László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Februar 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Besuch des alten Herrn

Angesichts der Aufgabe nur keine Angst zeigen. Auch wenn die Kritikerrunde um Raoul Schrott, der den Roman im SRF-Literaturclub euphorisch vorstellte, von nicht zum Derlesen sprach. Der erste Satz geht über sechs Seiten, ohne Absatz, ohne Punkt, zwar mit Komma, ein Vorspiel zum Wahnsinn. Eine „Warnung“, so die Überschrift unter der ein blasierter Impresario seine Herren Musici gleichsam abkanzelt und zu höchster Detailgenauigkeit auffordert. Nichts dürfe ihm verschwiegen, alles müsse ihm erzählt werden. Schon wird klar, hier maßregelt der Autor seine erst zu erschaffenden Geschöpfe, nimmt an die Kandare, was er über die kommenden fast 500 Seiten ohnedies frei galoppieren lassen wird.

Um die Spannung abzukürzen: Raoul Schrott hat recht mit seiner Begeisterung. „Baron Wenckheims Rückkehr“ vom ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai entwickelt einen Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, die schöne, elaborierte Prosa zieht einen in ihren Bann, die Sprache, seltsam altertümlich, obwohl die Geschichte zweifellos in der Jetztzeit angesiedelt ist, mäandert durch die Geschehnisse. Die Rede ist eine indirekte, Beiseitegesprochenes und Vor-sich-hin-Gedachtes.

Krasznahorkai wechselt ohne alle Rücksicht mitten in den Sätzen und mehrmals Perspektive und Erzählposition. Nur da jeder Charakter seine eigene Ausdrucksweise hat, entschlüsselt sich allmählich wer spricht, und wenn auf Seite 95 erstmalig das Wort „naturgemäß“ fällt, weiß man, in wessen Verwandtschaft man sich befindet. Apropos, Verwandtschaft: Diese, eine Wienerische, hat es mit dem Protagonisten des Buchs nicht leicht. Sie musste Baron Béla Wenckheim, einem steinalten, österreichisch-ungarischen Kleinadeligen, Namensvetter des Ministerpräsidenten von 1875, was die „Rückkehr“ irgendwie doppeldeutig macht, bei der Flucht aus seiner Wahlheimat Argentinien helfen. Casino-Schulden, diesen Skandal, auf den bereits Gefängnis drohte, wollte der Familienkreis nicht hinnehmen – und so wird der Baron eingeflogen, ein spindeldürrer, kauziger, verschüchterter, wohlerzogener Mann, bettelarm, ergo vom markigen Clanchef mit bester Garderobe und etwas Geld ausstaffiert, und in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt. Wo es von Vorvätern noch ein Schloss geben soll.

Bild: pixabay.com

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„… es tue ihm unendlich leid, so viele Ungelegenheiten bereitet zu haben, obwohl er gerade das, Ungelegenheiten bereiten, gerade ihnen, keinesfalls wolle, sagte er mit gesenktem Kopf, er bitte nur um eines, man möge ihn keinesfalls berühren, wenn man ihm Maß nehme, er wisse, dass er ihnen damit die Sache erschwere, aber er ertrage es leider nicht, habe es nie ertragen, weder in der Kindheit noch jetzt, da er, in Ordnung, sagte der Sekretär lächelnd, er würde mit Mr. O’Donoghue reden und mit ihm besprechen, wie er Maß nehmen solle, völlig unmöglich, rief der Schneider erzürnt aus, als sie dann anfingen und er beim ersten Maßnehmen aus Versehen den Nacken des Barons berührte …“, so liest sich beispielsweise die vergleichsweise noch überschaubare Stelle über die Kleideranprobe. Ein Beispiel, das belegt, dass „Kapellmeister“ Krasznahorkai nicht nur über eine hohe Sprachmusikalität verfügt, sondern auch ein Händchen für scharfsinnige Satire hat. Zum ersten Mal, möchte man sagen, ist der Meister witzig.

Dieser Witz findet einen Gipfelpunkt in der grandios grotesken Szene der Ankunft des Barons in seinem Geburtsstädtchen. Den Medien nämlich ist die Reise Wenckheims nicht unentdeckt geblieben, in diversen Schundblättern wird der Mensch zum Mythos und, weil man’s glauben will, glaubt alles die Story vom schwerreichen Südamerikaner, der seiner Heimat eine Schenkung machen will. Der Besuch des alten Herrn, sozusagen, doch ohne die Öl-Milliarden. Am festlich beflaggten Bahnhof steht aufgereiht ein Ort, vom Bürgermeister abwärts, Polizeihauptmann in Habtachtstellung, Gymnasiumsdirektor, ein Frauenchor aus überforderten Bäuerinnen, der gegen den Lärm der Menge vergeblich „Wein nicht um mich, Argentinien“ brüllt.

Die Gemeinde braucht Geld wie ein Erstickender Sauerstoff, deswegen hat deren Oberhaupt schon vorab die Waisenkinder und die Obdachlosen vertrieben und möglichen kritischen Stimmen den Mund verboten, „denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine ,Demokratie‘ mehr, … das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach so vielen Jahrzehnten … endlich wiedergekommen ist.“ Krasznahorkai zeichnet die Kleinstädter als hinterfotzige Hinterwäldler, eine brutale, durch und durch korrupte Bande, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Doch weil die glanzvolle Zukunft lang und länger auf sich warten lässt, wird aus dem warmen Empfang eine eiskalte Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, Vernaderung, des latent und am Ende des akut Bedrohlichen.

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Gleich den Stimmen einer Partitur lässt Krasznahorkai einzelne Figuren erst für sich stehen, bevor er deren Klang zu einem Ganzen fügt. Rund um Wenckheim gibt es eine Vielzahl eigentümlicher Episoden, von denen etliche im Nichts verebben, ebenso wie Krasznahorkai Charaktere, so plötzlich wie er sie eingeführt hat, auch wieder fallen lässt. In seinem Panoptikum an zynischen, weltverlorenen, gescheiterten, in ihrem Schicksal unentrinnbar verstrickten Gestalten sind wenige sympathisch. Ans Herz wächst einem maximal Wenckheims Jugendliebe Marika, die er schlichtweg nicht wiedererkennt, sondern der er, mit der Bitte um Hilfe bei der Suche, ihr eigenes Jugendfoto zeigt. Womit er die einsame, resignierte Frau, der er vorher aus der Ferne glühende Liebesbriefe geschickt hatte, aufs Tiefste demütigt. Was sich so tragi- wie -komisch liest.

Zum Personal des Romans gehören außerdem ein zivilisationsflüchtiger Professor, der in einem Outlaw-Viertel, genannt „der Dornbusch“, vor sich hin vegetiert, eine faschistoide Motorradgang, Schlägertypen in Lederkluft, die sich als „Ortswache“ ausgeben, ein sich selbst zu diesem ernennender Sekretär Wenckheims, das geschwätzige Schlitzohr Dante, getauft nach dem brasilianischen Fußballgott, nicht nach dem Dichter der Divina Commedia, sowie unsichtbare Insassen eines Konvois dunkelscheibiger Limousinen. Mit ihrem Erscheinen wird die Farce über den schweigsamen Baron zunehmend schwärzer. Der Dornbusch muss natürlich ein brennender werden, sich darin eine zerschossene Leiche finden, und auch mit Wenckheim endet’s im Fiasko. Mag sein, dass der Schöpfer des „Satanstango“, so heißt Krasznahorkais bekanntestes und auch verfilmtes Buch, am Ende den Teufel persönlich schickt.

So kann man sie deuten, diese sich jeder Deutung entziehende Zeitgeschichtsparabel, die ohne Frage vom heutigen Ungarn handelt (wieder über sechs Seiten geht ein „anonym verfasster Artikel“, eine Beschimpfung, die ihresgleichen sucht, in der sogar verlangt wird, das DNS-Molekül, welches die Ungarn ausbilde, solle sich zurücknehmen), von einem jener geisterhaft toten Winkel Europas, in dem die Gespenster der Geschichte als Wiedergänger aus den Gräbern steigen. Dazu gilt es, aufmerksam die Kapitelüberschriften zu lesen, sie lauten aneinandergereiht: TRRR / RAM / PAM / PAM / PAM / HMMM / RARIRA / RI / ROM … Das klingt nach Trauermarsch. Nach Tanzmusik auf dem Vulkan. Nach allgegenwärtiger Kakophonie von Chaos und Gewalt. Zuletzt folgen Notensammlung, Tanzkarte und ein sich für Auskenner aufs Gesamtwerk beziehendes Da capo al fine. Fabelhaft, was László Krasznahorkai da wieder komponiert hat.

Über den Autor: László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula in Ungarn geboren. 1993 erhielt er für „Melancholie des Widerstands“ den Preis der SWR-Bestenliste. 1996 war er Gast des Wissenschaftskollegs Berlin. Béla Tarr verfilmte unter anderem „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“ unter dem Titel „Werckmeisters Harmonien“. Zuletzt erschienen „Krieg und Krieg“ und „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“. „Seiobo auf Erden“ wurde 2010 mit dem Brücke-Berlin-Preis sowie dem Spycher Literaturpreis Leuk ausgezeichnet. 2014 wurde Krasznahorkai der Vilenica International Literary Prize und der America Award zuerkannt, 2013 und 2014 der Best Translated Book Award. 2015 erhielt er den Man Booker International Prize.

S. Fischer, László Krasznahorkai: „Baron Wenckheims Rückkehr“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

www.fischerverlage.de           www.krasznahorkai.hu

  1. 2. 2019

Rabenhof: Austrian Superheroes. Rückkehr der Helden

April 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Actionreiche Comic-Performance vom A.S.H.-Team

Randolf Destaller, Magda Kropiunig und Christian Strasser. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Alf Peherstorfer. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Im Rabenhof, wo man immer für szenische Überraschungen gut ist, sorgen seit gestern Abend die Austrian Superheroes für Recht und Ordnung. Basierend auf den kultigen Graphic Novels unterhalten Magda Kropiunig, Christian Strasser und Randolf Destaller, unterstützt von Live-Musiker Alf Peherstorfer und Erzählerin Lucy McEvil, mit einer Comic-Performance vom Feinsten. Da wird kein Kabumm ausgelassen, wenn es darum geht, Wien vor dem Bösen zu beschützen.

Vor dem Hintergrund der Animationen schlüpfen die drei Darsteller in die Rollen von Captain Austria, Lady Heumarkt, dem Donauweibchen und dem Bürokraten, um dem Übel den Garaus zu machen. Das ist eindeutig übernatürlichen Ursprungs und entpuppt sich – no na in der hiesigen Innenstadt – als Basilisk (Video: www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=CYYg__xRu5w). Wer er ist, und warum, dröselt sich zwar auf, aber nicht, von wem entsandt. Um das zu erfahren, muss man wohl auf die Bücher zurückgreifen, die bereits ins dritte Heldenjahr gehen, oder auf eine Bühnen-„Fortsetzung folgt“ hoffen. Nach einer Stunde ist der Spaß nämlich schon wieder vorbei. Allerdings nicht ohne, dass der scheidende Wiener Bürgermeister und sein Rathausmann noch ein paar gewichtige Argumente zum Erhalt der Heurigen ins Rennen geführt hätten …

www.austriansuperheroes.com

www.rabenhof.at

  1. 4. 2018

Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha

Februar 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die gespenstische Welt des beginnenden Wahnsinns

Gasdanow_25047_MR.inddDer russische Student, Emigrant im Paris der 1920er-Jahre und Gasdanows Ich-Erzähler in „Die Rückkehr des Buddha“, ist eigentlich ein vielversprechender Mann, wenn er nicht einen Makel hätte: Er wird regelmäßig von Wahnvorstellungen heimgesucht, die er von der Realität kaum unterscheiden kann, die ihn jedoch in missliche bis lebensbedrohliche Situationen bringen. Wie ein Schlafwandler läuft er durch die Seine-Metropole, sieht sich als anderer, spürt seinen eigenen Tod: „… und fast täglich, manchmal im Zimmer, manchmal auf der Straße, im Wald oder im Park, hörte ich zu existieren auf.“

Eine Begegnung im Jardin du Luxembourg verändert sein Leben. Er trifft einen „Pennbruder“ und schenkt ihm zehn Francs. Zwei Jahre später trifft er ihn in einem Cafè mit einer jungen Frau wieder. Doch jetzt hat er nichts mehr von einem Bettler – ein vornehmer Mann sitzt ihm gegenüber. Jener Pawel Alexandrowitsch Schtscherbakow wurde aufgrund eines Erbes steinreich, doch dieses „Wunder“ verändert nicht ihre Beziehung: Die beiden freunden sich an, und der Student besucht Pawel und seine junge Geliebte Lida regelmäßig.

Wie nebenbei erfährt er alles über Pawels Leben, wie er zu Reichtum gekommen ist und über seine Mätresse, die den Nordafrikaner Amar liebt. Doch der Erzähler hat andere Sorgen: Bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge sucht ihn wieder ein Albtraum heim: Er wird überfallen, tötet den Angreifer, landet schließlich im Untersuchungsgefängnis und wird des Hochverrats in einem Gericht des „Zentralstaats“ angeklagt. Ein Szenario, wie aus einem stalinistischen Schauprozess. Auch Parallelen zu Kafka drängen sich auf. Erst durch den Einfluss eines mysteriösen Mitgefangenen wird er schließlich freigelassen. Doch: „Ich konnte für meine Handlungen nicht voll und ganz verantwortlich sein, konnte mir der Realität des Geschehenden nicht sicher sein, es fiel mir oft schwer zu bestimmen, wo die Wirklichkeit endete und wo der Wahn begann.“

Im Gegensatz zu Gasdanows „Das Phantom des Alexander Wolf“, mit dem er berühmt wurde, trägt hier der Ich-Erzähler gespenstische Fantasiewelten in sich. „Krieg und Auswanderung in die Fremde haben Fremdheit in ihn selbst verpflanzt und zu bedrohlichen Halluzinationen verdichtet. Ihm entgleitet die Gegenwart, die äußere Realität, er ist sich seiner Sinneswahrnehmung wie seiner eigenen Konturen nicht mehr sicher“, schreibt die Übersetzerin Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort treffend.

Eines Abends überlegt der Student, ob es für seinen Freund nicht das beste wäre, genau jetzt zu sterben, da er offenbar rundum glücklich ist. Am nächsten Tag wird Pawel ermordet aufgefunden. Und eine goldene Buddha-Statue ist verschwunden. Der junge Mann wird des Mordes verdächtigt und verhaftet, nicht zuletzt auch deshalb, weil Pawel ihn in seinem Testament als Universalerben eingesetzt hat. Sein Heil hängt von der Buddha-Statue ab. Erst ihr zufälliges Wiederauftauchen entlastet den Erzähler und entlarvt schließlich den wahren Mörder, Amar, den todkranken Liebhaber Lidas.

„Die Rückkehr des Buddha“ ist mehr als ein Krimi. Auch wenn Ende der 1940er-Jahre, als der Autor das Buch geschrieben hat, das Genre des Kriminalromans und auch der Kinokrimi einen rasanten Siegeszug antraten. Gasdanow interessiert nicht die Krimihandlung, die Aufklärung eines „Falls“. Vielmehr geht es ihm um das Psychologische. Tolstoi und Dostojewski haben auch ihn beeinflusst. Und wenn sein Student Todesträume erlebt und dem Wahnsinn nahe ist, so könnten Lew Tolstojs „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ Pate gestanden haben. Hintergrund: Tolstoj suchten in einem Hotel plötzlich und ohne Grund Todesängste heim, die als das „Entsetzen von Arsamas“ in die Literaturgeschichte eingingen.

In Gasdanows Prosa ist nichts vom Pariser Flair der Zeit zu lesen, auch nichts vom damaligen Emigranten-Milieu. Seine Werke, wie „Das Phantom des Alexander Wolf“ – oft der Zwilling zu „Die Rückkehr des Buddha“ genannt – kreisen um das Thema Tod. Der Autor widmet auch einen längeren Abschnitt der Rolle des Täters, der Rechtsprechung, Zufällen, die das Leben bestimmen, und den Fragen: „Warum wird jemand zum Mörder?“ und „Wie geht die Gesellschaft mit einer solchen Person um“.

Am Ende lebt der Protagonist, reich geworden, in Pawels Wohnung, seine Visionen verschwinden, glücklich ist er trotzdem nicht. Erst als er einen Brief von seiner ehemaligen Geliebten Catrine, die er verlassen hat, aus Australien erhält, beschließt er seine Koffer zu packen und zu ihr nach Melbourne zu reisen. Nicht zuletzt die hervorragende Übersetzung von Rosemarie Tietze macht das Buch zu einem Lesevergnügen ersten Ranges.

Über den Autor:
Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Gemeinsam mit seiner ebenfalls aus Russland stammenden Frau schloss er sich im Zweiten Weltkrieg der Résistance an. Auch half das Ehepaar jüdische Kinder zu verstecken. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der „russische Camus“ bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen zuvor die Romane „Das Phantom des Alexander Wolf“ (2012) und „Ein Abend bei Claire“ (2014).

Hanser, Gaito Gasdanow: „Die Rückkehr des Buddha“, Roman, 224 Seiten. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 22. 2. 2016

Loretta Napoleoni: Die Rückkehr des Kalifats

Februar 18, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Durch Terror zum Staat?

9783858696403Der Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) erfolgte rasch und blieb lange Zeit unbemerkt. Der Westen, allen voran die USA, hatte andere Sorgen. Der Irak verfiel nach dem Abzug der amerikanischen Invasionstruppen mehr und mehr in Chaos und Anarchie, die Ereignisse in Ägypten mit der Absetzung von Präsident Mursi und der Machtübernahme der Militärs unter dem heutigen Präsidenten al-Sisi, und der arabische Frühling, der letzten Endes seine Erwartungen nicht erfüllte, zogen das weltpolitische Augenmerk auf sich. Für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen IS war keine Zeit. Doch das änderte sich schlagartig als die Terrormiliz und ihr selbsternannter Kalif Abu Bakr al Baghdadi Ende Juni 2014 das Kalifat ausriefen, sie immer mehr Zulauf auch aus westeuropäischen Staaten bekamen und Geiseln, etwa Kriegsberichterstatter von Großbritannien bis Japan, auf brutalste Weise vor laufender Kamera enthauptet und Andersgläubige, insbesondere Schiiten oder zuletzt koptische Christen aus Ägypten, die als Gastarbeiter in Libyen arbeiteten, hingerichtet wurden.

Was war wieder einmal in der amerikanischen Nahostpolitik falsch gelaufen? Im Schatten der weltpolitischen Ereignisse zwischen 9/11 und Arabischem Frühling ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu einer Organisation herangewachsen, die heute im Begriff scheint, die politische Landkarte des Nahen Ostens neu zu ordnen. In ihrem brandaktuellen Buch „Die Rückkehr des Kalifats“ analysiert die Terrorismusexpertin Loretta Napoleoni den Aufstieg des Islamischen Staates und ihres Anführers Abu Bakr al-Baghdadi (geb. 1971 in Samarra, Irak, zwischen 2005 und 2010 verbüßte er im Irak eine Gefängnisstrafe) als Erben von Abu Musab al-Zarqawi, dem Emir von al-Qaida im Irak. Sie stellt dabei zentrale Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Was bedeutet die Rückkehr des Kalifats für den Westen und die arabische Welt? Und: Wie kann man IS effektiv begegnen?  Klar und präzise zeigt die Autorin, welche Ereignisse insbesondere ab 2003, nach der US-Invasion im Irak und dem Sturz des Hussein-Regimes, Wendepunkte markierten und welche Rolle, der seit 2011 anhaltende Bürgerkrieg in Syrien spielt, dessen Lösung in weite Ferne gerückt ist.

Im Zuge des Arabischen Frühlings sollte dem alawitischen (schiitischen) Assad-Regime in Damaskus der Garaus gemacht werden. Um dort einen Regimewechsel zu erwirken, haben die sunnitischen Herrscher Kuwaits, Katars und Saudi Arabiens eine ganze Reihe bewaffneter Gruppen finanziert – eine davon war der IS. Das zur Verfügung gestellte Geld hat der IS gut angelegt und seine eigenen Stützpunkte in strategisch wichtigen Gebieten errichtet – Ausgangsbasen für ihre weitere Expansion. Die modernen Waffen haben sie zum größten Teil im Irak und Syrien erbeutet und stammen aus den USA bzw. Russland. Daneben wurde aber auch aus dem Erlös des Erdölverkaufs fleißig eingekauft. Eine Lösung des Syrien-Konflikts ist heute nicht in Sicht. Assad ist weiter an der Macht. Vor allem Russland hält seine schützenden Hände über das Regime. Eine von den Vereinten Nationen sanktionierte mögliche westliche Militärintervention scheiterte bis jetzt am „Njet“ Putins.

Wie ist das Phänomen IS zu erklären? Terrororganisationen gab und gibt es weltweit viele. „Was … ihre (der IS, Anm. des Autors) enorme Durchschlagskraft erklärt“, so Napoleoni „sind ihre Modernität und ihr Pragmatismus. Die IS-Führung hat wie sonst kaum jemand erfasst, welche Einschränkungen die heutigen Mächte in unserer globalisierten und multipolaren Welt unterliegen.“ Und natürlich haben sie auch die Bedeutung der Medien und der Propaganda erkannt und nutzen diese für ihre Zwecke. Napoleonis markante These: Der IS verfügt mehr als jede andere bewaffnete Gruppe in der Vergangenheit über die Ressourcen und die Strategien zur dauerhaften Staatenbildung, auch wenn die Fundamente des Staates auf Terror basieren.

Was IS noch besonders macht: Anders als die Taliban und al-Qaida ziehen sie in erster Linie (noch) nicht direkt gegen den ihnen verhassten Westen und die USA in den Krieg. Sie wollen wieder ein Kalifat, in Anlehnung an das „Goldene Zeitalter“ des Islam (im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr.), auf arabischem Gebiet errichten. Die alten, korrupten Eliten werden in Frage gestellt, ebenso die willkürlichen europäischen Grenzziehungen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts (Sykes-Picot-Abkommen 1916), und sollen hinweggefegt werden. Dabei konzentriert sich der IS verstärkt auf die Nationbildung und in ihren eroberten Gebieten streben sie durchaus nach Konsens. Lokale Eliten werden für sie gewonnen und mit ausgebesserten Straßen, wiederhergestellter Stromversorgung, organisierten Suppenküchen für die Armen und anderer Maßnahmen versuchen sie die Zustimmung der ansässigen Bevölkerung zu gewinnen. Freilich: Per öffentlichem Aushang werden Verbote ausgerufen, Frauen dürfen nicht ohne männliche Begleiter reisen und müssen sich verhüllen und in der Öffentlichkeit keine Hosen tragen. Und mit ihrer aggressiven Missionierung treiben sie ihre religiöse Säuberung voran. Bewohner des IS-Herrschaftsgebiets, die nicht fliehen, müssen sich zum salafistischen (eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams, die eine geistige Rückbesinnung auf die Vorfahren anstrebt) Glauben bekennen, andernfalls riskieren sie ihre Exekution. Und schiitische Muslime haben im sunnitischen IS sowieso keinen Platz.

Wie wird die Zukunft aussehen? Die kurze Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings ist verflogen. Von mehr Demokratie und Mitbestimmung der Massen am politischen Prozess ist wenig zu bemerken. Libyen versinkt nach dem Sturz Gaddafis im Bürgerkrieg, in Syrien kämpft das Regime Assad gegen die verschiedensten Rebellen- und Widerstandbewegungen, und diese wiederum gegeneinander, ums Überleben, der Irak versinkt im Chaos, im Jemen haben die schiitischen Huthi-Rebellen Präsident Hadi gestürzt und quasi die Macht übernommen, die Golf-Staaten unterdrücken jede Form der Opposition; gar nicht zu reden von der nach wie vor ungelösten Palästinenser-Frage. Dafür hat der Kampf gegen den IS überraschende, teilweise unheilvolle Allianzen geschaffen. Zwei Erzfeinde – die USA und der schiitische Iran – rücken zusammen, um gegen den sunnitischen IS vorzugehen. Kurdische Peschmerga-Kämpfer und die als Terrororganisation eingestufte PKK (kurdische Arbeiterpartei) werden für ihren Kampf gegen den IS mit modernen Waffen ausgerüstet. Ob sie diese nach einem Erfolg auch wieder abgeben werden, steht in den Sternen. Vielmehr wird es dem Bestreben der Kurden nach einem eigenen Staat nur neuen Auftrieb geben. Welche Staaten dafür Gebiet abtreten müssen? Syrien, der Irak oder/und die Türkei? Letztere wohl kaum. Der nächste kriegerische Konflikt scheint vorprogrammiert.

Die USA wiederum wollen eine internationale Allianz aufstellen, um den IS zu zerschlagen. Die Saudis, aber auch andere Golfstaaten, sollen dabei sein. Schließlich geht es doch um den Erhalt der Dynastien Saud, as-Sabah (Kuwait), al-Thani (Katar) oder al-Chalifa (Bahrain). Allesamt keine Bollwerke der Freiheit und Demokratie. Doch damit von dort das Erdöl auch weiter in den Westen fließt, nimmt man in Washington, London und Co. Menschenrechtsverletzungen, öffentliche Auspeitschungen, Unterdrückung der Frauen etc. in Kauf.
Wie wird das Experiment IS enden? Gibt es eine Alternative neben dem Scheitern des Arabischen Frühlings und dem Voranschreiten des Islamischen Staates? „Ja“, sagt Napoleoni. „Sie setzt Bildung und Wissen voraus sowie ein Verständnis der Art und Weise, wie sich unser politisches Umfeld verändert – dieselben Instrumente, die in der Vergangenheit benutzt wurden, um politischen Wandel nicht durch Blutvergießen, sondern durch Konsens zu erreichen.“ Das Buch ist ein Muss für alle, die den Konflikt und die Hintergründe verstehen wollen – abseits von Stereotypen, Vorurteilen und Medien-Propaganda.

Über die Autorin:
Loretta Napoleoni, geboren 1955 in Rom, ehemalige Fulbright-Stipendiatin und Absolventin der London School of Economics, gilt als Expertin, wenn es um die ökonomischen Grundlagen des internationalen Terrorismus geht. Bekannt wurde sie u.a. durch ihre Studie „Die Ökonomie des Terrors. Auf den Spuren der Dollars hinter dem Terrorismus“ (2004). Napoleoni, die als wissenschaftliche Beraterin u.a. für die UNO sowie als Auslandskorrespondentin tätig war, lebt in London.

Rotpunktverlag, Loretta Napoleoni: „Die Rückkehr des Kalifats“, Sachbuch, 160 Seiten mit einem reichhaltigen Glossar. Aus dem Englischen von Peter Stäuber.

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 18. 2. 2015