Theater in der Josefstadt: Rechnitz (Der Würgeengel)

Januar 16, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tanz der Nazi-Vampire

Sona MacDonald. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „Zu Asche, zu Staub“, den Hit aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“, wo ihn die mysteriöse Severija performte: „Du bist dem Tod so nah / Und doch dein Blick so klar / Erkenne mich, ich bin bereit / Und such‘ mir die Unsterblichkeit …“ Sprechen wird Sona MacDonald nicht, sie bleibt beinah zwei Stunden ohne Sprechtext, bevor sie am Ende vor dem Vorhang Zeugnis ablegt. Bis dahin ist die glatzköpfige Schönheit der

Geist der Vergangenheit, eine Endzeitdiva, eine Vampirin (der Eindruck bestätigt sich, als sie einmal Tamim Fattal in den Hals beißt) – eine Spiegelung jener Gräfin Margit Batthyány, auf deren burgenländischem Schloss in der Nacht vom 24. auf den Palmsonntag 25. März 1945 ein Gefolgschaftsfest stattfand. Die Rote Armee rückt näher, da will man sich einmal noch amüsieren, und so lösen sich kurz vor Mitternacht 15 Personen von der Party, um im Kreuzstadl 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter zu erschießen, zu erschlagen, zu verscharren – das Massengrab wurde bis heute nicht gefunden. Dies Massaker hat Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ dramatisch aufbereitet. Wie stets hat sie eine Textfläche verfasst, Botinnen und Boten berichten vom Vorgefallenen, widersprechen sich, wissen’s auch nicht so genau.

Seit der Uraufführung durch Jossi Wieler 2008 hat man „Rechnitz“ nun schon einige Male gesehen, und die meisten Inszenierungen hangelten sich an der Wieler-Arbeit entlang. Jetzt hat Regisseurin Anna Bergmann, die an der Josefstadt schon „Fräulein Julie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15214) und „Madame Bovary“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28773) realisierte, einen ganz anderen, außergewöhnlichen Blick auf das Werk geworfen. Sie hat zum einen die Botinnen und Boten zu Typen gemacht: ein Waffenmeister, ein SS-Mann, ein Nazi-Bonze, ein Priester, eine Society-Lady, Köchin, Magd, Chauffeur, Fleischhauer, Oliver Rosskopf als der örtliche Gestapo-Führer Franz Podezin, Götz Schulte als Gutsverwalter Hans Joachim Oldenburg, Dominic Oley als Ehemann Graf Ivan Batthyány …

In der Szene „Eine Vorstadtsiedlung“ hat sich schon die Ur-Wiener Nachkriegsgemütlichkeit breitgemacht. Mit Käsekrainern am Kugelgrill und Robert Joseph Bartl als populistischem Politiker samt Rauhaardackel, der sein „So sind wir nicht“ erklärt, und hofft, „dass die bloß nix ausgraben“. Oder Dominic Oley, Oliver Rosskopf und Götz Schulte als den „Hiesiegen“, denen die bekannte Textstelle: „Es können nicht alle Opfer sein!, jemand muss auch Täter sein wollen, bitte melden Sie sich, wir brauchen jeden Täter, den wir kriegen können, denn dann können wir uns selbst dazurechnen, ohne dass man es merkt …“ nachgeboren, unschuldsvermutend von den Lippen perlt.

Tamim Fattal und Michaela Klamminger. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald singt „El male rachamim“. Bild: © Philine Hofmann

MacDonald, Elfriede Schüsseleder und Michaela Klamminger. Bild: © P. Hofmann

Dies der Bergmann zweiter Streich, ihre Spielfassung gliedert den Text in vier Bilder, „Das Fest“, „Die Dienstbotenküche“, „Das Massengrab“, eben „Eine Vorstadtsiedlung“ und einen Epilog für die MacDonald – doch wenn man eine derart grandiose Sängerin an der Seite hat, wäre es eine Schande sie nicht singen zu lassen. Bühnenbildnerin Katharina Faltner hat ein sich drehendes Rundpodest gebaut, die oftmals gewechselten Kostüme sind von Lane Schäfer, in der Mitte Sona MacDonald in Gottesanbeterinnen-Grün, und rund um sie shaken und schütteln sich die Zombie-Blutsauger im Danse Macabre. Tanz der Nazi-Vampire! Ein erstes der folgenden überwältigenden Bilder. Ein Näherrücken-Lassen des Publikums an die Banalität des Bösen, wird doch die Jelineck’sche abstrakte Distanz, die reflexive Ruhe ihrer „Boten“ zum Geschehen durch diese Spielart bis zu einem gewissen Grad ausgehebelt.

Agiert wird intensiv und expressiv. Jede Szene hält für jede Darstellerin, jeden Darsteller – außer MacDonald – eine neue, albtraumhafte Karikatur bereit. Elfriede Schüsseleder ist mal Professorin, mal Köchin, Michaela Klamminger mal Fernsehmoderatorin, mal Magd. Tamim Fatal ist mal Fleischhauer mit blutiger Schürze, dann anrührend das Mordopfer Nikolaus W., dem fröhlich ein Grab geschaufelt wird, in dem der „hohle Mensch“, entleibt seiner Menschenwürde, dem Nichterinnern anheimgegeben, lebendigen Leibes versinken möge. In der Dienstbotenküche singen alle gemeinsam „Is schon still uman See“. Dann senken sich von oben an ein Schlachthaus gemahnende Plastikplanen herab, hüllen die Manege des Grauens ein. Durch die rotmilchigen Folien sieht man einen nackten Männerkörper an einem Fleischerhaken, er zappelt, windet sich, stöhnt.

Das Ensemble beim Untotentanz. Bild: © Michaela Mottinger

Jagdgesellschaft: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf. Bild: © Philine Hofmann

Götz Schulte, Dominic Oley, Robert Joseph Bartl und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Philine Hofmann

Sona MacDonald, Tamim Fattal, mit den Schaufeln: Götz Schulte und Dominic Oley. Bild: © Philine Hofmann

Es naht die Zeit der Abschüsse. Sona MacDonald, die brillante Performerin kann auch Oper. Zu „Wie nahte mir der Schlummer“ und „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen“ aus dem „Freischütz“ kommt die Flinte zum Einsatz. Drei Notenzeilen, drei Mal Anlegen – KlickKnall. In einem fulminanten letzten Auftritt findet Sona MacDonald endlich ihre Sprechstimme, da steht das Schloss schon in Flammen, um die Beweise zu vernichten, und der Daimler zur Flucht bereit. „Ertrage mich jetzt, liebes Land“, fordert die Kriegsverbrecherin von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Dann die MacDonald auf großer Leinwand, ein stiller Schluss nach all dem vor wütendem Zynismus bebenden Remmidemmi. Sie wandert über den Rechnitzacker zum Kreuzstadl, unterwegs liest sie sterbliche Überreste der Opfer auf, es sind nur noch Knochenfragmente. Auf der Bühne bettet sie sie auf einen Tallit. Sie singt „El male rachamim“, ein Gebet für Begräbnisse, Gemeuchelte der Shoa und dieser Zeiten auch Terroropfer. Welch eine Aufführung, welche ein eindringlicher Appell gegen kollektives Schweigen und lautstarkes Verdrängen. Einmal wirft Elfriede Schüsseleder den Satz in die Arena: „Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch.“ Das ist zwar aus Brechts „Arturo Ui“, deswegen nicht weniger wahr.

Anna Bergmanns Trauerarbeit, die der Jelinek ihr Debüt an der Josefstadt bescherte, überzeugt durch Klugheit, Einfallsreichtum und großem Respekt vor dem Werk der Literaturnobelpreisträgerin. Bergmann hat Jelinek gelesen, neu gelesen. Das exzellente Ensemble, dass sich in seinen Rollen immer wieder selbst erschießt, nur um als Wiedergänger um die nächste Ecke zu biegen, denn solcherart weiß Jelinek, weiß Bergmann stirbt nicht aus, tut das Übrige. Es mag dies der Beginn der etwas anderen Jelinek-Rezeption sein. Und nachdenklich auf dem Nachhauseweg sinniert man über den Spießrutenlauf beim Hinweg zum Theater. Samstag war’s, Corona-Maßnahmen- und Impfgegner-Demonstration am Ring. 27.000 Teilnehmende samt rechtem, nein: nicht Rand, rechter Mitte am historisch missbrauchten Heldenplatz. Und auf dem Podium kreischend geifernd … tja, ja …

www.josefstadt.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ahb-OZfVFrs

  1. 1. 2022

Theater in der Josefstadt: Der Weg ins Freie

September 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthur Schnitzler scharfsinnig aktualisiert

Michaela Klamminger, Julian Valerio Rehrl, Alexander Absenger, Elfriede Schüsseleder, Raphael von Bargen und Tobias Reinthaller. Bild: © Roland Ferrigato

Nun ist es doch meist so, dass, betitelt sich eine Neu-, Fort- oder Überschreibung, eine Dramatisierung als Uraufführung, ein Hauch Hybris in der Luft hängt. Nicht so bei der Saisoneröffnungspremiere des Theaters in der Josefstadt. Autorin Susanne Wolf hat Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ für die Bühne nicht „adaptiert“. Sie hat den 113 Jahre alten Text hellsichtig und der aktuellen Zustände ansichtig ajouriert. Hat durchs Brennglas aufs Bestehende geguckt,

Schnitzlers Sprachgebäude entkernt und stilistisch aufs Vortrefflichste ergänzt. Kurz, das heißt: drei Stunden lang, die Intention des Meisters der geschliffenen Gesellschaftsanalyse anno Jahrhundertwende nicht nur verstanden, nein, vielmehr weist Wolf auch diese Tage als ein Fin de Siècle aus, in dem Anstand und Anständigkeit verlorengehen, während allerorts die – was auch immer diese sein sollen: abendländischen – Werte beschworen werden. Antisemitismus, Fremdenhass, Selbstbefragung und politische Sinnsuche, aufs Parteibanner geheftete Parolen von Christlichkeit und Nächstenliebe – „für die unseren“, das alles macht schmerzlich bewusst, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber reimt.

„Mit uns gewinnt man Wählerstimmen“, lässt die Wolf Julian Valerio Rehrl als jüdischen Kadetten Leo Golowski an einer Stelle sagen, einen anderen, dass er nicht für jede „Idiotie eines Juden“ mitverantwortlich gemacht werden wolle. Et voilà. So wird „Der Weg ins Freie“ an der Josefstadt zu den, wie Schnitzler im Briefwechsel mit Literaturkritiker Georg Brandes selbst eingestand, zwei Büchern in einem – zur tragischen Liebesgeschichte zwischen dem Komponisten Baron Georg von Wergenthin und der bürgerlichen Klavierlehrerin Anna Rosner.

Und zu einem Panorama jener jüdischen, nunmehr zu die „Heimat überflutenden“ erklärten „Fremden“, die in Zionismus, Sozialismus, assimilationswilligem Humanismus, ja selbst im Katholizismus ihren Fluchtpunkt vor dem dräuenden „Heil!“ wähnen. Dass die Josefstädter den gepflegten Salonton beherrschen, ist hundertfach geübt, doch Susanne Wolf stattet diesen mit einer beißenden Tiefenschärfe aus. Dem adrett gruppierten Sittenbild stellt sich die Regie von Janusz Kica entgegen, der mit dem ihm üblichen Esprit, mit Sensibilität, seinem Blick fürs Wesentliche und seinem Sinn für Psychologisierung der Figuren ans Werk geht.

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger und Raphael von Bargen. Bild: © Roland Ferrigato

Katharina Klar und Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Im raffinierten Setting von Karin Fritz, einer von oben herabschwebenden Salon-Ehrenberg-Ebene, als Unter- geschoss eine Art Bedrohlichkeit atmender Bunker, die der Epoche entsprechenden Kostüme von Eva Dessecker, springt die Handlung gleich zu Anfang in eine der Soireen der Madame Ehrenberg: Elfriede Schüsseleder, die mit pointiert trockenem Humor glänzt, und der die Lacher gewiss sind, ist die arme Leonie doch von allem und jedem entsetzlich ermüdet. Ihr zur Seite steht Siegfried Walther als Oberzyniker Salomon Ehrenberg, der statt des amüsierten Treibens in seinem Hause lieber angeregte Debatten zur Lage der Nation führen würde.

Doch es sind vor allem Alexander Absenger als Georg von Wergenthin und Raphael von Bargen als Schriftsteller Heinrich Bermann, die das Spiel machen, von Bargens Autor als sich mit Leidenschaft selbst zerfressender Intellektueller, der es lautstark leid ist, auf sein Jüdisch-Sein reduziert zu werden, Absengers Aristokrat als der ewige, bis zur Unverantwortlichkeit törichte Bub, ein „arischer“ Realitätsverweigerer mit nur ab und an hellen Augenblicken. Beide liefern eine fulminante Charakterstudie, wunderbar österreichisch Bermanns Satz: „Die Entrüstung ist hierzulande ebenso wenig echt, wie die Begeisterung, nur Schadenfreude und Hass sind echt“, Absenger brillant als trotziges Kind, das Zeter und Mordio schreit, als sich Anna endgültig von ihm abwendet.

Als diese hat Alma Hasun ihre starken Momente, die geschwängerte Geliebte, die aus Egoismus und „Künstlertum“ so lange beiseitegeschoben wird, bis ihr Selbstbewusstsein als Frau ihr die Rolle des benützten und fallen gelassenen Opfers verbietet und Anna beschließt auf eigenen Beinen zu stehen. In diesem Sinne modern auch Katharina Klar als sozialistische Revolutionärin Therese Golowski, eben erst aus dem Gefängnis entlassen und schon wieder als Frauenrechtlerin auf den Barrikaden. Klar gestaltet diesen Freigeist, der sich die Männer nach Belieben nimmt und abschiebt, mit großer Intensität, spröde und glühend kämpferisch zugleich; die Emanzipation, man kauft sie ihr in jeder Sekunde ab – und schön zu sehen ist, wie sich Klar, bisher als Gast in „Rosmersholm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35913), ins Ensemble einfügt.

Stets eine Freude ist es, Julian Valerio Rehrl zu erleben, als verzweifelt aufbegehrenden Leo Golowski, dessen Demütigung als Jude beim Militär mehr Raum als im Roman gegeben wird, ist die Dramatisierung doch angereichert mit persönlichen Notizen Arthur Schnitzlers und originalen politischen Zeitstimmen. Rehrl weiß seinen Auftritt als Duellant zu nutzen, ebenso wie Michael Schönborn, dem die Figur des Rechtspopulisten Ernst Jalaudek auf den Leib geschrieben wurde, ein Deutschnationaler, der den Antisemitismus so lange hochhält, bis seine Fraktion den Nutzen der jüdischen Bankiers für die Bewegung ins Visier nimmt.

Oliver Rosskopf und Alma Hasun. Bild: © Roland Ferrigato

Alexander Absenger. Bild: © Roland Ferrigato

Absenger und Katharina Klar. Bild: © Roland Ferrigato

Klamminger, Rehrl, Siegfried Walther, Joseph Lorenz und Elfriede Schüsseleder. Bild: © Roland Ferrigato

Schönborn, Beweis dafür, dass es keine „kleinen Rollen“ gibt, lässt seinen Jalaudek im gemütlichsten Wiener Plauderton derart vor den sattsam bekannten Ressentiments triefen, dass es einen tatsächlich ekelt. Und sagt er „Wir sprechen aus, was der kleine Mann denkt“, so lauert die Gefahr in jeder Silbe, die Argumente, sie scheinen so hieb- und stichfest wie Waffen. Die Paranoiker in der Runde, sie behalten im Zeitalter des strategischen Antisemiten und Wiener Bürgermeisters Karl Lueger niederschmetternd recht. Weitergedacht mag via des Wahlkampfauftakts in Oberösterreich werden, Deutschkenntnisse als Daseinsberechtigung und Null-Asylwerber-Quote sind – hier die jüdischen Zuwanderer betreffend – auch Thema bei Susanne Wolf.

In dem Zusammenhang und um die politische Stimmung festzumachen, wurde mit Jakob Elsenwenger die Figur von Annas Bruder Josef Rosner, einem Parteiblatt-Redakteur aufgewertet. Tobias Reinthaller frönt als Jockey und Bonvivant Oberleutnant Demeter Stanzides dem Alltagsrassismus. Eine Idealbesetzung ist Michaela Klamminger als schöne, kluge, vergeblich in Georg verliebte, nichtsdestotrotz leichtfüßige Else Ehrenberg. Als Vater und Sohn Stauber überzeugen Joseph Lorenz, sein Doktor Stauber sen. selbstverständlich Schnitzler vom Feinsten, und Oliver Rosskopf, als ebenfalls Arzt und sozialistischer Abgeordneter ein Ehrenwerter in dieser Gesellschaft.

Zwischen Kulturdebatten über Kunst als Mittel zu Propaganda und Agitation, zu blütenweiß-grell erleuchteten Albtraumbildern, erweitert sich die Kluft zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten, der vielstimmige Chor der Salonière Ehrenberg zerfällt in gequält grüblerische Einzelgänger. Einzig ihre gebrochenen Herzen sind noch ineinander verwoben, so zeigt das erste Bild nach der Pause: alle Darstellerinnen und Darsteller auf langer Bank aufgereiht, in parallele Dialoge verstrickt, sich selbst und die anderen beobachtend, mit dem Selbst- und dem Fremdbild ringend, all dies dargeboten in einem steten Changieren zwischen Drama, Lakonie und Sarkasmus, die k.u.k. Oberfläche, die Oberflächlichkeit der besseren, der gutbürgerlichen Leut‘ von Janusz Kica ausgeleuchtet bis in ihre impertinente Bodenlosigkeit.

„Der Weg ins Freie“, so ist in dieser Aufführung zu lernen, ist ein innerer, verbunden mit Charakterprüfung, Gewissenserforschung, dem täglichen Versuch, auf dem Pfad der Menschlichkeit und des Mitgefühls nicht zu straucheln. Dies das Private, was das Politische betrifft: Wehret den Anfängen! Immer! Jetzt!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=GPWEsZfVoL4             www.josefstadt.org           www.susannewolf.at

  1. 9. 2021

Kammerspiele der Josefstadt auf ORF III: Der Vorname

April 8, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Am 9. April um 20.15 Uhr zeigt ORF III in seiner Reihe „Wir spielen für Österreich“ die Komödie „Der Vorname“ aus den Kammerspielen der Josefstadt. Hier noch mal die Rezension vom Oktober 2019:

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent

Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert. Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen.

Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf und Michael Dangl. Bild: Herwig Prammer

Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem …

Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert! Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34995

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

tv.orf.at/program/orf3          Danach sieben Tage in der tvthek.orf.at

8. 4. 2021

Kammerspiele: Der Vorname

Oktober 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert.

Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen. Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger als die werdenden Eltern Vincent und Anna. Bild: Herwig Prammer

Claudes Geheimnis beschert ihm eine blutige Nase: Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem … Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert!

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Radetzkymarsch

Mai 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die papierene Welt wird in der Luft zerrissen

Freunde im Feld: Florian Teichtmeister als Carl Joseph von Trotta und Alexander Absenger als Rittmeister Tattenbach. Bild: Moritz Schell

Dass man am Dramatisierungsversuch des Joseph-Roth-Romans „Radetzkymarsch“ nur in mal mehr, mal weniger Schönheit scheitern kann, haben schon andere bewiesen. Nun darf sich auch Regisseur Elmar Goerden in diese Riege durchaus illustrer Namen reihen, sein Zugriff auf den Stoff vom Theater in der Josefstadt stolz Uraufführung genannt und gestern ebendort über die Bühne gegangen, seine Inszenierung ein knapp zweistündiges Experiment.

Das lediglich an der Oberfläche des monumentalen Wunderwerks kratzt, aber nie wirklich unter die Haut geht. Was der Aufführung fehlt, ist diese gewisse Tanz-auf-dem-Vulkan-Atmosphäre, mittels der sich Untergang der Habsburger Monarchie und Niedergang der Trotta-Dynastie mischen, wenig weist hier auf den Seelenzwiespalt von dekadenter Lebensführung, Standesdünkel und devoter Pflichterfüllung hin, die der besseren k.u.k.-Gesellschaft schließlich zum Schicksal wurde. Nichts verweist ins Heute, da ein neuer Nationalismus die Länder Europas wie dereinst im Vielvölkerstaat gerade wieder auseinandertreibt.

Goerdens Arbeit ist, wiewohl Carl Joseph von Trotta dem Trunke ja nicht abgeneigt ist, allzu nüchtern. Florian Teichtmeister, den Hausherr Herbert Föttinger bei der Premierenfeier Richtung Burgtheater verabschiedete, zeigt ihn nicht als sensiblen, weichen Charakter, sondern von Beginn weg resignativ, müde, ohne Hoffnung auf ein – in jeder Bedeutung des Wortes – Fortkommen.

Peter Scholz, hier als Kapturak, mit Florian Teichtmeister und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Joseph Lorenz als Bezirkshauptmann Franz von Trotta und Florian Teichtmeister. Bild: Moritz Schell

Das mag daran liegen, dass ihm eine schwarzgewandete Parze gleich zu Anfang sein Ende vorhersagt, den tödlichen Treffer beim Wagnis, für seine Kameraden Wasser aus einem Brunnen zu schöpfen. Der Gedanke tut sich auf, ob das Ganze so etwas wie Carl Josephs Albtraum ist, dem er erstaunt zusieht, während ihn die Geister seiner Vergangenheit heimsuchen. Andrea Jonasson gibt die hier androgyn schillernde Figur des Grafen Chojnicki als eine Art mephistophelischen Conférencier, ein Chacun à son Goût umlächelt ihre Lippen, doch wie das Gros der Darsteller wechselt sie zwischen Erzählstimme und ihrer Rolle, beides in ausschließlich Originaltext.

Und in einem Tempo, das so rasch von der Totalen ins tiefste Innere der Figuren zoomt und wieder zurückschnellt, dass einem schwindlig werden könnte. Das ist einer der gelungenen Einfälle Goerdens, wenn auch nicht nagelneu, um die Diskrepanz zwischen Gedachtem und Gesagten zu verdeutlichen. So kommt‘s beispielsweise in einer Abschiedsszene zwischen Bezirkshauptmann und Leutnant Trotta aus dem Off: „Obwohl er sagen wollte: Ich liebe dich, mein Sohn!, sagte er lediglich: Halt dich gut.“

Andrea Jonasson als Graf Chojnicki. Bild: Moritz Schell

In diversen Rollen: Pauline Knof, Alexander Absenger, Alexandra Krismer, Michael König und Oliver Rosskopf. Bild: Moritz Schell

Diesen Franz von Trotta stattet Joseph Lorenz als erstem Leidenden am Mythos des Helden von Solferino mit steifer Oberlippe aus, seine Kaisertreue ist das verkrustete Korsett, das ihm die Atemluft aus dem Körper presst, und Lorenz, ein Meister in der Gestaltung des Altösterreichischen, gelingt es, diese Haltung zu wahren, obwohl er in der schnellen Szenenabfolge de facto nicht viel zum Spielen kommt. Mit Jonasson, Teichtmeister und Lorenz hat es sich auch schon mit der Ausführung nur einer Figur, andere stemmen bis zu fünf Rollen.

Michael König etwa alle Alten, vom verwichenen Stammvater Trotta, der sich per Blick durch seinen Gemälderahmen bemerkbar macht, bis zum sterbenden Diener Jacques, der ihm allerdings zur Nachthemd-Karikatur gerät. Gelungen dafür, apropos: Nachthemd, sein Sekundenauftritt als Kaiser Franz Joseph, den der König nicht als senilen Herrscher zeigt, sondern als einen, der in diskreter Audienz mit Trotta-Lorenz die Angelegenheiten für Trotta-Teichtmeister regelt. Nicht viel mehr als vorbeihuschen auch Pauline Knof als die Geliebten Katharina Slama und Eva Demant, mit beide Mal letalem Ausgang.

Und Alexandra Krismer, die Carl Josephs Nummer drei, Valerie von Taußig, wenigstens etwas groteske Exaltiertheit anzuhaften vermag. Mit Alexander Absenger und Oliver Rosskopf ist sie auch auf diverse Offiziere abonniert, wobei das Trio das militärische Personal in unterschiedlichen Schattierungen von schrill anlegt. Peter Scholz ist erst der jüdische Regimentsarzt Doktor Max Demant, dann Kasinobetreiber Kapturak, bleibt aber in Goerdens Versuchsanordnung in beiden Rollen blass.

Zum papierenen Gesamteindruck passt das Setting von Silvia Merlo und Ulf Stengl, ein mit dem empfindlichen Material ausgekleidetes Gerüst, Stelen einer steril-weißen Welt, die mit Ausbruch des Krieges vom Ensemble in der Luft zerrissen wird. Als wär’s das Synonym einer strahlenden Fassade, die längst am seidenen Faden hing. Immerhin: Ein stimmiges Schlussbild für einen Abend, der den Weitblick in den Abgrund zwar verweigert, aber vom Publikum mit freundlichem Applaus bedankt wurde.

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  1. 5. 2019