Kammerspiele: Der Garderober

April 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Souverän im Arbeitsmantel

Garderober Norman und sein schutzbefohlener Star: Martin Zauner und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Garderober, das wird einem jeder Bühnenkünstler bestätigen, sind Herz und Seele am Theater. Sie sind es, die Lampenfieber, Vor-Premieren-Verzweiflung und auch die eine oder andere Selbstsucht souverän schultern, und ihren Schützling schließlich wohlangetan und wohlbehütet an die Rampe stellen. Der genialische Dramatiker und Drehbuchautor Ronald Harwood hat diesem ehrwürdigen, in Programmheften allerdings unbedanktem Berufsstand ein ganzes Stück gewidmet.

An den Kammerspielen der Josefstadt ist nun Martin Zauner „Der Garderober“ – und er ist ein Souverän im Arbeitsmantel. Cesare Lievi hat mit gewohnt einfühlsamer Hand inszeniert, er lässt seinen Schauspielern den Raum, den sie brauchen und auch nutzen. Michael König gibt den Sir, changiert dabei zwischen hochfahrend und zutiefst versponnen, erst erschöpft und verstört, dann wieder seine Befehle munter bellend, eine Glanzleistung, wie er da mit langer Unterhose und Lesebrille an einen anderen Großen erinnert, der tatsächlich ein König Lear von schmerzender Heiterkeit war. Einen ebensolchen soll der Sir spielen, nur ist er in einer Schaffenskrise, ein Mann, nicht mehr nur am Rande des Nervenzusammenbruchs, doch die Show muss weitergehen, die Tournee muss brummen. Während, wie drinnen Theaterblitz und -donner, draußen The Blitz tobt.

Harwood hat für seine Tragikömodie eigene Erfahrungen als Garderober des britischen Charakterdarstellers und Leiter einer Shakespeare-Company Sir Donald Wolfit verarbeitet, seinen Text zum einerseits Psychoduell für zwei große Mimen, andererseits Hommage an die Menschen gemacht, die nichts mehr lieben, als die Bretter, die ihnen die Welt bedeutet. Wie Norman, der alles versucht, um seinen ausgebrannten Star doch noch auf die Bühne zu bringen. Zauner stattet seine Figur mit einer von Brandy beflügelten Unerschütterlichkeit aus. Immer gewitzter Therapeut, niemals nur ein Diener, spielt er einen, der den Mächtigen zu nehmen und zu gängeln weiß. Und dabei die Herrschaftsverhältnisse umdreht.

Spielt einen Lear wie anno dazumal: Michael König mit Martina Stilp. Bild: Herwig Prammer

Norman zügelt das Jungtalent: Martin Zauner mit Swintha Gersthofer. Bild: Herwig Prammer

Die anderen Schauspieler, die Inspizientin weiß er zu beschwichtigen und zu beruhigen. Alles wird gut werden! Und wiewohl’s nicht leicht scheint, im Match Zauner vs König Position zu beziehen, brillieren Martina Stilp als desillusionierte, das Theater endlich an den Nagel hängen wollende Milady und Elfriede Schüsseleder als lebenslang liebende Madge. Wobei ihre Zugeigung vor allem dem Protagonisten der Truppe gilt. Swintha Gersthofer ist ein neckisches Jungtalent Irene, das den alternden Chef um den Finger wickeln will. Alexander Strobele und Woja van Brouwer haben ihre Momente als Thornton, der als Lears Narr zu neuer darstellerischer Größe avanciert, und als störrischer „Bolschewik“ Oxenby.

Mit seinem Abend jedenfalls wird Lievi den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg einfahren. Wunderbar Szenen, die hinter eine Theaterwelt der 1940er-Jahre blicken lassen – die Regie verzichtet auf Modernisierungen -, großartig, wie der König einen Lear im vollen Ornat und mit aufgemalter Maske gibt, wie man ihn wohl heute nicht mehr machen würde. Allein der Schluss gerät Lievi ein wenig langatmig, hier dürfte er das Tempo ruhig ein wenig anziehen. Dies ein Jammern auf höchstem Niveau für eine ansonsten rundum geglückte Aufführung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=hwtZm-8tBuQ

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

KosmosTheater: Ronald Kuste in „Wunsch und Wunder“

März 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Fortpflanzungskomödie von Felicia Zeller

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Eine aktuelle Umfrage in Deutschland kommt zu dem Schluss, etwa 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stehen dem sogenannten. „Social Freezing“ aufgeschlossen gegenüber oder haben diese Methode sogar schon genutzt. In Österreich kann die Familienplanung durch das Einfrieren von Eizellen bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden und steht der Karriereplanung damit nicht im Weg.

Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei sogar finanziell. Aber auch kinderlose Paare können die Erfolgschancen einer Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erhöhen, sofern sie bereit sind, die damit verbundenen physischen wie auch psychischen Strapazen auf sich zu nehmen, welche die notwendige Hormontherapie mit sich bringt.

In ihrem Stück „Wunsch und Wunder“ beschäftigt sich Felicia Zeller mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dadurch real gewordenen Schöpfungsfantasien. Während sich diverse Kliniken hauptsächlich auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch konzentrieren, stellt Zeller nicht das persönliche Leid in den Fokus, sondern schreibt eine groteske Komödie rund um das Team der erfolgreichen Kinderwunschpraxis „Praxiswunsch“. Der Text, 2015 für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert, hat am 10. März im KosmosTheater Premiere. Regisseurin der österreichischen Erstaufführung ist Susanne Draxler.

Ihre skurrilen Figuren stehen, so Zeller in einem Interview,  stellvertretend für verschiedenste Haltungen und Lebensläufe, sind zugleich „Handelnde als auch Zubehandelnde“: Dr. Flause, Pionier der Reproduktionsmedizin und Gründer der Kinderwunschpraxis wird von der ständigen Angst geplagt, von einem der zahlreichen – mit eigenen Samenspenden – gezeugten Wunschkind entlarvt zu werden. Während seine Praxiskollegin Dr. Betty Bauer verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen, ist die Sprechstundenhilfe schon wieder ungewollt schwanger. Eine Karenzvertretung muss her und noch ahnt niemand, dass es sich dabei ausgerechnet um eines der gezeugten Wunschkinder handelt, auf der Suche nach dem biologischen Vater…

Zeller nähert sich dem Thema auch sprachlich an und lässt Sätze ineinander verschmelzen, wie es sich eben ergibt: unregelmäßig, absurd und ungeplant. Die Rolle des Zufalls ist für Felicia Zeller wesentlich, er ist nicht nur in der Natur ein entscheidender Faktor, sondern bleibt es auch im sterilen Reagenzglas – eine Schwangerschaft kann schlussendlich auch mit medizinischer Hilfe und hoher emotionaler und monetärer Investition nicht garantiert werden. Wunsch und Medizin konkurrieren in Zellers Text, die Realität wird dem Märchen gegenüber gestellt und die „Machbarkeit“ dem Zufall.

Für „Wunsch und Wunder“ wurde ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Ronald Kuste, bis 2015 Schauspieler am Volkstheater, spielt den Dr. Flause. Mit ihm stehen Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz und Katharina Haudum auf der Bühne.

www.kosmostheater.at

Wien, 2. 3. 2016

Der Staat gegen Fritz Bauer

September 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Denkmal für einen deutschen Helden

Burghart Klaußner als Fritz Bauer Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke Foto:  Martin Valentin Menke

Burghart Klaußner als Fritz Bauer
Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke

Man müsse ihm ein Denkmal setzen, meinte Regisseur Lars Kraume im Interview, denn er müsste so bekannt sein wie Graf Stauffenberg oder Simon Wiesenthal. Kraume hat’s gesagt und getan. Das Denkmal ist fertig und ist ab 1. Oktober in den deutschen, ab 9. Oktober in den österreichischen Kinos zu sehen: „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Die Bedeutung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer für das Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse der 1960er Jahre ist unumstritten. Sie werden in Gang gesetzt, wenn der Film zum Schluss kommt. Doch erst nach Bauers Tod wurde sein Verdienst um die Ergreifung des SS-Obersturmbannführers und „Endlösung“sorganisator Adolf Eichmann bekannt. Der ebenfalls in Argentinien lebende ehemalige KZ-Häftling Lothar Hermann macht Bauer in einem Brief auf den Aufenthaltsort Eichmanns aufmerksam. Bauer informiert den Mossad, weil er in Deutschland kein Gehör findet. Er fürchtet vielmehr, Eichmann könne von Deutschland aus gewarnt werden. Bauers Feinde arbeiten an einer Anklage wegen Landesverrats. Oder zumindest daraus wollen sie ihm einen Strick drehen: „Der Jude ist schwul.“ Hier setzt der Film an.

Grimme-Preisträger Kraume macht aus seinem Film kein Erklärstück, nichts schreit hier sozusagen „Diplomarbeit“. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein spannender, lässig schwarzhumoriger, kammerspielartiger Krimi und gleichzeitig das berührende Porträt eines mutigen Mannes in seinem Windmühlen-Kampf für die Wahrheit. Wie Wiesenthal ging es Bauer nie um Rache, sondern um die Aufklärung der Nachkriegsgeneration. Kühn kann man an dieser Stelle formulieren, dass das weltoffene, menschenverbindende, flüchtlingsfreundliche Deutschland und Österreich dieser Tage ohne einen wie Bauer nicht möglich wäre. Dass die Übung gelingt, hat Kraume auch seinem exzellenten Ensemble zu verdanken. Allen voran Burghart Klaußner, der Fritz Bauer mit Sturmfrisur und Krankenkassenbrille nicht nur optisch gleicht, sondern wohl auch dessen Wesen getroffen hat. Bis zum ruppigen Räuspern – eine Aneignung.

Klaußner gibt den „General“, wie ihn sein Mitarbeiterstab nennt, als grumpy old man. Als einen, der mit heiligem Zorn die über ihn von staatlicher Seite verhängte Ohnmacht erträgt, der seine Juristen wie Schulbuben behandelt. Hantig, aber mit dem Herz am richtigen Fleck. Immer knapp bevor ihm der Hut hochgeht schwäbelt er zynische Scherze.“Die Leute wollen keine Vision, die wollen ihre Einfamilienhäuser und ihre Kleinwagen. Die Restauration hat mal wieder die Revolution besiegt“, ärgert sich der Sozialdemokrat an einer Stelle. Mehr noch als mit Worten sagt Klaußner per Mimik. Wenn er eine Pistolenkugel aus einem Hakenkreuzfähnchen fingert, man hat ihm die Drohung mit der Post gesandt, zerreißt es seine Gesichtszüge beinah vor unterdrückter Wut. Kraume schafft für solche Szenen klaustrophobische Bilder. Im Film scheint immer Nacht zu sein. Oder Schlechtwetter. Kraume hat auch Sinn für Details. Schön, wie an der Bürowand des hessischen Ministerpräsidenten bei Bauers erstem Besuch ein Rosa-Luxemburg-Porträt hängt, beim zweiten eine kitschige Landschaftsmalerei.

Unbeirrbar legt Klaußners Bauer den Finger auf schlecht verheilte Nazi-Narben, schreckt auch vor unbequemen Fragen an die Regierung Adenauer nicht zurück. Denn der Sumpf, den Kraume zeigt, ist tief. Die Ewiggestrigen haben nach den tausend Jahren ihre Positionen behalten oder neue bezogen. Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramts, war Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze. Ein vor einem deutschen Gericht aussagender Eichmann könnte eine Namensliste auspacken. Daran haben etliche kein Interesse. „Meine eigene Behörde ist Feindesland“, ist ein Bauer-Zitat, das Klaußner verwendet, als vom Schreibtisch wieder einmal Akten verschwunden sind. Nicht alles ist so Original (das alte Flugzeug, mit dem Bauer Richtung Israel aufbricht, ist eine Leihgabe von Dietrich Mateschitz), wie die von vielen Fotos bekannte schwarzweiße Tapete in Bauers Büro: sie ist von Le Corbusier, die Nutzungsrechte haben ordentlich Geld gekostet.

Mit der Figur des jungen Staatsanwalts Karl Angermann fügt Kraume einen fiktiven Charakter hinzu. Angermann ist der Prototyp der ehrlichen Haut. „Was erlauben Sie sich?“, herrscht ihn Bauer einmal an. „Ich erlaube mir, Ihnen ein Freund zu sein“, erwidert der. Ronald Zehrfeld, Prachtkerl von einem Mannsbild, ist genau gegen seinen üblichen Typ besetzt. Und schraubt sich in dieser Rolle zum heimlichen Hauptdarsteller des Films hoch. Sein Angermann ist facettenreicher als es Klaußners Bauer zu sein vermag. Klaußner kann in den Zweierszenen mit Zehrfeld immerhin auf Bauers private Seite verweisen, den einsamen Humanisten, der Literatur, Musik und Schach liebte (und karierte Socken aus einem „Spiegel“-Inserat, dies ein liebenswerter running gag, den sich Kraume erlaubt). Zehrfelds Angermann aber hütet eine spiegelgleiche Tragödie. Er verliebt sich in die Nachtclubsängerin Victoria – und liebt weiter, als sie sich als Victor entblättert. Angermann wird sich der verkrusteten Republik opfern, damit Bauer weitermachen kann. Zehrfeld spielt klug und sensibel. Seine Darstellung ist stark, weil intellektuell und emotional.

Herausragend agieren auch: Sebastian Blomberg und Jörg Schüttauf als Bauers Gegenspieler, Oberstaatsanwalt und Oberintrigant Kreidler, dem der fantastische Blomberg eine hyänische Fistelstimme verpasst hat, und der braun verseuchte, schmierige BKA-Mann Gebhardt; Robert Atzorn, der sich als Angermanns übermächtiger Schwiegervater jede „Gefühlsduselei“ verbietet; Paulus Manker als ungustiöser Journalist und Informant Angermanns; Dani Levy als israelischer Generalstaatsanwalt Chaim Cohn, der in Bauers Sinne agieren will, aber von den neu aufkeimenden politischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland – es geht um ein lukratives Waffengeschäft – überrollt wird. Und Lilith Stangenberg als transsexuelle Victor/Victoria. Ihr Beispiel zeigt, dass auf Verrat immer Verrat folgt.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat die Qualität eines Politthrillers à la Costa-Gavras. Der Film macht deutlich, warum man immer noch Prozesse gegen mittlerweile Greise führen muss: Bauer war es, der durchsetzte, dass Schuld nicht an von eigener Hand ausgeführten Tötungen bemessen werden soll. Auch ein KZ-Buchhalter ist ein Mörder. Wie etwa Oskar Gröning, der erst im April 2015 vor Gericht stand. Kraumes Film beginnt in der Badewanne. Bauer, betäubt von Alkohol und Schlaftabletten, Mittel gegen die Scheußlichkeiten des Tages und für eine ruhiggestellte Nacht, ertrinkt fast. Fritz Bauer wurde 1968, da hatte er mit Ermittlungen gegen mutmaßliche Schreibtischtäter der NS-„Euthanasie“ begonnen, tot in seiner Badewanne gefunden. Selbstmord, Unfall oder Mord – die Umstände sind bis heute ungeklärt.

www.derstaatgegenfritzbauer.de

Wien, 30. 9. 2015

Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 20. 12. 2014

Volkstheater: Die Vögel

September 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sheer Heart Attack

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel Bild: © Lalo Jodlbauer

Günter Franzmeier, Till Firit, Chor der Vögel
Bild: © Lalo Jodlbauer

Regisseur Thomas Schulte-Michels ist wie „Queen“ (wobei er eindeutig die Rolle von Brian May übernimmt und alle anderen Freddie Mercury sein lässt): Mit jeder Inszenierung erfindet er sich neu, doch der Sound ist immer eindeutig als ein Schulte-Michels zu erkennen. More of most! Bombastisch, fantastisch! Herrreinspaziert, meine Damen und Herren! „Die Vögel“ von Aristophanes hat er sich diesmal als Eröffnungspremiere am Volkstheater vorgenommen. Er lässt das Haus zum 125-Jahr-Jubiläum abheben. Volkstheater – V wie Flügel. Allein schon seine Bearbeitung des 2500 Jahre alten Textes sticht. Von Euro-Junkies ist die Rede, vom Afro-Gesocks. Pisthetairos (Günter Franzmeier) und Kumpan Euelpides (Till Firit) sind nämlich weg aus Athen, um einen migrantenresistenten Ort zu suchen. Den finden sie bei den Vögel – keine Steuern, keine Schulden versprechen König Wiedehopf (Thomas Kamper) und sein Sekretär Marabu (Alexander Lhotzky). Na, da kann man doch bleiben. Und sinistre Pläne schmieden. Heißt: Ein Zwischenreich zwischen Menschen unten und Göttern oben schaffen und so beide in die Knie zwingen. Am Ende siegt der schlimmste Schurke. Pisthetairos. Und die Moral von der Geschicht‘: Moral hilft dir im Leben nicht.

Schulte-Michels arbeitet bei allem circensisch-caotischem Bühnentohuwabohu diesen Aspekt klar heraus: Ein freies Volk wird in eine Diktatur getrieben, von der man ihm auch noch einredet, sie wäre seine Idee gewesen. Der Kannibalismus ist selbst gewählt, die Knechtschaft sozusagen an der Urne angekreuzt, weil da zwei so schön reden und so viel versprechen können. Wo sollte man da anfangen mit historischen und aktuellen Querverweisen? Aristophanes‘ Athen-Schelte steht nur für den Anfang. Schelm, denk’s dir doch aus, sagt Schulte-Michels. Das „Würzelchen, das beflügelt“, davon hat der ganze Abend einen großen Bissen genommen. Auf der Wolkenkuckucksheim-Treppe, dem Verbindungsstück der Welten, nisten die schrägsten, die schrillsten Vögel seit der Erfindung der Laufmasche in Strumpfhosen. Kostümbildnerin Tanja Liebermann hat die Nähmaschine zum Durchdrehen gebracht, bunte Pussy-Riot-Wollmützen und Silberkleidchen erfunden, Federhüte und -boas, Tutus und Tatas. Und zwei, drei Untergatten, diesmal aber blütenrein. Ohne die kann Schumi nicht. Während also die Hetz und die Hatz losgehen, hat Schulte-Michels die Antike immer im Auge: Ein Chor zwitschert beziehungsweise krächzt mit „Schuhu“ Patrick Lammer einwandfreie, vielseitig zotige Lieder bis die Ohren bluten, Franzmeier und Firit alias Protagonist und Antagonist spielen mit den Worten Ping Pong. Und der Gewinner mit den meisten Silben pro Sekunde ist … Nicht immer ist wegen Glöckchengeläut, Trommelwirbel, Beckenschlag alles gut hörbar. Macht nichts. Wer den meisten Lärm macht, ist der Überflieger. Und globales Verständnis doch das Faustschlagwort der Stunde.

Die Volkstheatertruppe glänzt wie meist durch eine hervorragende Ensembleleistung. Man ist hier auf einander eingespielt; Franzmeier und Firit wie zwei Seiten einer Münze. Zahl‘, sagt die eine, sonst rollt der Kopf, sagt die andere. Alle anderen hat die Vogelgrippe voll erwischt. Sehr schön Wiedehopf-Kamper, dessen Federkrone wie die aus dem Weltmuseum entliehene Rache des Montezuma aussieht. Ein Indianer-Zombie. Oder er ist bei all dem Stress schon in der Schreckmauser. Man will doch nisten ohne Kolonisten. Und dann liefert erst Ronald Kuste als ungeratener Sohn ein Kabinettstück ab, bevor der Gesetzes-Macher-Mensch (Günther Wiederschwinger) auftaucht. Wunderbar: Die Bürokratie als Wiedergänger. So oft kann man sie den Vögeln gar nicht zum Zerhacken vorwerfen, dass sie totzukriegen wäre. Patrick O. Beck ist ein einwandfreier Prometheus; die blutige Leber notdürftig verbunden, verkündet er den Niedergang der Götter. Die schicken denn auch Unterhändler: Rainer Frieb als Poseidon, Haymon Maria Buttinger als Triballer und Erwin Ebenbauer als kochbegeisterten Herakles, der mit glänzendem Goldhaar und neckischem Negligée jeden Senioren-Drag-Queen-Wettbewerb gewinnen würde. Sie müssen Pisthetairos schließlich den Blitz des Zeus aushändigen. Von all den irren Szenen bleibt eine im Hirn hängen, in der es Schulte-Michels ins katholische Kuttenlager verschlägt. Wiedehopf, Marabu und Schuhu als Vorbeter in liturgischen Gewändern. Sehet die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht  und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Nein, nein, es erntet schon jeder, was er sät. Nur die Gerechtigkeit ist dabei keine Maßeinheit.

Oder am Volkstheater vielleicht doch. Schulte-Michels und seine Mitverschwörer haben viel Lust und Liebe in ihr Projekt gesteckt und wurden mit viel Applaus dafür belohnt. Jemand sollte mal mit Fürst Albert reden. Möglicherweise bepreist man den Spielmacher beim Zirkusfestival von Monte Carlo ja mit dem Goldenen Clown.

www.volkstheater.at

www.mottingers-meinung.at/thomas-schulte-michels-im-gespraech

Wien, 15. 9. 2014