Bohemian Rhapsody

Oktober 30, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und kein Brandstifter

Rami Malek als Freddie Mercury. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

„Das Einzige, das noch außergewöhnlicher ist als ihre Musik, ist seine Geschichte“, verheißt der deutschsprachige Trailer in großen Lettern. Allein, so stellt es sich nicht dar. Weder über Queen noch deren genialen Frontmann Freddie Mercury erfährt man in Bryan Singers Biopic „Bohemian Rhapsody“ Tiefergehendes bis tief Ergreifendes. Um dies hier nicht falsch zu verstehen, das ist kein Ruf nach Voyeurismus.

Aber der morgen in den Kinos anlaufende Film verhält sich zur Band- und Mercurys persönlicher Geschichte so beiläufig, als würde man gelangweilt seine alte Plattenkiste durchblättern. Rami Maleks sublime Performance als Freddie Mercury und der wie am Schnürchen abgespulte Greatest-Hits-Soundtrack können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drehbuch, erst von Peter Morgan, dann übernahm Anthony McCarten, zu handzahm ist. Ein Umstand, der übrigens, glaubt man Branchenblättern, sowohl Singer – auch er knapp vor Drehschluss ausgetauscht und durch Dexter Fletcher ersetzt – als auch dem erstgenannten Freddie-Darsteller Sacha Baron Cohen sauer aufstieß. Aber die Masterminds Brian May und Roger Taylor wollten offenbar was Familienfreundliches, Altersfreigabe ist jetzt ab sechs, und das haben sie bekommen. Die Bandmitglieder kommen rüber wie Oberbuchhalter, alles Biedermänner, keine musikalischen Brandstifter. Hoffentlich ist ein Rockstar-Leben nie so unglamourös fade, wie’s in „Bohemian Rhapsody“ ausschaut.

Rami Malek als Freddie Mercury und Gwilym Lee als Bryan May. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Rami Malek als Freddie Mercury, Gwilym Lee als Bryan May und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Am Unverzeihlichsten ist, dass der Film so ambivalent mit der Darstellung von Mercurys sexueller Zerrissenheit umgeht, aus der wohl sowohl seine Einsamkeit als auch seine Exaltiertheit resultierten. Zwar hat sich der Sänger nie offiziell zu seiner Bisexualität bekannt, und das war auch nicht notwendigerweise laut auszusprechen, hat er doch weder in Songtexten noch in der Art seiner Auftritte je ein Geheimnis darum gemacht.

Doch Mercurys Familiengeschichte und Vaterkonflikt, seinen barocken Partys und seinem Hereinfallen auf falsche Freunde, seinem Liebeskummer und den deshalb oft handfesten Streitereien, seiner Flamboyanz und Exzentrik, wird weniger Raum gegeben als seiner Hingabe für seine Katzen. May und Taylor wollten es sichtlich geschönt, geglättet, auch historisch hin und wieder feingeschliffen – et voilà.

Montreux fehlt ganz, auch David Bowie oder Montserrat Caballé, die München-Episode gibt‘s kurz und ohne Barbara Valentin, und als Mercury seine Band-Familie über seine HIV-Diagnose informiert, und eine Welt in sich zusammenbricht, steht das Drehbuch dieser Tragik so hilflos gegenüber, als hätte es „The Show Must Go On“ nie gegeben.

Das legendäre Band-Aid-Konzert 1985 im Wembley-Stadion, Beginn- und Schlusspunkt des Films, wirkt seltsam kleiner als das Original. Gute Momente immerhin hat „Bohemian Rhapsody“. Einen im rohen Look britischer Sozialdramen, als ein selbstbewusster Farrokh Bulsara mit seinem improvisierten Vorsingen auf einem Autoparkplatz May und Taylor von seinen Qualitäten überzeugt. Eine eskalierende Pressekonferenz, auf der die Journalisten nur an „faggoty Freddie“ interessiert sind, May jedoch über Musik reden will. Einmal, als im Studio gezeigt wird, wie May, einen Fußballfansong im Ohr, auf das Stampf-Stampf-Klatsch von „We Will Rock You“ kam. Und natürlich die Aufnahme von „Bohemian Rhapsody“, die Ben Hardy als Roger Taylor ein immer höheres „Galileo“ abverlangt. Wiewohl er nicht so hübsch ist, wie das Original einst war, leistet Hardy ganze Arbeit.

Queens legendäre Live Aid-Performance: Gwilym Lee als Brian May, Ben Hardy als Roger Taylor, Rami Malek als Freddie Mercury und Joe Mazzello als John Deacon. Bild: © 2018 Twentieth Century Fox

Ebenso wie, bereits erwähnt, Rami Malek in seiner Anverwandlung des charmantesten Überbisses der Rockgeschichte auf ganzer Linie überzeugt. Joseph Mazzello ist ein glaubwürdiger John Deacon, und vor allem Gwilym Lee übertrifft alle Erwartungen, er hat sich Aussehen und Habitus von Brian May angeeignet, wie es vielleicht noch keinem Schauspieler bei einem Musiker gelungen ist.

Lucy Boynton besticht als Mercurys ehemalige Verlobte und Lebensmensch Mary Austin, Aaron McCusker ist anrührend als Mercurys letzter Lebenspartner Jim Hutton. Komödiantisch ist der Cameo von Mike Myers als Label-Verantwortlichem, der nicht an die Radiotauglichkeit der sechsminütigen „Bohemian Rhapsody“ glaubt. Myers sorgte bekanntlich Anfang der 1990er-Jahre mit „Wayne’s World“ dafür, dass der epische Song wieder in die Hitparaden kam … Alles in allem ist „Bohemian Rhapsody“ ein Film, an dem sich mutmaßlich viele Fans erfreuen, über dessen Ungenauigkeiten sich einige aber sicher ärgern werden. Den erhofften und erwarteten Blick hinter die Kulissen gibt es weder was die Band Queen und deren musikalisches Schöpfen, noch was Freddie Mercury und sein Leben angeht. Dexter Flechter bastelt dieweil schon an seiner nächsten Rockstar-Biografie, dem Elton-John-Biopic „Rocketman“. Man weiß nicht, ob man sich da freuen oder fürchten soll.

www.foxfilm.at/bohemian-rhapsody

Trailer: www.youtube.com/watch?v=2Xw1jDUIACE

  1. 10. 2018

Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 5. 2018

The Lady in the Van

Mai 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maggie Smith bringt ihre Bühnenrolle auf die Leinwand

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith und Miss Sheperd kennen einander seit fast zwanzig Jahren, sie waren gemeinsam schon für einen Laurence-Olivier-Award nominiert, sind zusammen in einem BBC-Hörspiel aufgetreten, nun war es Zeit, die Leinwand zu erobern. Und das tun die beiden Damen im Sturm.

„The Lady in the Van“ heißt der Film, wie auch das Theaterstück und davor der Roman, in dem die große britische Schauspielerin einmal mehr die exzentrische Obdachlose spielt, die mit ihrem Bedford Lieferwagen die Nachbarschaft im Londoner Bezirk Camden Town unsicher macht. Bezaubernd mag in diesem Zusammenhang als ein seltsames Wort klingen, lebt Miss Sheperd doch buchstäblich in ihrem eigenen Mist, doch die Smith, Darstellerin unzähliger spleeniger Gräfinnen, altjungferlicher Gouvernanten und einer verhärmten Zauberprofessorin, verleiht diesem Charakter naturgemäß einen Hauch Aristokratie. Längst ist sie ja von der Queen in den Ritterstand erhoben …

In Österreich läuft „The Lady in the Van“ am 20. Mai in ausgesuchten Kinos an, in Wien exklusiv im Filmcasino. Ein Filmstart hierzulande war vom internationalen Verleih nämlich gar nicht geplant, und es ist dem Filmcasino zu danken, dass dieses kleinodische Kammerspiel nun doch zu sehen sein wird.

„Eine beinah wahre Geschichte“ nennt Autor Alan Bennett seinen durch alle Genres wandernden Stoff. Fünfzehn Jahre, von 1974 bis 1989, lebte er Tür an Tür mit dem Original. Was mit einer kleinen Anschubhilfe für den Van begann, setzte sich mit dem vorübergehenden Zurverfügungstellen eines Parkplatzes in der Hauseinfahrt fort – und entwickelte sich zu einer Art Freundschaft, die das Leben beider veränderte. Wobei, Freundschaft. Besser gesagt richtet Miss Sheperd dem entscheidungsschwachen, lebensängstlichen Alan die Wadln viere. Nicht nur sie, auch er hat ein Geheimnis, das sich im Laufe der Handlung entschlüsseln wird, wenn sie sehr ladylike formuliert, sie verstehe durchaus den Anlass für seine nächtlichen Herrenbesuche, und Alan wird sich am Ende zu sich selbst bekennen und die Liebe finden. Rupert Thomas heißt er, ein Journalist und Bennetts Partner seit nunmehr 24 Jahren. Der Film von Regisseur Nicholas Hytner wurde in der Straße und dem Haus gedreht, in denen Bennett und Miss Sheperd jahrelang wohnten. Am Ende fährt der Schriftsteller mit dem Rad durch seinen ehemaligen Bezirk, bis zu seinem alten Domizil, wo sein filmisches Alter Ego gerade eine Gedenktafel für Miss Sheperd enthüllt. Wozu ihm die Anrainer frenetisch applaudieren.

Diese Mitwelt ist es, die Bennett mit vorzüglich britischem Humor ausstellt. In Camden Town war man damals very Bobo, und so sehr einem die alte Schrulle mit ihrem stinkenden Drecksvehikel auch auf den Nerv ging, immer lächeln, wir sind ja soo Labour. Jim Broadbent, Frances De La Tour oder Roger Allam gestalten diese per gesellschaftspolitischer Gesinnung gutmütigen Tröpfe, die Miss Sheperd gegen den eigenen Grausen mit Kuchen und anderen kleinen Geschenken über Wasser halten. Wie schön sie ist, diese Botschaft von Mitgefühl und Toleranz, denn wenn Maggie Smith mit der Würde einer Königin durchs Geschehen stapft, darf man sich keine Rüstige-Rentnerin-Klamotte erwarten.

Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer schroffen Miss Sheperd – Zitat: „Das Wort Entschuldigung zieht nur bei Gott“ –  zeigt sie die Härte eines Lebens auf der Straße, erzählt von Altersarmut und wie es Menschen ohne Krankenversicherung geht. Jedes warum auch immer aus der Kurve getragene Leben war einmal ein besseres, sagt sie, aber das Schicksal spielt mitunter ein anderes Spiel als das erwartete – und danach ist Schuld oder Unglück nicht mehr die Frage. All das bedeutet nicht, dass „The Lady in the Van“ keine Komödie ist, im Gegenteil, es ist eben eine mit Tiefgang, doch es ist dieses zerfurchte Gesicht mit dem sarkastischen Augenzwinkern, an dem man sich eineinhalb Stunden lang festhalten sollte. Was immer man Handlung nennt, ist nämlich tatsächlich schnell erzählt.

Miss Shepherd mit Alan Bennett alias Alex Jennings. Bild: Park Circus

Alex Jennings spielt den Autor Alan Bennett. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als angetan. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als amused. Bild: Park Circus

Für das meiste davon ist Alex Jennings als Alan Bennett verantwortlich. Der Schauspieler, bekannt als Prinz Charles aus Stephen Frears „Die Queen“, nunmehr mit blondem Schulbuben-Schopf dem Schöpfer seiner Figur ähnlich gemacht, changiert zwischen Ohnmacht über und unterdrückter Auflehnung gegen die neuen Zustände vor seiner Haustür. Viel zu wohlerzogen, um ein Machtwort zu sprechen, sieht er sich mit Miss Sheperds Invasion konfrontiert, die sogar, oder eigentlich im Wesentlichen, vor seiner Toilette nicht halt macht. Was intensive Schrubbmanöver zur Folge hat.

In seiner Fantasie steht er sich selbst gegenüber, das Schreiber-Ich dem Menschen-Ich, und tadelt sich für seine Gutmütigkeit, diese Zwiesprache ein schöner Kunstgriff von Autor Bennett und Regisseur Hytner. Und weil’s der alten Ladies nie genug geben kann, und des schlechten Gewissens schon gar nicht, gibt’s da auch noch seine Mutter auf dem Land, die so gerne beim Sohn einziehen möchte, und die er im Altersheim verblühen lässt, während er sich um eine Fremde kümmert …

Am Ende wird klar, warum Miss Sheperd zu der wurde, die sie ist. Eine Erklärung, die’s gar nicht gebraucht hätte, weil die Realität auch nicht für alles eine abgibt. Maggie Smith brilliert in einer Rolle, die wie auf sie zugeschnitten ist. Man muss sie einfach mögen, diese unmögliche, unfreundliche Person, die alles in Eierspeisgelb bepinselt. Und die in einer kleinen Irrationalität, aber wer weiß das schon, in Gottes Armen aufgefangen werden wird. Das letzte Wort hat der Autor: „Man sollte sich nicht zum Teil dessen machen, was man schreibt, man sollte sich darin finden“, sagt er. Zurzeit läuft sein neues Stück „Untold Stories – Hymn & Cocktail Sticks“ in der Regie von Tom Attenborough im Waterhouse Theatre. Wieder hat Alan Bennett über sein Leben geschrieben, und wieder findet das die Kritik: „warm, witty, humorous and poignant“ – warmherzig, geistreich, humorvoll und rührend.

Trailer in englischer Sprache: www.youtube.com/watch?v=OA8tMziteZM

www.theladyinthevan.de

www.filmcasino.at

Wien, 18. 5. 2016

Internationale Barocktage Stift Melk 2016

November 27, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schade lädt ein: Träumen unterm Trompe-l’œil

Michael Schade Bild: photo-graphic-art

Michael Schade
Bild: photo-graphic-art

„Barocke Musik ist eine Fundgrube. Das Schöne ist, dass man immer etwas Neues findet“, sagt Michael Schade, und: „Der schönste Job als künstlerischer Leiter ist zu träumen.“Am Freitag stellte der Opernsänger und Intendant der Internationalen Barocktage Stift Melk sein Programm für das kommende Jahr vor. 2016 findet das Festival zu Pfingsten, von 12. bis 16. Mai statt. Der Kartenverkauf beginnt am 7. Dezember.

Die Internationalen Barocktage Stift Melk stehen 2016 unter dem Motto „Le monde fantastique. Illusion und Wirklichkeit“; das Programm soll sich auch in der Location des Stiftes Melk widerspiegelt. Beim Bau des Benediktinerstiftes kam so manch architektonisches Gestaltungsmittel zum Zug, das bewusst das Auge des Betrachters täuscht – angefangen von Malereien, Trompe-l’œil genannt, die Decken höher erscheinen, Formen länger werden oder einfache Baumaterialien hochwertiger aussehen lassen. Schade: „Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, halten wir für wirklich. Doch manchmal wird unser Geist überlistet. Unser Programm 2016 will dieses berauschende Prinzip aufnehmen, variieren und uns damit gleichzeitig inspirieren.“

Es gibt nächstes Jahr zwei Neuheiten: Gemeinsam mit dem Ensemble klangmemory wurde ein Konzept für ein Konzert für Kinder bis 6 Jahre entwickelt. „Mäuschen Max hört auf sein Herz“ ist eine barocke Tiergeschichte vom Suchen und Vertrauen, in dem Klänge und Melodien von Johann Sebastian Bach und Johann Josef Fux in traditionelle Kinderlieder und eigens komponierte Stücke eingewoben werden. „Mit dieser Neuerung wollen wir Kindern die Möglichkeit geben, barocke Musik und deren Schönheit kennenzulernen und somit einen neuen Zugang dazu eröffnen“, sagt Schade. Ähnliches – nämlich Brücken zwischen Alter Musik und zeitgenössischer Interpretation zu schlagen – will man auch mit der neuen Reihe „Off Road Barock“: Das Janoska Ensemble, feat. Thomas Gansch, greift barocke Themen auf und interpretiert diese neu. Die Künstler verwenden moderne Instrumente und nähern sich der Alten Musik eigenwillig und dennoch lustvoll genau.

Die Programmtipps:

„Die Perücken trügen“, 13. Mai, 20 Uhr, Kolomanisaal:  Zwei wahre Liebhaber des Barock, Daniel Hope und Roger Willemsen, stellen in einem Wettstreit zweier Kunstformen Musik und Dichtung nebeneinander. Der facettenreiche Musiker, der die Fähigkeit hat, Alte Musik neu zum Leben zu erwecken, im Zusammenspiel mit dem Bestsellerautor.

„Les fantasmes du monde“, 14. Mai, 22 Uhr, Gartenpavillon: Ein Abend über Illusion und Wirklichkeit – Wie stellte sich das Volk zu Zeiten des Barock das höfische Leben vor? Und wie gut wusste der Hof über das Leben des einfachen Volkes Bescheid? Die naive Vorstellung vom Leben „der anderen“ wird von Matthias Loibner dargestellt. Dabei spielt die Drehleier eine wichtige Rolle, die, einst Bauerninstrument, bald auch bei Hofe nicht mehr wegzudenken war.

„Flammes de magiciennes“, 15. Mai, 19.30 Uhr, Kolomanisaal: In einem atemberaubenden Konzert entführt Superstar Patricia Petibon das Publikum in die Welt großer Emotionen – von Leid und Hoffnungslosigkeit zu Liebe und Zuneigung.

„Selva morale e spirituale“, 16. Mai, 19.30 Uhr, Stiftskirche: Eine der Besonderheiten der Internationalen Barocktage ist, dass das Residenzorchester Concentus Musicus Wien, das traditionell stets unter Nikolaus Harnoncourt spielt, hier mit ausgewählten Dirigenten zusammenarbeitet. Dieses Mal gibt sich ein Shooting-Star die Ehre: Pablo Heras-Casado.

www.barocktagemelk.at

Wien, 27. 11. 2015

Wiener Festwochen: Please, Continue (Hamlet)

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schuldig oder nicht schuldig? Das ist hier die Frage.

"Hamlet" Thiemo Strutzenberger (re.) Foto: Nurith Wagner Strauss

Verteidiger Rudolf Mayer, „Hamlet“ Thiemo Strutzenberger  Foto: Nurith Wagner Strauss

Ich bitte um Ruhe!“, spricht der strenge Gerichtsdiener ins Mikrofon, und schon wird es still. „Please, Continue (Hamlet)“. Die österreichische Erstaufführung Yan Duyvendaks und Roger Bernats Weiterschreibung der Shakespeareschen Tragödie nimmt ihren Lauf. Das Publikumsbeteiligungsstück setzt da ein, wo Shakespeares dritter Akt endet. Hamlet hat Polonius, den Vater seiner Geliebten Ophelia, getötet. Ob er dabei fahrlässig oder vorsätzlich gehandelt hat, darüber wird nun Gericht gehalten.  www.festwochen.at/fileadmin/user_upload/Ermittlungsakte.pdf  Und jeder Zuschauer ist am Ende des dreistündigen Abends  Geschworener. In den beiden Pausen wird heftig diskutiert. Welch ein Spaß, sich einmal beim britischen Barden einmischen zu dürfen! Können wir das auch bei Macbeth und Richard III. machen. Wohl kaum jemand, als die, die wissenschaftlich daran arbeiten – „Hamlet“ ist das Theaterstück, zu dem es die meiste Sekundärliteratur gibt -, hat sich je mehr mit dem Dänenprinzen und seinen Problemen befasst, als an diesem Abend.

Thiemo Strutzenberger als ein großartiger Hamlet wird von der Richterin zum vermeintlichen Tathergang befragt. Danach werden Ophelia (Julia Jelinek) und Gertrud (Susi Stach) in den Zeugenstand berufen. Der Richter, die beiden Rechtsanwälte, der Staatsanwalt, der Psychiater und der Gerichtsdiener  sind  Vertreter der Österreichischen Justiz und Rechtsanwaltschaft und hier Laiendarsteller. Sie üben ihren Beruf einfach einmal auf der Bühne aus. In fünf Ländern war die Produktion schon zu sehen. Die Verbindung von Theater und national jeweils unterschiedlichem Strafrecht soll laut Programmheft exemplarisch zeigen, dass Gerechtigkeit „keine präzise Wissenschaft“ sei. Duyvendak und Bernat konfrontieren einen mit den, involvieren einen in die Spielregeln der Gerichtsbarkeit, sie zeigen, wie unvorhersehbar und zufällig Rechtsprechung sein kann, wie subjektiv Urteile gefällt werden. Schuld- oder Freispruch.

So kann man beispielsweise den keineswegs medien- und öffentlichkeitsscheuen Verteidiger Rudolf Mayer zu erleben (er war Verteidiger der „schwarzen Witwe“ Elfriede Blauensteiner und von Josef Fritzl), wie er jovial für den sehr zurückhaltenden Strutzenberger argumentiert. Susi Stach gab’s heftig kräftig im Zeugenstand: Sie waren halt alle b’soffen in ihrer „sozialen Randschichtfamilie“, wie es später im psychiatrischen Gutachten heißen wird. Unübersichtlich wird es, als ein jüngst in Marseille passierter Mord Hamlet in die Schuhe geschoben werden soll. Doch das Konzept der beiden Theatermacher ist gut. Mehr davon!

Das Urteil der Verhandlung vom 7. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet ist schuldig am 7. 7. 2013 in Wien fahrlässig den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt zu haben, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat. Er hat hierdurch das Vergehen der fahrlässigen Tötung nach § 80 StGB begangen und wird hierfür zu einer Freiheitsstrafe von 10 Monaten, so wie gemäß § 389 (1) StPO zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens verurteilt.

Das Urteil der Verhandlung vom 8. 6. 2014 lautet wie folgt:

Hamlet wird von dem wider ihn erhobenen Anklagevorwurf, er habe den Tod des Polonius dadurch herbeigeführt, dass er mit einem Messer einen Vorhang durchstach und den dahinter befindlichen Polonius im Bereich der linken Brustkorbhälfte, zwischen der 4. und 5. Rippe hindurch, direkt ins Herz traf und dabei die vordere Wand der linken Herzkammer verletzte, wodurch ein Herzstillstand eintrat, gemäß § 336 StPO freigesprochen.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

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