Volkstheater: Der Menschenfeind

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Leichtfüßig übers Lebenstreppchen

Der Menschenfeind Alceste verachtet die bessere Gesellschaft: Evi Kehrstephan, Birgit Stöger, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Nadine Quittner, Sebastian Klein und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch fünfeinhalb Monate nach der Premiere hat Molières „Menschenfeind“ am Volkstheater nichts von seiner Brillanz eingebüßt. Der junge Regisseur Felix Hafner, gerade noch Student am Max-Reinhardt-Seminar, hat sich mit seiner Arbeit „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ am Volx fürs große Haus empfohlen – und dort durfte er mit dieser Inszenierung nun erstmals wirken. Der Abend, der ihm gelungen ist, ist einer der besten der bisherigen Intendanz Badora.

Hafner schafft den unmöglichen Spagat, er setzt auf Reduziertheit – eine Showtreppe und die Farben Schwarz, Weiß, Violett (Bühnenbild: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Werner Fritz) genügen ihm zur Ausstattung einer ganzen Aufführung – und schafft gerade mit dieser Opulenz, er verordnet seinen Schauspielern Zurückhaltung und lässt sie in dieser umso mehr strahlen. Das „Menschenfeind“-Ensemble agiert in großer Höhe. Man ist mit viel Freude bei der Sache, mit Verve und Energie, man genießt ganz offensichtlich Figuren und Text und Zusammenspiel. Hafner versteht sich exzellent auf Schauspielerführung, er hat mit seinem Darstellerteam mit viel Liebe zum Detail fein ziselierte Charaktere geschaffen. Dazu kommt – der 24-jährige Steirer hat für eine Rolle, für den einen Moment mit ihr mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regisseursleben.

Regisseur Hafner ist ein Mann mit Humor. Das hörte man schon in Schauspielergesprächen. Ergo wählte er die Textfassung, die Frechheit in Versen verpackt von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, und so geschmeidig der Text, so leichtfüßig turnen die Darsteller durch ihn. Die Inszenierung hat Rhythmus im Blut. In Tanzformation geht’s die Szenerie hinauf und hinab, Rück-Platz-Wechselschritt, also letztlich auf der Stelle tretend, und überall entlang der Showtreppe Champagnerfallen. In diesem Umfeld gilt es nun das Für und Wider von Ehrlichkeit im Zwischenmenschlichen zu ergründen.

Dabei wird gestritten und gefochten, mit spitzen Zungen und hinterhältiger Heuchelei. Ausgerichtet wird immer grad der, der nicht im Raum ist. Die Tratsch- und Klatschgesellschaft versteht sich als Stil(hin)richter, und das hat das Opfer sportlich zu nehmen. Oder als Spaß. Weshalb auch alle ein Dauergrinsen in der Visage tragen. Ist die Oberfläche blank poliert, verleugnet man ganz ungeniert. Hafner brauchte das Stück nicht aus seiner 350 Jahre alten Verankerung lösen, um das klar zu machen, doch hat er mit Bravour das Geistlose in den Zeitgeist übersetzt.

Alceste beleidigt den Dichter Oronte: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klatschbase Arsinoé nervt Célimène: Birgit Stöger und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer mit dieser Menschenmanier naturgemäß nicht umgehen kann, ist der Misanthrop Alceste. Lukas Holzhausen gibt den Bärbeißigen unter Überkandidelten, und beweist sich in seiner Unlust und Abscheu als hochkomödiantisch. Doch auch Alceste hat eine schwache Seite, Célimène heißt sie, von Evi Kehrstephan verkörpert als emanzipierter Wirbelwind, als eine, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Der verbale Schlagabtausch zwischen Holzhausen und Kehrstephan ist naturgemäß das Epizentrum der Inszenierung. Sie sind einer des anderen Antipoden, doch nur Célimène weiß, wie man Alceste schmähstad macht.

Bevölkert wird Célimènes Haushalt von einem skurrilen Völkchen. Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz spielen die Marquis Acaste und Clitandre, zwei Verehrer Célimènes, sehr zum Missfallen von Alceste. Sebastian Klein ist der um den Hausfrieden bedachte Philinte, Nadine Quittner eine schmollmündige Éliante, Günther Wiederschwinger ein diensteifriger Dubois. Zwei Kabinettstücke gestalten Birgit Stöger und Rainer Galke. Erstere als bigotte Klatschtante Arsinoé die frömmelnde Scheinheiligkeit in Person, deren Wortwechsel mit Célimène in einer Kuchenschlacht endet. Zweiterer als Oronte ein talentloser Lyriker, mit einem von Alceste in der Luft zerrissenen Vortrags seines Werks. Wie er sich sein Dichterdrama mittels Sonett von der Seele greint, da läuft Galke einmal mehr zur Hochform auf.

Am Ende kriegt sich, was zusammengehört. Das Happy End wirkt auch im Publikum, das mit Jubel und großem Applaus für die gelungene Darbietung dankte. Man darf auf die nächsten Arbeiten von Felix Hafner gespannt sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=JqNLfdBTsWM

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Wien, 16. 3. 2017

Volkstheater: Hangmen (Die Henker)

Januar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht geht vom Pub aus

Alles beginnt mit der Frage, ob hier ein Unschuldiger gehenkt wurde: Sebastian Klein, Jürgen Weisert, Kaspar Locher, Mario Schober und Lukas Holzhausen. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Am Mittwoch, am Tag der Premiere, wurden in Kuwait erstmals nach vier Jahren wieder Menschen hingerichtet. In den USA wartet der Charleston-Killer auf seine Exekution. In der Türkei setzt Staatschef Erdoğan alles daran, die Todesstrafe wieder einzuführen. Es ist also ein hochaktuelles, ein brisantes Thema, dem sich das Volkstheater mit seiner jüngsten Premiere im Volx/Margareten widmet. Lukas Holzhausen, als Schauspieler eine erste Kraft am Haus, führt nach „Halbe Wahrheiten“ erneut Regie, diesmal bei der bitterbösen Komödie „Hangmen (Die Henker)“ des britischen Dramatikers Martin McDonagh, und er hat auch eine Hauptrolle übernommen.

Vergangenes Jahr in London uraufgeführt wurde die makabre Krimi-Groteske mit dem Laurence-Olivier-Award für das beste Stück ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich nun bei der österreichischen Erstaufführung zeigt. In Holzhausens Händen funktioniert der britische Humor auch in deutschsprachiger Übersetzung formidabel. Der Abend ist so extra dry wie ein gut geschüttelter Martini, er bietet zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung mit einem gut gelaunten, spielfreudigen Ensemble – und er ist tatsächlich sehr spannend.

McDonagh, in den 90er-Jahren als Wunderkind der In-Yer-Face-Bewegung gehypt, erweist sich auch im neuen Jahrtausend als Meister seines Fachs. Wann immer man glaubt, seinem Stück auf der Spur zu sein, macht er einen Twist und führt einen auf eine neue Fährte. Die Handlung der „Hangmen“ dockt an der Realität an. Es ist 1965 und es ist der Tag der Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Der letzte Henker des Landes, Harry Wade, betreibt im nordenglischen Oldham ein Pub, dort hält er Hof vor seinem versoffenen Fanklub, in diesem seltsamen Idyll, das er sich geschaffen hat. Der Frieden wird gestört, als auf einmal die Frage im Raum steht, ob ein gewisser James Hennessy vor zwei Jahren unschuldig gehenkt wurde. Er soll ein Mädchen ermordet haben, doch hatte er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Die letzten Worte des Delinquenten waren ein Fluch, mit dem er Wade und seinen Assistenten Syd belegte.

Auftreten nun eben dieser Syd, der seinen ehemaligen Vorgesetzten vor einem mysteriösen Mann warnen will, ein neugieriger Lokalreporter, der eine heiße Story wittert, und jener bedrohlich wirkende Fremde, der aus seiner Abneigung gegenüber dem Wirt und seinen Stammgästen kein Hehl macht. Und dann ist plötzlich Wades Tochter Shirley verschwunden … Es ist ein hartgesottener Menschenschlag, den der Autor vorführt, eine letztlich feige Bande, die sich schwer entscheiden kann, ob sie Frauen, Fremde oder Schwule mehr verabscheut und gern beleidigende Witzchen über all die macht, die nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen.

Am Beispiel dieses Mikrokosmos zeigt McDonagh, wie es ist, wenn das Recht vom Pub ausgeht. Er hat der öffentlichen Meinung aufs Maul geschaut, den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff „Volk“ kritisch unter die Lupe genommen, ergo übernimmt der Stammtisch bei ihm das Sagen. Die Schreihälse setzen sich durch und setzen schließlich auf Selbstjustiz, ein Fanal ihrer Unzufriedenheit mit der Politik und der Rechtsprechung, das dieser Tage seine Entsprechung in Demonstrationszügen findet, bei denen selbst gebastelte Galgen für verhasste Volksvertreter mitgeführt werden. Die „Hangmen“ beginnen und enden mit einer Hinrichtung. Holzhausen stellt das durchaus drastisch dar, diese Szenen fahren von einem Moment auf den anderen unter die Haut, schockieren mit einer atemraubenden Skrupellosigkeit, hatte man sich doch eben noch am Wortwitz und am skurrilen Spiel erfreut.

Auch diesmal hat Holzhausen präzise und prägnant gearbeitet. Er macht aus McDonaghs Figuren fein ziselierte Charaktere, jeder noch so kleinen Rolle – etwa Kaspar Locher als Hennessy – verleiht er mit seiner Inszenierung Profil; die Pointen sind auf den Punkt gesetzt, wenn sie wie lapidare Bemerkungen auf den Bühnenboden fallengelassen werden. Die Dialoge sind teilweise ungeheuerlich, etwa wenn das Hängen als humanste Tötungsmethode gepriesen wird, ist doch die Guillotine zu blutig und vor allem (!) zu Französisch und der elektrische Stuhl „Ami-Schwachsinn“. Wer will seine Verbrecher schon gebrutzelt wie ein Steak?

Henker und Pub-Besitzer Harry Wade mit seinem Fanklub: Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen und Sebastian Klein. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein geheimnisvoller Eindringling stört die Kleinstadtruhe: Alfred Schibor, Rainer Galke, Jürgen Weisert und Mario Schober. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein gutes Dutzend Kollegen setzt der Regisseur in Szene und sie alle agieren ganz großartig. Holzhausen selbst ist als Harry Wade ein selbstgerechter Unsympath, ein eitler Zyniker, ein absolutistischer Herrscher in seinem bierdurchtränkten Reich, was nicht nur Steffi Krautz als seine desillusionierte, dem Gin verfallene Gattin Alice und Alina Schaller als motzige Tochter Shirley zu spüren bekommen, sondern auch die Pub-Besucher Jürgen Weisert, Alfred Schibor und Mario Schober. Sebastian Klein hütet als sinistrer Syd ein Sex-Geheimnis, Nils Rovira-Muñoz gestaltet den Journalisten als hin und her gerissen zwischen sensationsgeil und gerade noch ehrenhaft, Günter Wiederschwinger ist ein mitgefangener, mitgehangener Polizeiinspektor.

Vor allem aber brilliert Rainer Galke als seltsamer Eindringling Mooney. Wie er von hier auf jetzt von freundlich zu feindlich umschaltet, weist ihn als verdienten Nestroy-Preisträger in der Kategorie bester Schauspieler aus. Egal, wie leutselig dieser Mooney gerade ist, immer schwingt der Sarkasmus in Galkes Stimme mit, immer befeuert er die gegenseitigen Beschuldigungen mit seinen lächelnd vorgebrachten Provokationen, und als er sich endlich an Shirley heranmacht, hat sich das so amüsierte wie schockierte Publikum längst Gedanken darüber gemacht, welche Art Perverser dieser Mooney eigentlich ist. Eine Glanzleistung liefert zum Ende auch Michael Abendroth als Wades Henkerkonkurrent Albert Pierrepoint ab. Abendroth macht aus seinem kurzen Auftritt ein satirisches Kabinettstück über Arroganz und Anmaßung und die Frage, ob eine Gesellschaft das Recht hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Albert Pierrepoint gab es wirklich. 1905 geboren entstammt er einer Henkerdynastie, trat in die Fußstapfen seines Vaters, richtete nach dem Zweiten Weltkrieg auch Nazis in Deutschland und in Österreich in der britisch besetzten Steiermark hin und wurde schließlich Pub-Besitzer. Der von ihm exekutierte Fall Timothy Evans trug zum Meinungsumschwung über die Todesstrafe in Großbritannien bei. Evans wurde für die Ermordung seiner Frau und Tochter gehenkt, eine Tat, die wie sich später herausstellte, sein Nachbar begangen hatte …

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Wien, 26. 1. 2017

Volkstheater: Brooklyn Memoiren

Mai 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verfallsdatumsfrei konsumierbare Flüchtlingsstory

Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bruderzwist im Hause Jerome, doch die Hausherrin spricht ein Machtwort. Anja Herden als Kate mit ihren „Söhnen“ Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nun ist die letzte Premiere im Haupthaus des Volkstheaters also doch noch ein Stück über Flüchtling- und Fremdsein geworden. Freilich gut verpackt in eine verfallsdatumsfrei konsumierbare Familiengeschichte, doch das tut der Freude über den Abend keinen Abbruch. Statt der wegen der aufgeheizten Anti-Flüchtlingsstimmung abgesagten satirischen Dystopie „Homohalal“ von Ibrahim Amir inszenierte Sarantos Zervoulakos Neil Simons „Brooklyn Memoiren“.

Was dem Haus eine der besten Produktionen der laufenden Saison bescherte. Denn Zervoulakos ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Der in Griechenland geborene Regisseur taggte sein Statement zur Zeit einfach auf die Nostalgietapete. Auch bei Simon geht’s um Asyl und ein Leben in Warteposition, um erfüllte und enttäuschte Erwartungen im jeweiligen land of the free, und um Solidarität, ohne die kein Menschsein sein wird, sagt er. Im Fernsehen laufen „The Bold and The Beautiful“ und später „Dynasty“. Das ist der way of life, von dem viele träumen, „America’s oder Austrias next Topmodel“ wird ihnen verkauft als der Weg dorthin. Doch dies oder ein Handy zum Begaffen von Pin-up-Fotos sind nicht die schönsten augenzwinkernden Anachronismen, die sich Zervoulakos leistet.

Eugene, Neil Simons Alter Ego, der Sohn mit dem Schriftstellergen, füllt nämlich keine Hefte mehr mit seinen Notizen. Er filmt den tagtäglichen Familienwahnsinn mit der Handycam, und im Insert als Datum 1938, und im Fernsehen zu sehen nun Schwarzweiß-Bilder von Menschen, die vor einer ideologieirren Mörderbande davonlaufen. Wie sich die Bilder gleichen. Wie schnell ein Gestern zum Heute wird. Das sicherlich sollte man niemals vergessen.

So sitzen sie also in ihrem Container(wohn)heim, die Jeromes, es ist beengt und laut und keine Chance auf Privatsphäre, die gibt es nur hinter dem Duschvorhang. Ihr Leben haben sie mit Ramschladenschnäppchen und aus der Altkleidersammlung ausgestattet, und ihm wie zum Trotz ein wenig Glanz verliehen, mit einem grauenhaften Glitzerpulli hier und einem, nein: vielen Zierkissen da – letztere in Plastik verpackt, man will die guten Stücke schließlich schonen. Das Bühnenbild von Thea Hofmann-Axthelm und die Kostüme von Werner Fritz, beides schonungslos grell-knallbunt-scheußlich, sind bei dieser Inszenierung schon die halbe Miete. Ihr „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kulminiert in einer Zu-Bett-Geh-Szene. Es ist erstaunlich, woraus sich alles Schlafplätze bauen lassen. Die Schauspieler turnen sich mit viel Akrobatik durch dieses Setting.

Denn auf den paar Quadratmetern, die Zimmer, Küche, Kabinett darstellen, wohnen sieben Leute. Kate mit ihrem Ehemann Jack und den Söhnen Stanley und Eugene, und ihre hier aufgenommene, weil verwitwete Schwester Blanche mit den Töchtern Nora und Laurie. Nils Rovira-Muñoz ist ein wunderbar komödiantischer Eugene, der wohldosiert den Clown macht oder auf Slapstick setzt. Bei Neil Simon liegt die Tragi- gleich neben der -komödie, das zeigt Zervoulakos ganz vorzüglich, und Rovira-Muñoz setzt seine Rolle mit viel Sinn für diese Ironie des Daseins um. Als Erzähler richtet er sein scharfes Auge auf seine Verwandtschaft, die im New-Yorker-Stadtrandviertel in einer Art Stand-by-Modus aufs Irgendwann-wird-alles-besser wartet. Gesprächsthema Nr. 1 ist die Geldnot, das heißt: Gespräch ist gut, bei aller Liebe wird aneinander vorbeigeredet oder einander nicht zugehört oder wenn doch, dann sich gegenseitig missverstanden. Wie Familie eben so ist. Und weil, wo Leben Lachen ist, bietet das die Grundlage für den Simon’schen Humor.

Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Da kommt keine Freude auf – Laurie muss Onkel Jack etwas zu trinken bringen: Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Noras Lebensträume fliegen hoch, aber Mama Blanche reagiert auf so viel Elan ängstlich: Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden und Birgit Stöger haben die Schwestern Kate und Blanche mit einem Putz- und Nähfimmel versehen, das Heim muss piccobello Heimat sein!, sie sind zwei betuliche, lebensängstliche Muttertiere, Einwandererkinder, die viel zitierte „zweite Generation“, von denen Kate vor Ressentiments gegen die „fremden“, irischen Nachbarn überläuft, während Blanche in der großen Tradition der jiddischen Mames eine Meisterin im geduldigen Tragen von Leid und im Verzicht üben ist. Und wie’s einer guten, jetzt wird’s kurz katholisch, Mater Dolorosa eigen ist, verstehen sie sich auch bestens auf Sticheleien, Nörgeleien und Streitereien.

Ein Glück, dass Rainer Galke als Jack das alles mit Großmut und Galgenhumor nimmt. Er, der von zwei Jobs gerade einen verloren hat, dem jede Entscheidung aufgebürdet wird, der nie zu Ruhe kommen darf, vor allem nicht, wenn ihm die Frauen diese gerade ausdrücklich gönnen. Galke gestaltet mit der Lakonie eines Da-kann-man-halt-nix-machen einen Fels in der Familienbrandung, ihm ist einmal mehr eine glaubhafte Figur gelungen, fast ist er der Vater, den sich jeder nur wünschen kann.

Seyneb Saleh ist als Nora die Traumtänzerin der Sippschaft, die von einer Karriere als Musicalstar schwärmt, Katharina Klar als Laurie dagegen das patzige, hässliche Entlein, das sich nicht nur teenagertypisch hinter seinen Haaren, sondern auch hinter einem Herzflattern versteckt, vor allem, wenn’s darum geht, den Müll rauszutragen. Und dann Stanley. Von Kaspar Locher weitestgehend von seiner Strizzihaftigkeit befreit. Während sich die anderen mit Schuldgefühlen und -zuweisungen in der Waage halten, ist er derjenige, mit dem man Mitgefühl hat. Der ältesteste, der nie nach seinen Wünschen und Sehnsüchten gefragt wurde, auf dem der Druck des Geldverdienens lastet, der lernen muss, dass man sich Gerechtigkeitssinn und Stolz als Arbeiterkind finanziell nur bedingt leisten kann. Locher lässt Stanley am Ende sehr schön über sich hinauswachsen, er hat diesen Charakter gedreht und gewendet und zeigt ihn nun als einen Menschen mit vielen Facetten. Und wie jeder Jerome ist auch er warmherzig und hilfsbereit.

Denn die Geschichte, sie hat eine Message, und es muss ja nicht so sein, dass man nie aus ihr lernt. Jacks von den Nazis verfolgten Verwandten ist die Ausreise nach London gelungen, sie werden den nächsten Dampfer nehmen. Wo sie unterkommen sollen? Wenn wir alle ein klein wenig zusammenrücken, ist hier bei uns doch mehr als genug Platz! Das Publikum in dieser dritten Vorstellung war angerührt und amüsiert und dankte mit viel Applaus. Das Volkstheater hat mit seiner speziellen Art, Unterhaltung und Haltung zu zeigen, bei den letzten Premieren dieser Spielzeit so richtig Fahrt aufgenommen. Mit diesem Wind in den Segeln kann es frohgemut in die nächste gehen.

Kaspar Locher im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18954

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

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Wien, 4. 5. 2016

Volkstheater: Romeo und Julia

Januar 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zu viel Makeup auf dem nackten Menschsein

Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hier wird geheiratet: Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz und Thomas Frank.
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei hätten genügt. Vorzugsweise Stefanie Reinsperger und Thomas Frank. Reinsperger vor allem. Man sieht auch so, welche Figur sie kreieren hätte können, welchen Charakter formen, hätte man sie denn eine Rolle spielen lassen. Doch Regisseur Philipp Preuss hatte eine Idee. Eine Idee ist noch keine Inszenierung, ein Konzept aber schnell zum Selbstzweck geworden. So geschehen bei „Romeo und Julia“ am Volkstheater.

Preuss tripliziert die Protagonisten. Auch Nadine Quittner und Katharina Klar sind Julia, auch Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz sind Romeo. Warum das so sein muss, erschließt sich nicht. Der sehr bemühte Alain Badiou und sein „L’éloge de l’amour“ bleiben nämlich unauffällig. Dass Liebe Risiko und Abenteuer ist, und wie das gesellschaftliche Individualereignis größtmögliche, also universale Folgen nach sich zieht, versteht sich auch so. Kuss führt zu Katastrophe führt zu Katharsis. Seit 1597. Wird das Private als Globe-al enttarnt. Es ist bedauerlich, dass Preuss Shakespeare so wenig vertraut. So bleibt ein verhaltensauffälliges Teenagertrüppchen, der Romeo und seine Haberer, die Julia und ihre BFF, in rotziger Revoluzzerlattitüde; die Gefühlslage ist hysterisch bis Plärr! Dass die terreur einer amour fou auch leise, zarte, hilflose Zwischentöne braucht, geht im Getöse unter.

Immerhin Reinsperger und Frank retten ein paar davon ins Jenseits, sie verstehen es auch den Witz im Liebeswahn darzustellen. Das Sechserpack, die Julias eingesetzt als Damensprintstaffel, die Romeos steigen sich auf engstem Raum auf die Zehen, ist nichts als der laut gewordene innere Monolog. Die Stimme im Kopf als Person vervielfältigt. Szenen werden wiederholt und wiederholt, doch das Déjà-vu bringt keine tiefere Erkenntnis. Keine Darstellung ist dafür ausreichend differenziert; der kleine, der mittlere und der große Stanislaus waren da ja nuancierter. Damit das Wimmelbild nicht überwabert wurden Figuren gestrichen. Auch wichtige, wie beispielsweise der Mercutio. Aber bis er auftreten hätte können, hatte Preuss ohnedies längst den narrativen Faden verloren. Und dies die größte Sünde: Preuss erzählt keine Geschichte. Alles, was einen heute noch an „Romeo und Julia“ interessieren kann, hat er seiner Modeerscheinung unterworfen. Alles wirkt wie nach einem Theater-heute-Cover geschielt.

Was natürlich bedeutet, dass der Abend flasht. Im doppelten Wortsinn – die deutsch-englische Fassung stammt von Frank Günther. Preuss hat Live-Kameras und Rampenmikrophon, grausliche Kleistermasken und neun (!) Klaviere samt deren Spieler auf der Bühne. Der Sound von Kornelius Heidebrecht ist wuchtig, die Bilder im Bühnenbild von Ramallah Aubrecht sind stark und schwarz. Das ist viel Makeup über dem nackten Menschsein, zu viel Schminke für Shakespeares Daseinsarchetypen, ein Lärm ums nichts. Preuss setzt auf Gags und Gimmicks. Steffi Krautz macht Lady Capulet per Augenaufschlag zur Amme, für die mit viel trockenem Humor gesegnete Schauspielerin eine Win-Win-Situation. Stefan Suske ist zu sehr Profi, um sich als Papa Capulet vom Rundherum irritieren zu lassen. Christoph Rothenbuchners Paris altert mit wachsendem Bart und immer welker werdenden Blumen während seines Liebeswerbens wie ein Abbé Faria. Am Ende wird er von den Romeos mit Himbeerwasserblut zu Tode geschlatzt. Sebastian Kleins Tybalt kann sich in eben diesem schon vorher brausen gehen. Rainer Galke spielt als Mönch Lorenzo sehr schön und wortdeutlich Shakespeare.

Preuss‘ gruppendynamischer Versuch war von vornherein als Wagnis postuliert. Die inhaltliche Spannung, die dieses Experiment mit sich hätte bringen können, schaffte es aber nicht einmal aus den Startlöchern. „Ausstattung“ allein garantiert halt noch keine rasante Abfahrt durchs Tal der Leidenschaften, und dass „Romeo und Julia“, dieses reinste Sinnbild der Liebe, als reines Bild keinen Sinn macht, galt es nicht zu beweisen. Ein vergebener Sieg, hier wurden einfach zu viele Chancen liegen gelassen.

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Wien, 24. 1. 2016

Volkstheater: Fasching

September 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anna Badora beginnt mit Mut und Wut

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater startet ambitioniert in den Zeitraum Anna Badora. Die neue Intendantin hat gemeinsam mit ihrem Chefdramaturgen Roland Koberg eine zynische Textzusammenfassung von Gerhard Fritschs „Fasching“ erstellt; der Roman war bei Erscheinen 1967 unbequem und ist durch die Einwirkung nicht kommoder geworden, sondern gerade in den Tagen der Erstaufführung ein gfeanzter Grenzgänger, der beobachtet, wie sich wieder welche zu Herren über andere Menschen aufschwingen wollen. Badoras Inszenierung ist wie ein Exhibitionist, der unterm biederen Herrenmantel den Blick für nackte Scheußlichkeiten aufreißt. Sie zeigt die Provinzialität des Bösen. Sie wird in zwischendurch traumhaften Bildern Fritschs Poesie des Grauens gerecht. Sie spielt mit Geschlechtern, verwebt Gegenwart und Rückblicke zu einem brüchigen Kontinuum. Die kleinbürgerlichen Bürgerschrecke auf der Bühne lassen es bei ihren „Andeutungen“ an Deutlichkeit nicht fehlen. Botschaft verstanden: Der ganze Abend ist eine einzige Verkleidung. Changiert zwischen bodenlos beklemmend und irr witzig. Wie gespielt wird, ist – eine Farce.

Fritschs Nachkriegsdemaskerade erzählt von Felix Golub, der nach Jahren in russischer Gefangenschaft in das Städtchen zurückkehrt, in dem er einst, weil er kein Mörder unter den Mordbuben sein wollte, als Deserteur untergetaucht war. Dort wird der Umstand, dass die Tausendjährigen das Heft in der Hand behalten haben, nur notdürftig kaschiert. Katholisch pornografisch hatte Frau Baronin Pisani den Fahnenflüchtling zum Mädchen umgemodelt. Der nunmehr Zweigeschlechtliche wurde in beiden Häuten Missbrauchsopfer – der Baronin und des Herrn Ritterkreuzträger. Mit der Ermannung und der Auslieferung, letztlich aber Lebensrettung, weil nicht In-Grund-und-Boden-Bombung, des Ortes an die Sowjets folgte die Verbannung. Gegen die Meinungsmacht der Masse ist der einzelne machtlos – Felix wurde an die Besatzer ausgeliefert. Nun blasen die Moral- und Reuelosen zum erneuten Halali. Die skrupellose Spaßgesellschaft tarnt ihre Absichten zwar als Scherz, doch wer irritiert, sich nicht integriert, wer zuviel weiß, wird liquidiert. Das Bühnenbild von Michael Simon ist der weißgewaschene Rahmen, aus dem hier nichts fallen darf; die Welt eine schwarzweiße Strichzeichnung. Positiv/Negativ. Darin bewegt sich die ges(ch)ichtslose Menge in ihren „Braunhemden“, ein schlammiger Niedertrachtenlook von Denise Heschl, für die, die danach trachteten, sauber aus dem Sumpf zu steigen.

Nils Rovira-Muñoz und Nikolaus Habjan teilen sich die Rolle des Felix. Das heißt: es gibt vier davon. Rovira-Muñoz spielt den jungen Deserteur und den Heimkehrer als vehemente Verweigerer. Er ist auch waidwund noch im Widerstand gegen die Sich’s-Richter, er zeigt in Zivil Courage, geht angesichts der Lauter-Opfer-keine-Täter-Mentalität seiner Peiniger vor Wut im Wortsinn die Wand hoch, kann natürlich, obwohl das Schlussbild einer Pietà ähnelt, kein Mitleid erfahren. Habjan komplettiert die Figur mit seinen Figuren: einer berührenden Felix-Kinderpuppe und der inneren Stimme des erwachsenen Felix, einem feinstofflichen Rovira-Muñoz-Zwilling. Habjan gelingen mit die stärksten Momente des Abends, er nicht nur ein bekannt begnadeter Puppeteer, sondern als Schauspieler – stimmlich – so präsent wie es sich wünschen lässt. Zugegeben, er hat die lyrischsten Sätze, aber wie er beispielsweise mit benetzstrumpften Baroninbeinen und Felixkopf dazwischen eine Beschlafungsszene erzeugt, das ist große Kunst.

Die Pisani gibt Adele Neuhauser mit Bravour. Sie ist ein Monster in mondäner Erscheinung, das gierig die von ihm überwältigte und vergewaltigte Landmasse verwaltet. Neuhauser spielt Unechtheit als Effekt. Das ist beeindruckend. Ihr heiseres Hyänenlachen setzt sich im „Deserteur“-Geraunze des Dorfchors (von Christoph Rothenbuchner, Elena Schmidt, Katharina Klar, und darstellerisch herausragend: Christian Dolezal und Thomas Frank als Ritterkreuzträger und späterer Wurstfabrikant Lubits) fort. Sie alle verkörpern jenseits der Geschlechtergrenzen mehrere Charaktere, ekelhafte Charakterschweine, sind sie unter den Faschingsmasken doch noch mit Saurüssel ge- und somit enttarnt. Stefan Suske ist als Fotograf Wazurak, der Grund für Felix‘ Rückkehr, will er ihm doch sein Geschäft überschreiben, raumfüllend. Kein Wunder, er hat in Graz den Homburg gegeben … Ein Gag, der die angereisten Freunde des dortigen Schauspielhauses, Badoras vergangener Wirkungsstätte, hörbar freut. Der Sitznachbar hat’s zumindest so erzählt, dass man gemeinsam aus der Steiermark nach Wien gekommen ist – und es nicht bereut, siehe schlussendliches Klatschen und Bravorufen.

Stefanie Reinsperger, der „Theater heute“-Ausgezeichneten, wird bei ihrem Auftritt als Felix‘ Braut Hilga Pengg zurecht ein großer Bahnhof bereitet. Sie darf auch die Kulturwichtigen Wiens im Volkstheater neu begrüßen. Ihre Hilga brennt vor Feuer und Eifer und ist gleichzeitig, ganz Anpasserin an die ewiggestrigen Verhältnisse, in ihrem Enthusiasmus eiskalt. Reinsperger spielt die Vorurteilsscherze der ihrer Rolle zugeordneten Textpassagen gewaltig aus. Eine kraftvolle, vielschichtige, bestechende Darbietung. Die hier wohl am Deutlichsten das Wollen und Wirken der neuen Intendanz verkörpert. Mut ist da. Das hat Badora nicht nur auf Plakaten versprochen – nicht unkomisch, dass in Wiener Wahlkampfzeiten zu schreiben -, sondern mit dieser ersten Premiere auch gezeigt. Nun darf mit Spannung erwartet werden, wie’s weiter geht.

Hauptdarsteller Nils Rovira-Muñoz im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?s=nils

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Wien, 6. 9. 2015