Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Theater zum Fürchten: Onkel Wanja

Februar 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wohlstandsbürger zittern um ihre Werte

Onkel Wanja will den Professor am Verkauf des Guts hindern: Dirk Warme und Rainer Friedrichsen. Bild: Bettina Frenzel

Da jammern sie also wieder auf hohem Niveau, pflegen ihren Ennui und warten darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Rüdiger Hentzschel hat inszeniert und dabei alles richtig gemacht. Er versteht den russischen Theatertitanen – wie der sich selbst – als Komödienautor, er versteht es auch aus dessen ewiggültigem Text den Sukkus zu ziehen, der am mehr als hundert Jahre alten Stück gerade heute interessiert.

Hentzschel führt eine Wohlstandsgesellschaft vor, die ob drohender Veränderungen um ihre Werte zittert. Um jeden Preis gilt es, bestehende Standards aufrecht zu erhalten, doch fällt das schwer, hat man sich in der Frage nach Tun oder Nichtstun längst für Zweiteres entschieden. So ist denn auch der Aufbruch ins Neue unmöglich, viel wird geredet, nichts unternommen, und die beste aller Welten ist immer noch die Scheinwelt. In der kann man sich’s ungemütlich einrichten, sich in den Verstrickungen des Lebens verheddern und an der eigenen Existenz laborieren.

Dass diese Seelenqualen für den Betrachter von außen komisches Potenzial haben, hat Hentzschel mit offensichtlichem Genuss auf die Bühne gehoben. Sein Abend ist für die Lach- wie Denkmuskeln gedacht. Dabei hat er auf jeden Schnockes verzichtet und ganz auf die Macht des Wortes vertraut. Im von ihm gestalteten Bühnenraum stapeln sich die Stühle. So unaufgeräumt wirkt das Bild wie die Psyche der Figuren, die Hentzschel mit seinem Ensemble prägnant in Szene setzt. Die Darsteller haben ihre Charaktere fein geschliffen, mit Verve wird aneinander vorbeigeredet, -gelebt und -geliebt. So viel Freude am Spiel überträgt sich freilich aufs Publikum, das am Ende der höchst erfreulichen Aufführung amüsiert applaudierte.

Stieftochter Sonja und ihre neue Mutter Jeléna versöhnen sich: Sonja Kreibich und Selina Ströbele. Bild: Bettina Frenzel

Margot Ganser-Skofic ist eine entzückende alte Kinderfrau Marina. Bild: Bettina Frenzel

„Er plagt sie, ich plag‘ mich selbst“, sagt Wanja an einer Stelle über die Ehe des Professors mit Jeléna – und dieser Satz kann hier für alle gelten. Dirk Warme verleiht der Rolle Profil, sein Onkel Wanja leidet weniger an Lethargie, als am Lebendig-sein-Müssen, leidet weniger daran, dass die Menschheit ihren Ist-Zustand nicht überstehen könnte, als daran, dass vielleicht doch … Und so ist er ein Querulant und Querdenker, der Zustände und Umstände seziert, ein Fleisch gewordener aufbrausender Überdruss. Selten zeigt ein Wanja so viel Temperament wie Warme.

Dieser exzellenten Interpretation steht die von Rainer Doppler als Ástrow in nichts nach. Er legt den Arzt, von dem stets gesagt wird, er wäre Tschechows Identifikationsfigur, als abgeklärten Philosophen an, der überm Menschsein resigniert hat. Ist Wanja der Zynismus, so ist Ástrow der Sarkasmus – und die Ironie an der Sache ist, dass sich beide in die Frau des Professors verlieben. Selina Ströbele stellt diese Jeléna als liebenswerte, aufrechte Person dar, die mit allen gut sein will, und die Aussöhnung mit ihrer Stieftochter Sonja, gespielt von Sonja Kreibich, sucht. Doch eskaliert die Situation vollkommen, als Wanja seine angebetete Jeléna und seinen Freund Ástrow in kompromittierender Pose entdeckt. Dass Sonja ihn liebt, nimmt der hoffnungslos überarbeitete und vom stumpfsinnigen Landleben verbitterte Arzt kaum wahr.

Arzt Ástrow macht bei Jeléna das Rennen, Onkel Wanja muss zuschauen: Selina Ströbele, Rainer Doppler und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Den Professor, der von all dem gar nichts bemerkt, gestaltet Rainer Friedrichsen hart am Thomas-Bernhard’schen. Als solcher bringt er Unruhe ins Landleben, weil er der Verwandtschaft nicht länger beim Zeitvergeuden zusehen, sondern sein teures Stadtleben finanzieren will. Die Familie soll also aus ihrem Heim vertrieben, das Gut verkauft werden. Wie Friedrichsen vom gichtigen Greis zum eiskalten Kalkulator wird, ist großartig, auch, wie er die Lebenslust beschwört und doch Todessehnsucht mitschwingt.

Das fabelhaft agierende Ensemble komplettieren Susanne Altschul als Maria, als vom akademischen Glanz ihres Schwiegersohns geblendete Mutti, und RRemi Brandner als Schnorrer Teljégin. Entzückend ist Margot Ganser-Skofic als alte Kinderfrau Marina. Die große Mimin, die zum Glück wieder Theater spielt, hält zum Schluss, als jeder Lebenssinn und damit endgültig alles verloren scheint, den Schimmer der Hoffnung aufrecht. Gott ist gnädig, weiß die Amme. Zumindest wird er’s im Jenseits sein. Gegen irdischen Kummer hilft derweil ihr altbewährter Lindenblütentee.

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Wien, 19. 2. 2017

Theater im Bunker: Inferno. Nachrichten aus der Hölle

August 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein extravagantes Stationentheater

„Die Hölle, das sind die anderen.“
Jean- Paul Sartre

dantes infernoAm 10. August hat um 18.30 Uhr im Luftschutzstollen Mödling „Inferno. Nachrichten aus der Hölle“ Premiere.

Gibt es eine Hölle, außer der, die die Menschen einander selbst bereiten? Und wenn ja, wie ist es dort? Welche Benimm- und Bekleidungsregeln gelten für den ahnungslosen Höllenfahrenden? Folgen Sie Dantes Rat, lassen Sie alle Hoffnung fahren und steigen Sie unter ortskundiger Führung hinab an den Ort, der die Phantasie so unterschiedlicher Völker wie Griechen, Römer, Chinesen und Azteken auch ganz unterschiedlich beflügelt hat, den Ort, mit dem Christen, Moslems, Hindus und fast alle andern Religionen ihren Schäfchen seit Jahrtausenden auf ganz unterschiedliche Weise drohen.

Bereits zum sechzehnten Mal werden die etwa einen Kilometer langen Tunnel des ehemaligen Luftschutzstollens einer ebenso extravaganten wie friedlichen Nutzung zugeführt: Als das ungewöhnlichste und größte Stationentheater Österreichs. Das Publikum durchwandert in kleinen Gruppen die mehr als zwanzig Szenen und Schauplätze und erlebt, wie Theatermacher Bruno Max mit seinem mehr als fünfzigköpfigen Ensemble in eindrucksvollen Bildern und skurrilen Situationen das Inferno zum Leben erweckt. Nach „Seven Sins“ und „Angels All Over“ der Abschluss der Bunkertrilogie um Glauben & Unglauben, Erlösung und Verdammnis.

Konzept und Regie: Bruno Max

Es spielen: Stephan Bartunek, Hans-Jürgen Bertram, Sebastian Blechinger, RRemi Brandner, Sebastian Brummer, Manfred Fau, Bernie Feit, Melanie Flicker, Elke Hagen, Edwin Hirschmann, Richard Jamelka, Barbara Lehner, Thomas Marchart, Bruno Max, Max Mayerhofer, Anna Mitterberger, Alexander TT Mueller, Isabell Pannagl, Christoph Prückner, Sarah Reiter, Marion Rottenhofer, Anna Sagaischek, Ralph Saml, Mario Schober, Hans Steunzer, Stefanie Stiller, Robert Stuc, Maksymilian Suwiczak, Irene Marie Weimann u.v.a.

Weitere Termine: jeweils Do – Sa: 14.-16., 21.-23., 28.-30. August und 4.-6. September, Einlass im Viertelstundentakt ab 18.30 bis 21.15 Uhr.

Wien, 6. 8. 2014

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Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014

„Rote Nasen“ in der Scala

April 30, 2013 in Tipps

Das Theater zum Fürchten spielt Peter Barnes

Bild: Theater zum Fürchten

Bild: Theater zum Fürchten

Am 4. Mai hat in der Wiener Scala Peter Barnes‘ „Rote Nasen“ Premiere. Bruno Max‘ Theater zum Fürchten zeigt die Groteske. Deren Inhalt: 1348 – Die Pest erreicht Europa und tötet allein in Frankreich die Hälfte der Bevölkerung. Jede menschliche Ordnung und Obrigkeit zerfällt, die Menschen sind verängstigt, verroht , ohne Hoffnung und Hemmungen- da hat ein kleiner Priester namens Flute in Auxerre eine Erleuchtung: „Gott will Spaß!“ Also zieht er hinaus und gründet den Orden der „Roten Nasen“, der Blödiane Gottes, die den sterbenden Witze erzählen und Licht und Lachen in die Düsternis bringen. Er schart um sich eine Gemeinschaft von bereits Abgeschriebenen: blinde Jongleure, einbeinige Stepptänzer, stotternde Witzerzähler und eine lüsterne Ex-Nonne und macht die Welt ein wenig besser – als „Sieg der Hoffnung über die Erfahrung“. Doch als die Pest erlischt und die alte Ordnung wiederhergestellt wird, erklärt der Papst, dass nun kein Platz mehr ist für die Clowns Gottes. Ein wunderbares, breit episches Werk über die anarchistische Kraft des Lachens.

In der Regie von Bruno Max spielen Leopold Selinger, Randolf Destaller, Michael Reiter, „Emmi“ Martina Dähne, Ronnie Seboth, Christian Kainradl, Roger Murbach, Florian Lebek, Florian Graf, Jörg Stelling, Selina Ströbele, Christina Saginth, Tobias Ofenbauer, Tobias Eiselt, Robert Stuc, RRemi Brandner, Hans Steunzer und Daniela Streubel.

Zu sehen bis 25. Mai.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

www.theaterzumfuerchten.at/stadttheater-moedling.htm

www.theaterzumfuerchten.at/theater-im-bunker.htm

www.theaterzumfuerchten.at/bus.html

Von Michaela Mottinger

Wien, 30. 4. 2013