Stewart O’Nan: Henry persönlich

Dezember 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Liebe mit den Jahren wächst

Diese Überschrift bezieht sich nicht nur auf die Protagonisten in Stewart O’Nans aktuellem Roman, sondern auch auf die Leser desselben. Emily und Henry Maxwell sind Fans des Pittsburgher Autors nämlich bestens bekannt. In „Abschied von Chautauqua“ lud Emily die gesamte Familie ein letztes Mal ins zum Verkauf stehende Sommerhaus, in „Emily, allein“ ist sie achtzig und bereits seit Jahren verwitwet, und führt ein, wenn nicht vom Selbststress gebeuteltes, ruhiges Leben – in erster Linie mit ihrem mit ihr alt gewordenen Hund Rufus.

Nun hat O’Nan die Zeit zurückgedreht und endlich Henry ein Buch gewidmet, das heißt: natürlich nicht ausschließlich ihm. Emily ist da, und Rufus gerade mal vier Jahre alt, und zwischen den Buchdeckeln wechseln die Jahreszeiten vom für Kinder wie Enkelkinder unvermeidlichen Urlaub am See zum ebenfalls unabwendbaren Thanksgiving-Get-Together zu Weihnachten. 75 wird Henry auf diesen Seiten, ein mit viel Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen macht ihn so glücklich, dass es ihn mit Wohlwollen für alles und jeden erfüllt, doch sein Hausarzt ist kürzlich im gleichen Alter gestorben. Da denkt er auch an sein Herz und sein Ende.

O’Nan verfasst seine Texte mit feinster Feder, kein Alltagsdetail scheint ihm zu banal, zu unwichtig, als dass er es nicht mit zarten Strichen festhalten würde, ob der Garten gewässert wird oder Sandwiches gemacht werden. Die Washington Post schrieb einmal, O‘Nan sei offenbar unfähig, auch nur eine falsche Zeile zu Papier zu bringen, und tatsächlich gelingt ihm, aus seinen Betrachtungen eines Rentnerdaseins samt dessen Routinebeflissenheit ein Sittenbild des – nicht nur in den USA, und ab der Pension umso mehr – ökonomisch gefährdeten Mittelstands zu entwerfen. Ihm genügt sein beschaulicher Platz an der Furt, um die Tiefe des Menschseins auszuloten.

Henry und Emily, das sind 50 Jahre Ehe, er der Besonnene, Pflichtbewusste, Pragmatische, sie, die in ihren besten Momenten freimütig zugibt, „schon immer eine Plage gewesen zu sein“, temperamentvoll, unberechenbar, aufbrausend. Dass er sie mit seiner Jonglage der knapper werdenden Finanzmittel nicht aufbringen will, ist verständlich, doch ihr Nichtwissen wird „Emily, allein“ beinah zum Verhängnis. Diskussionen, denn Streit gibt es keinen, erledigen sich so: „… noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg. ,Und?‘, fragte sie. ,Hast du gar keine Meinung?‘“

Eine andere Beschreibung an anderer Stelle, anlässlich der Thanksgiving-Vorbereitungen: „,Sag mir, was ich tun kann‘, sagte er, ein Angebot, das sie mit einem herablassenden Blick von sich abprallen ließ, als hätte er einen Scherz gemacht.“ Ein durchschnittliches Paar und seine unauffälligen Biografien, beobachtet in der Gleichförmigkeit seiner Tage, nichts geschieht, doch dauernd passiert etwas, das alles ist logischerweise nicht halsbrecherisch ereignisreich, aber so wahrhaftig, so liebevoll, so von Herzen innig, dass man zum eigenen Schatz sagen möchte, wie die zwei, so wollen wir werden. Er liebt und begehrt sie, wenn auch zweiteres nicht mehr ganz so zügellos, sie liebt und sorgt sich um ihren großen Schweiger. Früher oder später ohne einander zu sein, steht als melancholische Gewissheit im Raum, aber man will nicht zu viele Gedanken daran verschwenden, außer jeder für sich den einen, dass man das Vorrecht haben möge, als erster zu gehen.

Mit seinem typischen, wohldosiert semiresignativen Witz, mit Respekt und spürbarer Zuneigung nähert sich O‘Nan jenen Charakteren, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleiten. Henrys kettenrauchende, chaotische, niemals verheiratet gewesene Schwester Arlene – hier für Emily noch ein blassrotes Tuch, werden sich die beiden Frauen über die Bände zu einer Zweckfreundschaft zusammenraufen; die erwachsenen Kinder, der gemütvolle, ein wenig tapsige Kenny, dessen Ehefrau – Lisa aus besserem Hause – Emily versnobt findet, die alkoholkranke und in „Henry persönlich“ erst vor ihrer Scheidung stehende Sorgentochter Margaret, die je zwei und zwei erziehungsdeformierten, ergo verhaltensoriginellen Enkelkinder – alles Leute wie du und ich und die von nebenan.

Bild: pixabay.com

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Die Besuchsszene mit der Flugverspätung, also verzögertem Abendessen, also verärgerter Emily ist einem von früher bekannt, neu sind diesmal Henrys, und nur seine, Erinnerungen an erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. An den Vater, der als Henry in den Krieg ziehen musste, ihm, zu keiner Umarmung, zu keinem Kuss fähig, nur die Hand schütteln konnte. An bestialisch zu Tode gekommene Kameraden. An seine erste und einzige Liebe vor Emily, Sloan, „eine Whitney“ – im Sinne von begütert, die ihm Angst machte und ihn erregte: „Er hatte noch nie einen schwarzen BH gesehen und war schockiert“, steht da, bevor sie sein Bettgestell zertrümmern.

Derart macht O’Nan „Henry persönlich“ auch zu einer Reise in die USA der 1950er-Jahre, er verflicht Vergangenheit, Vergänglichkeit und die Art Lebenslust, die keine Frage des Alters ist, zum elegant ziselierten Porträt eines Mannes, der an den Wehwehchen seines maroden Hauses in Permanenz herumbastelt, die seinen aber verschweigt, damit Emily ihn nicht mit medizinischen Zeitungsartikeln verrückt macht, dessen Zufluchtsorte der Golfplatz und der Baumarkt sind, ein Pittsburgh Steelers- und Pirates-Aficionado, der für den Kirchenbasar das sammelt, was Emily wieder auspackt, weil sie es nicht weggeben will, während sie sich leichterhand von den Tischdeko-Trauben von Henrys Mutter trennt, und der es selbstverständlich als seine Aufgabe ansieht, bei Wind und Wetter mit Rufus Gassi zu gehen.

Auch Emilys und Henrys lakonisch humorvolle Gespräche mit dem Hund klingen dem Tierbesitzer authentisch, Rufus, der von seinem Platz aus ein Unmutsknarzen von sich gibt, wenn Emily im Bett zu lange liest, vor dessen Pinkelattacken Henry vergeblich seinen Rasen zu schützen versucht, der eheliche Umarmungen wie ein Ringrichter, der eine unfaire Umklammerung aufbrechen muss, auseinander drängt, und der in „Emily, allein“ ohne deren Hilfe nicht mehr ins Auto einsteigen wird können. „Rufus schlief auf dem Kaminvorleger, und [Enkelin] Ellas Hand lag auf seinem Bach. Vom Feuer und von einem Schluck Scotch gewärmt, dachte Henry: Das hier.“

Es sind diese Sätze, an die man sich beim Lesen verschenkt, an diese trotz aller Probleme und mitunter durchaus auftretenden Misstöne in Liebe verbundene Familie. Und immer, immer denkt man, ja, genau so ist es, O’Nan im Erzählen so präzise und unprätentiös wie seine Figur Henry. Das Buch endet, wie schön, am Neujahrsmorgen und den dazugehörigen Vorsätzen. Mit Rufus unterwegs auf der üblichen Runde, entdeckt Henry, eigentlich zuerst der Hund, ein Rudel Hirsche in der schneefreien Mulde unter einem Baum. „Während er verzückt mit Rufus dastand, wusste er nur, dass er etwas Seltsames und Sakrales wie die Vision eines Heiligen erlebte, und war dankbar, überwältigt von seinem Glück … Als er durch die strahlend helle, perfekte Welt nach Hause stapfte, konnte er es kaum erwarten, Emily davon zu erzählen.“

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235), „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) und „Stadt der Geheimnisse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30273).

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Henry persönlich“, Roman, 480 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

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  1. 12. 2019

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

November 25, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Angst vor Körperflüssigkeiten

„Das große Experiment“, so heißt der Kleinverlag eines Pornomillionärs, in dem Lektor Kendall sein finanziell unbefriedigendes Dasein fristet, gerade dabei, dies das Titelzitat, Alexis de Tocquevilles bahnbrechende Publikation „Über die Demokratie in Amerika“ zu einer konsumierbaren Kurzfassung zu verdichten. Wegen der Knausrigkeit des Chefs, der sich weigert, ihm die Krankenversicherung zu bezahlen, werden Kendall und sein Kollege Buchhalter zu Betrügern. Doch just in dem Moment, in dem sie beginnen, in großem Stil Geld abzuzwacken, erweist sich eben jener Jimmy unerwartet als so ungeheuer großzügig, und auch als intelligenter und informierter als angenommen, dass Kendall plötzlich tief in der Pasche sitzt …

„Das große Experiment“ ist eine von zehn Erzählungen, die im gleichnamigen Buch zur ersten Kurzgeschichtensammlung von Jeffrey Eugenides zusammengefasst sind. Sie stammen aus 30 Jahren Autorschaft, umspannen also ein ganzes Schriftstellerleben, das mit dem Pulitzer-Preis für „Middlesex“ bis dato seinen Höhepunkt hatte, und was sich sagen lässt, ist: der Epiker ist auch auf der Kurzstrecke ein Gewinner.

Die Themen, Liebe oder was dafür gehalten wird, Ehe und ihre Probleme, Identitätskrise und Geschlechterkrieg, sind Eugenides eigen. Das geheimnisvolle Vom-Mädchen-zur-Frau-Werden, die erotische Färbung gleichgeschlechtlicher Freundschaften, die Verlockung Freitod, das ist beispielsweise aus den „Selbstmord-Schwestern“ bekannt, und kommt hier, in der Erzählung „Launenhafte Gärten“ aus dem Jahr 1988, als sozusagen Subtext vor. Während die Handlung von zwei ältlichen Junggesellen vorangetrieben wird. „Das Orakel der Vulva“ aus dem Jahr 1999, in der ein Sexualforscher im Dschungel Guatemalas über soziales und biologisches Geschlecht bei einem Eingeborenenstamm berichtet, legt die Fährte direkt zur zweigeschlechtlichen Romanfigur Calliope/Cal Stephanides.

Eugenides‘ Short Stories sind virtuos komponiert, zutiefst anrührend und, da ja „nur“ als Schlaglichter auf menschliche Schicksale gerichtet, nahezu verschwenderisch detailverliebt. Da benehmen sich Söhne, die die demente Mutter ins Heim abschieben, so verdächtig unauffällig wie Geheimagenten. Da wird ein mit schmutzigen Socken und Slips zugemülltes Schlafzimmer zur Höhle zweier Bären. Da erfüllt sich in „Die Bratenspritze“ eine bis dato mehr karriere- als männergeile Forty-Something mit ebendieser den Babywunsch. Diese 30-Seiten-Geschichte wäre gut für einen ganzen Roman, mit skurril-satirischer Zuspitzung dank eines Losers namens Wally Mars, dessen besondere Merkmale Knubbelnase und Glubschaugen rätselhafter Weise beim Neugeborenen erkennbar sein werden … Vor Körperflüssigkeiten aller Art darf man bei diesem Autor keine Angst haben.

Bild: pixabay.com

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Eugenides ist ein begnadeter Stilist, er kann’s als Humorist, kann Sarkasmus, aber auch die komplette Skala der großen Gefühle bespielen. Die Motive, die seine Ausführungen als Klammer zusammenhalten, siehe Tocqueville, zeigen eine USA in anhaltender Krise. Samt Bankencrash und dem Ins-Verderben-Reißen der kleinen Sparer, dem sich von Wahl zu Wahl neu vollziehenden politischen Wertewandel, und der Frage, wie die Generationen X, Y, Z auf die zunehmend prekären Verhältnisse überhaupt noch reagieren können. In einer verzweifelt melancholischen Geschichte über einen maroden Motelbesitzer bleibt diese, so wie das Ende, offen. Das macht Eugenides immer wieder, nichts auserzählen, sondern das Ganze im Leser atmosphärisch nachwirken lassen.

„Such den Bösewicht“ heißt die persönlich als beste empfundene Erzählung. Darin sitzt ein Ehemann im Gebüsch vor seinem Haus und beobachtet seine Familie. Nach und nach deckt dieses „Ich“ auf, dass es polizeilich von daheim weggewiesen wurde. Weil der Mann meist alkoholisiert und dann ein Gewalttäter ist, weil ein Streit, nachdem seine Sexaffäre mit der Babysitterin aufgeflogen war, eskalierte. Oder ist das alles doch nicht so passiert? Wie dieses Ich sich selbst darstellt und wie Frau und Kinder ergo ihm unverständlich panisch auf sein Verhalten reagieren, diese Beschreibung ist große Kunst. Auch darüber hätte man gern mehr erfahren. Aber, wer weiß?, vielleicht kommt ja noch ein Bösewicht-Buch.

Über den Autor: Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit in Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den Welt-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt, und war vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen in einer Theaterfassung zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29022). Außerdem veröffentlichte er die Anthologie „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“ und den Roman „Die Liebeshandlung“, für den er den Prix Fitzgerald und den Madame Figaro Literary Prize erhielt. Er lehrt als Lewis and Loretta Glucksman Professor Amerikanische Literatur an der New York University.

Rowohlt, Jeffrey Eugenides: „Das große Experiment“, Erzählungen, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen.

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  1. 11. 2018

Stewart O’Nan: Stadt der Geheimnisse

November 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nation, aus dem Terror geboren

Während dieser Tage wegen stockender Friedensverhandlungen die Palästinenser-Führung einmal mehr beschloss, Israel die Anerkennung als Staat zu entziehen, berichtet Stewart O’Nan in seinem aktuellen Buch „Stadt der Geheimnisse“ von der Stunde Null vor dessen Gründung. Auf 224 Seiten macht der US-Schriftsteller vor allem eines deutlich: das Gelobte Land ist aus dem Terror geboren. Hagana, Irgun und die Lochamei Cherut Jisrael alias Stern-Bande, „die Verteidigung“, die „Nationale Militärorganisation“ und die „Kämpfer für die Freiheit Israels“, bekriegen die britische Mandatsherrschaft, wo sie sie zu fassen kriegen. Vom Irgun-Anführer und späteren Ministerpräsidenten Menachem Begin stammt auch das einleitende Zitat: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen.“

Dieses Himmelsgeschöpf hat Protagonist Brand nie gesehen. Er ist, was Gott betrifft, „einer, der nicht wusste, wie man fragt“. Brand ist lettischer Jude, als solcher interniert erst von den Nazis, dann von den Russen, seine gesamte Familie im Holocaust ermordet. 1947 gelangt er nach Jerusalem, und wird mit gefälschten Papieren als „Jossi“ Taxifahrer – im Auftrag der zionistischen Untergrundkämpfer.

Tagsüber fährt er Touristen zu den Besichtigungsstätten ihrer Pilgerreise, nächtens die Terroristen. So beginnt O’Nans düsterer Roman noir über einen persönlichen, wie einen politischen Kampf um Unabhängigkeit – und die Sehnsucht nach dem Erlöschen von Erinnerungen. Alle aber stehen hier am „offenen Grab der Vergangenheit“, und mit einer Szene über die Willkür und Gewalt britischer Soldaten bei einer Verkehrskontrolle, zieht einen der Autor sofort in Bann und mitten hinein in die Atmosphäre der Stadt.

„Die Stadt war ein aus Symbolen zusammengesetztes Puzzle, ein Durcheinander aus Alt und Neu, aus Panzerwagen und Eseln in den Straßen, aus Beduinen und Bankiers“, formuliert O’Nan. Gefahr flirrt in der Luft, während der seelisch Kriegsversehrte von den Schuldgefühlen des Überlebthabenden und von Bildern erlebter Gräueltaten heimgesucht wird, Bildern von „nackten Toten, die wie Schweinekadaver aufeinandergeschichtet waren“, und vom „Kameraden Koppelmann“, der von einem KZ-Aufseher totgetreten worden war. Einmal, da ist Brand vom bloßen Chauffeur bei Einsätzen längst zum Mitattentäter avanciert, denkt er betroffen, er belle die Drohungen und Befehle an die Geiseln im verabscheuungswürdig vertrauten Tonfall dieses Peinigers.

Für „Eretz Israel“ wird ein E-Werk in die Luft gejagt, ein Zug mit Lohngeldern überfallen, ein Major entführt – was gründlich schief geht. Brand ist nur ein kleiner Fisch, in den tieferen Sinn der Aktionen ist er nie eingeweiht, die großen Zusammenhänge erfährt er nach den Anschlägen aus dem Radio, von der „Stimme des kämpfenden Zion“. Dann ist er zwar stolz, dabei gewesen zu sein, aber anders als seine Mitstreiter in der Zelle, der sleeke Anführer Asher, der hinter seiner Brille blinzelnde Lipschitz, die undurchsichtigen, unzertrennlichen Fein und Yellin, der charismatische Gideon, „weigerte er sich, wahrscheinlich, weil er Häftling gewesen war, Hinrichtungen als Waffe zu akzeptieren“. Neben den Männern kommen zwei Frauenfiguren vor – wie es sich für einen Spionagekrimi gehört, eine „geheimnisvolle Blonde“, und Eva, eine Prostituierte mit einer geheimnisumwitterten Narbe im Gesicht, zu der Brand eine komplizierte Beziehung unterhält.

Sie wird sich als involviert, wenn nicht sogar ausführendes Organ, beim Bombenanschlag auf das King David Hotel herausstellen, eine von O’Nan vorgenommene Zeitverschiebung, fand dieses von der Irgun verübte Attentat tatsächlich doch schon am 22. Juli 1946 statt, und während sich für Brand und damit den Leser allmählich entschlüsselt, wer aller zur Organisation gehört, Vermieterin, Lebensmittelhändler, sein Taxiunternehmer-Chef, gibt es innerhalb der Zelle Verhaftungen. Und plötzlich wird ein Verräter gesucht, und es gibt ein Mordopfer mit symbolträchtig herausgeschnittener Zunge …

Bild: pixabay.com

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„Die Stadt der Geheimnisse“ ist eine kompakte, schlicht und umstandslos erzählte Geschichte. O’Nans Schilderungen der Vorgänge hinter den Mauern der Jerusalemer Altstadt sehen durchs geistige Auge wie ein Schwarzweißfilm aus, als wäre dies hier ein literarischen Pendant zu Orson Welles‘ berühmten „Dritten Mann“. Als Subtext ist mitzulesen, wie Weltpolitik in einem Land gemacht wird, in dessen Bewohnern wie Besuchern die ganze Welt zusammenkommt. Der Konflikt, der das Buch in Gang setzt und den Rahmen zur Handlung bildet, das Gesetz, das Brand zum Illegalen macht, ist die jüdische Immigration in Palästina. Beziehungsweise deren Verhinderung durch die Briten, die sich weigerten weitere Visa auszustellen, und deren Blockade der Alija-Bet-Schiffe zur humanen Katastrophe führte. Gerade erst den Lagern entkommene Menschen wurden unter anderem auf Zypern zwangsinterniert.

Antiheld Brands Verlorenheit, der moralische Zwiespalt, in dem er wegen der Anschläge steckt, seine Unsicherheit, wo er stehen muss, soll, kann, verstärkt sich, je mehr der Krieg zu einem der Gesten wird: „Die offizielle Reaktion war ein Tanz der Propaganda. Die Jüdische Vertretung verurteilte die Irgun als Terrortruppe. Begin warf den Briten vor, dass sie nicht auf ihre Warnung gehört hätten, das Hotel evakuieren zu lassen. Die Briten behaupteten, sie hätten keine Warnung erhalten. Für Brand spielte es keine Rolle. Er hatte die Nase voll vom Krieg.“

Auf die Frage „Wie konnte man töten und sich immer noch gerecht nennen?“, diese bis heute, und das das Aktuelle an Stewart O’Nans historischem Roman, zwischen den im – auf die britische Mandatszeit zurückreichenden – Streit liegenden Lagern Israels und Palästinas ungeklärt, findet Brand schließlich für sich eine Antwort. Nicht länger Soldat sein, und auch nicht mehr Häftling, sondern frei. Denn die Mächtigen, so O’Nans Schluss, müssen immer bedenken, dass die Menschen eines wollen – Frieden …

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh, Pennsylvania, geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Auch für seine letzten beiden Romane „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235) und „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) wurde er von der Kritik gefeiert und eroberte sich in Österreich eine große Leserschaft.

Rowohlt, Stewart O‘Nan: „Stadt der Geheimnisse“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

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  1. 10. 2018

John Connolly: Stan

September 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das freudlose Leben des weltgrößten Komikers

„Seine Augen sind sehr blau“, heißt es an einer Stelle. „Die Intensität ihrer Farbe überrascht jene, die ihm zum ersten Mal begegnen. Sie kennen ihn nur als grauen Mann, als ein Flimmern im Dunkeln.“ Ähnlich überraschend ergeht es einem mit John Connollys jüngstem Buch „Stan“. Länger als ein Jahrzehnt hat der Autor dafür recherchiert, entstanden ist ein akribisch erarbeiteter Roman, eine Romanbiografie. Über Stan Laurel.

Fiktion, wie auch die Figur „Stan Laurel“ eine war. Fiktion anhand von Fakten. Über einen hinter der Fassade des Faxenmachers sich zutiefst grämenden Menschen. Geboren 1890 in Großbritannien als Arthur Stanley Jefferson, Vater und Mutter und ein Bruder und er selbst bereits mit neun Jahren im Vaudeville-Geschäft. Den Künstlernamen wird er in den USA annehmen, weil er mit einer verheirateten Frau von den amerikanischen Moralaposteln unbehelligt in wilder Ehe leben will.

Acht Mal wird er später verheiratet sein, mit vier Frauen, allein mit Ruth drei Mal. Er wird mit Lois eine Tochter bekommen, und einen Sohn an dessen neuntem Lebenstag verlieren. Er wird Alkoholiker sein und Arbeitstier. Connolly zeichnet das weitgehend freudlose Leben dieses weltgrößten Komikers nach. Er eröffnet ungeahnte Korridore, andere Blickwinkel, führt einen hinein ins Innerste eines Jahrhundertkünstlers, den fantasielose Fernsehanstalten im deutschsprachigen Raum zum Doof für seinen Dick machten. Dabei hat sich Oliver Hardy den für beleibte Stars damals üblichen Beinamen „Fatty“ stets verbeten, Babe nennen ihn Freunde und Kollegen.

Da sitzt nun also der alte gewordene Laurel in Santa Monica, im Oceana Apartment Hotel, der Oscar steht auf dem Fernsehapparat, Babe ist seit sechs Jahren tot, ein Dasein danach sinnlos geworden, und erinnert sich. Zwischen Zeitsprüngen, plötzlich präsenten Begebenheiten, spricht er mit Babe. Über Gags. Er schreibt Szenen, denkt über Babes Antwort nach, korrigiert, spielt die Nummer für sie beide …

Mehr als alles andere erzählt Connollys „Stan“ eine Liebesgeschichte. Zwischen zwei Männern, die sich gefunden haben und lebenslang nicht mehr ohne einander können. Nur gemeinsam tanzen sie. Der britische Bühnendarsteller und der ehemalige Filmvorführer aus Georgia, der Gagaustüftler und das schauspielerische Genie. So sieht Stan seinen Babe, den Meister der kleinen Gesten, den Erfinder des Slow Burn. Er nennt ihn „eine seltsame Mischung aus Sanftheit und Unsicherheit, aus frustriertem Künstlertum und ungeheuchelter Sorglosigkeit“.

Mangelnder Selbstwert und Unzufriedenheit plagen auch Laurel. „Seine gesamte Karriere hindurch wird er einen höheren Anteil (am Gewinn, den seine Filme einspielen, Anm.) fordern und scheitern“, schreibt Connolly. Hal Roach, natürlich, der große, hält seine Publikumslieblinge finanziell kurz. Ohnedies sind sie ständig pleite. Wegen Unterhaltszahlungen der eine, wegen Pferdewetten der andere. Beider lockerer Umgang mit Sitte und Anstand, beider chaotisches Privatleben, ein einziger Strudel an Scheidungen und Skandalen, bringt Hal Roach an den Rand des Herzinfarkts.

Über Laurel und Hardy hinaus wirft Connolly auch einen Blick auf das Jeder-mit-Jedem-Hollywood dieser Tage. Wo Mafiabosse säumige Schauspieler verprügeln lassen. Wo Frauen jenseits der 35 bereits Filmindustrie-Leichen sind. Wo sich eine ganze Branche an Charlie Chaplin und dessen schöpferisch brillantem Kopf reibt. Der Unsympath, der Grenz- und Einzelgänger, der Liebhaber Minderjähriger, vor dem alle Mädchen auf die Knie fallen, weil sie sich „einen Mundvoll Chaplin“ holen wollen.

Jimmy Finlayson und sein zynischer Humor kommen vor, und Broncho Billy Anderson, der jüdische Westernheld. Buster Keaton und Harold Lloyd. Die Kollegen und Konkurrenten an der Kinokasse. Und Jerry Lewis, der Stan im Oceana Apartment Hotel regelmäßig besucht, den Stan zwar nicht mag, dessen offene Bewunderung ihm aber schmeichelt. Man erfährt, wie „The Music Box“, der Klaviergagfilm, zustande, und wie’s dazu kam, dass Oliver Hardy in „Way out West“ mit Stan „The Trail of the Lonesome Pine“ singt. Man sieht vor sich Babe mit Lois jr. auf den Knien und wie er ihr „Shine on Harvest Moon“ ins Ohr summt. Man sieht vor sich Stan, der gegen die Widerstände des Studios mit sich selbst das Komplott schmiedet, aus den Laurel-und-Hardy-Filmen Kunst zu machen.

Nur einen Streit, so Connolly, hätten die beiden Seelenverwandten jemals gehabt. Dabei ging’s um Hardys Haare. Denn je verstrubbelt-schweißnasser die Stirnfransen, umso größer dessen leinwandgerechte Verzweiflung … Im Film „Their first Mistake“ aus dem Jahr 1932 gibt es eine Szene, in der Oliver Hardy von seiner Frau hinausgeworfen wird, er landet bei Stan, der gegenüber wohnt. Stan fragt: „Was hat sie denn?“ Oliver antwortet: „Sie sagt, ich denke mehr an dich als an sie.“ Und Stan erwidert: „Aber das stimmt doch!“ Und darin, erklärt John Connolly mit seinem wundervollen Buch, steckt die ganze Wahrheit.

Über den Autor: John Connolly ist 1968 in Dublin geboren und aufgewachsen. Er studierte Englisch am dortigen Trinity College und wurde dann Journalist. Seine Kriminalromane um den Privatermittler Charles Parker machten ihn berühmt. Der Roman über Stan Laurel war in der englischsprachigen Welt ein Bestseller und wurde beim Irish Book Award mit dem Publikumspreis prämiert.

Rowohlt Verlag, John Connolly: „Stan“, Roman, 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gottfried Röckelein.

www.rowohlt.de

  1. 9. 2018

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen

Januar 26, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine fantastisch gruselige Erzählung

Knapp vor seinem neuen Erfolgsroman „Tyll“ erschien von Daniel Kehlmann das schmale Bändchen „Du hättest gehen sollen“, eine im doppelten Wortsinn fantastische Erzählung, mitreißend spannend und von hohem Gruselfaktor. Vorliegt dem Leser ein Notizbuch, ein Ich berichtet darin über die seltsamen Geschehnisse in einem Ferienhaus in den Bergen.

Dorthin hat sich ein Ehepaar samt Kind, man hat die besten Verliebtheitszeiten schon hinter sich, zurückgezogen, weil er – das Ich – an einem Drehbuch arbeitet. Heißt: An der hanebüchenen Fortsetzung von etwas, das schon beim ersten Mal banal war, wie Fernsehen eben so ist. Die Frau, Schauspielerin, lässt es ihm gegenüber an Verachtung nicht fehlen, so erzählt das Ich die Lovestory seiner Figuren parallel zur eigenen Ehegeschichte.

Bald wird klar, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Immer mehr Gänge, immer mehr Zimmer tun sich auf, Türen führen ins Nichts, „… wir hatten das Wohnzimmer verlassen, aber die Tür, durch die wir gegangen waren, hatte uns wieder ins Wohnzimmer geführt …“

Es gibt Albträume von einer erschreckenden Frau, deren Foto neben der Waschmaschine hängt, leere Fenster, wo ein Spiegelbild sein sollte. Der Gemischtwarenhändler im Dorf fragt: „Schon was passiert?“, eine seiner Kundinnen rät: „Geht schnell weg!“ Im Kinderzimmer ereignet sich scheinbar Grauenhaftes: „… als ich den Flur entlang zum Wohnzimmer ging, hörte ich die Stimme wieder, und sie sprach Worte, fremd und alt, ein Flüstern halb, halb ein Seufzen, und als ich das Zimmer erreichte und auf dem Bildschirm eine große Gestalt sah, die sich über Esthers Bett beugte, war mir, als bliebe mein Herz stehen. Dann erst sah ich, dass ich das war.“

Bild: pixabay.com

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Ebenso wie der Verdacht, dass seine Frau fremd geht, erhärtet sich im Ich-Erzähler auch jener, dass er das Haus nicht mehr verlassen kann. Er bleibt in den vier Wänden wie eingekerkert. „Geh weg“ steht auch in seinem Notizbuch, obwohl er sich nicht daran erinnern kann, es hineingeschrieben zu haben. Und dann das: „Vorhin war ein Mann im Zimmer. Er sah nicht gefährlich aus, eher müde … Ich konnte es nicht gut erkennen, weil er nicht auf dem Fußboden stand, sondern an der Decke, und er sah auf mich herunter, als wollte er um Hilfe bitten …“

„Du hättest gehen sollen“ ist eine raffinierte, abgründige Schauergeschichte. Halb Familiendrama, halb Geisterstory. Und unbedingt für eine Verfilmung geeignet. Des Rätsels Lösung ist, es gibt mehr Dimensionen als die Schulweisheit sich träumen lässt, und Raum und Zeit fordern ihren Tribut. Mehr und mehr wird das Geschriebene zu Halbsätzen, bis … letzten Seiten des Notizbuches bleiben leer …

Über den Autor: Daniel Kehlmann, 1975 in München geboren, wurde für sein Werk unter anderem mit dem Candide-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Sein Roman „Die Vermessung der Welt“ ist zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit geworden. Zurzeit unterrichtet er an der New York University und ist Fellow am Cullman Center for Writers and Scholars der New York Public Library.

Rowohlt, Daniel Kehlmann: „Du hättest gehen sollen“, Erzählung, 96 Seiten

www.rowohlt.de

www.kehlmann.com/

  1. 1. 2018