Kunstforum Wien: Gerhard Rühm

September 29, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Künstler zwischen Wort, Musik und Bild

Wiener Gruppe: 2 welten (2. literarisches cabaret), 1959. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Bild: © Imagno/Franz Hubmann/mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Gerhard Rühm: Aufführung teleklavier, 1990. Bild: Privatsammlung, © Gerhard Rühm

Der österreichische Zeichner, Objekt- und Fotokünstler, Poet, Komponist Gerhard Rühm war Mitbegründer der Wiener Gruppe und sucht in seinem grafischen Werk die stete Erweiterung des Mediums „Sprache“. Die Herbstausstellung des Bank Austria Kunstforum Wien wird ab 4. Oktober das vielseitige, mehr als sechs Jahrzehnte umspannende Schaffen des Grenzgängers präsentieren. Dabei werden die radikalen Sprachexperimente Rühms im Kontext der internationalen Avantgardebewegungen  des frühen 20. Jahrhunderts, denen das Kunstforum seit Jahren immer wieder wichtige  Präsentationen gewidmet hat, verankert und dargestellt, wie er an deren Errungenschaften anknüpft und diese weiterentwickelt.

Rühm ist einer der letzten Universalkünstler. Als Komponist, Pianist, Performer, Literat und bildender Künstler war der 1930 in Wien geborene und heute in Köln lebende Gerhard Rühm ein Grenzgänger zwischen den einzelnen Kunstdisziplinen, lange bevor Begriffe wie „Crossover“ und „Intermedialität“ in der künstlerischen Praxis zum guten Ton gehörten.

Im Zwischenraum von Wort und Bild, von Sprache und Musik und von Schrift und Zeichnung sucht Rühm eine stete Erweiterung medialer Ausdrucksformen, die auf konzeptuelle wie humorvolle Weise Sehgewohnheiten durchbrechen. Das Gegenwartserlebnis – das Jetzt – und die zeitliche Dimension von Sprache, bilden ebenso zentrale Motive im Œuvre Rühms wie die sprachliche Konstituierung des Subjekts. Zur experimentellen – „konkreten“ – Poesie gelangte der ausgebildete Komponist Rühm Anfang der 1950er-Jahre über die Beschäftigung mit Anton Webern. Im reaktionären Klima der österreichischen Nachkriegszeit gründete er gemeinsam mit Friedrich Achleitner, H.C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener die legendäre „Wiener Gruppe“ (1954–1964), die an die radikalen Sprachexperimente von Expressionismus, Dada und Konstruktivismus anknüpfte. Mit den „Literarischen Cabarets“  veranstaltete diese die ersten Happenings der Kunstgeschichte, die unter anderem in der Zertrümmerung eines Klaviers durch Rühm und Achleitner gipfelten.

Gerhard Rühm: ohne titel, 1961. Privatsammlung, © Gerhard Rühm. Bild: © N. Lackner/UMJ

Gerhard Rühm: umarmung, 1961. Privatsammlung, © Gerhard Rühm. Bild: © N. Lackner/UMJ

Anknüpfungspunkte für Rühm bilden unter anderem auch die konstruktivistische Zaum-Poesie von Wladimir Chlebnikow, Alexej Krutschonych oder Olga Rosanowa, die dadaistische Merz-Dichtung Kurt Schwitters und die „Parole in libertà“ des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. Rühms feinnervige Wort- und Lautgestaltungen, die sich in Zeichnungen, Fotomontagen, Text-Objekten, Scherenschnitten, Partituren und Performances niederschlagen, bezeugen sein tiefgehendes Interesse an der Materialität der Sprache als visuelles und phonetisches Material. Ein Nachdenken über das Ich und das Du, das Hier und das Jetzt sind dabei, genau wie Zufall und Humor, Rühms stete Begleiter.

Rühms visuelle Poesie – zwischen Schrift und Bild pendelnde Typocollagen, Fotomontagen und Schreibmaschinenideogramme –, und deren musikalisches Pendant, die visuelle Musik, sowie gestische und konzeptionelle Zeichnungen und Schriftfilme werden in der Schau ebenso präsentiert wie seine auditive Poesie, Chansons, Klavierstücke und Melodramen an der Schwelle von Sprache und Musik.

Neben zahlreichen Einzelausstellungen ab 1958 waren Rühms Arbeiten unter anderem im Amsterdamer Stedelijk Museum, auf der documenta 1977 und 1987 in Kassel, in der Frankfurter Schirn Kunsthalle und im Universalmuseum Joanneum in Graz zu sehen. 2012 erwarb die Österreichische Nationalbibliothek Rühms Vorlass.

www.kunstforumwien.at

Gerhard Rühm liest seine „seufzer-prozession“: www.youtube.com/watch?v=wK9Xi3BQ4sQ

29. 9. 2017

Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“

Dezember 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Blutsauger lässt sich von Sigmund Freund psychoanalysieren

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als "Der Vampir auf der Couch" Bild: © Thimfilm

Karl Fischer als Sigmund Freud, Tobias Moretti als „Der Vampir auf der Couch“
Bild: © Thimfilm

Am 19. Dezember startet in den heimischen Kinos die Komödie „Der Vampir auf der Couch“. Inhalt: Wien, Anfang der 30er-Jahre: Eines Nachts findet sich ein neuer Patient auf Sigmund Freuds Couch ein – ein geheimnisvoller Graf, der die „endlos“ andauernde Beziehung mit seiner Frau nicht mehr erträgt. Sie sei eitel, sie nerve, er hasse sie einfach. Ständig wolle sie von ihm Komplimente hören, wolle ihre Schönheit bestätigt wissen – denn sie könne sich nicht im Spiegel betrachten.  Freud, der nicht ahnt, dass es sich bei Graf und Gräfin um Vampire handelt, weiß gleich eine – vermeintliche – Lösung: Was der Spiegel nicht vermag, kann vielleicht auf einem Bild festgehalten werden. Und so gibt Freud seinem Patienten die Adresse des jungen Malers Viktor. Und tatsächlich, kaum ist der Graf vor dessen Wohnung, sind seine Lebensdürste auch wiedererweckt: Denn in Viktors Freundin, der hübschen Lucy, vermeint der Graf, seine vor Hunderten von Jahren verblichene Geliebte Nadila wiederzukennen. Mit ihr – oder der, für die er sie hält – könnte der Graf nun endlich wieder ein glückliches Dasein fristen. Wäre da nicht die Gräfin. Und Viktor. Und hätte Lucy nicht ihre eigene Vorstellung davon, wie sie ihr Leben gestalten will. Schnell spitzt sich die Situation zu – und endet in einem Ehestreit, bei dem selbst Freud nicht mehr weiß, wie ihm geschieht.

Eine bissige Vampirkomödie von David Ruehm („El Chicko – Der Verdacht“) mit pechschwarzem Witz, geschliffenen Dialogen und gar nicht blutleeren Charakteren, einem unsterblich komischen Tobias Moretti, einer furiosen Jeanette Hain, den Newcomern Cornelia Ivancan („CopStories“) und Dominic Oley. Die „Nebenrollen“ gewichtig besetzt mit David Bennent, Karl Fischer, Erni Mangold, Lars Rudolph und Anatole Taubman. Als schaurig-schöne nächtliche Kulissen dienten Schauplätze in Wien, Niederösterreich und Salzburg. Hinter der Kamera Bildgenie Martin Gschlacht. Eine Produktion von Novotny & Novotny und Hugo Film.

Interview mit David Ruehm:

„Der Vampir auf der Couch“ ist eine Vampirkomödie. Das Gruseln und das Lachen sind zwei elementare Charakteristika des Unterhaltungskinos. War Ihnen von Beginn an daran gelegen, beiden Komponenten gerecht zu werden?

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David Ruehm: Der Film hat ein bisschen was von beidem. Es ist weder ein aggressiver Vampirfilm noch eine schenkelklopfende Komödie, sondern eine sehr feine, zarte Komödie. Die Grundidee reicht in die Neunzigerjahre zurück. Ich sagte mir, Vampire müssen wohl ein Identitätsproblem haben, weil sie sich nicht sehen können. Jacques Lacan hat in den Dreißigerjahren die Spiegeltheorie aufgestellt, wonach der Mensch sich erst als Persönlichkeit wahrnimmt, wenn er sich im Spiegel erkennt. Mit dieser Theorie spiele ich auf humorvolle Art. Das Grundthema darunter ist das der Projektionen. Wer projiziert was in wen hinein? Was projiziert man in den Partner? Wie wünscht man sich den Partner? Wie sieht sich jemand, der sich nicht sehen kann?

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Protagonisten, die durch die Luft flattern, Horroreffekte und ähnliches ziehen auch die Frage der Machbarkeit nach sich. Wie sehr begleitet einen diese Frage durch den Schreibprozess?

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Ruehm: Natürlich schwingt immer die finanzielle Frage mit. Wir waren mit drei Millionen Euro ganz gut ausgestattet. Ein etwas höheres Budget hätte uns klarerweise einen größeren Rahmen geboten. Die Drehzeit war für so einen aufwendigen Film relativ knapp bemessen. Das Budget ist bei Effekten immer im Hinterkopf, aber natürlich will man auf sie nicht verzichten. In meinem Film spritzt das Blut ja nicht in großen Mengen, sondern wird eher für feine Effekte eingesetzt.

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War die Produktionsfirma dadurch bereits in der Drehbuchphase involviert?

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Ruehm: Die Novotny & Novotny Filmproduktion war sehr früh im Spiel, und Alex Glehr und Johanna Scherz haben eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben mir Robert Buchschwenter als dramaturgischen Berater zur Seite gestellt, mit dem ich sehr gut zusammengearbeitet habe. Wir alle haben das Buch immer wieder besprochen, umgekehrt war auch ich in die produktionstechnischen Fragen eingebunden.

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Auch wenn es kein brutaler Vampirfilm werden sollte, so spielte das Kreieren von Effekten gewiss eine Rolle: Wie sucht man nach ihnen? Wie baut man sie ein? Welche Grenze zieht man?

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Ruehm: Ich haben einen sehr eigenen Stil, was es mir in Österreich auch immer wieder schwierig gemacht hat, Filme zu realisieren. Sie sind genremäßig nicht einzuordnen. Ich denke, da kommt meine polnische Ader durch – ich bin ja als Kind in Polen aufgewachsen. Das ist in „Der Vampir auf der Couch“  so und auch in meinen anderen Spielfilmen, wie etwa in „Die Flucht“. Meine Gags sollen nicht nur Lacher erzeugen, sondern haben immer auch inhaltlich einen Sinn. Dem Helden passiert dadurch etwas Dramatisches, und es verändert ihn. Dass der Humor sehr subtil bleibt, ist mir ein großes Anliegen, ebenso wie ein eigenes Universum zu kreieren, in das der Zuschauer schön langsam hineingezogen wird. Ich habe eine künstliche Welt geschaffen und ganz bewusst die Statisten ausgespart. Auch wenn in den Straßen Wiens der Dreißigerjahre nachts nicht sehr viel los war, habe ich an einer bewussten Reduktion gearbeitet, die eine eigene Welt entstehen lässt, in der hauptsächlich die Protagonisten agieren.

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Mit welchen Quellen galt es, sich auseinanderzusetzen, um in die Epoche der Dreißigerjahre einzutauchen?

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Ruehm: Ich mag den Look der Dreißigerjahre sehr. Wenn man das Politische ausklammert, war es eine sehr schicke und schöne Zeit. Durch die Figur des Sigmund Freud konnte man das Geschehen auch nicht später ansiedeln. Wir haben bei der Ausstattung und den Kostümen sehr realistisch gearbeitet. Nur bei den Kostümen der Vampire habe ich mit der Kostümbildnerin Monika Buttinger beschlossen, dass wir uns eher eine Interpretation der Dreißigerjahre einfallen lassen und etwas Verrückteres machen. Der Film ist im Studio gedreht, und es war mir wichtig, dass die Studioatmosphäre erkennbar ist und der künstliche Aspekt dieser Welt sichtbar bleibt. Filme aus den Dreißigerjahren haben uns dabei sehr stark beeinflusst.

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Abgesehen vom optischen Stil der Dreißigerjahre spielten aber auch Dinge, wie der Emanzipationsprozess bei den Frauen, eine Rolle.

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Ruehm: Ja, absolut. In meinen Filmen sind die Frauenfiguren immer die stärkeren Charaktere. Die Männer haben entweder Angst oder Fantasien, die nichts mit der Realität zu tun haben. Die Gräfin ist eine sehr starke Person, ihre Stärke macht sie aber auch sehr einsam. Lucy ist am Beginn des Films die Gesündeste von allen. Sie ist mit sich und ihrem Aussehen zufrieden, endet allerdings am Schluss – „dank“ der Männer – mit einer Macke. Viktor ist in Ansätzen noch ein wenig pubertär und porträtiert seine Freundin nach seinen Vorstellungen, so, wie er sie gerne hätte. Der Graf und Vampir ist ein älterer Herr, der krampfhaft versucht, seine Jugendliebe wiederzubeleben – was natürlich schiefgeht und ihm am Ende den Verlust seiner Zähne und somit seiner Potenz beschert.

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„Wenn man einer Person alles verziehen hat, dann ist man mit ihr fertig“, so lautet das Motto, das zu Beginn des Films zu lesen ist. „Der Vampir auf der Couch“  tarnt sich als Genrefilm und erzählt letztlich von der Liebe oder besser gesagt von der Schwierigkeit, zueinanderzufinden oder über die Jahre hinweg den Zauber zu erhalten.

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Ruehm: Ganz genau. Dieses Zitat, das eingangs am Grabstein steht, ist ein Originalzitat von Sigmund Freud. Es sind sehr viele Dinge im Film sehr versteckt, die bewusst im Hintergrund gehalten werden. Niemand muss Freud oder Lacan gelesen haben, um sich unterhalten zu können. Wenn jemand will, kann er jedoch viele Zitate und versteckte Hinweise entdecken. Zum Beispiel die Schlaftabletten, die Freud nimmt, heißen „Träumwohl“ und sind 1900 abgelaufen. In diesem Jahr hat Freud seine Traumdeutung geschrieben. Mir hat vor allem das Spiel mit den Projektionen Spaß gemacht. Wer sieht wen wie, und wie verändert sich jemand, wenn etwas in ihn hineinprojiziert wird? Es gefällt mir, dass die Gräfin ernsthaft glaubt, Lucys Bildnis sei eigentlich ihr Porträt.

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Ein zweites Thema ist das Sehen. Was ist sichtbar – für einen selbst, für den anderen? Wie wird das Wesen des anderen sichtbar? Die Fähigkeit der Kunst, Dinge sichtbar zu machen, die sich der normalen Wahrnehmung entziehen …

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Ruehm: Was für mich im Vordergrund stand, war die Freude, mit den Figuren zu spielen, sie durcheinander zu mischen und zu schauen, was dabei herauskommt. In all meinen Filmen ist diese Kreisbewegung festzustellen – die Geschichte endet ähnlich, wie sie angefangen hat. Die Figuren haben zum Teil etwas dazugelernt, zum Teil aber auch gar nichts. Hier  ist es so, dass am Schluss alle eine Macke haben, aber so weitertun wie bisher.

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Der Maler im Film macht Dinge sichtbar, die andere nicht sehen können, er kann Fantasien eine konkrete Gestalt verleihen.

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Ruehm: Es handelt sich aber auch immer um seine Interpretation der Dinge. Ich mag den Moment sehr gerne, wenn er trotz seiner Begabung unfähig ist, die Gräfin zu malen – und stattdessen Lucy malt. Da werden so viele Ebenen sichtbar. Es zeigt, dass er doch für sie Gefühle hat, auch wenn er erneut sein Idealbild von ihr auf die Leinwand bringt. Die Gräfin, die sich nicht erkennen kann, hat etwas Unheimliches. Der Maler lernt auch etwas dazu, in dem Moment, wo sich am Ende die anfänglichen Dialoge zwischen ihm und Lucy umkehren und er Sätze zu ihr sagt, die sie am Anfang zu ihm gesagt hat. Es ist ein Zeichen, dass er sie nun so akzeptieren kann, wie sie ist und erscheinen will. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sie ja leider schon ihre Macke, er ist also etwas spät dran.

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Sigmund Freud ist ein „Mythos“, seine Interpretation muss auch dem Blick der Fachwelt standhalten. Mit Ihrer Figur des Sigmund Freud versuchen Sie Klischeevorstellungen zu brechen und werfen einen sehr ironisierten Blick auf die Eminenz der Psychoanalyse. Wie haben Sie Ihre Sigmund-Freud-Figur geschaffen?

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Ruehm: Ich habe sehr viel zu Sigmund Freud recherchiert und gelesen und mich auch mit einem Trick gerettet. Von dem Zeitpunkt an, wo er die abgelaufenen Tabletten nimmt und selbst glaubt, nun Visionen zu haben, hatte ich die Freiheit, mit der Figur zu machen, was ich wollte. Es hat mir großen Spaß gemacht, dass er von der „nicht ganz ausgereiften Vampirin“ gebissen wird und so zum Schluss teilweise sein Spiegelbild und damit seine Identität verliert, sich als Analytiker sein Spiegelbild nun immer wieder aufs Neue holen muss.

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Fürs Casting brauchten sie zwei Paare, die zueinander passen. Wie fanden Sie ihre vier Hauptdarsteller?

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Ruehm: Wir haben sehr lange gecastet. Die Einzige, die sofort feststand, war Cornelia Ivancan für die Rolle der Lucy, auch wenn es ihre erste Hauptrolle in einem Spielfilm war. Nicht so leicht war es dagegen, die Gräfin zu besetzen. Jeanette Hain war bald meine Favoritin, und ich finde, ihr gelingt es wunderbar, die Gefährlichkeit, die Einsamkeit und die Tragik ihrer Figur zu verkörpern. Hinter ihren Blicken tut sich ein ganzes Universum auf. Wir haben vor Drehbeginn viel geprobt und auch gemeinsam Filme angeschaut. Wir hatten ein Storyboard für jede Einstellung. Unsere „millimetergenaue Arbeit“, wie es Tobias Moretti nannte, hat uns viel Vergnügen bereitet. Er ist mit einem Humor und einer Tragik in der Rolle des Grafen zu sehen, die man an ihm so noch nie auf der Leinwand gesehen hat. Es geht ja auch darum, dass er am Ende seine Würde komplett verliert. Der Graf mit seiner jahrhundertealten Geschichte ist am Ende nur noch ein armes Würstchen, das sich an diese alte Liebe klammert und schließlich zusammenbricht.

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Besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt scheinen auch den Nebenfiguren zu gelten: der Nachbarin, dem Koch, dem Diener.

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Ruehm: Eine Kette ist bekanntlich nur so stark, wie ihr schwächstes Glied. Mir fällt auf, dass Filme oft nur im oberen Bereich stark besetzt sind, und dann fällt die Qualität in den kleinen Rollen schnell sehr stark ab – und man wird aus der Intensität des Films geworfen. Da wir einen relativ kleinen Cast hatten, wollte ich auch die kleineren Rollen hochkarätig besetzen – mit Lars Rudolph, Erni Mangold …

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Die Dreharbeiten sind insofern historisch, als es die letzten waren, die in den Studios am Wiener Rosenhügel stattgefunden haben. Welche Filmsequenzen wurden in den Studios gedreht?

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Ruehm: Traurig, dass es in Wien nun keine Filmstudios mehr gibt. Es hat großen Spaß gemacht, dort eine Welt zu kreieren. Wir haben mit sehr viel Akribie das Atelier des Malers – sowohl von innen als auch von außen – aufgebaut. Darüber hinaus drehten wir dort noch die Szenen in den Räumen bei Freud, den Brunnen, die Innenaufnahmen im Auto, und wir machten dort alle Bluescreen-Shots für die Flugaufnahmen.

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Wo wurde das alte Haus gefunden?

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Ruehm: Im Zuge der Vorbereitungen bin ich wohl zum Schlossexperten geworden … Wir haben lange gesucht und schließlich dieses besondere Schloss in Wolfsthal bei Hainburg gefunden. Den Speisesaal haben wir in einen komplett leeren Raum im Schloss hineingebaut. Die aufwendige Vorbereitung hat sich als extrem wichtig erwiesen, weil wir es sonst nicht geschafft hätten, innerhalb von 32 Tagen den gesamten Dreh abzuwickeln. Wir haben dort nur in der Nacht gedreht. Wenn wir nach dem Dreh ins Hotel kamen und die Gäste sich dort zum Frühstück setzten, haben wir unser Drehschluss-Bier getrunken. Im Anschluss haben wir mit einem Tag Pause auf Tag-Dreh gewechselt. In den letzten Drehtagen hatten wir entsprechend so etwas wie einen Jetlag.

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Mit dem Dreh war’s noch lange nicht getan; wie hat sich die Postproduktion gestaltet? Was musste alles durch computergenerierte Bilder dargestellt werden?

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Ruehm: Das war in der Tat noch einmal eine sehr intensive Arbeitsphase, weil wir bei den Effekten genauso präzise arbeiten wollten. Da waren nicht nur die Bluescreen-Aufnahmen, wo man Hintergründe im Stil der Dreißigerjahre einfügen musste, sondern viele andere – wie die Augen der Gräfin, die schwarz werden, eine Stechmücke, die jemanden beißt, Holzpflöcke, die durch Körper getrieben werden, Vampire, die zu Staub zerfallen und so weiter. Teilweise hatten wir auch SFX-Effekte, die vor Ort am Set gedreht wurden, zum Beispiel wenn Blut aus einem herausgerissenen pumpenden Herzen spritzt oder wenn Blutspritzer auf einen pinkelnden Burschenschafter treffen. Da hatten wir drei Kostüme, also auch nur drei Gelegenheiten, es in den Kasten zu kriegen. Wenn es bis zum dritten Mal nicht geklappt hätte, wäre es vorbei gewesen. Wenn Lucy mit Viktor auf der Straße geht und plötzlich neben ihm in die Luft aufsteigt – das haben wir mit diffizilen Seilverspannungen am Originalschauplatz im ersten Bezirk gedreht. Es war für mich ein spannender Lernprozess. Mein großer Vorteil war, dass ich viel Erfahrung mit aufwendigen Einstellungen in der Werbung gesammelt habe. Die war eine gute Schule für diesen Film.

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Worin liegt für Sie als Filmemacher der Reiz beim Erschaffen dieser fantastischen Welten?

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Ruehm: Das bin ganz einfach ich. Wenn ich zu schreiben beginne, komme ich automatisch in eine ganz eigene Welt hinein, egal, mit welchem Stoff ich mich auseinandersetze. Ich bin ein großer Fan von Filmen von Buñuel oder Polanski, die auch in diese Richtung gehen. Wenn ich versuche, einen ernsten Film zu schreiben, kommt beim Schreiben unweigerlich Humor dazu. Das passiert ganz von selbst. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, weil es dann eben nicht mehr so einordenbar ist. Ein eigener Stil macht einen angreifbarer.

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http://kino.novotnyfilm.at/filme/0320-der-vampir-auf-der-couch

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=QDYXIIDbAQM

Wien, 17. 12. 2014