Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra

Mai 14, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auf der Suche nach Unsterblichkeit

Die sonderbare Buchhandlung des Mr Penumbra von Robin SloanMr. Penumbras Buchhandlung in San Francisco hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Doch Kunden sind selten, gibt es doch wenig Literarisches zu erstehen. Und die seltenen, seltsamen Personen, die sich in das verstaubte Geschäft verirren, wollen bloß das eine: Sie leihen sich alte Codices aus. Drei Stockwerke hohe Regale beherbergen riesige Folianten, die keine Texte beinhalten, sondern nur ellenlange Reihen aus Buchstaben.
Drei Mitarbeiter teilen sich die 8-Stunden-Schichten, einer von ihnen ist Clay Jannon. Die Rezession hat ihn seinen Job als Webdesigner gekostet, und so meldet er sich auf eine Stellenanzeige hin bei Mr. Penumbra, einen etwas schrulligen älteren Herrn. Mit Büchern hat Clay wenig am Hut. Er ist kein typischer Bücherfreak, sondern ein erfolgloser Computernerd, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Aber ein Job ist ein Job. Er übernimmt die Nachtschicht, und bald wird ihm klar, dass im Buchladen irgendetwas nicht stimmt: Denn die Buchhandlung des Mr. Penumbra ist bloße Fassade, hinter der eine Geheimgesellschaft von Lesern verkehrt. Und langsam beginnt auch Clay der Faszination der Bücher und seiner Geheimnisse zu erliegen. Mit der Unterstützung anderer Nerds, seiner Freundin Kat, einer rationalen Mitarbeiterin von Google und seines ältesten Kumpels Neel, Experte für die 3D-Animation von Brüsten in Computerspielen, und natürlich mit Mr. Penumbra selbst, macht er sich daran, dieses Geheimnis zu lüften. Ein Geheimnis, das bis in die Anfangszeiten des Buchdrucks zurückreicht, in den Codex Vitae des Buchdruckers Aldus Manutius zu suchen ist, der den Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit zu verbergen scheint.
Robin Sloan entführt den Leser in eine vertraute und trotzdem mitreißend andersartige Welt mitten im Alltag. Der Erstling des 1979 geborenen US-Autors ist eine moderne Abenteuergeschichte, Krimi und Satire zugleich. Er bewegt sich im Sog aus Google, E-Books, Computerspielen, Raubkopien, Open Access und Leistungsschutzrecht, frei zugänglicher und teuer lizenzierter Software, gigantischer Digitalisierungsvorhaben, aber auch in der faszinierenden Welt alter Buchdruckkunst und besonderer Schriftzeichen.
Um das Geheimnis zu entschlüsseln landen Clay und seine Freunde schließlich in den tiefsten Gewölben der Gemeinschaft des „Ungebrochenen Buchrückens“ in New York, modernste Technologien sollen bei der Lösung des Rätsels helfen.
Am Schluss müssen die Beteiligten erkennen, dass sie Teil eines großen Spiels waren, und es bleibt die Erkenntnis: auch High-Tech stößt an seine Grenzen. Sloan hat ein leises Buch und eine moderne Liebeserklärung an Bücher, Worte und Buchstaben geschrieben. Und die Lösung des Geheimnisses? Es gibt zwar keine Unsterblichkeit, aber dafür ist Freundschaft ein umso wichtigeres Gut, dass die Jahrhunderte überdauert.

Über den Autor:
Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren und hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert. Er hat für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet und schreibt gerade an einem neuen Roman. Er lebt in San Francisco.

Blessing, Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“, 352 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Ruth Keen.

www.randomhouse.de/blessing

Wien, 14. 5. 2014

Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014