Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Salzburger Festspiele: Der Ignorant und der Wahnsinnige

August 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhard, ein Blendwerk

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt gekonnt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Sache mit dem Notlicht wurde naturgemäß anders gelöst. Statt Abschaltung ein Lichtgemetzel, unzählige Spots ins Zuschauerauge, das darauf freilich mit dem gewünschten Blackout reagierte. Thomas Bernhard, ein Blendwerk.

Regiealtmeister Gerd Heinz debütierte bei den Salzburger Festspielen mit dessen Text „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Er legt eine schlichte, schnörkellose, überraschungsfreie Arbeit vor, die sich, so weit, so schön, aufs Wort konzentriert. Dieses riss als Doktor Sven-Eric Bechtolf an sich. Gleichsam als Fleisch gewordener Superlativ performt er seinen Seziersermon, kauzig, hochkomödiantisch, grimassenschneidend, grotesk, ohne Strich und Komma – und dabei mit präzisester Betonung der Bernhard’schen Partitur.

„Zeitlebens habe ich mir eine Aufgabe gewünscht im Hintergrund, aber meine Natur ist eine andere“, sagt der Doktor. Und das Publikum dankt dies dem scheidenden Interimsintendanten mit jubelndem Applaus, als wolle es sagen, hurra!, zurück zur Kernkompetenz, weg von nicht ausführbaren Ideen, wie jährlich wechselnden Festspielschreibern oder internationalsprachigen Aufführungen auf der Perner-Insel.

Welch ein grandioser Schauspieler, ein Fest für Bechtolf. Der hier augenscheinlich allzu neckisch den Verzweiflungskomiker mimt. Dem aber mit Christian Grashof als blindem Vater und Annett Renneberg als Königin der Nacht zwei ebenbürtige Partner auf die Bühne gefolgt sind. Zu dritt scharmützelt man sich durch die von Martin Zehetgruber als opulentes Blumenmeer gestaltete Künstlergarderobe; den zweiten Akt in den Drei Husaren gestaltet der Raumschöpfer für Connaisseurs als Hommage an den Schinkel-Sternenhimmel aus dem Jahr 1816. Zweihundert Jahre, dieses Jubiläum betrifft ja auch Salzburg als Teil von Österreich.

Darin nun also die Non-Dialoge des Intellekts mit dem Instinkt, das Buhlen des Über-Ichs und des Es um ihr angekränkeltes Ich, das angekratzte Ego, ein Reden, als hätte man das Objekt der Begierde schon in der Prosektur, dazu ein profaner Streit über den Spezialzwirn. Grashof gibt das Grundleiden mit überbordend unbeholfenen Gesten und hilfeheischender Mimik; wie einem Kind, das die Sätze der Erwachsenen wiederholt und memoriert, wird ihm gut zugeredet. Renneberg gestaltet die Koloraturmaschine, das Kunstgeschöpf nicht nur überraschend gut bei „Singstimme“, sondern auch erstaunlich mitmenschlich; die Diva ist zwar eine Tyrannin, die berechnende, manipulative Grausamkeit von Mozarts Operndespotin fehlt ihr jedoch weitgehend.

Annett Renneberg als Königin der Nacht mit Sven-Eric Bechtolf, Barbara de Koy und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Annett Renneberg mit Sven-Eric Bechtolf und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf und Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf, Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

So überspannt sind auch von ihrem Ruhm überforderte Rihannas, überhaupt sind alle sehr einnehmend und charmant, und eigentlich – war da nicht noch was? Eine Abhängigkeitskette, die auf das Grausamste die menschlichen Marionetten im Stück bloßstellt. Ein sich unbarmherzig ankündigendes Sterben von „Kultur“. Eine heraufdräuende Seelenverfinsterung. Gerd Heinz hat Bernhard brav, nicht aber dessen Pausen inszeniert, und damit die Komödie ihrer Tragödie beraubt. Er hat ihre Abgründe zu Untiefen aufgeschüttet und die Figuren um ihre Doppelbödigkeit gebracht. Ohne böswillige Hinterfotzigkeit aber verkommt „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zum harmlosen Haha. Als könne ein zu viel des Guten nichts Besseres bewirken. „Wer die Kunst mit Absolutheitsanspruch auszuüben wünscht, darf keinesfalls auf ein gelingendes Leben hoffen“, lässt Bernhard den Doktor schließlich sagen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Landestheater. Ein Sandler steigt in den Obus Nr. eins, eine junge Passagierin springt auf und denunziert den ihr Ekelerregenden beim Fahrer. Der bleibt tatsächlich mitten auf der Strecke, auf Höhe Mirabellgarten stehen. Vollbremsung und Verweis aus dem Fahrzeug. Weil, der Mann hat keinen Fahrschein. Als man anbietet, ihm einen zu kaufen, ein Nein. Und ein herrisches: Und du waaßt a genau warum! zu dem Mann. Sandler dürfen nicht in Salzburgs Innenstadt. Beim Makartplatz dann endlich wieder Brillant und Perlketten. In Salzburg angekommen, ein Blendwerk.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 22. 8. 2016