Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

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  1. 4. 2018

Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

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  1. 1. 2018

Salon5 im Theatermuseum: Bosch on stage

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater-Triptychon über den Schöpfer des Weltgerichts

Beim Imbissstand auf dem Flughafen herrscht Slibowitz-Stimmung: Kirstin Schwab, Doina Weber und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Bevor es losgeht, die wunderbare Gelegenheit, die Werke in Augenschein zu nehmen. Die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste ist ja bis auf Weiteres zu Gast im Theatermuseum, hier hängen nun die meisterlichen Arbeiten von Hieronymus Bosch, darunter der Weltgerichts-Triptychon. Schauen, staunen, da mischen sich Schauspieler unter die Betrachter, im Theatermuseum wird derzeit auch Theater gespielt: „Bosch on stage“ von Jérôme Junod.

Der Autor hat seine Weltgerichtskomödie anders als bei den Salzburger Festspielen für Wien auch selbst in Szene gesetzt. Eine fabelhafte Arbeit ist es, die Junod da gelungen ist, gleichsam ein Theater-Triptychon, der in drei Bildern Urteile und Vorurteile zu Bosch auf höchst unterhaltsame Art festhält. War der niederländische Renaissancemaler strenger Christ, Häretiker, Alchemist, Moralist? War er homosexuell und/oder von Perversionen wie der Folter angeturnt? Hatte er Albträume, Drogenerfahrungen oder eine reine Freude an symbolischen Botschaften? Dem und mehr forscht „Bosch on stage“ nach. Dass sich dabei immer wieder an Österreich und seinem Kunst- und Kulturverständnis – die Habsburger und ihre Adelsherren überrollten ja weiland das freie Brabant – gerieben wird, ist im herrschaftlichen Palais Lobkowitz ein zusätzliches Vergnügen.

Die Handlung beginnt auf einem Flughafen, auf dem die Kunsthistorikerin Caroline, gespielt von Petra Staduan, festsitzt, weil ihr Flug nach Wien gestrichen wurde. Dabei hätte sie so dringend zu einem Bosch-Symposium ihres Vorgesetzten gemusst. Also Trost suchen am Imbissstand, wo bald der Slibowitz fließt, auf dass der Irrwitz beginnen kann. Figuren wie Bosch’sche Landsknechte, Landstreicher und eine Reinigungskraft mit Hummerscherenhand schleichen über die Bühne, dazu gespenstische Sphärenklänge von Christian Mair. Der dreiteilige Bühnenbildaufbau von Lydia Hofmann wendet dem Publikum seine Kasperletheaterseite zu, in und vor ihm gestalten Doina Weber und Kirstin Schwab als Servierkräfte ein Kabinettstück über des Volkes Stimme zu Hieronymus Bosch.

Eine merkwürdige Reinigungskraft geht um …: Roman Blumenschein. Bild: Barbara Palffy

… fast wie vom Meister selbst erfunden: Horst Schily, Jeanne-Marie Bertram und Petra Staduan. Bild: Barbara Palffy

Prof. Schlubitschnigg lädt zum Bosch-Symposium: Martin Schwanda mit Doina Weber und Jeanne-Marie Bertram. Bild: Barbara Palffy

Dem das von Martin Schwanda als Wiener Professor Schlubitschnigg in nichts nachsteht. Von seiner besten wissenschaftlichen Kraft allein gelassen, muss er nun eine Konferenz stemmen, über deren Inhalte er keine Ahnung hat. Herrlich, wie er am Telefon einem japanischen Kollegen den Weg ins Theatermuseum via Kaffeehäuser und Stadtheuriger beschreibt. Das Ensemble, verstärkt um Jens Ole Schmieder als französischem Forscher und Roman Blumenschein als dessen deutschem Pendant, ergeht sich derweil in Theorien, Interpretationen und anderen Irrungen und Wirrungen.

Eine schöne Szene, in der Kirstin Schwab als Wiener Wissenschaftlerin mit aufgerissenen Augen über Panik auslösende Schreckensszenarien schwadroniert, während sich Doina Weber in esoterische Ekstase redet, dieweil Schmieders Prof. Flambertin unbedingt an die Fortführung mittelalterlicher Drolerien glauben will.

Teil drei: Caroline hat es in die Vergangenheit in des Meisters Haus geschafft, um diesen zu seinem Werk zu befragen. Horst Schily gibt Hieronymus Bosch als bärbeißigen und wenig auskunftsbereiten Maler, Doina Weber dessen Frau Aleid, Blumenschein dessen Schüler Joachim (alle in wunderbaren Kostümen von Antoaneta Stereva), der die Werke letztlich auszuführen behauptet – und Schwanda brilliert ein zweites Mal als habsburgischer Höfling, der Bilder zu kaufen kommt, und höchst unhöflich abgewiesen wird …

Junod nimmt sich in seiner klugen Komödie nicht nur sehr humorvoll des akademischen Treibens an, eine Parodie, die die p.t. Beteiligten daran im Publikum sichtlich amüsierte, sondern er beschäftigt sich auch ernsthaft mit dem Bosch-Pandämonium.

Sein Meister entpuppt sich als ein Hiob, ein Haderer mit Gott, ein Kritiker seiner Zeit und an deren Gesellschaft, der aber wenig hilfreich bei der Lösung der von ihm gestellten Rätsel ist. Auf jede Frage hat er eine Gegenfrage, und dann doch möglicherweise eine Antwort. „Das Lachen ist vielleicht der letzte Trost, der uns übrigbleibt.“ In diesem Sinn ist „Bosch on stage“ auch tröstlich – und ergo absolut sehenswert.

boschonstage.at

  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Wie man Hasen jagt

September 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein vergnüglicher Abend über aberwitziges Fremdgehen

Léontine und Moricet beim Versuch eines Schäferstündchens: Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

Ein triebgesteuertes Chaos ist es, das Regisseur Folke Braband Donnerstagabend auf die Bühne der Josefstadt stellte. Der Erfolgsgarant an den Kammerspielen inszenierte erstmals am großen Haus, und das Ergebnis ist ganz großartig. Gegeben wird Georges Feydeaus Farce „Wie man Hasen jagt“, und Braband erfreut mit seiner inspirierten, präzisen Regie, die für Feydeaus so exakt komponierte Vaudeville-Stücke unerlässlich ist. Tempo und Timing stimmen, die Pointen sitzen punktgenau.

Und wie schön ist es erst, dass Braband mit leichter, aber treffsicherer Hand einen Abend zum feingeistigen Schmunzeln und nicht zum Schenkelklopfen gestaltet hat. Unterstützt in seinen Ideen wird der Regisseur von den hellwachen Josefstadt-Schauspielern, die die hohe Kunst der Komödie aus dem Effeff beherrschen. Allen voran Pauline Knof, Martin Niedermair und Roman Schmelzer.

In seinem Lust-Spiel zerpflückt Feydeau die Unsitten und die Scheinmoral einer besseren Gesellschaft. Gutbürgerlich-zufrieden könnte man sein, doch ach!, all diese saturierten Wohlstandsmenschen sind in ihrem Innersten einsame, seelisch erfrierende Wesen, voller Sehnen nach mehr.

Bei Feydeau sind alle immer auf der Suche nach dem kleinen Glück, am besten vermittels des kleinen Tod. Und so kommt es, dass Monsieur Duchotel vorgibt, regelmäßig aufs Land zu fahren, um zu jagen – angeblich mit seinem Freund Cassagne, während er in Wahrheit in Paris Madame Cassagne als einzigen Hasen weit und breit erlegt. Der Schwindel fliegt natürlich auf, und Duchotels Ehefrau Léontine beschließt sich per Seitensprung mit Hausfreund Moricet zu rächen.

Der stellt der Dame schon lange nach, und soll nun endlich zum Schuss kommen. Wie’s sein muss, treffen einander alle im selben Zimmer in der selben Absteige, inklusive eines Polizeikommissars, der im Auftrag von Cassagne dessen Frau als Ehebrecherin entlarven soll. Verwirrend nur, dass es deren mehrere gibt. Zum Durcheinander tragen bei: ein entlarvender Brief in der Tasche einer Hose, die ungünstiger Weise den Träger wechselt, fertige Fleischpasteten, wo es geschossenes Wild geben müsste, und Duchotels Neffe Gontran, der mit seinem Onkel eine Menge gemein hat, Stichwort: Geliebte …

Wenn in der Hosentasche ein entlarvender Brief steckt, …: Roman Schmelzer als Duchotel mit Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… muss man mitunter sogar zur Waffe greifen: Roman Schmelzer und Pauline Knof. Bild: Erich Reismann

Braband und sein Ensemble haben sichtlich Spaß an der Figurenüberzeichnung, jeder Charakter ist hier eine Type, vom Irrwitz der tumultösen Handlung umzingelt und ergo am Rande des Nervenzusammenbruchs. Je mehr der Abend Fahrt aufnimmt, umso mehr bröckelt die mühsam errichtete Lügenfassade. Die Not ihrer Figuren wird von den Darstellern dabei bitterernst genommen, dies das erste Komödien-Gebot, denn nur so kann Komik entstehen. Man ergeht sich in Versprechen und Versprechern, Hinters-Licht-Führungen und scheut auch vor Quer-übers-Bett-Stunts und Slapstick nicht zurück.

Mit Augenzwinkern ins Publikum und ab und an A-part-Sprechen will man dieses für sich als Komplizen gewinnen. Alles ist hier eindeutig zweideutig. Und für zusätzlich anrüchige Anspielungen sorgen Situationen beim Patronenstopfen und Flinteputzen, und fast so, als hätte der große Louis de Funès für diese Produktion Pate gestanden, erprobt man sich in dessen berühmten Dialog „Nein!“-„Doch!“-„Oh!. Gelungen auch das Bühnenbild von Stephan Dietrich, der als Kontrast zum steril-weißen, Vernunft verströmenden Wohnzimmer der Duchotels auf das sinnliche Bordellrot des Pariser Liebesnests setzt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die wunderbare Pauline Knof als Léontine. Die hat in ihrer Anstrengung Gleiches mit Gleichem zu vergelten anfangs noch Skrupel, bis die Hüllen endlich fallen. Léontine gelten zweifellos Feydeaus Sympathien, sie ist intelligenter, schneller, entschiedener im Kopf, als die Männer, daher kann sie sie leicht gängeln. Knof stellt das fabelhaft dar. Den betrogenen Betrüger Duchotel gibt Roman Schmelzer als – zumindest anfangs noch – in sich ruhenden Herrn im Haus, als wendigen Seitenspringer, der überzeugt ist, sein Frauchen mit seinem Jägerlatein dumm zu halten. Als sich das Blatt wendet, bleibt ihm nicht mehr als um Gnade zu winseln.

Martin Niedermair gibt den Moricet, dieser ist Arzt und Poet – und damit eine der wenigen Feydeau-Schöpfungen, die einen veritablen Beruf hat, lebt man doch sonst beim französischen Dramatiker eher vom nicht näher definierten Vermögen. Niedermairs Moricet ist ein sympathischer Sehnsüchtler, ein fast naiver Schwerenöter, mutmaßlich mehr verliebt in die Vorstellung einer romantischen Liebe, als in Léontine. Dass der wunderbare Komödiant in heruntergelassenen Hosen beste Figur macht, versteht sich.

Die Gräfin Latour empfängt ihre Gäste, …: Elfriede Schüsseleder mit Pauline Knof und Martin Niedermair. Bild: Erich Reismann

… Polizeikommissar Bridois verhört sie: Alexander Strobele mit Pauline Knof, Martin Niedermair und Jörg Reifmesser und Manuel Waitz als Polizisten. Bild: Erich Reismann

Neben diesem flotten Dreier begeistern: Tobias Reinthaller als Duchotels Neffe Gontran, ein Frechdachs, ein Schlitzohr und Schnorrer, dem die familiären Herzensirrungen und -wirrungen zu einem kleinen Vermögen verhelfen, bezahlt ihn doch jeder ausgiebig für sein Stillschweigen. Holger Schober, als Cassagne ein breiten Wiener Dialekt sprechender Simpel, der den Duchotel’schen Verwicklungen geistig nicht zu folgen vermag, und immer das Falsche zum falschesten Zeitpunkt sagt. Elfriede Schüsseleder als Gräfin Latour, nunmehr Hausmeisterin im Etablissement in Paris, wo sie beschwipst nach dem Rechten sieht.

Schüsseleder gestaltet die Rolle als kleines Glanzstück, ist sie es doch mit der Feydeau „ermahnt“ und aufzeigt, was aus den Untreuen wird (die Gräfin war weiland mit einem Dompteur vom Zirkus durchgebrannt). Alexander Strobele schließlich geht als strenger Polizeikommissar Bridois auf die Pirsch, ist aber ein Ehrenmann, der auch im Bemühen, den Durchblick zu behalten, durchaus über dieses und jenes hinwegsieht. Am Ende ist nicht alles gut, aber auf dem besten Wege dorthin. Geläutert ist freilich niemand, nur gefinkelter geworden im Erfinden von Alibis. Das Publikum dankte für die köstliche Unterhaltung mit großem Applaus.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6y8RIVwutL4

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  1. 9. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017