Rabenhof: Rotterdam

September 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der richtige Mensch hat kein falsches Geschlecht

Tanja Raunig und Miriam Fussenegger. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Mit der Wahl von „Rotterdam“ als Stück zum Saisonauftakt hat das Rabenhof Theater gewagt und gewonnen. Im vergangenen Jahr in Großbritannien mit dem Olivier Award ausgezeichnet, stand nun im Erdberger Gemeindebau die kontinentaleuropäische Erstaufführung an. Der Autor der Transgenderkomödie ist hier kein Unbekannter mehr: Jon Brittain, dessen Show „What would Spock do“ erst im März am Haus zu sehen war.

„Rotterdam“ dreht sich also rund um Geschlechteridentitäten. Das lesbische Paar Julia und Teresa ist aus dem muffigen Wien in die weltoffene Hafenstadt entwichen, um unbeschwert seine Beziehung leben zu können. Just an Silvester, gerade als Julia nach Jahren des Zögerns endlich den Mut sucht, vor ihren Eltern ihr Coming-Out zu haben, eröffnet ihr Teresa, dass sie sich eigentlich als Mann identifiziert und fortan als Adrian leben möchte.

Das setzt Julia unter Schock, vor allem auch, weil diese Ankündigung Fragen nach ihrer eigenen Sexualität aufwirft: Macht ihre neu zu definierende Beziehung sie nun hetero? Julia wendet sich um Rat an Teresas Bruder Christoff, der noch dazu ihr Ex ist.

Heißt: Teresa hat Julia Christoff einst ausgespannt. Und dann ist da noch die quirrlig-durchgeknallte Holländerin Ulrike, eine Bürokollegin, die ein Auge auf Julia geworfen hat … Es ist die große Kunst des englischsprachigen Theaters, einen Stoff wie diesen leichtfüßig, doch ohne, dass das Publikum durch Untiefen hindurch muss zu lassen. „Rotterdam“ ist so hinreißend romantisch wie gesellschaftspolitisch brisant. Und, man hört es an den amüsierten Zuschauerreaktionen am Premierenabend, trotz des ernsthaften Umgangs mit dem komplexen Thema für viele Lacher gut. Die Inszenierung von Fabian Pfleger ist dank der ohne Genierer agierenden Darsteller supersympathisch.

Raunig, Fussenegger und Josef Eller. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Tanja Raunig und Lena Kalisch. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Miriam Fussenegger spielt Teresa/Adrian an der Schwelle eines Frau-wird-Mann-Seins. Die Angst vor dem großen Schritt Geschlechtsumwandlung schwingt bei aller Ruppigkeit in jedem Wort mit, zu sehr konzentriert sie sich auf die unter Ahnungslosen üblichen Begriffsverwirrungen denn auf ihr eigenes, tatsächliches Ich. Die Sinnkrise der einen wird zur Sinnkrise der anderen, Tanja Raunig als Julia, die bald nicht mehr weiß, zu wem sie sich da eigentlich hingezogen fühlt. Während die eine schon wissen will, wie sich Liebe machen mit Penis anfühlt, scheut sich die andere vor der Penetration.

Josef Ellers ist als Christoff der gutmütige Frauenversteher, der zwischen den Liebenden zu vermitteln versucht, und dabei naturgemäß an seine Grenzen stoßen muss. Lena Kalisch spielt als fröhlich-laute Ulrike gekonnt mit den Nederland-Klischees freier Sex, freier Zugang zu Drogen und Hoera! voor de Koning. Für all das hat Sarah Sassen drei in wechselnd buntem Neonlicht changierende Kuben auf die Bühne gestellt, die sich blitzschnell in immer neue Räume verwandeln.

Die Frage, wie sehr das Geschlecht, das biologische, das psychologische, das soziale, den Menschen bestimmt, ist die, die man nach dieser Aufführung mit nach Hause nimmt. Jon Brittain hat darauf eine berückende Antwort, nämlich, dass der richtige Mensch für einen gar kein „falsches“ Geschlecht haben kann.

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2018