Streaming – Bridgerton: Die Serien-Sensation der Saison

Januar 3, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Colorblind Casting und ein Vergewaltigungsskandal

Simon, der Duke of Hastings, und seine angetraute Daphne im bonbonfarbenen Fairy-Tale-Land: Regé-Jean Page und Phoebe Dynevor. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Als knapp nach Weihnachten die US-Serie „Bridgerton“ auf Netflix ihre Premiere hatte, war das Binge! von den Bildschirmen bis auf die Straßen zu hören. Staffel eins steht komplett online, eine Kostümschmonzette, die Shonda Rhimes mit ihrer Produktionsfirma Shondaland nach den Büchern von Bestsellerautorin Julia Quinn realisiert hat. Quinn, deren historische Liebesromane aus dem britischen Regency wegen ihres frechen Humors, ihrer spritzigen Dialoge und

eines absolut unzeitgemäßen Feminismus Millionen Fans haben. Und so wirkt auch „Bridgerton“, als wäre das „Gossip Girl“ die verloren geglaubte sechste Bennet-Schwester. Die Bridgertons sind sogar acht Geschwister, die’s zwischen Stolz und Vorurteil, Verstand und Gefühl hin und her reißt, mittendrin Eloise, eine wahrhafte Jane-Austen-Figur. Der Rest ist schnell erzählt: In einer bonbonbunten Fairy-Tale-Welt schuftet sich die Londoner High Society durch die Ballsaison anno 1813 – übrigens das Jahr, in dem „Pride and Prejudice“ dereinst erschienen ist.

Ehrgeizige Mütter treiben ihre pubertären Gänse auf den Heiratsmarkt, doch alle Debütantinnen werden überstrahlt von der Anmut Daphne Bridgertons, der sogar Königin Charlotte zugesteht, „ein Diamant erster Güte“ zu sein. Auftritt Simon Basset, seit dem Ableben seines Vaters der Duke of Hastings, und weil er die aufdringlichen Mütter und sie einen ebensolchen Verehrer loswerden will, schmieden Daphne und Simon den sinistren Plan, sich so lange als Turteltauben zu gerieren, bis er Ruhe und sie einen annehmbaren Antrag hat.

Allein, das Experiment läuft aus dem Ruder, das Nicht-Liebespaar, das natürlich totalmente ineinander verschossen ist, landet mit allen erdenklichen Folgen vorm Altar – und über all das und mehr klatscht und tratscht die mysteriöse Lady Whistledown in ihrem Boulevardblättchen, Lady Whistledown eine Whistleblowerin d’amour, die Vorfahrin aller spitzzüngigen Gesellschaftskolumnisten. So weit, so eh schon wissen, würde sich „Bridgerton“ nicht durch eine Wokeness auszeichnen, die in derlei Serien-Paketen selten ist – und sehr, sehr, seehr viel Sex.

Wobei die Objekte der Begierde hier eine ansehnliche Reihe junger Herren ist, die mit blanker Brust und Pobacken glänzen. Allen voran Regé-Jean Page, der als Duke of Hastings so schön ist, wie weiland Denzel Washington als Don Pedro in Kenneth Branaghs „Viel Lärm um nichts“, und Jonathan Bailey als Daphnes großer Bruder Viscount Anthony Bridgerton.

Claudia Jessie als Eloise und Ruth Gemmell als Lady Violet Bridgerton. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

National-Theatre-Star Adjoa Andoh als süffisant spöttelnde Lady Danbury. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Von der lesbischen Othello zu Königin Charlotte: die britische Bühnengröße Golda Rosheuvel. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Die Featheringtons: Polly Walker, Ruby Barker und Kathryn Drysdale als Genevieve. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Fünf Punkte, die „Bridgerton“ besonders machen (Inhalt kann Spoiler enthalten)

1. Das Matriarchat. Rund um den Grosvenor Square regiert das Matriarchat, das heißt eigentlich beginnt dieses schon im Kew Palace, von wo aus Königin Charlotte das Volk im mütterlich festem Griff hat – Schauspielerin Golda Rosheuvel, die Nachrichten aus dem Gemach ihres wegen seiner Stoffwechsel- an einer Geisteskrankheit leidenden Gemahl George III., „Eure Majestät, der König …“, mit einem hoffnungsvollen „Ist er tot?“ quittiert.

Unter ihr herrschen Ruth Gemmell als verwitwete Lady Violet Bridgerton, die ihren Clan mit viel Liebe an die Kandare nimmt, Nachbarin und, da Mutter dreier von der Natur weniger begünstigter Töchter, Rivalin Lady Portia Featherington, verkörpert von Polly Walker, deren liederlich-trotteliger Ehemann das Familienvermögen verspielt und verhurt – und die unvergleichliche Großmeisterin des süffisant spöttelnden Smalltalks, Adjoa Andoh als Lady Danbury, die Klein-Simon großzog, da sein Vater das vor Angst stotternde Kind aus den Augen haben wollte.

Die nächste Generation ist nicht minder frühemanzipiert: Claudia Jessie als Freigeist Eloise Bridgerton, die an die Universität statt unter die Haube will, ihre beste Freundin Penelope Featherington, Nicola Coughlan, der Verstand vor Gewicht geht, und schließlich Anthonys Affäre, die selbstbewusste Opernsopranistin Siena Rosso, Sabrina Bartlett, und die geschäftstüchtige Modemacherin Genevieve Delacroix, Kathryn Drysdale – die noch dazu ein nächtliches Doppelleben führt, infolgedessen sie Sohn Nummer zwei Benedict Bridgerton bei einer Party von dessen bisexuellem Hofmaler-Freund zu ihrem Geliebten macht.

Die ärmliche, vom Land in die Stadt verfrachtete Featherington-Cousine Marina Thompson, Ruby Barker spielt die Schönheit, weigert sich trotz geheim gehaltener Schwangerschaft den Nächstschlechtesten zu ehelichen, stattdessen stürzt sie sich im Wortsinn auf den dritten Bridgerton-Bruder, den unschuldigen, den naiven Colin … Jede dieser Frauen hätte das Zeug dazu, Lady Whistledown zu sein.

2. Das Colorblind Casting. Die Ensemble-Diversität in „Bridgeton“ lässt die Frage nach Hautfarbe gar nicht erst aufkommen. Showrunner Chris Van Dusen hat quer durch den britischen Adel weiße und nicht-weiße Schauspielerinnen und Schauspieler besetzt. An britischen Theaterhäusern, von denen etliche der Engagierten kommen, hat das Colorblind Casting eine lange Tradition, siehe die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at über das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre beim Art Carnuntum Festival.

Die Besetzung der People of Color wurde als ein Statement getroffen, so Van Dusen, angefangen bei der renommierten Theaterschauspielerin Golda Rosheuvel, zu deren Bühnen-Credits „Macbeth“, „Romeo und Julia“ und 2018 eine lesbische „Othello“ zählen. Hier ist sie Königin Charlotte, über deren „afrikanisches Antlitz“ Zeitgenossen tatsächlich munkelten, und das Historiker heute auf die portugiesische Linie der von Mecklenburg-Strelitzens zurückführen.

Dieser Aspekt immerhin schien Van Dusen so bemerkenswert, dass er die historische Persönlichkeit ins Setting einführte, in den Büchern kommt die Königin nämlich nicht vor, in der Serie leitet Rosheuvel den Cast an – von Regé-Jean Page bis Adjoa Andoh, von Ruby Barker bis zu Simons Freund und Boxtrainer, Martins Imhangbe als Will Mondrich, und Simons Butler, Jason Barnett als Jeffries. Kathryn Drysdale ist topaktuell für die Rolle der Meghan Markle im Gespräch.

Anthony Bridgerton ist soeben dem Bett seiner Mätresse entstiegen: Jonathan Bailey. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Serien-Beau Regé-Jean Page als Simon Basset, Duke of Hastings, in ähnlicher Situation. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Daphne erprobt ihre Verführungskunst: Phoebe Dynevor und Regé-Jean Page. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

Der Höhepunkt der Vergewaltigungsszene: Regé-Jean Page sorgt für Skandal. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

3. Der Vergewaltigungsszenen-Skandal. An Liebesszenen wird in „Bridgerton“ nicht gespart, vor allem zwischen Daphne und Simon. Nicht nur erklärt er ihr, wie man die Wonnen des Orgasmus für sich allein entdecken kann, sie zieht ihn mit ihren Blicken quasi aus, bevor er es selber tun kann. Ob Beau Page nun lasziv einen Eislöffel ableckt oder beim Training im Boxring seine Muskeln spielen lässt, in „Bridgerton“ ist fürs weibliche Herz allerhand dabei. Eine Szene mit der zauberhaften Phoebe Dynevor erregt allerdings die männlichen Gemüter – und nein, nicht so.

Daphnes sexuelle Erweckung ist einer der wichtigsten Themenstränge der Serie. Von Mama und ihrer Herumdruckserei denkbar unaufgeklärt, sagt ihr Simons Verhalten knapp vor dem Kommen, sich wegdrehen und in ein Taschentuch stöhnen, erst nichts. Der Herzog hat vor seinem sterbenden, ihm verhassten Vater den Schwur getan, die Hastings aussterben zu lassen, heißt: niemals ein Kind zu zeugen, daher der Hang zum Interruptus.

Es bedarf der Kammerzofe Polly, um ihrer Herrin zu erklären, wie das mit den Bienen und Blüten funktioniert, also inszeniert Daphne einen Samenraub de luxe, sie dreht den Spieß ist gleich die Beischlafpositionen um, und so kann Simon noch so sehr ums „Bitte aufhören!“ betteln, der Höhepunkt steht wie eine Eins. Skandal, skandiert’s nun durch die Social Media, eine Vergewaltigungsszene wird vom Publikum bagatellisiert. Im Roman war’s noch ärger, da machte Daphne Simon sogar betrunken und willfährig – tja …

4. Julie Andrews. Wem’s irgend möglich ist, der sollte sich „Bridgerton“ im englischen Original ansehen. Julie Andrews näselt sich als Lady Whistledown aus dem Off very british durch deren boshafte kleine Sticheleien, auch Eloise hat ein entzückend loses Mundwerk, und überhaupt sind die Dialoge im O-Ton ein so rasantes wie sarkastisches Ping-Pong-Spiel. Und siehe: Plötzlich ist „Bridgerton“ eine Serie, die sich so gar nicht todernst nimmt. Wenn Frauen die Tuscheltrommel rühren, um die hochfahrenden, allerdings hirnrissigen Pläne der Männer samt und sonders zu ruinieren …

Penelope Featherington wird noch eine wichtige Rolle spielen: die wunderbare Nicola Coughlan. Bild: Liam Daniel/Netflix © 2020

5. Die zweite Staffel. Ist in Planung, die Dreharbeiten sollen im März starten, laut Gerüchten aber ohne Daphne und Simon. In Julia Quinns Buchreihe hat die Autorin jedem der acht Bridgerton-Kinder einen Roman gewidmet. In Band zwei ist ergo Anthony an der Reihe, dem auf dem Bildschirm die wegen seiner Hop-on-Hop-off-Liebe erzürnte Siena gerade die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Erzählenswert ist zweifellos aber auch die Geschichte von Eloise, die nach Daphne in Season 2 in die Gesellschaft eingeführt werden

soll, dies aber um die Burg nicht will. Francesca Bridgerton, die zweitjüngste Tochter, kehrt in den letzten Minuten der Staffel eins erst aus Bath zurück, über sie weiß man also noch gar nichts. Und auch die heillos in Colin verliebte Penelope ist der Aufmerksamkeit wert. Und last, but not least gilt es nach wie vor die Identität der Lady Whistledown aufzudecken.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=gpv7ayf_tyE           www.youtube.com/watch?v=XM8-Q_dssYI           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Winterpalais: Sterling Ruby

Juni 21, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Eigens für Wien hat er Wandteppiche entworfen

S.R.Belvedere.1, 2016. Bild: Courtesy Sterling Ruby Studio

S.R.Belvedere.1, 2016. Bild: Courtesy Sterling Ruby Studio

Das Belvedere zeigt ab 8. Juli im Winterpalais eine Schau von Sterling Ruby. Ruby, geboren 1972, er lebt und arbeitet in Los Angeles, zählt zu den umstrittensten und unberechenbarsten US-Künstlern seiner Generation. Sein Œuvre reicht von glasierten biomorphen Keramiken, gegossenen Urethan-Skulpturen über großformatige Sprüharbeiten auf Leinwand, Zeichnungen und Collagen bis zu Videoarbeiten.

Im Fokus seiner ersten Überblicksausstellung in Europa stehen Arbeiten, die sich mit militärischem Imperialismus und Kriegsrhetorik auseinandersetzen und auf den Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen verweisen. Die barocken Prunkräume im Winterpalais bilden einen einzigartigen Kontrast zu den ästhetischen Positionen des Künstlers, darunter eine Serie von Wandteppichen, die eigens für die Schau entwickelt wurde.
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Wien, 21. 6. 2016

Theater in der Josefstadt: Die Kameliendame

Dezember 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik stirbt im Schnee

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik Bild: Moritz Schell

Katja Bellinghausen, Josef Ellers, Alexander Absenger, André Pohl, Susanne Wiegand, Sandra Cervik
Bild: Moritz Schell

Es ist der Stoff aus dem die tränentriefenden Schmonzetten sind. Ein Groschenroman getarnt als Weltliteratur. Überlebensgroß gemacht durch Verdis „La Traviata“. Paris‘ größte Kurtisane wird zur Mätresse, zur aufrichtig Liebenden eines jungen Mannes, der glaubt, zum Leben genüge Luft und Leidenschaft. Leider nein. Vom Lobgesang auf den Genuss bis zum Totenbett einer an Tuberkulose Sterbenden geht’s durch drei Akte. Generationen von Regisseuren haben sich an der „vom Weg Abgekommenen“ schon fix und fertig gekitscht.

Das Theater in der Josefstadt spielt nun „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren. Er selbst funktionierte sein Buch schon 1852 zum Stück um; hier ist allerdings eine grandios entstaubte Fassung von Herbert Schäfer – der gemeinsam mit Vasilis Triantafillopoulos auch für Bühnenbild und Kostüme zuständig war – zu hören. Torsten Fischer inszenierte. So haben also Fischer und Schäfer der Kunst-Gewerblichen allen Flitter und Firlefanz runtergeräumt. Eiseskalt ist diese Welt, Schnee fliegt und bleibt liegen. Die Gesellschaft vergibt nicht, was man war und nicht mehr sein will. „Hure“ ist das Wort, das Kokottische entrümpelt. Ein riesiger „Spiegel der Gesellschaft“, einmal so gedreht, dass sich das Publikum bis in den obersten Rang darin sehen kann, ist das zentrale optische Instrument. Das war mal was, hat aber mittlerweile einen Bart, länger als der vom Weihnachtsmann. Sei’s drum. Schäfer schafft dadurch auch Bildkompositionen von fantastischer Schönheit.

Die Geschichte ist wahr. Alexandre Dumas verehrte eine Käufliche namens Marie Duplessis. Sie liebte Kamelien, Luxus, war schwindsüchtig, verstarb mit 23 Jahren. Und damit beginnt auch Fischers Arbeit: Das Ende als Anfang. Zu Willy DeVilles „Heaven Stood Still“ mischen sich Fakt und Fiktion. Die erdachte Figur Marguerite Gautier (Sandra Cervik) stirbt in den Armen von Alexandre Dumas (Tonio Arango in einer seiner Funktionen). Der Totentanz kann beginnen, denn kurz darauf erscheint Figur Armand Duval (Alexander Absenger) – und A. D. sagt zu A. D.: „Das bin ja ich.“ Beginn eines Zwiegesprächs. Die beiden werden nicht mehr zu trennen sein. Etwa, wenn Marguerite mit Dumas tanzt, während sie Duval ihre Lebenssituation zu erklären sucht. Beim Beischlaf mit Zweiterem, den Ersterer bei einer Flasche Rotwein und einer Zigarette beobachtet. Viel nackte Haut und monströse Krinolinen machen die Damengarderobe aus. Die Herren sind entweder in Frack und Zylinder oder teilweise bis ganz unbekleidet.

Arango ist der Motor des Abends, über dem die Schwermut als Gedanke liegt. Viel mehr als ein „Erzähler“ ist er Teilnehmer am Geschehen, ständiger Gast im Salon der Lustpaarkeiten, übernimmt kleine Rollen vom Croupier bis zum Totengräber, ist der älter gewordene Armand Duval, der als Last die Schuld trägt, nun den Grund für das Verschwinden Marguerites zu kennen (Stichwort: Georges Duval), will seinem jüngeren Ich helfen, kann aber nicht – und ist zum Glück Humorverweser im Sinne eines Reichsverwesers. Es ist erstaunlich, aber bei Arango eigentlich logisch, dass ausgerechnet er, der keine „Rolle“ hat, am besten spielt. Ein Darsteller, wie sich wenige finden!

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. „Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat“, sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, „Armand“ (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.

Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch‘, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den „Vergewaltiger“, aber auch Finanzier nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht „ran“. Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über „es“ zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.

Den Schlamassel hat Armands Vater, Georges Duval, angerichtet. Als die Liebenden Zuflucht in einem Landhaus nehmen, wo sich Marguerite erholen soll, taucht er auf: Udo Samel bei seinem Debüt an der Josefstadt. Er verlangt die sofortige Trennung des Paares, hätte er doch eine Tochter zu verheiraten, deren Eltern niemals dulden würden … Es ist kein Platz im Schoß einer Familie für Marguerite, wo doch ihren schon so viele kannten. Samel, ganz strenger Vater, deklamiert emotionslos seine „Rechte“, während er mit der linken – Keuschheit und Religion im Mund – sanft über die Hurenbrust streicht. Nun ist der Georges Duval prinzipiell eine Wurzn. Ein Zehn-Minuten-Auftritt. Für den es Samel nicht gelingt, in seiner Rolle eine Figur zu finden. Auch das Match Burgtheaterdeutsch vs Josefstädterisch geht 0:1 aus. Der Ausnahmeschauspieler Udo Samel als Außenseiter, als Fremdkörper, das war hoffentlich eine Regieidee und kein Passiertsein.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/JCZLIfIyTTs

www.mottingers-meinung.at/tonio-arango-im-gespraech/

Wien, 19. 12. 2014