Theater an der Wien streamt: Thaïs

April 21, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Konwitschnys Neudeutung ohne Keuschheitskitsch

Bühne frei für den Star der Show: Roberto Saccà als Nicias, Nicole Chevalier als Thaïs und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Zeitgemäße Bilder für zeitlose Opernstoffe zu entwickeln, das ist bekanntermaßen die Domäne von Peter Konwitschny. Immer wieder gelingt es ihm, am Theater an der Wien zuletzt 2017 für Werner Egks „Peer Gynt“, dramatische Überhöhungen zu erden, und für des Menschen Liebe, Leid und Lust aktuelle Analogien zu finden. Das ist mitunter provokant, immer aber werktreu. Auch bei seiner jüngsten Regiearbeit am Theater an der Wien, Jules Massenets selten gespielter

Comédie lyrique „Thaïs“, wieder mit Leo Hussain am Pult, glückt Konwitschny die Übersetzung ins Heute. Kein einfaches Unterfangen beim Inhalt: asketischer Mönch will teuerste Kurtisane von Alexandria bekehren, ist erst angeekelt, dann erfüllt vom Errettungsgedanken, schleift sie Richtung Nonnenkloster kreuz und quer durch die Wüste, sie stirbt, er erkennt seine Liebe, aber wie gesagt: sie stirbt.

Sonntag war die Corona-bedingte Premiere auf ORF III, nun ist die Inszenierung via TVthek.ORF.at und myfidelio.at abzurufen, und Konwitschny kann’s bildgewaltig bei gleichzeitiger Abspeckung vom Schwulst. Und siehe, die Story von der Hetäre, die zur Heiligen wird, passt beinah 130 Jahre nach ihrer Entstehung wie die Faust aufs Aug‘ zur Radikalität jetziger Tage. Fast scheint’s als ließe Konwitschny auf der Opernbühne einen Glaubenskampf austragen, die religiösen Fanatiker gegen die Konsumextremisten.

Wie sie die Hände in die Höh‘ reißen, die Zönobiten in der Ödnis, wenn sie von der Dämonin singen, ein spaßbefreiter, lustloser Orden. Zumindest bis dahin, da den erhabenen Herren der Schöpfung die Kutte zu eng wird, ob eines Erotikalbtraums, in dem Teufelsweib Thaïs direkt der Unterwelt entsteigt, um die Männer mittels Kopfschusses hinzurichten. Heiß sind sie nun alle auf den Heiligen Krieg gegen die Sünderin und ihre Spießgesellen – und es ist genau dieser Mix aus Angst und Affekt, der seit der Entthronung der Muttergöttinnen zu Unterdrückung, Ungleichbehandlung, Hexenjagden führt.

Flirrend leicht ist das alles musiziert, das Werk bei Leo Hussain und dem Radio-Symphonieorchester Wien bestens aufgehoben. Die großen Striche, Konwitschny lässt für „Thaïs“ knapp zwei Stunden gelten, die Straffung verleiht der Partitur Charakter, und Hussain bemüht sich um fein gestaltete Dynamik. Er dirigiert einen SängerInnen-freundlichen Massenet, der trotz des Thaïs-üblichen Sentiments durchaus Ecken und Kanten hat. Das RSO, im Verein mit dem stets fabelhaften Arnold Schoenberg Chor, hat seinen Blick zur Gegenwart des Werks gewandt, und vermeidet den verklärten in die Aufführungstraditionen der Vergangenheit.

Nicole Chevalier als Thaïs. Bild: © Werner Kmetitsch

Samuel Wegleitner als Amor. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier und Josef Wagner als Athanaël. Bild: © Werner Kmetitsch

Als Motto mag gelten: Glamour ja, Klimbim nein. Konwitschny hat, „um den vermeintlichen Kitsch zu attackieren“, wie er im Programmheft sagt, wo unbedingt sein Text „Thaïs für Fortgeschrittene“ nachzulesen ist, alle Darstellerinnen und Darsteller mit Flügeln versehen lassen (Ausstatter: Johannes Leiacker). Deren Farbe und Größe macht die gesellschaftliche Stellung klar. Die schwarzen in XL kennzeichnen Athanaël auf seinem Kreuzzug ins ungelobte Land, den Josef Wagner mit sonorer Stimme, sehr apart an seinem Auftrag leidend und mit selbstgerechter Strenge gibt.

Allein der Satz „Ich hasse dich für dein Wissen und deine Schönheit“, nicht Thaïs, sondern Alexandria, siehe: Bibliothek von …, sagt alles aus über Engstirnigkeit. Ist es überzogen, wenn man an die 100.000 verbrannten Bücher von Mosul, Nimrud, Hatra oder Palmyra denkt? Wie in den eines heidnischen Gottes tritt Athanaël in den „Konsumtempel“ seines Jugendfreunds Nicias, der tadellose Tenor Roberto Saccà, ein Nachtclub offenbar, muss sich dort auslachen, verspotten und von dessen neckisch Bordsteinschwalben, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale, necken lassen.

Wie hübsch er sei, singen sie, während sie ihm unter den Kittel wollen. Eindeutig greift Konwitschny hier auf den 1890 erschienenen Skandalroman von Anatole France und dessen antiklerikale, satirische Elemente zurück, und wie für Victoria’s Secret Engel öffnet sich ein Laufsteg für ein paar Leichtgeschürzte, deren letzte, die Raubkatze auf dem Catwalk, Thaïs ist. Mit glutroten Federboa-Flügeln: Sopranistin Nicole Chevalier, elegant, kultiviert und dennoch vor Leidenschaft lodernd. Schnell zieht sie eine Line, bevor sie und Nicias medienwirksam ihre Trennung bekannt geben.

Ein Kamerateam umschwirrt die Thaïs, das Mikrophon über ihrem Kopf gleich einem Damoklesschwert, dies der Preis für jegliche Sensationspresse-Berühmtheit. Der traurige Wahn, den sie Athanaël vorwirft, von dem ist sie punkto Jugendwahn selbst umzingelt. Die boshafte Jeunesse dorée begibt sich auf Selfie-Hatz nach dem Sonderling, der aber ist, als ob’s keine Todsünde wär‘, ein jähzorniger Gotteskrieger. Thaïs beklagt – Spiegelarie! – im stillen Kämmerlein ihr Dasein in der Welt des schönen Scheins und ihre Panik vorm Älterwerden, da packt sie der Mönch mit dem Spruch vom ewigen Leben, da beißt sie an.

Josef Wagner, Günes Gürle als Palémon und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Josef Wagner, Roberto Saccà, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier, Josef Wagner und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Am Ende ihres Weges angelangt: Nicole Chevalier und Josef Wagner. Bild: © Werner Kmetitsch

Athanaël landet in der Sinne Streit zwischen ihren Schenkeln, aber ihr Antlitz soll sie verbergen, das hat der Feminist und versierte Beziehungsanalytiker Konwitschny mit Finesse inszeniert. Athanaël wird buchstäblich zum Todesengel, als er Thaïs‘ kleinen Amor zerstört, hier Sängerknabe Samuel Wegleitner mit rotem Hahnenkamm – und welchen Effekt das macht, wenn statt Nippes zerbrochen, ein Kind „erschossen“ wird.

Das sind Szenen, die bleiben. Leiackers leere Bühne gibt den spiel- und sangesstarken Protagonisten Raum für die überbordenden Emotionen ihrer Figuren. Sie sieht in Amor die reine Liebe, er allein hat die lasterhaften Gedanken, droht schon wieder: Ich schließe dich in eine enge Zelle ein, er nimmt sie mit vorgehaltener Waffe als Geisel seines Gottes. Es kommt der Moment, da Thaïs, Athanaël und Nicias zu dritt auf dem Sofa sitzen, und sie schließlich, von den Männern und deren Hahnenkampf bedrängt, beide wegstößt, abschüttelt, lacht oder weint sie im Irrwitz der Situation? Dabei hätt‘ Thaïs bleiben sollen, aber nein: … Méditation!

„Man kann den Figuren ab da beim Menschwerden zuschauen“, sagte die Chevalier bei den Proben. Die Flügel sind nun ab, die Sache mit dem Kult hie wie da gegessen. Beinah noch gibt es ein Pogrom gegen den frommen Pilger, der an dieser Stelle – pardon! – als der Bösewicht gelesen wird. Aber eben: Pistole – und ab geht’s ins schwarze, von wegen Metapher mit Geldscheinen zugemüllte Nichts. Die durch die Hölle gehen, bis in den güldenen High Heels die Füße bluten.

Dass Thaïs am Ende in ebender Versenkung verschwindet, aus der sie zu Beginn emporgestiegen ist, mag man als Konwitschnys Absage an alle Ismen deuten, seien sie religiöser, politischer oder kapitalistischer Unnatur. Die „Thaïs“ aus dem Theater an der Wien jedenfalls ist eine intensive Produktion, der eine Wiederauferstehung auf der Bühne zu wünschen ist. Bis dahin … via Bildschirm!

Die Inszenierung ist bis 24. April via TVthek.ORF.at und ab sofort auch auf der Klassik-Streaming-Plattform myfidelio.at als Video on demand abzurufen.

www.theater-wien.at          tvthek.orf.at           www.myfidelio.at/massenet-thais-theater-an-der-wien            Trailer: www.facebook.com/TheateranderWien/videos/243681014114713

  1. 4. 2021

Opéra National de Paris: Calixto Bieitos „Carmen“ online

Mai 1, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Produktion kommt 2020/21 an die Staatsoper

Bild: © Vincent Pontet / OnP

Nicht nur die Wiener Staatsoper bietet derzeit Highlights aus dem Programm auf www.staatsoperlive.com zum kostenlosen Stream an, auch die Opéra National de Paris. Bis 3. Mai ist auf www.operadeparis.fr/magazine/carmen-replay die „Carmen“-Inszenierung von Regisseur Calixto Bieito zu sehen, die der designierte Staatsoperndirektor Bogdan Roščić zu Ostern 2021 nach Wien bringen will.

Am Pult Bertrand de Billy, es singen die Carmen – Elīna Garanča, den Don José – Roberto Alagna, die Micaëla – Maria Agresta und den Escamillo – Roberto Tagliavini. Mehr zu den Progamm-Plänen von Bogdan Roščić: www.mottingers-meinung.at/?p=39764           www.wiener-staatsoper.at

Bild: © Vincent Pontet / OnP

Bild: © Emilie Brouchon / OnP

Carmen-Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=47&v=zc-IOfWZhsU&feature=emb_logo           www.youtube.com/watch?v=t8kT9bS1R78           www.youtube.com/watch?v=wwXfJjqW_A4           www.youtube.com/watch?v=ROYGZort6oo            www.youtube.com/watch?v=DN5I7e9KtkQ           www.operadeparis.fr/magazine/souvenirs-de-scene-santoni

Calixto Bieito im Gespräch (fr/en): www.operadeparis.fr/magazine/liberer-carmen          www.operadeparis.fr/en/magazine/freeing-carmen           Die komplette Oper: www.operadeparis.fr/magazine/carmen-replay

1. 5. 2020

netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019

Roberto Bolaño: Mörderische Huren

November 14, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Abgründe der menschlichen Seele

Bolano_978-3-446-2459-8_MR.inddRoberto Bolaño hat mit seinen Romanen und Erzählungen für viele die Weltliteratur, mit Sicherheit die lateinamerikanische, verändert. Er erzählt dem Leser auf die eine oder andere Weise von einer aus den Fugen geratenen Welt und ihren Protagonisten, die auf der Suche sind, auch nach sich selbst. Er scheute sich nicht sich in die Bereiche des Traums und des Todes hineinzuwagen, wie die Erzählungen „Mörderische Huren“, zwei Jahre vor seinem frühen Tod im Juli 2003 erschienen, beweisen. Schon der Titel lässt erahnen, in welchem Milieu einige der insgesamt 13 Erzählungen (die 7. gibt dem Buch seinen Namen) spielen. Doch es sind nur vordergründig die Huren, um die es geht. Bolaño besucht und beschreibt detailliert die Abgründe des Lebens der Gesellschaft und der Menschen – akribisch wie ein Detektiv, der er gerne geworden wäre, wie er in einem Interview gestand.

Wie andere Bolaño-Bücher zuvor, handeln viele der Geschichten von einem Mann – Arturo Belano –, der sein Alter Ego sein könnte. Dieser beschreibt sein (Bolaños) rastloses Leben durch die Welt nach der Flucht aus dem „Militärgefängnis“ Chile nach dem Putsch 1973. In den meisten Erzählungen trifft er oder der Ich-Erzähler auf Exil-Chilenen, die mehr recht als schlecht durchs Leben taumeln, entwurzelt, vertrieben. Alte Geister holen sie immer wieder ein, etwa ein Treffen mit dem verstorbenen Dichter Enrique Linh. Die Geschichten beginnen meist abrupt, als wären sie aus dem großen Fluss der Zeit entnommen, und so enden sie auch. Der große chilenische Erzähler zeichnet die Lebenslinien von Menschen nach, die auf der Flucht sind: vor Armut und Gewalt, vor allem aber vor sich selbst. Wo auch immer seine Figuren in der Welt landen, sie tragen die Zeichen ihrer Verstörung mit sich. Doch ohne die Verstörung wäre nichts Menschliches, denn „die Welt ist lebendig und nichts Lebendiges hat eine Lösung und das ist unser Glück.“ Sie sind melancholisch, ihr Leben tragisch. Die Hoffnung ist ein zarte Pflänzchen, das meist schon verwelkt ist.
Neben den verstörenden Erzählungen, in denen Bolaño nicht mit Zivilisationskritik spart, gibt es aber auch Stories, die den feinen Humor des Autors erkennen lassen. „Buba“ ist die Geschichte eines chilenischen Fußballers, der vom FC Barcelona engagiert wird, verletzungsbedingt aber eine Zeitlang ausfällt, und erst dank eines afrikanischen Teamkollegen, Buba, wieder zum Erfolg zurückfindet – für ein paar Tropfen Blut. Noch Jahre später, Buba ist schon lange tot, rätseln er und ein ehemaliger Stürmerkollege, über den Grund ihres plötzlichen Erfolges. War vielleicht schwarze Magie im Spiel?
In „Die Wiederkehr“ stirbt in Paris in einem Nachtclub ein Mann an einem Herzinfarkt. Sein Geist, der aus dem Körper austritt, wandelt trotzdem weiter auf irdischen Gefilden, folgt seinem Körper in die Leichenhalle, um schließlich bei einem berühmten nekrophilen französischen Stardesigner zu landen und diesen fast in den Wahnsinn zu treiben.

Die letzte Erzählung des Buches „Begegnung mit Enrique Lihn“ erzählt von seinem Traum anno 1999, in dem er den 1988 verstorbenen chilenischen Autor Enrique Linh trifft, mit dem er eine kurze, aber intensive Brieffreundschaft Anfang der 80er Jahre pflegte. Er gedenkt dabei auch den sechs „literarischen Tigern“, zu denen Bolaño sich zählte, von denen die meisten jedoch bereits tot sind. Die kurze Geschichte liest sich wie eine Vorwegnahme seines eigenen Todes, und dass er sich selbst schon bald in diesem Kreis der Toten befinden wird. „Lihn sagte, die Tiger hätten sich erledigt, und: es war schön, solange es gedauert hat, und: du magst es vielleicht nicht glauben, Bolaño, aber in diesem Viertel gehen nur die Toten spazieren. Und da hatten wir zwei die Bar durchquert und schauten durch ein Fenster auf die Straßen und Fassaden dieses merkwürdigen Viertels, in dem nur die Toten herumspazierten.“ „Mörderische Huren“ erschien in der spanischen Originalfassung 2001, zwei Jahr später starb Bolaño.

Über den Autor:
Roberto Bolaño wurde 1953 in Chile geboren. In seiner Kindheit reiste er wegen der häufigen Umzüge seiner Eltern kreuz und quer durch Chile. Mit 13 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Mexiko-City, wo er seine Jugend verbrachte. Mit dem mexikanischen Dichter Mario Santiago gründete er die avantgardistische Gruppe der Infrarealisten, die gegen den etablierten Literaturbetrieb rebellierten.
1973 kehrte er nach Chile zurück, um am Aufbruch unter dem sozialistischen Präsidenten Salvador Allende teilzuhaben. Nach dem Militärputsch unter General Pinochet im selben Jahr wurde er acht Tage lang gefangen gehalten, bevor er mit Hilfe von Freunden das Land verlassen konnte. Er ging ins Exil nach Mexiko und schließlich 1976 nach Spanien. 2003 starb er in Barcelona an Hepatitis. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise, darunter den National Book Critics Circle Award für die amerikanische Ausgabe seines Romans „2666“. Bei Hanser erschienen zuletzt die Romane „2666“ (2009), „Lumpenroman“ (2010), „Das Dritte Reich“ (2011) und „Die Nöte des wahren Polizisten“ (2013).

Hanser, Roberto Bolaño: „Mörderische Huren“, Erzählungen, 224 Seiten. Aus dem Spanischen von Christian Hansen

www.hanser.de

Wien, 14. 11. 2014

Viva la libertà

April 7, 2014 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Philosophische Verrückte sind die besseren Politiker

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph Bild: Arsenal

Toni Servillo mal Zwei: als Politiker und als Philosoph
Bild: Arsenal

Als er in Paolo Sorrentinos „Il Divo“ als Andreotti eine dunklere Version der italienischen Politposse spielte, wünschte man sich zärtlich die Verbalschlachten zwischen dem Parteichef der Democrazia Cristiana und seinem fanatischen Lieblingsverfolger Dario Fo zurück www.youtube.com/watch?v=WkO5caIurbA . Nun ist Toni Servillo wieder als Politiker zu sehen. In Roberto Andòs‘ Satire „Viva la Libertà“ (der hier seinen eigenen Roman „Il truono vuoto“ – „Der leere Thron“ verfilmt hat) spielt er den Leiter der italienischen Opposition, der – pardon! – von seinem Job die Schnauze voll hat. Und über Nacht verschwindet. Nach Frankreich. Motto: Lieber ein gut gedeckter Tisch als ewig aussichtlichslos am Verhandlungstisch. Nicht nur die Presse, auch die eigenen Reihen haben sich auf ihn schon eingeschossen, also, ins Auto und Arrivederci! Der Spin Doctor rotiert – bis die Medien den Verschwundenen doch wieder auftun. Allerdings: Es ist sein Zwillingsbruder. Philosoph und irgendwie auch gerade aus der Pychiatrie entlassen … Aber das Gesicht, die Ähnlichkeit … nur nicht in den gesellschaftlichen Anschauungen …

Gut, der Plot ist nicht neu. Es gab „Dave“ mit Kevin Kline oder „Der Diktator“ mit Sacha Baron Cohen. Aber angesichts der Tatsache, dass in Italien gerade der vierte Regierungschef innerhalb von drei Jahren sein Amt antrat, besser gesagt: Matteo Renzi kürzlich Enrico Letta aufgelöst hat (Italien ist das Paradebeispiel dafür, dass ein Land auch ohne Politiker funktioniert. Sie wechseln schneller als mancher Mann die Unterhosen. – Dario Fo), hat  Andòs‘ Film jede Berechtigung. Und er ist ausgezeichnet noch dazu. Nicht zuletzt dank Toni Servillo. Der wechselt die Rollen, als wäre er eine gespaltene Persönlichkeit. Zwillingsgaga Giovanni gehört zur gutmütigen Weltverbessererart. Er rüttelt die Bürger mit Brandreden wach und bringt die Massen auf der Piazza – wo sich der gebürtige Italiener zum Glück für die Demokratie ja gern einfindet – mit einem Brecht-Gedicht zum Jubeln, er steht kurz davor, die Parlamentswahlen zu gewinnen. Er ist durch den Schein der Macht nicht zu verführen. Er ist ganz Sein. Enrico wiederum entdeckt in Paris seine Jugendliebe Danielle (Valeria Bruni-Tedeschi, die bei den Wiener Festwochen 2011 in der wunderbaren „Traum im Herbst“-Inszenierung – ein Stück von Jon Fosse mit im Museumsquartier nachgebautem Louvre – von Regiemeister Patrice Chéreau zu sehen war).

Natürlich arbeitet der Film mit den üblichen Klischees. Enricos Ehefrau erkennt die Wahrheit, Enricos persönlicher Assistent auch. Und so kommt die Realität, wie sie kommen muss. Man sollte, um sich das Träumen zu bewahren, vorher das Kino verlassen. Den Roberto Andòs und sein Hauptdoppeldarsteller Toni Servillo laden zum Träumen ein. Warum soll nicht einmal ein Feuerkopf die Welt wärmen, wenn kalte Herzen sie doch nur erfrieren lassen? Ein schöner Film.

www.viva-derfilm.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=fbfVHWdyqd4

Wien, 7. 4. 2014