Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Altes Geld

November 3, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Frei von der Leber weg? Es war fad.

Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner Bild: ORF/Superfilm

Ein finsterer Geselle als Lichtblick: Manuel Rubey als Jakob Rauchensteiner
Bild: ORF/Superfilm

Im anschließenden Kulturmontag kam ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner das Wort Überhöhung über die zugespitzten Lippen. Ja, wenn’s denn so … Wochenbeginn war’s und „Altes Geld“ war und bin ich böse, weil mir das Herzerl nicht übergegangen ist? Frei von der Leber weg: Es war fad.

Nun ist es natürlich ein guter Schmäh, vor der Fernsehausstrahlung die DVDs rauszubringen, die freilich Platin holen, weil die Leute schneller sein wollen als der Küniglberg sein kann, und David Schalko kaufen, wenn David Schalko draufsteht. Nun ist es der noch viel bessere Schmäh, auf stattgefundenen Flimmit-VoD-Erfolgen rumzureiten, also quasi im Öffentlich-Rechtlichen einen aufgewärmten Schas zu trommeln, den sich die letzten, also ich, die’s noch nicht gesehen haben, anschauen, weil die Zuschauer ob des bisherigen Hypes David Schalko sehen wollen, wo David Schalko drin ist. Die Leber galt, nur so nebenbei, den alten Griechen als Sitz des Lebens; heute gilt als verstorben, wer hirntot ist. Man spricht dann auch von „coma dépassé“, einem irreversiblen Koma.

Apropos, „Altes Geld“. Das ist sehr langsam und ziemlich leise. Vermutlich, weil der Zynismus selten schnell und nie laut ist. Bis sich was entwickelt, und es entwickelt sich kaum was, und das in Nichtlustig, weil bei keinem Tempo auch keine, so sie vorhanden gewesen wären, Pointen zünden können, kann man getrost drei Mal Limonade holen und vier Mal Lulu gehen. Oder je nach Blase umgekehrt. Die Lücke der dafür privat zuständigen, beim ORF fehlenden Werbepausen ist somit praktisch gefüllt. Es gibt viele Stehsätze. „Es gibt keine Pazifisten, nur Menschen ohne Waffen“. „Ich will nicht deinen Tod, ich wünschte es hätte dich nie gegeben“. „Humanismus ist, was übrigbleibt, wenn Effizienz weg fällt“. Vastehst, Oida? Pampf! Irgendwo kränzelte einer den Lorbeer „Altes Geld“ sei der heimische Denver-Clan, und wiewohl der schon eine Fernsehflatulenz, ich komm‘ einfach nicht von heißer Luft und Wind machen los – bitte um Verzeihung, war, ist „Altes Geld“ doch eher Rosamunde-Pilcher-Dynasty. Fallon und Jeff verlassen die Party und gehen mit der Kippe in den Garten an der Klippe. Fallon beginnt den Joint zu rauchen.  Jeff: „Das ist ja Stoff, Fallon.“ Fallon:“Da hast du recht.“ Jeff: „Was ist, wenn uns jemand sieht?“ Fallon:“Keine Sorge, ich habe genug, das reicht für alle.“ So viel zu Serien – high – light.

Zurück zu „Geld. Macht. Liebe.“ Das topbesetzte Schauspielerensemble agiert als die typischen Stereo-Typen. Udo Kier, sprachlos hinter Sonnenbrillen, teilt sich den einen irren Blick brüderlich mit Robert Palfrader, der als Psychopath auftritt. Ebenso überraschend der Einsatz von Nicholas Ofczarek als Arsch vom Dienst und von Thomas Stipsits als Hoperdatsch. Herbert Föttinger ist ein versoffener, süffisanter Bürgermeister, Simon Schwarz ein geschmeidiger Grüner. Immerhin zukunftsvisionärrisch sah Schalko das Gesundheitsressort schon wie Nieren wandern. Es kann aber statt Verkehr auch Bildung werden. Johannes Krisch, Florian Teichtmeister, Cornelius Obonya und Ursula Strauss spielen außerdem mit. Michael Maertens gibt einen Dr. Seltsam. „Hier bringt sich erstaunlicherweise niemand um“ ist ein Serienzitat. Sunnyi Melles spielt die upperclassig Unterkühlte und Nora von Waldstätten kann punkto Gesichtsfarbe sogar noch blasser sein als sie.

Nur Manuel Rubey erfindet sich mit blonder Perücke beißend neu, als Apfel, der dann doch nicht so weit vom Stamm gefallen ist, ein raubtiergefährlich Schimmernder unter aalglatter Oberfläche; er ist auf den ersten Licht-Blick nur an der Stimme identifizierbar. Ah ja, Dr. Seltsam: Worum geht’s? Der Kier hat Geld und braucht eine neue Leber und wird sein Vermögen dem vererben, der ihm eine bringt. Der Kier ist Nazi-Bub mit Führerfahrzeug im Fuhrpark und jüdischer Schwester am Telefon, sein Vater passender Weise mit Gas, für den Entweichler kann ich aber nix, reich geworden. Außerdem gibt’s Ost-Ganoven, Afrika und Analverkehr und eine Kampfszene in Peckinpah-Zeitlupe. Untertourig fast voll aufs Pedal steigen soll angeblich Sprit sparen.

Was gefällt, außer dem Dark-Duck-Club und seinem Codesatz „Hedy Lamarr ist eine geile Sau“, ist dieses Wien und Umgebung ohne Wiedererkennungswert, dieses nirgendwo überall in seinen kalten Farben, das seine Schattenspiele auf den Gesichtern aufführt, die unkonventionellen Kameraperspektiven, die schiefen Winkel und die schrägen Einstellungen. Es kann nur besser werden. Wöchentliche Ausstrahlung heißt ja, dass man sich an alles gewöhnt. Nach den ersten beiden Folgen gilt für das als „auf eine krude Art lustvoll“ angepriesene, aber noch: Eh, für die Masochisten unter den Serientätern.

Zum Nachjammern: tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-1-Folge-Buschtrommeln/10892981

tvthek.orf.at/program/Altes-Geld/10856047/Altes-Geld-2-Folge-Alpha/10893003

Wien, 3. 11. 2015

Thomas Stipsits und Manuel Rubey: Gott & Söhne

Oktober 1, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da ist schon sehr viel Schönes dabei

Manuel Rubey, Thomas Stipsits Bild: Ernesto Gelles

Experten des modernen Tanztheaters: Manuel Rubey, Thomas Stipsits
Bild: Ernesto Gelles

Man kann sich nicht immer alles fertig machen. Man muss nach einem Megaerfolg Erwartungen durchbrechen und Voraussagen durchkreuzen. Man muss es langsam angehen und sich neu denken. Dachten mutmaßlich auch Thomas Stipsits und Manuel Rubey und luden statt zum zweiten gemeinsamen Streich in ihre Schreibwerkstatt in den Wiener Stadtsaal. Eine Premiere, einem Shooting- und einem Star der heimischen Kabarettszene beim Schöpfungsakt über die Schulter schauen zu dürfen.

 

Bei den Geburtswehen, der Rauspressung ihres neuen Programms „Gott & Söhne“. Diese  Schmerzensmännerschlingel! Die Gebärposition ist der Pezziball mit dem sich jeder Mangel an Stringenz, jede Ungereimtheit versiert ausbalancieren lässt. Der geneigte Geburtspartner im Publikum schwankt zwischen Frage: „Was wird das, wenn’s fertig ist?“ und Anfeuerung: „Da ist schon sehr viel Schönes dabei!“ Wird schon. Gleich hammas. Einmal noch. Löschen und neu aufsetzen haben die beiden ohnedies zum Teil ihres Computer-Spiels gemacht. Das Programm schreibt sich zwar wie von selbst, aber auch das schreibt sich nicht von selbst.

In „Gott & Söhne“ sollen die freud-, eher die leidvollen Erfahrungen der vergangenen vier Jahre eingeflossen sein. Tournee. Bis Hinterpfuiteufel, der deshalb freilich auch vorkommen muss. Da lernt man sich und den anderen und ein paar nicht so sehr andere kennen. Stipsits und Rubey bekamen für „Triest“ den Österreichischen Kabarettpreis, nun ist ihnen bang um den Erhalt des Erfolgs. Also schließen sie mit den zwielichtigen Seelenhändlern „Gott & Söhne“, Stipsits-Bruder und Techniker seines Vertrauens Christian ist deren Chef aus dem Off, einen dubiosen Vertrag: Glück als Heilsversprechen. Statt „Pointe, Pointe, Pointe“ will man diesmal die großen Themen bieten. „Häusl bauen und Grillen“. Aber da hat der Waldorfer – Alfred Dorfer wird übrigens Regie führen, eine spannende Aufgabe, auf die er sich freuen kann – die Rechnung ohne die Rampensau gemacht. Weshalb es auf offener Bühne zum offenen Konflikt kommt. Er geht ma so am … andererseits ohne ihn … ein Höhepunkt unter Herren. Und apropos Autoorgasmus: Darum soll’s dann auch gehen, wenn die Sache ausgegoren sein wird – die sieben Todsünden. Weder Weill noch Brecht und schon gar nicht Brad Pitt, sondern Hochmut, Neid, Zorn, Maßlosigkeit, lalala, als Streichliste aufm Schiefertaferl.

Aus dieser frühmittelalterlichen Idee, Stipsits ist 32, Rubey 36 Jahre alt, entsteht ein Figuren-Reigen, ein Totentanz, weil ohne Splatter geht beim Stipsits gar nix, aus recycelten Bekannten. Der umweltsichere Burgenländer und der nachhaltige Wahlwaldviertler machen sogar die Gebrüder Friedrich zu Wiedergängern. Auch ein Straßensänger, den wohl die Cosa Nostra untot machte, geistert durch die surrealistische Story, die eine oder andere Bauernschachposition wird wiederbelebt. Am Kabarett-PC ist nichts p.c. Von asylantenfeindlichen Ausländern bis zum lispelnd-schwulen Zungenschlag. Ein Panoptikum an Perversen. Und Herbert Prohaska. Und Herbert Föttinger als Taxifahrer. Und ein Herr-Karl-Zitat. Lebensblöd- und andere Weisheiten. Flucht mittels Fiaker. Und der Aufruf, Österreich möge bitte nur beim Heurigen blau sein. Lauter wirklich Wichtiges zum vogelwilden Strauß gebunden. Der Wir-haben’s-eh-lustig-mitanaund-Virus schlägt in dieser Kleinkunstsaison früh zu. Ganz Impro versuchen’s die beiden auch mit modernem Tanztheater. Zur Auflockerung. Die Körperübung ist gelungen. Die zwei sind halt zwei Sympathler.

„Gott & Söhne“ fehlt zu Monty Python nur der heilandische Fingerzeig. Is ja schon ein Maria Hilf! im Text. Was bei der Tournee im Auftrag des Herrn je nach Nähe zur nächsten Kirche … für St. Pölten bietet sich da themenbezogen des Heiligen Franziskus‘ „Gruß an die Tugenden“ an. Wird schon. Gleich hammas. Atmen, pressen, sich auf die Probe stellen. Einmal noch. Working is progressing, oder wie das heißt. Das Leben ist eine Regieanweisung. Forza, Fredi!

www.stipsits.com

www.manuelrubey.com

www.stadtsaal.com

Wien, 1. 10. 2015

Manuel Rubey in „Gruber geht“

Februar 16, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Film von Marie Kreutzer

Gruber geht: Manuel Rubey, Bernadette Heerwagen Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg

Gruber geht: Manuel Rubey, Bernadette Heerwagen
Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg

Es ist nicht mehr so früh am Morgen, als Gruber dem Postboten, der ihm einen Brief überbringt, die Wohnungstür öffnet. Gruber ist ein cooler, gut aussehender Gewinnertyp mit Wiener Schmäh. Seine Familie hält er auf Distanz, seine Freunde sind oberflächliche Bekanntschaften, und auf Beziehungen zu Frauen lässt er sich schon gar nicht ein. Als ihn seine Schwester Kathi bittet, zum 60. Geburtstag der Mutter zu kommen, sagt er wiederwillig zu und fährt lässig im Porsche vor. Er ist zynisch wie immer, bleibt nur einige Stunden, um danach noch in der Stadt in seinem Stammcafé abzuhängen. Den Schwächeanfall im Fitnessstudio ignoriert er genauso wie den ungeöffneten Brief vom Krankenhaus.

Auf einer Geschäftsreise nach Zürich flirtet Gruber im Flugzeug mit seiner Sitznachbarin, einer DJane aus Berlin. In Zürich angekommen, findet ein unerfreuliches Meeting mit zwei potenziellen Geschäftspartnern statt, Gruber betrinkt sich daraufhin und gerät in eine Schlägerei. Beim Frühstück im Hotel am nächsten Morgen trifft er wieder auf seine Flugzeugbekanntschaft, Sarah. Aus dem Flirt wird ein Gespräch mit zahlreichen Referenzen auf Bob Dylan. Sarah und Gruber kommen sich näher, verbringen gemeinsame Stunden im Hotelzimmer. Sarah sieht in Gruber mehr, als er von sich selbst preisgibt. Beide überrascht über die Vertrautheit, bittet Gruber Sarah, den noch immer ungeöffneten Brief aus dem Krankenhaus vorzulesen. Konfrontiert mit seiner Diagnose, verlässt die erschrockene Sarah das Hotel, lädt Gruber aber noch zu ihrem Gig ein, den Gruber aber nicht besucht. Stattdessen hinterlässt er ihr seine Nummer und versucht, mit der Diagnose so ungerührt wie nur möglich umzugehen. Zurück in Wien, postet Gruber seinen Krankheitsstatus auf Facebook und trifft danach auf seine wütende Schwester, die sich große Sorgen macht. Gruber beginnt mit seiner Therapie. Cool wie immer, will er sein Leben weiterführen wie bisher, die Ärztin mit Wiener Schmäh bezirzen und mit seinen Bekannten weiterhin trinken gehen.

Zurück in Berlin, merkt Sarah, dass sie Gruber nicht so einfach vergessen kann, und als sie für eine Musikproduktion nach Wien eingeladen wird, sagt sie zu. Gruber und Sarah treffen sich und verbringen eine weitere gemeinsame Nacht miteinander. Gruber bemüht sich um Sarah, führt sie aus und kocht für sie. Als Sarah das Essen aufgrund der Arbeit absagt, ist Gruber enttäuscht. Als er zu seiner Schwester aufs Land fährt, bleibt er zum ersten Mal länger als nur einige Stunden und passt auf Kathis Kinder auf.

Sarah merkt, dass sie schwanger ist. Obwohl ihr erster Gedanke eine Abtreibung ist und sie sich einen Termin in der Klinik ausmacht, entscheidet sie sich letztlich doch für das Kind. Nach einem Streit will sich Gruber entschuldigen und zu ihr nach Berlin fliegen. Auf dem Weg zum Flughafen geht es Gruber allerdings so schlecht, dass ihn die Taxifahrerin nach Hause bringt. Gekrümmt vor Schmerzen lässt er – zu schwach, um zu protestieren – seine Mutter in die Wohnung, die sich um ihn kümmert. Obwohl er noch immer seine Familie von sich wegstoßen möchte, merkt er, dass er Hilfe braucht und sein Leben ändern muss …

www.grubergeht.at

Wien, 16. 2. 2015