Matthias Hartmann inszeniert „Die Räuber“

September 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater als Live-Film – ein einmaliges Experiment

Schillers "Räuber" als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco Koenig, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: ServusTV

Schillers „Räuber“ als Echtzeitdrama: Jonas Hackmann, Ron Iyamu, Emanuel Fellmer, Coco König, Laurence Rupp, Igor Karbus, Niklas Mitteregger, Kilian Bierwirth, Nico Ehrenteit, Dominik Puhl und Wolf Danny Homann. Bild: Servus TV

Am Schluss fordert Karl den Showdown, den ihm Schiller immer vorenthalten hat. Eine letzte Begegnung mit seinem Bruder Franz, und er soll sie bekommen, skizziert als dekadentes Graphic-Novel-Film-Fest, auf dem Franz imaginiert, er fliege aus dem Fenster, mit schwarzen Flügeln in die ewige Dunkelheit, während Karl ihn wie einen Stein zu seinen Füßen stürzen sieht. Tatsächlich bleibt dann doch die Hutschnur.

In dieser Art funktioniert also Matthias Hartmanns Neuinszenierung von „Die Räuber“. Der nunmehrige Kreativdirektor des Red Bull Media House erfand für Servus TV ein Format, das Theater in einen live gespielten Film transformiert, als Alternative für all die, wie er im Interview sagt, die abgefilmtes Guckkastentheater nicht mehr ertragen können. Wie er selbst übrigens. Unter Verwendung von elf Kameras, einer Vielzahl an Green-Screens, Spezial-Effekten und einer fulminanten Lichtregie hob er Schillers Sturm-und-Drang-Drama auf die Bühne des Salzburger Landestheaters, um es von dort Sonntagabend live auf den Fernsehschirm zu übertragen. Der ganze Film zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=3qWWo6j4fQY

Besonders reizvoll war aber, sich die Sache online anzuschauen, konnte man da doch zwischen Kameraperspektiven wählen, auf die Making-Of- oder die Backstage-Kamera umschalten, und sich so zeitgleich das Spektakel aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten. Die Backstage-Aufnahmen zum Nachsehen: www.youtube.com/watch?v=CWPKIc_CQIM

Regisseur Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun als Franz und altem Moor. Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Matthias Hartmann mit Emanuel Fellmer und Friedrich von Thun. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: ServusTV

Im Hintergrund die Making-of-Kamera: Laurence Rupp als Karl Moor. Bild: Servus TV

Doch auch im Fernsehen war das Bild mitunter in bis zu sechs einzelne unterteilt, immer wieder sieht man Menschen vor blinkenden Monitoren oder kulissenschiebende Bühnenarbeiter, damit dieser Effekt auch hier annähernd zustande kam. Der technische Aufwand, den der für die Gesamtleitung verantwortliche Parviz Mir-Ali und Video Supervisor Renée Abe betrieben, ist enorm. So waren etwa die Szenen mit der luxuriösen Besetzung Friedrich von Thun als altem Moor, ein Sir selbst im Verlies, Harald Serafin als unbestechlichen, sehr ernsthaften Daniel, Tobias Moretti als Pater oder Oliver Stokowski als durch den Krieg wie an der Moral versehrten Hermann vorproduziert, aber wurden mit dem Live-Geschehen, als wär’s eins-zu-eins gespielt, überblendet. Diese Sequenzen sind so gut gemacht, dass man zwei Mal hinschauen muss, und dies ja auch die Intention dahinter, um zu erkennen, was grad „echt“ ist und was nicht.

Die intensivste Szene dieser Art ist die zwischen Moretti und Laurence Rupp als Karl Moor, zweiterer ganz fabelhaft live auf der Bühne, ersterer via Video. Die beiden haben ja seit „Das jüngste Gericht“ Erfahrung als Filmgespann, aber wie da Moretti als sinistrer Geistlicher und Rupp als ehrhafter Räuberhauptmann in die Auseinandersetzung ums Christenmenschsein treten, das ist … Gänsehaut. Die schauspielerische Neu-Entdeckung des Abends ist allerdings Emanuel Fellmer, der als Franz Moor mit der Kamera und ergo mit dem Publikum spielt und kommuniziert; er sucht den Kontakt, sucht Verbündete für sein übles Tun, frech und unverblümt, und das sagt er einem sozusagen auch noch mitten ins Gesicht. Und weil die Bösewichte bekanntlich immer die besseren Rollen sind – auch Nico Ehrenteit überzeugt als „Chronist“ Spiegelberg, ein Schurke, der nicht nur den Moderator gibt, ins Werk und dessen Aufführungsgeschichte einführt, sondern auch die Schauspieler vorstellt. Ihm doch egal, dass Coco König als Amalia da noch im Bademantel ist.

Hartmann zeigt sich in all seinen Qualitäten, seine Lust am Spiel und seine Liebe zu den Schauspielern, er zeigt ein von ihm exzellent geführtes Ensemble und seinen Sinn für Humor. Etwa wenn Franz, vermeintlich ganz Herr des Geschehens, mit den Fingern schnippt, und hinter ihm der falsche Prospekt erscheint. Es wird, wie gesagt, per Hand gezeichnet, vor allem das Morden und Brandschatzen, eine Miniaturstadt geht in Flammen auf, das hat man zwar schon gesehen, ist als Effekt aber immer noch gut. Man wird bei der blutigen Folter Rollers, ihn stellt Wolf Danny Homann dar, nicht geschont, und was Schiller nicht niederschrieb, bei Hartmann darf er sich für den Hauptmann opfern. Und es wird gerappt, auch dafür eignen sich die Verse vorzüglich, für dieses trotzig-verzweifelte „Keinen Vater mehr, Keine Liebe mehr!“ Hartmann mischt Illusionen und Visionen, die Produktion hat die Schnittgeschwindigkeit eines Krimis.

Das zeigt die Backstage-Kamera: mit enormem Technikaufwand entstehen "Die Räuber". Bild: Leo Neumayr/ServusTV

Die Backstage-Kamera zeigt den enormen Technikaufwand, mit dem „Die Räuber“ live entstehen. Bild: Leo Neumayr/Servus TV

Nun mag die Inszenierung für Schiller-Experten und Räuber-Auskenner wie Schulfernsehen wirken, und dem einen oder anderen Puristen soll’s nicht gefallen, wenn dem von Ehrenteit vorgetragenen Erklärstück allzu viel Zeit und ergo in manchen Teilen auch die Schönheit von Schillers Sprache geopfert wird. Doch mag dies ein Weg sein, ein neues, ein junges Publikum zu den Klassikern zu holen.

Dafür hat sich Hartmann mit Co-Regisseur Michael Schachermaier auch den richtigen Mann an die Seite geholt. Die einzig wirkliche Kritik nämlich ist die Zeit. Neunzig Minuten, wiewohl Hartmann ohnedies ungeniert eine Viertelstunde überzogen hat, sind für Schillers „Räuber“, für die Tiefe und Tragweite des Werks, doch zu knapp bemessen. Aber da hatte wohl wieder einmal ein Fernsehredakteur seine Bedenken in punkto was man den TV-Zuschauern zumuten kann und darf … Matthias Hartmanns Live-Theater-Film ist ein gelungenes Experiment, ein einmaliger erster Versuch, an dem es nun mit Mut zu feilen gilt. Bravo! Bitte mehr davon!

Am 18. Oktober kommt die Produktion als Gastspiel ans Wiener Volkstheater: www.volkstheater.at.

www.servustv.com

www.salzburger-landestheater.at

Wien, 5. 9. 2016

Ö1-Hörspiel – Adalbert Stifter: Der Hochwald

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sophie Rois erzählt eine zeitlose Geschichte vom Krieg

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Es fängt an mit Geschützdonner. Stimmengewirr. Verzerrten Geräuschen. Der Krieg geht ins wievielte Jahr? „Die Jungen, die Kräftigen und jene mit Geld machen sich auf den Weg, gehen in sichere Gebiete. Die anderen bleiben zurück“, sagt Sophie Rois. „Sie werden Haus und Hof und Familie zu schützen versuchen. Viele werden sterben. Jene, die der Krieg nicht tötet, werden ihre letzten Sicherheiten verloren haben.“ Es war einmal. Es ist noch immer.

Erschreckend aktuell, so beginnt das Hörspiel „Der Hochwald“ nach der 1842 erschienenen Erzählung von Adalbert Stifter, nun von Andreas Jungwirth zum Hörspiel bearbeitet. Zu hören am 7. Mai um 14 Uhr auf Ö1. Ein Vater versucht seine Töchter vor dem – im Original: Dreißigjährigen – Krieg in Sicherheit zu bringen und richtet ihnen in der unberührten Tiefe des Waldes eine Hütte ein. Gut bewacht sollen Clarissa und Johanna dort das Vorbeiziehen des Feindes abwarten. Es ist, als würde hier die Zeit stillstehen, während ringsum der Tod tobt. Doch der Geliebte eines der beiden Mädchen dringt auf der Suche nach ihr bis zum Refugium vor; er wird naturgemäß für einen Feind gehalten – und das Schicksal nimmt seinen verhängnisvollen Lauf.

Bei Stifter erinnert sich ein Wanderer beim Anblick einer Burgruine an die Geschichte, die das Gebäude zu berichten wüsste, so es denn könnte. Jungwirth hat daraus eine Erzählerin gemacht, die großartige Sophie Rois. Die zukünftige Allwissende und die gewesenen Töchter des Edelmanns begegnen einander in einer Zeitlosigkeit. „Es gibt Freuden auf der Welt, die uns zerstören können, und es gibt Leiden, die kann man überstehen“, lässt die ältere Jetzige die jüngeren Vergangenen wissen. Stefanie Reinsperger und Pippa Galli leihen den Schwestern Clarissa und Johanna ihre Stimmen. Und konsequent aus der Perspektive dieser Mädchen lässt Jungwirth die unheilvollen Begebenheiten beschreiben. Er konzentriert sich, mit der Musik von Miki Liebermann und in der akustischen Umsetzung von Anna Kuncio und Manuel Radinger, ganz auf das Ausharren und Verstummen der Menschen in einer ihnen fremden Umgebung.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Reiz des „Hochwald“ liegt weniger in seiner Handlung, er findet sich in der Schilderung einer Landschaft im Süden Böhmens, rund um den Blockenstein. Hierin erst werden die Figuren beleuchtet und mit Facetten versehen; sie werden, nach anfänglichem Grauen vor der Wildnis, als Teilhabe am Wald in die Erzählung eingebettet. Er erscheint ihnen bald als eine von den Tagesschrecknissen abgehobene Welt.

Der Krieg ist ein Werk der Menschen, er zerstört sie. Der Wald aber wuchert über das alles hinweg. Rois macht mit ihrer unvergleichlichen Stimme den mystischen Wunderort, die Bäume, Gräser, Moose ohnedies ein lebender Organismus, zum Protagonisten des Hörspiels. Aber wie sie ihn gestaltet, so schwingt gleichsam auch das atemlose Erstaunen der Mädchen oder die abwartende Ruhe der Männer in ihrer Erzählweise mit.

Paul Wolff-Plottegg spricht den Vater, ganz „wunderschöner, ehrwürdiger Greis“, der den Töchtern doch fremd bleibt, Raphael von Bargen den in seiner Werbung zurückgewiesenen Ritter. Michael König ist als Jäger Gregor, der Beschützer der Mädchen, ein Waldwesen, zu dem im Tann „alles spricht, alles erzählt“. Entgegen seiner sanftmütig weichen Stimme steht Laurence Rupp als Ronald. Clarissas Verehrer ist ein unglücklich Liebender, trotzig-verletzt fordert die beiden von einander Erklärungen, die die Liebe kaum zu geben mag. Diese Passagen mit Stefanie Reinsperger sind die schönsten, und Rupp lässt wie vorgeschrieben die „wilde Hoheit“, dieses „etwas das fleht und etwas das herrscht“ seiner Figur anklingen.

Wie der Krieg näher rückt und um Botschaft ausgesandte Knechte nicht wiederkommen, wie durchs Fernrohr nur noch verkohlte Trümmer und andere Schlachtenreste zu erkennen sind, so stattet Jungwirth den Sound mit einem Schellack-Gekratze und Radio-Knistern aus. Wenn der Empfang schlecht ist, ist der Mensch nicht mehr Menschenfreund. Daran vermag auch der Wald nichts zu retten. „Darum haben wir ja den Staat, daß wir in ihm Menschen seien. Denn was den allergrößten Schaden bringt, sind die unreifen Politiker, die in Träumen, Deklamationen und Fantasien herumirren und doch so drängen, dass nur das Ihrige geschehe“, formulierte einst Adalbert Stifter. „Der Hochwald“ – unbedingt hörenswert!

oe1.orf.at

www.andreasjungwirth.at

Wien, 2. 5. 2016

Theater Phönix: Er ist wieder da

November 23, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Harald Gebhartl holt Adolf Hitler wieder nach Linz

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy Bild: © Christian Herzenberge

Markus Hamele, Simon Jaritz, David Fuchs, Felix Rank und Emese Fáy
Bild: © Christian Herzenberger

In den heimischen Kinos ist Burgschauspieler Oliver Masucci zurzeit als untoter „Führer“ zu sehen www.constantinfilm.at/kino/er-ist-wieder-da.html, ab 26. November heißt es auch am Linzer Theater Phönix „Er ist wieder da“. Linz übernimmt die österreichische Bühnen-Erstaufführung nach dem gleichnamigen Debütroman von Timur Vermes. Dieser ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte, das seit seinem Erscheinen die Bestsellerlisten stürmt. Phönix-Chef Harald Gebhartl hat die Fassung geschrieben und führt Regie.

Gezeigt wird der unaufhaltsame „Aufstieg des vermeintlichen Comedians Adolf Hitler“: Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Aber unter Tausenden von Ausländern. Eine gefühlte Ewigkeit nach seinem vermeintlichen Ende strandet er in der Gegenwart und startet gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere – im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur und gerade deshalb erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und auch trotz Jahrzehnten der Demokratie vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und „Gefällt mir“-Buttons. Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? Oder plant Hitler seine Rückkehr an die Macht? Ist er wieder da?

In Gebhartls Inszenierung führt der Siegeszug natürlich nach Linz, in die „fünfte Führerstadt“. Hier entschloss sich Hitler den „Anschluss“ vollständig zu vollziehen, er übernahm sogar die „Patenschaft“ für die Stadt. Hitler, der in Linz die Schule besucht hatte, beabsichtigte, dort einmal seinen Ruhestand zu verbringen. Es folgten Ausbaupläne von Albert Speer und der „Sonderauftrag Linz“, heißt: die Sammlung geraubter Kunstwerke an diesem einen Ort. Gebhartls Dramatisierung hat Timur Vermes offenbar so gefallen, dass der Theatermacher „schon nach zwei Stunden“ eine retourgemailtes Ja bekam, nachdem er dem Autor seine Idee vorgestellt hatte. „Phönix-Dramaturgin Sigrid Blauensteiner und ich sind überzeugt, dass es ein starker Theater-Stoff ist und auch sehr aktuell, was Medien und deren Oberflächlichkeit betrifft. ‚Er ist wieder da‘ ist auch eine Medien-Satire“, sagt Gebhartl im Gespräch mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Es spielen Simon Jaritz (Hitler), das Phönix-Ensemble David Fuchs, Felix Rank, Rebecca Döltl und Markus Hamele und als Gäste Sina Heiss, Sabrina Rupp und Emese Fáy.

www.theater-phoenix.at

Wien, 23. 11. 2015

Salzburger Festspiele: Die letzten Tage der Menschheit

August 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ja oder Nein oder auch Vielleicht

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

In der großartigen „Pension Schöller“-Bearbeitung von Hugo Wiener aus der 70er-Jahren sagt Max Böhm von Marianne Chappuis zu deren künstlerischem „Werk“ befragt: „Dazu kann man sagen Ja oder Nein oder auch Vielleicht.“ Darauf sie: „Fabelhaft, wie Sie die Situation beurteilen.“ Ähnlich ergeht’s einem nun mit Georg Schmiedleitners Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ am Salzburger Landestheater. Weder ist dem Zuschauer zuzustimmen, der den „heiligen Qualtinger“ beschwört, noch jenem Sitznachbar, der meint, nicht umsonst seien die letzten Worte von Karl Kraus‘ Marstheater Gottes „Ich habe es nicht gewollt“, noch solchen, denen ein „Stadttheater“ zu klein fürs große Ganze scheint. Dass das geht wurde erst eindrucksvoll bewiesen: www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit/ . Und auch Schmiedleitner gibt das Beste. Und lässt einen doch irgendwie unbefriedigt zurück. Erst im April hat er die Arbeit, die im Herbst am Burgtheater zu sehen sein wird, von Matthias Hartmann übernommen. Da gab’s nicht einmal noch eine Textfassung. Schmiedleitner hat sich für 50 Szenen in dreieinhalb Stunden entschieden. Natürlich fehlt’s da am einen oder anderen.

Das Schöne: Der Regisseur verlässt sich nicht nur auf Burgkräfte. Er holte sich unter anderem Gregor Bloéb (als unverschämt breit grinsender Optimist; Bloéb wird von Rolle zu Rolle überzeugender, man freut sich schon auf seinen Boxer „Rukeli“ an der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-spielzeit-201415), Christoph Krutzler (sehr schön als süffisanter Hofrat oder brutaler Viktualienhändler) und Thomas Reisinger dazu. Der Regisseur enthält sich jeder nachfahrigen Besserwisserei. Er ist in diesem Sinne weniger kraus-lich. Dass es aber gerade derzeit wieder einmal an allen Ecken und Enden der Welt kracht, dass die letzten eigentlich nur die vorletzten Tage waren und sind, darauf – nur ein Vorschlag! – hätte man durchaus Bezug nehmen können, dürfen, sollen … Schmiedleitner hat sich statt eines allumspannenden Bogens für einen Reigen aus unzähligen „netten“ Einfällen entschieden. Dass dazu auch der Auftritt der Blasmusikkapelle Postmusik Salzburg gehört, ist Geschmackssache. Dass er sich bei der Zeichnung der Figuren nicht zwischen Karikatur und Kaltschnäuzigkeit entscheiden konnte (oder wollte?) nicht. So spielt die Burgtruppe brillant routiniert vor sich hin. Sie kann’s ja. Was soll da schief gehen?

Wenn Dietmar König den Nörgler gibt. Oder Elisabeth Orth den Kriegstreiber Conrad von Hötzendorf. Oder Stefanie Dvorak, Bernd Birkhahn, Petra Morzé … spielen, als ob es um ihr Leben ginge. Oder Peter Matić als Kaiser Franz Joseph dem Leichenwagen entsteigt. Oder Dörte Lyssewski die Kriegsberichterstatterin Schalek ist. Dreizehn Burgschauspieler in jeweils mehreren Rollen. Bumsti! Möchte man sagen. Doch es fehlt der Zunder, die Lunte, die diese Inszenierung zur Explosion bringt. Viel verpufft in lauer Luft. Was kann man da sagen? Ja oder Nein oder auch Vielleicht.

Salzburg, 31. 7. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

Kasino des Burgtheaters: Wunschloses Unglück

Februar 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katie Mitchell inszeniert sogar noch

Peter Handkes Leerzeichen

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ob das stimmt? Das Burgtheater schweigt. Die FAZ nennt „monströs“, dass „gerade jetzt, nach Bekanntwerden der Finanzkrise des Burgtheaters, das britische Team ständig zwischen London und Wien gependelt sein soll. Mitchell habe dazu noch auf der Anschaffung eines neuen, sündteuren Beamers für ihr Filmspektakel bestanden.“ Die sensationssuchenden medialen Trüffelschweine suhlen sich im kaufmännischen Skandal. Dass an der Burg gleichzeitig herausragendes Theater gemacht wird, geht da mancherorts zwischen Schlag-Zeilen unter. Die britische Regisseurin Katie Mitchell, vormals von den deutschen Medien als Theaterneuerin gefeiert, Nestroy-Preisträgerin für „Reise durch die Nacht“ nach Friederike Mayröcker in Köln, Frauenthemenstückesucherin, Kameraspezialistin, Burgdebütantin, inszenierte im Kasino des Burgtheaters „Wunschloses Unglück“ nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke. Eine herausragende Arbeit – wenn man Film am Theater mag. Denn Mitchell verlegt Handkes Buch teilweise auf die Leinwand. Mittels Video und dreier Kameraleute (insgesamt bestand das „handwerkliche Team“ aus 30 Leuten), die den Darstellern durch das Bühnenbild, die Handkesche Familienwohnung in den 1970-ern samt der damals üblichen Augen-Aushau-Tapete, erweitert um Versatzstücke aus Griffen, dazu die passenden Retro-Kostüme, folgen.

1972 schrieb Handke die Erzählung „Wunschloses Unglück“. Im Versuch, die äußerste Sprachlosigkeit in Worte zu formen, nahm der 28 Jahre alte, bereits sehr erfolgreiche Autor den Freitod seiner Mutter zum Anlass für ein literarisches Experiment. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die Schilderung einer einzigartigen „Allerweltsgeschichte“. Entscheidend geprägt vom Anschluss Österreichs 1938, entstand so poetisch und präzise die Erinnerung an eine einst lebensfrohe Frau, die versucht ihrer bäuerlichen Herkunft im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, inmitten sozialer Repression und ländlich-katholischem Dogmatismus, zu entkommen. Eine Mutter von vier Kindern, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem Leben jenseits der häuslichen Pflichten sucht und an den sogenannten Umständen scheitert. Am Ende dieses beklemmenden Frauenschicksals steht die minutiös geplante Selbsttötung als einziger Ausweg. Handke tastet sich gedankenscharf und gänzlich unsentimental an die Lebensgeschichte seiner Mutter heran; er verweigert sich einem abgeschlossenen Bild, lässt Fragen, Rätsel, Geheimnisse offen. Dies das Manko von Mitchells Inszenierung: Sie formuliert aus, wo Handke Leerzeichen stehen lässt. Jeder Gedanke der Figuren wird zum Bild, jede Emotion eingefroren.

Mitchells virtuoser Effektsicherheit kann man den Respekt nicht versagen – aber sie schießt damit auch übers Ziel hinaus. Als Zuschauer möchte man eben manches im Kopf entstehen lassen und nicht fertig vorgesetzt bekommen. Handkes schlanke Prosa wird hier – unter anderem mit melodramatischer Filmmusik – gemästet und dadurch gleichsam, ein Schock für Handke-Puristen, simplifiziert. Mitchell folgt der Mutter-Biografie, und genau das versuchte Handke durch Ich-Erzähler-Distanz am Dringlichsten zu vermeiden. Wenn es bei Handke heißt, dass „eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf Papier klopfe“, klopft Handke-Darsteller Daniel Sträßer (inklusive dessen Oberlippenbärtchen aus der Zeit seiner „Publikumsbeschimpfung“) doch immer den gleichen Buchstaben auf seiner Schreibmaschine auf Papier. Überall dort, wo es in der Erzählung Angebote für mögliche Requisiten gibt, werden sie garantiert in Großaufnahme eingeblendet: die Bob-Dylan-Kassette, der Fernsehapparat mit dem Abspann von „Wenn der Vater mit dem Sohne“ … Das hätte so nicht sein müssen. Aber das ist zugegeben Jammern auf höchstem Niveau. Eine Uraufführung ist eine Uraufführung. Und jede Kunstform hat die ihr eigene Ausdrucksweise.

Mitchell versteht es nicht nur die Kamera, sondern auch ihre Schauspieler zu führen. Und die sind – wie immer an der Burg – top. Allen voran Dorothee Hartinger, die als Mutter Maria stoisch-sorgsam-pragmatisch ihren Abgang vorbereitet: An der Abwasch Tablettencocktail mixen und trinken, dann „Monatshose“ mit Binden anziehen, weil man im Sterben ja bekanntlich …, Kinn raufbinden, ins Bett legen, nur keinen Schmutz machen. Welch ein Menschendrama. Dazu Handke-Sträßer und seine Schwester, Liliane Amuat. Lautlos. Stumm. Ihre Stimme bekommen Mutter und Sohn aus dem Off, großartig gelesen von Peter Knaack und Petra Morzé. Auch dies ein Kunstgriff, der Mitchells Liebe zum Detail unterstreicht. Daneben gefallen Pfarrer Robert Reinagl und Schwiegersohn Laurence Rupp – er führt ebenso wie Amuat auch eine Kamera. Fazit: Matthias Hartmann sollte weder Personal noch großartige Erwachsenen-Arbeiten wie diese streichen, er sollte statt dessen sein seit Bochum gehütetes Bring-Your-Family-Prinzip überdenken. Denn großartiges Kinder- und Jugendtheater machen in Österreich das Theater der Jugend, der Dschungel Wien, Next Liberty … Den spannenden Experimentalort Kasino trotz einer Katie Mitchell so brachliegen zu lassen, wie es demnächst passieren wird, ist jedenfalls eine Schande. Und, Herr Hartmann, auch keine Lösung für Ihr Problem.

www.burgtheater.at

Wien, 20. 2. 2014