Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

aktionstheater ensemble: Jeder gegen Jeden

September 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entsolidarisierung Europas

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

In vorauseilender Paranoia werden die österreichischen Grenzen dicht gemacht. Mit dem Fehlen der Solidarität zum Außen bricht auch die Solidarität im Innen. Vor dieser Kulisse entwirft Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble das Bild einer schleichenden Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft und reißt dieses Szenario auf Alltagskonflikte herunter. „Jeder gegen Jeden“ heißt sein Text dazu, der am 22. September im Werk X uraufgeführt wird.

Waren die Protagonisten etwa aus „Pension Europa“, bei aller Egozentrik, noch zu einem empathischen Miteinander fähig, so dienen die fragmentarischen Dialoge der Figuren nun nur noch dazu, dem eigenen Fortkommen Bahn zu schaffen: Roswitha ist die prototypische Wutbürgerin, für die, wegen TTIP und Finanzwelt, alles den Bach runter geht. Babett ist Mietshausbesitzerin, findet aber keinen Anschluss. Kirstin will keinen Anschluss, fühlt sich vom sozialen Umfeld bedrängt. Isabella will endlich bei einem positiven Stück mitspielen, Susanne ist das sowieso alles scheißegal. Martin ist Anarchist und hätte die Lösung, das will aber niemand hören. Alexander will auch nichts hören, freut sich aber, dass man wieder alles sagen darf. Alev geht ihre Großfamilie auf die Nerven und Michaela will unbedingt ein Watschenspiel machen …

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Bild: Felix Dietlinger/aktionstheater ensemble

Es spielen Babett Arens, Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Alev Irmak, Isabella Jeschke, Alexander Meile, Kirstin Schwab und Roswitha Soukup. Vorstellungen bis 30. September.

Trailer: vimeo.com/167304222

aktionstheater.at

Wien, 13. 9. 2016

Armes Theater Wien: Liebe und Zufall

August 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine entzückende Beschäftigung mit Marivaux

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz Bild: © Vondru

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz
Bild: © Vondru

Es ist ein Wagnis, sich heute mit Marivaux zu beschäftigen. Eines, bei dem ein Teil des Publikums rufen könnte: Der Zopf muss ab! Pierre Carlet de Marivaux, auch Pierre de Chamblain de Marivaux, einer der bedeutendsten Autoren der französischen Rokokowelt hat seinen guten Ruf sozusagen überlebt. Schon Zeitgenossen hielten seine Stücke für reaktionär, wertkonservativ. „Marivaudage“ wurde zum Synonym für Schwulst. Lieblingsmotiv seiner Stücke: Schuster bleib‘ in deiner Gesellschaftsschicht. Wobei Marivaux‘ Bühnenpersonal Adelige, aber keine Höflinge waren, sondern Flüchtlinge in die gemütlichen Eremitagen ihrer Landgüter. Seine Komödien schrieb er der Truppe der Comédiens italiens und ihren Stars quasi auf den Leib. (Auch die private Geschichte des Bürgerssohn Marivaux ist interessant: 1717 erheiratete er ein Vermögen, erbte 1719 ein zweites, nur um sein Geld 1720 beim Zusammenbruch der Banque royale zu verlieren. Was ihn in die Arme des Theaters und des Journalismus trieb. Er gründete Le Spectateur français; die Pompadour setzte ihm eine Leibrente aus.)

Das Arme Theater Wien nahm sich nun das Spiel von „Liebe und Zufall“ her, um daraus eine entzückende Sommerkomödie zu machen. Der Inhalt ist so simpel wie verzwickt: Silvia sieht ihrer arrangierten Hochzeit sorgenvoll entgegen. Um beobachten zu können, wer Dorante wirklich ist, bittet Silvia ihren Vater, Monsieur Orgon, beim ersten Treffen mit ihrem Zukünftigen die Rolle mit ihrer Zofe Lisette tauschen zu dürfen. Monsieur Orgon verschweigt seiner Tochter, dass Dorante genau den gleichen Plan verfolgt und mit seinem Diener Arlequin wechseln will. Amüsiert über diesen Zufall, lässt Monsieur Orgon das Verwirrspiel zu und weiht einzig seinen Sohn Mario ein, um mit ihm gemeinsam das unterhaltsame Schauspiel verfolgen zu können. Entsetzt blicken Dorante und Silvia aus der Dienstbotenperspektive auf ihre Heiratskandidaten, als sich Lisette und Arlequin in ihren Rollen einander vorstellen. Niemals könnte Dorante die hochfahrende Dame lieben, die er da sieht. Und der Herr, der sich als Dorante präsentiert, missfällt Silvia ebenfalls ab dem ersten Moment. Lisette und Arlequin allerdings finden sich und einander unwiderstehlich und verlieben sich prompt. Für Dorante und Silvia aber scheinen die Gefühle, die sie füreinander entwickeln, ein Problem zu sein, glauben doch beide, sich in einen einfachen Dienstboten zu verlieben. Und das geht ja wohl gar nicht. Das seltsame Spiel  nimmt seinen Lauf. Als Silvia herausfindet, wer Dorante wirklich ist, will sie es wissen: Ist seine Liebe so groß, dass er sie auch als Zofe heiraten würde? Und auch Arlequin muss sich irgendwann erklären …

Ja, die Luxussorgen einer Luxusclique. Marivaux‘ Rollentauschkomödie lässt die Standesdünkel sind aneinander reiben, bis die Funken fliegen. Gleich und gleich erkennt sich. Selbst in Verkleidung. Regisseur Erhard Pauer lotet die Untiefen gesellschaftlicher Grenzen aus. Ist Liebe biologischer Instinkt oder verkopftes Gefühl? Das hervorragende Ensemble gestaltet mit spitzzüngigen Sticheleien und einer gehörigen Portion Sarkasmus ein Sprachverwirrspiel. Motto: Auf die Betonung der Sätze kommt es an! Pauer treibt den Stoff auf der Scoville-Skala weit noch oben, inszeniert frisch und flott.

Krista Pauer macht aus dem Ganzen beinah ein Emanzipationsstück, ist ständig im Zwiegespräch mit dem Publikum, wo einige Männer die Schelte für ihr Geschlecht einstecken müssen. Ein als „Herr mit Brille“ entblößter Zuschauer nimmt diese sogar ab, um sich zu tarnen. Krista Pauer, einfach brillant. Doch steht ihr Roswitha Meyer als Lisette in nichts nach. In der Robe und mit Schmuck der Herrin stöckelt sie durch den Raum, als ob es kein Morgen gäbe. Très vürnehm. Aber, immer loyal, lässt sie ihren Dienstherrn Orgon wissen, dass sie bis jetzt nur getändelt habe, würde sie ihre Reize voll ausspielen, wäre der blaublütige Galan wohl hin und weg. Ein Kabinettstück, zu dem Manfred Jaksch als Orgon beruhigt seinen Segen gibt. Er kennt ja die Wahrheit. Die Offenbarungen und Eide häufen sich. Florian S. Fitz ist großartig als Arlequin, erst ein Aufsässiger, den im Anzug seines Herrn die Großmannssucht befällt; doch mit dem Geständnis nur ein „Vorzimmersoldat“ zu sein, fällt die Vornehmheit und er zurück in den Dialekt. In diesen wunderbaren Szenen ist Fitz fast nestroyesk. Steven Klopp als Dorante ist ganz Elegiebürscherl. Interessant, wie die Dienerschaft das Problem der doppelten Lüge viel praktischer aus dem Weg schafft, als Hochwohlgeboren und die höhere Tochter. Wer küsst, kann eben nichts zerreden. Marcel-Philip Kraml ist ein spaßiger Mario.

Beim Schlussapplaus meinte der Sitznachbar, es sei erstaunlich, dass auf „Orgon“ Jaksch, den Doppelspion der Liebe, der das Spiel aus Lust an der Freud‘ noch befeuert, niemand böse sei. Na, weil er so charmant ist. Das wird man doch sehen wollen.

www.armestheaterwien.at

Wien, 14. 8. 2014