Philipp Hochmair in „Glück gehabt“

Dezember 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine verhängnisvolle Austro-Affäre

Ein Horror von einer Komödie: Philipp Hochmair splattert sich als von Pech und leblosen Körpern verfolgter Artur durch „Glück gehabt“. Bild: © Prisma Film

Polykrates, das war nach Herodot, später Schiller jener Tyrann von Samos, der sein Glück bis zu seinem Verderben herausforderte, gemäß der Formel Hybris weckt den Wankelmut der Tyche und führt einen schnurstracks in die Arme der Nemesis. „Das Polykrates-Syndrom“ nannte Autor Antonio Fian sein 2014 veröffentlichtes Buch, einen Splatterroman zur Weihnachtszeit. In welchem der antike Herrscher allerdings eher als eine Art moderne Zivilisationskrankheit auftritt.

Fians Antiheld Artur ist ein Fettnäpfchentreter, dessen forcierte Suche nach … die vermehrte Produktion von Unglück nach sich zieht. Regisseur Peter Payer hat sich des Stoffs als seiner nun vierten Literaturverfilmung nach Albert Drach, Christine Nöstlinger und Ödön von Horváth angenommen. „Glück gehabt“ läuft ab Freitag in den Kinos, eine bizarre Horrorkomödie über eine verhängnisvolle Austro-Affäre, mit Philipp Hochmair als vom Pech verfolgten Artur. Und, um dies gleich vorwegzunehmen, Payer hat Fians lakonischen Plauderton ziemlich platt gemacht, weshalb, was auf Papier fantastisch, auf der Leinwand nur bedingt funktioniert. Den Witz der Vorlage am meisten erfassen Arturs Karikaturen, etwa wenn die sexy Lady im Trenchcoat statt des stolzen Löwinnenkopfes plötzlich einen scharfzahnigen Haifischschädel trägt.

Die sexy Lady, das ist Julia Roy als Alice, die tatsächlich wie ein Raubtier in das Leben des talentierten, aber ehrgeizlosen Comic-Zeichners, ergo Copyshop-Angestellten einfällt. Und apropos, Artur liegt bereits mit Alice im Bett, als ihm plötzlich einfällt, dass er ja verheiratet ist. Mit Rita, gespielt von Larissa Fuchs, eine über die Jahre mit zunehmender Routine geerdete Ehe, sie Gymnasialprofessorin mit Sprung auf einen Direktorinnenposten, aber Artur für Schauspielexzentriker Hochmair in Payers Drehbuch-Interpretation ein zu simpler, zu wenig vielschichtiger Charakter, der All Time Loser, der sich selber Feigling nennt, und dem im Zweifelsfall ein kühles Blondes ist gleich Bier lieber ist als eine heiße Rothaarige.

Gemma Tauben schießen am Balkon: Barbara Petritsch spielt Arturs schreckschraubige Mutter. Bild: © Prisma Film

Das tote Arschloch muss weg: Robert Stadlober mit Julia Roy als Alice und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Ehefrau trifft auf die Geliebte: Larissa Fuchs als Rita, Julia Roy und Philipp Hochmair. Bild: © Prisma Film

Die Freundin platzt ins Säge-Werk: Claudia Kottal als Sylvia, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Prisma Film

Die Schöne jedenfalls entpuppt sich bald als Biest, schon steht Artur vor der Leiche ihres Ex-Lebensgefährten, Robert Stadlober als in Buch wie Film als „Arschloch“ betitelter, und den gilt es nun wegzuschaffen, ausgerechnet auf der schneeverweht-rutschigen Höhenstraße – die Szene ein Kabinettstück von Hochmair, Arturs persönliches „Immer Ärger mit Arschloch“, dazu Zitat Alice: „Wenn du so fickst, wie du autofährst …“ Payer liebt unter seinen Szenen vor allem die über die Skurrilitäten des Alltags. Artur hat nicht nur mit Frau und Geliebter zu kämpfen, sondern als dritte im Weiberbunde mit seiner schreckschraubigen Mutter, Barbara Petritsch, die auf dem Balkon ihrer Seniorenheimwohnung mit dem Wassergewehr auf Tauben schießt.

Claudia Kottal ist als Ritas immer zur Unzeit auftauchende Freundin Sylvia zu sehen, Raimund Wallisch als Arturs Billardpartner Richard, um das Namedropping abzuschließen, bevor das Kammerspiel gruselig wird. Lucas Rifaat wird als Arturs Nachhilfeschüler von Alices Nacktheit aus dem Konzept gebracht, als Rita mitten im Blowjob anruft, gibt Artur sein Stöhnen als Schnupfen aus. „Inhalier‘ noch vor dem Schlafengehen“, sagt die Treusorgende zur falschen Person. Böses Mädchen, braver Bub, noch rätselt Artur bezüglich der Eichhörnchenstellung, aber da überrascht ihn Alice mit der freudigen Kunde …

Langsam, zu langsam greift der Gedanke Raum, dass das Leben immer lebensgefährlich ist. Immer mehr ergreift Alice von Artur Besitz, wenn das Glück ein Vogerl ist, dann in Arturs Falle ein Kuckuck, schleicht sich die nunmehrige Albtraumfrau doch bei seiner Mutter ein, bei seinem besten Freund, sogar bei seiner Frau. Die allerdings erkennt den Verrat, und zack, zweite Leiche. Also muss zur Beseitigung wieder Artur ran, Methode: Badewanne, Elektromesser, Axt, eine morbid-makabre 180-Grad-Profirollwende im seichten Dahinplätschern, und Hochmair zwischen Sägen und Speiben endlich in seinem Element.

Gruppenfoto der Lebenden mit den Untoten: Julia Roy, Robert Stadlober, Philipp Hochmair und Larissa Fuchs. Bild: © Jan Frankl/Prisma Film

Nebenan im Wohnzimmer, wo der Christbaum steht, läuft währenddessen Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt. Aber während Antonio Fian auf diesen Seiten Bret Easton Ellis schlägt, reicht Peter Payer nicht an Mary Harron heran. „Arschloch“ Robert Stadlober steht von den Toten auf, und kommentiert wichtigtuerisch-wiedergängerisch die ins Endlose gedehnte Tranchieraktion, und der Seltsamkeiten nicht genug, berichtet Mutter Petritsch von Diebstahl, Erbschleicherei, Mord und Totschlag im Heim, und zack, die dritte Leiche.

Das alles hätte sehr, sehr komisch sein können, der Einfach-Gestrickte, der durch die Doppelbödigkeit seiner Umwelt fällt, wie der liebe Augustin in die Pestgrube, und letztlich im Wortsinn mit einem blauen Auge davonkommt. Fians mit Pointen durchsetzte Prosa ist dafür das genau richtige Fundament aus intelligentem schwarzem Humor und irritierend schlechtem Geschmack. Aber ach …, „Glück gehabt“ – der Film hängt mit seinem Protagonisten in den Seilen, und wie dieser schreit „Ich bin nicht bequem, ich bin einfach nur entspannt“, so wollte man sich’s mit dieser Adaption wohl auch machen. Kein Untergang des Abendlandes, auch wenn Torbergs Tante Jolesch in ebendiesem sagt: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

 

www.glueckgehabt-film.at

  1. 12. 2019

Systemsprenger

September 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lauter Schrei nach Liebe

Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule – Benni fliegt wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art überall raus: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst. Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine

glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

Am 27. September kommt Nora Fingscheidts Film in die Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“ Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert.

Wie also mit „Problemkindern“ wie Benni umgehen?, ist die Frage, die Fingscheidt stellt. Ganz klar ist Bennis Verhalten ein lauter Schrei nach Liebe. Nichts möchte sie mehr, als zurück zu ihrer Mutter. Doch die hat keinen Job, noch zwei kleinere Kinder und einen cholerischen Partner. Einmal sagt diese von Lisa Hagmeister fulminant dargestellte labile Frau, dass sie sich vor ihrer Ältesten fürchtet. Allein ihr Girlie-Look bei gleichzeitig gehetztem Aussehen lassen diese Bianca Klaaß auf nur einen Blick als „dysfunktional“ erscheinen. Immer wieder macht sie Rückzieher, was Bennis Nachhausekommen betrifft. Das System indes versucht den schwierigen Fall wegzuorganisieren – nach Kenia, zu einem „Intensivprojekt“ …

Bianca Klaas ist völlig überfordert mit ihrer Tochter: Lisa Hagmeister und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Frau Bafané vom Jugendamt versucht das Menschenunmögliche: Gabriela Maria Schmeide und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Dass „Systemsprenger“ trotz dieser inhaltlichen Voraussetzungen nicht zum Sozialdrama wird, liegt an einer seltsamen Poesie, die Fingscheidt als Folie über ihren Film legt. Der bis dato Dokumentarfilmerin geht es nicht um Analyse, sondern darum, für Bennis extreme Gefühlswelt beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Den größten Anteil am Gelingen dieser Unternehmung hat Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, und eben erst für eine Hauptrolle in Paul Greengrass‘ Western „News Of The World“ engagiert, die sie an der Seite von Tom Hanks absolvieren wird.

Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt.

Dazu Bennis Gebrüll: „Ich hasse euch!“, „Fick dich!“ oder „Arschloch“. Es ist, als würde man in ein chirurgisch freigelegtes Nervensystem schauen, während Bennis Synapsen den immer gleichen Ablauf signalisieren: Versuch einer Kooperation, Verkettung von Konfliktsituationen, katastrophaler Ausbruch. Kein Wunder, dass sich auch Kameramann Yunus Roy Imer von dieser Performance mitreißen ließ. In oftmals hektischen Bildern überträgt er das Feuer der elfenhaft blonden Berserkerin auf die Leinwand. Auf eine Reihe schneller Sequenzen folgen – je nach Bennis Stimmung – Sekunden der Ruhe, bis Imer seine Arbeit in farbgedimmten Erinnerungs- oder Fantasiefetzen auflöst, dazu auf der Tonspur hämmernder Punk. In diesem sensuellen Akt, den Betrachter auf Augenhöhe mit der gequälten, also quälenden Benni zu bringen, liegt die Stärke von „Systemsprenger“.

Micha, eigentlich Anti-GewaltTrainer für straffällige Jugendliche, setzt auf eine ungewöhnliche Therapie: Albrecht Schuch und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Rund um Benni zeigt Fingscheidt die engagierten Selbstaufopferer im Sozialbereich. Die großartige Gabriela Maria Schmeide als warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt sucht mit viel persönlichem Einsatz und übers Menschenmögliche hinaus nach einer dauerhaften Bleibe für Benni, droht aber mit jeder zugeworfenen Tür mehr zu resignieren. Schließlich jedoch wagt die Windmühlenkämpferin, an der

ersichtlich wird, dass Benni auch bei ihren Umarmungen überreagiert, ein letztes Experiment und engagiert Micha, eigentlich ein Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche, den Albrecht Schuch zumindest anfangs mit stoischer Gelassenheit ausstattet. Auf seinen Vorschlag hin, fährt er mit Benni für einige Wochen in seine Waldhütte, wo sie – ohne Strom, heißt: ohne Fernsehen und Computerspiele -, in der Stille ein wenig Frieden finden soll. Der Nachbarsbauer hat dazu eine deutliche Meinung: „Statt die Kinder zu erziehen, machen Sie mit ihnen Halligalli, und ich zahl‘ auch noch mit meinen Steuergeldern dafür.“

Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, doch der sonst so toughe Typ kommt in der Begegnung mit dem Mädchen an seine Grenzen. Wie sich da in Albrecht Schuchs Antlitz die Erschütterung ob dieses Kinderschicksals widerspiegelt, ist anrührend. Alsbald ist ihm klar, dass er seine professionelle Distanz verliert, aber nichtsdestotrotz lässt er Benni in seinem Haus übernachten, für die zutiefst verstörte Herumgestoßene ein Vater-Mutter-Kind-Paralleluniversum, in dem sie in aller Früh – Atemstockmoment – Michas Baby aus dem Gitterbett nimmt …

„Systemsprenger“ ist ein einfühlsamer Film, der sich mit einer sorgfältig erzählten Geschichte und eindrucksvoller eigener Handschrift eines wichtigen Themas annimmt. Wobei Fingscheidt der zunehmenden Vereisung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die der internationale Autorenfilm so gern darlegt, die Überhitzung ihrer jugendlichen Protagonistin entgegenhält. Fingscheidt veranschaulicht, dass ein Kind, das nie Sicherheit erfahren hat, nicht von Erziehungsprofis aufgefangen werden kann, die ihm ständig Trennungen zumuten. In der schmerzlichsten Szene des Ganzen will Benni, mit Micha auf einen Berg gewandert, ein Echo erzeugen und ruft „Mama! Mama! Mama!“ gegen die gegenüberliegende Felswand. Doch nichts kommt zurück. Da fährt Fingscheidt volles Risiko: Happy End ist was für Weicheier, und Nina Simone singt „Ain’t got no home …“

 

www.systemsprenger-film.de

  1. 9. 2019

Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks

September 23, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein poetischer Politroman über das moderne Indien

Genau 20 Jahre nach ihrem Weltbestseller „Der Gott der kleinen Dinge“, der Geschichte einer Familie, die an einer verbotenen Liebe zerbricht, legt Arundhati Roy ihr neues Buch vor, „Das Ministerium des äußersten Glücks“, auch dieses bereits auf der Longlist für den Man Booker Prize 2017, und beide Romane Wunderwerke an manchmal brutaler, aber immer bezwingender Poesie, ja, an schriftstellerischer Eleganz.

Es ist der Ton, der einen an dieses Buch bindet, mit Textstellen, wie dieser: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben … die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel ,Fuck you‘ zu.“

In den zwei Jahrzehnten zwischen den Büchern ist viel passiert. Roy wurde zu einer der wichtigsten kritischen Stimmen Indiens, die Autorin wurde zur Politaktivistin, angefeindet von den fundamentalen Hindus vor allem wegen ihrer Stellungnahmen zum Kaschmir-Konflikt. Sie fuhr in den Norden, um über das dortige Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerilleros. Sie zeigte die von staatlichen indischen Stellen tolerierten Pogrome gegen Muslime auf. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen Roys Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die auch auf Deutsch erschienen sind.

Und gerade, weil diese Essays immer für ihre poetische Sprache gelobt werden, ist nun nur logisch zu sagen: „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein politischer Roman. Jedenfalls ein vielstimmiges Werk, ein 560 Seiten langer Abriss der Geschichte des modernen Indiens, ein Gesellschaftspanorama, kein leichter, sondern ein provokanter Lesestoff – eine Schelte auch des Westens, der sich von bunten Bildern blenden lässt, und nicht sehen will, dass die viel beschworene „größte Demokratie der Welt“ auch ein Folterstaat ist. Ein Land zwischen Kastensystem und Armut, dessen fehlende Frauenrechte immer nur dann ins westliche Auge poppen, wenn wieder einmal Frauen vergewaltigt, verbrannt oder mit Säure übergossen wurden. Auch der große Gandhi kommt bei Roy nicht ungeschoren davon. Schließlich hat er das Kastenwesen als göttergegeben immer befürwortet.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Im „Ministerium des äußersten Glücks“ sind natürlich Kaschmir und der gegen die Muslime geführte Religionskrieg die Hauptthemen. Im SRF-Literaturclub hieß es über den Roman und seine Verfasserin sinngemäß, Roy hätte mit ihrer Globalisierungskritik, ihrem Anprangern der Überbleibsel des britischen Kolonialismus, mit ihrer Konsumismuskritik („Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kaschmir ist unsere Schweiz.“

Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr notdürftigen Hütten platt mit, „gelben Bulldozern aus Australien“ …) nach dem europäischen und dem US-Büchermarkt geschielt. Kaum zu glauben. Vielmehr ist es für Leser hierzulande nicht von Nachteil sich in die Geschichte Indiens einzulesen, um Roys Andeutungen, schaurige Anekdoten und Aphorismen zu verstehen.

Beispiele: Die RSS ist eine radikal-indische, hierarchisch organisierte Kaderorganisation, laut BBC das größte Freiwilligenkorps der Welt. Die „Safransittiche“ meinen die Banden von Hindu-Nationalisten, die sich gern in die Farbe Safrangelb kleiden. Der militante Führer „Gujarat ka Lalla“ ist Narendra Modi, Indiens amtierender Premierminister, „Aggarwal“ ist Arvind Kejriwal, bereits zum zweiten Mal wiedergewählt als Regierungschef des Unionsterritoriums Delhi. Anna Hazare kommt vor, der indische Bürgerrechtler, der mit seinem Anti-Korruptions-Hungerstreik im Jahr 2011 den „zweiten Freiheitskampf“ ausrief. Und auch das findet man im „Ministerium des äußersten Glücks“: die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen qualvoll starben oder grauenhaft verstümmelt wurden …

Roy fordert von den Lesern Mitarbeit. Sie verwendet unterschiedlichste Stilmittel, Lebensbeichten, polizeiliche Zeugenaussagen, Märchen, Briefe, auch an Tote, und zappzarapp ist man im Kopf eines alkoholsüchtigen Inlandsgeheimdienstlers und lauscht dessen Ich-Erzählung. Roy will alles, kann auch alles, überfrachtet, überfordert, auch ihr entgleitet der Roman mitunter, aber mit ihrem Humor und ihrer Menschenliebe schreibt sie gegen das Chaos an. Dem der Hirne, dem der Herzen, dem Indiens. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist teils heiter, oft melancholisch, manchmal skurril. Dem Faible ihres Volkes für Hungerstreiks, ebenso wie seinem Hang zum Aberglauben gewinnt Roy durchaus absurd-humorige Seiten ab.

Im Mittelpunkt des Handlungswirrwarrs stehen zwei Geschichten, die Figur Anjum ist die Klammer, ihre Exotik das Epizentrum der Ereignisse, ihre der gesellschaftlichen Konvention gegenläufige Perspektive die immer menschliche, die mit allen mitfühlende, die, der Roys Sympathien gehören. Anjum ist eine Hijra, so der Name für Indiens drittes Geschlecht, die Transgender-Personen. Die Muslimin, in Delhi damit gleichsam doppelt vogelfrei, ist als Sohn wohlhabender Eltern aufgewachsen, bevor sie sich entschloss als Frau zu leben. Dies, nachdem sie als Celebrity für ausländische Fernsehsender und einheimische NGOs ausgedient hatte, auf einem alten Friedhof, der mit Anjums Ankunft zu einem wundersamen Zufluchtsort für von der Welt Ausgestoßene wird. Die Gegengesellschaft ist gegründet. Doch Anjum will, was ihr biologisch verwehrt ist, ein Baby. Erst nimmt sie ein Straßenkind bei sich auf, nennt es Zainab, und macht aus der Göre eine gebildete junge Frau bester Ausbildung. Später fällt ihr bei einer Großdemonstration ein ausgesetztes Baby, die Mutter maoistische Waldkämpferin in Kaschmir, in die Arme, doch es wird ihr geraubt.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Die Kindesentführerin ist Politaktivistin, Tilo, in Kaschmir vom Militär misshandelt, weil Lebensgefährtin des Aufständischenführers Musa (der das wiederum nur wird, weil die Polizei bei einem Märtyrer-Begräbnis seine Frau und Tochter erschießt. „Das Märtyrertum stahl sich nach Kaschmir über die Demarkationslinie“, schreibt Roy. „Es stapfte an erschossenen Jungen in Schneewehen vorbei, ihre Leichen in unheimlichen gefrorenen Tableaus arrangiert“). Musa und Tilo, das ist, obwohl die hinduistische Tilo Musas muslimische „Frauen dürfen nicht“-Seite nicht versteht, die große Liebesgeschichte des Romans, die freilich kein gutes Ende nehmen kann.

„Es scheint keine Hoffnung mehr zu geben. Aber so zu tun, als hätten wir Hoffnung, ist das einzig anständige“, wird Musa später sagen, bevor er tot – oder doch ein anderer für ihn tot sein wird? Anjum wird Tilo und das Baby mit nun zwei Müttern auf ihren Friedhof retten. Eine weitere Klammer ist der sadistische Major Amrik Singh, der in Kaschmir blutrünstig wütet, bevor er den einen Schritt tut, der sogar der Regierung zu weit geht, und samt Frau und Kindern als „Asylwerber“ in die USA abgeschoben wird.

Die dortigen Einwanderungsbehörden sind vom schlimmen Schicksal zu Tränen gerührt, natürlich, denn wäre könnte exakter Auskunft über Folter- und Tötungsmethoden geben? Später wird Singh sich und die seinen erschießen, getrieben von den Gesichtern der Kaschmiris, die sich tagtäglich vor seinem kalifornischen Bungalow versammeln. Und wenn’s er nicht selber war, dann war’s …

Solcherart reiht Roy großartige Bilder, auch der Zerstörung, schöne und schreckliche Momente aneinander. „Ich würde gerne eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zu viel Blut für gute Literatur“, lässt Roy die Figur Tilo notieren. Auf Seite 540 folgt ihr Gedicht: „Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? / Indem man sich langsam in alle verwandelt. / Nein. / Indem man sich langsam in alles verwandelt.“ Das ist Arundhati Roy gelungen, und man folgt ihr gerne durch ihr Wort- und Satzdickicht. Sie hat Politik in Poesie eingesponnen, ihre Stimme mit den Stimmen ihrer Figuren verwoben. Fantasievoller und schöner formuliert kann sich eine so beharrliche Auflehnung gegen Grausamkeit und Ungerechtigkeit kaum wo lesen lassen. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein großes Buch, das von der Größe seiner Protagonistinnen Anjum und Tilo und ihrer Wahlverwandtschaft erzählt, und zwischen den Zeilen von der Größe der Autorin.

Der Schrein von Hazrat Sarmad, ein spiritueller Ort, zu dem alle im Buch Bedrängten und Geschundenen immer wieder pilgern, ist mit dem titelgebenden deutschsprachigen Wort „Ministerium“ nur unzureichend erfasst. Sarmad war Mystiker, Poet, ein armenischer Jude aus Persien, übergetreten zum Islam. Ein nackter Fakir, schwul, in Liebe mit einem Hindu-Mann, 1660 geköpft. Doch selbst enthauptet, so heißt es, habe er ihm noch seine Liebesgedichte rezitiert. Wenn so einer nicht als Beschützer von Anjums Glücksfreistaat taugt – wer dann?

Über die Autorin:
Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debüt „Der Gott der kleinen Dinge“, für das sie 1997 den Booker Prize erhielt. Aus der Weltliteratur der Gegenwart ist er nicht mehr wegzudenken. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem zweiten Roman „Das Ministerium des äußersten Glücks“.

Fischer Verlage, Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“, Roman, 560 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube

www.fischerverlage.de

  1. 9. 2017