Burgtheater: Mein Kampf

Oktober 10, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist

Und hereinbricht Hitler: Markus Hering als Schlomo Herzl, Marcel Heuperman als Braunauer Bildermaler und Oliver Nägele als Lobkowitz. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Zusammengefasst, das Ganze entwickelt sich vom jüdischen Witz zur Furz-Farce zu einer Brachialgewalt, die durch George Taboris Groteske schlägt, wie die Heiligen Nägel durch Schlomos Hände. Itay Tiran inszenierte am Burgtheater also „Mein Kampf“, er hat sich am Akademietheater als Regisseur schon in „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), als Schauspieler in „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623) von seiner besten Seite gezeigt.

Nun berichtet der im israelischen Petach Tikva geborene Künstler im Programmheft anrührend von seiner „Kämpferin“, Großmutter Deborah Fixler Yahalom, Shoah-Überlebende und Geschichtenerzählerin und Virtuosin eines Überlebenshumors, mit dem sie ihrem Enkel den Horror beschrieb. „Shoah“, sagt Tiran, „ist für sie, wie für viele andere, kein datierbarer Zeitpunkt in der Geschichte, sondern ein Zustand, der anhält und andauert“, und im Interview, dass er, als seine Regiearbeit angefragt wurde, zweifelte, ob er sich mit dem Familientrauma auseinandersetzen möchte, nicht wissend, was er dem in Wien oft und grandios gespieltem Stück an noch nicht Gesagtem hinzufügen könne.

Dies hier erwähnt als Eckpunkte einer Besprechung, die über ein „Ja, so kann man’s freilich auch machen“ hinauskommen möchte, ist es unsachlich zu sagen, man möge von Themen, die einem zu nah sind, die Finger lassen?, kurz: der gestrige Premierenabend hat seine Momente, skurrile und schwere und solche, die es einem nicht leicht machen.

Jessica Rockstroh hat die Vorderbühne mit einem Jossi-Wieler-Rechnitz-Gedächtnisguckkasten zugebaut, ein Vergleich, dem stattgegeben wird, als Frau Tod Herrn Hitler ihren eben rekrutierten Würgeengel nennt. Bis dahin ist es ein mehr als zweistündiger Weg durch diesen gefinkelten Wandverbau, der sich hoch- und wegklappen lässt, die Paneele mal Bett, mal Bügelbrett, und dessen Teile von Anfang bis Ende durchbrochen und zertrümmert werden, wenn die Schauspieler aus ihnen fallen, drängen, drücken. Kein heiles Heim, dafür ein Heil! im Männerwohnheim, der Hitler und der Himmlisch kommen!

Davor, man weiß es, ein heiterer G’tt aus wenig heiterem Himmel, einer, der sich an nichts erinnern kann, solch aktuelle Hinterlist gibt’s von Schnitzel und Flüchtlingsstrom bis zum Jammern der Tödin übers Aussterben der Pandemien (Publikum: Gelächter!). Der Herr und sein Auserwählter sind, man weiß auch das, Koscherkoch Lobkowitz und Buchhändler Schlomo Herzl, Oliver Nägele und Markus Hering, und im Wortsinn über die beiden hereinbricht Marcel Heuperman als Hitler. Der sich erst in einer hochgeschraubten Schwadronade, dann seinen Darm in einen Kübel entleert. Scheiße aus allen Körperöffnungen, wie gesagt, am Furz- und Kotztheater wird hier nicht gespart. Heupermans unappetitlicher Hitler ist ein Theatraliker ennet der Grenze des Geschmacklosen.

Hering, Heuperman und Hanna Hilsdorf als Gretchen, hi.: Huhn Birne als Mizzi. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Ein händewachelndes Ojojoj der Menschenopfer: Makus Hering und Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Rekrutiert ihren Würgeengel: Sylvie Rohrer als Frau Tod und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Itay Tiran, und dies sein Pluspunkt, stellt die Schauspieler in den Mittelpunkt, er gibt ihnen all den Raum, der zwischen drei Wänden möglich ist. Es ist ein einfaches, ein Armes Theater, das er zeigt, mit einem Stück Kreide zeichnet Herings Schlomo Hitlers neues Zuhause wie den Teufel an die Wand; die Kostüme von Su Sigmund wie aus der Kleidersammlung, Trainingsbuxe, Bademantel, die Kippa eine Strickmütze. Heuperman ist ein feistes, berserkerndes Baby, ein hysterisch wütendes Kleinkind, kindisch-grausam, sobald es nicht nach seinem Kopf geht, die schmutzigen Strümpfe auf Halbmast, die versiffte Unter- eigentlich eine beständig rutschende Windelhose, die Heuperman ebenso beständig über dem nackten Hintern hochzieht.

Hering und Nägele geben sich als zwei Käuze, die mit einem händewachelndem Ojojoj ihre Opferbestimmtheit kundtun, Lobkowitz schon ein jenseitiger Mehlzerstäuber, Herzl noch ein herzergreifend Verzweifelter – am jüdischen Glauben und am jüdischen Witz, der mit mütterlichem Masochismus den Braunauer Bildermaler zum Massenmörder stylt und coacht. In diesem Szenario ist allerlei Bärtchen- und Youth-Cut-Slapstick möglich, so weit, so schön läuft der Abend am Schnürchen, mit komischen Typen und ihren Hals- wie Wortverdrehern. Jede Pointe sitzt, auch wenn man hier bereits den Sinn für Taboris nadelspitzen Sarkasmus und seine beißende Tieftraurigkeit vermisst.

Den schönsten und sie bestimmenden Moment schöpft Itay Tirans Aufführung aus der Verkehrung von Schlomo Herzls Satz zu seinem Buch, titelgebend: „Mein Kampf“, der bei Deborah-Enkel Tiran als Schlomos „letzte Chance endlich zu vergessen, woran ich mich seit meiner Jugend erinnern muss“ dasteht. Lässt er doch den Hering bei ins Gelbe gedimmten Standbildern die Mitakteure nach Schlomos Willen arrangieren, auf dass seine Inszenierung unter greller Glühbirne Szene für Szene ins Grauen entgleise.

Herings Schlomo Herzl mit der KZ-Tätowierung auf dem Unterarm fantasiert aus dem Orkus die Schlächter neu herbei. Und er weiß es und er kann es nicht verhindern, kann das Geschehene nicht umschreiben. Aus seinem Transistorradio hört man HC Strache im Wahlkampfmodus. Geschichte wiederholt sich nur als Farce, um Karl Marx abzukürzen.

Keine Akademie? Hitler ist am Boden zerstört: Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Der Schnauzer wird zum Bärtchen gestutzt: Markus Hering und Marcel Heuperman. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Goldene Göttin statt deutsches Mädl: Markus Hering und Hanna Hilsdorf, hi.: Oliver Nägele. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Und wieder wird ein Jude gekreuzigt: Rainer Galke als Himmlisch und Markus Hering. Bild: Marcella Ruiz Cruz

Von der allerdings ist Tiran mittlerweile weit entfernt. Er hat zur verlangt feinschnittigen Sichel, um noch mal Marx zu bemühen, den dumpfen Hammer hervorgeholt, die Geräuschkulisse von Ludwig Klossek klingt nach Maschinengewehr, Grölen, Stöhnen, Hohngelächter. Mit Bettfedern hereinschneit Gretchen als Goldene Göttin, Hanna Hilsdorf allerdings weder Varganin noch bodenständig deutsches Mädl, sondern in dieser Schlüsselepisode, wie man dem Volk die Stimmung umdreht, deutlich unterbeschäftigt. Am spannendsten und bei Weitem die beste Komödiantin ist die Henne Birne als legendäre Mizzi, die in ein Wandbord gesetzt wird – und man dem Tier am Schnabel ansieht, wie’s überlegt: Wie komm‘ ich da nur wieder runter?

Bleibt: Die großartige Sylvie Rohrer als sich zur Kunstfigur verrenkende Frau Tod, ein bizarrer, kalter Todesengel, als der die Rohrer hier eine Glanzleistung hinlegt: Bleibt: Rainer Galke mit Axt – als Himmlisch von einer Herrenmensch-Rage, der eine Sauerei anrichtet, die Taboris subversives Zotenspiel, seine Assoziationskette von Schmerz zu Scherz zu Ausch-/Witz endgültig zerreißt. Schlomo wird an die Wand gekreuzigt, Mizzi vergast, der Titel „Mein Kampf“, denn ein Buch gibt es nicht, wechselt den Besitzer und Hitler zieht mit seiner Bagage und seinem an den Deportationskoffer gemahnendes Gepäckstück ab, als hätte er Schlomo sogar den gestohlen.

Zusammengefasst, im Dickwanst ist punkto dramatischer Dichte noch Luft drin. Die drastische Oberfläche bräuchte Tiefgang. In Zeiten da Rechts von einer zustimmend nickenden Mitte übernommen wird, braucht es (kultur-)politisch Radikaleres als Horrorclowns wie einen sich ausscheißenden Hitler und einen randalierenden Himmlisch. Ja, George Taboris „Mein Kampf“ ist im Getriebe des Repertoirebetriebs angekommen, kann man ihn aus diesem nun bitte weiterziehen lassen?

Lobkowitz und Robkowitz sitzen im Garten Eden auf einer Bank. Sagt Lobkowitz: Erinnerst du dich noch, wie du auf der Seife ausgerutscht bist und dir den Schädel zerschlagen hast, bevor sie uns vergasen konnten? Robkowitz schüttelt sich vor Lachen und erwidert: Ja, aber weißt du noch, wie du dich beschwert hast, sieben Mann seien zu viel für ein Bett? Kommt G’tt vorbei, böse und aufgebracht darüber, was es denn da zu lachen gebe. Sagt Lobkowitz: Ach Herr, den Witz versteht nur, wer dabei gewesen ist …

www.burgtheater.at           Video: www.youtube.com/watch?v=7x8ihcvJKbQ

  1. 10. 2020

Burgtheater: Die Hermannsschlacht

November 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zersägte Jungfrau in fünfzehn Einfriersackerln

Im Liebesblutrausch nach der Jagd auf den Auerochsen: Bibiana Beglau als Thusnelda und Bardo Böhlefeld als Ventidius, Legat von Rom. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auf der Innenseite des Programmhefts sind die Standorte der Cherusker, Sueven und Cimbern verzeichnet, und mitten drin der Stamm der Miss- vergnügten, und nein, das ist kein Feixen punkto Zuge- hörigkeiten, so dramatisch ist es nicht. Eher ist es das zu wenig. Weshalb mit folgenden Anmerkungen begonnen werden soll, nämlich, dass zum einen kaum jemals ein Burgtheater-Ensemble seinen Text so wortundeutlich vor sich hingemurmelt hat.

Als auf der Bühne der Satz fällt „Ich verstehe kein Wort“, ertönt aus dem Publikum ein belustigtes „Wir auch nicht!“ – und Lacher!, und nur, weil das Nachbarhaus genau dafür seit Jahren gescholten wird, Ringseitenwechsler Rainer Galke als Sueven-Fürst Marbod ist der bei Weitem Bestverständliche. Zum anderen aber, und das scheint tatsächlich schwerer zu wiegen, ist die Lesart der Thusnelda eine fatale, nicht nur aus frauenbewegter Sicht, sondern auch aus dramaturgischer, wurde der Figur doch jede tragische Fallhöhe genommen. Bei einem werkeinführenden Gespräch leitete Darstellerin Bibiana Beglau vom einstigen Kosenamen ihres Charakters zum nunmehr salopp abwertenden „Tussi“ über – und bei dieser Rollenzuschreibung ist sie auch geblieben.

So weit, so … also: Martin Kušej hat gestern seine erste Neuinszenierung für Wien präsentiert, der Chef, weil die Betitelung Direktor mag er gar nicht, der sich gern als kontroversieller Regisseur gibt, ein ebensolches Stück für diese Auftaktarbeit ausgewählt, Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, und am Ende mit gutgelaunter Castorf’scher Geste die gelegentlichen Buh-Rufer zu einem „Mehr! Mehr!“ eingeladen. Allein, dazu verebbte der Applaus allzu bald.

Von Kleist 1808 geschrieben und angesiedelt 9 n. Chr., verweist der stets jenseits der etablierten Literaturlager stehende Außenseiterautor mit der Vernichtung der Varus-Legionen im Teutoburger Wald auf der Deutschen Virtualität gegen die napoleonischen Truppen, die „Hermannsschlacht“ ein fünfaktiger Aufruf zu Widerstand und Waffengang, die Cherusker ganz klar die Preußen, die Römer gleich den Franzosen und die Sueven eine Handvoll Österreicher. Doch waren’s nicht Kleists Zeitgenossen, sondern erst die Nationalsozialisten, die das Historiendrama als teutschen Mythos und Appell zum totalen Krieg freudig aufführten.

Aufgedonnert für die Römer: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Ehe ist ein Ringelspiel: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Feldherr Varus hat „Tussi“ Thusnelda reich beschenkt: Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Zwischen diesem ideologisch kontaminierten Pol und dem des baskenbemützten Peymann’schen Partisanenkämpfers aus dem Jahr 1982 bewegt sich Kušej, der als seine Referenz die Schriften von Barbara Vinken, vor allem ihre Monografie „Bestien. Kleist und die Deutschen“ nennt, und in Kenntnis dieser wird offenkundig, dass Kušej deren Thesen vollinhaltlich spielen lässt. Heißt: „Die Hermannsschlacht“ nicht als Propaganda-, sondern als Lehrstück in Sachen derselben, heißt: Hermann als zynischen Hetzredner, Vinken nennt seine bevorzugte Rhetorik die der Rhetoriklosigkeit, Kušej ihn einen „Bruder im Geiste aller Fake-News-Populisten“, Hermann ein Kriegs-Führer ohne Schlachtenmoral, ein Gatte, der seine Frau Thusnelda systematisch vom sexuellen Lockvögelchen für Ventidius zur Bestie entmenscht.

Auf der Bühne des Burgtheaters hat Martin Zehetgruber einen Wald aus phallischen Betonwellenbrechern aufgebaut, und ein rotierendes Pferdekarussell. Doch bevor dies zu sehen ist, findet Stefan Wieland als Römer Scäpio in der den Abend dominierenden Düsternis noch einen ausgeweideten Frauenkörper. Das Opfer einer Kulthandlung, mit Hirschgeweih/Dornenkrone und in Blut gezeichnetem, hakenkreuzähnlichem Symbol auf der Schulter, eine Warnung an alle, dass weitere Gräueltaten folgen werden. Siehe die bei Kušej eindeutig von Hermann als Befehl an seine Schergen ausgegebene und den Gegnern angelastete Massenschändung eines germanischen Mädchens.

Die Hally-Szene, die hier darin gipfelt, die zersägte Jungfrau als sozusagen fachmännisch aufgebrochene Jagdtrophäe in fünfzehn Einfriersackerln den ebenso vielen Stämmen zu übermitteln – ein Anblick, der je nach Betrachtung von freiwillig gewählter oder unfreiwilliger Komik ist, während Kušej den Ventidius‘schen Bärenfraß deutlich dezenter andeutet, ist im lichtlosen Zwinger ja nichts zu erkennen, dafür umso mehr zu erahnen. Thusnelda wurde von Hermann zu dieser hasserfüllten Handlung heißgemacht, der Bärendienst einer Barbarin, und Kušej lässt, wie im Fall Hally, keinen Zweifel daran, dass der Brief, in dem Thusneldas römischer Lover seiner Kaiserin Livia deren Goldhaar als Kriegsbeute verspricht, vom Cherusker-Fürsten fingiert ist.

Wie gesagt, Bibiana Beglau macht die manipulierte Rachsüchtige, erst mit Ventidius halbnackt-erotisch vom rohen Auerochsenfleisch fressend, dann hundehechelnd zu Hermanns Füßen, wenig später sich blöd-begeistert mit Varus‘ Goldgeschenken behängend, der Dressurakt von Weib zu Weibchen zu wildem Tier frühzeitig vollzogen, vorweggenommen, Effekt im Eimer. Wobei von der von Kušej angekündigten einzigen Humanistin weit und breit von Anfang an keine Spur ist, und er letztlich auch ihr entsetzliches Ehedrama verschenkt. Stattdessen spielt die Beglau eine an die Schmerzgrenze gehende Stupidität. „Schau mal!“, schreit dieser Blondinenwitz auf Beinen den Hermann an, damit er sieht, wie sich seine Landpomeranze, in Highheels stöckelnd, mit grellblauen Augen-Makeup, ihr zerzaustes Haarnest als Römerinnen-Style ausgebend, für den Besuch der Besatzer zurechtgemacht hat.

Der römische Schreiber Scäpio findet im Wald ein ausgewaidetes Frauenopfer: Stefan Wieland und Valerie Martin. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Gipfeltreffen: Scheumann, Wieland, Falk Rockstroh als Varus, Böhlefeld, Wolfram Rupperti als Aristan und Till Firit als Septimius. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fackelzug in Gauleitergelb: Dietmar König als Egbert, Scheumann, Paul Wolff-Plotegg als Eginhardt und Max Gindorff als gemeuchelter Bote. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die österreichischen Sueven bei Bratwürstl und 16er-Blech: Marcel Heuperman als Attarin, Rainer Galke als Marbod und Robert Reinagl als Komar. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Markus Scheumann hingegen ist als Hermann ein intellektueller, listenreicher, vornehmlich jedoch leiser Intrigant, der fast unmerkbar fein Freund und Feind verhöhnt, und der vor der Pause vorwiegend so agiert, als ginge ihn das alles nichts an. Mit moralinsaurer Miene ordnet dieser Teflonmann die ärgsten Monstrositäten an, motiviert andere eiskalt zu Meuchelmorden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das alles nicht in seinem Interesse geschehe – umso abscheulicher die Verwandlung im zweiten Teil, wenn er Gift und Galle spuckend mit den dumben, deutschen Ochsen abrechnet, die seine Intentionen nicht begreifen können, Scheumanns Hermann nun mutiert zum rechtsnationalen Demagogen, vom völkischen Beobachter zum Gewaltherrscher.

Als sein Kontrahent Varus bleibt Falk Rockstroh so blass, als hätte er sich bereits mittels des eigenen Schwertes entleibt, der Rest, Paul Wolff-Plottegg, Dietmar König, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Till Firit, Wolfram Rupperti, Arthur Klemt …, verkörpert Diverse und dies durchwegs unauffällig. Zur Kennzeichnung der allesamt Anzugträger sind die germanischen Haudraufs barfuß, die römischen Politfunktionäre in schicken Schuhen unterwegs. Die Sueven, Rainer Galke, Marcel Heuperman und Robert Reinagl, trinken zu ihren Würsteln Ottakringer aus der Dose, einige Sätze der Römer sind in ein Küchenlatein übertragen, durch welches holpernd sich nur Bardo Böhlefeld als Ventidius mit leicht italienischem Idiom tapfer schlägt.

Es war von Kušej vorab vermeldet, er werde „Die Hermannsschlacht“ zur politischen Positionierung des Burgtheaters benutzen, ergo geschieht der Hinterhalt gegen Varus als Fackelzug in gauleitergelben Langmänteln samt Fasces-Armbinden. Unter der Montur sind die Germanen nackt, so wie die Jünglinge, die das Ringelspiel hereinrollt – ob das als Seitenhieb auf SS-Homosexualitäten zu interpretieren sein soll, bleibt einem selbst überlassen. Und das Resultat – fad: Kleists Splatterorgie kommt in Kušejs langatmiger Auslegung nur bedingt zu ihrem Recht. Zwar gelingen Zehetgruber starke, mitunter giftgrüne oder schwefelgelbe Nebelbilder, zwar dröhnt die Musik von Bert Wrede äußerst unheilvoll zu den – no na – Blackouts, doch insgesamt kommt die Angelegenheit nicht in die Gänge. Warum nur wurden die Darsteller dazu angehalten, derart zu unterspielen?

Als Schlussbild jedenfalls stehen die geeinten Mannen als Burschenschafter im Festwichs und mit glänzenden Stiefeln da, Thusnelda nun ein BDM-Gretchen in grau-biederem Kostüm, und rufen ihrem Hermann „Heil!“. Die Grußbotschaft verstanden? Aber ja!

www.burgtheater.at

TV-TIPP: ORF III zeigt am 1. Dezember, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung der Inszenierung „Die Hermannsschlacht“: tv.orf.at/program/orf3

  1. 11. 2019

Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

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  1. 9. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Burgtheater: Schöne Bescherungen

Dezember 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Früher war mehr Lametta

Die Familie beäugt den unbekannten Gast: Falk Rockstroh, Maria Happel, Marie-Luise Stockinger, Michael Maertens, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist das eigene Weihnachtsdesaster überstanden, kann man sich getrost anderer Leute Katastrophen zuwenden. Am Christtag gab’s am Burgtheater wieder „Schöne Bescherungen“, und das eben noch von Baum, Punsch und Päckchen bedrängte Publikum amüsierte sich prächtig. Alan Ayckbourns Komödie ist ja für die Heilige Nacht das, was „Dinner For One“ für Silvester ist, jeder hat es schon einmal gesehen, dieses Stück, in dem eine Familienfeier vollständig außer Kontrolle gerät.

In dem von Saufen, Streiten, Schreien, von schäbig gewordenen Ehen über den schießwütigen Onkel bis zum Sex unter der Nordmanntanne nichts fehlt, was das Fest der Liebe in eines der Hiebe verwandeln kann. Und weil Schadenfreude die schönste ist, und jeder, wenn auch wohl weniger drastisch, Situationen, wie die vorgeführten kennt, ist „Schöne Bescherungen“ bereits seit fast vierzig Jahren der Hit der Dezemberspielpläne – an der Burg nun von Barbara Frey und einer Top-Besetzung umgesetzt. Die hauptberufliche Intendantin des Schauspielhauses Zürich, das weiß man von ihren Oscar-Wilde- oder Eugène-Labiche-Arbeiten am Haus, bringt ihre Komödieninszenierungen auf eine ihr typische Betriebstemperatur.

Diesmal liegt diese, so es einen Vergleich zu wählen gilt, im Bereich der Hoppenstedts, heißt: Frey setzt auf den absurden Humor von Alltagsmomenten, und bis auf ein, zwei Szenen mehr auf Sprachwitz, denn auf Slapstick. Was nicht bedeutet, dass auf aufgeladene Atmosphäre, Outrage und Eskalation verzichtet wird. Aber Frey fühlt mit den Figuren und deren Festtagsstress, und das Ensemble versteht es, aus den Rollen tragikomische, dennoch wahrhaftige Gestalten zu formen. Nicht die Art von gehässigen Karikaturen, die man in bissigeren Aufführungen schon gesehen hat. Beispiel: Selbst als Onkel Harvey auf den vermeintlichen Geschenkedieb Clive geschossen hat, drückt ihm die angeheiratete Nichte Belinda noch liebevoll tröstend ein Küsschen auf die Stirn.

Bereit zum Puppenspiel: Katharina Lorenz als Belinda, Nicholas Ofczarek als Neville und Michael Maertens als Bernard. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Köchin am Ende ihrer Kraft: Maria Happel spielt Phyllis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Weihnachtsmann spricht über seine Gefühle zu Rachel: Marie-Luise Stockinger als Pattie, Dörte Lyssewski als Rachel und Fabian Krüger als Clive. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Alles atmet hier Mittelstand, und dafür hat Bettina Meyer ein Bühnenbild entworfen, ein Kleinbürgerhaus, mit unten Wohn-, Esszimmer, Küche, oben eine angedeutete Galerie, die zu den Schlafzimmern führt, in dem vom leergefutterten Adventskalender bis zum Leuchtstern im Fenster auf kein Detail vergessen wurde, der Christbaum natürlich zu hoch und ergo schief und mit abgeknickter Spitze. Ins Bild passen die Kostüme von Esther Geremus, von großgemusterter Herrenstrickweste bis spießigem Faltenrock, von Pullover mit Weihnachtsmotiv bis zum herzallerliebsten Erwachsenenstrampler, in dem Hausherr Neville zu Bett zu gehen pflegt.

Den spielt Nicholas Ofczarek mit Schnauzbart und Mut zum Bauch als bedächtigen Tüftler an diversem kaputten Kinderspielzeug, dem der stets umgeschnallte Werkzeuggürtel näher ist, als die Ehefrau. Ofcareks Neville ist immer um Beruhigung der Lage bemüht, doch als er dann schließlich in die Luft geht … ist das eine schöne Charakterstudie des ganz normalen Familienvaterwahnsinns. Eine solche gelingt auch Katharina Lorenz als seiner besseren Hälfte Belinda, die changierend zwischen Ärger, Ungeduld und Leidensmiene die Verwandtschaft erträgt.

Feinkost bieten ebenso die anderen Darsteller: Maria Happel gestaltet mit Nevilles Schwester Phyllis die Alkoholikerin, deren beständige Küchenunfälle zwar für Lacher sorgen, von der aber auch klar wird, wie sehr der seidene Faden, der ihre Lebensunfähigkeit hält, an ihrem Mann Bernard hängt. Den spielt Michael Maertens mit so sympathischer Subordination, dass ihm die volle Anteilnahme der Zuschauer gilt. Maertens gibt den Kauz, wie man’s von ihm kennt und liebt, immer beflissen, dennoch indigniert, weil keiner seine Bemühungen zu schätzen weiß, und aufbrausend, wenn es nicht nach seinem Kopf geht.

Und selbstverständlich gehört ihm mit seinem nervtötenden Marionettenspiel samt fiepsenden Klorollenschweinchen der Höhepunkt des Abends. Tino Hillebrand und Marie-Luise Stockinger sind als Eddie und hochschwangere Ehefrau Pattie zu sehen, er ein Loser und Durchlavierer, sie deswegen im permanenten Ausrastmodus. Falk Rockstroh spielt den reizbaren Onkel Harvey, Dörte Lyssewski Belindas Schwester Rachel als überreifen Hippie mit Hang zur Theatralik. Sie ist es, die den Schriftsteller Clive, Fabian Krüger, eingeladen hat, der von den Ereignissen im Weiteren überrollt wird.

Onkel Harvey begutachtet die Geschenke, Neville tüfelt am Teddybären: Falk Rockstroh, Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz als Belinda und Tino Hillebrand als Eddie. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frey hat fein gearbeitet. Wunderbar etwa, wenn Lorenz‘ Belinda Krügers Clive zwar ein leidenschaftliches „Ich will dich“ zuwirft, sich dann zum Sex aber hausmütterchenmäßig stocksteif auf den Boden legt. Oder die Szene, in der der für die Kinder als Weihnachtsmann verkleidete Clive versucht, Rachel seine Gefühle zu offenbaren, wobei ihm nicht nur der weiße Bart, sondern auch beider Verklemmtheit im Weg ist. Oder, wenn Eddie seine Pattie nach einem neuerlichen Wortgefecht als „Zuckermäuschen“ in die Arme schließt. Das ist Leben, wie es so spielt. Manchmal zum Schenkelklopfen, viel öfter aber zum leis‘-verzweifelt Schmunzeln.

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  1. 12. 2018