertigt – wieder als (diesmal FPÖ-)Wahlslogan hergehalten hat. Man kann im doppelten Wortsinn sagen, Beckermanns Film kommt zur rechten Zeit. Das Material, sagt sie, hätte sie auf einer alten VHS-Kassette zufällig wiederentdeckt – und sei sofort „mitten drin“ gewesen.

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Bild: © Lukas Beck

Beckermann zeichnet nicht nur auf, sie zeigt auf – betont sachlich, mit ruhig aneinander gereihten Clips -, die Eigendynamik einer innenpolitischen Causa, die Österreich in den Mittelpunkt des internationalen Interesses rückte. Die Lücken in seiner Kriegsbiografie und die konsequente Auslassung unangenehmer Wahrheiten, und lange war er auf diese Weise durch diverse Institutionen marschiert, führten Waldheim nun mitten hinein in ein Lügennetz, in dem er sich aussichtslos verstrickte. Je deutlicher die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu einer Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit führten, desto erfolgreicher erwies sich jedoch in Österreich die Mobilisierung eines dumpfen Wir-Gefühls mit antisemitischen Untertönen.

Schützenhilfe kam von ÖVP-Kollegen wie Mock und Graff, die die Einmischungen aus dem Ausland aufs Schärfste zurückwiesen. Zitat: Die „ehrlosen Gesellen vom jüdischen Weltkongress“ würden „Gefühle wachrufen, die wir alle nicht wollen“. Der Spruch von der „Arroganz der Spätgeborenen“ kam auf. Rhetorische Manöver im selbstbewussten Glauben (oder Wissen?) eine satte Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Auch darauf, wie auch auf alternative Fakten, greift man derzeit gern wieder zurück.

„Waldheims Walzer“ ist ein Lehrstück über das Schüren von Stimmung, über die Schaffung von Feindbildern und über den medial ausgetragenen Kampf, die Deutungshoheit über die einlangenden Informationen zu behalten. In ORF-Interviews tritt man fast demütig-verständnisvoll an Waldheim heran, während der seine ausweichenden Antworten abspult, konfrontiert mit britischen Journalisten verliert er einmal die Contenance, schlägt sogar mit der Faust auf den Tisch, als ihm Fotografien von Deportationen jüdischer Griechen vorgelegt werden. Man kennt sein „Ich habe nur meine Pflicht getan“, wie Bundeskanzler Fred Sinowatz‘ sicherlich besten Spruch, er nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war – sondern nur sein Pferd. Man erfährt, dass niemand vom ORF nach Thessaloniki fuhr, wo Waldheim gedient hatte, um zu recherchieren.

Gedreht hat Beckermann auch bei der Abschlussveranstaltung des Waldheim-Wahlkampfs auf dem Stephansplatz. Zwischen den Demonstranten beider Lager gehen die Emotionen hoch, sieht man, der Bruch, der durch die Bevölkerung geht, tritt klar zutage. Von einer ans Licht zu befördernden Vergangenheit der Väter reden die einen, Moral und Christentum und „Werte“ predigen die anderen. „Waldheim nein, Waldheim nein!“ skandiert eine Hälfte der Menschenmenge. Und dann der schockierende Moment: Ein älterer Mann tritt an einen anderen heran, der mit antisemitischen Aussagen auffällt, und wird von dem als „jüdische Drecksau“ beschimpft. Dass der betroffene Herr Beckermanns Vater ist, verschweigt der Film. Dass sich Waldheims Wahlsieg letztlich als seine große Niederlage erwies, ist heute klar. Ruth Beckermann zeigt also auch, wie grundlegend eine wachsame Zivilgesellschaft ein Land verändern kann.

www.waldheimswalzer.at

  1. 10. 2018