Kosmos Theater: Rule Of Thumb / Daumenregeln

Oktober 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Anhalter durch die Gesellschaftssatire

Daumen hoch! Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel. Bild: Bettina Frenzel

Gestartet wird von null auf hundert. Auf einer enorm großen Kinoleinwand überschlägt sich ein Fahrzeug, bis es als zerschundenes Autowrack liegen bleibt, und als müssten sie aus ebendiesem erst hervorkriechen robben nun drei Gestalten durch eine Öffnung in der Wellblechimitatwand. In Bikerhosen oder Mechanikeroverall, mit American-Football- oder Motorradhelm, ihre „Motorisierung“ allerdings nur noch Rollerskates.

Sie sind das Team 47 der „Urban Anhalter“, zwei vom Trio darstellte Frauen aus EU-istan, die sich zwecks Teilnahme an einem Trampwettbewerb auf den gefahrenumwitterten Balkan begeben haben. Die Destination ist Strezimirovci, eine geteilte Stadt an der serbisch-bulgarischen Grenze. „Rule Of Thumb / Daumenregeln“ heißt das Stück der in Belgrad geborenen Dramatikerin Iva Brdar, das Film- und Bühnenregisseurin Nina Kusturica gestern im Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung brachte, der Titel des Textes ein Hinweis auf die Fight-Club-mäßigen Regeln, die man sich für das Rennen gegeben hat. „Was im Auto passiert, bleibt im Auto“ und, dass es gelte, ohne Geld oder Telefon zu reisen, nur bei Personen einzusteigen, die auf das „Auswerfen“ des Daumens reagiert hätten – und als einzige Waffe ein entwaffnendes Lächeln einzusetzen. Oder einen Stein von der Straße. Diese Vorschrift wird später – siehe Car Crash – von Bedeutung sein.

Kusturicas hochtourige Inszenierung passt perfekt auf Brdars schräghumoriges Roadmovie, das durch die Virtuosität der Schauspieler im Rollkunstlauf eine nahezu sinnliche Körperlichkeit bekommt. Wie sie auf ihren Wheels tänzeln, ist wie von Axel und Rittberger erfunden, eine Bravourleistung zwischen anmutigem Angasen und verwegenem Fullstop. Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel spielen die Praktikantin aus der Fertigsuppenfabrik und die Youtube-Influencerin, Ana und Monika, und alle die mal mehr, mal weniger sinistren Typen, mit denen sie auf ihrem Trip zusammenstoßen. Wobei sie sozusagen im sechsten Gang von Figur zu Figur switchen.

Der Kaufzwang für Kochtöpfe wird mit Gewalt durchgesetzt: Thomas Kolle und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Kidnapping eines Polizisten: Marie Noel, Claudia Kainberger und „im Kofferraum“ Thomas Kolle. Bild: Bettina Frenzel

Genregerecht besteht die Handlung zunächst aus den Begegnungen der Protagonistinnen mit ihren Mitfahrgelegenheiten. Da ist der in seinem Wagen hausende Sonderling/Kainberger, der Ana und Monika/Noel und Kolle mit der Route droht, sollten sie ihm nicht ein komplettes Kochgeschirr abnehmen. Eine brenzlige Situation, in der der Begriff Kaufzwang wörtlich zu nehmen ist. Da ist der vorgeblich freundliche Mann/Noel, der sich als Erfolgsrezept fürs Überwechseln in ein EU-Land das Heiraten auserkoren hat. Weshalb er „Gutmensch“ Monika/Kolle kurzentschlossen aufs Standesamt führt, bevor er sich für immer vertschüsst.

Zu den berührendsten Szenen des Abends gehört ein Stehblues auf Skates von Noel und Kolle, der fast schon Skating-Sex ist, zu den bissigsten, wie Ana/Kainberger dem Mann punkto gelungenem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge hilft – „Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen?“ –„Ich habe keine.“ – „Bravo, so ist es richtig!“ Vom ersten Blick zum genauen Hinschauen verwandelt sich „Rule Of Thumb“ vom surrealen Spaß in eine hinterlistige Gesellschaftssatire, die topaktuell und schwer politisch Themen von Kapitalismus über Konsumrausch bis Krise des Gesundheitssystems, von Gentrifizierung über Erwerbslosigkeit bis neoliberaler Selbstoptimierung aufs Korn nimmt. Seine Fake-Braut Monika wolle, statt ständig auf das Greifen „globaler Lösungen“ zu warten, endlich „im Kleinen etwas bewirken“, also einem Migranten per Eheversprechen helfen, sagt Kolle an einer Stelle. Und man weiß nicht, ob Iva Brdar so einen Satz empathisch oder zynisch oder gar empazynisch meint.

Auf Anas und Monikas Etappen ereignen sich jedenfalls Dinge, so radikal jenseitig, dass sie jenseits ihrer Erwartungshaltungen an diese Expedition ins Unbekannte liegen. Als ideal gedachte Lebensentwürfe prallen auf die diese vernichtende Realität, aus Abenteuerlust wird Überlebenskampf. Der Schlagbaum zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ hebt sich bei dieser Odyssee durch Südosteuropa nicht. Zu den seltsam poetischen, eindringlich-suggestiven Filmbildern von staubigen Überlandstraßen, Einöden und endzeitlichen Industrieruinen singt Rana Farahani aka Fauna ihre Ohrenschmeichlersongs und Marie Noel Jacques Brels „Ne me quitte pas“ für einen von einem Lastwagen totgefahrenen, dennoch zu ihr sprechenden Hund.

Marie Noel singt Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Bild: Bettina Frenzel

Die Gewaltspirale dreht sich schneller und schneller. Aus Ana und Monika werden eine Art „Thelma & Louise“, wenn sie schließlich in Ermangelung eines brauchbareren fahrbaren Untersatzes ein Polizeiauto klauen, und den dazugehörigen Gesetzeshüter im Kofferraum verstauen. Und weil in Brdars Hitchhikerinnen auch eine Spur Hitchcock steckt, kulminiert „Rule Of Thumb“ in einer spooky Schusssequenz. Auf Film sind die beiden Frauen/Noel und Kainberger im PKW eines daumenlosen

(Achtung: symbolträchtig!) Mannes/Kolle zu sehen, der sich den Finger aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen abgeschnitten hat. Bald werden Ana und Monika vergeblich versuchen, aus dem Wagen dieses offenbar Wahnsinnigen wieder auszusteigen, bald wird Milch und Blut durchs Auto schwappen – und laut Regelwerk ein Stein seinen Einsatz haben. Womit das Ende gleichzeitig der Anfang wäre.

In Nina Kusturicas gewitzter Arbeit wird Iva Brdars Tortour durch Serbien zum Fanal wegen Ignoranz, Intoleranz, EU-Arroganz und selbstverliehenes Elitentum. Schließlich im Ziel eingelangt, erwartet die Siegerinnen – nichts … Dass der Autorin durchaus ernstzunehmendes Bild eines Europas, dessen West und Ost unter Schmerzen am Zusammenhalt laborieren, nicht zu gewichtig, eindrücklich, aber nicht drückend daherkommt, ist maßgeblich auch den Darstellern zu danken, die mit Verve und Leichtigkeit und Mut zu Rollentausch wie Rollerskates ins Spiel gehen. „Rule Of Thumb“ im Kosmos Theater ist ein gelungener Auftakt der Jubiläumssaison zum zwanzigjährigen Bestehen des „Frauenraums“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yVlvfvfqi9k           kosmostheater.at

  1. 10. 2019