Loretta Napoleoni: Die Rückkehr des Kalifats

Februar 18, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Durch Terror zum Staat?

9783858696403Der Aufstieg der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) erfolgte rasch und blieb lange Zeit unbemerkt. Der Westen, allen voran die USA, hatte andere Sorgen. Der Irak verfiel nach dem Abzug der amerikanischen Invasionstruppen mehr und mehr in Chaos und Anarchie, die Ereignisse in Ägypten mit der Absetzung von Präsident Mursi und der Machtübernahme der Militärs unter dem heutigen Präsidenten al-Sisi, und der arabische Frühling, der letzten Endes seine Erwartungen nicht erfüllte, zogen das weltpolitische Augenmerk auf sich. Für eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen IS war keine Zeit. Doch das änderte sich schlagartig als die Terrormiliz und ihr selbsternannter Kalif Abu Bakr al Baghdadi Ende Juni 2014 das Kalifat ausriefen, sie immer mehr Zulauf auch aus westeuropäischen Staaten bekamen und Geiseln, etwa Kriegsberichterstatter von Großbritannien bis Japan, auf brutalste Weise vor laufender Kamera enthauptet und Andersgläubige, insbesondere Schiiten oder zuletzt koptische Christen aus Ägypten, die als Gastarbeiter in Libyen arbeiteten, hingerichtet wurden.

Was war wieder einmal in der amerikanischen Nahostpolitik falsch gelaufen? Im Schatten der weltpolitischen Ereignisse zwischen 9/11 und Arabischem Frühling ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu einer Organisation herangewachsen, die heute im Begriff scheint, die politische Landkarte des Nahen Ostens neu zu ordnen. In ihrem brandaktuellen Buch „Die Rückkehr des Kalifats“ analysiert die Terrorismusexpertin Loretta Napoleoni den Aufstieg des Islamischen Staates und ihres Anführers Abu Bakr al-Baghdadi (geb. 1971 in Samarra, Irak, zwischen 2005 und 2010 verbüßte er im Irak eine Gefängnisstrafe) als Erben von Abu Musab al-Zarqawi, dem Emir von al-Qaida im Irak. Sie stellt dabei zentrale Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Was bedeutet die Rückkehr des Kalifats für den Westen und die arabische Welt? Und: Wie kann man IS effektiv begegnen?  Klar und präzise zeigt die Autorin, welche Ereignisse insbesondere ab 2003, nach der US-Invasion im Irak und dem Sturz des Hussein-Regimes, Wendepunkte markierten und welche Rolle, der seit 2011 anhaltende Bürgerkrieg in Syrien spielt, dessen Lösung in weite Ferne gerückt ist.

Im Zuge des Arabischen Frühlings sollte dem alawitischen (schiitischen) Assad-Regime in Damaskus der Garaus gemacht werden. Um dort einen Regimewechsel zu erwirken, haben die sunnitischen Herrscher Kuwaits, Katars und Saudi Arabiens eine ganze Reihe bewaffneter Gruppen finanziert – eine davon war der IS. Das zur Verfügung gestellte Geld hat der IS gut angelegt und seine eigenen Stützpunkte in strategisch wichtigen Gebieten errichtet – Ausgangsbasen für ihre weitere Expansion. Die modernen Waffen haben sie zum größten Teil im Irak und Syrien erbeutet und stammen aus den USA bzw. Russland. Daneben wurde aber auch aus dem Erlös des Erdölverkaufs fleißig eingekauft. Eine Lösung des Syrien-Konflikts ist heute nicht in Sicht. Assad ist weiter an der Macht. Vor allem Russland hält seine schützenden Hände über das Regime. Eine von den Vereinten Nationen sanktionierte mögliche westliche Militärintervention scheiterte bis jetzt am „Njet“ Putins.

Wie ist das Phänomen IS zu erklären? Terrororganisationen gab und gibt es weltweit viele. „Was … ihre (der IS, Anm. des Autors) enorme Durchschlagskraft erklärt“, so Napoleoni „sind ihre Modernität und ihr Pragmatismus. Die IS-Führung hat wie sonst kaum jemand erfasst, welche Einschränkungen die heutigen Mächte in unserer globalisierten und multipolaren Welt unterliegen.“ Und natürlich haben sie auch die Bedeutung der Medien und der Propaganda erkannt und nutzen diese für ihre Zwecke. Napoleonis markante These: Der IS verfügt mehr als jede andere bewaffnete Gruppe in der Vergangenheit über die Ressourcen und die Strategien zur dauerhaften Staatenbildung, auch wenn die Fundamente des Staates auf Terror basieren.

Was IS noch besonders macht: Anders als die Taliban und al-Qaida ziehen sie in erster Linie (noch) nicht direkt gegen den ihnen verhassten Westen und die USA in den Krieg. Sie wollen wieder ein Kalifat, in Anlehnung an das „Goldene Zeitalter“ des Islam (im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr.), auf arabischem Gebiet errichten. Die alten, korrupten Eliten werden in Frage gestellt, ebenso die willkürlichen europäischen Grenzziehungen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts (Sykes-Picot-Abkommen 1916), und sollen hinweggefegt werden. Dabei konzentriert sich der IS verstärkt auf die Nationbildung und in ihren eroberten Gebieten streben sie durchaus nach Konsens. Lokale Eliten werden für sie gewonnen und mit ausgebesserten Straßen, wiederhergestellter Stromversorgung, organisierten Suppenküchen für die Armen und anderer Maßnahmen versuchen sie die Zustimmung der ansässigen Bevölkerung zu gewinnen. Freilich: Per öffentlichem Aushang werden Verbote ausgerufen, Frauen dürfen nicht ohne männliche Begleiter reisen und müssen sich verhüllen und in der Öffentlichkeit keine Hosen tragen. Und mit ihrer aggressiven Missionierung treiben sie ihre religiöse Säuberung voran. Bewohner des IS-Herrschaftsgebiets, die nicht fliehen, müssen sich zum salafistischen (eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islams, die eine geistige Rückbesinnung auf die Vorfahren anstrebt) Glauben bekennen, andernfalls riskieren sie ihre Exekution. Und schiitische Muslime haben im sunnitischen IS sowieso keinen Platz.

Wie wird die Zukunft aussehen? Die kurze Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings ist verflogen. Von mehr Demokratie und Mitbestimmung der Massen am politischen Prozess ist wenig zu bemerken. Libyen versinkt nach dem Sturz Gaddafis im Bürgerkrieg, in Syrien kämpft das Regime Assad gegen die verschiedensten Rebellen- und Widerstandbewegungen, und diese wiederum gegeneinander, ums Überleben, der Irak versinkt im Chaos, im Jemen haben die schiitischen Huthi-Rebellen Präsident Hadi gestürzt und quasi die Macht übernommen, die Golf-Staaten unterdrücken jede Form der Opposition; gar nicht zu reden von der nach wie vor ungelösten Palästinenser-Frage. Dafür hat der Kampf gegen den IS überraschende, teilweise unheilvolle Allianzen geschaffen. Zwei Erzfeinde – die USA und der schiitische Iran – rücken zusammen, um gegen den sunnitischen IS vorzugehen. Kurdische Peschmerga-Kämpfer und die als Terrororganisation eingestufte PKK (kurdische Arbeiterpartei) werden für ihren Kampf gegen den IS mit modernen Waffen ausgerüstet. Ob sie diese nach einem Erfolg auch wieder abgeben werden, steht in den Sternen. Vielmehr wird es dem Bestreben der Kurden nach einem eigenen Staat nur neuen Auftrieb geben. Welche Staaten dafür Gebiet abtreten müssen? Syrien, der Irak oder/und die Türkei? Letztere wohl kaum. Der nächste kriegerische Konflikt scheint vorprogrammiert.

Die USA wiederum wollen eine internationale Allianz aufstellen, um den IS zu zerschlagen. Die Saudis, aber auch andere Golfstaaten, sollen dabei sein. Schließlich geht es doch um den Erhalt der Dynastien Saud, as-Sabah (Kuwait), al-Thani (Katar) oder al-Chalifa (Bahrain). Allesamt keine Bollwerke der Freiheit und Demokratie. Doch damit von dort das Erdöl auch weiter in den Westen fließt, nimmt man in Washington, London und Co. Menschenrechtsverletzungen, öffentliche Auspeitschungen, Unterdrückung der Frauen etc. in Kauf.
Wie wird das Experiment IS enden? Gibt es eine Alternative neben dem Scheitern des Arabischen Frühlings und dem Voranschreiten des Islamischen Staates? „Ja“, sagt Napoleoni. „Sie setzt Bildung und Wissen voraus sowie ein Verständnis der Art und Weise, wie sich unser politisches Umfeld verändert – dieselben Instrumente, die in der Vergangenheit benutzt wurden, um politischen Wandel nicht durch Blutvergießen, sondern durch Konsens zu erreichen.“ Das Buch ist ein Muss für alle, die den Konflikt und die Hintergründe verstehen wollen – abseits von Stereotypen, Vorurteilen und Medien-Propaganda.

Über die Autorin:
Loretta Napoleoni, geboren 1955 in Rom, ehemalige Fulbright-Stipendiatin und Absolventin der London School of Economics, gilt als Expertin, wenn es um die ökonomischen Grundlagen des internationalen Terrorismus geht. Bekannt wurde sie u.a. durch ihre Studie „Die Ökonomie des Terrors. Auf den Spuren der Dollars hinter dem Terrorismus“ (2004). Napoleoni, die als wissenschaftliche Beraterin u.a. für die UNO sowie als Auslandskorrespondentin tätig war, lebt in London.

Rotpunktverlag, Loretta Napoleoni: „Die Rückkehr des Kalifats“, Sachbuch, 160 Seiten mit einem reichhaltigen Glossar. Aus dem Englischen von Peter Stäuber.

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 18. 2. 2015

Victor Serge: Schwarze Wasser

Dezember 16, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Sieg der Menschlichkeit

indexEs ist ein ruhiger, leiser Roman, den Victor Serge zwischen 1936 und 1938 geschrieben hat, und der 1939 erstmals erschienen ist. Serge macht in „Schwarze Wasser“ lange bevor der Begriff „Gulag“ geprägt wurde, lange vor Arthur Koestler („Sonnenfinsternis“) und lange vor Alexander Solschenyzin („Der Archipel Gulag“) das Leben in den sowjetischen Straflagern zum Thema. Dabei schildert er keine Gewaltexzesse, auch wenn der Terror und der Tod allgegenwärtig sind. Das Menschsein steht im Vordergrund.
Die Sowjetunion, mitten in der Zeit der stalinistischen Säuberungen der 30er Jahre: Michail Iwanowitsch Kostrow, Professor für „historischen Materialismus“ in Moskau, wird wegen „falscher Gesinnung“ verhaftet. Er durchläuft die verschiedenen Stationen des stalinistischen Repressionsapparats und landet schließlich, als er seine Taten „bereut“, in dem entlegenen Ort „Schwarze Wasser“ in der Verbannung. Hier trifft er auf andere Politische, eine Gruppe von Oppositionellen – Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik, die meisten überzeugte Revolutionäre und Gegner Stalins. Trotz unmenschlichen Lebensbedingungen, staatlicher Willkür und der Angst, im Zuge der Säuberungswellen ihr Leben zu verlieren, bewahren sie ihre menschliche Würde und Wärme, und werden nicht müde gegen das herrschende Regime und dessen Terror auch auf subtile Weise Widerstand zu leisten.

Serge beschreibt eine Maschinerie, die die Menschen physisch und seelisch zerstört. In den „Schwarzen Wassern“, ein unwirtlicher Flecken in der kargen russischen Tundra, leben die Gegner des Regimes vor sich hin und sterben in Anonymität. Kompromittiert, auch weil sie etwa in einer Parteigeschichtsstunde über die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Minderheitlern (Menschewiki) und Mehrheitlern (Bolschewiki) 1904 oder über das Lohnsystem diskutiert hatten.
Irgendwie geht aber alles doch seinen gewohnten Gang bis der neue stellvertretende Chef der Spezialabteilung, Genosse Fedossenko, erscheint, um den „gefährlichen Ideen“, die sich in den über das riesige Land verteilten Lagern ausbreiten, ein Ende zu machen. Denn der nächste Parteitag der KPdSU steht an. Und alle fragen sich was Generalsekretär Stalin vor hat: „Wen würde er von der geschwächten Linken zu manipulieren versuchen, um vorübergehend die Rechte zu stärken – oder wen von der entlarvten Rechten, die sich selbst verurteilt hatte, um die eigene Linke auf ihre Seite zu ziehen – die ihm zu misstrauen begann“. Denn sicher ist niemand in der Sowjetunion – weder alte Kampfgefährten, Politbüromitglieder, Regierungsbeamte, die das vorgegebene Plansoll nicht erfüllen konnten, noch lokale Parteisekretäre, kritische Intellektuelle, Arbeiter und Bauern. Und bei wirtschaftlichen Rückschlägen, und deren gab es viele, mussten rasch Schuldige gefunden werden. Dabei konnte man alte Genossen gleich mit aus dem Weg räumen, der Konterrevolution angeklagt. Von oberster Stelle wird eine neue Direktive erlassen, „am Vorabend der nächsten Parteitage unverzüglich jedwede Tätigkeit des linken Sektors zu unterbinden, ohne indes den Deportierten das Gefühl einer zu politischen Zwecken organisierten Kampagne zu vermitteln.“
Den Deportierten geht es an den Kragen. Doch Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik bleiben ihren revolutionären Maximen der ersten Stunde treu. Bevor sie verhaftet werden, diskutieren sie noch einmal über die verratene Revolution. Rodion fragt sich: „Gefängniswärter und Gefangene, wir gehören noch immer zur selben Partei: zur einzigen Partei der Revolution; sie entwürdigen sie, führen sie ins Verderben, wir leisten Widerstand, um sie ihnen zum Trotz zu retten. Angesichts der kranken, von korrupten Karrieristen regierten Partei können wir uns nur auf die gesunde Partei berufen … Aber wo ist sie, wo? Wer ist sie?“

Serges Roman mit seiner kraftvollen Sprache ist zwar Fiktion, aber genährt durch fürchterliche Realitäten, aus Erfahrungs- und Erinnerungsbruchstücken der deportierten linken Opposition und wird so auch zu einem Zeitdokument, das nun 70 Jahre später in Deutsch erschienen ist, in einer exzellenten Übersetzung von Eva Moldenhauer.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Autor erfindet einen Schluss, der dem Leben eine Chance gibt. Dem jungen Rodion gelingt die Flucht, auch wenn sein weiteres Schicksal ungewiss erscheint. Mit Rodions Flucht ist auch das Schicksal des Opportunisten Fedossenko besiegelt.

Über den Autor:
Victor Serge, geboren 1890 in Brüssel, Sohn zweier Emigranten, ursprünglich Anarchist, schloss sich 1919 nach Zwischenstationen in Barcelona und Paris, trotz großer Skepsis den Bolschewiki an und arbeitete später als Journalist, Verleger und Übersetzer für die Komintern. Nach dem Tod Lenins 1924 begann er über seine Besorgnis angesichts der Politik des Regimes zu schreiben. Er kritisierte den Dirigismus, die Bürokratie und die polizeiliche Repression. Die Folge: 1927 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und durfte das Land nicht verlassen. 1933 wurde er wegen seiner Opposition zu Stalin nach Orenburg (Ural) verbannt; 1936 dank einer internationalen Solidaritätskampagne, u. a. von Romain Rolland und André Gide, freigelassen. Serge verließ die Sowjetunion und floh 1941 vor den Nazis aus Marseille nach Mexiko, wo er 1947 starb. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten, darunter „Die große Ernüchterung: Der Fall Tulajew“

Rotpunktverlag, Victor Serge: „Schwarze Wasser“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 16. 12. 2014