Academy Awards Streaming: Glenn Close und Amy Adams in „Hillbilly Elegie“

April 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ron Howards Rust-Belt-Melodram spitzt auf zwei Oscars

Tränenreicher Abschied von J.D., der von Middletown, Ohio, zur Eliteuni Yale übersiedelt: Glenn Close, Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Auch wenn sich das Feuilleton wegen der Netflix-Filmadaption von J.D. Vances auto- biografischem Sachbuch „Hillbilly Elegie“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) nicht grad vor Freude überschlagen hat, wurde das mit viel Hollywood-Glanz zum Rust-Belt-Melodram gestylte White-Trash-Erklärstück von der

Academy of Motion Picture Arts and Sciences mit zwei Oscar-Nominierungen bedacht, und beide völlig zurecht, nämlich Eryn Krueger Mekash, Matthew Mungle und Patricia Dehaney für Bestes Make-up und Beste Frisuren, und: Glenn Close als Beste Nebendarstellerin. Die Charakterschauspielerin, die mit acht Nominierungen seit 1983 den Rekord als hoffnungsvolle, doch nie preisgekrönte Academy-Award-Aspirantin hält, wurde dies Jahr neben Regisseur Ron Howard und Drehbuchautor Vanessa Taylor aber auch schon für die Goldene Himbeere nominiert, und um den Oscar tritt sie immerhin in Konkurrenz mit Olivia Colman für „The Father“ (in Wien bereits 2016 in den Kammerspielen zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) und Amanda Seyfried für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151). Hier noch einmal die Filmkritik vom November:

Wie die Waltons auf Crack

Um’s gleich zu gestehen, dieser Titel ist ausgeliehen vom britischen Autor Brian Viner, der „Hillbilly Elegie“ in der Daily Mail mit dem Satz beschrieb: „This film is like The Waltons on crack“, und weil man’s besser nicht sagen kann – Zitat! Als das autobiografische Sachbuch von J.D. Vance mit dem Titel „Hillbilly Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25744) 2016 erschien, traf es einen Nerv.

Nachdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt worden war, begab sich die verdutzte, verunsicherte Hälfte der Nation auf Motivsuche für diesen Triumph. Vor allem die weiße, wirtschaftlich abgehängte Bevölkerung des Rust Belt, der einstigen Industrieregion im Nordosten, der White Trash, die Rednecks, mit einem Wort: die Kapitol-Stürmer vom Jänner 2021, wurden zum Forschungsobjekt. Viel war vom Wegbrechen der Arbeiterklasse die Rede, erbärmliches Prekariat statt aufrechtem Proletariat, man denke an die zornigen weißen Unterschichtler, die mit den „Make America Great Again“- und den „America First“-Taferln wachelten [- auch 2020 wählten diese Menschen überwiegend Trump].

Wobei völlig unverständlich blieb, warum diese Wohlstandsverlierer glaubten, ein Rüpel, der ständig mit seinem Reichtum prahlt, würde ihre Arme-Leute-Interessen vertreten. Doch immerhin war da einer, der aus erster Hand über den Zustand der Vereinigten Staaten hinten den sieben Bergen berichten konnte, J.D. Vance. Aufgewachsen in Jackson, Kentucky, und in Middletown in Ohio, gelang ihm das seltene Kunststück, sich aus seinem familiären Umfeld zu lösen, und es – nach der US-typischen Karriere Militär, als Marine im Irak, ergo Stipendium – zwecks Jusstudium gegen die Eliteuni Yale zu tauschen.

Sein Buch wurde ein Bestseller, bei den Demokraten, die ihre Ressentiments schriftlich bestätigt sahen, und im rechten Lager, zu dessen gefühlsduseligem Patriotismus sich auch Vance in schönster Unbefangenheit bekennt, und das sich von einem der ihren durchaus nicht ungerecht beschrieben fühlte. Dass sich „Hillbilly Elegie“ nun als prominent besetzte Netflix-Produktion wiederfindet, zeigt zwar, dass die klaffenden Klüfte arm-reich, rechts-links, Norden-Süden die Kulturschaffenden im Home of the Brave nach wie vor umtreiben, doch liefert Ron Howards überdramatisierte Filmversion kaum Ansätze, wie sich das Land und seine mehr als 40 Millionen armutsgefährdeten Menschen therapieren ließen.

Owen Asztalos und Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close und Owen Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Glenn Close. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Die Kamera von Maryse Alberti unternimmt ausgedehnte Ausflüge durchs Breathitt County, vorbei an Hütten zu nennenden Holzhäusern, davor Männer, die voll Oldtimer-Lust an einer Rostlaube schrauben, drinnen Frauen, die andächtig dem Radio-Prediger lauschen, der tägliche nachbarschaftliche Amoklauf so selbstverständlich wie der Zusammenhalt, die Familienehre ein ehernes Gesetz, die Colts sitzen so locker wie’s Mundwerk ist, Middletown, du Geisterstadt mit in den Seilen hängenden Scheintoten  – und überm ganzen trostlosen Elend gleißt glitzernd-heiß die Sonne.

Man merkt dem Film die Hemmung, die hier porträtierte Gesellschaftsschicht auch gesellschaftspolitisch zu sezieren, in jeder Sekunde an. Scheint’s bewusst belässt es Ron Howard diesbezüglich bei Leerstellen. Das Politischste ist noch die kurze Diskussion darüber, dass J.D.s Mutter keine Krankenversicherung hat, doch selbst das stellt sich als ihre eigene Entscheidung heraus. Während das Buch ein ganzes Milieu abzubilden versucht, geht es hier wirklich nur um eine Familie, und wie exemplarisch diese für andere stehen soll, verweist Howard ins Reich der Vermutungen. Der Regie-Routinier taucht lieber ein in die Untiefen der Sozialtristesse.

Von Vances‘ kritischen Kommentaren in seiner Rückschau, in denen er die fehlende Arbeitsmoral seiner Leute oder deren Ausnutzung von Wohlfahrtsprogrammen beklagt, fehlt jede Spur – „Er zeichnet Bilder von arbeits- unwilligen Freunden und alleinerziehenden Müttern, beide von der Sorte, der man vorwirft den Sozialstaat (soweit in den USA überhaupt vorhanden) zu plündern. Würde man nicht wissen, dass sich hier ein quasi Tatsachen- bericht liest, man würde aufstehen und schreien: Übertreibung!“, stand in der mottingers-meinung.at-Buchkritik.

Stattdessen bekommt Glenn Close als traditionsverhaftete Hillbilly-Großmutter Mamew ausreichend Platz, um mit ihrer tragikauzigen Performance zu brillieren. Die Struwwel-Haare! Die Gurkenglas-Brille! Die Zigarette an die rechte Hand getackert. Ein wenig vulgär und von einem verschmitzten Verhärmt-Sein, aus dem die Meisterin der Verwandlung keinen Widerspruch macht. Es braucht den Nachspann, in dem Original-Vance-Familienfotos zu sehen sind, um zu begreifen, dass hier eine real existiert habende Frau und nicht die trockenhumorige Sophia aus den „Golden Girls“ abgeformt wurde.

Wie sie den dicklichen Tollpatsch J.D., als Kind: Newcomer Owen Asztalos, über den Augengläserrand hinweg anstiert und dabei schimpft wie ein Kapskutscher, selten wurde (groß-)mütterliche Liebe, das Prinzip harte Schale und weicher Kern, zugleich bedrohlicher und begütigender dargestellt. Denn es ist Mamew, die mit fürsorglichem – pardon! – Arschtritt ihren Enkel in die richtige Richtung befördert. Weg von Mutter Bevs Drogensaustall und nach vertrödelten Jugendjahren endlich hinein in die High School – und hopp-hopp zu mehr Selbstvertrauen.

Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Glenn Close und Amy Adams. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Bennett, Close und Asztalos. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Amy Adams und Haley Bennett. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

In schablonenhaften, nichtsdestotrotz treffsicheren Szenen macht Ron Howard klar, wie es ist, sich als Unterschichtskind auf die erste Sprosse der Karriereleiter zu wagen. Er wechselt dazu von Gegenwart zu Rückblick, beinah im Minutentakt, Vanessa Taylor hat das 300-Seiten-Buch zu einer 24-Stunden-Novelle verdichtet, und Gabriel Basso spielt J.D., den jungen Mann, als Außenseiter im elitären Juristenzirkel von Yale. Die sozialen Kontraste nicht nur deutlich gemacht durch ein Bewerbungsdinner, bei dem ihm ob der ihm unbekannten Besteckreihenfolge die Schweißperlen auf die Stirn treten, sondern auch in den Tischgesprächen der schnöseligen, standesdünklerischen Rechtsanwaltsclique.

So, so, er stamme also aus Ohio, na, da hätte er ja bis Yale den American Way beschritten! Wie sich’s heute wohl anfühle unter die Rednecks zurückzukehren? Spöttische Bemerkungen, als käme J.D. schnurstracks aus den verlassenen Höhlen von Moria. Wider besseres Ferialjob-Wissen wehrt er sich, und dabei ist ein Zusammenspiel aus Scham und Stolz sichtbar, das ans Kitschherz geht. Doch schon im nächsten Moment wird J.D. aus der Establishment-Welt in die noch grausamere Wirklichkeit gezerrt.

Ein Telefonanruf der Schwester, die aus dem Pica-Syndrom-Drama „Swallow“ bekannte Haley Bennett als Lindsay, die Mutter liegt wieder einmal wegen einer Überdosis Heroin im Krankenhaus, sie fleht den Bruder an, zu kommen … Auftritt Amy Adams als Beverly! Explosiv, wie aus der Kanone geschossen, rast sie durch ihr be***scheidenes Leben; Ron Howard fährt zur Inszenierung der Vance’schen Familienchronik schweres Geschütz auf, und derart kann nur ein Schlachtengemälde aus grobkörnigen Fotografien entstehen, jedes Close-up: Blitz, Donner, Einschlag!

Amy Adams schreit, prügelt, schluchzt, bereut, die komplette Schuld-und-Sühne-Klaviatur rauf und runter. Glenn Close lässt die Mundwinkel noch tiefer sacken und ihre Mamew vor Bev parieren und für J.D. kalmieren – beide Darstellerinnen von der Intensität, dass man als Betrachterin vor Schmerz aufjaulen möchte. Doch ob Adams nun auf die Ambulanzfahrer hysterisch wie eine Furie losgeht oder ihrem Sohn bei durchgetretenem Gaspedal mit einem tödlichen Autounfall droht, immer ist da die hilfesuchend ausgestreckte Hand, wieder und wieder, wir haben’s schon verstanden: Bev ist ein Opfer der Umstände. Wie anrührend, wie unangenehm berührend!

Und so resignativ wie Gabriel Bassos blasser J.D. wirkt, der Junge hat nicht mal mehr die Kraft für Zorn auf die Mühlstein-um-den-Hals-Familie, der Junge, der dennoch imstande war, die Opferrolle abzuschütteln, der Junge, der nichts mehr verabscheut, als den mitleidigen „Er kommt aus einer dysfunktionalen Familie“-Satz, so resignativ denkt man an Phil Morrisons „Junikäfer“, der Amy Adams 2015 die erste größere Aufmerksamkeit brachte, in dem die Gegensätze der beiden Amerikas um einiges subtiler herausgearbeitet waren.

Haley Bennett und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Amy Adams und Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix

Gabriel Basso. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Freida Pinto. Bild: © Lacey Terrell/Netflix 2020

Hier läuft’s für J.D. auf emotionale Erpressung hinaus. Von Mutter Bev, die mit ihrer „Verdammt nochmal!“-Art überall aneckt, die vor Spott und Hohn auf den Sohn, der jetzt ja glaube, etwas Besseres zu sein, vor Verzweiflung und Verletztheit trieft, und deren rotierende Abwärtsspirale in den Rückblenden erzählt wird: von der diplomierten Krankenschwester zum verwahrlosenden Drogenjunkie.

Von Schwester Lindsay mit der dauerhaft rotgeheulten Nase, die sich von Gott und der Welt alleingelassen fühlt, und über die Mutter sagt: „Ich versuche nicht, sie zu verteidigen, aber ich versuche ihr zu vergeben …“ Da ist diese eine Szene in der Küche, in der sie wutschnaubend erklärt, niemals werde sie so enden, als minderjährige Mutter mit schlechtem Job und einem ob seiner „Hobbys“ durch Abwesenheit glänzenden Ehemann, aber ach …

Man möchte diesen J.D., dessen einziger Anker Freundin Usha ist, „Slumdog Millionär“-Bollywood-Star Freido Pinto, J.D. und Usha sind übrigens bis heute verheiratet, man möchte also J.D. zurufen: Lauf! Mach dich los! Weg da! Jeden Moment, den ich dir zusehe, fürchte ich, deine Sippschaft zieht dich wieder auf ihr Niveau runter! Siehst du nicht, dass das „Home, sweet Home“ deine schlechtesten Eigenschaften zutage befördert!

Oder wie ein Polizist sagt, nachdem der gewalttätigen Bev wieder einmal die Handschellen angelegt wurden: „Das mag in deiner Familie normal sein, aber es ist nicht richtig.“ Worauf Owen Asztalos als J.D. die Mutter entschuldigend und in Schutz nehmend antwortet: „Sie hat nichts getan, ich habe mich schlecht benommen.“ Welch ein Kind, welch eine Kindheit! Und welch ein ehrliches, authentisches, denn das ist dieser Stoff ja schließlich, Sozialdrama man daraus mit etwas weniger wimmernden Geigen hätte machen können.

Im bereits erwähnten Abspann schließlich wird zur Beruhigung des Publikums Entwarnung gegeben: Die Vances sind auf dem besten Weg, Bev ist seit sechs Jahren clean und eine hingebungsvolle Großmutter für Lindsays mittlerweile drei Kinder. Die ehemaligen Blue-Collar-Worker pfeifen auf den Blues, sogar der Schildkröte, deren gebrochenen Panzer Klein-J.D. mit Klebeband verarztete, geht es prima. Hurra! Happy End!

Trailer OV/OmU: www.youtube.com/watch?v=KW_3aaoSOYg           www.youtube.com/watch?v=zIn074iQSbQ           www.netflix.com

15. 4. 2021

Landestheater Linz Netzbühne: The Wave / Die Welle

März 27, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Experiment ist rundum geglückt

Kathrin Schreier, Lukas Sandmann, Alexander Findewirth, Celina dos Santos, Lena Poppe, Samuel Bertz, Paolo Möller, Malcolm Henry und Caroline Juliana Hat Bild: © Reinhard Winkler

Ende der 1960er-Jahre unterrichtete Ron Jones Geschichte an der Cub­berly High School im kalifornischen Palo Alto. Er war ein unkonventioneller Lehrer und für seine radikalen Methoden bekannt. Jones war ein Kumpeltyp, er wohnte im Baumhaus und spielte Punk. Er war bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt. An einem Montag im April 1967 – Ron Jones da gerade mal 25 Jahre alt – stand er am Beginn eines Kurses über den Aufstieg des Nationalsozia­lismus vor der Klasse.

Im Unterrichtsgespräch stellte sich heraus, dass seine 15-, 16-jährigen Schutzbefohlenen eines nicht verstehen konnten: Wie war es möglich, dass sich so viele „Psychos“ den barbarischen Ansichten und Methoden von Verbre­chern unterworfen haben? „Man versteht nur das, was man erfahren hat“, kam Jones spontan die Idee zu einem Experiment, dessen Tragweite er allerdings nicht abzu­schätzen vermochte: The Third Wave, „Die Welle“, bekannt als Filmdrama mit Jürgen Vogel, nun als Auftragswerk des Landestheater Linz zur Uraufführung gebracht.

Als Musical „The Wave“ von Komponist und Librettist Or Matias (www.ormatiasmusic.com) – Corona-bedingt als Online-Premiere auf der hauseigenen Netzbühne. Die Produktion ist bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen, pay as you wish! Diese ins Internet zu verlegen, mag wahrlich keine leichte Entscheidung gewesen sein, doch kann man angesichts der Spannung und Stimmung, die sich auch via Bildschirm überträgt, getrost sagen: Dieses Experiment ist rundum geglückt!

In der Inszenierung von Christoph Drewitz und mit Juheon Han am Pult und an den Keyboards überzeugen die Mitglieder des Linzer Musicalensembles Christian Fröhlich, Hanna Kastner, Lukas Sandmann und Celina dos Santos sowie die Studierenden des Studiengangs Musical an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien Samuel Bertz, Malcolm Henry, Alexander Findewirth, Carolina Juliana Hat, Paolo Möller, Lena Poppe, Alexander Rapp und Kathrin Schreier mit ihrer schauspielerischen wie gesanglichen Leistung.

Gleich zu Beginn stellt Christian Fröhlich als progressiver – und sind das nicht stets die gefährlichsten? – Pädagoge Ron klar: „Um Menschen wie euch geht es in meinem Kurs: schwach, durchschnittlich, beeinflussbar.“ Das wollen Jess, James, Stevie und Robert freilich nicht auf sich sitzen lassen, und noch dazu lockt Ron mit Einsernoten. Schon ist man auf die Parole „Kraft durch Disziplin! Kraft durch Zusammenhalt! Kraft durch Taten! Kraft durch Stolz!“ eingeschworen, ein Schelm, wer hier an „Kraft durch Freude“ denkt, denn auch der eingeübte, salutierte Wellen- erinnert an den Deutschen Gruß. Eine blaufarbene Uniform wird eingeführt.

„Mr. Jones“, den Christian Fröhling zwischen zwielichtig und blindwütig von seinem Vorhaben enthusiasmiert anlegt, gefällt sich mehr und mehr in der Rolle des An/Führers. Einzig die einzelgängerische Musterschülerin Ella, ein kritischer, alle und alles hinterfragender Geist, Hanna Kastner mit sehr intensivem, aufrüttelndem Spiel, widersetzt sich Jones‘ protofaschistischer Bewegung. Sie wird zum Schluss zur „Wellenbrecherin“ werden.

Dos Santos, Sandmann und Henry. Bild: © Reinhard Winkler

Samuel Bertz und Hanna Kastner. Bild: © Reinhard Winkler

Celina dos Santos mit Ensemble. Bild:© Reinhard Winkler

Fröhlich und die MUK-Studies. Bild: © Reinhard Winkler

Nicht nur Hanna Kastner, auch die anderen Solistinnen und Solisten sind perfekt gecastet. Allen voran brilliert Lukas Sandmann als schüchterner Außenseiter Robert, der von seinen Mitschülern gemoppt wird, bis diese sich samt ihm zur Gemeinschaft formen. Sandmann gibt genau die tragische Figur, die Robert ist, den das neue Zusammengehörigkeitsgefühl aus seinem Schneckenhaus holt, der sich in der Organisation bald zur Nummer zwei hinter Mr. Jones hocharbeitet, sich als solche als erster radikalisiert und zum scharfen Regelhüter wird – und wie Sandmann das darstellt, bis hin zum Welteneinsturz nach dem Ende der Welle, kommt man nicht umhin, an einen gescheiterten Kunstmaler zu denken. Oder an Krakeeler auf der Praterwiese.

Celina dos Santos gibt das Prekariatskind Jess als freche Göre, die zusammenstiehlt, was sie sich nicht leisten kann. Auch ihr verschafft die Welle gesellschaftlichen und hierarchischen Aufstieg. Ihr am nächsten steht Stevie, und als dieser berührt Malcolm Henry nicht nur mit seinem Sportass-Song, auf dem Basketballfeld ein Held, in der Schulstunde ein Schafskopf, sondern auch bei einem von Ron verlangten Ausplaudern persönlichster Geheimnisse. Während der brave, angepasste, in Ella verliebte James von Samuel Bertz über einen verpatzten Auftritt bei einem Singer/Songwriter-Contest jammert, verrät Stevie, dass er immer noch mit Stofftier einschlafe.

Bis aus ihm eine Geschichte von familiärer Gewalt platzt. Derart beklagt, verklagt das stimmlich höchst harmonische Quintett die kleinkarierte Stadt, die kleingeistigen Eltern. Perspektive nirgendwo, Probleme allüberall, man kriege keine Luft, singen die fünf, von „Arbeitsmarktkrise, Armutsspirale, sinnlosen Wahlen“. Die Corona-Jugend anno 2020/21 geistert einem im Kopf herum, Distance-Learning, Schichtbetrieb in Schulen, Präsenzunterricht, das klingt schon nach Präsenzdienst.

Gruppengefühl könnt‘ auch was Gutes sein, doch hier wird aus Worten eine Front der Aggression, in der sich das Individuum, die Identität des einzelnen auflöst, schnell ist man auf dem rechten Weg. „Rechts um!“, wie Ella sarkastisch kommentiert. Wie jeder Ver/Führer hat Ron ausgefahrene Antennen für diese Emotionen, „das Buch des Lebens ist ein Witz, den uns jemand auf die Seiten spuckt“, konstatiert er, dazu Or Matias‘ Musik immer haarscharf neben der Spur eines 1950er-Jazz‘, atonal, oft kakophonisch.

Eine Hommage – Ellas Lieblingsautor Langston Hughes arbeitete ja mehrmals mit Kurt Weill zusammen, unter anderem an der ersten afroamerikanischen Oper „Street Scene“. Melodisch, ja hymnisch wird’s immer dort, wo’s um Wellen-Propaganda geht, was einen mitreißt, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Das ist der „Tomorrow belongs to me“/“Der morgige Tag ist mein“-Effekt, wenn es heißt: „Du einsamer Funke, strahlendes Wunder / Blende die Welt, bis sie brennt / Sei endlose Sonne für uns …“ Kein Wunder gehören Lukas Sandmann mit seiner schönen Musicalstimme die meisten Balladen.

Hanna Kastner und Celina dos Santos. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Hanna Kastner und Lukas Sandmann. Bild: © Reinhard Winkler

Veronika Tupy hat fürs turbulente Treiben ein raffiniertes Bild, einen sich drehenden Quader mit halbdurchsichtigen Wänden auf die Bühne gestellt. Diese nicht nur verschiebbar, so dass sich immer neue Räume öffnen und ungeahnte Sackgassen schließen, sondern auch genutzt als im doppelten Wortsinn Projektionsflächen, vom gezeichneten Plattenspieler über Schattentheater bis zur Großaufnahme beseelter Gesichter – wiewohl die Kamera sowieso closeup-vernarrt ist.

Immer schneller, pulsierender, dringlicher wird der Rhythmus der Musik, dazu die zackige Choreografie von Hannah Moana Paul, neue Welle-Mitglieder werden rekrutiert, Ella per Schattenspiel zusammengeschlagen; Robert baut ein Spitzelsystem auf, Ron lässt sich von seinen Parteigängern auf Händen tragen. Die Gleichschaltung der Köpfe eskaliert, Mr. Jones ist die Situation längst so entglitten, wie den Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten, die Kenntnis darüber, wer aller unter ihnen marschiert.

Ron Jones bittet die Schülerinnen und Schüler zur „Kundgebung“ in die Aula, eine aufputschende Rede, mit der er sie vorstellen will, „die neue Alternative, die „Allianz für“, den neuen „Führer“, und auf Filmaufnahmen erscheint – eh schon wissen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ / „History doesn’t repeat itself, but it does rhyme“, sagte Mark Twain. Ron, beste Absichten, schlechtester Ausgang, erachtet sein Experiment damit also als beendet. Doch nicht so der zutiefst verletzte und verzweifelte, weil einmal mehr einem Schwindel aufgesessene, nunmehr bewaffnete Robert …

Fazit: Trotz Home Theatre ist „The Wave“ aus dem Landestheater Linz ein Bühnenereignis. Jonatan Salgado Romero und Constantin Georgescu hinter den Kameras schaffen mit ihrem Mix aus Großaufnahmen, Totalen und Halbtotalen beinah Saalatmosphäre, ebenso die Tonmeister Christian Börner und Gerald Landschützer. Agiert wird von allen ganz großartig, die MUK-Studierenden zeigen beim Singen, Tanzen, Spielen ihre 1A-Ausbildung, und gleich einer Mahnung im Gedächtnis bleibt Lukas Sandmanns glaubhaft erschreckende Wandlung vom Underdog zum Fanatiker, der, sobald er durch die Welle Macht erlangt, seinen heißgestauten Frust abkühlt.

Und würd’s, wenn wieder live gespielt wird, noch gelingen das Schimpfwort „Hackfresse“ gegen ein gebräuchlicheres zu ersetzen, es muss ja nicht gleich „Ogrosl“ sein, dann würde aus einer fabelhaften Aufführung eine fantastische. Bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen. Pay as you wish!

www.landestheater-linz.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=x45S6wgxKUk

  1. 3. 2021

Theseustempel: Ron Muecks „Man in a Boat“

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Als würde er einen gleich ansprechen

Ron Mueck: Man in a Boat. Bild: mottingers-meinung.at

Ron Mueck: Man in a Boat. Bild: mottingers-meinung.at

Ron Mueck: Man in a Boat, National Gallery London, 2000–2002. Bild: © KHM

Ron Mueck: Man in a Boat. Bild: © KHM

Das Kunsthistorische Museum setzt seine Ausstellungsreihe im Theseustempel ab 20. April mit einer Skulptur „Man in a Boat“ des renommierten australischen Künstlers Ron Mueck fort. Nach den Werken von Ugo Rondinone, Kris Martin, Richard Wright, Edmund de Waal und Susan Philipsz ist die Arbeit von Ron Mueck nun das sechste Projekt, das im Rahmen der Ausstellungsreihe zu zeitgenössischer und moderner Kunst im Theseustempel zu sehen ist.

Mueck wurde Ende der 1990er-Jahre mit seiner detailgetreuen Skulptur eines ausgestreckten nackten Mannes berühmt, „Dead Dad“, einer verstörenden Darstellung seines verstorbenen Vaters. Die Perfektion dieser Arbeit ist charakteristisch für Muecks Schaffen und weist auf den ersten Beruf des Künstlers hin: Bevor er sich ganz der Kunst widmete, war Mueck in der Herstellung von Modellen und Spezialeffekten für Film und Werbung tätig, unter anderem 1986 für Jim Hensons „Die Reise ins Labyrinth“.

Das Werk „Dead Dad“ wurde im Rahmen der Ausstellung „Sensation“ an der Royal Academy in London gezeigt. Wie in vielen seiner Arbeiten setzte sich Mueck auch hier mit einer Reihe grundlegender Themen der menschlichen Existenz auseinander: Geburt, Kindheit, Jugend, dem eigenen Ich, Mutterschaft, Erwachsensein und Alter, Tod und der Frage, was danach folgen könnte. Die nun präsentierte Skulptur entstand während seiner zweijährigen Residency in den Jahren 2000 bis 2002 an der National Gallery in London.

Ron Muecks Werk entsteht auf traditionelle Weise; anhand von Fotos, Presseausschnitten oder lebenden Modellen werden plastische Vorstudien geschaffen, die schließlich zu einer Gipsform führen. Für die eigentlichen Werke kommen aber Polyester- und Acrylharze sowie Silikon und Fiberglas-Verbindungen zum Einsatz. Versehen mit Haar und Farbe, erlauben diese Materialien die Gestaltung veristisch anmutender Oberflächen. Zugleich gelingt es Mueck, seinen Figuren einen eindrucksvollen psychologischen Ausdruck zu verleihen. Sie wirken so lebendig, als würden sie einen gleich ansprechen. In der irrealen Anmutung ihrer Größenverhältnisse erscheinen sie aber wie Zwischenwesen. Als seien sie einer surrealen Erzählung entnommen, sprechen sie den Betrachter direkt an, beziehen ihn in ihren Raum mit ein und konfrontieren ihn letztlich mit sich selbst.

Die Ausstellung ist die erste Personale Ron Muecks in Österreich. Sie wurde kuratiert von Jasper Sharp.

www.khm.at

Wien, 19. 4. 2016

Scala: Moonlight & Magnolias

Januar 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Vom Winde verweht“ entstand

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Diese Rezension wagt es, ein wenig privat zu sein. Weil das Stück so sehr gemocht wird. Weil der Film so sehr auf die Nerven geht. Wenn Mutter Bügelnachmittage hatte und ihr – weil sie ohnedies schon gereizzzzzt war – niemand die Auswahl der (damals noch) VHS-Kassetten aus der Hand nahm, lief er: „Vom Winde verweht“. (Oder „Die Dornenvögel“) Uäh! Immerhin: Die Hollywood-Schnulze aus dem Jahr 1939 nach dem Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit etwa vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem Einspielergebnis von an die 3,8 Milliarden US-Dollar bis heute das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Und nicht nur das: Auch „künstlerisch“ wurde die Schmonzette als auserlesen betrachtet: „Vom Winde verweht“ ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet, darunter als Beste Nebendarstellerin Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler die begehrte Trophäe gewann.

Und nun erlaubte sich Ron Hutchinson mit „Moonlight & Magnolias“ – ein Begriff, der den Sklavenhalter-Süden romantisiert und außerdem einem Zitat der Figur Rhett Butler entliehen ist – eine Hollywoodfarce über die Entstehungsgeschichte des Leinwandklassikers zu schreiben. Und die ist einfach großartig. Und derzeit in der Wien-Dependance des Theaters zum Fürchten, der Scala, in einer Inszenierung von Marcus Ganser zu sehen. Inhalt: Produzent David O. Selznick (Leopold Selinger) hat die Rechte für den Roman erworben und plant aus dem 600-Seiten-Wälzer den größten Film aller Zeiten zu machen. Clark Gable und Vivien Leigh sind schon besetzt, eine ganze Filmstadt ist gebaut und abgefackelt, die Presse hat Blut geleckt, viel Geld wurde investiert: das Ganze muss einfach der Jahrhundert-Erfolg werden, sitzt Selznick doch auch sein Schwiegervater Louis B. Mayer im Nacken. Drehbuchautoren und Regisseure wurden im Dutzend gefeuert. Nun droht die Jahrhundert-Pleite. Also sperrt sich Selznick fünf Tage lang mit seinem Starregisseur Victor Fleming (Hermann J. Kogler), der am Set vom „Zauberer von Oz“ gerade Judy Garland geohrfeigt hat, und Ben Hecht (Bernie Feit), Hollywoods bestem Drehbuch-Autor, in seinem Büro ein. Doch Hecht hat den Roman weder gelesen noch überhaupt Lust, sich mit diesem „Rassismus verherrlichendem Kitsch“ näher zu befassen, während in Europa der Zweite Weltkrieg vor der Tür steht. Also greift der Produzent zu drastischen Mitteln. Bei einer Bananen- und Erdnüsse-Diät, geliefert von Sekretärin Miss Poppenghul (Irene Halenka), spielen Fleming und er Hecht die Schlüsselszenen aus dem Buch vor …  Ron Hutchinsons rasantes „Making Of“ der legendären Südstaatenfrechheit ist ein so unglaubliches und aberwitziges Szenario, dass es glatt erfunden sein könnte – aber genau so wird die Story in Hollywood noch heute erzählt … vermutlich …

Was nach Klamauk klingt, ist es über weite Strecken auch. Slapstick folgt auf Handgreiflichkeiten. Filmemacher am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Wahnsinn sickert durchs Schlüsselloch. Ganser lässt dies alles in seinem Bühnenbild, einer Filmrolle, in die Selznicks Büro eingebettet ist, und mit einem Original-Wochenschaubericht beginnen. Doch ihm gelingt mit Bernie Feit etwas, das anderen Inszenierungen weniger am Herzen lag: das Herausarbeiten der „Rassenfrage“. Zwei Juden arbeiten angesichts Nazi-Deutschlands an einem Stoff, in dem das „Nigger“-Dienstmädchen von der Hauptdarstellerin einfach so geohrfeigt wird, in dem die Problematik Schwarz-Weiß in einem Traum aus Technicolor untergehen soll? Feit ist ganz wunderbar als Ben Hecht. Lakonisch macht er sich über den Inhalt, den er im Schnelldurchlauf verwursten soll, lächerlich. Ein Humanist, dem die rassenideologische Hetzjagd in Übersee nicht aus dem Kopf geht, gleichzeitig wie stets ein großer Komödiant, den der Scarlett liebt Ashley – der heiratet Melanie – die stirbt – Ashley liebt Scarlett trotzdem nicht – und mit Rhett hat sie sich’s auch verscherzt – Plot immer wieder vom Schreibmaschinenband wirft. Bis schließlich nicht nur das Hirn, sondern auch die Finger verknotet sind.

Die „Show“ stiehlt ihm diesmal Leopold Selinger, der als Selznick alle Register zieht. Er ist Enthusiasmus wegen Erfolgdrucks in seiner schönsten Ausdrucksform. Mit Kleiderbügel und Croissant spielt er Sezessionskrieg, Scarlett samt Dekolleté und was nicht noch alles, während Hermann J. Kogler alias Fleming, verschrien als „Riesenarschloch“ hinter der Kamera, abwechselnd die gebärende Melanie und das „dumme“ Dienstmädchen gibt. Er, der Realist, der Zyniker, der brutal ist bis zur Ehrlichkeit, sich aber, weil unter Vertrag, um den „Scheißdreck“ kümmern wird. Großartig! Der Abend wird mit zunehmender Verzweiflung seiner Protagonisten, die zwischendurch auch noch die Nöte ihres jeweiligen Berufs von den anderen therapiert haben wollen, besser und besser. Lachen, bis das Zwerchfell w. o. gibt. Auch Miss Poppenghul befindet sich angefangen bei der Frisur bald in Selbstauflösung. Irene Halenka macht aus der Rolle, die im Wesentlichen aus den Worten „Ja, Mr. Selznick“ besteht, ein Kabinettstück für sich. Höhepunkt der Körperarbeit ist aber eben jene Ohrfeigen-Szene, in der sich die Eingeschlossenen zum Watschn-Trio verwandeln, weil Hecht sie überhaupt streichen will, Selznick um die Burg nicht – und Fleming den besten Kamerawinkel für den Konflikt sucht. Verraten sei, dass Feit die meisten Tätschen kassiert …

Marcus Ganser hat aus einer heißgeliebten Klamotte Unterhaltung mit Haltung gemacht. Bravo. Wer die Aufführung bis jetzt versäumt hat, kann auf Scarlett O’Haras berühmt gewordene letzte Worte setzen: Morgen ist auch noch ein Tag.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 9. 1. 2014

Dallas Buyers Club

Februar 6, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre

Jared Leto, Matthew McConaughey Bild: Ascot Elite

Jared Leto, Matthew McConaughey
Bild: Ascot Elite

Da müssen Sie durch, das müssen Sie hier noch einmal lesen: Dass Matthew McConaughey für seine Rolle 25 Kilo, Jared Leto 15 abgenommen hat. Dass nach dem Golden Globe nun auch der Oscar winkt. Die roten Teppiche rotieren, die TV-Kameras kollabieren. „Dallas Buyers Club“ ist die Filmsensation der Saison. Wie schön wäre es, wenn dieser Film nicht wichtig wäre. Aber er ist es in Zeiten steigender HIV-Infizierungen. Sein Bemühen um Aufklärung ist denn auch das edelste Motiv, dass man dem kanadischen Regisseur Jean-Marc Vallée nachsagen kann. Mehr als zwanzig Jahre nach „Philadelphia“ berichtet Hollywood wieder über das wichtige Thema AIDS. Ein Verdienst von Drehbuchautor Craig Borten, der zwei Jahrzehnte um die Umsetzung des Projekts gerungen hat. „Dallas Buyers Club“ erzählt eine true story, die von Ron Woodroof nämlich, den Borton 1992 knapp vor dessen Tod getroffen und drei Tage lang interviewt hat.

Der Texaner, Elektriker und Rodeoreiter, Prolo und Macho, Frauenflachleger, erhielt Mitte der 80er-Jahre die tödliche Diagnose. Weil sich ein echter Homophober aber nicht damit abfinden kann, an der „Schwulenseuche“ zu krepieren, machte er sich auf die Suche nach alternativen Heilmitteln und fand eines in Mexiko. Das er in den USA, weil nicht zugelassen, nicht verkaufen durfte. Also gründete er einen Klub, dessen Mitglieder das Medikament nach Einzahlung eines Mitgliedsbeitrags beziehen konnten. Dies ist der spannendste Aspekt des Films: Wie einer eine Gesetzeslücke ausnützte, der Verhinderungstaktik der US-Zulassungsbehörde die Stirn bot und etlichen Mitleidenden zu einer Lebensverlängerung verhalf. In kurzen Aufblitzern zeigt Vallée auch die Gleichgültigkeit der Pharmaindustrie, die Angst der Ärzte gegenüber den Patienten. Hier hat „Dallas Buyers Club“ seine stärksten Momente.

Ansonsten wird kaum ein Klischee ausgelassen. Von Anfang an ist klar, dass man über den unsympathisch-cholerischen Ron noch Tränen vergießen wird, dass da einer vom Zero zum Hero aufsteigt, dass seine Zweckbekanntschaft Rayon genau die mit dem Herzen ist, die Menschen, die Anderssein als Krankheit betrachten, zum Umdenken veranlasst. An Überraschungen gibt es wenig, ist das Ende der Geschichte ja bekannt. Vallée wusste an welches Publikum er sich richtet und hat die Dinge entsprechend hergerichtet. Dass das Ganze keine politisch korrekte Oscar-Schielerei ist, sondern mit trotziger Rotzigkeit daher kommt, ist das Verdienst von McConaughey. Der ehemalige sexiest man alive, berühmt für Surfer-Fotos, abonniert auf romantische Komödien, zeigte schon als böser Börsenmakler in Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“ was Sache ist. Nun ist der 44-Jährige auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Mit einer Tour-de-Force-Performance macht er den Überlebenskampf seines Aids-Aktivisten beinah greifbar. Er ist bis zuletzt ein Rebell gegen Krankheit und Sterben. Ebenso gelungen ist die Leistung von Jared Leto. Der Frontmann von Thirty Seconds to Mars spielt den Transsexuellen Rayon mit atemberaubend morbiden Charisma. Eine fragile Figur ohne Dragqueen-Feder im Arsch. Dass mit dieser darstellerischen Authentizität so manche inhaltliche Echtheitsklippe umschifft wird, muss einem egal sein. Das ist Hollywood. Und das ist ein sehenswerter Film.

www.dallasbuyersclub.de

www.focusfeatures.com/dallas_buyers_club

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cC6mv0KhOBY

Wien, 6. 2. 2014