Volksoper: Das Gespenst von Canterville

Oktober 19, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht wirklich wilde’sche Geisterstunde

Der Spukstar unterhält seine untoten Fans: Morten Frank Larsen als Sir Simon, Gespenst von Canterville, mit Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Pausengespräch drehte sich ums „Wie geht das?“, sind doch eben zum Mitternachts- glockenschlag die Geister aus ihren Gemälden gestiegen, sozusagen vom lebendigen Bild zum untoten Ensemble geworden, um ihrem Spukstar zu huldigen – Sir Simon, seines Zeichens „Das Gespenst von Canterville“ und nunmehr Protagonist der ihm gewidmeten Familienoper von Marius Felix Lange, die die Volksoper als österreichische

Erstaufführung zeigt. Um es kurz zu machen: Die Geheimnisse der Bühnenmagie werden nicht gelüftet, kein Zauberer verrät freiwillig seine Tricks, und Multimedia-Künstler Roman Hansi ist ein großartiger, wie er mit dieser Arbeit einmal mehr beweist. Die von ihm kreierten Video-Wiedergänger fallen im Wortsinn aus dem Rahmen und handeln mysteriös eigenmächtig, wenn sie auf die Solistinnen und Solisten reagieren, erstaunt über Frauke-Beekes Hysterieanfall, erfreut über den schüchternen Kuss zwischen Virginia und David, bevor sie ihre „Rollen“ an Chor und Komparserie weiterreichen.

Hansis grünwirbelnder Sturmwind sowie ein Kameraflug durch den Friedhofswald sind ein ausgeklügelter Hightech-Kontrast zum elegant verfallenden Schloss Canterville von Walter Schütze. Wendeltreppauf, -treppab, mal den Morgenstern schwingend, mal mit seinen Sünderketten rasselnd, fegt Morton Frank Larsen als Sir Simon durch Philipp M. Krenns schnittige Inszenierung. Gerrit Prießnitz am Pult führt das Volksopernorchester mit Verve durch Langes Partitur, deren expressiver Stil immer wieder für musikalische Überraschungen gut ist, wenn etwa die Ouvertüre schon als komplette Geisterstunde komponiert ist, Sir Simon beim Geständnis der Ermordung seiner Frau das Volkslied „Flower of Scotland“ zitiert.

Oder die Zwillinge Leon und Noel, alias die Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig, ihre Partien als Rap singen, wie überhaupt jede der Figuren ihr kleines Leitmotiv hat. Der „Sound“ ist also farbenprächtig und humorvoll und meistens ziemlich laut, nicht zuletzt wegen der zusätzlich verwendeten Marimba, Donnerblech, Ketten und Windmaschine, und das stellt sich, zusammen mit dem Einsatz eines ungeheuren Schlagwerks und dergestalt dem Vermissen von subtilen, lyrischen Klängen, alsbald als Crux bei der Sache heraus. Wie der Komponist ist auch Librettist Michael Frowin vorrangig um den Funfaktor bemüht, und zusammen ergibt das eine Leerstelle im Werk.

Sir Simon, hier geistreich auf der Höhe …: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

… und wenig später der Verzweiflung nahe: Morten Frank Larsen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine Auslassung, was Oscar Wildes Sinn für fein geschliffene Satire und spitzzüngigen Sarkasmus betrifft. Heißt: Tempo und Timing, Pointe und Persiflage – ja, gewitzte Tiefenbohrung ins Geistreiche – nein. Der Blutfleck-Gag kommt freilich vor, auch der abgetrennte Kopf unter der Speiseglocke oder das Schmieröl für die quietschenden Spukutensilien. Die Jungs jagen das Gespenst mit Wassergewehren, Sir Simons Verzagtheit ob seiner Verdammnis zur ewigen Existenz allerdings gerät zu sehr zur komischen Parodie. „Kindes Mitleidsträne“, wie sie das alte Erlösungsgedicht von Virginia einfordert, gibt es gar nicht.

Statt einer Art mädchenhafter Romantik hat sich Anita Götz als Virginia aufs Aufmüpfig-Burschikose vergelegt, sie ist das Superhirn hinter den Streichen, die Sir Simon retten sollen, will doch Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen dessen Anwesen in Schutt und Asche legen, um auf seinem Platz ein Halloween-Eventresort aufzubauen. Nelsen gelingt die Gestaltung der überreizten, überspannten Großstadthyäne ebenso, wie Götz die der zupackenden, problemlösungsorientierten Gymnasiastin, stimmlich changieren die Damen zwischen scharf und schrill. „Meckerziege“ nennen die Kids die Assistentin und Geliebte ihres Vaters ja nicht umsonst.

Wie dem Vornamen Frauke-Beeke anzumerken, hat Michael Frowin die amerikanische Botschafterfamilie in die eines deutschen Immobilien-Unternehmers verwandelt. Diesen Georg König singt und spielt Reinhard Mayr. Der oberösterreichische Bassist, Kürzesteinspringer, nachdem sowohl Martin Winkler als auch Alternativbesetzung Daniel Ohlenschläger krankheitsbedingt ausgefallen waren, kennt die Partie seit der Uraufführung in Zürich und ist nach nur einer Woche Probenzeit entsprechend perfekt. Seine Szenen mit Larsens Gespenst sind die gesanglichen wie darstellerischen Highlights, wenn der selbsternannte, selbstverliebte, so schön stöhnende Gruselgott auf den prinzipienreitenden Pragmatiker trifft, und schließlich die Schreckgestalt selbst zum Erschreckten wird.

Der neue Schlossherr bietet dem Gespenst Schmieröl für die Ketten an: Morten Frank Larsen und Reinhard Mayr. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beeke schmiedet sinistre Pläne: Rebecca Nelsen mit Regula Rosin und Paul Schweinester. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Spukrequisiten soll das Schlimmste verhindert werden: Schweinester mit Lukas Karzel, Anita Götz und Stefan Bleiberschnig. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Frauke-Beekes unfreiwilliger Abgang: Nelsen mit Bleiberschnig, Karzel, Schweinester und Götz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Regula Rosin bringt als Haushälterin Mrs. Umney ihren kräftigen Sopran zur Geltung, und steigert diesen – tatsächlichen – Charakter von kopfschüttelndem Unverständnis zu gereiztem Unmut zu kämpferischer Wut angesichts des Verhaltens der neuen Herrschaft. Peter Schweinester ist als Sohn David Umney ans Haus zurückgekehrt, und was seinem ansprechenden Tenor in der Höhe mitunter abgeht, macht er mit überbordender Spielfreude wett. Schweinesters David wird schließlich gemeinsam mit den quirligen Twins Karzel und Bleiberschnig, Anita Götz‘ Virginia und Sir Simons dämonischen Requisiten die böse Hexe Frauke-Beeke zum unfreiwilligen Verschwinden bringen. Damit‘s märchenhaft heißen kann: Ende gut, alles gut.

Fazit: Eine wirklich wilde’sche Geisterstunde ist „Das Gespenst von Canterville“ an der Volksoper nicht, einiges daran wirkt eher untief als untot. Das Premierenpublikum war aber ohnedies darauf eingestellt, sich amüsieren zu lassen. Der verstorbene Canterville’sche Clan, der die Zuschauer schon im Foyer abholt und dabei gerne für ein schauriges Selfie zur Verfügung steht, sorgt bereits ab da für beste Stimmung, der Applaus am Schluss war entsprechend. Ein Sammlerstück wird sicher das Programmheft – mit Gespenstermaske und Sir-Simon-Badge, Rätselgedicht und per App zu bewegenden Geisterporträts ein Must-have.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Ma7GfJj0HTg           www.youtube.com/watch?v=Yongnn6Jq24 Komponist Marius Felix Lange, Dirigent Gerrit Prießnitz und Regisseur Philipp M. Krenn im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=YnWqPYC7FY0           www.volksoper.at

  1. 10. 2019

Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

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  1. 6. 2019

Volksoper: Carousel

März 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss was zum Mitsummen

Das Ensemble der Volksoper liefert gesanglich und darstellerisch eine Glanzvorstellung. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Es ist kein Leichtes, Rodgers‘ und Hammersteins „Carousel“ auf die Bühne zu bringen. Weder für Darsteller noch für Publikum. Gesang geht nahtlos in Textpassagen über, deren gibt es vor allem im zweiten Akt so ausufernde, dass man meint, hier würde aufs Singen ganz vergessen. An der Volksoper, wo man sich unter der Direktion Robert Meyer hohe Kompetenz in Sachen klassisches Musical angeeignet hat, ist die Übung nun aber gelungen. Zumindest über weiteste Teile.

Der einzig mögliche Einwand allerdings wiegt mittelschwer, nämlich, dass die Sprechstrecken so gestelzt und aufgesetzt daherkommen, wie es heute am Musiktheater wahrlich nicht mehr sein muss. So überzeugt das „Carousel“ in erster Linie musikalisch. Joseph R. Olefirowics als Mann am Pult weiß sowohl die lyrischen wie auch die temperamentvollen Stellen gekonnt zu dirigieren. Der Chor tut wie stets das Seinige, dass der Abend ein Vergnügen ist. Inszeniert hat Henry Mason – er ist auch für die deutschsprachige Fassung verantwortlich, die ein, zwei Mal (zum Beispiel bei „Wär‘ es Liebe) über die Noten holpert – ohne viel Schnickschnack, eine Zeitreise ins vorvorige Jahrhundert, deren Bühnenbild von Jan Meier Geschmackvolles zeigt: einen Jahrmarkt, eine Landschaft am Meer, den Sternenhimmel. So erzählt sich die von Ferenc Molnárs Drama „Liliom“ übernommene Geschichte so ziemlich kitschbefreit.

Als Billy Bigelow, heißt: Liliom, kann Daniel Schmutzhard mit seinem schönen Bariton ideal bestehen. Der Opernsänger meistert seine erste große Musicalrolle auch darstellerisch, gibt den Kraftlackel und Aufschneider, der die Jahrmarktsmenge im Griff hat, bevor er beim Monolog/„Soliloquy“ Billys sanfte, verletzliche Seite offenbart. Nichts desto trotz bleibt sein Karussellausrufer ein Unangepasster, eine verlorene Seele in Spießertown. Das bevölkern: Mara Mastalir als brave Textilarbeiterin Julie Jordan, die darstellerisch tatsächlich so etwas wie einen Hauch Naturalismus aufkommen lassen möchte. Ein Bravo hierfür! Johanna Arrouas, die alles aus ihrer Carrie Pipperidge herausholt und auf der ganzen Linie überzeugt, sowie Jeffrey Treganza als ihr biederer Enoch Snow.

Christian Graf als Jigger Craigin und Johanna Arrouas als Carrie Pipperidge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Daniel Schmutzhard als Billy Bigelow und Mara Mastalir als Julie Jordan. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Christian Graf ist ein fabelhafter, cooler Bösewicht, der seinen Jigger Craigin zur Charakterstudie macht, Regula Rosin eine gute Mrs. Mullin, Nicolaus Hagg ein souveräner Bascombe, Atala Schöck eine schön solide Nettie und Robert Meyer ein köstlich-kauziger Sternwart – mit langem weißen Herrgottsbart und Arbeitsoverall eine Art Himmelshausmeister. Ganz großartig ist Astrid Renner als Julies Tochter Louise Bigelow. Sie meistert die Balletteinlage nach dem Original von Agnes de Mille, das Francesc Abós wie alle De-Mille-Tänze neu einstudiert hat, fabelhaft. Fein auch, die wie Solistinnen und Solisten tänzerisch in jeder dafür notwendigen Szene mithalten. Zum Schluss ertönt noch einmal „You’ll never walk alone“ – längst bekannt als die Fußball-Hymne des FC Liverpool – als Chorversion. Perfekt, um mitzusummen nach einer fast perfekten Aufführung.

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  1. 3. 2018

Volksoper: Der Kongress tanzt

Februar 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Film- zum vorprogrammierten Bühnenhit

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Na also, endlich. Europahauptstadt. Nicht, dass dadurch die Weltpolitik besser würde, aber der Veltliner … Wien und der Wein. Und das Weib natürlich. Und die Walzerseligkeit. Und die Heurigenstimmung. Tourismusverbände aller Länder, vereinigt euch! An der Volksoper hatte „Der Kongress tanzt“ Premiere.

Das war einmal ein Film von Erik Charell mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. 1931 in die Kinos gebracht, 1937 verboten. Die Handlung trägt sich zur Zeit des Wiener Kongresses zu. Metternich will bei seinen Verhandlungen möglichst keine Gegenstimme und daher Alexander von Russland ausschalten. Der, ein bekannter Steiger, sollte relativ einfach in ein amouröses Abenteuer zu verwickeln sein, und deswegen den Abstimmungen fern bleiben. Und so kommt dem Fürsten die junge Handschuhmacherin Christel gelegen, die aus Werbezwecken jedem Staatsgast ein Blumensträußchen zuwirft – und den Zaren damit auf den Kopf trifft. Als sich die „Bombe“ als Bouquet entpuppt, entwickelt sich eine Romanze, sehr zum Ärger von Geheimsekretär Pepi, der in die schöne Ladenbesitzerin bis über beide Ohren verliebt ist. Ausgerechnet er soll aber nun den Zaren immer weiter in die „Weibergeschichte“ verstricken. Doch der hat einen Doppelgänger mit nach Wien gebracht und schafft es daher, Staatsgeschäfte und Liebesangelegenheiten parallel zu erledigen …

Die unsterblichen Melodien dieser Leinwandoperette stammen aus der Feder von Werner Richard Heymann: „Schön ist das Leben“, „Das muss ein Stück vom Himmel sein“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“. „Sie kennen mich nicht, aber sie haben schon viel von mir gehört“, war später Heymanns Auftrittssatz, sein Gag bei Konzerten. Der gebürtige Königsberger, wesentlichster Komponist der Comedian Harmonists, auch Mitarbeiter und dann Nachfolger von Max Reinhardt an dessen Bühne „Schall und Rauch“, war ein glühender Europäer. So sehr, dass er, 1933 von den Nazis mit Berufsverbot belegt und ins Exil gejagt, nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er in den USA beachtliche Erfolge hatte, unter anderem die Musik für die Ernst-Lubitsch-Filme „Ninotschka“ und „Sein oder Nichtsein“ schrieb und mehrmals für den Oscar nominiert war. Volksoperndirektor Robert Meyer und Komponist und Arrangeur Christian Kolonovits haben Heymanns Schatz nun für das Haus am Gürtel geborgen. Der Film- ist ein vorprogrammierter Bühnenhit. Mit allem, was der Gast aus dem In- und Ausland zu schätzen weiß.

Dies ist allem voran Kolonovits zu danken. Er hat die Musik sozusagen aus dem Film abgeschrieben. Denn es gibt von „Der Kongress tanzt“ weder Partitur noch Orchesterstimmen, nur ein paar Klavierauszüge und einige Skizzen haben das Dritte Reich überlebt. Kolonovits schaffte es durch liebevolles Hinhören das Flair der 1930er-Jahre wieder aufleben zu lassen – inklusive des charakteristischen Kratzens alter Schellack-Platten. Er dirigiert seine „Originalklang-Operette“ selbst, und das wunderbar wandlungsfähige Volksopernorchester, das schon mehrmals unter Beweis gestellt hat, wie schwungvoll es swingen kann, wird in seinen Händen zur Big Band. Allein schon sein Sound ist diesen Feel-Good-Abend wert.

Inszeniert hat Robert Meyer mit viel Spaß an der Sache und zart eingesetzten Zeitbezügen. Etwa, wenn sich sein Metternich als geistiger Großvater der NSA zeigt, oder Fritz von Friedl als Bürgermeister ein Original ist, dass dem echten rein zufällig ein bisschen ähnelt. Auch, dass Wien anno 1814 nur ums Eck von Brüssel 2016 liegt, zeigt er ganz klar. Viel – musikalisches – Muskelspiel, aber dürftig in den politischen Beschlüssen. „Der Kongress gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu vertauschen“, notierte der preußische Generalfeldmarschall Blücher damals. Um den schnellen Filmschnitten gerecht zu werden, gleiten die Szenen, begleitet von Spieluhrmusik, die Darsteller wie deren Figuren aufgestellt, auf der Drehbühne vorbei. Das ist eine schöne Idee, doch wird die Handlung, bevor sie richtig Fahrt aufnimmt, von diesem steten Wechsel ein wenig ausgebremst. Das ist schade. Unterm Strich aber hat Robert Meyer, der als Metternich selbstironisch über sein Los als „Führungspersönlichkeit“ klagt, für sein Haus einmal mehr ein perfektes Ensemblestück ausgesucht. Jeder kommt hier zu seinem großen Auftritt.

Das nutzen Anita Götz und Michael Havlicek ganz vorzüglich. Als Christel und Pepi sind die Sopranistin und der Bariton sowohl komödiantisch als auch gesanglich ein Traumpaar. Sie, die freche Resche mit leichter Bissgurn-Veranlagung, er, der Stotterer in Liebesdingen, ein Pantoffelheld schon vor der Heirat. In viel zu riesiger rosa Robe, ein textiles Sinnbild für: diese Welt ist nicht die ihre, wartet sie in der Hofburg auf den Zaren, der am Ende doch abreisen wird. Worauf sie sich nicht – siehe Film – sofort ihrem Pepi in die Arme wirft, sondern erst einmal, weil ja jetzt als Adelspantscherl berühmt, im Laden das große Geschäft macht. Das ist Emanzipation für beide Geschlechter, weil auch ein Pepi hat nicht alles nötig. Havlicek spielt das sehr charmant, er hat als Pepi durchaus Herzensbrecher-Potential. Boris Eder brilliert in der Doppelrolle als Zar Alexander und dessen Double Uralsky. Eder kann sowohl den weltgewandeten Verführer als auch den einwandfreien Dodl überzeugend über die Rampe bringen, und ist stimmlich sowieso glänzend. Seinem kurzsichtigen Uralsky, dem Thomas Sigwald als Adjutant Bibikoff die Brille wegnimmt, was zusätzlich für dessen Verwirrung und ergo Tumult sorgt, hätte man einen Slapstick mehr sehr gerne gegönnt. Mit Agnes Palmisano besingt eine waschechte Dudlerin Wiens alkoholische Qualitäten. Nicolaus Hagg jammert als Finanzminister gekonnt über die Kosten.

Zusätzliche Heymann-Lieder peppen die Aufführung auf. Wie für die Zusammenstellung einer Revue haben Kolonovits und Meyer gut gewählt, was zur Handlung passt. Zar-Eder darf auch noch „Hoppla, jetzt komm‘ ich“ aus dem Film „Der Sieger“ anstimmen. Für Regula Rosin als Fürstin wurde mit „Die älteren Jahrgänge“ aus „Professor Unrat“ ein gesanglich-kabarettistisches Kabinettstückchen gefunden. Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Axel Herrig, Bernd Birkhahn, Franz Suhrada und Gernot Kranner wissen als gekrönte und gewählte Häupter „Einmal schafft’s jeder“ – aus „Ein blonder Traum“. Und Robert Meyer hat für sich den „Alraune“-Tango „Heut‘ gefall‘ ich mir“ reserviert. Noch nie war Metternich so sexy.

Zum großen Schlussapplaus gab’s als Da Capo Christels „Das gibt’s nur einmal“. Als es am 8. Mai 1945 in Berlin keinen Strom, daher auch kein Radio gab, wussten die Menschen vielerorts nichts davon, dass die Wehrmacht die Waffen niedergelegt hatte. Da spielte beim Bahnhof Zoo ein russischer Lautsprecherwagen die Melodie – und die Berliner wagten sich aus ihren Verstecken. So etwas muss man erst einmal schreiben: Ein Lied, mit dem das Kämpfen endet und der Friede beginnt. An der Volksoper jetzt wieder zu hören. Ein Evergreen als zart eingesetzter Zeitbezug. Jeder Frühling hat nur einen Mai …

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Wien, 21. 2. 2016

Volksoper: Der Zauberer von Oz

Dezember 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach entzückend

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Henry Mason inszenierte an der Volksoper Harold Arlens Musical „Der Zauberer von Oz“ nach dem Roman von L. Frank Baum, und das ist ihm so hinreißend gelungen, dass man gar nicht weiß, wo anfangen zu erzählen. Der Abend ist der Stoff aus dem die Publikumslieblinge gemacht werden. Und da ist der persönliche Hündchen Toto, bewegt von Puppenspieler und Volksopern-Debütant Daniel Jeroma, der die ganze Zeit über mit auf der Bühne ist. Es ist schon was anderes, hätte man Dorothy ein lebloses Plüschtier unter den Arm geklemmt, als hier ein Wesen, das wedeln, winseln und Mitspieler abbusseln kann. Für die Idee das erste Bravo.

Johanna Arrouas brilliert in der Rolle der Dorothy, ein Temperamentbündel, das Herz und Mund am rechten Fleck hat – und letzteren auch „aufzureißen“ versteht. Gesanglich, darstellerisch und konditionell ist Arrouas top. Nach Rundendrehen rund um die Rundbühne zu stoppen und drauflos zu schmettern, da gehört was dazu. Den großen Hit des Musicals „Over the Rainbow“ gibt sie auf Englisch. Was ihr fehlt ist die leise Melancholie, die die ein Leben lang unglückliche Judy Garland in Victor Flemings Film aus dem Jahr 1939 einbrachte. Aber, hallo, 2014 sind Mädchen eben emanzipierter und schicken sich nicht in eine Situation, nur weil es sich schickt.

„Der Zauberer von Oz“ ist ein Märchen für Kinder und im Herzen Kind Gebliebene. Ein Märchen mit Message, denn was braucht Mensch mehr als ein Herz, ein Hirn, Mut und ein Heim. Sehr schön die wortwitzige deutsche Fassung von Klaus Eidam. Masons Arbeit ist komplett große Broadwayshow. An Bühnendarstellern inklusive Kinderchor herrscht kein Mangel, einer mehr draußen und die Bretter, die die Welt bedeuten, würden unter der Last der Menschenmassen zusammenbrechen. Im Zehnminutentakt, so scheint’s, werden Kostüme und Bühnenbild gewechselt. Jan Meier (Bühne und Kostüme) hat sich dafür erst ein nostalgisches Ansichtskarten-Kansas („Greetings from Kansas“ steht in der oberen Ecke der Farm von Onkel Henry – ein zwischen Verzweiflung und Zorn changierender Wolfgang Gratschmaier und der gutmütigen Tante Em – Regula Rosin) einfallen lassen, dann eine kunterbunte Oz-Welt. Eine Materialschlacht. Lorenz C. Aicher dirigiert mit so viel Schwung, dass es ihn manchmal aus der Kurve trägt. Musikalischer Höhepunkt natürlich der „Jitterbug“, mit dem die böse Hexe des Westens die Eindringlinge in ihr Reich unschädlich machen will. Sie, das heißt: er, ist die nächste Sensation: Christian Graf auf einem Easy Rider-Chopper mit Spitzhut, ganz grün im Gesicht, mit grün-schwarz geringelten Strümpfen. Sehr sexy und sehr stimmgewaltig. Er ist großartig böse in beiden Rollen, auch als Almira Gulch in Kansas.

Dorothys Begleittrio ist ebenfalls zum Niederknien: Allen voran Peter Lesiak als Vogelscheuche, die lieber Hirn statt Stroh im Kopf hätte, obwohl nicht wenige so gut leben, ein gleichgewichtsgestörtes Tanztalent, ein Erzkomödiant, der seinen Bariton bis in die Ränge schmettert. Oliver Liebl gibt den Blechmann als Schmerzensmann, staksig, nah am Wasser gebaut, was zur Immer-wieder-Einrostung führt, ach, hätte er doch ein Herz im Leib. Er kann sich gar nicht dran erfreuen, dass er beim Singen sein eigenes Blechinstrument ist. All diese Figuren sind optisch ziemlich nah am Film gestaltet; nur „Löwe“ Martin Bermoser erinnert mehr an einen Ritter von der traurigen Gestalt. Mit „Fell“-Cape beim Posen mit Neurosen. Sein Brüllen hat offenbar Bronchitis.

Bleibt Hausherr Robert Meyer als Zauberer von Oz, der wieder einmal zeigt, was in ihm steckt, der aus einer kleinen Rolle – wir wissen natürlich, dass es keine kleinen Rollen gibt – ein Kabinettstück macht, in dem er sich einen Lacher nach dem nächsten abholt. So wird’s gemacht. Chapeau, Herr Direktor! Und noch ein Bravo an alle Mitwirkenden!

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www.mottingers-meinung.at/johanna-arrouas-im-gespraech

Wien, 7.12. 2014