Glück ist was für Weicheier

Februar 6, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Wuttke schwört auf Walgesänge

Stefan Gabriel, Alleinerzieher zweier Töchter, arbeitet als Bademeister und ehrenamtlich als Sterbebegleiter: Martin Wuttke. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zum Schluss des Films hebt sich die Kamera von Christian Stangassinger hoch über die Siedlung. Eine Kleinstadt, die an Wald und Wiesen grenzt, die schmuck- wie geschmacklosen Häuser an den Baustil der 1960er-Jahre erinnernd, alle so ziemlich gleich, die Rollläden herunten, mit zugepflasterten Hinterhöfen und lange nicht mehr benutzten Swimmingspools.

Das Setting macht den Film, und dieses, Spießbürgertum und Kleingeistigkeit geradezu atmend, könnte ein übliches Die-Provinzler-zur-Rechenschaft-Ziehen sein. Ist es aber nicht. Denn in „Glück ist was für Weicheier“ von Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu, ab Freitag in den Kinos, geht es nicht um die Grenzen im Kopf, sondern um die, die einem der eigene Körper setzt. Protagonistin ist Jessica, ein burschikoses Mädchen, darob eine Außenseiterin, die im pubertär beginnenden Boy-meets-Girl-Spiel ihren Platz sucht. Lăzărescu erzählt das mit großer Liebe und viel Respekt für die von ihr abgefilmten Figuren und einem leisen, subtilen Witz, der nie verletzend oder holzhammerig wird. Denn die Handlung ist tatsächlich alles andere als zum Lachen, leidet Jessicas Schwester Sabrina doch an einer tödlichen Lungenkrankheit.

Und während sie schon ihr Begräbnis samt Brass-Musik organisiert, schmieden die beiden noch einen letzten Plan. Die Entjungferung, heißt: Sex, soll das Sterben abwenden, so steht es zumindest in den pseudo-okkulten Büchern, die Jessica und Sabrina wälzen – und für die Tat muss ein Kandidat gefunden werden. Lăzărescu findet dafür eine gehörige Prise absurden, doch nie überzogenen Humors. Sie nimmt ihr Thema überaus ernst, aber es ist eben zum Schmunzeln, wenn der Vater der Töchter, Bademeister und ehrenamtlicher Sterbebegleiter, im Hospiz einem Dahinscheidenden zeitgleich den „Orgasmus des Todes“ schildert, und in seiner Euphorie zu helfen erst gar nicht merkt, dass sein Gegenüber längst gegangen ist.

Mit seiner burschikosen, zwangsneurotischen Tochter Jessica: Martin Wuttke und Ella Frey. Bild: © Bernd Spauke

Mit seiner todkranken Tochter Sabrina: Martin Wuttke und Emilia Bernsdorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt ganz wunderbar diesen Stefan Gabriel, der seit dem Tod seiner Frau Alleinerzieher ist, und bemüht, drei Leben in den Griff zu bekommen, obwohl ihm diese mehr und mehr entgleiten. Um Stress abzubauen, hört er via CD Walgesänge. In diesen Augenblicken zieht Wuttke selig lächelnd durch die Straßen, aber derart Momente dauern nur kurz. Hat er doch nicht nur mit den körperlichen Beschwerden von Sabrina zu kämpfen, sondern auch mit Jessicas seelischem Zustand, die sich ob der familiären Verhältnisse in diverse Zwangsneurosen hinein manövriert hat.

Als da wären das unkontrollierbare Rauf- und Runterziehen von Socken wie der Glaube an die Gefährlichkeit verschiedener Zahlen. Und zahlreiche andere ausgefeilte Ticks. Ungelenk ist ein passendes Wort für die Art, wie sich die Figuren bewegen, und ungelenk ist auch der Psychotherapeut, Christian Friedel, zu dem Jessica geschickt wird, oder die Leiterin der caritativen Einrichtung, Sophie Rois, die bei Stefan einen Annäherungsversuch unternimmt, der natürlich scheitern muss.

Die einzige, die hier ihrer selbst bewusst zu sein scheint, ist Emilia Bernsdorf als die stets durchgestyle, scheußlichste Horrorfilme wie einen Fetisch betrachtende Sabrina. Sie ist, was man eine alte Seele nennt. Dass diese Coming-of-Age-Geschichte niemals zur Karikatur gerät, sondern immer wahrhaftig bleibt, liegt allerdings überwiegend an Ella Freys Jessica, die sich schließlich in den einen, älteren, Mitschüler verliebt, nur um zu erkennen, dass der andere, gleichaltrige, die für sie bestimmte Wahl ist. Aus dem Off lässt Lăzărescu deren Gedanken herbeiflüstern, dieses Gerade-noch-Kind, das sich zur Schadensabwehr in „heilige“ Rituale flüchtet, schwer gezeichnet von dem, was es tragen muss.

„Glück ist was für Weicheier“ ist ein stiller, unsentimentaler Film mit Zeitpunkten komischer Verzweiflung. Etwa, wenn Wuttke einen um sein Leben strampelnden Marder aus dem Pool befreit, nur um später auf der stolzen Probefahrt mit dem angedacht neuen Auto einen Hirsch anzufahren. Dessen starkes Geweih umklammernd, kann er nicht verhindern, dass das Tier von ihm geht. Welch ein Symbolbild.

Ein vergeblicher Annäherungsversuch: Sophie Rois geht als Sterbehospiz-Leiterin aufs Ganze, aber Martin Wuttke will eigentlich nur reden. Bild: © Filmladen Filmverleih

Martin Wuttke spielt unprätentiös und authentisch und ergibt sich ganz der resignierten Sprödheit seiner Figur. Ella Frey, die 15-Jährige fällt nicht zum ersten Mal positiv auf, bezaubert mit ihrer ausdrucksstarken Darstellung. Ein verstörter Teenager, weil sie sich in ständiger Gefahr glaubt, dass etwas Schlimmes passieren wird. Was dann selbstverständlich auch eintritt.

Wuttkes Bademeister Gabriel wird schließlich ein Mädchen retten, vor dem Ertrinken, und diese Tat wird eine sein, die er für sein eigenes nicht wiederholen kann. Starker Stoff, karge Bilder, draußen ist Leben, doch drinnen zieht es vorbei – aber immerhin das Ende ist lyrisch und zart.

www.glueckistwasfuerweicheier-film.de

  1. 2. 2019

Ö1-Hörspiel – Adalbert Stifter: Der Hochwald

Mai 2, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sophie Rois erzählt eine zeitlose Geschichte vom Krieg

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Es fängt an mit Geschützdonner. Stimmengewirr. Verzerrten Geräuschen. Der Krieg geht ins wievielte Jahr? „Die Jungen, die Kräftigen und jene mit Geld machen sich auf den Weg, gehen in sichere Gebiete. Die anderen bleiben zurück“, sagt Sophie Rois. „Sie werden Haus und Hof und Familie zu schützen versuchen. Viele werden sterben. Jene, die der Krieg nicht tötet, werden ihre letzten Sicherheiten verloren haben.“ Es war einmal. Es ist noch immer.

Erschreckend aktuell, so beginnt das Hörspiel „Der Hochwald“ nach der 1842 erschienenen Erzählung von Adalbert Stifter, nun von Andreas Jungwirth zum Hörspiel bearbeitet. Zu hören am 7. Mai um 14 Uhr auf Ö1. Ein Vater versucht seine Töchter vor dem – im Original: Dreißigjährigen – Krieg in Sicherheit zu bringen und richtet ihnen in der unberührten Tiefe des Waldes eine Hütte ein. Gut bewacht sollen Clarissa und Johanna dort das Vorbeiziehen des Feindes abwarten. Es ist, als würde hier die Zeit stillstehen, während ringsum der Tod tobt. Doch der Geliebte eines der beiden Mädchen dringt auf der Suche nach ihr bis zum Refugium vor; er wird naturgemäß für einen Feind gehalten – und das Schicksal nimmt seinen verhängnisvollen Lauf.

Bei Stifter erinnert sich ein Wanderer beim Anblick einer Burgruine an die Geschichte, die das Gebäude zu berichten wüsste, so es denn könnte. Jungwirth hat daraus eine Erzählerin gemacht, die großartige Sophie Rois. Die zukünftige Allwissende und die gewesenen Töchter des Edelmanns begegnen einander in einer Zeitlosigkeit. „Es gibt Freuden auf der Welt, die uns zerstören können, und es gibt Leiden, die kann man überstehen“, lässt die ältere Jetzige die jüngeren Vergangenen wissen. Stefanie Reinsperger und Pippa Galli leihen den Schwestern Clarissa und Johanna ihre Stimmen. Und konsequent aus der Perspektive dieser Mädchen lässt Jungwirth die unheilvollen Begebenheiten beschreiben. Er konzentriert sich, mit der Musik von Miki Liebermann und in der akustischen Umsetzung von Anna Kuncio und Manuel Radinger, ganz auf das Ausharren und Verstummen der Menschen in einer ihnen fremden Umgebung.

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Der Reiz des „Hochwald“ liegt weniger in seiner Handlung, er findet sich in der Schilderung einer Landschaft im Süden Böhmens, rund um den Blockenstein. Hierin erst werden die Figuren beleuchtet und mit Facetten versehen; sie werden, nach anfänglichem Grauen vor der Wildnis, als Teilhabe am Wald in die Erzählung eingebettet. Er erscheint ihnen bald als eine von den Tagesschrecknissen abgehobene Welt.

Der Krieg ist ein Werk der Menschen, er zerstört sie. Der Wald aber wuchert über das alles hinweg. Rois macht mit ihrer unvergleichlichen Stimme den mystischen Wunderort, die Bäume, Gräser, Moose ohnedies ein lebender Organismus, zum Protagonisten des Hörspiels. Aber wie sie ihn gestaltet, so schwingt gleichsam auch das atemlose Erstaunen der Mädchen oder die abwartende Ruhe der Männer in ihrer Erzählweise mit.

Paul Wolff-Plottegg spricht den Vater, ganz „wunderschöner, ehrwürdiger Greis“, der den Töchtern doch fremd bleibt, Raphael von Bargen den in seiner Werbung zurückgewiesenen Ritter. Michael König ist als Jäger Gregor, der Beschützer der Mädchen, ein Waldwesen, zu dem im Tann „alles spricht, alles erzählt“. Entgegen seiner sanftmütig weichen Stimme steht Laurence Rupp als Ronald. Clarissas Verehrer ist ein unglücklich Liebender, trotzig-verletzt fordert die beiden von einander Erklärungen, die die Liebe kaum zu geben mag. Diese Passagen mit Stefanie Reinsperger sind die schönsten, und Rupp lässt wie vorgeschrieben die „wilde Hoheit“, dieses „etwas das fleht und etwas das herrscht“ seiner Figur anklingen.

Wie der Krieg näher rückt und um Botschaft ausgesandte Knechte nicht wiederkommen, wie durchs Fernrohr nur noch verkohlte Trümmer und andere Schlachtenreste zu erkennen sind, so stattet Jungwirth den Sound mit einem Schellack-Gekratze und Radio-Knistern aus. Wenn der Empfang schlecht ist, ist der Mensch nicht mehr Menschenfreund. Daran vermag auch der Wald nichts zu retten. „Darum haben wir ja den Staat, daß wir in ihm Menschen seien. Denn was den allergrößten Schaden bringt, sind die unreifen Politiker, die in Träumen, Deklamationen und Fantasien herumirren und doch so drängen, dass nur das Ihrige geschehe“, formulierte einst Adalbert Stifter. „Der Hochwald“ – unbedingt hörenswert!

oe1.orf.at

www.andreasjungwirth.at

Wien, 2. 5. 2016

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014