Burgtheater: Zelt

April 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Gruppengymnastik mit Campinggestänge

Sebastian Wendelin, Sabine Haupt, Hubert Wild, Michael Masula, Markus Meyer, Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Simon Jensen, Ruth Brauer-Kvam, Marius Michael Huth, Naemi Latzer, Daniela Mühlbauer und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Erst einmal nur rumspinnen“ wolle er, sagt Herbert Fritsch über seine jüngste Arbeit, der Regieschelm, der nicht dran glaubt, dass Theater auf einem Dramatikerpapier entstehen kann, sondern dies ausschließlich auf der Bühne tut. „Pures Theater“ nennt er‘s, wenn er wieder einmal seine Wunderkiste öffnet und den Spielort zum magischen Raum macht und seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihren Spieltrieb auf die Spitze zu treiben. Vierundzwanzig sind es diesmal in „Zelt“.

Fritschs finalem Kunststück am Burgtheater der abtretenden Direktorin Karin Bergmann, die sich auf ihrem Stammplatz, Reihe zehn fußfrei, so köstlich amüsierte, wie das ganze Premierenpublikum. „Zelt“ ist, nach Fritschs aufgekratzten Klassikerinszenierungen am Haus, da selbst entwickelt, noch eigentümlicher und exaltierter, ein perfekt choreografierter Nonsens, knallbunt, voll absurder Gags und komischer Akrobatik, in dem kein Wort gesprochen wird, weil, sagt Fritsch, der Sinn ohnedies im Klang läge. Stattdessen sind die Darsteller zur Gruppengymnastik mit Campingstangen angehalten, denn, wenn’s um irgendetwas geht, dann darum, ein Einpersonenkabäuschen aufzubauen. Mit Plane, Gestänge und Heringen, und die Darsteller machen daraus mit famoser Fantasie einen kollektiv-künstlerischen Prozess des erst Miss-, später Gelingens. Wieder scheitern, besser scheitern. Dass dieser Schaukampf mit der Tücke des Objekts unterhält, mag daran liegen, dass man ein Kind der großen Camping-Ära ist, der 1970er-Jahre. Als alles Richtung Freilufturlaub aufbrach, der erste Familienstreit vorprogrammiert, weil Vater das Vorzelt natürlich nicht in die dafür vorgesehene Schiene am Wohnwagen eingefädelt bekam.

Bevor die Plagerei losgeht, wird aber erst der Platz geschrubbt, der neongrün glänzende Boden vom neongrün gekleideten Putztrupp, der zum Wischbesen-Ballett einen Sound aus Gummihandschuh-Schnalzern und Kübelknall-Rhythmus kreiert. Fritsch-Intimus Hubert Wild intoniert kurz eine aufreibfetzige Arie, und während dazu Bilder von „Präsentiert den Besen!“ über die Schatten eines Reinigungsgeräte-Golgatha bis zum Protestmopp einer Demonstration geschaffen werden, stellt sich Hermann Scheidleder als eine Art staunender Chef heraus. Der zwar nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, aber gleich einem Hohepriester den ersten Zeltaufbau zelebriert, aus dem dann das Ensemble krabbelt. Nun werkt ein jeder, wird sich in Heringen verheddert und mit aufgebauschten Planen gebalgt, ein jeder ein an seinem Trick gescheiterter Zauberlehrling, eingezwickte Finger inklusive, etwaige Schmerzäußerungen von der Musik übertönt.

Der Putztrupp lässt die Gummihandschuhe knallen: Selina Graf, Sabine Haupt, Sebastian Wendelin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kampf dem Gestänge: Stefanie Dvorak, Daniela Mühlbauer, Eva Maria Schindele, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Sebastian Wendelin. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auweh mit eingezwicktem Finger: Hubert Wild, Markus Meyer, Marius Michael Huth und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zeremonienmeister Hermann Scheidleder hat sein Einpersonenzelt als erster fertig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mitten durch den Saal macht sich nämlich eine skurrile Gestalt zur Bühne auf, Matthias Jakisic als Clown mit E-Geige, der die körperlichen Abläufe mit seinen Kompositionen koordiniert. Ob das Campingdasein sich als Synonym fürs Theaterleben lesen lässt, im Sinne von: aus Klein-Einzelnen wird ein Großes, bleibt im Fritsch‘schen Gedankenkosmos der freien Assoziation dem Betrachter überlassen. So auch die Frage ob der politischen Bedeutung eines Burkamoments oder, wenn die Zeltverpackungsbeutel wie Gasmasken über die Köpfe gestülpt werden. Man darf sich ausmalen, was man will und so gut man‘s kann, und apropos: Farben, Friedrich Rom versetzt Fritschs leeren Raum in einen fröhlich irisierenden Lichtrausch, rot wie Blut, blau wie der Himmel, frühlingsgrün. Die Kostüme von Bettina Helmi gleichen einer Trachtenkasperliade.

Die Damen in glitzernden Glockenrockdirndln mit Blumenmuster und Puffärmeln und blonden Gretelperücken, die Herren in einer Steirerlodensatire, unterm Janker kreischorange Hemden und grüne Krawatten, weiße Kniestrümpfe für Mann wie Frau ein Modemuss. Derart angetan erschaffen die Schauspieler eine Vielzahl komödiantischer Miniaturen, in denen es meist ums Begehren, Anbandeln, sich Verlieben geht, gelingt es diesen grandiosen Darstellern doch auch in der uniformen Masse absonderliche Typen zu gestalten. Bald wird’s zum Quiz, wen man unter der Maskerade erkennt, die Pirouetten drehende Petra Morzé, den ständig über seine Füße stolpernden, aber den Spagat meisternden Markus Meyer, Michael Masula, der sein Versagen am Gestänge grässlich weggrinst, die Beine hochschmeißende Ruth Brauer-Kvam, Marta Kizyma mit typischer Schnute und einem Augenrollen, den sich bis zum Schweißgebadet-Sein verausgabenden Sebastian Wendelin, Simon Jensen mit der Max-und-Moritz-Tolle, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt …

Akkordeon auf Teufel komm‘ raus: Markus Meyer, Petra Morzé, Peter Rahmani und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist die Zeltstadt fertig, legen die Zappelphilippas und Hampelmänner mit einem Lagerfeuerkonzert los. Die einen mit Gitarren, die anderen mit Akkordeons, eine furiose Kakophonie dieser mimischen Koalition, ein quietschend geschrammeltes Forte- fortissimo, der Veitstanz grotesker Volksdümmelei, mit Jakisic als satanischem Kapellmeister. Mitreißend verführerisch klingt das, dieser Irrsinn mit theatralem Seltenheitswert, und das Ensemble mit Spaß an der Freud‘ dabei.

Am Schluss zum Teufelsgeiger Scheidleder als Herrgott, der die Zelte als beleuchtete Lampions einer neuen Kušej’gen Zeit entgegenschweben lässt. Aber wie’s mit dem Übergang vom Hier zum Jetzt schon so ist, steht vor dem Anfang ein Ende, an dem die zwei Dutzend wie zerzauste Rübenköpfe aus dem Untergrund ragen, als seien sie in Dantes Purgatorio oder enthauptete Opfer einer nicht näher definierten Revolution. Das ist Überwältigungtheater, der Augenschmaus und Ohrensaus Beweis dafür, dass man kein Wort verstehen muss, um etwas auf sich wirken zu lassen. Zum tosenden Applaus der Fritsch-Fans fliegt er höchstpersönlich als Dirndl-Gretchen vom Schnürboden herab, die Träne im Knopfloch, weil’s für etliche im Ensemble tatsächlich die letzte Burg-Premiere gewesen sein wird.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Waldheims Walzer

Oktober 1, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Vergangenheit nicht bewältigt

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Man weiß, er wurde trotz allem gewählt. Und so nimmt der neue österreichische Bundespräsident, neben sich ein kleines rot-weiß-rotes Fähnchen im imperialen Gepränge der Hofburg, vor der Fernsehkamera Platz, um seine erste offizielle Ansprache ans Volk zu halten. Er scherzt, die Stirn wird ihm noch abgepudert, mit dem Tisch ist er nun zufrieden, ein „Ladl“ hatte zuvor seine Beinfreiheit eingeschränkt, er wirkt gelöst und wie erleichtert. Kurt Waldheim ist von der Vergangenheit nicht bewältigt worden.

Er hat ausgesessen, was er einmal als größte Verleumdungskampagne in der Nachkriegsgeschichte des Landes bezeichnete: Eine vom profil-Journalisten Hubertus Czernin ausgelöste Diskussion um Waldheims Vergangenheit bei der SA, zu der später die New York Times und der Jewish World Congress weitere wichtige Erkenntnisse lieferten. Mit der Szene um die Rede schließt Ruth Beckermanns Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“, diesjähriger heimischer Beitrag im Rennen um den Auslands-Oscar und ab 5. Oktober in den Kinos zu sehen. Beckermann schöpft aus eigenen Erinnerungen und aus größtenteils eigenem Material. Sie war unter den Aktivistinnen und Aktivisten, die 1986 die Bestellung des vormaligen UN-Generalsekretärs zum höchsten Mann im Staate verhindern wollten, sie begab sich mit Kamera und Mikrophon hinein in die Abgründe der österreichischen Seele. Soll sie dokumentieren oder protestieren, fragt sich Beckermann an einer Stelle, und gibt somit übers Politische auch Persönliches preis. Mehr als 30 Jahre später analysiert die Filmemacherin nun anhand ihrer Bilder und mit einer Fülle an Archivmaterial diesen entscheidenden Wendepunkt im Geschichtsverständnis.

Denn, dies vorweg, die „Affäre Waldheim“ führte zur Aushebelung des von der Nation allzu gern gepflegten Narrativs von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Trotz der Tatsache, dass eine ganze Generation die Wahrheit kannte, war Österreich bis dahin so geschickt wie erfolgreich gewesen, sich selbst und der Welt seine kollektive Lebenslüge vorzugaukeln. Diese, in Sonntagsreden, Büchern und Heimatfilmen jahrzehntelang reproduziert, brach nun in sich zusammen. Die Opferrolle war endgültig zu Ende gespielt, die Bürger mussten sich der Realität zuwenden … Dennoch, mit dem Wort endgültig gilt es vorsichtig zu sein, in einem Jahr, in dem das „Jetzt erst recht!“ – damals von Waldheims Wahlstrategen für dessen trotzig-beleidigte Anhängerschaft maßgefertigt – wieder als (diesmal FPÖ-)Wahlslogan hergehalten hat. Man kann im doppelten Wortsinn sagen, Beckermanns Film kommt zur rechten Zeit. Das Material, sagt sie, hätte sie auf einer alten VHS-Kassette zufällig wiederentdeckt – und sei sofort „mitten drin“ gewesen.

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Bild: © Lukas Beck

Beckermann zeichnet nicht nur auf, sie zeigt auf – betont sachlich, mit ruhig aneinander gereihten Clips -, die Eigendynamik einer innenpolitischen Causa, die Österreich in den Mittelpunkt des internationalen Interesses rückte. Die Lücken in seiner Kriegsbiografie und die konsequente Auslassung unangenehmer Wahrheiten, und lange war er auf diese Weise durch diverse Institutionen marschiert, führten Waldheim nun mitten hinein in ein Lügennetz, in dem er sich aussichtslos verstrickte. Je deutlicher die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu einer Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit führten, desto erfolgreicher erwies sich jedoch in Österreich die Mobilisierung eines dumpfen Wir-Gefühls mit antisemitischen Untertönen.

Schützenhilfe kam von ÖVP-Kollegen wie Mock und Graff, die die Einmischungen aus dem Ausland aufs Schärfste zurückwiesen. Zitat: Die „ehrlosen Gesellen vom jüdischen Weltkongress“ würden „Gefühle wachrufen, die wir alle nicht wollen“. Der Spruch von der „Arroganz der Spätgeborenen“ kam auf. Rhetorische Manöver im selbstbewussten Glauben (oder Wissen?) eine satte Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Auch darauf, wie auch auf alternative Fakten, greift man derzeit gern wieder zurück.

„Waldheims Walzer“ ist ein Lehrstück über das Schüren von Stimmung, über die Schaffung von Feindbildern und über den medial ausgetragenen Kampf, die Deutungshoheit über die einlangenden Informationen zu behalten. In ORF-Interviews tritt man fast demütig-verständnisvoll an Waldheim heran, während der seine ausweichenden Antworten abspult, konfrontiert mit britischen Journalisten verliert er einmal die Contenance, schlägt sogar mit der Faust auf den Tisch, als ihm Fotografien von Deportationen jüdischer Griechen vorgelegt werden. Man kennt sein „Ich habe nur meine Pflicht getan“, wie Bundeskanzler Fred Sinowatz‘ sicherlich besten Spruch, er nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war – sondern nur sein Pferd. Man erfährt, dass niemand vom ORF nach Thessaloniki fuhr, wo Waldheim gedient hatte, um zu recherchieren.

Gedreht hat Beckermann auch bei der Abschlussveranstaltung des Waldheim-Wahlkampfs auf dem Stephansplatz. Zwischen den Demonstranten beider Lager gehen die Emotionen hoch, sieht man, der Bruch, der durch die Bevölkerung geht, tritt klar zutage. Von einer ans Licht zu befördernden Vergangenheit der Väter reden die einen, Moral und Christentum und „Werte“ predigen die anderen. „Waldheim nein, Waldheim nein!“ skandiert eine Hälfte der Menschenmenge. Und dann der schockierende Moment: Ein älterer Mann tritt an einen anderen heran, der mit antisemitischen Aussagen auffällt, und wird von dem als „jüdische Drecksau“ beschimpft. Dass der betroffene Herr Beckermanns Vater ist, verschweigt der Film. Dass sich Waldheims Wahlsieg letztlich als seine große Niederlage erwies, ist heute klar. Ruth Beckermann zeigt also auch, wie grundlegend eine wachsame Zivilgesellschaft ein Land verändern kann.

www.waldheimswalzer.at

  1. 10. 2018

Life Guidance

Januar 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Optimierung bis zum Anschlag

Fritz Karl gerät als Alexander ins Visier der Agentur. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Zu Beginn gleitet die Kamera über das „Schöner Wohnen“ einer wohlhabenden Kleinfamilie. Teure Möbel, exquisite Kleidung, alles ein wenig unpersönlich in dieser sterilen Welt. Da klingelt es an der Tür. Ein Fremder gibt sich als Mitarbeiter einer Agentur aus, die dem Familienvater helfen soll, sich selbst zu optimieren.

Er steht plötzlich mitten im Wohnzimmer und erklärt, der Sohn des Hauses habe angezeigt, der Herr Papa sei vom System nicht so hundertprozentig überzeugt. In weiterer Folge wird der Fremde überall sein, wird die privatesten Rückzugszonen durchforsten und eine Angst erzeugen, deren Ursache gar nicht zu benennen ist. Und der Vater wird sich aufmachen, die Instanz zu suchen, die totalitäre Macht, die hinter diesem Kontrollorgan steht, das sich „Life Guidance“ nennt. So auch der Titel von Ruth Maders aktuellem Film, der am 12. Jänner in den heimischen Kinos anläuft, die beklemmende Zukunftsvision einer bis ins Intimste „gleichgeschalteten“ Gesellschaft – und dabei so nahe am Heute, dass es einen beim Zuschauen fröstelt.

„Life Guidance“ ist ein sperriger, spröder Film, in kühlen Farben gehalten und durchkomponiert bis ins Detail. Selbst die Sprache ist anderes, futuristisch, erinnert ans Orwell’sche Neusprech. Vieles bleibt rätselhaft in dieser Hochglanz-Dystopie, die nicht mehr als die Gegenwart für ein mögliches Morgen hochgerechnet hat. „Das Ende der menschlichen Freiheit“, sagt Ruth Mader“, tritt im Rahmen all dessen ein, was uns vertraut ist: der liberalen Demokratie, des Finanzkapitalismus, der technokratischen Elite von heute.“ Es gruselt einen, wenn ein über den Teppich rollendes Spielzeugkaninchen gerade den einen Satz kann: „Ich sehe deine Leistungen.“

Alexander und Anna haben Gäste. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Schöne sterile Welt: Das Büro von Life Guidance. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ja, jeder hat sein Potenzial auszuschöpfen, da fallen einem Sprüche ein, wie die vom selben Boot, in dem alle sitzen, die sich gleichen. Nur sind manche gleicher. Andere völlig ungleich. „Life Guidance“ ist ein hochbrisanter und politischer Film, radikal wie alle Arbeiten von Ruth Mader. In ihm brilliert Fritz Karl als Familienvater Alexander; Florian Teichtmeister spielt den Mitarbeiter von „Life Guidance“, Katharina Lorenz Alexanders Ehefrau Anna, von der man nie weiß, ob sie ihn bespitzelt oder beschützt. In weiteren Rollen sind unter anderem Petra Morzé und Martin Zauner zu sehen.

Und während Fritz Karl als nunmehr stigmatisierter Außenseiter stoisch-sprachlos bleibt, ist Teichtmeister ein beinah schelmisch-charmanter Geist, der immer wieder wie aus heiterem Himmel in die Familie einfällt. Alexander wird in zwei Gegenwelten vordringen. Die eine ist die unautorisierte Zone der von der Gesellschaft als Minderleister und Unterschichtler ausgestoßenen, deren „schlimmste Fälle“ in Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Hier findet Alexander kurz ein Gegenmodell zum Turbokapitalismus, kann aber nicht daran festhalten.

Florian Teichtmeister als Agent. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Katharina Lorenz als Ehefrau Anna. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Die andere ist eine Jagdgesellschaft alter Herren (mit Udo Samel, Johann Adam Oest und Alfons Mensdorff-Pouilly), die ihm die schlimmste Wahrheit über sein Leben eröffnen. Nämlich, dass das alles selbst gewollt ist. Für geheime Wünsche gilt es eben eine Rechnung zu begleichen – und auf der steht: Es ist nicht leicht, dem System zu entkommen, auch wenn man es durchschaut …

Fritz Karl im Gespräch: http://www.mottingers-meinung.at/?p=27811

www.lifeguidance.at

  1. 1. 2018

Life Guidance: Fritz Karl im Gespräch

Januar 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Selbstoptimierung ist ein wunder Punkt“

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ab 12. Jänner ist Fritz Karl in dem dystopischen Überwachungsthriller „Life Guidance“ in den heimischen Kinos zu sehen. Der Film von Ruth Mader spielt in der nahen Zukunft, in einer Welt des perfektionierten Kapitalismus.

Die Gesellschaft wird von einer Schicht an Leistungsträgern getragen, von fröhlich-motivierten Menschen einer lichten, freundlichen, transparenten, perfekt funktionierenden Mittelschichtwelt; die sogenannten Minimumbezieher werden in „Schlafburgen“ ruhig gestellt. Die überwältigende Mehrheit der Leistungsträger fühlt sich glücklich und selbstverwirklicht. Für den Rest von ihnen hat man eine outgesourcte Agentur installiert: Life Guidance soll auch sie zu optimalen Menschen machen.

Alexander (Fritz Karl) hat wie die anderen das System verinnerlicht. Ein falscher Satz zu seinem Kind reicht aber aus, und Life Guidance wird eingeschaltet. Ein Agent leitet ihn nun an, „optimal“ zu werden, und dringt immer weiter in sein Leben ein. Alexander beginnt sich aufzulehnen, und in aller Helligkeit und Freundlichkeit tritt ihm das Grauen des Systems entgegen …  Es spielen außerdem Katharina Lorenz und Florian Teichtmeister. Fritz Karl im Gespräch:

MM: „Life Guidance“ gibt vor Science Fiction zu sein, eine Dystopie zu sein, und ist mit seinem Thema der Selbstoptimierung bei gleichzeitigem das Leben aus der eigenen Hand geben doch ganz nahe am Heute. War diese Nähe für Sie ein Anreiz, sich am Projekt zu beteiligen?

Fritz Karl: Es war sicher auch ein Grund. Das Tolle an dieser Geschichte ist ja, dass man immer mehr hineinwächst, und feststellt, das ist gar nicht die mehr oder weniger nahe Zukunft, sondern, dass man sich die Frage stellen muss, wie sehr wir in so einer Situation schon drinstecken. Das Buch hat mir gefallen, auch die Zusammenarbeit mit Regisseurin Ruth Mader. Ich sah mich beim Casting sofort einer Person gegenüber, die genau wusste, was sie wollte. Und mit einer Bedingungslosigkeit, die ich in der Form noch selten von einer jungen Regisseurin erlebt habe, hat sie ihre Ideen umgesetzt. Das fand ich faszinierend, und der Alexander ist natürlich eine tolle Rolle. So etwas zu spielen, in dieser Reduktion und innerlichen Versammlung, das machte schon Spaß.

MM: Wie geht es Ihnen mit dem Thema Selbstoptimierung? Als Schauspieler ist man doch wohl auch ständig damit befasst?

Fritz Karl: Das ist ein wunder Punkt, denn ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und hasse wahnsinnig Schlamperei in unserem Beruf. Ich habe kein Verständnis mit Kollegen, die am Set erscheinen und den Text nicht gelernt haben, oder nicht vorbereitet sind. Während man sich beim Theater eine Figur während der Proben erarbeitet, muss man beim Film und beim Fernsehen am ersten Drehtag voll und ganz da sein, muss man seine Figur kennen. Daher nutze ich die Vorbereitungszeit, um meinen Charakter so präzise wie möglich zu gestalten, die Rolle so optimal wie möglich zu machen. Da bin ich schon sehr optimiert, wenn Sie so wollen. Ich wünsche mir manchmal, dass ich ein bisschen lockerer sein könnte, aber ich bin besessener Perfektionist. Denn nur der Perfektionismus und das Wissen, dass ich optimal vorbereitet bin, verschaffen mir dann die Freiheiten mich in der Figur zu bewegen.

MM: Apropos, Freiheit: Auch sie ist Thema im Film. Wir sehen eine Upper Class, die ihre Freiheiten für den Komfort ausgibt, die materiell sehr gut lebt – und andererseits in Angst vor dem sozialen Abstieg in die sogenannten Schlafburgen. Wie haben Sie das empfunden?

Fritz Karl: Der Film geht davon aus, dass in diesem Staat die Menschen alle ihre Daten freiwillig hergegeben haben. Wir leben in einer Zeit, die mit diesem „gläsernen Menschen“ schon sehr viel zu tun hat, wenn man schaut, wie viele Daten wir freiwillig oder unfreiwillig herausgeben, welche Gewohnheiten wir über das Internet preisgeben, vom Einkaufen bis zu privatesten Dingen. Da bewegen wir uns schon sehr in diese Richtung wie im Film. Die wirkliche Unruhe, die die Figur Alexander erfasst, ist aber eine andere. Die kommt aus einer Sensibilität und einem Humanismus, die ihm sein revolutionärer Vater mitgegeben hat. Er weiß sehr wohl, dass sein Wohlstand auf Kosten anderer stattfindet. Er weiß aber über die Life Guidance Agentur sehr wenig, darüber weiß seine Frau Anna viel mehr, die mit Menschen zu tun hat, die vom Abstieg betroffen sind. Er fühlt sich lange Zeit relativ sicher, nimmt gar nicht ernst, dass man ihm mit Konsequenzen droht; er ist nicht von Anfang an von Angst getrieben, die entdeckt er erst während des Films. Anfangs lächelt er vieles weg.

MM: Ist dieser Alexander in seiner Verweigerung des Systems ein Verwandter von Winston Smith aus Orwells „1984“?

Fritz Karl: Könnte man so sagen. Nur fühlt sich hier lange jeder glücklich, jeder ist brainwashed vom System. Die Angst, von der Sie sprechen, ist lange nur die Atmosphäre des Films, bevor sie auf die Figuren übergreift. Es braucht für Alexander einen Schritt hinaus, um zu sehen, was man nicht sehen kann, wenn man im System steckt. Das ist ein wichtiges Moment an dieser Figur, als er anfängt zu reflektieren über das, was passiert, über seine Arbeit und über sein Leben. Er erkennt, dass er in seinen Verpflichtungen unglaublich gefangen ist, auch das ein heutiges Motiv: wir haben sehr viel Luxus, wir sind abgesichert, wir werden „beschützt“. Wir leben, obwohl wir das nicht so registrieren, von Angst durchsetzt. Wir müssen mit Helm Radfahren, die Kinder haben ein Handy, damit sie jederzeit erreichbar sind, wir machen Fitness, damit wir gesünder und leistungsfähiger sind – und wehe, wenn nicht, dann kriegst du Herzkranzgefäßerkrankungen! Wo ist da noch der Genuss? Ich will einen schönen Schweinsbraten essen, danach einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen.

MM: Wir sind noch nicht soweit, dass der Gegenbegriff zu Volksgesundheit „Volksschädling“ lautet.

Fritz Karl: Im Film ist es schon so! Das ist das Interessante in Bezug auf unsere Gesellschaft: Auch uns wird permanent versucht, Angst vor Konsequenzen zu machen, es heißt: das und das ist für eure Sicherheit, dafür müsst ihr aber die und die Freiheit aufgeben, nur weil wir mitten drinstecken, sehen wir das nicht so.

MM: Eine starke Szene ist, als sich herausstellt, dass Alexanders Sohn ihn an die Agentur verraten hat.

Fritz Karl: Ja, man sieht am Anfang des Films, dass im Kindergarten schon alle auf einer Linie sind. Das kennt man aus totalitären Regimen, den Nazis, der DDR, dass die zweite Generation das System schon völlig verinnerlicht hat, dass sie die Eltern an den Pranger stellt. Im Dritten Reich hat man daheim oft nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, damit der HJ-Sprössling nicht erzählt, der Papa hat einen Witz über den „Führer“ gerissen.

MM: „Life Guidance“ ist ein durchgestylter Film …

Fritz Karl: Es ist ein unglaublich durchdachter, bis zum Schluss durchgehaltener, durchgestylter Film. Ich habe so etwas noch nie erlebt, und ich habe wirklich viele Filme gemacht, aber ich war noch nie bei einem Projekt dabei, bei dem jemand so akribisch arbeitet.

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

MM: … ich vermute, da haben Sie auch an der Darstellungsweise sehr gefeilt. Mir ist aufgefallen, dass die Figuren agieren, als wäre ihnen die Energie abgesogen worden. Das heißt aber nicht schauspielerische Agonie, sondern große Kunst.

Fritz Karl: Es war in erster Linie Ruth Mader, die in den Vorgesprächen schon darauf hingewiesen hat. Wir haben jede Szene probiert, denn so zu spielen, ist wahnsinnig anstrengend, weil man sich unglaublich konzentrieren und versammeln muss. Natürlich würde man immer wieder ganz gern auf etwas zurückgreifen, das man so unglaublich gut in petto hat und das immer gut funktioniert, aber sie hat das sofort weggewischt. Das fand ich eine ganz große Herausforderung an mich als Schauspieler. Ich habe manchmal geflucht und mich geärgert, war sehr emotional, aber sich an dieser starken Regisseurin abzuarbeiten, die bedingungslos auf ihrer Sicht beharrt, und diese Form durchzuhalten, das fand ich eine tolle Aufgabe, das war echt spannend.

MM: Alexander taucht in eine Gegenwelt ab, die unverkennbar als Wiener Arbeiterbezirk zu identifizieren ist. Trifft er dort die „echten“ Menschen?

Fritz Karl: Er trifft die working poor, eine arbeitende Schicht, die gerade so über die Runden kommt. Das haben wir heute auch: Leute, die sehr schnell zu sehr viel Geld kommen, und Leute, die sehr viel arbeiten, aber es gerade mal so schaffen, weil sie nicht adäquat dafür entlohnt werden. Dann gibt es noch die Totalverlierer im Film, die in sogenannten Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, weil sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden und unbrauchbar geworden sind.

MM: Und dann gibt es die Jagdgesellschaft, die Gesellschaft alter Männer, die die bestimmende Klasse ist.

Fritz Karl: Die haben das System eingerichtet. Es ist die Schlüsselszene, als diese Herren Alexander erklären, dass alles selbstgewusst und selbstgewollt und selbstgemacht ist. Das ist schon richtig, und für die, die auf der Butterseite sind, völlig okay. Aber die vielen, die das nicht sind, werden unzufrieden werden. Wir sind weltweit sichtlich an einem Punkt angelangt, an dem es große Verschiebungen geben wird, Wanderungen, so dass man sich überlegen muss, wie lange und mit welchen Mitteln wir unser System noch aufrechterhalten werden können. Oder brauchen wir dann militärische oder totalitäre Mittel, um all diese Menschen, die auf unsere Kosten nichts mehr zu fressen haben, hintanzuhalten?

MM: Die Mauern gegen diese Menschen werden schon errichtet.

Fritz Karl: Stimmt. Seit Jahren schon. Ich war im spanischen Ceuta, da gibt es Riesenzäune, damit die Afrikaner nicht rüberkommen. Das gibt es schon sehr lange, das ist aber überhaupt nicht in unseren Köpfen. Ich war für den Wagenhofer-Film „Black Brown White“ dort und habe die riesigen Glashäuser gesehen, in denen günstigst „unser“ Gemüse gezogen wird. Die Menschen, die dort arbeiten, leben in Pappkartons und gehen illegal ihrer Arbeit nach. Das wird aber gedeckt, sonst könnte die Ware nicht so billig sein. Das ist atemberaubend.

MM: Diese vielen Scheren, die auch der Film aufzeigt, die Schere im Kopf, in der Brieftasche, zwischen den Geschlechtern …, wie kann man denen begegnen?

Fritz Karl: Mit Humanismus. Man kann wegschauen oder nur sehen, was in unmittelbarer Nähe ist, oder man kann ein bissl rechts und links schauen und sich fragen, ob es einem mit dem Zustand der Welt gut geht und wenn nein, was man dagegen tun könnte. Ich zum Beispiel koche und esse gern, und ich versuche, das sage ich auch meinen Kindern, bewusst einzukaufen. Zu einem normalen Fleischhauer gehe ich schon lange nicht mehr, ich kaufe lieber „teurer“, aber qualitativ besser und herkunftstechnisch sicher bio. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Phase sind, in der es eine sehr junge Bewegung in der Gesellschaft gibt, die vieles wieder umdrehen will. Es gibt aber auch einen großen Teil, der sagt, für uns rennt’s, alles andere ist egal.

MM: Zu diesem „Hinter uns die Sintflut“ die Frage, wie wichtig ist in „Life Guidance“ der Glaube? Ich weiß, dass ihn Ruth Mader in ihren Arbeiten immer wieder thematisiert …

Fritz Karl: Der Glaube ist ein wichtiges Moment in Alexanders Nächstenliebe. Er zeigt, dass es noch eine andere Geisteshaltung als den Kapitalismus gibt, dass es andere Werte als das Optimieren gibt. Dafür steht für Alexander der Mann mit dem Rosenkranz, der Priester, die ihm wie allegorische Figuren über den Weg laufen.

MM: Wenn wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen, nämlich, dass sich „Life Guidance“ als Science Fiction tarnt, sind Sie ein Fan dieses Genres?

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Fritz Karl: Ja, das mag ich. Von „Alien“ bis zu „Fahrenheit 451“, Philip K. Dick vor allem: „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ – welch ein Titel für eine Geschichte! Der daraus entstandene Film „Blade Runner“ ist einer meiner liebsten. Nur den zweiten Teil habe ich noch nicht gesehen. Ein Freund hat das Original mit seiner Tochter gesehen, und die meinte: Komisch, die haben gar keine Handys …

Philip K. Dick hat für „The Minority Report“ ja auch das Gedankenverbrechen erfunden, also, dass man für eine Tat bestraft wird, die man noch gar nicht begangen hat, auch das ist Thema in unserem Film.

MM: Was kommt von Ihnen als nächstes?

Fritz Karl: Ich drehe gerade „Franz Burda“, und ab März arbeite ich in Bad Aussee an einer Kriegsgeschichte über die Bergarbeiter, die von den Nazis gestohlene Bilder gerettet haben.

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5. 1. 2018

Kammerspiele: Die 39 Stufen

Oktober 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suspense, Slapstick und Stummfilmmomente

Im schottischen Hochmoor wird scharf geschossen: Ruth Brauer-Kvam als Pamela und Alexander Pschill als Richard Hannay. Bild: Rita Newman

Sie wissen, was ein MacGuffin ist? Nein, nicht einer der schottischen Sonderlinge, denen Richard Hannay bei seiner Flucht durch die Hochmoornebel in die Hände fällt. Alfred Hitchcock hat den Begriff für seine Filme erfunden, für ein beliebiges Ding, das keinen anderen Nutzen hat, als die Handlung voranzutreiben. „Die 39 Stufen“ sind ein MacGuffin.

In des Meisters Werk aus dem Jahr 1935 erfährt man nicht viel mehr, als dass dies die Bezeichnung für einen den Briten feindlichen Spionagering wäre, der brisanteste Geheimdokumente von der Insel schaffen will. Ein Unschuldiger, eben Hannay, er noch dazu Kanadier, wird in die Story verstrickt, bald des Frauenmordes bezichtigt, alles rennet, rettet, flüchtet, die Handlung verwickelt sich immer mehr, die Bedrohung lauert auf allen Seiten (was Hitchcock in den 1930er-Jahren durchaus politisch meinte), das Tempo verschärft sich quasi minütlich – der perfekte Stoff für die Kammerspiele. Wo Regisseur Werner Sobotka den Filmklassiker nun auf der Bühne umsetzte. Das heißt, natürlich nicht einfach so.

Sobotka peppt den Suspense mit dem Slapstick der Stummfilmära auf, er erzählt davon, wie die Bilder laufen lernten, und er beschreibt ein „Making of“-Kino. Seine Inszenierung ist eine Hommage an eine Zeit, als jeder Stunt und jeder Special Effect noch mit Kulisse und Courage angegangen, nicht am Computer hergestellt wurden. Die Mittel, denkt man, sind einfach. Sobotka reichen zwei Leitern und ein Steg, um eine Brücke zu simulieren, vier Stühle und ein Lenkrad werden zum Fahrzeug.

Stunts, Slapstick, Stummfilmmomente: Hannay fällt auf der Flucht von einer Brücke …. Bild: Rita Newman

…. und versucht im Auto zu entkommen. Bild: Rita Newman

Türen stehen allein im Raum, dass das auf beiden Seiten ein anderer ist, versteht sich; Überseekoffer sind mal Bar in einem Herrenclub, mal Hotelrezeption. Erst am Ende der mit viel Applaus bedachten Vorstellung, als sich weit mehr Menschen von der Bühne winkend verabschieden, als vorher darauf gespielt haben, wird klar, welchen Kraftakt dieser rasante Kulissenumbau (Bühnenbild: Karl Fehringer und Judith Leikauf) darstellt. „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen sind wie ein Wunderwerkl, der kleine Theaterraum wie eine Springteufelbox, aus der jeden Moment eine andere Knallcharge emporschnellt.

Sobotka hat die Kunst des großen Sir Alfred studiert. Er zitiert „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“, als Schattenspiel zeigt er die berühmte „Psycho“-Duschszene und die Flugzeuge, die Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ verfolgen. Und auch, wenn seine Aufführung auf absichtliches Overacting und outrierte Theatralik setzt, hat sie sich dennoch auch Hitchcocks trockenen Humor angeeignet.

Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße dem Spiel von Alexander Pschill zu danken, der als Richard Hannay, gemeinsam mit Ruth Brauver-Kvam in drei Frauenrollen, die beiden ja bekannt als Kammerspiele-Traumpaar, den komödiantischen Kern des Abends bildet. Pschill steht der Typ Upper-Class-Snob, der sich erst aus seiner Trotteligkeit und von seinem Ennui befreien muss, bevor er zum Abenteurer und Helden werden kann. Wie er mit rollenden Augen und sexy Schnoferl um Mitgefühl und die Mitwisserschaft des Publikums buhlt, das ist sehr charmant. Vergebens versucht er verwegen zu sein, so etwas wie britische Offiziersschneidigkeit an den Tag zu legen, doch erst als ihm Pamela erliegt, läuft er zu voller Form auf.

Pamela ist eine von Ruth Brauer-Kvams Charakteren. Hitchcock-erblondet gibt sie als solche das patente Mädchen vom Lande, das Hannays Beschwörungen der Bösen keinen Glauben schenken mag, bis sie sich zufällig vom Gegenteil überzeugen kann. Weil, was von Kriminellen mit Handschellen aneinander gekettet wurde, der Mensch nicht trennen soll, ist das Happy End hier klar. Davor aber brilliert Brauer-Kvam als schüchtern-sinnliche Bauersfrau Margaret – und vor allem als russische Agentin Annabella, so exotisch wie erotisch, die Hannay bald den Kopf verdreht hätte, aber mit Messer zwischen den Rippen endet.

Superspionin Annabella wird in Hannays Wohnung ermordet: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Und auch das Medium Mr. Memory wird ein Opfer des feindlichen Geheimdienstes: Boris Pfeifer (in der rezensierten Vorstellung spielte Martin Niedermair), Markus Kofler, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Das mitunter schon gefährlich akrobatisch über die Bühne turnende Schauspielerkleeblatt komplettieren Markus Kofler und Martin Niedermair (er alterniert mit Boris Pfeifer und spielte am rezensierten Abend), und tatsächlich sind es die beiden, die dem Ganzen den besonderen Kick geben. In Windeseile gestalten sie gefühlte 100 Figuren, Polizisten, Putzfrauen, Zugführer, Zeitungsjungen, oft nur durch Wechseln der Kopfbedeckungen und flexibel, was Akzente und Dialekte oder das Geschlecht betrifft.

Ihre Tour de Farce ist am schönsten, wenn Kofler und Niedermair das Wirtsehepaar geben, ersterer als resolute, liebestolle Hausherrin, zweiterer als sich dem Trunke ergeben habender Schon-wieder-ran-Müsser, als schottische Greise bei einer örtlichen Wahlkampfveranstaltung, ein surrealer Moment – und natürlich als Professor und Louisa Jordan, diesmal Niedermair als Dame des Hauses und Kofler als verrückter Oberschurke, das Phantom mit dem fehlenden kleinen Finger und Kopf der Gaunereien.

Die Anstrengung, die am Schluss alle versuchen, nicht im Gesicht stehen zu haben, hat sich gelohnt. Das Publikum reagierte begeistert, die Kammerspiele dürfen sich über die nächste Erfolgsproduktion freuen.

Werner Sobotka erwies sich einmal mehr als Regisseur, der „oben“ und „unten“ die Fantasie beflügeln kann. Ach ja, die Geheimdokumente waren keine Papiere, sondern Informationen, die die Vaudeville-Sensation Mr. Memory auswendig gelernt hatte. Als diesen ereilt auch Martin Niedermair der Bühnentod. Kofler sprach’s gelassen aus: Er war einfach, der Mann, der zu viel wusste …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=eAzKGz67rK0

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  1. 10. 2017