Armes Theater Wien: Die Frau vom Meer

August 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Ebbe und Flut in den Seelen

Krista Pauer und Aris Sas. Bild: Martin Hauser

Es ist das Faktotum Ballested, Schauspieler, Maler, Tanzlehrer, hier nun auch Fremdenführer, der die „Reisegruppe aus Wien“ im kleinen Kurorthotel empfängt, und gleich einmal auf die Fjordcard hinweist, mit der es alles um zehn Prozent preiswerter gibt. Das Hotel ist im Ottakringer Bockkeller des Wiener Volksliedwerks untergebracht, wo Erhard Pauer Ibsens „Die Frau vom Meer“ in einer Bearbeitung von Krista Pauer inszeniert hat.

Dies mit heiter-melancholischem Grundton und in ihrer Bittersüße exakt gearbeiteten Figuren. Bei Pauer wird das Schauspiel um platzende Träume und verschüttgehende Weltbilder beinah zur Tragikomödie, immer wieder darf man auch schmunzeln, wenn die vereinten Frauenmissversteher am Werk sind, wenn sie sich der einzelgängerischen Protagonistin des Stücks ungeschickt nähern, nur, um die nächste Abfuhr zu erhalten. Die Pauers geben dabei dem Feministen Ibsen Raum, wenn sie Männer zeigen, die Frauen nach ihren Wünschen formen und manipulieren wollen, und Frauen, die sich deshalb neue – in der Regel allerdings ungesunde – Wirklichkeitsbilder schaffen. In ihren Händen wird „Die Frau vom Meer“ ein Spiel um Ebbe und Flut in den Seelen.

Krista Pauer spielt die Ellida. Die Tochter eines Leuchtturmwärters, die auf einer Insel mitten im Meer aufwuchs, hat den Arzt Wangel geheiratet, mit dem und seinen beiden Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde, sie nun in der Kleinstadt am Ende des Fjords lebt. Nie hat Ellida in Wangels Haus wirklich Wurzeln geschlagen, jeden Tag zieht es sie ans Meer, dessen Unberechenbarkeit sie zugleich abschreckt und anzieht. Um sie aufzuheitern hat Wangel Bolettes ehemaligen Lehrer und in früheren Tagen verschmähten Anbeter Ellidas, Arnholm, eingeladen. Der interpretiert die Geste falsch, als Aufmunterung um Bolette anzuhalten.

Florian Sebastian Fitz. Bild: Martin Hauser

Daniel Ruben Rüb. Bild: Martin Hauser

Und dann ist da noch der junge Kurgast Lyngstrand, der eines Tages die Geschichte vom ertrunkenen Seemann erzählt, der zurückkehrt aus der schwarzen See, eine Geschichte, die Ellida sehr vertraut ist, ist es doch ihre eigene. Erschüttert ist sie nun überzeugt davon, dass der Amerikaner sie holen kommen wird. Und während man sich noch fragt, ob man es mit Albtraum, einer pathologischen Todessehnsucht oder doch der Realität zu tun hat, dreht sich dies Stück ums Ungesagte, nur Angedeutete weiter. Die Hintergrundgeräusche in ihrem Kopf werden lauter, und Ellida trifft eine schwerwiegende Entscheidung …

Krista Pauer legt Ellida als hochgradig bipolar Gestörte an, mit großem Feingefühl bewegt sie die Figur zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Als sei sie in einem Käfig eingesperrt stolpert sie über die Spielfläche, seufzend unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Sie vollzieht emotionelle Kraftakte, mit denen sie nach Haltung sucht, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Männer rund um sie, wiewohl sie alle um sie buhlen, wissen wenig mit ihr anzufangen. Jeder lebt hier in den anderen verschlossenen Welten.

Aris Sas als Wangel, liebevoll, bemüht einfühlsam, doch unfähig sich aus seiner Stasis zu befreien, tut einem als Ellidas Ehemann fast schon leid. Er glaubt an Heilung durch Umzug zurück auf die Inseln, muss aber natürlich an diesem Lebensansatz scheitern. Daniel Ruben Rüb schlüpft in die Rolle des Arnholm. Als solcher trudelt er umher auf der Suche nach immer neuen Möglichkeiten, die ihn umgebenden Frauen zu ergründen, hilfsbereit will er sich zeigen, vor allem gegenüber Bolette, doch scheitert er jedes Mal aufs Neue wegen mangelnder Sehkraft für das Wesen der Dinge.

Klaus Fischer. Bild: Martin Hauser

Cornelia Mooswalder und Celina Dos Santos. Bild: Martin Hauser

Auch das Dreieck Bolette, Lyngstrand, Hilde – Cornelia Mooswalder, Florian Sebastian Fitz und Celina Dos Santos – hat Erhard Pauer mit großer Sensibilität in Szene gesetzt, die ältere Tochter gegenüber der außer sich seienden Stiefmutter einlenkend, dennoch im Wortsinn das Weite suchend, die jüngere eine kindliche Hintertreiberin. Der lungenkranke Lyngstrand ahnt hier nichts von seiner kurzen Lebensdauer, gibt sich als egomanischer Möchtegernkünstler, der erst um das eine Mädchen, dann um das andere tänzelt, jedoch an deren emanzipatorischen Ansätzen scheitert. Bleibt schließlich Klaus Fischer, der einen wunderbar kauzigen Conférencier Ballested spielt, und als solcher quasi durch die Handlung führt. Er ist der einzige Freie unter all den Ibsen-Figuren, die doch nur auch das eine wollen – Freiheit, sich aber von ihren kleinbürgerlichen Ängsten und Zwängen nicht lösen können.

Was Erhard Pauer und seinen Darstellern hier gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen anbietet, sondern weil er die erschreckende Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und deren vergeblichen Mühen um Zusammenleben und Kommunikation mit anderen ins Bewusstsein zerrt. Was einem mitunter den Hals zuschnürt. „Die Frau vom Meer“ des Armen Theater Wien ist zu verstehen als Tauchgang in die eigene Psyche.

www.armestheaterwien.at

  1. 8. 2018

Armes Theater Wien: Illusionen

August 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine todernste Komödie über das Trugbild Liebe

Daniel Ruben Rüb, Krista Pauer, Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Albert, verwirrt über Sandras späte Liebesgeständnisse: Daniel Ruben Rüb mit Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Wenn Krista Pauer zu Beginn mit dunklem Timbre Annett Louisans „Belüg mich noch einmal“ singt, ihr „Bring diesen Augenblick für eine Ewigkeit zurück“, gibt sie damit gleichsam den Grundton des Abends vor. Das Arme Theater Wien zeigt Iwan Wyrypajews „Illusionen“, und es mag der Atmosphäre im Ottakringer Bockkeller und seinem Garten geschuldet sein, ist aber sicher der feinfühlig humorigen Regie von Erhard Pauer zu danken, dass man sich in einem modernen Sommernachtstraum wähnt.

Wyrypajew, der russische Theatergründer, Regisseur und Dramatiker, hat einen Vier-Personen-Text über das Trugbild Liebe geschrieben, über die falsche Wahrnehmung von Wirklichkeit, über Selbsttäuschung und die von anderen. Eine leise ironische, todernste Komödie über das Suchen und Nicht-Finden und wenn doch Nicht-Erkennen der wahren Liebe. Ein Stück, in dem die Protagonisten sich nacheinander aufs Sterbebett legen und entschlafen. Keine Angst, sie sind alle weit jenseits der Achtzig und ihr Witz mildert die Melancholie. Pauers Inszenierung zaubert ein Lächeln, dessen Augenzwinkern auch von den paar Tränen rührt, die im Publikum nur allzu gern verzwickt werden. Gelungen ist ein sehr sympathischer Abend mit den großartigen Darstellern Krista Pauer, Florine Schnitzel, Victor Kautsch und Daniel Ruben Rüb.

Sie spielen die beiden Ehepaare Danny und Sandra (Kautsch und Schnitzel) und Albert und Margret (Rüb und Pauer). Seit Ewigkeiten ist man verheiratet und teilweise noch länger befreundet, doch nun, da es ans Ende geht, will jeder dem anderen die „Wahrheit“ sagen. Was in etwa so klingt: Sandra gesteht Albert ein Leben lang nur ihn geliebt zu haben, Gefühle, die dieser nun auch in sich zu entdecken glaubt. Danny räumt ein, immer nur Margret begehrt zu haben. Und Margret bekennt sich zu einer Affäre mit Danny. Doch Vorsicht vor den eigenen Fantasiegebilden. Es wird sich noch herausstellen, welche dieser Bekenntnisse „Illusionen“ sind … Wyrypajews Stück hat einen Leitsatz, der die Hoffnung in sich birgt: „Es muss doch irgendetwas Beständiges geben, in diesem sich ständig wandelnden Universum“.

Daniel Ruben Rüb. Bild: Christian Vondru

Daniel Ruben Rüb. Bild: Christian Vondru

Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

Krista Pauer und Florine Schnitzel. Bild: Christian Vondru

In Rückblenden berichten die Schauspieler von den vier Leben ihrer Figuren, von deren Wünschen und Träumen, davon, was Erfüllung für sie bedeutet, und warum Liebende einander immer missverstehen müssen. Es ist eine Szenenfolge mit Streiten und Stricken, und die Zuschauer sitzen mittendrin in dem, worin man sich ohne große Mühe selbst erkennen kann. Pauer hat den Text als Partitur genommen und seine sich spiegelnden Strukturen wie ein Musikstück umgesetzt. Die Schauspieler sind ebenso in ihren Rollen wie Erzähler über diese, und sie geben einander aus diesen Positionen auch die Regieanweisungen. Da sorgt bei Margret etwa für Unmut, wenn Albert nicht lang genug vor ihr knien will, und Danny reagiert mit Unverständnis, weil Sandra ihn minutenlang wütend umkreist.

Allen voran Krista Pauer und Daniel Ruben Rüb glaubt man die Echtheit der Gefühle in ihrem Changieren zwischen komischer Verzweiflung und tiefer Verletztheit, sie wie immer hinreißend temperamentvoll, doch ist ihre Margret hinter der flotten Fassade fragil wie Glas, er ein gesettelter Teddybär, den die unerwarteten Herzensverwirrungen völlig aus der Bahn werfen. Victor Kautschs Danny ist dagegen unendlich viel kopflastiger, einer, der seinen Platz in der Welt sucht – und diesen, dies nur eine der amüsanten retrospektiven Anekdoten, auf einem australischen Outback-Brocken findet, siehe wütendes Umkreisen von Sandra. Die wird von Florine Schnitzel als bodenständig-patentes ewiges Mädchen gestaltet. Eine, die halt nicht weinen konnte, als mit dem Gemüse irrtümlich eine Schnecke auf dem Griller landete. Was nebenbei vor 40 Jahren passiert ist, ihr aber immer noch vorgeworfen wird …

Florine Schnitzel, Krista Pauer und Victor Kautsch. Bild: Christian Vondru

Danny findet seinen Platz in der Welt, Sandra schäumt: Victor Kautsch mit Florine Schnitzel und Krista Pauer. Bild: Christian Vondru

Die „Illusionen“ sind der Stoff, aus dem sonst Geschlechterschlachten sind, doch Iwan Wyrypajew hat daraus ein versöhnliches Philosophikum über die Treffsicherheit von Amors Pfeilen gemacht. Ein „Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“, das das Arme Theater Wien auf heiter-besinnliche Weise umsetzt. Dass es so gut gelingt, mag daran liegen, dass die Liebe und die Art, wie hier Theater gespielt wird, miteinander verwandt sind. Vorstellungen bis 26. August.

www.armestheaterwien.at

Iwan Wyrypajew im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=2016

Wien, 11. 8. 2016

Armes Theater Wien: Kinder der Sonne

August 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gorki ganz ohne Russische-Seele-Klischees

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb Bild: © Vondru

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb
Bild: © Vondru

Zu Beginn wechselt Jegor kaputte Lampen im Kronleuchter aus. Ganz nah kommt er mit der Leiter ans Publikum, berührt fast die Fußspitzen der Zuschauer in der ersten Reihe, eine Frau zuckt, weicht aus, doch da ist es schon passiert – sie ist gefesselt vom Geschehen. Seit zehn Jahren gehört dies zum Konzept des Armen Theater Wien: Schauorte öffnen, Distanz abschaffen, auf Augenhöhe agieren, so dass man mit dem nur um Armeslänge entfernten Schauspieler frei nach Jerzy Grotowski mitatmen, mitfühlen kann. Die Szene wird sich später am Abend wiederholen. Da haben die Intelligenzler den Proletarier verjagt und müssen die Mühsal mit den Glühbirnen auf sich nehmen. Protassow scheitert beim Versuch. Natürlich.

Das Arme Theater Wien zeigt zu seinem Jubiläum Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Gorki, Sturmvogel der russischen Revolution, den die Bekanntschaft mit dem eigenen Volk „bitter“ machte, erfand die Tragikomödie in einer Gefängniszelle der Peter-und-Pauls-Festung, wo er wegen seiner Sympathien für die Petersburger Blutsonntagsrevolte eingesperrt war. Das Stück ist ein Beziehungsreigen, zeigt mehr als eine Sozialstudie die Kluft zwischen den Klassen, zeigt die Tagalbträume eines fühligen Sextetts, zeigt des Autors Hoffnung, die Kreativen könnten gesellschaftspolitisch wegweisend sein, zeigt einen Albtraum namens nackte Existenz, der das Volk beutelt, zeigt, wie der Mensch nicht über seinen Tellerrand blicken kann. Gorki soll beim Schreiben, so zumindest überliefert, laut gelacht haben.

Ein Vergnügen, dass Regisseur Erhard Pauer da ansetzt. Seine Arbeit befreit die „Kinder der Sonne“ von allem, was – allzu oft schon so gesehen – tonnenschwer bedeutungsschwanger ist. Seine Inszenierung strahlt Leichtigkeit, besser gesagt: eine gewisse fatalistische Grandezza aus. In nicht ganz zwei Stunden erzählt er knackig eine hochaktuelle Geschichte, befreit von den üblichen Klischees des Russischen-Seele-Ballasts. Dabei verfehlt er nicht, die Standpunkte der Gorki’schen Charaktere und auch seinen eigenen künstlerischen klar zu machen. Diese „Kinder der Sonne“-Produktion ist in dieser Klarheit zweifellos eine der besten, die man in Wien bis dato sehen konnte. Großen Anteil am Gelingen hat die unter der Ägide von Krista Pauer erstellte Textfassung des Armen Theater Wien. Man hat die Worte zugeschliffen, bis ihre Spitzen sitzen und stechen. Man verwehrt sich den Begriff Pointe, um den wunderbaren Abend nicht im Schenkelklopfbiotop anzusiedeln, aber wie Protassow angesichts von Melanijas leidenschaftlicher Liebeserklärung emotional schwer überfordert stammelt „Ich kann Ihre Grundidee nicht verstehen“, das hat Pfeffer – die Schauspieler wissen Auftritte damit zu würzen.

Ein durch Bildung und Herkunft begünstigtes Herrentrio stellt die Blickwinkel ein: Kunst hat keinen Wert (Dimitrij Wagin). Es gibt auf der Welt nichts Wertloses (Pawel Protassow). Außer die Welt selbst (Boris Tschepurnoi). Biologe Protassow will an die Möglichkeit des Menschen glauben, sich von jeglichem Joch zu befreien und sich selbst schöpferisch zu vervollkommnen. Auch Gorki glaubte daran, weshalb er sich mit Lenin überwarf und ins Exil musste. Daniel Ruben Rüb gibt den philosophischen Professor als weltfremden Weltverbesserer, dem die Reagenzgläser näher sind als die Realität. Heiß nur der Tee, nach dem er ständig verlangt, er selbst lauwarm. Ganz im Gegensatz zum Wagin von Branimir Agovi, dessen Maler ganz Mannsbild ist, auf Betriebstemperatur wie ein Opernsänger vor der großen Arie. Auch optisch macht Agovi das her. Simon Stockingers Tierarzt Boris hält beiden die ehrlich erarbeitete Überzeugung entgegen, der Mensch sei widerlich. Stockinger gestaltet diesen Ablasser zynischer Wortspenden, diese letztlich tragische Figur als lyrischen, mit bubenhaftem Charme ausgestatteten Helden. So wie alle drei in ihrer Rollengestaltung bestechen, kann man über Letzteren, den Erhard-Pauer-Schüler, ohne Pauer seine Schauspieler wegempfehlen zu wollen, nur sagen: Bühnen, schaut euch nach ihm um!

Krista Pauer besticht als Jelena. Ihre elegische Erscheinung im Duett mit der charakteristisch-rauchigen Gänsehaut-Stimme ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Diese Jelena, von Wagin sexuell bestürmt, wie sie es sich von Ehemann Protassow wünschen würde, hat ihren Stoizismus nicht als Geburtsrecht mitbekommen, sondern arbeitet täglich hart daran, um dem stürmischen Meer ihrer Mitmenschen ein Fels in der Brandung zu sein. Alexandra-Yoana Alexandrova wirkt als Melanija angeknipst wie eine Shopping-Queen-Kandidatin kurz vor dem Laufsteg. Umso größer der Effekt, wenn die Kaufmannswitwe ihr Inneres nach außen offenbart, Alexandrova ihrer Figur den Firnis aus Couture und Goldkettchen abkratzt und die Sicht auf eine einsame Frau freigibt. Die von Florine Schnitzel mit mädchenhafter Glut gespielte Lisa ist ein Kummerkind, dessen sehr wahren Umsturzfantasien niemand Beachtung schenkt. Die Nervenkranke wird den verliebten Boris ins Unglück stürzen.

Den Kopfgebürtigen steht eine Körpergestalt gegenüber: Klaus Fischer muss als Jegor von Salontür zu Gartentor auch die meisten Kilometer machen. Sein Schlosser changiert zwischen Unikat und Unikum. Standesstolz gibt sich der Arbeiter als Herr im Haus, doch weiß der Proletarier anno 2015 längst, dass auch ihn die Historie hinter sich gelassen, dass er den Baumeistern der Macht nur als Stützmaterial beim Errichten ihrer kapitalen Türme gedient haben wird. Fischer erzählt das im Tonfall verzweifelter Wut und rundet die tadellose darstellerische Leistung aller damit ab.

Wenn Idee und Ausführung stimmen, kann man auch ohne den „Schnickschnack“ opulenter Bühnenbilder und Kostüme großartiges Theater machen. Das Arme Theater Wien beschenkt mit seiner puren Art zu spielen das Publikum reich. Dass eine Truppe wie diese ohne Subvention gelassen wird, optimiert vielleicht ihre Kreativität und den Idealismus, ist aber kulturpolitisch völlig unverständlich. Da muss sich Wiens Großer Kultur-Gossudar die Kritik gefallen lassen, dass er was versäumt hat. Noch ist Zeit!

Zu sehen bis 28. August im Bockkeller. Im November folgt im WUK „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly.

www.armestheaterwien.at

Wien, 19. 8. 2015

Armes Theater Wien: Zehn-Jahres-Jubiläum

August 13, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Premiere von Gorkis „Kinder der Sonne“

Bild: Vondru

Bild: Vondru

Das Arme Theater Wien ist immer ein Garant für erstklassige Produktionen. Egal, ob es zuletzt „Liebe und Zufall“ nach Marivaux www.mottingers-meinung.at/?p=10257 oder „Play Pirandello“ www.mottingers-meinung.at/?p=8719  war. Die neueste Arbeit der Theatermacher darf man sich deshalb keinesfalls entgehen lassen: Zum Zehn-Jahres-Jubiläum gibt die ambitionierte Truppe rund um Regisseur Erhard Pauer Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Gorki zeichnet das düsterkomische Bild einer Gesellschaft, die, von sozialen wie kulturellen Konflikten zerrissen, unfähig ist zur Schaffung einer besseren Welt. Im Haus des Wissenschaftlers Protassow und seiner Ehefrau Jelena gehen ein und aus: der Künstler Wagin, der in Jelena verliebt ist, die reiche Witwe Melanija, die Protassow liebt, sowie der Tierarzt Tschepurnoi, der schon seit Langem in Protassows Schwester Lisa verliebt ist. Dann gibt es noch den Hausmeister Jegor, der seinen Beruf versteht, aber trinkt und seine Frau schlägt. Und alle sind sie auf der Suche nach einem erfüllten, einem besseren, einem wertvollen Leben.

Es spielen Branimir Agovi, Alexandra-Yoana Alexandrova, Klaus Fischer, Krista Pauer, Daniel Ruben Rüb, Florine Schnitzel und Simon Stockinger. Zu sehen bis 28. August im Wiener Volksliedwerk, 1160 Wien, Gallitzinstraße 1.

Eine Empfehlung!

www.armestheaterwien.at

Wien, 13. 8. 2015

Armes Theater Wien: Tape

Oktober 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Verhör um Sex und Gewalt

Rüb, Pauer, Bocek Bild: © Martin Hauser Photography

Rüb, Pauer, Bocek
Bild: © Martin Hauser Photography

Polanski, Kachelmann, Strauss-Kahn – die Öffentlichkeit diskutiert immer wieder ausgiebig und mit voyeuristischen, vorurteilsdummen Ausfällen über die Grenze zwischen einvernehmlichem und erzwungenem Sex. Da kommt Stephen Belbers amerikanisches Erfolgsstück „Tape“ von 1999, das jetzt von Erhard Pauer im WUK Projektraum inszeniert wurde, zeitgerecht. Nicht nur, weil das Well-made-Play, in dem drei ehemalige Schulkameraden in knapp anderthalb Stunden Echtzeit in einem Motel-Zimmer aufeinandertreffen, sich ebenfalls um jenen kritischen Punkt dreht. Sondern weil Belber raffiniert offen lässt, ob es sich bei dem fraglichen Vorfall auf der Highschool-Abschluss-Party vor zehn Jahren bloß um Sex oder schon um Gewalt gehandelt hat – jeder der drei hat seine eigene Version.

Außerdem dreht Belber den Spieß um: nicht die Frau ist es, die den Mann der Vergewaltigung anklagt. Vielmehr will sich Jon – auf Druck von Vincent, der seiner Jugend-Liebe Amy immer noch hinterhertrauert – bei Amy für eine Vergewaltigung entschuldigen, die er ihrer Meinung nach gar nicht begangen hat. „Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen davon, was passiert ist“, fasst sie schlicht zusammen – und weder Vincent (der von einer Vergewaltigung überzeugt ist, weil er sich nicht erklären kann, wie Amy sonst mit Jon, aber nicht mit ihm hätte schlafen können), noch Jon (dessen Geständnis Vincent zuvor heimlich auf der titelgebenden Kassette aufgenommen hatte) wollen das fassen. Aus dem Gespräch über alte Zeiten schält sich allmählich ein Verhör heraus. Ein Duell um Kopf und Kragen. Amy entzieht sich nämlich der Opferrolle und ihrer Vereinnahmung durch die beiden Männer, indem sie deren Geschichte ihre eigene entgegensetzt und somit im psychologisch fein gedrechselten Gespräch letztlich am besten abschneidet. Belbers Dialoge sind von messerscharfem Realismus, gerade weil er den Figuren Unschärfen, Widersprüche, Füllmaterial, Wiederholungen und Verlegenheitsrepliken erlaubt.

Es spielen die wunderbaren Darsteller Peter Bocek, Krista Pauer und Daniel Ruben. Zu sehen bis 2. November.

www.armestheaterwien.at

Wien, 29. 10. 2014